Was ist mit dem Wiener Walzer? Klassik?

  • Tag,


    am Ende eines Konzertes der Wiener Philharmoniker in der Hamburgischen Staatsoper, es dirigierte Karl Böhm, sagte der Herr Böhm die erste Zugabe an: "Wir spielen die österreichische Nationalhymne." Grabesstille im Publikum, Stille noch immer. Böhm wendet sich zum Orchester, noch kein Mucks im Publikum. Da hält Böhm den Kopf seitlich hoch zu den Rängen: "Wir spielen den Donauwellen-Walzer!" Ha, ausatmen.


    Darf der das?


    Freundlicher Gruß
    Albus

  • Ich kann mir eigentlich keine bessere Zugabe vorstellen (und kaum eine bessere Hymne ;)). (ich nehme an, es war "An der schönen blauen Donau", nicht "Donauwellen" von Ivanovici, auch nicht schlecht, aber nicht in der Liga von Strauß)
    Einen wesentlichen Unterschied zwischen anderen Zugaben wie Slawischen Tänzen o.ä. orchestralen Bonbons sehe ich nicht.


    Mich wundert in der Tat, dass in einem Forum, das a) austriakisch geprägt ist b) in dem der Unterhaltungswert von Musik hochgehalten wird, Joh. Strauß und seine Verwandtschaft noch nicht ausgiebig gewürdigt wurden. ;)


    Wenn vergleichsweise simple "deutsche Tänze" von Mozart, Beethoven, Schubert Klassik sind, dann die wunderbaren, abwechslungsreichen und klangschön, aber dennoch klar und ökonomisch instrumentierten Walzerfolgen der Strauss-Brüder allemal. :yes:


    Natürlich ist das eher leichte Musik. Aber in diesem Rahmen doch ganz erstaunlich und sie versucht auch eigentlich nie, mehr zu sein als sie ist, daher halte ich sie für ganz unkitschig.
    Schließlich, erstklassige, für gewöhnlich strenge und mit Kollegenschelte nciht sparsame Komponisten wie Brahms, Mahler, Schönberg, Berg, Webern u.a. können nicht alle danebenliegen, wenn sie Joh. Strauß jun. verehrten. Und die besten Walzer von Josef sind ebensogut.


    viele

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Meiner Meinung nach steht Josef sogar über den Johanns. Besonders die Einleitungen sind verblüffend symphonisch und von großer Delikatesse.
    Ich glaube nur, man sollte die Kirche im Dorf lassen - und die Walzer im Neujahrskonzert. Wenn die St. Petersburger gastieren, geben sie ja auch nicht "Schwarze Augen" als Zugabe, obwohl "Schwarze Augen" auf seine Weise ein durchaus gutes Stück ist.

    ...

  • eigentlich heisst der Walzer "An der schönen blauen Donau" kurz Donauwalzer. Er wird von 'uns' Österreichern wirklich als heimliche Hymne empfunden und in jeder Neujahrsnacht gespielt. "Ein patriotisches Volkslied ohne Worte" nannte der bekannte Kritiker Eduard Hanslick dieses Musikstück.


    Für mich zählen die Werke von Strauss zur klassischen Musik. Mein Lieblingsstück ist die Ouvertüre zu Wiener Blut. Zwei Minuten Vorspiel und darin erklingt die Kurzform dessen, was ein Wien-Klang sein mag und in mir immer ein Jauchzen und Freude auslöst. Plötzlich, Kammermusik, ein Streichquartett nimmt ein Walzerthema vorweg und variiert es. Atemberaubend schön! Dann hält die Musik plötzlich inne, einen Moment, dann brechen wieder alle Instrumente los. Im Rosenkavalier und vom Namensvetter mit den beiden ss am Schluss wunderbar kopiert und das ist ja dann wohl Klassik.

