Die russische Pianistenschule - europäisch und international

  • Den eigenen Thread dazu hat dann Holger gestartet mit einer lesenswerten Beschreibung von Shukovs letzter CD.


    Igor Shukov (1936-2018)


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Ich habe Ende der 80er Jahren Shukow zweimal in München gehört, einmal mit einem reinen Scriabin-Programm und dann unter anderem mit Bachs Chiaconne für die linke Hand und der dritten Chopin-Sonate. Vor allem die letztgenannte Aufführung hat mich sehr beeindruckt!

  • Die im Beitrag 43 angesprochene Annerose Schmidt sollte man gehört haben, ich empfehle diese CD


    Annerose Schmidt


    Nicht aber allein wegen Schmidt/Schumann, sondern hier ist die für mich bisher beste Einspielung der h-moll Sonate von Liszt zu hören, in einer atemraubenden Perfomance von

    Mirka Pokorná

    aus dem Jahre 1963 in allerbester Aufnahmequalität.

  • ich war der feste Überzeugung, zu Shukov in der Vergangenheit etwas gestartet zu haben. Bei der Suche danach bin ich auf einen anderen Thread gestoßen, der in Deinem Zuammenhang auch nicht uninteressant ist, nämlich der zu Dimitri Bashkirov, der mittlerweile leider auch verstorben ist. Seine Tochter Elena Bashkirova, ebenfalls Pianistin, ist mit Daniel Barenboim verheiratet.

    Lieber Thomas,


    schau mal , ich habe gerade etwas eingestellt... Bashkirow kommt natürlich auch noch dran... :)

    Soeben lese ich den Nachruf auf Minoru Nojima, einem japanischen Pianisten, der am 9.5.2022 im Alter von 76 Jahren verstorben ist. Seine dokumentierte Hinterlassenschaft ist schmal: Nojima zog eine Karriere des Unterrichtens und des Konzertierens vor. Drei Platten sind von ihm erschienen, für die Sammler stolze Preise zahlen, obald sie verfügbar sind. Warum poste ich das hier und nicht im Nekrolog-Thread? Nojima erhielt seine erste Ausbildung n Tokyo, studierte dann aber weiter in Moskau bei Lev Oborin, der hierzulande vor allem als Begleiter von David Oistrach bekannt ist.

    Sehr schön - das sind die Überraschungen, die einem doch zeigen, wie international vernetzt heute die Klavierausbildung ist. Nojima sagt mir sonst bisher gar nichts. Den Brahms höre ich mir mal an. Lev Oborin kenne ich vom Namen her dadurch, dass er der Lehrer von Vladimir Ashkenazy war.

    Ich habe Ende der 80er Jahren Shukow zweimal in München gehört, einmal mit einem reinen Scriabin-Programm und dann unter anderem mit Bachs Chiaconne für die linke Hand und der dritten Chopin-Sonate. Vor allem die letztgenannte Aufführung hat mich sehr beeindruckt!

    Das hätte ich auch sehr gerne gehört, lieber Christian!

    Der Link funktioniert bei mir leider nicht, lieber Karl!


    Liebe Grüße

    Holger

  • Hallo Holger,


    hier die ASIN ‏ : ‎ B000026EB6 mirkapokorna8002qj13.jpg


    Die Beethoven CD von Kazakevich halte ich für ein Muss, klanglich, musikalisch und wegen der seltenen Korrekturversion des 4ten KK (siehe Text):


    beethoven800bqjht.jpg


    kazakevich800w8jpk.jpg


    Es grüßt


    Karl


  • Die kleinen Stücke - das Album für Kinder - habe ich gerade gehört. Lyrische Miniaturen, die sich vor Prokofieff, Scriabin oder Mompou nicht verstecken müssen. Erlesene, sehr eigene Klänge mit mystischer Ausstrahlung. :)

  • Lieber Holger,


    7 russische ‚Exil-Pianistinnen/en’ wurden hier noch nicht erwähnt, welche ich für außerordentlich halte, 2 von ihnen verstarben sehr jung:


    Valery Afanassiev

    Alexei Lubimov

    Nikolai Demidenko

    Lisa Smirnova

    Youri Egorov

    Andrei Nikolsky

    Andrei Gavrilov


    Für denjenigen, welchem Lisa Smirnova nichts sagt, empfehle ich ihre Einspielung der Londoner Klaviersonaten Händels bei ECM.


