Mozarts Da-Ponte-Opern in deutscher Sprache?

  • Was ist mit "Bruch-Theorie" gemeint?


    Viel besser, als ich da je erklären könnte, kann man das ganz gewiss in den Schriften von Felsensteins damaligem Dramaturgen Götz Friedrich nachlesen.

    So, wie ich Joachim Herz, der mir das vor vielen Jahren erzählte, verstanden habe, geht es darum, ob man der "Zauberflöte" und ihrer Handlung einen unlogischen Bruch unterstellt oder eben nicht. Warum ist die Königin zuerst die Gute und später die Böse, Sarastro zuerst der Böse und später der Gute usw. - und ist das überhaupt so? Felsensteins erste Konzeption hatte die Bruch-Theorie (also die Annahme, dass es im Werk einen solchen Bruch gibt) zur Grundlage, er konnte das aber nicht durchhalten, brach den Versuch ab und inszenierte das Werk etwa ein halbes Jahr später mit einer völlig neuen Konzeption, die nicht mehr von einem Bruch im Stück ausging, von vorne.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Wenn ich hier getätigten politischen, kulturpolitischen oder sonstigen Aussagen nicht widerspreche, bedeuttet dies keine Zustimmung meinerseits zu diesem Aussagen. Für Meinungen bestimmter User habe ich bestenfalls noch einen Smiley übrig. Das Regietheater-Forum habe ich überdies bei mir abgeschaltet.

  • Ja, die sog. "Bruchtheorie" bezieht sich sowohl auf vordergründig inkonsistent gestaltete Charaktere als auch auf den Umstand, dass die Handlung zunächst wie ein Märchen anfängt, dann aber im Reich Sarastros zu einem Einweihungsgeschehen, einer Art Mysterienspiel wird.


    Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, die dafür sprechen, dass die "Bruchtheorie" sich erübrigt hat. Das sind der Oper immanente Indizien als auch kontextuelle Faktoren der Entstehungsgeschichte. Ich habe in den letzten Monaten einige Autoren zur "Zauberflöte" gelesen: Borchmeyer, Assmann, Kunze, Lütteken, Perl und Wycik fallen mir da gerade ins Auge - und alle geben nichts auf den Bruch. Assmann z.B. führt an, dass Untersuchungen an der autographen Partitur ergeben hätten, Mozart habe erwiesenermaßen schon in der ersten Schaffensphase bis über die angenommene Bruchstelle hinausgearbeitet - das lässt sich an den verwendeten Papiersorten wohl be- und die "Bruchtheorie" damit widerlegen.

    Zu den angesprochenen Zeiten Felsensteins war man aber längst noch nicht so weit, in den letzten wenigen Jahrzehnten hat sich da viel in der Musikwissenschaft getan.

  • Schon seit einiger Zeit suche ich Mozarts 3 Da-Ponte-Opern in deutscher Sprache und mit gesprochenen Dialogen zu bekommen, ich bin aber bisher leider noch nicht fündig geworden.


    Der Hintergrund ist der, das eine deutsche Fassung dieser einmaligen Operntrilogie vielen Menschen die Handlung näher bringen würde.

    Außerdem müsste man sich nicht mehr mit dem Textbuch hinsetzen und die Rezitative mitlesen um die Handlung zu verfolgen.

    Hier sind ja schon jene Beispiele genannt worden, die ich auch besitze und die gewisse nostalgische Erinnerungen an meine Jugendzeit hervorrufen. Damals war es ja an den Theatern Standard, dass fremdsprachige Opern in deutscher Übersetzung gegeben wurden. Alfred hat allerdings in seinem Beitrag 8 schon auf die Problematik von Übersetzungen hingewiesen (und ich möchte ihm da zustimmen), insofern macht es mir überhaupt nichts aus, Mozarts Da-Ponte-Opern in der Originalsprache zu hören. Nach über sechzig Jahren des Hörens dieser Werke kenne ich die Texte aber fast auswendig und denke oft den deutschen Text bei italienischem Gesang mit. Eine Angewohnheit, die bei russischen, polnischen oder auch tschechischen Opern niemals gelingen wird. ;)

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    MUSIKWANDERER

  • Nach über sechzig Jahren des Hörens dieser Werke kenne ich die Texte aber fast auswendig und denke oft den deutschen Text bei italienischem Gesang mit.

    Tja, das ist denjenigen, die diese Opern früher häufig deutschsprachig gehört und gesehen haben, ja auch ohne weiteres möglich (mir geht es ebenso, abgesehen von früher zumeist gestrichenen Teilen) - aber denjenigen, die dieses deutschsprachige Erlebnis früher nicht (mehr) hatten, wird das nicht so leicht gelingen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Tja, das ist denjenigen, die diese Opern früher häufig deutschsprachig gehört und gesehen haben, ja auch ohne weiteres möglich (mir geht es ebenso, abgesehen von früher zumeist gestrichenen Teilen) - aber denjenigen, die dieses deutschsprachige Erlebnis früher nicht (mehr) hatten, wird das nicht so leicht gelingen.

