Operninszenierungen - modern vs. "altmodisch"

  • Hallo Taminoaner!


    Seit einiger Zeit stelle ich fest, dass es inzwischen fast ausschließlich moderne Operninszenierungen gibt, die meistens sehr unterkühlt wirken und einen meiner Meinung nach nicht besonders berühren und teilweise auch noch den Inhalten der Opern nicht gerecht werden oder sie entfremden. Ich verfolge diese Entwicklung mit relativ großem Bedauern, weil ich finde, dass die Oper ein Genuss sein und durch Schauspiel und schöne Szenen, natürlich neben dem Gesang, Geschichten erzählen sollte und einen nicht dazu zwingen sollte erstmal die Inszenierung zu durchschauen um dann irgendwann hinter den Inhalt der Oper zu kommen. Nach meinem Geschmack ist es unsinnig zu versuchen Opern in die moderne Zeit zu übertragen (zum Beispiel die Gassenjungen in Carmen als Soldaten darzustellen, was ich letztens gesehen habe), denn wenn man - bzw ich muss sagen, wenn ich in die Oper gehe, dann möchte ich ja gerade in eine andere Zeit versetzt werden. Dieser Zauber wird den Opern meiner Meinung nach durch die leeren, kalten Kulissen und die zum Teil blutüberströmten Darsteller fast gänzlich genommen. Zum Glück bleibt die wunderschöne Musik noch übrig. Mich würde jetzt mal interessieren wie das die anderen so sehen und ob moderne Inszenierungen vielleicht entgegen meinem Eindruck doch ganz beliebt sind.


    Also was meint ihr - Modern oder doch lieber in der alten Pracht?


    LG, Kathi =)

  • Liebe Kathi,
    Dieses Thema wurde bei uns schon mal behandelt - aber das ist schon einige Zeit her.Da sind etliche Neumitglieder dazugekommen....


    Da ich dieses Thema SEHR liebe, bitte ich meine Moderatorenkollegen, diesen Thread nicht mit dem alten zu verknüpfen, sondern ihn sich neu entwickeln zu lassen. Die von mir gewohnten Bosheiten zu diesem Thema sind schier unerschöpflich - und ich werde im Laufe der nächsten Tage mein Scherflein zu diesem Thread beitragen


    mgf
    aus Wien


    Alfred

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......


  • meine vorlieben liegen eindeutig bei den modernen inszenierungen.


    für mich ist oper keine märchenstunde oder entspannung a la traumschiff,
    sondern künstlerischer spiegel des lebens. darum kann ich mit manchen
    opern auch überhaupt nichts anfangen, wenn ich darin keinen bezug zu
    meinem leben mitsamt meiner umwelt finde.


    bezüglich alter pracht und blutüberströmten sänger: allein die erste szene
    mozart - don giovanni: wenn der komtur erstochen wird. fliesst da etwa kein blut?
    rigoletto: gilda wird im sack erstochen - ohne blut?
    tosca - ein gefolterter - in der damaligen zeit, ohne blut, kaum vorstellbar.


    faun

    die kritik ist das psychogramm des kritikers (will quadflieg)

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Die von mir gewohnten Bosheiten zu diesem Thema sind schier unerschöpflich - und ich werde im Laufe der nächsten Tage mein Scherflein zu diesem Thread beitragen


    Der alte Sturm - die alte Müh´... Da werd´ich wohl schon mal prophylaktisch einige Schützengräben ausheben, meine Stellungen befestigen und neue Unterstände bauen. Man will ja für diesen Generalangriff gewappnet sein. ;)