    LG Siamak




  • Lieber Siamak, tatsächlich kenne ich alle aus der von Dir aufgelisteten Künstlergarde, bis auf Lisa Smirnova. Vielen Dank für diesen Hinweis!


    Zu einigen hatte ich schon an verschieden Stellen etwas geschrieben. Außergewöhnlich ist hier auf jeden Fall, wegen seines Repertoires, Alexei Lubimov. Er war noch ein Schüler von Heinrich Neuhaus und fiel schon sehr früh durch sein Engangement für moderne (avantgardistische) Musik (negativ) auf.


    Lubimov setzt sich seit langem für den mittlerweile sehr bekannten ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrow ein. Ich zeige hier die erste Einspielung, die ich von ihm in diesem Zusammenhang habe und auch empfehlen möchte. Sie ist 1995 noch bei Erato erschienen.


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    Parallel dazu erschien beim Label BIS noch eine Scheibe mit post-avantgardistischer Musik aus der "Ex-Sowjetunion"


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    Der Titel stammt hier von einer Komposition des Pianisten/Komponisten Alexander Rabinovich-Barakovsky. Enthalten ist auf der Scheibe auch die Kitsch-Musik von Silvestrov. :)


    Lubimov hat aber auch eine starke Affinität zu historischen Instrumenten.


    Hier hören wir ihn in einer Liveaufzeichnung aus dem Moskauer Konservatorium mit Beethovens "Mondschein"-Sonate. Er spielt auf einem Neupert-Hammerklavier nach einem Original aus dem Jahre 1815.



    Seine Liebe zu den Kompositionen eines ukrainischen Komponisten macht ihn heute leider ebenso verdächtig in Moskau, wie er vor Jahren wegen seiner Affinität zur echten Moderne war. Es ist traurig zu sehen, wie sich alles wiederholt. Hier in einem aktuellen Konzert in Moskau mit Schubert, mit Unterbrechungen durch die Polizei.


  • Unfassbar, dieser Polizeieinsatz! Reine Schikane! =O


    Bemerkenswert ist auch Lubimows Aufnahme mit Werken von C. Ph. E. Bach auf einem Tangentenklavier:



    Lubimow spielt überhaupt sehr viel auf historischen Instrumenten ein - er ist in Russland wohl ein Vorreiter von HIP für Tasteninstrumente:



    Beethoven auf einem Erard-Flügel von 1802:



    Auch bei Strawinsky und Satie wählt er zeitgenössische Instrumente von Pleyel und Bechstein:



    Auch sehr interessant:



    ... später folgt die Vorstellung von Andrei Nikolsky.


    Schöne Grüße

    Holger

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  • Lubimov hat auch eine GA der Mozart-Sonaten auf Originalinstrumenten vorgelegt. Hörenswert soweit, mit einem Manko allerdings bei KV 331, der Sattsam bekanten A-Dur-Sonate mit dem berühm-berüchtigte Rondoalla Turca: leider ohne Verwendung des Janitscharenzuges :(.



    Liebe Grüße vom Thomas :hello:


    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Hörenswert soweit, mit einem Manko allerdings bei KV 331, der Sattsam bekanten A-Dur-Sonate mit dem berühm-berüchtigte Rondoalla Turca: leider ohne Verwendung des Janitscharenzuges :( .

    Da musst Du mir jetzt auf die Sprünge helfen, was Du meinst, lieber Thomas! Das ist eine Bildungslücke in Sachen Mozart bei mir... ^^ :untertauch:

  • .... Die Klaviersonate Nr. 11 A-Dur KV 331 von 1778 endet mit dem berühmten Rondo Alla Turca, „im türkischen Stil“. Schnelle Arpeggien in der linken Hand imitieren „türkische“ Instrumente, wobei die Imitation auf den Cembali und Hammerklavieren zu Mozarts Zeiten aufgrund eines „Rasselns“ der Basssaiten, das die lauten Stellen begleitete, vermutlich besser gelang, als dies heutigen Instrumenten möglich ist. Am Anfang des 19. Jahrhunderts erschienen Klaviere mit „Janitscharenzug“, der gleichzeitig Paukenschlag und Schellenbaum imitiert. ....

