Wagner: Walküre, Neuinszenierung in der WSO

  • Hallo, Taminoaner,


    heute, 29.11.2007, fand die GP der von Sven-Eric Bechtolf neu inszenierten und schon mit großem Interesse erwarteten Walküre statt.
    War jemand dabei und kann die ersten Eindrücke schildern? Wie sind die ersten Eindrücke?


    LG
    Jahnas

  • Hallo Jahnas,
    ja, ich war in der GP, da es aber meine erste "Walküre" war :O :O (Bin bekanntlich erst dabei, mich Wagner vorsichtig zu nähern), fehlen mir sämtliche Vergleichsmöglichkeiten und auch Erfahrungswerte, um da jetzt großartig kritisieren zu können.
    Nur so viel: Es war eine spannende Auführung, die mich sehr beeindruckt hat, was ich im Vorfeld ("Fünf Stunden Wagner - wie soll ich das aushalten!") nicht gedacht hätte.
    Das Bühnenbild ist ganz nach meinem Geschmack, nämlich sehr reduziert: Im ersten Akt gibt es nur den mächtigen Stamm der Esche, dessen Krone sich (unsichtbar) irgendwo am Schnürboden verliert, nur eine Art Glaskasten mit stilisiertem Laub am oberen Rand der Bühne zeigt an, dass der Baum lebt. Um den Stamm herum sind Tische gebaut, drei Sessel stehen davor, das ist alles. Boden und Wände sind in einem Eisblau gehalten, daran ändert sich bis zum Schluss nichts.
    Im 2. Akt suggerieren viele Baumstämme einen Wald, dazwischen stehen einige Eisenbetten mit Puppen (Kinder) und scherenschnittartig gefertigten Holzpferden.
    Im 3. Akt stehen lebensgroße Pferdeskulpturen auf der Bühne, die allerdings ins Spiel nicht einbezogen werden. Weiß gekleidete und geschminkte Statisten mimen die Rösser der Walküren, ich habe sie anfangs für die gefallenen Krieger gehalten, die von der Walstatt aufgelesen werden, erst allmählich dämmerte mir, dass es eben Pferde sein sollen. (Oder doch nicht??) Einrucksvoll ist der Schluss, wenn Wotan, mit seinem Speer dirgierend, erst eine Pferdeskultptur nach der anderen und dann Wände und Boden in Flammen aufgehen lässt, natürlich nur in Form von Projektionen. Das muss auf der Galerie toll wirken, ich saß "leider" in der Proszeniumsloge.
    Die Kostüme sind zeitlos (aber keine Straßenkleidung!) und gefielen mir sehr gut.
    Zur Inszenierung traue ich mich nicht viel zu sagen, denn die Frage, ob Sven-Eric Bechtolf dem eingefleischten Wagnerianer eine neue Sicht auf die "Walküre" bietet, kann ich nicht beantworten, weil für mich eben alles neu ist. (Rein intuitiv würde ich jetzt aber sagen: Eher nicht!) Augenfällig ist allerdings die sorgfältige Personenführung, die das Wunder vollbracht hat, dass mich Teletubbie Johan Botha diesmal nicht nur stimmlich, sondern auch als Darsteller überzeugt hat. Nicht, dass ich ihn jetzt für einen Oscar nominieren würde, aber es war doch erstmals so etwas wie eine plausible Körpersprache erkennbar.
    Toll finde ich das Ensemble, allen voran die großartige Nina Stemme als Sieglinde, die problemlos über das Orchester hinwegkommt, ohne unangenehm forcieren zu müssen, und schauspielerisch wie immer 100%ig überzeugt. Johan Bothas Leistung habe ich bereits hervorgehoben, Juha Uusitalo ist ein stimmgewaltiger Wotan und eine starke Bühnenpersönlichkeit, besonders in den Szenen mit Brünnhilde (ganz wunderbar Eva Johannsson) gab es für mich einige Gänsehautstellen. Auch der Hunding von Ain Anger gefiel mir sehr gut, ebenso wie die Walküren.
    Sorry, wenn das alles ziemlich "wischiwaschi" klingt, bei der Beurteilung einer Verdi-Oper tue ich mir leichter :O Deshalb sag' ich über das Dirigat von Franz Welser-Möst lieber gar nichts - mir hat es sehr gefallen, aber siehe oben.......!
    lg Severina :hello: (Immer noch ziemlich geplättet, denn für mich war's ein gewaltiger Eindruck!)

  • Liebe Severina,


    das ist vielleicht eine tolle schilderung! Wenn jemand Deine Vorlieben punkto Regie und Ausstattung zumindest einigermaßen kennt - eben die zurückhaltenden und reduzierten Bühnenbilder z.B. - dann kann man die Bedeutung Deiner Schilderung schon richtig einschätzen.
    Bei der Walküre-Matinee mit Bechtolf und den SängerInnen Stemme, Johansson und Uusitalo konnte man eine Gewisse Ahnung/Vorstellung davon bekommen, wie es vielleicht aussehen könnte - aber nur sehr vage. Aufgrund Deiner Schilderung denke ich, man kann sehr gespannt sein. Und "weltbewegende Neudeutungen" des Werkes wurden ausdrücklich nicht versprochen.


    "Teletubbi":wacky: J.Botha war und wird auch nimmer Oscaranwärter werden, doch über seine eigentlichen Vorzüge braucht man ja nicht wirklich diskutieren. (Unter uns: wie viele der sonstigen lebenden und vergangenen Sängergrößen sind/waren wirklich oscarverdächtig in der schauspielerischen Darstellung?) Doch seine "Winterstürme" auf seiner CD Johan Botha, Richard Wagner, mit RSO Wien unter Simone Young, Oehms Classics OC 346, 2004, sind sooo schön gesungen - wie auch die anderen Titel, das macht Lust auf mehr.


    Jedenfalls ist die Besetzung dieser Premiere als echter Luxus zu werten: diese Sängerriege unter diesem Dirigenten läßt zumindest auf einen außergewöhnlichen Abend hoffen.
    Vielen Dank, liebe Severina, für deinen Bericht, Deine "Unerfahrenheit" in puncto Wagner deute ich in diesem Fall als Glücksfall und Gewinn (weil unvoreingenommen).


    LG Jahnas:hello:

  • Danke, Jahnas, für deine netten Worte, wenn du nicht ausdrücklich nach GP-Eindrücken gefragt hättest, hätte ich mich diesmal gar nicht getraut einen Kommentar abzugeben..... :untertauch:
    lg Severina :hello:

  • Auch von mir DANKE für die Schilderung der Eindrücke von
    der Generalprobe der "Walküre". Der Bericht gefiel mir sehr.
    Ist doch die mit großer Spannung erwartende Premiere
    der Wiener Oper.


    :D:yes: =)

    mucaxel

  • Danke für deine Schilderung, Severina. Deine Beschreibung ist recht anschaulich, vor allem, wenn man mit der Materie vertraut ist. Ich gehe am 9. Dezember. Ich bin jetzt unsicher, ob ich morgen schon im Radio mithören soll, oder ob es nicht meine Vorfreude vergrößern würde, wenn ich mir das verkneife. Ich werde aber den Aufnahmeknopf drücken.


    Gibt es jemand, der Radio Ö1 digital empfangen und aufnehmen kann (auf DVD oder CD)? Ich kann's leider, leider nicht, da es in unserer Straße kein Kabelfernsehen gibt und von der Satellitenanlage in die Wohnungen keine Radiokanäle geleitet werden; also kann ich nur terrestrisch empfangen und analog mit DVD-Rekorder aufnehmen und auf CD brennen, was einiges Hintergrundrauschen ergibt.

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Für alle, die eben die Doku zur Walküre in ORF 2 gesehen haben: Die Farben (das Blau!) sind in Wirklichkeit viel dezenter, auch den Feuerzauber am Schluss empfand ich live sehr schön und nicht so kitschig wie auf dem Bildschirm!
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Original von severina
    Für alle, die eben die Doku zur Walküre in ORF 2 gesehen haben: Die Farben (das Blau!) sind in Wirklichkeit viel dezenter, auch den Feuerzauber am Schluss empfand ich live sehr schön und nicht so kitschig wie auf dem Bildschirm!
    lg Severina :hello:


    Gut zu wissen. Ich schaue ungern in so ein Blau bei umgebender Dunkelheit; jedenfalls nicht stundenlang. Vor dem Fernseher kam die Sorge auf, es könnte unerträglich werden. Ich bin schon auf den Gesamteindruck neugierig. Zu den einzelnen Elementen der Bühne konnte ich z. T. nur die Nase rümpfen. Eigentlich bin ich dagegen, mir so eine Dokumentation im Voraus anzuschauen, aber ich war wieder mal zu neugierig. Im Nachhinein wird sie mir besser gefallen, da ich mir die Erinnerung des Erlebten dazufantasieren kann. Im Voraus ist es wie mit dem Herumzappen in einer Aufnahme, die man noch nicht kennt: bringt nichts.

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Hallo Melot,
    es wird wohl so sein, wie es Bechtolf schon prophezeit hat: Die Staubis werden "Pfui!" schreien und den Regielis wird es viel zu konventionell sein. Ich mag's ja bekanntlich "mm" (moderat modern) und daher hat es mir gefallen. Aber ich war sicher auch überwältigt vom Gesamteindruck Walküre, war's doch meine allererste überhaupt :O Ich hoffe ja, dass sich unser Ringexperte Edwin zu Wort meldet!
    Immerhin war der Eindruck auf mich so nachhaltig, dass ich am 13. Dezember noch einmal gehe. (Wenn mir das jemand vor einer Woche gesagt hätte......)
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Original von severina


    Im 2. Akt suggerieren viele Baumstämme einen Wald, dazwischen stehen einige Eisenbetten mit Puppen (Kinder) und scherenschnittartig gefertigten Holzpferden.
    Im 3. Akt stehen lebensgroße Pferdeskulpturen auf der Bühne, die allerdings ins Spiel nicht einbezogen werden. Weiß gekleidete und geschminkte Statisten mimen die Rösser der Walküren, ich habe sie anfangs für die gefallenen Krieger gehalten, die von der Walstatt aufgelesen werden, erst allmählich dämmerte mir, dass es eben Pferde sein sollen. (Oder doch nicht??)


    Hallo, Severina, und alle,


    also die weiß gekleideten Statisten sollen nicht die Pferde darstellen, sondern tatsächlich die gefallenen Helden, die zur Walhall gebracht werden sollen. Die These/Auslegung dahinter ist, daß die Krieger ja nicht per se sterben und zur Walhall wollen, sondern sehr wohl in Ehren leben. Die Walküren erscheinen ja im Moment der tödlichen Verwundung, und im Moment des endgültigen Todes kommen sie in Walhall an. Dazwischen gibt es den Todeskampf, den dieser "Walkürenritt" und das Einsammeln der Verwundeten bis zum Abliefern im Walhall darstellt. Für mich eine sehr interessante Auslegung.


    Heute bin ich durch einen großen Zufall bei der Premiere, sogar an "Sehplätzen", mal sehen, wie es mit einem Sofortbericht ausschauen wird. Jedenfalls gehe ich nicht mit der Erwartung hin: "mal sehen, was mir alles nicht gefallen könnte", zumindest versuche ich möglichst offen und neugierig zu sein. Was ich bisher gesehen und gehört habe, erscheint - für die Ausstattung - doch recht positiv. Und wenn alle eigentlich nur über die Ausstattung und über körperliche Unvollkommenheit einzelner Sänger klagen, dann haben wir tatsächlich eines der besten Opernhäuser der Welt.


    Also, bis auf heute Nacht,
    LG Jahnas

  • Hallo Jahnas,
    danke für die Aufklärung, das war so aus dem Bauch heraus auch meine erste Interpretation und hätte auch zur Körpersprache der Helden gepasst, die so gar nicht wild darauf sind, nach Walhall abgeschleppt zu werden, aber als Novizin in Sachen Wagner schaute ich dann halt auf den Text und wurde wieder unsicher, weil da ja von den widerspenstigen Gäulen die Rede ist, und dachte, vielleicht jagen die Walküren ja doch ihre Rösser und nicht die Krieger.....
    Ich wünsche dir heute Abend jedenfalls eine tolle Vorstellung und viel Vergnügen!
    lg Severina :hello:

  • Ich höre gerade die Übertragung im Radio Ö1.
    Spontan würde ich sagen, dass die Aufführung durchaus in Ordnung ist. Botha hat mich angenehm überrascht, dafür könnte ich mir einen stimmstärkeren Wotan vorstellen. Und auch Welser-Möst, der nicht gerade zu meinen Lieblingsirigenten zählt, ist eindeutig als Plus der Aufführung zu werten.
    Aber es ist ja erst die Mitte des zweiten Aktes. Warten wir ab, was wir in den nächsten zwei Stunden noch hören werden.


    Michael 2

  • Ich meine, der 1 Akt war mehr als nur in Ordnung. Der 2. Akt fiel etwas ab, da Wotan stimmlich etwas schwächer ist als seine Umgebung. Welser-Möst ist nicht übel, er könnte aber einen Tick flotter und spannungsvoller unterwegs sein. Wunderbar der Klang des Orchesters der Wiener Staatsoper!

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Lieber Michael,


    ich höre auch zu - IMO musikalische eine interessante Aufführung. Mich würde aber interessieren, was Dir am Wotan (stimmlich) fehlt?


    LG, Elisabeth

  • Da bin ich jetzt aber überrascht, denn bei der GP fand ich Uusitalo ganz gewaltig. Aber wie gesagt: Bin ziemlich ahnungslos, wie Wagner "richtig" klingen muss. Sollten die Buhs jetzt am Aktschluss Uusitalo gegolten haben? Das wäre aber doch übertrieben, oder??? ?( ?( ?(
    lg Severina :hello: (etwas ratlos ?( )

  • Also von "ganz gewaltig" ist er meilenweit entfernt. Wir können nur hoffen, dass er im 3. Akt nicht vollständig eingeht.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von severina
    Bei der GP fand ich Uusitalo ganz gewaltig. [...] Sollten die Buhs jetzt am Aktschluss Uusitalo gegolten haben? Das wäre aber doch übertrieben, oder???


    Ich bin sicher, dass die Buhs Uusitalo gegolten haben - sein Auftritt zum Ende des zweiten Aktes war wirklich schwach. Ich habe leider erst zur Todesverkündigung einschalten können - Johannson wie immer eine Heulboje mit übelsten Vokalverfärbungen, Stemme gut, Botha mit herrlich kernigem Tenor das Opfer seiner deutlichen Diktion - die Textunsicherheiten treten paarmal zu Tage. Sei's drum.

  • Ich bin ja beruhigt, dass ich doch nicht solche Schweinsohren habe, denn bei der GP war Uusitalo wirklich sehr gut. Die armen PR-Besucher tun mir allerdings Leid, und die Lösung - einer singt, ein anderer spielt - finde ich ziemlich unglücklich. (das hab' ich einmal bei einem Hoffmann erlebt....)
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Original von severina
    Ich bin ja beruhigt, dass ich doch nicht solche Schweinsohren habe, denn bei der GP war Uusitalo wirklich sehr gut. Die armen PR-Besucher tun mir allerdings Leid, und die Lösung - einer singt, ein anderer spielt - finde ich ziemlich unglücklich. (das hab' ich einmal bei einem Hoffmann erlebt....)
    lg Severina :hello:


    Und dann konntest du den Unterschied nicht hören?


    Die Doppelbesetzung halte ich für legitim, wenn der Ersatz die Inszenierung nicht kennt. Ich finde es eher erstaunlich, dass offenbar nur mit einem Wotan geprobt wurde und kein Cover verfügbar war. So etwas kann sich offenbar nur die MET leisten. Ein Glück, dass überhaupt jemand so schnell aufzutreiben war...

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus


    Und dann konntest du den Unterschied nicht hören?
    Die Doppelbesetzung halte ich für legitim, wenn der Ersatz die Inszenierung nicht kennt. Ich finde es eher erstaunlich, dass offenbar nur mit einem Wotan geprobt wurde und kein Cover verfügbar war. So etwas kann sich offenbar nur die MET leisten. Ein Glück, dass überhaupt jemand so schnell aufzutreiben war...


    Normalerweise schon, aber meine Stereoanlage mit Kabelanschluss ist ex gegangen und auf der kleinen (mit Wurfantenne) habe ich einen lausigen Empfang mit ständigen Tonschwankungen. Und zum Ab- und Umbauen war ich zu faul :untertauch:
    lg Severina :hello:

  • Schade!


    Der ORF hat heute wieder einen talentierten Mann am Mischpult sitzen! Auch in Stereo ein sehr zufriedenstellender Sound!

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von ulfk179
    Jetzt ist's amtlich: Uusitalo wird durch Oskar Hillebrandt ersetzt.


    ... und ich hatte mich schon gewundert, nachdem ich wegen eines Telefonats die Ansage nicht gehört hatte, und es jetzt doch ganz anders klingt....


    LG, Elisabeth

  • Zitat

    Original von Elisabeth
    Lieber Michael,


    ich höre auch zu - IMO musikalische eine interessante Aufführung. Mich würde aber interessieren, was Dir am Wotan (stimmlich) fehlt?


    LG, Elisabeth




    Ich schwöre alle heiligen Mein- und sonstig falschen Eide :D: zum Zeitpunkt meines Beitrages habe ich nicht einmal geahnt, dass der 3. Akt einen anderen Wotan erleben wird.
    Deine Frage dürfte sich durch die Entwicklung des Abends von selbst beantwortet haben.
    Eigentlich schade, dass der neue Ring mit so einer Panne beginnt. Ich hätte diesem Prestigeprojekt mehr Erfolg gegönnt.


    Michael 2

  • Zitat

    Original von brunello



    Ich schwöre alle heiligen Mein- und sonstig falschen Eide :D: zum Zeitpunkt meines Beitrages habe ich nicht einmal geahnt, dass der 3. Akt einen anderen Wotan erleben wird.


    Tröste Dich - ich auch nicht. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht einmal das deutliche Nachlassen seiner stimmlichen Kräfte bemerkt.


    :untertauch: Elisabeth

  • Endlich daheim, möchte ich meine ersten Eindrücke schildern. Der Abend war, wie die bisherigen Beiträge zeigen, ereignisreich. Aber der Reihe nach:
    Gegeben wurde in der WSO


    Die Walküre


    Text und Musik von Richard Wagner
    Dirigent: Franz Welser-Möst
    Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
    Bühne: Rolf Glittenberg
    Kostüme: Marianne Glittenberg
    Video: fettFilm


    Siegmund Johan Botha
    Sieglinde Nina Stemme
    Hunding Ain Anger
    Wotan Juha Uusitalo (3.Akt: O.Hillebrand)
    Brünnhilde Eva Johansson
    Fricka Michaela Schuster


    Um die Neuinszenierung wurde natürlich viel Aufhebens gemacht und wurde mit sehr großwm Interesse erwartet. Wer eine alles umstoßende, alles umdeutende, globale Neudeutung der Geschichte erwartet hat, muß enttäuscht sein. Bechtolf erzählt hier einfach die Geschichte der Walküre, ohne den Zwang, unbedingt wieder alles ins heute transponieren oder uns mit dem Holzhammer erläutern zu müssen.
    Heutzutage manchmal direkt erholsam. Gewicht wurde auf die sehr menschliche Regungen und Handlungen der Götter gelegt, die auch mit den Darstellern sehr genau erarbeitet wurden und für eine Opernaufführung ziemlich glaubhaft gespielt wurde.


    Severina berichtete vom durchgehenden blauen Grundton der Bühne - dem ist leider tatsächlich so, und von meinem Platz auf der Galerie aus mußte ich auch ununterbrochen darauf starren. Etwas erträglicher wurde das die Belichtung der Darsteller. Die Kostüme halten sich auch im schon offensichtlich unverzichtbaren schwarz oder zumindest sehr dunkel, Ausnahmen sind hier Sieglinde ab dem Liebesgeständnis, Fricka mit ihrem grün/lila glitzerndem Federmantel (darunter ein stahlblaues Abendkleid), und die Walküren im blutverschmierten weißem (silbern?) Gewand.


    Ein guter Regieeinfall für mich ist der getötete Wolf, den ein Todesengel (?) während Frickas Besuch zu Wotans Füßen legt und Fricka seinen Widerstand damit bricht.


    Der Walkürenritt mit den sich dem Walhall wiedersetzenden sterbenden Helden wurde schon besprochen. Als ganzes ist die Inszenierung stimmig, auch ohne großartigen einführenden Vorträgen zu verstehen - heutzutage nicht immer selbstverständlich. Und jetzt komme ich zur - von Severina auch geschilderten - Feuerzauber. Da wurde schon arg in den Kitschtopf gegriffen. Wie Wotan mit ausgebreiteten Armen in der Mitte steht und Stück für Stück das Feuer entfacht, das dann in rot-orange glühend die ganze Bühne einnimmt: großes Disney-Filmschluß. Aber hier nicht wirklich passen, etwas zuviel des Guten.


    Die musikalische und sängerischen Leistungen sind erstklassig bis sehr gut, wenn man den Bläsern (diesmal nicht die Hörner sondern die Trompeten) von einigen Mißgriffen absieht.
    Franz Welser-Möst vermag das Orchester zu wunderbaren Klängen motivieren. In einem vorangehenden Beitrag wurde etwas schwungvolleres Dirigat reklamiert; ich hätte manchmal eher etwas gediegenere Tempi gewünscht. So ist das halt mit den persönlichen Vorlieben.
    Johan Bothas Siegfried ist strahlend kraftvoll, wunderbar gefühlvoll gesungen. Das allgemeine Warten auf die "Winterstürme" hat sich gelohnt. Ein Siegfried wie er sein soll.
    Leider kann ich Singstimmen und Stimmfärbungen nicht fachlich richtig beschreiben. Nina Stemme singt mit einem warmen, strahlenden Sopran, niemals scharf, nicht in der Höhe oder beim Forcieren. Verdient bekamen beide großen Applaus und Bravi am Ende des ersten Aktes, und auch zum Schluß.


    Eine angenehme Überraschung war Ain Angers Hunding, endlich mal ein junger Mann, ohne das übliche Poltern, aber doch gewalttätig und bedrohlich genug. Und daß seine Tonfärbung nicht der einer Matti Salminen oder Kurt Rydl gleicht, macht dem keinen Abbruch.


    Michaela Schusters Fricka klang für mich zwar kultiviert, doch wenig gefährlich; allein wegen ihres Tonfalles hätte Wotan nicht nachgeben müssen.


    Eva Johansson als Brünhilde muß stimmlich sehr viel leisten. Ihre Stimme ist sehr kraftvoll, kommt leicht über das Orchester und füllt den Raum. Über weite Streckengroßartig, merkt man im dritten Akt jedenfalls deutliche Ermüdungserscheinungen und sie wird etwas schrill. Aber zu den Buhrufen gab überhaupt keinen Grund, wie ich für die Sänger Buhrufe generell ablehne.


    Meine Hochachtung gilt Herrn Hillebrand. Er wurde während der Aufführung telefonisch am Wiener Westbahnhof erreicht, wo er vor der Abreise noch schnell beim Würstelstand eine Stärkung zu sich nahm - unter diesen Umständen ein tadelloser Wotan, und jedenfalls eine Premiere gerettet.


    Die Buhs für Direktor Holender bei der Ankündigung der Besetzungsänderung waren absolut unangebracht und unverständlich. Überhaupt scheint es etliche Besucher zu geben, die von vornherein mit dem Ziel zu einer Premiere kommen, um "ordentlich" ihre Buhs loszulassen. Eine zweifelhafte Entwicklung und manchmal schäme ich mich für diese Leute.


    Das sind meine sehr persönliche Eindrücke. Hoffentlich war noch jemand dabei und kann auch berichten. Ich jedenfalls bin am 13.Dezember wieder dort, allerding auf reinen "Hörplätzen", da kann ich mich ganz auf die Musik konzentrieren.
    Jetzt wünsche ich allen eine gute Nacht
    und LG Jahnas

  • Zitat

    Franz Welser-Möst vermag das Orchester zu wunderbaren Klängen motivieren. In einem vorangehenden Beitrag wurde etwas schwungvolleres Dirigat reklamiert; ich hätte manchmal eher etwas gediegenere Tempi gewünscht. So ist das halt mit den persönlichen Vorlieben.


    FWM ließ in den ersten beiden Akten den Sängern sehr viel Zeit. Schön für sie, etwas weniger schön für den Zuhörer, wenn die Innenspannung der Musik ein wenig zu kurz kommt.


    Interessant dann die Wandlung zum dritten Akt. Als wenn er einen Beitrag zur Kompensation der Sängerumbesetzung leisten wollte, legte er sich merklich energischer ins Zeug und lieferte einen flotten und intensiven dritten Teil ab. Das ging so weit, dass wir in der Tat einen ungewohnt flüssigen Wotan's Abschied und Feuerzauber zu hören bekamen. Das hätte durchaus etwas langsamer und ausdrucksstärker gestaltet werden können, war auf der anderen Seite vielleicht auch besser so, weil Hillebrand zum Schluss ein wenig Probleme hatte und ihm die flüssigen Tempi zugute kamen.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Ich habe den Abend vor dem Radio mitverfolgt.
    Und natürlich mit den Künstlern mitgezittert, am Ende auch mitgelitten.
    Dir Rettung der Premiere durch Einsatz von Oskar Hillebrandt als Wotan empfand ich als eine ganz tolle Leistung.


    Wenn ich mir die nach und nach eintrudelnden Kritiken und das leidige ORF Forum durchsehe, dreht sich mir der Magen um.
    Scheinbar geht unsere Welt und auch die Kunstmusik völlig menschlichen Werten verlustig.
    Kaum passiert die kleinste Kleinigkeit, wird das sofort zerpflückt.
    Natürlich hörte ich auch, dass bei den Trompeten manches passiert ist.
    Aber Sätze wie "diesmal nicht die Hörner, sondern die Trompeten" machen mir einmal mehr klar, wie groß der Leistungsdruck ist, der auf den Musikern lastet.
    Es scheint beinahe so, als zählte nicht mehr das Gesamtbild, sonder als warteten viele nur noch darauf, dass etwas passiert (und dass manche Opernbesucher ihre unsäglichen "Buhrufe" loswerden können).
    Auf das künstlerische Gesamtbild zu achten und einfach Musik zu hören schaffen nur mehr wenige.
    Wer Eva Johannsson nicht mag, wird immer etwas an ihrer Stimme auszusetzen haben.
    Auch wenn die Leistung in Ordnung war.
    Musiker und Künstler werden heute nicht mehr als Menschen gesehen, sondern müssen funktionieren.
    Und dass ein Regisseur ausgebuht wird, scheint heute fast schon dazuzugehören.
    Traurige Zeiten, in denen wir leben.