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • So modern wie geht - so altmodisch wie notwendig.
    Soll heißen: Eine Regie ist die szenische Interpretation eines Werkes, nicht ein neues Werk. Zahlreiche Regisseure des sogenannten Regietheaters erfinden Paraphrasen des jeweiligen Werkes, müssen dann aber, um sich verständlich zu machen, zwangsläufig zur Holzhammer-Methode greifen, weil ihre Überlegungen im Original ja gar nicht (oder nur als Nebenstrang) enthalten sind.
    Ich habe leidenschaftlich Chéreaus "Ring"-Regie verteidigt und tue es noch: Ich halte das für eine eigenwillige Lesart des "Ringes" - aber keineswegs für eine Vergewaltigung von Wagners Werk.
    Wenn mir aber eine Regisseurin den "Fliegenden Holländer" als Klassenkampf-Stück mit Frauenbefreiungs-Thematik serviert, geht das spätestens mit der Rolle Sentas nicht zusammen.
    Oder: Schönbergs "Erwartung" als Sitzung beim Psychiater - originell, nicht wahr?
    Oder: Schrekers "Gezeichnete" verpflanzt in die Mussolini-Ära, letzten Endes aber doch nur ein Drogenrausch. Sozusagen Bruch im eigenen Regiekonzept.
    Oder: Puccinis "Le Villi" als Lesben-Coming out.
    Oder: Strawinskijs "Geschichte vom Soldaten" als Todesvision des Soldaten, um ein paar zusätzliche Personen erweitert (etwa einer Seele des Soldaten) und auf 2 Stunden Spieldauer gedehnt.
    Die Liste ließe sich endlos weiterführen mit ähnlichen Beispielen frei assoziativen Umganges mit einem Werk.
    Regiearbeiten dieser Art lehne ich ab - sie verstoßen nicht gegen ein Werk, es ist schlimmer: Sie ignorieren das Werk praktisch.
    Und ich werfe ihnen außerdem vor, daß sie mitschuld sind daran, daß es immer weniger neue Werke gibt. Das Interesse verlagert sich gänzlich auf die Regie, das Ergebnis wird als neues Stück wahrgenommen - was es ja auch ist, bloß mit einer relativ bekannten Musik, etwa von Mozart, Wagner oder Verdi.

    ...

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Da ich dieses Thema SEHR liebe, bitte ich meine Moderatorenkollegen, diesen Thread nicht mit dem alten zu verknüpfen, sondern ihn sich neu entwickeln zu lassen.


    Da ich das nicht machen kann, weise ich aber aber auf diesen älteren thread hin. Da steht auch meine Meinung zum Thema drin.

  • Ich finde, wenn jemand mit der Opoer wie sie gedacht war nichts anfangen kann - dann soll er die Hände davon lassen.


    Moderne Oper - Warum nicht - Ein neues Libretto - neue Musik und neue Regieeinfälle - und - ein leeres Haus - macht nix , es wird eh subventioniert. Das alles stört mich nicht - wenn es dreihundert Leuten gefällt - sollen sie ihren Spaß haben - es wurde schon sinnloser Geld verplempert.


    ABER - Hände weg von den klassischen Stücken - dem eisernen Bollwerk der Konservativen.


    Ich wünsche eine Oper so zu sehen wie sie im Libretto beschrieben ist - mit allem pi pa po. Oper ist musikalisches Märchen für Erwachsene.
    Wenn irgendwo steht, das Werk habe im Spanien des 16. Jahrhunderts zu spielen - dan erwarte ich, daß das auch szenisch umgesetzt wird - möglichst naturalistisch, zur Not auch bombastisch übertrieben. Egal ob die Sänger an diesem Abend indisponiert sind oder hervorragend - EINER Forderung die ich an Theater im Allgemeinen stelle, wurde mit einem aufwändigen Bühnenbild bereits erfüllt. Oft ist der "historische Rahmen" sowieso das einzig interessante an einem Werk, dessen Ausgang man natürlich schon kennt. (Für Erstbesucher ist das anders - die haben die Gnade das Werk mit allen Überraschungen zu erleben, die der Librettist für sie ausgedacht hat - vorausgesetzt die Regie vergewaltigt das Stück nicht.


    Aus meiner Sicht gibt es 4 Gründe für "moderne Inszenierungen" (was ja zumeist mit so gut wie nicht existenter Ausstattung verbunden ist.


    1) Es ist kein Geld da eine ansprechende Aufführung zustande zubringen


    (Darunter verstehe ich Aufführungen an denen beispielsweise einer der genannten Herren mitgewirkt hat: Zeffirelli - Pagano - Schenk - Hampe - Ponelle)


    2)Man will die Oper töten indem man das bürgerliche Stammpublikum vergrault. Moderne Inszenierungen sind hier ein sehr effizienter Weg.
    Junge Leute, die erstmals in die Oper gehen haben keinen Vergleich gegenüber früher -und glauben das MUSS so sein.


    Dass auch junge Leute märchenhafte Ausstattung mögen kann man an Verfilmungen wie beispielsweise "Der Herr der Ringe" sehen. SO aufwändig waren einst Bühnenbilder.


    3)Jemand möchte sich profilieren, der von historischen Bezügen überhaupt keine Ahnung hat - und froh ist für ein Publikum zu inszenieren - das genauso ahnungslos ist wie er selbst.