    WHEN MUSIC FAILS TO AGREE TO THE EAR;
    TO SOOTHE THE EAR AND THE HEART AND SENSES;
    THEN IT HAS MISSED ITS POINT
    (Maria Callas)

  • Zitat

    Im Rosenkavalier und vom Namensvetter mit den beiden ss am Schluss wunderbar kopiert und das ist ja dann wohl Klassik.


    Das ist kein Argument, dann wäre der Jazz wegen Weill oder Wolpe oder Antheil oder ... auch Klassik.

  • Zitat

    "Ein patriotisches Volkslied ohne Worte" nannte der bekannte Kritiker Eduard Hanslick dieses Musikstück.


    Was so leider nicht ganz stimmt. Ursprünglich war der "Donauwalzer" nämlich textiert, und zwar mit einem antisemitischen Text, den man offenbar lieber gleich in weiser Voraussicht in der Versenkung verschwinden hat lassen.

    ...

  • aja, ich kann mich entsinnen!
    danke Edwin, du passt gut auf :hello:

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    (Maria Callas)

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Meiner Meinung nach steht Josef sogar über den Johanns. Besonders die Einleitungen sind verblüffend symphonisch und von großer Delikatesse.
    Ich glaube nur, man sollte die Kirche im Dorf lassen - und die Walzer im Neujahrskonzert. Wenn die St. Petersburger gastieren, geben sie ja auch nicht "Schwarze Augen" als Zugabe, obwohl "Schwarze Augen" auf seine Weise ein durchaus gutes Stück ist.


    Naja.
    Inwiefern sind ein Ungarischer Tanz von Brahms, ein slawischer von Dvorak, die Polonaise oder der Walzer aus dem Onegin, irgendein Tschaikowskyscher Balletauszug, der Hummelflug, die Steppenskizze, die Carmen-Suite oder eine Ouverture von Rossini, Suppe irgendwie "klassischer" als ein Strauß-Walzer? Das sehe ich irgendwie nicht. Ich halte nichtmal einen Walzer wie den in der 5. Sinfonie von Tschaikowsky für wesentlich substanzieller als einen von Strauß.
    Unter diesem "Bobonrepertoire" sehe ich die Sträuße in der Tat ziemlich weit vorne. Und wie schnell triefender Kitsch herauskommt, wenn man das imitieren will, zeigen ja Rosenkavalier und besonders Schlagobers...


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Wurde er nicht überhaupt für einen Solo-Chor geschrieben und erst später zu einem Konzertwalzer umgestrickt?

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Stimmt. Ursprünglich war er ein donauloser Gesangswalzer für den Wiener Männergesangsverein - und ein Misserfolg! Erst die Orchesterversion und die nachträgliche Neutextierung mit Bezugnahme auf die Donau brachte den Erfolg.


    ad Johannes
    Ich sehe in den von Dir genannten Stücken wunderbare Stlisierungen (steht der Tschaikowskij nicht sogar im 5/4-Takt?), während die Walzer IMHO einer Massenfabrikation entspringen. Ich gebe aber gerne zu, dass meine 364 Tage (in Schaltjahren 365 Tage) dauernde Walzeraversion zu meiner völlig subjektiven Sicht beiträgt.


    LG

    ...

  • Hallo,


    Ein paar Anmerkungen von mir:


    Der Walzer "An der Schönen blauen Donau " ist "grade noch" Klassische Musik. Gibt es da nicht die Anekldote , wo Johannes Brahms auf eine Serviette die ersten Takte schrieb - und datunter "Leider nicht von mir -Johannes Brahms" ?


    Die zweite Anmerkung bezieht sich auf:


    " Österreichisch geprägtes Forum"


    Das sehe ich nicht so
    Es ist ein Forum unter österreichscher Fahne
    Die Prägung ist eher deutsch


    Die Prägung ergibt sich ja durch die Mitglieder.


    Es könnte alledings sein, das in mittlerer Zukunft mehr Nachwuchs aus
    Österreich reinkommt.


    LG


    Alfred


    Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.

