Ravel - Impressionismus in der Musik

  • Das ist teils aber nur eine anders gewendete Beschreibung derselben Punkte, die Karl und Holger als positiv herausstellen, wie Farbigkeit etc. Und mit "Meisterwerke auf ihre Weise" konzediert das Adorno ja ebenfalls. Es ist vielleicht auch bemerkenswert, dass beide Quartette relativ früh im Schaffen der Komponisten entstanden und Einzelstücke geblieben sind. Die spätere Kammermusik beider scheint mir auch wieder stärker "strukturbetont" und weniger "koloristisch" (wobei es insgesamt halt so wenige Werke sind, dass es schwerfällt, klare Tendenzen auszumachen). Es besteht hier ja auch kein notwendiger Widerspruch. Etwas später hat etwa Bartok eine ganze Reihe von Spiel- und Klangtechniken entweder erst ins Quartett eingeführt oder doch in vorher kaum geahnter Weise verwendet, obwohl man seine Quartette kaum als hauptsächlich koloristisch charakterisieren würde.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ja, natürlich! Adorno kommt in seinem Urteil über die Streichquartette ganz von seinem Idol Schönberg her und dessen Konzept der „entwickelnden Variation“, die er bei Ravel und Debussy vermisst.
    Übrigens zu Unrecht, wie ich meine. Es wird darin ja sehr wohl „variiert“, wie man etwa in der Verarbeitung des triolischen und in einen bogenförmigen Fall übergehenden Eingangsthemas im F-Dur-Streichquartett von Ravel auf beeindruckende Weise erleben kann. Nur halt nicht im Schönbergschen Sinn.


    Das Wunderliche bei Adorno ist, dass er sich mehrfach und ausführlich – auch in Vorlesungen, wie ich wohl weiß, da ich ihn als Student ja erlebt habe – über „Farbe in der Musik“ ausgelassen hat und sehr wohl um deren Bedeutung weiß. Aber er spielt halt – wie Nikolaus Urbanek (Was heißt (a)thematische Arbeit? Einige Bemerkungen zu einer zentralen Kategorie der Musikästhetik Theodor W. Adornos) aufgezeigt hat, grundsätzlich „Geist“ gegen „Klang“ aus. „Geist“ ist in der Musik nur vorhanden, wenn darin auf formal-geregelte Weise ein Motiv entwickelt und variiert wird.
    Deshalb war übrigens Paul Bekker mit seinem Beethoven-Buch von 1911 für ihn ein einziges Ärgernis, weil dieser, so wie er das sah, darin Beethovens Musik poetisiert und in ihrem Wesen verkannt habe.

  • Ein gefundener Kommentar zu Adornos String Quartett:


    Theodor Adorno promoted degenerate atonal music to induce mental illness, including necrophilia, on a large scale.

  • Das Wunderliche bei Adorno ist, dass er sich mehrfach und ausführlich – auch in Vorlesungen, wie ich wohl weiß, da ich ihn als Student ja erlebt habe – über „Farbe in der Musik“ ausgelassen hat und sehr wohl um deren Bedeutung weiß. Aber er spielt halt – wie Nikolaus Urbanek (Was heißt (a)thematische Arbeit? Einige Bemerkungen zu einer zentralen Kategorie der Musikästhetik Theodor W. Adornos) aufgezeigt hat, grundsätzlich „Geist“ gegen „Klang“ aus. „Geist“ ist in der Musik nur vorhanden, wenn darin auf formal-geregelte Weise ein Motiv entwickelt und variiert wird.

    Das ist natürlich sicher ein unvergessliches Erlebnis für Dich, lieber Helmut! Das ist sicher ein Aufsatz von Urbanek? Wärest Du so nett, mal den Band zu nennen, wo das publiziert ist? Ich erinnere mich, dass Adorno über das Kontrastprinzip bei Debussy irgendwo schreibt, dass er ähnlich wie die Maler mit Komplementärkontrasten arbeiten, das auch Debussy tut. (Wer das wirklich in den Préludes Heft II so modern herausstellt wie keiner sonst, ist Arturo Benedetti Michelangeli.) Wenn Adorno so denkt, dann ist das sehr Hanslick nah. Da könnte man dann auf Wassily Kandinsky verweisen (mit dem Arnold Schönberg bekanntlich eine hoch interessante Korrespondenz hatte), der "Klang" ganz anders versteht, nämlich als etwas Geistiges.


    Deshalb war übrigens Paul Bekker mit seinem Beethoven-Buch von 1911 für ihn ein einziges Ärgernis, weil dieser, so wie er das sah, darin Beethovens Musik poetisiert und in ihrem Wesen verkannt habe.

    Ich habe mich mit dem Bekker-Buch zuletzt ausführlicher beschäftigt, weil ich ein kleines Essay über Paul Natorp als Musikphilosoph und als Komponist schreibe. Auch Natorp bezieht sich auf das berühmte Beethoven-Buch von Bekker - wie übrigens ebenfalls Bekkers Antipode August Halm (Adorno hatte mal die Idee, die Halm-Schriften komplett herauszugeben - dazu ist es aber nicht gekommen). Interessant ist, dass Halm das Bekker-Buch eigentlich sehr positiv rezipiert - sich zwar als in der Tradition des "Formalismus" von Hanslick stehend an dem hermeneutischen Ansatz Bekkers stört, aber - er war wirklich ein sehr kluger Kopf (und keineswegs einfach ein Hanslick-Adept und Apologet - er geht über Hanslick deutlich hinaus!) - doch sieht, dass Bekker das Formale und Strukturelle bei Beethoven eben nicht einfach zu kurz kommen lässt. Ich nehme an, dass Adorno die Halm-Rezension des Bekker-Buches gelesen hat. :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Wärest Du so nett, mal den Band zu nennen, wo das publiziert ist?


    Aber natürlich! Hier die gewünschten Angaben zu dem Aufsatz von Urbanek:

    Nikolaus Urbanek: Was heißt (a)thematische Arbeit? Einige Bemerkungen zu einer zentralen Kategorie der Musikästhetik Theodor W. Adornos. In: Stefan Keym (Hg.): Motivisch-thematische Arbeit als Inbegriff der Musik, Hildesheim 2015, S. 171-185.