    4)Jemand möchte eine politische Aussage machen.
    Weil ihm freiwillig aber niemand zuhören würde begibt er sich unter den schützenden Mantel eines klassischen Werkes.


    Ich bin überaus glücklich, daß der Widerstand gegen diese abgrundtief hässlichen Neuinszenierungen ausgerechnet von der Jungen Generation zu kommen scheint - und daß jetzt viele ältere endlich das sagen was sie wirklich über moderne Inszenierungen denken.


    Ich möchte an dieser Stelle auf drei artverwandte Thread verweisen, die unser Thema auch behandeln. Einer wurde von Pius bereit genannt.


    Opernaufführungern der Vergangenheit und ihre Bühnenbilder
    Live aus Salzburg "La Traviata" - Eine Nachlese
    Moderne Inszenierungen - Totengräber der Oper ?


    morgen abend bei Bedarf mehr...


    mfg
    aus Wien
    Alfred

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......


  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    So modern wie geht - so altmodisch wie notwendig.


    Salut!


    Dem kann ich in dem Sinne zustimmen:


    So modern wie geht


    Wenn man die modernen technischen Mittel ausnutzt, um die Intentionen des Librettisten und Komponisten "perfekter" umzusetzen - ohne dass es auffällt. Was zählt, ist die perfekte Illusion. Und da wäre mit moderner Technik noch einiges herauszuholen, ganz sicher.


    so altmodisch wie notwendig


    Da ist die Frage, was Du unter "altmodisch" verstehst?


    Liebe Grüße
    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Zitat

    "altmodisch"


    Das meine ich ohne Abwertung in dem Sinn, daß man die Aussage eines Werkes unangetastet läßt.


    Insoferne gehe ich nicht ganz mit Alfred konform. Ich glaube, daß man Opern durchaus behutsam modernisieren und im Ambiente (das der Bühnenbildner in Absprache mit dem Regisseur liefert) eine überzeitliche Bedeutung sichtbar machen kann.
    Wogegen ich mich wende, ist die Verfälschung eines Werkes. Wenn beispielsweise der "Lohengrin"-Heerrufer als SS-Mann auftritt, suggeriert das Zusammenhänge, die der Komponist niemals angedacht hat.
    Wenn hingegen die "Parsifal"-Gralsritter als etwas eigenartiger Männerbund dargestellt werden, habe ich weniger dagegen. Aus der Sicht jener, die außerhalb des Bundes stehen, sind sie das zweifellos gewesen. Hier wird nicht uminterpretiert, sondern lediglich die Optik verändert. Das ist per se noch nicht gut, aber für mich noch lange keine Verfälschung.

    ...

  • Auch ich bin ganz klar gegen moderne Inszenierungen die nur auf Skandal und Effekthascherei aus sind!!


    Ich habe nichts gegen eine moderne Inszenierung die Hand und Fuß hat und bei der ich durch das komplette Stück jede Handlung und jeden Personenführung verstehe und die auch schlüssig ist!!

    Zudem nervt es mich, dass oftmals aktuellestes Weltgeschehen in eine Oper verarbeitet wird, solch eine Oper wird nie langfristig laufen! Da sich das Weltgeschehen dementsprechend schnell verändert und das in die Oper verarbeitete Problem auch altert und nicht mehr aktuell und schlüssig ist.


    Ansonsten ist für mich Oper, wie schon Alfred sagte, eine Art Traumwelt.


    Typisches Beispiel ist für mich Mozarts Figaro oder Giovanni, Opern die ja oft in die Neuzeit verlegt werden (Geschäftmänner etc...) aber das ist für mich nicht wirklich schlüssig!!!Ein Verhältnis zwischen Firmenchef und Angestellten erreicht doch nie die Dimension zwischen Leporello und Giovanni oder Graf und Figaro, diese Ständegesellschaft ist nicht in eine andere Ziet zu versetzen oder nur schwer...


    Soweit erst mal von mir...


