Operette tot?

  • Vielen Dank für Deinen Hinweis Uwe Alsenpreis.


    Mit Entsetzen lese ich in der Ankündigung: "Die Musikstücke werden als Orchesterarrangements produziert und über Band eingespielt".


    Schade, dass niemand klagen kann gegen die Bezeichnung eines solchen Machwerks als 'Operette'. Karaoke trifft vielleicht zu?


  • Schade, dass niemand klagen kann gegen die Bezeichnung eines solchen Machwerks als 'Operette'. Karaoke trifft vielleicht zu?


    Ich glaube nicht, dass man das als Karaoke bezeichnen kann. Ich kenne das Theater nicht, habe nur mal kurz hier reingeschaut: BKA-Theater | Berlin (bka-theater.de)


    Ich habe vor Jahrzehnten mal den Auftritt eines Amateurchores erlebt, der live auf der Bühne Ausschnitte des Musicals "Chess" dargeboten hat. Die Musik kam mit voller Orchestration vom Band. Das finde ich besser, als eine Operette, die statt mit einem Orchester nur mit Klavierbegleitung aufgeführt wird. Ich nehme an, das BKA Theater hat keinen eigenen Orchestergraben (im 5. Stockwerk) und behilft sich also damit.

  • Schade, dass niemand klagen kann gegen die Bezeichnung eines solchen Machwerks als 'Operette'.

    Das Projekt würde ich nun nicht gleich mit Klagen überziehen wollen, lieber udohasso. Wer sollte das auch tun und wollen? Kein Gericht der Welt würde so eine Klage annehmen. Das BKA ist ein kleines beliebtes Kieztheater mitten im Berliner Szene-Bezirk Kreuzberg. Solche Kleinkunstbühnen gab es einst zu Hunderten in der Stadt. Diese Tradition lebt hier und da wieder auf. Es gibt ein Publikum dafür. Der Begriff Operette ist doch nicht geschützt. Und nirgends steht geschrieben, dass es unbedingt eines Konzertgrabens bedarf für eine solche Darbietung des Genres, das ich viel weiter fassen würde. Ich glaube, hier soll er auch ironisch verstanden werden. Kunst macht doch auch immer erfinderisch. Ich habe sogar schon an sehr großen Staatsbühnen Ballettmusik vom Band gespielt erlebt. Da ist doch nichts dabei. Außerdem: Niemand hat das Stück bisher gesehen, um es als "Machwerk" ablehnen zu können. Der Inhalt scheint sehr zeitgemäß zu sein. Ich würde es mir sofort anschauen.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Ich habe sogar schon an sehr großen Staatsbühnen Ballettmusik vom Band gespielt erlebt.

    Bei Gastspielreisen ist das bei Ballettensembles sogar Usus. Das Mitschleifen eines großen Orchesters z.B. für Tschaikowski-Ballette würde jeden Rahmen sprengen, da machen selbst russische Ensembles keine Ausnahme. Jährlich gastiert in Gera (und nicht nur hier) um die Weihnachtszeit ein Starensemble aus Perm, Moskau, Peterburg u.a., und immer mit Konservenmusik, und immer ausverkauft. Ich vermisse das jetzt sehr. Corona ist Mist.

    Allerdings bei Operettengastspielen habe ich das noch nicht erlebt. Unser Ensemble gastierte jahrelang auf dem Hexentanzplatz in Thale oder im Goethe-Theater Bad Lauchstädt mit Operette oder Spielopern, und immer mit Orchester, wenn auch mitunter bühnebedingt in kleinerer Besetzung. Viele Theater haben schon vor der Coronazeit als Reisebühne überleben können.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Allerdings bei Operettengastspielen habe ich das noch nicht erlebt. Unser Ensemble gastierte jahrelang auf dem Hexentanzplatz in Thale oder im Goethe-Theater Bad Lauchstädt mit Operette oder Spielopern, und immer mit Orchester, wenn auch mitunter bühnebedingt in kleinerer Besetzung. Viele Theater haben schon vor der Coronazeit als Reisebühne überleben können.

    Dazu habe ich mal eine Frage: ich habe einmal eine Aufführung der "Schönen Helena" mit dem Wiener Operettentheater (oder so ähnlich) erlebt. Im Orchestergraben habe ich ca. 16 Instrumente gezählt. Die Sängerin hat noch mit Kopfstand "Koloraturen" gesungen. War da nicht Playback dabei? Gemerkt habe ich allerdings nichts davon.


    Uwe

  • Lieber Uwe,


    das Geraer Orchester als B-Orchester hat jetzt noch ca. 70 Mitglieder, die als Gesamtheit (dazu noch verstärkt mit Gästen) im Prinzip die großbesetzten sinfonischen Werke bespielen.

    Im Orchestergraben sitzen bis zu 60 Männer*innen, bei Operetten sind es selten mehr als 40-45 Instrumente. Gastspiele (die es jetzt und auch vor Corona) kaum noch gab, werden von unserem Hause (im Avatar das Geraer Theater, dazu kommt noch Altenburg nach beendeter Fusion. Altenburg feiert gerade jetzt sein 150-jähriges Theaterjubiläum, auf youtube zu sehen) in der Geraer Besetzung gebracht, wenn der Orchestergraben das hergibt. Auf dem Hexentanzplatz in Thale ist meines Wissens genügend Platz für das Orchester gewesen, in Bad Lauchstädt mußte sicher reduziert werden.

    Unser erfolgreichstes Gastspiel war in Winterthur mit der "Ariadne auf Naxos", wo sowieso das Orchester nicht die sonst gewohnte Strauss-Besetzung hat. Playback hat unser Haus bei Gastspielen nie angewendet.


    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Altenburg feiert gerade jetzt sein 150-jähriges Theaterjubiläum,

    Lieber La Roche, aus diesem Anlass gibt es eine sehr informative Dokumentation, die hier vorgestellt wird. Persönlich finde ich es sehr gut, dass auch die kleineren Bühnen im Osten Deutschlands wieder die Beachtung finden, die ihnen gebührt. Zumal sie in der Musikgeschichte eine ganz wichtige Rolle spielen. Danke, dass Du wenigstens kurz darauf zu sprechen kommst. Meine eigenen Erinnerungen an die Theater in Gera und Altenburg sind durchweg positiv und stark. Am liebsten denke ich an eine Aufführung der "Vier letzten Lieder" von Strauss mit Ingeborg Zobel im Gerader Konzertsaal, der in der Theaterbau integriert ist, zurück.


    Im Orchestergraben sitzen bis zu 60 Männer*innen

    Das muss auch mal gesagt werden in aller Deutlichkeit! :hahahaha:

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Am 22. und 23. Oktober gibt die Kammeroper München in der Allerheiligen Hofkirche ein Operettenkonzert mit dem Titel "Zwei Herzen im Dreivierteltakt". Lt. Ankündigung gibt es Musik von Strauß, Lehár und Millöcker u.a. (seltsamerweise wird der Titelgeber Robert Stolz nicht angeführt). Neben Altbekannten gibt es auch weniger Bekanntes und als Welturaufführung auch die Ouvertüre zu der neuen und noch nicht aufgeführten Operette "Hopfen und Malz" von Daniel Behle (siehe hierzu Beitrag 450 in diesem Thread).


    Weitere Infos siehe hier


    :) Uwe

  • Hallo, lieber greghauser,


    habe mal in den Linzer Spielplan geschaut. Ist ja sehr interessant, vielseitig, und manches auch für regietheaterphobe Besucher geeignet. Und Bruckner um die Ecke! Ein gutes Orchester ist auch da. Und Wien oder Salzburg ist gleich um die Ecke, dazu das Salzkammergut, im Norden Mittelgebirge, im Süden die Alpen, im Osten die Wachau! Selbst Adalbert Stifters Ausblick vom Dreisessel kann man genießen, für Fußkranke sogar mit dem Auto erreichbar (jedenfalls vor 10 Jahren).

    Ich wohne falsch!!! Aber nun ist es zu spät


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Ich wohne falsch!!! Aber nun ist es zu spät

    ^^


    Lieber La Roche!

    Du hast die Vorzüge von Linz schön beschrieben. In Wahrheit trauern aber viele dem Charme des alten Landestheaters und den damaligen Produktionen nach. Das neue - zweifellos tolle - Musiktheater sei für die Stadt zu groß. Es gäbe keine Bindung zum Publikum.


    Ich selbst bin früher oft die gut 100 Kilometer von Salzburg nach Linz gefahren. Im neuen Theater war ich in den acht Jahren seit dem Bestehen nun genau zweimal. Aber auch weniger wegen der Produktionen, sondern eher aus Neugierde auf das Haus.


    Innsbruck hat ein schön passendes Haus und auch oft tolle Produktionen.

    In Salzburg passt es auch gut - und dazu kommt, dass auch das Landestheater manchmal eines der drei Festspielhäuser nützt (Großes Festspielhaus, Haus für Mozart, Felsenreitschule). So wie demnächst für "Macbeth", auf das ich mich schon sehr freue.

    Bühnenbild mit 20 Tonnen Moor-Erde - salzburg.ORF.at


    Passt aber leider alles nicht mehr in den Thread!

  • Ich habe im Operettenboulevard ebenfalls Begeistertes über die Linzer Aufführung gehört, dabei aber erfahren, dass man einiges gegenüber dem Original verändert hat. So ist z. B. Angèle nicht etwa eine Opernsängerin sondern eine Varietésängerin mit eigenem Theater mit leichtem Rotlicht-Touch, das kurz vor der Pleite steht. Das soll ihre Heirat mit Fürst Basil Basilowitsch verständlicher machen. Außerdem wurden, auch passend zum Rotlichtmilieu, Musiknummern aus Clo Clo eingefügt. Also, das kann mich nicht gerade begeistern!


    :/Uwe

  • Ich habe im Operettenboulevard ebenfalls Begeistertes über die Linzer Aufführung gehört, dabei aber erfahren, dass man einiges gegenüber dem Original verändert hat. So ist z. B. Angèle nicht etwa eine Opernsängerin sondern eine Varietésängerin mit eigenem Theater mit leichtem Rotlicht-Touch, das kurz vor der Pleite steht. Das soll ihre Heirat mit Fürst Basil Basilowitsch verständlicher machen. Außerdem wurden, auch passend zum Rotlichtmilieu, Musiknummern aus Clo Clo eingefügt. Also, das kann mich nicht gerade begeistern!


    :/Uwe

    Regisseur Enzinger kenne ich als Intendant vom Lehár-Festival in Bad Ischl. Er brennt offenbar für Operette und fabriziert gefällige Inszenierungen. Allerdings nimmt er sich halt gern auch künstlerische Freiheiten heraus.

    Operette wie damals scheint heute ganz einfach nicht mehr gemacht zu werden.

  • Operette wiederbelebt

    Der reichste Mann der Welt

    vergessene Operette von Ralph Benatzky im Winterstein-Theater in Annaberg Buchholz


    Das Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz führt vom 30.10.2021 - 18.04.2021 Benatzkys Operette "Der reichste Mann der Welt" auf.


    Zitat


    „Ein Stück mit Musik in fünf Bildern“, so haben Hans Müller und Ralph Benatzky, die Schöpfer des „Weißen Rössl“, ihr gemeinsames Werk aus dem Jahr 1936 bescheiden genannt. Das heute leider von den Theatern komplett vergessene Werk quillt über von Wortwitz, Situationskomik und hinreißender Musik.

    Weitere Informationen finden sich hier.


    :) Uwe

  • Prominente Stars aus Film und Fernsehen machen Operette

    So lebendig ist die Operette in den letzten Jahren, dass sogar die Prominenz aus Film und Fernsehen schon seit geraumer Zeit sich in der Operette austobt. Allen voran Dagmar Manzel, u. a. auch bekannt als Nürnberger Tatortkommisarin, wurde an der Komischen Oper Berlin zum Star, z. B. mit der "Perle der Cleopatra" und "Eine Frau, die weiß was sie will", beide von Oscar Straus. Stefan Kurt, u.a. bekannt als korrupter Polizist in Babylon Berlin wirkte u. a. in Weinbergers "Frühlingsstürme" und Dostals "Clivia mit" - er hat auch schon den Frosch in der "Fledermaus" gespielt. Max Hopp, u. a. bekannt als Staatsanwalt im "Usedom Krimi" hat den Sprecher in Abrahams "Märchen im Grandhotel" gegeben und nebenher eine Nebenrolle übernommen. Für die kommenden Saison inszeniert er an der Komischen Oper Berlin zwei Einakter von Offenbach, Oyayaye und Fortunios Lied. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt, der mir im Augenglick geläufig ist.


    Uwe