    (stammt von Oscar Wilde - Hätte aber auch von mir sein können....)


  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Der Walzer "An der Schönen blauen Donau " ist "grade noch" Klassische Musik. Gibt es da nicht die Anekldote , wo Johannes Brahms auf eine Serviette die ersten Takte schrieb - und datunter "Leider nicht von mir -Johannes Brahms" ?


    Die Anekdote ist meines Wissen historisch belegt; ich habe ein Foto der beiden vor Augen (der fast 10 Jahre jüngere Brahms sieht aus wie Strauß' Großvater...). Wie schon erwähnt, nicht nur Brahms auch andere Komponisten hatten den größten Respekt vor Strauß. Angeblich (aber hier weiß ich nicht ob es stimmt) hat Strauß mit seiner Kapelle das Tristan-Vorspiel aufgeführt, als andere Wiener Orchester es als zu schwer oder als Unmusik oder was auch immer abgelehnt hatten...


    Ich will ncht behaupten, dass ein Strauß-Walzer besser wäre als eine Tschaikowsky-Sinfonie.
    Aber ich sehe beim besten Willen nicht ein, wie ein Ländler von Mozart oder Schubert, eine Ouverture von Rossini, Gounods "Faust-Walzer" oder ein Slawischer Tanz von Dvorak Klassische Musik sein können, aber der Kaiserwalzer nicht. Den relevanten Unterschied muß mir einer erklären, wenn es ihn geben sollte. Das Argument der "Massenproduktion" träfe in gleicher Weise auf Komponisten wie Vivaldi, Händel, Rossini zu, das zieht also nicht
    Die Walzer und anderen Tänze der Strauß-Brüder können es m. E. mit jedem Konzert-, Ballett- oder Opernwalzer "ernster" Komponisten aufnehmen.
    Unbestritten sind es "leichtere" Werke. Aber das gilt auch für die anderen beispielhaft genannten Stücke.


    viele Grüße


    JR

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  • Zitat

    Das Argument der "Massenproduktion" träfe in gleicher Weise auf Komponisten wie Vivaldi, Händel, Rossini zu, das zieht also nicht



    Massenproduktion stimmt insofern, als die Werke der Strauß Familie nicht immer exakt den einzelnen Personen zugeordnet werden kann...es soll Arbeitsteilung gegeben haben, was Instrumentation und Arrangements betrifft...

    Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
    (frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

  • Zitat

    jedem Konzert-, Ballett- oder Opernwalzer "ernster" Komponisten aufnehmen.


    Johannes, Du bist schuld, wenn ich in der Hölle lande, denn Du führst mich in einer Versuchung, der ich nicht widerstehen kann. Also: Auch mit "La valse"? Auch mit "Valses nobles et sentimentales"?
    Für mich hat auch der Walzer bei Tschaikowskij einen anderen Stellenwert: Er steht in einer bestimmten Funktion dort, er ist nicht sich selbst genug.


    Die Erwähnung des "Kaiserwalzers" ist übrigens genau so unfair wie die des "Donauwalzers". Und dann gibt's noch die "Frühlingsstimmen", die "Pizzicato-Polka" und die "Tritsch-Tratsch-Polka". Macht vier Stücke. Zusammen mit denen, die ich jetzt vergessen habe, insgesamt vielleicht 10. Und wieviele hat er geschrieben? 400 rund...


    Nun kann man natürlich sagen, dass ein großes Werk genug ist für die Ewigkeit (ich find's dennoch ein bisserl wenig, wenn dieses Werk nur ein Walzer ist) - aber jeden dieser Walzer und jede dieser Polkas lasse ich links liegen für einen Tanz aus dem "Nussknacker". Und mit Ravel fange ich jetzt erst gar nicht an...


    LG

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner


    Johannes, Du bist schuld, wenn ich in der Hölle lande, denn Du führst mich in einer Versuchung, der ich nicht widerstehen kann. Also: Auch mit "La valse"? Auch mit "Valses nobles et sentimentales"?