  • 18765_1920_2400_80_1365762054.jpg


    Lieber Siamak,


    Deiner "Liste" werde ich mich widmen und beginne mit Andrei Nikolsky. :)


    https://queenelisabethcompetit…ates/andrei-nikolsky/144/


    https://de.wikipedia.org/wiki/…_Wladimirowitsch_Nikolski


    Andrei Nikolsky (geb. 1959 in Moskau) gewann 1987 im Alter von 28 Jahren den berühmten Rheine Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel. Damals sah ich die Übertragung vom Wettbewerb im Fernsehen und war beeindruckt. Bereits 1983 emigierte er in den Westen. Tragisch dann, dass Nikolsky 1995 bei einem Autounfall in Waterloo (Belgien) ums Leben kam. Er war einer der hoffnungsvollsten Pianisten seiner Generation. Auch er belegt den internationalen Charakter der Pianistenausbildung schon in dieser Zeit, denn er studierte nicht nur am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium bei Heinrich Neuhaus und Lew Naumow, sondern auch am Mozarteum Salzburg bei Hans Leygraf.


    Hier glänzt er bei Liszt mit seinem zugleich virtuosen und besonnenen Spiel:




    Seine Aufnahmen machte er beim Label Arte Nuova, das leider längst nicht mehr existiert. Die Recitals mit Werken von Rachmaninow und Chopin kann ich nur wärmstens empfehlen - darzeit gebraucht für nur 70 Cent zu haben plus 3 Euro Porto (Chopin).


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    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger,


    ich danke Dir herzlichst für diese Arbeit! Ich komme derzeit einfach nicht dazu. Ich habe alle ArteNova-CDs mit ihm.


    LG Siamak

  • Lieber Siamak,


    Danke! :) Dann hast Du noch die Prokofieff-CD, die mir leider fehlt. Da ist auf der Rückseite vermerkt, dass eine Gesamtaufnahme aller Prokofieff-Sonaten mit ihm geplant war, die wegen seines Unfalltodes leider nicht zustande kam:


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    Einen schönen Abend wünschend

    Holger

  • Lieber Holger,


    ja. Und es verhält sich so, dass er die 7. Sonate ganz anders als die Majority spielt. Er wählt gerade in den Ecksätzen moderate Tempi und erreicht einen neoklassizistischen Ansatz.


    LG Siamak

  • ja. Und es verhält sich so, dass er die 7. Sonate ganz anders als die Majority spielt. Er wählt gerade in den Ecksätzen moderate Tempi und erreicht einen neoklassizistischen Ansatz.

    Lieber Siamak,


    Du hast mich schon bewegt, dass ich da meine Sammlung vervollständigen werde... :) :hello:


    Bei den Corelli-Variationen gefällt mir - bei der idiomatischen Treffsicherheit - seine klassische Schlichtheit und Natürlichkeit, so dass ich ihn gerne höre als Alternative zu Ashkenazy und Lazar Berman:



    Seine Interpretation der Trauermarschsonate von Chopin gehört für mich zu den besten:



    Meine Kurzkritik von 2013:


    Kurzkritik: Der 1959 in Moskau geborene Andrei Nikolsky galt nach seinem Gewinn des Rheine Elisabeth-Wettbewerbs in Brüssel 1987 als große Begabung. Sein tragischer Tod 1995 bei einem Autounfall nahe Waterloo in Belgien machte leider alle Hoffnungen zunichte. Für das Label Arte Nuova nahm er 1991 (Aufnahmeort Reitstadel Neumarkt, Oberpfalz) u.a. die Chopin-Préludes und die B-Moll-Sonate auf. Nikolsky ist ein begnadeter Lyriker, dem hier eine der schönsten Aufnahmen der Sonate überhaupt gelingt. Dabei verharmlost er die dramatischen und dämonisch-chaotischen Seiten von Chopins Musik keineswegs. Sein eindrucksvoll gestalteter Trauermarsch gehört zu den besten überhaupt. Wertung: 5 Sterne – nicht zuletzt wegen des vorbildlich interpretierten Trauermarsches.


    Schöne Grüße

    Holger

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    Andrei Gawrilow


    Andrei Wladimirowitsch Gawrilow – Wikipedia


    Ob es melodramatische Übertreibung ist? In verschiedenen Interviews behauptete Gawrilow, dass das Sowjetregime ihn hatte umbringen wollen mit Mordauftrag. Tatsache ist, dass er wie auch Lazar Berman in Ungnade fiel und isoliert, sogar unter Hausarrest gestellt wurde. Erst Gorbatschow begnadigte ihn. Zu seinen besten Zeiten war Andrei Gawrilow ein "Star". Er erzählte, dass ihm von seiner Plattenfirma EMI die Ehre zuteil wurde, die man sonst nur den Beatles gewährte, nämlich vom Flughafen London mit dem Rolls Royce abgeholt zu werden. :D Seine Mutter, die armenische Pianistin Assanetta Egeserian, eine Schülerin von Heinrich Neuhaus, war sehr ehrgeizig, was er ihr später übelnahm. Sie hatte die fixe Idee, dass ihr hoch begabter Sohn unbedingt den Tschaikowsky-Wettbewerb gewinnen müsse, was ihm auch 1974 tatsächlich gelang. Gawrilow erzählt bitter die Anekdote, dass er mit 4 Jahren am Klavier eine Melodie spielte und ab da keine Kindheit mehr gehabt hätte. Er hat wirklich sehr viel aufgenommen von Bach bis Ravel und Prokofieff bei EMI und der DGG. 1993 kam dann die große Sinnkrise - er wurde zum Aussteiger und von da an auch zum Außenseiter. Inzwischen lebt er mit deutschem Pass, seiner japanischen Frau und Kind in der Schweiz. Ich hörte ihn in Bielefeld mit dem Tschaikowsky-Konzert. Das war überragend! Früher hatte er bei aller großen interpretatorischen Intelligenz und Klarheit im Ton, die ihn auszeichnet, diese typische Gawrilow-Härte, die manchmal schon fast brutal werden konnte. Jetzt, nach seiner Auszeit, hatte er merklich an seiner Klangkultur gearbeitet - was er auch offen zugab, dass sie früher verbesserunswürdig gewesen sei - und zeigte eine fast schon Volodos verdächtige Klangsinnigkeit - zudem einen Tschaikowsky der lyrischen Art ohne jegliche virtuosen Übertreibungen und Gewaltakte. Viel zusammengearbeitet und musiziert hat er auch mit Svjatoslav Richter, der quasi sein musikalischer Ziehvater war. In seinem Tagebuch kritisiert der überkritische, mit sich selbst stets unzufriedene Richter Gawrilows Selbstsicherheit und Selbstzufriedenheit. Zeugnis der Zusammenarbeit mit Richter sind etwa die Konzertaufführungen der Händel-Suiten, exklusiv beim Werbepartner zu haben:


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    Viele Gawrilow-Bewunderer werden diese in der Tat singuläre Platte schätzen und lieben:


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    Seine letzte Aufnahme ist von 2021 mit der Liszt-Sonate h-moll und Beethoven:



    Gawrilow hat auch eine Autobiographie veröffentlicht inclusive einer zum Buch gehörenden CD mit Aufnahmen der Chopin-Nocturnes:


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    Schöne Grüße

    Holger

  • Gavrilov habe ich Ende der 80er Jahre zweimal live erlebt, einmal spielte er u.a. Schumanns Carnaval und man hatte ein bisschen Angst, ob das der Flügel überlebt. Aber es war ein tolles Konzert, volles Risiko, pianistisch auf höchstem Niveau, ein leidenschaftlicher, virtuoser Schumann! Und dann habe ich ihn noch mit den Französischen Suiten von Bach gehört, die er ja sogar zweimal aufgenommen hat. An diesem Abend war sein Spiel viel filigraner, er hat sich weiterentwickelt - aber auch schrecklich viele Fehler gemacht, die man bei Bach eben alle hört. Sogar in der Zugabe bei der letzten Note. Danach ist er meines Wissens nicht mehr in München aufgetreten. Neben der oben abgebildeten neuen Aufnahme gibt es noch eine neue Live-Aufnahme den Symphonischen Etüden. Leider kann ich nicht feststellen, dass er zu seiner alten Form zurückgefunden hat. Die Tempi sind teilweise arg überzogen und wirken unnatürlich, zudem schwanken sie.


    Viele Grüße, Christian

  • Banner Trailer Gelbe Rose
  • Hallo,


    Andrei Gavrilov gehörte jedenfalls in meiner Schul- und Studienzeit zu meinen ‚Klavierstars‘. Ich hatte alle seine EMI-Aufnahmen auf MC und eine Übertragung seines Recitals bei den Salzburger Festspielen im Radio auf MC mitgeschnitten.


    LG Siamak

  • Gavrilov habe ich Ende der 80er Jahre zweimal live erlebt, einmal spielte er u.a. Schumanns Carnaval und man hatte ein bisschen Angst, ob das der Flügel überlebt. Aber es war ein tolles Konzert, volles Risiko, pianistisch auf höchstem Niveau, ein leidenschaftlicher, virtuoser Schumann! Und dann habe ich ihn noch mit den Französischen Suiten von Bach gehört, die er ja sogar zweimal aufgenommen hat. An diesem Abend war sein Spiel viel filigraner, er hat sich weiterentwickelt - aber auch schrecklich viele Fehler gemacht, die man bei Bach eben alle hört. Sogar in der Zugabe bei der letzten Note. Danach ist er meines Wissens nicht mehr in München aufgetreten. Neben der oben abgebildeten neuen Aufnahme gibt es noch eine neue Live-Aufnahme den Symphonischen Etüden. Leider kann ich nicht feststellen, dass er zu seiner alten Form zurückgefunden hat. Die Tempi sind teilweise arg überzogen und wirken unnatürlich, zudem schwanken sie.

    Lieber Christian,


    sehr aufschlussreich! ^^ Im Programmheft zum Bielefelder Konzert stand, dass er bei einem vorigen Konzert in Bielefeld ausgerechnet beim Tschaikowsky-Konzert, das er wohl bis zum Überdruss in seinem Leben runtergepaukt hat, einen Filmriss hatte, darüber sehr traurig war und es diesmal besser machen wolle. :) Leider ist die Studioaufnahme des Tschaikowsky-Konzertes misslungen. Das liegt aber nicht an ihm, sondern am Orchester, an dem wirklich hundsmiserablen Dirigat von Ricardo Muti! ;(


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    In seine letzte Aufnahme habe ich nur reingehört (Hörschnipsel) - und sie hat mich leider nicht vom Stuhl gerissen. Es ist merkwürdig, auch Adam Harasiewicz und Tamas Vasary können im Alter nicht mehr das Niveau aus ihren besten Tagen erreichen.

    Andrei Gavrilov gehörte jedenfalls in meiner Schul- und Studienzeit zu meinen ‚Klavierstars‘. Ich hatte alle seine EMI-Aufnahmen auf MC und eine Übertragung seines Recitals bei den Salzburger Festspielen im Radio auf MC mitgeschnitten.

    Lieber Siamak,


    ich hatte z.B. diese Aufnahme als LP und finde sie immer noch exemplarisch:


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    Eigentlich ist es verwunderlich, dass weder EMI (bzw. Warner) noch die DGG eine Box mit seinen kompletten Aufnahmen herausgebracht hat, wie bei fast allen anderen Pianisten, die nicht mehr aktuell produzieren. Wahrscheinlich war sein "Ausstieg" und Wandel vom Star zum Anti-Star so brüskierend, dass die Branche ihn bis heute boykottiert. (?)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Bei Youtube zu sehen gibt es Gawrilows Konzert vom 15.11.2020 in Tokyo - mit einer merkwürdigen Ansprache. Es soll Musik nicht mehr "intuitiv" vorgeführt werden, sondern "wissenschaftlich". Nachvollziehbar ist das an seinem Spiel allerdings kaum. Seine Chopin-Nocturnes sind - höchst kultiviert und klangsinnig gespielt - nur noch eine Ansammlung von isolierten Klangereignissen. Hier erinnert Gawrilow an den späten Ivo Pogorelich, wo die Musik regelrecht in ihre Einzelteile zerfällt und auseinanderfällt. Bei Gawrilow haben die Chopin-Nocturne keinerlei "Linie" mehr, keine zusammenhängende Dramaturige, sondern lösen sich auf in isolierte Klangevents bar jeder Schlüssigkeit, die einen musikalischen Zusammenhang erkennen ließen. Von wegen Wissenschaft - das ist ein Intuitionismus, der anders als der von Martha Argerich einfach nicht trifft, sondern fehl geht. Darauf folgt Prokofieffs 8. Klaviersonate, die ihm natürlich viel besser liegt. Aber auch da fehlt der dramatische Zusammenhang finde ich. Gilels, S. Richter oder Sokolov können das schlicht intensiver spielen. Am Schluss erahnt man den "alten" Gawrilow mit seiner unbändigen, fast schon wütenden Energie. Als Zugabe gibt es die eigentlich ganz schön gespielte Fantasie d-moll von Mozart.



    Zum Vergleich den jugendlichen Gawrilow, wie man ihn kennt, wo man Angst haben muss wie Christian so schön berichtet, dass der Flügel das nicht überlebt. Die Energie, die er da bis zur Selbstaufopferung investiert, ist schon sehr beeindruckend trotz des harten Klanges:



    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger,


    danke für das Einstellen des Tokyo-Recitals. Ich fand es gar nicht so negativ. Im Gegenteil fand ich seinen Anschlag und Klangsensualismus äußerst berückend. Prokofiev 8 fand ich richtig top !

    LG Siamak

  • danke für das Einstellen des Tokyo-Recitals. Ich fand es gar nicht so negativ. Im Gegenteil fand ich seinen Anschlag und Klangsensualismus äußerst berückend. Prokofiev 8 fand ich richtig top !

    Lieber Siamak,


    Du hast natürlich Recht, klanglich ist das in der Tat beglückend! :) Ich vermute, diese freizügige Art, die Nocturnes zu spielen, ist eine Art seiner Selbstbefreiung im Prozess der Selbstfindung zum ganz und gar zwanglosen Klavierspiel - die Abwesenheit von Drill, Kampf und Krampf, mit denen er in seiner Kindheit maltraitiert wurde, um unbedingt den Tschaikowsky-Wettbewerb zu gewinnen. Oder anders: Die Emanzipation vom Einfluss der übermächtigen, gestrengen Mutter. Ich muss mir wohl doch seine Autobiographie kaufen! ;) Was da dann - absolut betrachtet - herauskommt, ist allerdings mehr Gawrilow-Chopin als Chopin. ^^ (Die gelungenste Art, die Nocturne freizügig zu spielen, ist finde ich Nelson Freire.) Klar, Prokofieff 8 ist schon Klasse gespielt. Für die Bitterkeit, die in diesem Stück steckt, hat er natürlich ein Sensorium wie kaum ein Anderer!


    Diese exemplarischen Aufnahmen von ihm sind in meiner Sammlung und ich schätze sie nach wie vor sehr:


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    Zusammen mit Ogdon und Pletnev - die Scriabin-Platte gibt es nicht mehr einzeln:


    417YdsiS1hL._SY355_.jpg


    Diese Box habe ich nicht zuletzt gekauft, weil da seine vorzügliche Aufnahme von Ravels Klavierkonzert D-Dur für die linke Hand drin ist, durch die ich das Werk kennenlernte :) :


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    :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • So sah die Original-LP aus, die ich bis 1986 besaß, als ich meinen Plattendreher verkaufte mit Beginn meines CD-Zeitalters:


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    Das Bild ist zwar kein Foto der Solisten, doch bleibt die Zuschreibung des Covers persönlich. Der große Namens-Schriftzug ist wie eine Signierung, ein Autogramm des "Stars", Gavrilovs Handschrift. Dagegen taucht Simon Rattle unscheinbar im kleingedruckten Untertitel auf nach dem Orchester. Klar, wer hier die "wichtige Person", der Star ist und wer nicht. Die Wiederauflage sieht nun so aus:


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    Das ist schon merkwürdig. Warum posiert hier Sir Simon und nicht der Solist? Üblich ist auf Covern entweder ein Foto mit Pianist und Dirigent oder allein des Solisten. Warum wird hier schamhaft vermieden, Gawrilow ins Bild zu rücken und statt dessen der Dirigent als Star übergroß präsentiert? Ist der "Bann" der Branche auf den abtrünnigen Star und Aussteiger Gawrilow immer noch wirksam? Das ging mir jedenfalls durch den Kopf...