    Das ist natürlich richtig und lässt ja auch immer wieder mal die Überlegung hochkommen, ob es nicht besser wäre, zu den früheren Usancen zurückzukehren. Ich glaube aber, dass dieser Zug abgefahren ist, dazu wird es nicht kommen. Bleibt für Ersteinsteiger nur der Opernführer als Informationsquelle oder aber - wie beispielsweise in diesem Thread angesprochen - der Griff hin zu meist in Mono erhältlichen Einspielungen der Bühnenwerke.

    :wacko:

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    MUSIKWANDERER

  • Bleibt für Ersteinsteiger nur der Opernführer als Informationsquelle oder aber - wie beispielsweise in diesem Thread angesprochen - der Griff hin zu meist in Mono erhältlichen Einspielungen der Bühnenwerke.

    Lieber musikwanderer, an diese Einsteiger glaube ich nicht mehr. :(

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Lieber musikwanderer, an diese Einsteiger glaube ich nicht mehr. :(

    Warum so pessimistisch? Ich sehe das "Glas halbvoll" und nicht "halbleer". Ich kenne drei Heranwachsende, darunter meinen ältesten Enkel, alle drei Schüler nicht nur eines Gymnasiums sondern auch einer angeschlossenen Musikschule, die mit Erlaubnis der Eltern in der laufenden Spielzeit ein Jugend-Theater-Abo abgeschlossen haben.


    Ist das nun ein hoffnungsvolles Zeichen? Oder doch nur eine Ausnahme, die die Regel bestätigt? Ich weiß es nicht zu sagen, könnte mir aber vorstellen, dass es auch Andernorts derartiges gibt. Meine Befürchtung geht in eine andere Richtung: Die jungen Leute werden durch das RT abgeschreckt.


    Welchen Smiley setze ich nun? :) oder doch :cursing:?

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    MUSIKWANDERER

  • Lieber Mozart,

    meine Prognose bereits am Anfang des Threads, dass Du bei uns Taminos viel, ja sehr viel Unterstützung bekommst hat sich erfüllt. Du hast auch eine weit über die Wunscherfüllung hinausgehende Diskussion ausgelöst. Diese hohe Zuwendung wird allen Neumitgliedern und Gästen zuteil. Das ist Tamino-Stil. Du würdest uns als Mitglied jedoch noch mehr ans Herz wachsen. Also ein Appell an alle unsere Gastmitglieder: Kommt zu uns, werdet Mitglied und bereichert unsere Diskussionen. Nur gemeinsam sind wir stark!

    Herzlichst

    Opers (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Das ist natürlich richtig und lässt ja auch immer wieder mal die Überlegung hochkommen, ob es nicht besser wäre, zu den früheren Usancen zurückzukehren

    Lieber Musikwanderer, meine Argumentation zur Verwendung der deutschen Muttersprache geht ja noch weiter. Selbst wenn (angeblich) italienisch gesungen wird, bin ich froh, eine sprachliche Niete zu sein. Da singen dann ein Koreaner und ein Chinese mit einer Amerikanerin und einer Deutschen die Hauptrollen italienisch, dazu in den Nebenrollen evtl. noch eine Tschechin und ein Kroate. Sie sollen in Sprachen singen, die sie nicht beherrschen. Sie leben aber in Deutschland, können sich hier verständigen, aber die Sprache bleibt von der Bühne verdammt. Ich bin sicher, daß die Mehrzahl des Publikums in der deutschen Provinz den Don Giovanni oder auch den Rigoletto lieber in deutsch hören möchten.

    Wohlgemerkt, ich spreche von Provinztheatern. Zu uns verirrt sich sowieso kein internationaler Star, der sich weigert, den Giovanni übersetzt zu singen. In Berlin oder München oder Hamburg oder gar in Wien ist das anders, da ist die Originalsprache Pflicht.


    Herzlichst La Roche

    Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen probiert ein jeder, was er mag - Goethe, Faust, Vorspiel auf dem Theater, Aussage des Theaterdirektors

  • In Berlin oder München oder Hamburg oder gar in Wien ist das anders, da ist die Originalsprache Pflicht.

    An den Staatsopern ja, aber in den großen Metropolen gibt es dann daneben idealerweise noch ein kleineres Opernhaus, das dann idealerweise im Kontrast dazu landessprachlich spielt (so war das zumindest lange an der Komischen Oper Berlin, am Gärtnerplatztheater in München und an der Wiener Volksoper.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Lieber musikwanderer, an diese Einsteiger glaube ich nicht mehr. :(

    Geschätzter Rüdiger,


    ich kann nur meine eigene Erfahrung einbringen.

    Auf den Figaro bin ich seinerzeit (wohl ca. 2005, also mit kaum zwanzig) tatsächlich durch die hier schon genannte deutschsprachige Einspielung unter Otmar Suitner gekommen und habe die Oper dadurch kennen- und lieben gelernt. Ich halte sie bis heute für Mozarts Opus magnum. Als damaliger Anfänger fand ich die deutsche Sprachfassung für das Verständnis und vor allem für den nicht zu kurz kommenden Humor unerlässlich.
    Beim Don Giovanni war es übrigens tatsächlich die fast museale Aufnahme unter Karl Elmendorff von 1938, ebenfalls auf Deutsch. Mir hat seinerzeit Mathieu Ahlersmeyer derart imponiert, dass es mir völlig gleich war, dass das nur mäßiges Mono ist. Damals war ich da viel toleranter (jugendliche Offenheit) und bin eigentlich froh drum, denn anders hätte ich so manche tolle Aufnahme kaum kennengelernt.