    Mfg Richard

  • Um auf ein paar Beiträge einzugehen:


    Ich bin nicht gegen die Benutzung von modernen Mitteln, Effekte herzustellen. Erst vor ein paar Monaten habe ich in Karlsruhe eine Inszenierung des fliegenden Holländers gesehen, die mir sehr gut gefallen hat und voll war von Effekten, sowohl in Beleuchtung als auch in Geräuschen. Trotzdem war die Inszenierung, was zum Beispiel die Kostüme angeht "altmodisch". So war quasi modern mit altmodisch verknüpft, eine "altmodische" Inszenierung schließt also moderne Effekte, die Spannung erzeugen, nicht aus. Mich stört nur, wie schon gesagt die Kälte und meistens sozusagen "Rationalisierung" der heutigen Inszenierungen. Und mit blutüberströmten Figuren meine ich nicht, dass die Handlungen der Opern nicht meistens auch blutig sind, aber meiner Meinung nach wird da manchmal etwas übertrieben, zum Beispiel wenn Konstanze aus der Entführung in einem blutüberströmten Nachthemd erscheint. Diese Oper habe ich auch schon ohne Blut gesehen, was ihrer Handlung und der Spannung auf keinen Fall etwas genommen hat.


    LG, Kathi

  • Zitat

    Typisches Beispiel ist für mich Mozarts Figaro oder Giovanni, Opern die ja oft in die Neuzeit verlegt werden (Geschäftmänner etc...) aber das ist für mich nicht wirklich schlüssig!!!Ein Verhältnis zwischen Firmenchef und Angestellten erreicht doch nie die Dimension zwischen Leporello und Giovanni oder Graf und Figaro, diese Ständegesellschaft ist nicht in eine andere Ziet zu versetzen oder nur schwer...


    Da werden wir in Zukunft, fürchte ich, weniger Verständnisschwierigkeiten haben. Durch den weitgehend von Fesseln und Skrupeln befreiten Radikalkapitalismus befinden wir uns inmitten einer Refeudalisierung der Gesellschaft. "Wohlstand für alle" ist von gestern, eine kleine Schicht immer reicher werdender VIP wird sich am Ende dieses Prozesses eine Vielzahl "personennaher Dienstleister", sprich lausig bezahlter Billigjobber, halten, die dann kochen, putzen, pflegen "dürfen". Herr und Knecht eben. Hoffentlich gibt es dann noch genügend Menschen vom Schlage Figaros: "Se vuol ballare, Signor Contino..."


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Jemand möchte eine politische Aussage machen.
    Weil ihm freiwillig aber niemand zuhören würde begibt er sich unter den schützenden Mantel eines klassischen Werkes.


    :D


    Davon kann man als Frankfurter Operngänger ein Liedlein singen...

  • Wir befinden uns hier in einem Forum über klassische Musik. Wenn ich mich nicht irre schliesst das Diskussionen über die Interpretation der von uns heissgeliebten Werke nicht aus, nein, es ist sogar das Ziel dieses Forums diese zu besprechen und zu akzeptieren das es äusserst unterschiedliche Ansichten über ein und dasselbe Werk gibt.


    Was ich nun nicht wirklich verstehe, ist das die Interpretation des Librettos zu diesen Werken hier von immer denselben so dermaßen verteufelt wird.
    Diesselben Personen diskutieren mit höchstem Interesse, bzw. lieben womöglich sogar Opernaufnahmen eines Jacobs genauso wie Aufnahmen desselben Werkes mit Karajan, ohne sich scheinbar im klaren zu sein das hier sozusagen grundverschiedene Werke zum besten gegeben werden.
    In den Inszenierungen findet derselbe Weg statt, würde früher einzig und alleine an der Oberfläche der Werke gekratzt, (sprich: Schöne Bilder aber nix dahinter ) so versuchen Regisseure heute den Werken auf den Grund zu gehen, oder wird jemand ernstlich behaupten wollen das sich ein Zeffirelli mehr Gedanken über ein Stück gemacht hat als ein Konwitschny? Doch wohl eher nicht.
    Man sollte sich davon verabschieden das die Inszenierung "Beigemüse" zur Musik ist sondern mit ihr Hand in Hand geht, beides kann ohne das andere nicht vollkommen sein!

  • Zitat


    Mich würde jetzt mal interessieren wie das die anderen so sehen und ob moderne Inszenierungen vielleicht entgegen meinem Eindruck doch ganz beliebt sind.


    Also was meint ihr - Modern oder doch lieber in der alten Pracht?


    Ich mag "die alte Pracht" nicht, weil das für mich "Kitsch" ist und ich Kitsch nicht mag. Ich will mich in der Oper nicht fühlen wie zuhause auf dem Sofa, nachdem mich meine Freundin genötigt hatte, ein paar Folgen der Telenovela "Sophie - Braut wider Willen" zu schauen. :yes:
    Ich begreife Oper nicht als Nische, in die ich mich zurückziehe, um einer barbarischen, stillosen, kalten Welt zu entfliehen.
    Ich mag lebendiges Theater mit Bezügen zum Jetzt und Hier, welches mich noch Tage nach der Aufführung beschäftigt.
    Ich schließe mich also dem faun an.


    Wenn eine Oper im Spanien des 16.Jahrhunderts spielt, ist das übrigens unrealistisch, weil die Menschen im Spanien des 16.Jahrhunderts nicht zu romantischer Orchestermusik singend miteinander kommunizierten. Das macht niemand einer Oper zum Vorwurf (außer den neunzig Prozent der Bevölkerung, die jederzeit lieber ins Kino gingen). :pfeif:


    Oper ist also keine realistische Abbildung, sondern Kunst. Große Kunstwerke sind immer mehrdimensional. Natürlich kann ich "Madame Butterfly" als Kitsch a la "Sophie - Braut wider willen" anschauen, dadurch der bösen Welt um mich herum für zwei Stunden entfliehen, die tollen Kostüme und die Stimmen großer Diven bewundern und in der Pause meine Lachshäppchen genießen.
    Ich kann aber auch begreifen, dass da ein Kind missbraucht wird und dann bleibt mir das Lachshäppchen im Hals stecken und ich merke, dass Oper mehr zu sagen hat als "Lehn Dich zurück und lausche schönen Klängen".


    Wo wir von Soldaten sprechen...


    Ich kann einen Soldaten so abbilden:

    Oder so:


    Und so kann ich auch Opern entweder mit Zuckerguss übergießen oder versuchen, sie als Kunstwerk ernstzunehmen.

  • Zitat

    Man sollte sich davon verabschieden das die Inszenierung "Beigemüse" zur Musik ist sondern mit ihr Hand in Hand geht, beides kann ohne das andere nicht vollkommen sein!


    Das sehe ich auch so aber es ist doch heute leider zu oft der Fall, dass die Inszenierung so dominat das Geschehen beherrscht,dass die Musik ins hintertreffen gerät.


    Die Musik steht für mich ganz klar an erster und wichtigster Stelle und ihr ist alles unterzuordnen!


    Und eine gute Inszenierung unterstützt sogar noch die Musik und eröffnet einen neuen Zugang, das sollte doch der Idealfall sein.


    Ich sah im letzten Jahr eine Macht des Schicksals Inszenierung in Berlin an der Deutschen Oper, die bereits um die 20 Jahre läuft und zwar erfolgreich. Weil sie genau diese Aspekte erfüllt! Modern, schlüssig und trotzdem zeitlos....

  • Salut,


    da Oper nicht realisitsch ist und auch diesen Anspruch gar nicht hat [deswegen ist Dein Argument irrelevant], scheidet Bild zwei definitiv aus. Wobei ich beide gezeigte Bilder eher harmlos finde - in Bild II überwiegt doch das goldige Kind vor der Waffe...


    Wenn Oper also realistisch sein soll, dann lasst Euch etwas komponieren, was Euren Vorstellungen entspricht und vor allem: Lasst "uns" damit in Frieden.


    Abgesehen davon gibt es mindestens zwei Gründe, die gegen eine moderne Inszenierung sprechen:


    1. Es wird immer unterlassen, die veraltete Musik anzupassen. Wer kann denn sowas ertragen? Wer verstehen? Moderne Ohren brauchen da ganz anderes...


    2. Ist die "klassische" Inszenierung eine ebensolche Kunst, die nur wenige beherrschen. Es geht tatsächlich um die Reproduktion eines vorgegebenen Kunststiles, wie auch bei der Musik.


    Liebe Grüße
    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)


  • Das sehe ich eben nicht mehr ganz so. Für mich sind beide absolut gleichgestellt, würde sogar im ernstfall den Text an erste Stelle setzen, denn aufgrund diesem wurde die Musik geschrieben, aufgrund diesem muss sie auch interpretiert werden ( sowohl musikalisch als auch szenisch ).

  • Zitat


    da Oper nicht realisitsch ist und auch diesen Anspruch gar nicht hat [deswegen ist Dein Argument irrelevant], scheidet Bild zwei definitiv aus. Wobei ich beide gezeigte Bilder eher harmlos finde - in Bild II überwiegt doch das goldige Kind vor der Waffe...


    Die Bilder sollen doch nur verdeutlichen, dass es verschiedene Interpretationen des Wortes "Soldat" gibt.
    Beide Bilder zeigen zweifellos Soldaten, sind also keine Fehlinterpretationen. Das ist die Mehrdimensionalität.
    Dass die Bilder dann zusätzlich noch vom Betrachter interpretiert und mit Assoziationen verknüpft werden, zeigt sich daran, dass bei Dir ein "putziges Kind" im Vordergrund steht und bei anderen unmittelbar weniger harmlose Assoziationen ausgelöst werden.
    So wie mit dem Begriff "Soldat" ist es auch mit einer guten Oper, sie ist inhaltlich mehrdimensional und somit sind viele der von einigen pauschal verteufelten modernen Inszenierungen alles andere als "Fehlinterpretationen", sondern bloß ein anderer Blickwinkel.
    Wenn ich eine Sache immer nur aus dem gleichen Blickwinkel betrachte und außerdem noch aus einer gemütlichen Distanz heraus, dann habe ich weniger von ihr gesehen, als wenn ich meinen Standpunkt auch einmal verändere.


    Zitat


    Wenn Oper also realistisch sein soll, dann lasst Euch etwas komponieren, was Euren Vorstellungen entspricht und vor allem: Lasst "uns" damit in Frieden.


    Aber "ihr" argumentiert doch mit dem Realismus (begriffen als "Werktreue") - die Oper soll realistisch ins Spanien des 16. Jahrhunderts versetzt sein, weil es so in der Partitur vorgeschlagen wird. Dass der Realismus so oder so nur ein trügerischer ist, wollte ich mit meinen Bildern zeigen.
    Wenn in Beethovens Partituren Metronomangaben stehen, die dann vom Interpreten radikal missachtet werden, geraten manche trotzdem in Verzückung, die sonst am liebsten immer BUH schreien würden, wenn in einer Oper, die im 16. Jahrhundert spielen soll, ein Mobiltelefon auftaucht...


  • ad1.: Du solltest dir schleunigst das Wort "anpassen" abgewöhnen. Das ist ein Vorwurf den sich kein Sänger/Regisseur/Dirigent der heutigen Zeit gefallen lassen muss, es geht immer um Interpretation und wenn du der Meinung bist das Da Ponte etwas dagegen hätte das seine Libretti interpretiert werden, weshalb schrieb er sie dann so vielschichtig und tiefsinnig? Er hätts doch eindeutig machen können und somit niemandem eine Möglichkeit dazu geben können sie später mal zu "verhunzen".


    ad2.: Die "klassische" Inszenierung ist in dem Sinne keine Kunst, da man hierfür nur die Regie-Anweisungen die in den Libretti abgedruckt sind befolgen müsste und den Text haarklein ausspielen müsste, sprich: Es ist Reproduktion und keine eigene Kunst.

  • Zitat

    Es ist Reproduktion und keine eigene Kunst


    Für mich ist eine gute gelungene Reproduktion auch Kunst!
    Tolle Kostüme, atemberaubende Bühnenbilder erschaffen, ist dies keine Kunst? Ich denke schon.


    Und wenn ein Komponist, nehmen wir Wagner, doch in seinen Aufzeichnungen und bei der Probenarbeit ganz klare Anweisungen macht wie etwas auszusehen hat sollte man dies doch auch befolgen! Er hat sich ja etwas dabei gedacht.
    Das heißt wiederum nicht, dass man alles gleich machen sollte dann ist eine Interpretation nicht nötig.Aber ich habe das Gefühle, dass sich viele Regiesseure diesem Kompromiss entziehen und diese vom Komponist gemachten Aussagen ignorieren, da sie ihnen nicht in ihr Konzept passen.


    Mfg Richard

  • Damit wir uns einmal klarer verstehen, was ich für akzeptabel halte und was nicht, einmal zwei Beispiele.


    Beispiel 1: Wagners "Walküre", 2. Akt/Erstes Bild/Inszenierung von Patrice Chéreau
    Ein Niemandsland, al Dekoration ein Spiegel und ein langsam kreisendes Pendel. Wotan und Fricka sind durch die Kostüme ausgewiesen als "Kapitalisten" - und dennoch hat die Szene eine Magie: Es ist wie ein Traum, von allen Banden gelöst. Es wird eine große Vision beschrieben ausschließlich durch filmisch präzise Personenregie. Wenn Wotan sagt: "Nur eines will ich noch: Das Ende", hält er das Pendel an und signalisiert seine Rolle als Handelnder, nicht als Getriebener.
    Für mich: Nicht nur zulässig, sondern von einer derart suggestiven Kraft, daß ich diese Szene nie wieder vergessen habe.


    Beispiel 2: Schrekers "Die Gezeichneten", 2. Akt/Inszenierung von Hans Neuenfels
    In Carlottas Schrebergarten, inklusive Wellblechbaracke. Die kranke Carlotta erzählt von einer Freundin, die immer nur Hände malte (in Wahrheit erzählt sie ihre eigene Geschichte). Kaum fällt das Wort "Hände", kommen aus den Hecken behandschuhte Hände hervor. Carlotta gibt sich ihnen hin, lässt sich von den anonymen Händen begrapschen und hat einen Orgasmus - der in sie verliebte Alviano sieht dabei zu.
    Was für ein Quatsch! Zu diesem Zeitpunkt sind Carlotta und Alviano ineinander verknallt. Alviano schaut zu, wie seine Partnerin von fremden Händen zum Orgasmus gebracht wird? Ach so, das ist nicht realistisch gemeint... Deshalb braucht der Regisseur den Holzhammer und drischt mit ihm auf den Zuschauer ein: "Merke, oh du zusehender Vollidiot, Carlotta ist durch viele Hände gegangen, ehe sie in Alviano ihre große Liebe erkennt." Ach was, Hänschen N., auf die Idee wär' ich von selber gar nicht gekommen, danke für den szenischen Hinweis - aber: Nein, danke...

    ...


  • Was ich viel eher glaube ist, das jeder Komponist mit solchen Aufzeichnungen eine Möglichkeit aufzeigt wie es gehen könnte und nicht wie es sein muss. Ich bin der festen Überzeugung, das die Künstler von damals bereits soweit gedacht haben, wenn nicht sogar gehofft haben, das ihre Werke unsterblich sein werden und von nachfolgenden Generationen in deren Blickwinkel interpretiert werden.

  • Wobei gerade Wagner es war, der mit den Inszenierungen seiner Zeit mehr als unzufrieden war - und sich in einer verzweifelten Stunde daher das "unsichtbare Theater" wünschte.


    Eine Aufführung ist immer ein eigenständiges Kunstwerk mit dem zugrunde gelegten Werk als strukturbestimmendem Element. Das "Werk an sich" existiert nicht und wird nur durch Aufführung zum Leben erweckt. Bei der Aufführung kommen viele eigenständige Teile zusammen, die dann in Beziehung zueinander gesetzt werden müssen: Werk, Licht, Bühnenbild, Sänger, Chor, Orchester etc. Das Werk ist, wie gesagt, Grundlage und Ausgangspunkt der Inszenierung, es muss aber ausgelegt und interpretiert werden. Wer Interpretation scheut, sollte am besten die Finger von der Opernregie lassen. Reine Bebilderungen sind, falls das Stück wesentlich mehr hergibt, eine Flucht ins Ungenaue und damit eben nicht "werktreu", um diesen oft mißbrauchten Begriff zu benutzen.



    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Michael!

    Zitat

    Ich bin der festen Überzeugung, das die Künstler von damals bereits soweit gedacht haben, wenn nicht sogar gehofft haben, das ihre Werke unsterblich sein werden und von nachfolgenden Generationen in deren Blickwinkel interpretiert werden.


    Denkt man dieses Argument konsequent weiter, müsste man Grimmelshausens "Simplicius Simplicissmus" auf heutiges Deutsch umschreiben und Schillers "Wallenstein" in ein Fäkaldrama um-"dichten".

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Hallo Michael!


    Denkt man dieses Argument konsequent weiter, müsste man Grimmelshausens "Simplicius Simplicissmus" auf heutiges Deutsch umschreiben und Schillers "Wallenstein" in ein Fäkaldrama um-"dichten".


    Ja, müsste man, aber daran hindert uns der "gute Geschmack" :untertauch:

  • Zitat

    Original von Myschkin


    Aber "ihr" argumentiert doch mit dem Realismus (begriffen als "Werktreue") - die Oper soll realistisch ins Spanien des 16. Jahrhunderts versetzt sein, weil es so in der Partitur vorgeschlagen wird. Dass der Realismus so oder so nur ein trügerischer ist, wollte ich mit meinen Bildern zeigen.


    Salut,


    nein, wir argumentieren nicht mt Realismus, sondern mit Werktreue. Oper ist nicht realistisch - nicht real, reine Fiktion [manchmal mit Wahrheitsgehalt]. Aber das, was als Gesamtkunstwerk [nämlich Text, Inszenierung, Musik] geschaffen wurde, ist eine Einheit.


    Zitat


    Wenn in Beethovens Partituren Metronomangaben stehen, die dann vom Interpreten radikal missachtet werden, geraten manche trotzdem in Verzückung, die sonst am liebsten immer BUH schreien würden, wenn in einer Oper, die im 16. Jahrhundert spielen soll, ein Mobiltelefon auftaucht...


    Beethoven hat selbst eingesehen, dass seine Metronomangaben nicht dem entsprechen, was er sich vorstellt. Er schreibt später selbst, dass Musik atmet und nicht in Normen gepresst werden kann. Und es spricht ja nicht - auch nicht bei Inszenierungen - gegen Abwechslung. Und natürlich kommt ein Mobiltelefon in einer Oper, deren Sujet im 16. JH spielt, nur dann überhaupt in Frage, wenn es ein Bühnenarbeiter versehentlich auf der Bühne vergessen hat... denn damit ist die Illusion zunichte gemacht. Das geschieht früh genug, wenn sich der Vorhang das letzte Mal senkt...


    Liebe Grüße
    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Salut!


    Zitat

    Original von Michael_Flaschberger
    ad1.: Du solltest dir schleunigst das Wort "anpassen" abgewöhnen. Das ist ein Vorwurf den sich kein Sänger/Regisseur/Dirigent der heutigen Zeit gefallen lassen muss, es geht immer um Interpretation und wenn du der Meinung bist das Da Ponte etwas dagegen hätte das seine Libretti interpretiert werden, weshalb schrieb er sie dann so vielschichtig und tiefsinnig? Er hätts doch eindeutig machen können und somit niemandem eine Möglichkeit dazu geben können sie später mal zu "verhunzen".


    Wenn ich Dir mit einem Wort auf den Schlips getreten habe, dann tut mir das unendlich Leid. :O


    Hätten da Ponte - und andere Librettisten - gewusst, was es geben wird, dann hätten sie eine Ausschlussliste anfertigen können. Wer kann schon erahnen, was es für einen Unsinn geben wird?


    Zudem hätte dann ein Schöpfer auch eindeutige Dinge schöpfen können, die nicht sinnvoll und gleichzeitig mörderisch nutzbar wären. Er gab uns aber als Ausgleich Verstand.


    Zitat

    ad2.: Die "klassische" Inszenierung ist in dem Sinne keine Kunst, da man hierfür nur die Regie-Anweisungen die in den Libretti abgedruckt sind befolgen müsste und den Text haarklein ausspielen müsste, sprich: Es ist Reproduktion und keine eigene Kunst.


    Dann ist auch das Abspielen der Noten keine Kunst, sondern reine Reproduktion.


    Zitat

    Für mich ist eine gute gelungene Reproduktion auch Kunst!
    Tolle Kostüme, atemberaubende Bühnenbilder erschaffen, ist dies keine Kunst? Ich denke schon.


    Ja, so denke ich auch. Auch das Anfertigen von Instrumenten z.B. - letztlich reine Reproduktion nach einem festen Plan mit unbeabsichtigten Abweichungen - ist eine große Kunst.


    Liebe Grüße
    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Salut!


    Zitat

    Original von Michael_Flaschberger
    Was ich viel eher glaube ist, das jeder Komponist mit solchen Aufzeichnungen eine Möglichkeit aufzeigt wie es gehen könnte und nicht wie es sein muss.


    Ja, klar. Sie wollten unbedingt eine kahle Bühne, nackte Menschen [könnte ich mir gar wirklich vorstellen!], Ikea-Regale und englische Fliesen in kackgrün... Leider gab es Ikea damals nocht nicht, sonst hätte es bestimmt im Libretto gestanden.


    Zitat


    Ich bin der festen Überzeugung, das die Künstler von damals bereits soweit gedacht haben, wenn nicht sogar gehofft haben, das ihre Werke unsterblich sein werden und von nachfolgenden Generationen in deren Blickwinkel interpretiert werden.


    Der Überzeugung bin ich ebenfalls. Die Werke sind ja unsterblich - auch ohne moderne Inszenierungen. Und der Blickwinkel ist für mich völlig unabhängig von einer Interpretation. Ich möchte, dass es mir überlassen wird, was ich aus einem Libretto interpretiere und was nicht! Ich kann vielleicht sogar für einen kurzen Moment exakt jene moderne Vorstellung, die ich eigentlich zum Kotzen finde, in meinen Gedanken haben - mir kann es kalt schaudern [nicht wegen der Inszenierung, wegen der Aussage]: aber ich kann sie auch gleich wieder zu Gunsten einer anderen vergessen.


    Liebe Grüße
    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)