    Schöne Grüße

    Holger

  • Das ist schon merkwürdig. Warum posiert hier Sir Simon und nicht der Solist? Üblich ist auf Covern entweder ein Foto mit Pianist und Dirigent oder allein des Solisten. Warum wird hier schamhaft vermieden, Gawrilow ins Bild zu rücken und statt dessen der Dirigent als Star präsentiert? Ist der "Bann" der Branche auf den abtrünnigen Star und Aussteiger Gawrilow immer noch wirksam? Das ging mir jedenfalls durch den Kopf...

    Ich würde da keinen geheimnisvollen Bann mehr vermuten, sondern nur die Gier nach schnödem Mammon. Seinerzeit war Gawrilow das Zugpferd, heute ist es sicher mit Abstand Simon Rattle. Die Sicht des Klavierfreundes ist da sicher ein wenig verzerrt :-)

  • Ich würde da keinen geheimnisvollen Bann mehr vermuten, sondern nur die Gier nach schnödem Mammon. Seinerzeit war Gawrilow das Zugpferd, heute ist es sicher mit Abstand Simon Rattle. Die Sicht des Klavierfreundes ist da sicher ein wenig verzerrt :-)

    Da würde ich vermuten, dass das richtig ist. Trotzdem ist das eine Herabwürdigung des Solisten und einstigen Stars. Dass dies eine nicht ganz ungewollte Missachtung ist, dafür spricht der Fall Lazar Berman. Auch er durfte als "Strafmaßnahme" des Sowjetregimes nicht mehr ausreisen, musste sogar eine Einladung von Jimmy Carter zum Konzert im Weißen Haus absagen, weil er kein Visum erhielt und auch eine schon geplante Aufnahme des Rachmaninow-Konzertes Nr. 2 mit Claudio Abbado kam nicht zustande, weil man ihn aus Russland nicht ausreisen ließ. Nach der Aufhebung seiner Isolation durch Gorbatschow wollte aber Niemand im Westen von ihm mehr etwas wissen. Berman wurde ganz einfach fallen gelassen. Er schrieb Briefe an die Beteiligten, die sich einst um ihn gerissen hatten, von denen er nie mehr auch nur eine Antwort bekam. Berman schreibt das ausdrücklich zur Warnung für junge Pianisten, wie gnadenlos und rücksichtslos die Branche ist.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger, lieber Axel,


    gewundert habe ich mich auch über das aktuelle Cover. Die originale EMI-Platte hatte ich damals als MC. Und ich bin froh, dass ich es vor kurzem mit dem neuen Cover als CD bekam. Daher überwiegt die Freude gegenüber den Ärger !


    LG Siamak

  • Ich möchte hier auf einen russischen Pianisten aufmerksam machen, den man im weiteren Sinne als Spross der russischen Pianistenschule ansehen kann. Alexei Zuev der 1982 in St. Petersburg geboren wurde.


    Einige werden ihn als Klavierpartner von Alexei Lubimov von dessen Debussy Album her kennen





    Er spielt dort unter anderem mit seinem Lehrer Lubimov das Prélude à l'après-midi d'un faune in der fassung für zwei Klaviere von Debussy selbst. Wie nicht anders zu erwarten, interessiert sich auch Zuev für historische Klaviere :).


    Hier spielt er Griegs Klavierkonzert auf einem Erard Flügel aus dem Jahre 1849. Es spielt das Orchestra of the 18th Century unter Leitung von Kenneth Montgomery



    Aber auch das Interesse an aktueller Musik scheint er von seinem Lehrer übernommen zu haben. Hier hören wir die Toccata für Pauken und Klavier von Andreas Aigmüller. Ein Livemitschnitt aus dem Mozarteum in Slazburg aus dem Jahre 2018. An den Pauken Florian Reß.



    Gerade ist ein ganz besonderes Album von ihm erschienen. Die bisher vollständigste Sammlung von Klaviermusik von Igor Strawinski. Es enthält eine Menge von Reduktionen und Transkriptionen von Strawinskis "Tanzmusik" in nicht wenigen Weltersteinspielungen. Strawinski ist definitiv kein Lyriker am Klavier! :) Das Ganze ist famos eingespielt, auch die nicht selten zu hörenden Virtuosenstücke "Drei Sätze aus Petruschka"




    Der Trailer zum Album liefert nichts außer ein paar netten Bildern von Strawinski.



    Eine klanglich etwas verbesserungswürdige Liveeinspielung vom internationalen Richter Wettbewerb in Moskau aus dem Jahre 2008 von Petruschka


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