    Das ist nun etwas unfair, ich hatte schon eher Zeitgenossen oder Komponisten der ersten Hälfte des 19. Jhds. im Blick. Mit La Valse nicht, das ist was ganz anderes, ein Unikat (m.E. ist ein Analogon hier der 2. Satz aus Mahlers 9.)
    Die anderen Stücke kenne ich zu schlecht, um das aus dem Stand sagen zu können. Ich habe aber doch eine ganze Reihe Vergleichsstücke genannt, die einzeln aufgeführt werden.


    Zitat


    Für mich hat auch der Walzer bei Tschaikowskij einen anderen Stellenwert: Er steht in einer bestimmten Funktion dort, er ist nicht sich selbst genug.


    Naja. In etlichen der Ballette gibt es Reihen von pittoresken Tänzen, um dieser Tänze willen, so grandios durchdramatisiert sind die m.E. nicht.


    Zitat


    Nun kann man natürlich sagen, dass ein großes Werk genug ist für die Ewigkeit (ich find's dennoch ein bisserl wenig, wenn dieses Werk nur ein


    Das es "nur" Walzer und Polkas u.a sind bestreitet freilich niemand (es ist auch noch mindestens eine sehr gute Operette). Aber hier sind wir schon fast da, dass Chopin ja auch "nur" Nocturnes, Mazurken etc. geschrieben hat...während doch "eigentlich" nur möglichst lange und laute Sinfonien und Opern zählen...
    In den besten Stücken haben die Sträuße das Genre m.E. transzediert. Und es hat auch niemand gesagt, dass Strauß ein zweiter Wagner sei. Ich habe versucht zu skizzieren, welchen anderen Stücken ich die Straußschen Tänze für mindestens ebenbürtig halte, mehr behaupte ich nicht. Ich habe mal im Radio etwas aus einen Brief o.ä. von Berg gehört und war sehr erstaunt, wie ernst er seinerzeit das Arrangement von Wien, Weib und Gesang genommen hat. Den Respekt von Brahms, Berg und Schönberg erwirbt man nicht durch bloß ein paar hübsche Melodien.


    Zitat


    Walzer ist) - aber jeden dieser Walzer und jede dieser Polkas lasse ich links liegen für einen Tanz aus dem "Nussknacker".


    Ich nicht. Ins Ballett integriert mögen Tschaikowsky Stücke in ihrer Gesamtheit eine andere Qualität annehmen, als Einzelstück ziehe ich die besten 20 Straußwalzer dem "Blumenwalzer" allemal vor. Aber das ist Geschmackssache. Ich will Tschaikowsky nicht runtermachen, aber ich sehe diese Stücke auf gleicher Augenhöhe. Persönlich sagt mir Strauß häufig mehr zu. Wenn ich die Celesta oder die Rohrflöten im Nußknacker öfter als zweimal im Jahr höre, sind sie mir über, Strauß könnte ich jede Woche hören. Aber das ist wie gesagt, persönlicher Geschmack.


    viele Grüße


    JR

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  • Johannes, ich glaube, Du wirst Ehren-Österreicher. Oder Ehren-Wiener. Wir brauchen Leute wie Dich, die unsere Walzer verteidigen und nicht so vaterlandsverräterische Gesellen sind wie ich, dessen liebste Walzer von Franzosen und Russen komponiert worden sind. :D


    Aber jetzt einmal im Ernst: Was mich bei den Sträußen stört, ist, dass ihre Walzer IMO eben nicht transzendiert sind. Es sind reine Walzerketten ohne thematische Verarbeitung, mitunter zusammengehalten durch die Klammer eines thematisch verwandten Vor- und Nachspiels, quasi Coda. Innerhalb der einzelnen Teile herrscht eine schablonenhafte Zwei- und Viertaktigkeit, die auf mich ermüdend wirkt, die aber verständlich ist, weil es ja nicht Ballettmusik für Berufstänzer sondern eben Tanzmusik war. Nur liegt für mich genau da der Hase im Pfeffer: Die Walzer, Deutschen und Ungarischen Tänze, Smetanas Polkas, Chopins Mazurken und Polonaisen etc. haben einen thematischen Aufbau. Er mag mitunter simpel sein, aber er ist mehr als Einleitung- A - B - C - D - E - Coda (= Variante der Einleitung).
    Dass Berg die Bearbeitung so ernst genommen hat, spricht IMO für Berg, der aus dieser Arbeit etwas lernen wollte (es war ja eine Art Instrumentierungsübung, Berg wollte dabei aber auch dem Tonfall auf die Schliche kommen - wieso klingen Strauß-Walzer "wienerisch"?), aber wenn ein glänzender Komponist eine exzellente Bearbeitung von "Marmor, Stein und Eisen bricht" vorlegt, dann macht das Drafi Deutschers Hit noch immer nicht zum legitimen Schubert-Nachfolger.


    In ihrer Funktion als Tanzmusik allerdings sind die Strauß-Walzer auch für mich unübertroffen.


    LG

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Aber jetzt einmal im Ernst: Was mich bei den Sträußen stört, ist, dass ihre Walzer IMO eben nicht transzendiert sind. Es sind reine Walzerketten ohne thematische Verarbeitung, mitunter zusammengehalten durch die Klammer eines thematisch verwandten Vor- und Nachspiels, quasi Coda. Innerhalb der einzelnen Teile herrscht eine schablonenhafte Zwei- und Viertaktigkeit, die auf mich ermüdend wirkt, die aber verständlich ist, weil es ja nicht Ballettmusik für Berufstänzer sondern eben Tanzmusik war. Nur liegt für mich genau da der Hase im Pfeffer: Die Walzer, Deutschen und Ungarischen Tänze, Smetanas Polkas, Chopins Mazurken und Polonaisen etc. haben einen thematischen Aufbau. Er mag mitunter simpel sein, aber er ist mehr als Einleitung- A - B - C - D - E - Coda (= Variante der Einleitung).


    Ein gewisse Schablonenhaftigkeit ist vermutlich notwendig, damit man noch darauf tanzen kann. ABER das gilt ebenso für viele einfache Menuette aus der Wiener Klassik u.ä. Das Chopin die Tanzformen auf ganz andere Weise transzendiert hat, ist unbestritten. Bei Brahms' und Dvoraks bin ich mir da nicht so sicher. die meisten von denen sind simple ABA-Strukturen ohne durchführungsartige Strukturen.
    Das Raffinement bei Straußens liegt u.a. in der Abwechlsung eher lyrischer und eher schmissiger Walzer, im Melodienreichtum, in der raffinierten Instrumentation usw., die sie für mich nicht langweilig werden läßt. Die Transzendierung findet zugegeben hauptsächlich in Einleitung und Coda statt, hier gibt es auch so etwas wie Variationen und wirkliche Poesie, nicht nur im Kaiserwalzer, auch z.B. Seid umschlungen Millionen, natürlich Sphärenklänge usw. Auch einige der kürzeren Stücke sind auf ihre Art unübertroffen, der Witz in perpetuum mobile, melancholische Miniaturen wie Die Libelle oder Lob der Frauen.
    Selbstverständlich sind die Grenzen, was in solchen Formen möglich ist, vergleichsweise eng, aber das empfinde ich in den konkreten idenitfizierbaren Tänzen in Tschaikowsky-Balletten ähnlich.
    Wenn man z.B. Lehars "Gold und Silber" mit einem Straußwalzer vergleicht, wird die Überlegenheit des letzteren deutlich. Lehar hat eine einzige eingängige Melodie, die er mit wechselnder, oft zu dick aufgetragener Instrumentation aufmotzen muß, dennoch bleibt das Stück repetitiv.


    viele Grüße


    JR

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  • Zitat

    Johannes, ich glaube, Du wirst Ehren-Österreicher. Oder Ehren-Wiener. Wir brauchen Leute wie Dich, die unsere Walzer verteidigen und nicht so vaterlandsverräterische Gesellen sind wie ich, dessen liebste Walzer von Franzosen und Russen komponiert worden sind. :D


    Wir könnten über einen Agentenaustausch nachdenken (gibt's das heute noch?). :D




    Zitat

    Das Argument der "Massenproduktion" träfe in gleicher Weise auf Komponisten wie Vivaldi, Händel, Rossini zu, das zieht also nicht


    Da habe ich jetzt wirklich die Bestätigung Edwins erwartet, dass er das genauso sieht! :D



    Köstlich auch, wie Edwin in diesem Zusammenhang beharrlich Richard Strauss totschweigt, der ja eigentlich sehr gut in die Argumentationskette hineinpasste, hätte er nicht das Pech, auf Edwins schwarzer Liste zu stehen.



    Einmal ein unterhaltsamer Thread, wo die lustigsten Dinge zwischen den Zeilen stehen...

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Der Walzer "An der Schönen blauen Donau " ist "grade noch" Klassische Musik. Gibt es da nicht die Anekldote , wo Johannes Brahms auf eine Serviette die ersten Takte schrieb - und datunter "Leider nicht von mir -Johannes Brahms" ?



    ...was ich mich erinnere, war es ein Fächer

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    (Maria Callas)

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  • Hallo Theophilus!
    Hallo Johannes!
    Grrrrrr..... auch Richard Strauss (Knirschen mit den Zähnen) hat Walzer besser transzendiert. Wenn man vergleichst, wie der Dynamiden-Walzer im Original klingt und im "Rosenkavalier" weiß man, dass (jetzt tun mir die Finger weh von dem, was ich gleich schreibe) Richard der beste aller Sträuß(ss) war.


    Theophilus, dafür, dass Du mir diesen Satz abnötigen konntest, gehört Dir eigentlich meine Bewunderung. Eigentlich, wie gesagt... :D


    :hello:

    ...

  • ...jetzt habe ich in meiner Bibliothek gestöbert und es gefunden:


    Brahms ging sehr viel ins Theater und versäumte namentlich keine Operette von Johann Strauß Sohn. Als jemand ihn um ein Autogramm bat, schreib er die ersten Takte des Donauwalzers nieder und darunter: "Von Johannes - leider nicht Brahms."

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  • Tag,


    der Wiener Walzer ist doch (soziologisch gesehen) kategorial Tanzmusik. In der sich formierenden bürgerlichen Gesellschaft gehörte diese Spielart des volkstümlichen Vergnügens, Tanzmusik, neben das Volkslied, die Hausmusik, das Singspiel, eben die Tanzmusik. Die Wurzeln der hochkulturellen Kunstmusik liegen doch anderswo, beim Oratorium, Konzert, Sinfonie, der Oper, der Notenschrift. Anders gesagt, von den Klassengegensätzen her: Kunst der Fuge, Wohltemperiertes Klavier gegen L'Arlesienne, An der schönen blauen Donau.


    Was wird beim Opernball getanzt?


    Freundliche Grüße
    Albus

  • Zitat

    Theophilus, dafür, dass Du mir diesen Satz abnötigen konntest,...


    Es hat mich sehr gefreut! :D

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Namentlich die bekannten Strauß-Walzer sind m. E. allerernsteste und höchste Kunst.


    Es mag sein, daß ihre in das Unterhaltungs-Genre changierende Rezeption den Blick dafür zuletzt immer mehr verstellt hat.


    Oder aber ihren Gehalt auf das Schönste zum Vorschein gebracht: ich sage nur André Rieu. Denn auch von seiner Art werden die Menschen durch die Musik auf eigentümliche Weise erhoben. Diese Musik ist unkaputtbar.


    Das wäre dann der Volkston der Musik, wie ihn Gustav Mahler, allerdings intellektuell vielfach prismatisiert, ebenfalls verwendet hat.


    LG

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner


    Aber sehr schön war es nicht! :motz: :hello:


    Man kann nicht alles haben! :D:hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • man wird dieser musik wahrscheinlich nicht sehr gerecht, wenn man sie nur nach ihrer (womöglich einfach gestrickten) kompositionsstruktur be-, ab- und verurteilt. da könnte man auch die erwähnten schubertschen deutschen, ländler, walzer mitnehmen.
    diese musik ist groß, weil sie auf der emotionellen ebene soviel vermitteln und bewirken kann.
    man höre zum beispiel accelerationenwalzer op234 und märchen aus dem orient op444.
    der "größte" (orchester)walzerkomponist ist für mich sowieso joseph lanner 1801 -1843.


    [wenn ich jetzt nicht sofort ins konzerthaus müsste, um mir markus stockhausens vom wesen schwarzer löcher und malcolm goldsteins what can be said of our differences zu geben, würde ich ein bisschen mehr schreiben]


    :hello: aus straußograd

  • Zitat

    Original von observator
    man wird dieser musik wahrscheinlich nicht sehr gerecht, wenn man sie nur nach ihrer (womöglich einfach gestrickten) kompositionsstruktur be-, ab- und verurteilt. da könnte man auch die erwähnten schubertschen deutschen, ländler, walzer mitnehmen.


    Eben. Mehr habe ich ja nicht behauptet. Ich werde demnächst Tschaikowsky, R. Strauss etc. hören, um nochmal auf Edwin zu antworten. M.E. haben die Wiener Sträuße einen natürlichen Fluß, eine Eleganz und Melodik gegenüber der der Rosenkavalier u.a. künstlich aufgedonnert wirkt, stark geschminkt und geliftet sozusagen... ;)


    Zitat


    diese musik ist groß, weil sie auf der emotionellen ebene soviel vermitteln und bewirken kann.
    man höre zum beispiel accelerationenwalzer op234 und märchen aus dem orient op444.
    der "größte" (orchester)walzerkomponist ist für mich sowieso joseph lanner 1801 -1843.


    Von Lanner kenne ich nur den allbekannten, dessen Namen mir gerade nicht einfällt "Schönbrunner"? Ich finde schon einen gewissen Fortschritt bei den jüngeren Sträußen (auch gegenüber einem anderen Stück, dass ich durchaus schätze Webers "Aufforderung zum Tanz"). Besonders in den Einleitungen. So könnte Haydn komponiert haben, wenn er 100 Jahre später geboren wäre...


    Zitat


    [wenn ich jetzt nicht sofort ins konzerthaus müsste, um mir markus stockhausens vom wesen schwarzer löcher und malcolm goldsteins what can be said of our differences zu geben, würde ich ein bisschen mehr schreiben]


    Schwarze Löcher haben keine Haare! Und ein sehr einfaches Wesen...


    Zitat


    :hello: aus straußograd


    v straussogradje :D


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    []


    Von Lanner kenne ich nur den allbekannten, dessen Namen mir gerade nicht einfällt "Schönbrunner"? Ich finde schon einen gewissen Fortschritt bei den jüngeren Sträußen (auch gegenüber einem anderen Stück, dass ich durchaus schätze Webers "Aufforderung zum Tanz"). Besonders in den Einleitungen. So könnte Haydn komponiert haben, wenn er 100 Jahre später geboren wäre...


    [


    ja, jetzt wäre DIE gelegenheit, einen lannerthread zu starten...leider geht sich das heute in der arbeit nicht mehr aus, und ab morgen bin ich auf urlaub.
    daher nur ein paar empfehlungen neben den schönbrunnern op200:
    vermählungswalzer op15
    trennungswalzer op19
    flüchtige lust op46
    pesther walzer op93
    die werber op103
    die romantiker op167






    :hello: aus dem lannerlandl

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