    Es ist kurios. Gerade DDR-Aufnahmen standen bei mir ganz hoch im Kurs. Nennen wir es Zufall oder Vorsehung? Theo Adam und Peter Schreier etwa waren mir schon ganz früh Begriffe. Ich habe die Deutschsprachigkeit dieser Aufnahmen immer hoch geschätzt und mir so etwa auch diverse Oratorien von Händel erarbeitet (am Pult stand meistens der großartige Helmut Koch).

    Soweit ich mich heute noch entsinne, war das aber auch damals schon eher außergewöhnlich, sich als Einsteiger dergestalt anzunähern.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Beim Don Giovanni war es übrigens tatsächlich die fast museale Aufnahme unter Karl Elmendorff von 1938, ebenfalls auf Deutsch.

    So ging es mir auch, erst über genau diese Aufnahme habe ich mir das Werk 1992/93 zu erschließen begonnen, währen ich zwei Jahre zuvor noch völlig ratlos in einer originalsprachlichen Aufführung an der Deutschen Oper Berlin (damals gab es noch keine Übertitel) saß und mit dem Stück nichts anfangen konnte.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • So ging es mir auch, erst über genau diese Aufnahme habe ich mir das Werk 1992/93 zu erschließen begonnen, währen ich zwei Jahre zuvor noch völlig ratlos in einer originalsprachlichen Aufführung an der Deutschen Oper Berlin (damals gab es noch keine Übertitel) saß und mit dem Stück nichts anfangen konnte.

    Freut mich zu hören! :)

    Soweit ich hörte, war die Elmendorff-Aufnahme auch zu DDR-Zeiten ja quasi "der" deutschsprachige Don Giovanni. Wie schon vermutet, gab es wohl niemals eine moderne Studioproduktion des Werkes auf Deutsch in der DDR (was ich persönlich schade finde).

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Freut mich zu hören! :)

    Soweit ich hörte, war die Elmendorff-Aufnahme auch zu DDR-Zeiten ja quasi "der" deutschsprachige Don Giovanni. Wie schon vermutet, gab es wohl niemals eine moderne Studioproduktion des Werkes auf Deutsch in der DDR (was ich persönlich schade finde).

    In der DDR (ich kenne nur die Endphase) gab es eine LP mit einem Opernquerschnitt. Ich weiß gar nichtmehr genau, welche Aufnahme, denke aber dass es eine mit Hermann Prey war. Die Elmendorff-Aufnahme habe ich mir erst 1993 auf CD zugelegt.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Das ist ein schöner, lesenswerter Thread geworden! Und ich nehme den Tipp für den Giovanni unter Elmendorff mit.

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Mozarts Da-Ponte-Opern auf Deutsch, da kommt mir als allererstes in den Sinn:



    Die Studioeinspielung der Hochzeit des Figaro aus Dresden von 1964 unter Otmar Suitner. Insgesamt wohl die empfehlenswerteste Gesamtaufnahme dieser Oper auf Deutsch, vor allem, wenn man Stereo möchte.

    Ich besitze auch diese Aufnahme und finde sie grundsätzlich gelungen, aber sie ist nicht vollständig, weil hier, wie damals üblich, zwei Arien im vierten Akt gestrichen wurden. Ich weiß natürlich nicht, ob das den technischen Möglichkeiten geschuldet war (weil die LPs ja nur 30 Minuten Spieldauer hatten) oder weil man die gestrichenen Arien für unwichtig (was sie ja sind) ansah. Das an sich wäre naturgemäß kein Grund, sie abzuwerten, aber ich persönlich habe heute eine leichte Abneigung gegen die Stimme von Anneliese Rothenberger.


    :hello:

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    MUSIKWANDERER

  • Und auch den DON GIOVANNI gibt es auf deutsch, u.a. in dieser Ausgabe:



    mit Fritz Wunderlich als Don Ottavio. Ich kann aber keine Details zur Produktion sagen, weil ich die Aufnahme nicht habe. Es handelt sich um einen Mitschnitt von der Kölner Oper, aus 1960. Dirigent war Wolfgang Sawallisch.

    Als Wunderlich-Verehrer musste ich diese Einspielung auch haben und ich kann sie Gleichgesinnten nur empfehlen. Auch diese Aufnahme mag ich:


    s-l500.jpg

    Im Beiheft wird darauf hingewiesen, dass die "Fassung der Uraufführung" wiedergegeben wird - soll heißen, dass die für Wien nachkomponierten Stücke ausgelassen wurden. Ernst Poettgen schuf die deutsche Fassung nach Hermann Levi und Walter Dürr. Großartig sind für mich Franz Grundheber in der Titelpartie und Matthias Hölle als Komtur.


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER