Operninszenierungen - modern vs. "altmodisch"

  • Meiner Meinung nach ist weder "modern" noch "altmodisch" ein Qualitätskriterium für eine Inszenierung. Allerdings habe ich wenige "altmodische" Inszenierungen gesehen, die wirklich perfekt gewesen wären - meistens verzettelt sich da der Regisseur in völlig unwichtigen Details (die meistens eh im Libretto auch nicht stehen... :rolleyes: ). Das heißt aber keineswegs, dass eine "moderne" Inszenierung a priori gut wäre, ganz im Gegenteil. Gut ist eine Inszenierung meines Erachtens dann, wenn sich der Regisseur eine gute und einleuchtende Interpretation der Handlung (und nicht etwa der Regieanweisungen im Libretto oder der Entstehungszeit) ausgedacht hat, die er mit der notwendigen Subtilität dem Publikum näherbringt, dem aber selbst auch noch die Möglichkeit gegeben werden muss, darüber nachzudenken und zu interpretieren.


    Weil ich in Graz seit dem letzten Intendantenwechsel so wenig solcher guter Inszenierungen gesehen habe, bin ich seither kaum noch in der Oper gewesen (ein weiterer Hinderungsgrund sind die seltsamen Werke, die immer gespielt werden...). Im Schauspielhaus gibt es allerdings immer wieder sehenswerte Inszenierungen, z. B. in dieser Saison Grillparzers "Medea" oder Tschechows "Platonow".

  • Hallo Severina,
    bei aller Liebe zur Mielitz (ich glaube, die ist jedem Mitleser aufgefallen): Wenn Grimes sein Boot über die Autobahn schleppt, hat das bei mir einen Lacheffekt ausgelöst, wie ihn bei mir sonst nur Otti Schenk in seinen Inszenierungen ernster Opern bewirken konnte.
    Das Meer ist für mein Gefühl höchstens am Schluß präsent - aber auch da nur als Farbwert, während es bei Britten ja fast mythische Funktion hat.
    Aber wie gesagt: Die Inszenierung ist enorm spannend und war sicher ein wesentlicher Faktor, das Wiener Publikum für Britten zu gewinnen.
    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin, ich muss vorausschicken, dass die Mielitz-Inszenierung meine erste Begegnung mit "Peter Grimes" war :O und ich daher keine Vergleichsmöglichkeiten hatte, aber ich dachte bei der von dir erwähnten Bootschlepperei an eine Hafenmole o.ä, wie ich überhaupt die ganze Szenerie gedanklich mit Hafenstadt in Verbindung setzte. Jetzt hast du mich ordentlich verunsichert, ich werde mir die Inszenierung wohl noch einmal sehr gründlich anschauen müssen. :O
    lg Severina

  • Hallo Severina,
    die Verunsicherung war nicht meine Absicht - und danke für Deinen Beitrag: Du bist der lebende Beweis für meine Behauptung, wie gut es die Mielitz geschafft hat, das mit dem "Grimes" nich vertraute Wiener Publikum für das Werk zu interessieren. Ich bin überzeugt, hätte ein konservativer Regisseur nur die Regieanweisungen nachgestellt, wäre die Inszenierung schon wieder in der Versenkung verschwunden.
    :hello:

    ...

  • Na pfui,


    in Köln gibt's heuer wieder die unsägliche Decker/Gussmann - Inszenierung der Bohème. Das ist für mich so ein richtig typisches Beispiel von misslungener Inszenierung. Von Umdeutung, die sich ganz bewusst gegen die Absichten des Komponisten bzw. Librettisten wendet:


    Das Ganze wurde in die Nachkriegszeit verlegt - lasse ich mir ja bedingt noch gefallen. Der Sinn dafür entschließt sich mir allerdings nicht oder hat's einfach nur mit Faulheit des Aussatters zu tun... Wie auch immer, der größte Kritikpunkt - neben dem gähnend langweiligen Einheitsbühnenbild mit dem blöden Pferdekarussell - stellt die umgedeutete Liebesgeschichte dar:


    Rodolfo und Mimi stehen meist mit dem Rücken zueinander. Von großer Liebe oder Liebe im jugendlichen Überschwang kommt da nix über die Rampe. Ätzend, ich hatte ständig das Gefühl, zwei Kühlschränke stehen da auf der Bühne. Und wer meint, dass habe an den Sängern gelegen, der irrt: Auch bei anderer Besetzung wird diese merkwürdige Personenregie beibehalten. Scheußlich.


    Wenn ich da noch an die vorherige Inszenierung hier denke...da gab's Mansarde, Quartier Latin und ein ganz furchtbar kaltes Zollbild, in dem die Protagonisten eine rechte Plattform hatten, Vie der Bohème fühlbar zu machen.


    Mir hat's die Petersilie verhagelt und ich habe mir die Zefferelli-Inszenierung aus der Met hernach reingezogen.


    LG,
    Knusperhexe

  • In der Münchner CHOWANSCHTSCHINA-Premiere am 18.3. habe ich eine neue Unart "moderner" Inszenierungen kennengelernt. Ist ein alter Hut, dass leider die Ouvertüre "pädagogisch" bebildert wird. In München aber läßt der junge russische Regisseur während des wunderbaren Vorspiels "Morgendämmerung über der Moskwa" 20-25 Plastik-Leichensäcke geräuschvoll von der Bühne schleppen.


    Und beim Tanz der Perserinnen stört auch lautes Geschrei des Gesindes dieses Musikstück

  • Zitat

    Original von schiral
    dass leider die Ouvertüre "pädagogisch" bebildert wird. k


    Hallo Schiral,


    geht Dir das auch so auf die Nerven? Ich kann's nicht mehr sehen!!!! Wohltat bei der Hänsel-Neuinszenierung in Köln von Jürgen Rose: da blickte man auf einen ganz naturalistisch gemalten Waldprospekt, den dann musiksynchron das Himmelslicht durchflutete. So was lasse ich mir ja noch gefallen. Aber immer diese Action auf der Bühne, alles, damit nur ja keine Langeweile aufkommt. Dabei habe ich es früher gerade genossen, mit Blick auf den samtroten Vorhang zu träumen, einfach nur zu träumen. Fällt bei Plastik-Leichensäcken schwer!


    Mitfühlende Grüße,


    Knuspi

  • Hallo Schiral,
    ich habe diese Inszenierung nicht gesehen, aber eine Vermutung: Russische Intellektuelle lieben das Spiel mit Querverweisen und Anspielungen. Kann es sein, daß der Regisseur mit den Leichensäcken am Anfang die in Rußland eben nicht mehr bestehende heile Welt (Tschtschenien-Krieg) signalisieren wollte? Die Zustände in der "Chowanschtschina" sind nicht weit von jenen der russischen Gegenwart entfernt, wenn man etwa die Berichte von Anna Politkowskaja und Elena Tregubowa liest. Zumal ja auch Mussorgskij am Anfang Musik und Szene spaltet und eine Idylle im Klang heraufbeschwört, die in der Szene längst nicht mehr zu finden ist.
    :hello:

    ...

  • Es ging mir,lieber Herr Baumgartner nicht um die Bebilderung des Vorspiels, sondern um den Lärm bei der Beseitigung der Plastiksäcke, der beim "Morgengrauen über der Moskwa" äußerst störend war. In der Musikliteratur wird ja gerade der Kontrast zwischen dieser Idylle und der anschließenden überwiegend grausamen Handlung hervorgehoben.

  • Guten Morgen.


    Auch ich habe jüngst eine Inszenierung von Dmitri Tcherniakov gesehen. "Boris Godunow" in der Staatsoper Berlin. Und war ebenfalls wenig begeistert. Auch mir ist das "Geräuschemachen" der Statisten gleich zu Beginn des Stücks - un dauch in späteren, eigentlich ruhigeren Szenen, unangenehm aufgefallen. Meine Frau war nach der Aufführung jedenfalls bedient.
    Gestern abend haben wir jedenfalls die Aufnahme mit Abbado gehört - das gefiel dann auch meiner Frau. Die Musik (übrigens für mein Empfinden gelungener als unter Barenboim, weil zusammenhängender, gespielt) war störungsfrei zu genießen; es fehlte die ennervierende Inszenierung.


    Nicht, dass wir uns nun missverstehen, ich sehe ganz grundsätzlich gern moderne Inszenierungen; ich kann bloß keine schlechten, mich also nicht überzeugenden, Inszenierungen leiden.


    :hello:


    Gruß, l.

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  • Wenn die Geräusche tatsächlich Absicht sind, ist das Blödsinn, denn es ist eine Störung der Musik. Ein Fehler des Regisseurs - und noch mehr einer des Dirigenten, der offenbar seine Stimme nicht erhoben hat.
    Als beispielsweise in Bayreuth bei Peter Halls romantischem "Ring" die Hydraulik jämmerlich zischte, als wolle sie einen Kommentar zu der Inszenierung abgeben, legte Dirigent Peter Schneider ein Veto ein, und die Hydraulik wurde auf die Stellen beschränkt, in denen die Lautstärke der Musik die Geräusche überdeckte.
    :hello:

    ...

  • Bzgl. Geräusche kann ich auch was beisteuern:


    Letzte Neuinszenierung "Rigoletto" in Köln: Gilda fristet ihr kärgliches Dasein in einem schwarzen Rapunzelturm, der sich auch noch drehen musste und das tat er dann auch jedesmal arg quietschend, so dass die Koloraturen verwackelt und schließlich gar nicht mehr zu hören waren.


    Königskinder in München: Anstelle von Schnee hagelten weiße Papierbögen auf die Bühne. Und das ist echt laut! Krach! Raschel! Krach! Knister! Die Pianopassagen hat's voll zerschossen!


    LG,
    Knuspi

  • Hallo Thomas,


    mir hat der Hänsel in Bonn so gar nicht gefallen. Abgesehen davon, dass ich's furchtbar kitschig fand mit Schneewittchen, watschelndem Fliegenpilz und einem schillernden Froschkönig, die da alle nun wirklich nix zu suchen haben, waren diese Lappen als Waldersatz arg illusionszerstörend. Der absolute Fehlgriff waren aber die rotierenden Weihnachstbäume, die einen Knirps vor mir laut fragen ließen, ob das Vampire seien und ob die jetzt den schlafenden Kindern das Blut aussaugen würden und warum denn keine Engel kämen - wie's im Libretto ja auch steht.


    LG,


    Knusperhexe

  • Hallo Knusperhexe,


    da meine wir offensichtlich andere Inszenierungen: die von Dir genannten Scherze habe ich nicht gesehen. Rotierene Weihnachtsbäume, wer kommt denn auf sowas, das ist doch ein Weihnachtszimmeraccessoire des gehobenen Bürgertums zu Beginn des 20. Jh und hat bei armen Leuten wie Hänsels und Gretels Eltern nichts zu suchen!!!


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Zitat

    Original von Santoliquido
    Rotierene Weihnachtsbäume, wer kommt denn auf sowas, das ist doch ein Wihnachtszimmeraccessoire des gehobenen Bürgertums zu Beginn des 20. Jh und hat bei armen Leuten wie Hänsels und Gretels Eltern nichts zu suchen!!!


    Sag ich ja. Aber es ist die derzeitige Inszenierung, die vor über zehn Jahren Premiere in Bonn hatte. Ich kann mich nicht erinnern, dass Bonn davor eine im Repertoire hatte.


    Ganz traditionelle "Hänsel und Gretel"-Inszenierungen findest Du noch in München - sogar mit Engelstreppe!!! Bedingt in Düsseldorf, wobei die da immer die abgetakelsten Sänger besetzen. Wiesbaden hat ein wunderschönes Waldbild, das zwar eher an Königskinder gemahnt, aber keine Probleme mit der Romantik hat. Wien in der Dönch-Inszenierung soll auch der Hammer sein. Hannovers Hänsel ist zur beliebtesten - und ältesten - Inszenierung gewählt worden.


    PS: Du magst doch auch so die Karajan-Einspielung, aber hast Du die mit Grümmer und Köth schon mal gehört? Die gefällt mir fast noch besser. Die Köth ist nicht so gespreizt wie die Schwarzkopf.


    LG,
    Knusperhexe

  • Wenn Erika Köth die Gretel singt, wäre das allemal zu bevorzugen. Schwarzkopf in dieser Rolle, das klingt im Duett des Abendliedes zwar ungemein stimmschön und opulent, aber zwei kleine Kinder stellt man sich dabei nicht vor.


    Die Aufnahme hatte ich im Karajan-Thread ja vor allem Karajans wegen erwähnt, wenngleich die Stimmen schon 'ne Wucht sind. Wer dirgigiert denn das Duo Grümmer Köth?


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Otto - nicht Oskar - Matzerath: Er geht's sehr mit Schmackes an, lässt sich aber auch viel Zeit bei den lyrischen Passagen. Im Ganzen kommt's ran an den Karajan. Habe ein paar wunderschöne Stellen gefunden, die ich sonstz immer überhört habe. Sehr git sind die eltern und die stimmgewaltige Hexe der fischer - s. Thread "Hänsel und Gretel". ein MAnko ist die Tonqualität und - was mich jedesmal wundert - beim Abendsegen harmonieren Köth und Grümmer nicht. Die Köth ist zu laut! Da sind Grümmer und Schwarzkopf die perfekte Einheit.


    Aber zurück zum Thema: Ich fand die Thalbach'sche version ganz furchtbar. Das war mehr Shrek als Humperdinck.


    LG,


    Knuspi

  • Sehr merkwürdig:


    In Hagen gab's letztes Jahr eine Neuinszenierung von Gounods "Faust". Na ja für meinen Geschmack, ein arg komischer Mischmasch ohne nennenswerten Tiefgang. Aber jetzt kommt das, was mich mehr als irritiert:


    Der Regisseur und Bühnenbildner Boucher zeichnet sich sonst durch absolute Werktreue aus. Seine Bühnenbilder sind so, dass Edwin wahrscheinlich schimpfend das Theater verlassen und ich begeistert in die Hände klatschen würde.


    Wieso nur liefert er in Deutschland so einen verkappten Murks ab? Rund um den Globus macht er ausschließlich traditionelle Inszenierungen, nur hierzulande nicht. Bedauerlich. Und bitte Edwin schreib jetzt nicht, daß er froh ist, dass er hier mal was anderes machen kann.


    LG,


    Knuspi

  • Zitat

    Zitat Knusperhexe
    Der Regisseur und Bühnenbildner Boucher zeichnet sich sonst durch absolute Werktreue aus. Seine Bühnenbilder sind so, dass Edwin wahrscheinlich schimpfend das Theater verlassen und ich begeistert in die Hände klatschen würde.


    Wieso nur liefert er in Deutschland so einen verkappten Murks ab?






    Interessant, was Du alles als "moderne Regie" bezeichnest. :no:


    :hello:

    ...

  • Interessant, was du alles als altbacken (?!) abtust. Laut Libretto spielt der Faust im Mittelalter, trotz des Anachronismus des Walzers. Was auf den Fotos zu sehen ist: Belle Epoque - und diese Zeitverschiebung gibt mir nun wirklich nichts Neues an Erkenntniswert mehr her, s. Ringthread. Da schwelge ich doch lieber in farbenfroher Mittelalter-Optik mit einem Touch Renaissance.


    :hello:


    Knuspi

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  • Hallo Knusperhexe,
    aber die Musik zum "Faust" hat so absolut keinen mittelalterlichen Touch, daß ich es geradezu als gegen die Musik inszeniert fände, wenn man ihre feingliedrige Eleganz mit mittelalterlicher Wucht auf der Bühne erschlüge.
    Abgesehen davon: Welche Erkenntnis geht durch die Zeitverschiebung verloren? Ich dachte immer, die Faust-Thematik wäre überzeitlich.
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Hallo Knusperhexe,
    aber die Musik zum "Faust" hat so absolut keinen mittelalterlichen Touch, daß ich es geradezu als gegen die Musik inszeniert fände, wenn man ihre feingliedrige Eleganz mit mittelalterlicher Wucht auf der Bühne erschlüge.
    Abgesehen davon: Welche Erkenntnis geht durch die Zeitverschiebung verloren? Ich dachte immer, die Faust-Thematik wäre überzeitlich.
    :hello:


    Entschuldige Edwin, aber diese Logik verstehe ich jetzt nicht, denn dann dürfte ein Komponist prinzipiell nur zeitgenössische Stoffe vertonen, weil sonst seine Musik ja nie zur Zeit "passt" - was immer du darunter verstehst. Und wieso ist ein mittelalterliches Bühnenbild per se wuchtiger als ein modernes??? Ich finde im Gegenteil, dass die heute so beliebten Monstertreppen und dem Kubismus entlehnte Konstruktionen die Musik viel eher erschlagen. Diesen Eindruck hatte ich z.B. bei der Züricher "Zauberflöte", obwohl ich an sich ein Kusej-Fan bin.
    lg Severina :hello:

  • Hallo Edwin,


    da gebe ich Dir völlig recht. Die Thematik ist überzeitlich, wobei das noch mehr auf das Schauspiel zutrifft. Die Oper reduziert in schönster Weise auf die Love-Story.


    Aber, was ist gewonnen, wenn's in die Entstehungszeit der Komposition verlegt wird? Ich ziehe daraus wirklich keinen Gewinn. Gerade das Mittelalter mit seiner bald zusammenkrachenden Welt (Gotik versus Renaissance) bietet so einenviel mystischeren Hintergrund für die Geschichte, den Gounod doch wohl auch absichtlich gewählt hat.



    Ich habe wunderschöne Bühnenbilder gesehen. Du kennst doch sicher auch den Murnau-Film. Ich kann kaum glauben, dass Dir eine Inszenierung in dieser Optik nicht auch gefallen würde.


    @Sevi: Bzgl. "Zauberflöte" - ich fand das Bühnenbild wirklich super, aber leider völlig unpassend und entfremdend für die Inhalte der Vorlage. Mich hat das Ganze runtergezogen - ich fühlte mich an den Film "Nachtwache" erinnert.


    LG,


    Knuspi

  • Hallo Severina,

    Zitat

    Entschuldige Edwin, aber diese Logik verstehe ich jetzt nicht, denn dann dürfte ein Komponist prinzipiell nur zeitgenössische Stoffe vertonen, weil sonst seine Musik ja nie zur Zeit "passt"


    Natürlich nicht - es kommt darauf an, ob die Musik einen Stoff transportiert. Wagner verwendet ja auch keine Anleihen an die mittelalterliche Musik - und es "funktioniert" dennoch.
    Wenn ich aber Gounods "Faust" höre, assoziiere ich mit dieser Musik nie und nimmer das Mittelalter, sondern eben allerfrühestens 18. Jahrhundert. Stünde auf der Bühne eine "mittelalterliche" Inszenierung, erschiene mir der Riß zwischen Anspruch des Werkes und tatsächlichem Werk relativ groß (nicht nur durch den Walzer). Insoferne bin ich in der Regel sehr froh, wenn Gounods "Faust" von Regisseuren ein wenig in der Zeit verschoben wird. Für mich erscheint das wesentlich passender.


    Bei Murnau ist es ein anderer Fall: Dieser Film ist durch den Expressionismus gebrochen, versucht also ebenfalls keineswegs ein Mittelalter nachzustellen, sondern ein Mittelalter aus der (expressionistischen) Fantasie zu erschaffen. Unser Knusperhex würde aber, wenn ich ihn richtig verstanden habe, auf der Bühne gerade diese Brechung ablehnen, da er ja eine 1:1-Übertragung durch den Regisseur will und eigenständiges Weiterdenken der Vorlage durch den Regisseur ablehnt.


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Hallo Severina,


    Natürlich nicht - es kommt darauf an, ob die Musik einen Stoff transportiert. Wagner verwendet ja auch keine Anleihen an die mittelalterliche Musik - und es "funktioniert" dennoch.
    Wenn ich aber Gounods "Faust" höre, assoziiere ich mit dieser Musik nie und nimmer das Mittelalter, sondern eben allerfrühestens 18. Jahrhundert. Stünde auf der Bühne eine "mittelalterliche" Inszenierung, erschiene mir der Riß zwischen Anspruch des Werkes und tatsächlichem Werk relativ groß (nicht nur durch den Walzer). Insoferne bin ich in der Regel sehr froh, wenn Gounods "Faust" von Regisseuren ein wenig in der Zeit verschoben wird. Für mich erscheint das wesentlich passender.
    ...


    Hallo Edwin


    Interessant, interessant....


    Wenn ich dich aber recht verstanden habe - und das ist ja bekanntlich ganz und gar nicht selbstverständlich -, dann müsstest du z.B. aus deinen geschilderten Gründen bei einer Oper des 19. Jahrhunderts eine Inszenierung, die das Geschehen in die nähere oder unmittelbare Gegenwart verlagert, kategorisch ablehnen. Wegen Riss zwischen Anspruch und Wirklichkeit, oder so ähnlich....




    Zitat

    Wagner verwendet ja auch keine Anleihen an die mittelalterliche Musik - und es "funktioniert" dennoch.


    Das könnte man diskutieren, und es sind darüber sicherlich schon Dissertationen geschrieben worden.


    Wagner verwendet lauter alte Stoffe und textet seine Werke in Sprachen, die zumindest alt anmuten, wie sie zu seiner Zeit ganz und gar nicht verwendet werden. Da aber die Sprachmelodie eine ganz wichtige Rolle spielt, klingt Wagner für seine Zeitgenossen von dieser Seite her sicherlich sehr alt, wenngleich vielleicht nicht mittelalterlich. ;)
    Ob die Musik keine Anleihen bei mittelalterlicher Musik macht, kann ich nicht sagen (würde mich aber nicht wundern), aber sie klingt anders als alles, was es damals gab - so gesehen natürlich sehr modern, aber ihr zumeist etwas getragenes Wesen zusammen mit den sehr einfach gehaltenen musikalischen Elementen wird in Verbindung mit der altertümlichen Sprache auf seine Zeitgenossen sicherlich erfolgreich den Eindruck erweckt haben, dass diese Stoffe sehr weit zurück liegen.


    Und das ist für den Durchschnittsmenschen heutzutage nicht anders. Drück jemandem, der mit klassischer Musik wenig und mit Wagner nichts am Hut hat, einmal ein Textblatt vom Tristan in die Hand, und er wird dir nach zehn Zeilen den Wisch kopfschüttelnd und entnervt zurückgeben...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    .


    Bei Murnau ist es ein anderer Fall: Dieser Film ist durch den Expressionismus gebrochen, versucht also ebenfalls keineswegs ein Mittelalter nachzustellen, sondern ein Mittelalter aus der (expressionistischen) Fantasie zu erschaffen. Unser Knusperhex würde aber, wenn ich ihn richtig verstanden habe, auf der Bühne gerade diese Brechung ablehnen, da er ja eine 1:1-Übertragung durch den Regisseur will und eigenständiges Weiterdenken der Vorlage durch den Regisseur ablehnt.


    :hello:


    Hallo Edwin,


    "unser" bitte nicht.


    Weiterhin: Der Expressionismus ist bei Murnaus "Faust" sehr, sehr gebremst, anders als z.B. bei "Caligari" oder bei Langs "Mabuse". Sowohl beim "Golem" als auch beim "Faust" fällt die Zuordnung selbst einem Laien leicht: Phantastisches Mittelalter - schon allein auf Grund der Kostüme. Ich sehe darin also mitnichten eine Vergewaltigung der Vorlage.


    Im Falle einer Zeitbrechung bzw. Verschiebung sieht das anders aus: Da fehlt mir schlicht der plausible Grund. Mir persönlich ist dadurch keine neue Erkenntnis gekommen.


    LG,


    Knusperhexe

  • Hallo Theophilus,

    Zitat

    Wenn ich dich aber recht verstanden habe - und das ist ja bekanntlich ganz und gar nicht selbstverständlich -, dann müsstest du z.B. aus deinen geschilderten Gründen bei einer Oper des 19. Jahrhunderts eine Inszenierung, die das Geschehen in die nähere oder unmittelbare Gegenwart verlagert, kategorisch ablehnen. Wegen Riss zwischen Anspruch und Wirklichkeit, oder so ähnlich....


    Leider kein Volltreffer beim Edwin-Verstehen... (Aber Übung macht den Meister! :D )
    Der Grund ist einfach der, daß es sich beim Werk um eine primäre Äußerung handelt, also um die Äußerung des Autors.
    Bei der Regie handelt es sich aber um eine sekundäre Äußerung, sozusagen um einen Textkommentar, eben um eine Interpretation.
    Während der Autor sein Wissen, Können, seine Ansichten etc. in dem Werk ausdrückt, erkllärt der Interpret, im vorliegenden Fall der Regisseur, was ihm dazu einfällt, wie er, der Regisseur, es sieht.


    Wenn also ein Komponist einen "Faust"-Stoff mit einer durchaus hübschen Musik versieht, die aber auch etwas lieblich ist und eher das Lebensgefühl der Zeit Gounods wiederspiegelt als dasdes Mittelalters, tut ein Regisseur meiner Meinung nach gut daran, die Wirkung des Werkes mit seiner Erscheinungsform auf der Bühne in Einklang zu bringen. Während mir für Gounods "Faust" sowohl eine "mittelalterliche" Inszenierung (als zu schwer) und eine Regietheater-Inszenierung (als Überinterpretation) falsch erschiene, kann ich mir Busonis "Faust" sowohl mit der einen als auch mit der anderen Interpretation vorstellen. Jedes Werk "trägt" eben anders. (Und nicht jedes ist für das Regietheater geeignet.)


    ------------------------


    Hallo Knusperhexe,
    Du würdest es also akzeptieren, wenn ein Regisseur Gounods "Faust" als bewußtes Stilzitat des (genialen!) Murnau-Filmes anlegen würde?
    Vorsicht! - So gerät man in die Klauen postmoderner Regieansätze...!!! :D


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner


    Hallo Knusperhexe,
    Du würdest es also akzeptieren, wenn ein Regisseur Gounods "Faust" als bewußtes Stilzitat des (genialen!) Murnau-Filmes anlegen würde?
    Vorsicht! - So gerät man in die Klauen postmoderner Regieansätze...!!! :D


    :hello:


    Hallo Edwin,


    keine Bange, da gerate ich nicht rein. :]Als bewußtes Stilzitat, so wie Pet Halmen den "Caligari" für seine Inszenierung des "Cardillac" oder so wie viele Regisseure Hitchcocks "Vertigo" neuerdings für "Die tote Stadt" benutzen, kann ich das nur ablehnen. Das ist eine Totgeburt und im schlimmsten Falle käme so was raus, wie bei Ponelle, der einmal alle Darsteller - ebenfalls bei "Die tote Stadt" glaube ich - in Stummfilmgesten posieren lies. Wobei das da ja sogar noch irgendwie passte. Aber für "Faust" wäre das doch nur ein nicht nachvollziehbarer Kinotop.


    Mir geht es um eine Weiterentwicklung:


    Wie sieht Gounod das Mittelalter beim Faust? Wie schaffe ich das - ohne Holzhammermethode - zu transportieren? Wie kriege ich diese Enge rüber? Dieses sich gegenseitig Belauern im gesellschaftlichen Miteinander? Wie den Zwiespalt zwischen Forschungsdrang, Aberglauben und tiefer, echt empfundener Religiosität?



    Viele Grüße aus Köln

  • Hallo Knusperhexe,

    Zitat

    Wie sieht Gounod das Mittelalter beim Faust? Wie schaffe ich das - ohne Holzhammermethode - zu transportieren? Wie kriege ich diese Enge rüber? Dieses sich gegenseitig Belauern im gesellschaftlichen Miteinander? Wie den Zwiespalt zwischen Forschungsdrang, Aberglauben und tiefer, echt empfundener Religiosität?


    Wenn ich das schriebe, würde es als Statement pro Regietheater gewertet werden. Tatsächlich wäre dasein brauchbarer Ansatz.
    Aber - und das unterscheidet uns: Meiner Meinung nach brauche ich für Deine (absolut begrüßenswerten) Ideen nicht eine auf das Mittelalter zurückweisende Ausstattung, die diesen Ansatz viel zu sehr als zeitlich begrenzt definieren würde.
    Den absolut identischen Ansatz (Enge, gegenseitiges Belauern, Forschungsdrang gegen Aberglauben, Religion gegen Negierung von Werten) sähe ich in einer "modernen" Inszenierung eher hautnah vermittelt.
    :hello:

    ...

  • ...und auf Grund dieser unserer so unterschiedlichen Ästhetik werden wir auch nur höchst selten zusammenfinden, wie z.B. beim Herzog "Lohengrin":D
    :hello:
    Knuspi

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