Der Jahrhundertbariton - ETTORE BASTIANINI

  • Lieber Carlo!

    Vielen Dank für Deine wie immer profunde Rückmeldung.

    Zu dem von mir erwähnten Konzert mit Giuseppe di Stefano eine Anekdote. Di Stefano sang nur den 1. Teil und wurde zu Beginn des 2. Teils angesagt. Er habe eine plötzliche Indisposition erlitten und würde durch den Bariton Lawrence Winters ersetzt, der im Publikum gewesen sei.

    Dies war jedoch nicht die Wahrheit, denn es hatte Differenzen zwischen dem Tenor und dem Dirigenten Wilhelm Brückner-Rüggeberg gegeben und di Stefano sich geweigert, weiterhin aufzutreten. Offenbar war dies keine Überraschung, denn wie sollte man erklären, dass das Orchester plötzlich das Material für Baritonarien hatte?


    Beste Grüße


    Peter

  • Ich danke euch beiden und freue mich, dass ihr Gefallen an diesem Projekt findet, das eigentlich ein Mammutprojekt ist. Es ist natürlich wunderbar, wenn man damit noch das eine oder andere Mitglied erreichen kann. Natürlich weiß ich, dass es auch eine interessierte Leserschaft unter den Nicht-Mitgliedern bzw. stillen Mitlesern gibt.

    In Kürze geht die Reihe dann auch schon weiter. Und die Bassjahre Bastianini's geben mehr her als man zuerst annehmen würde. :)

    Lieber Gregor, erst heute komme ich dazu, mich zu denen zu gesellen, die Dein Projekt sehr gut heißen. Auf die Fortsetzung bin ich gespannt. Kennengelernt habe ich Bastianini mit etwa vierzehn Jahren durch diesen "Trovatore". Die Aufnahme öffnete mir zugleich die Tür zu Verdi. Mein großer Bruder hatte sie angeschafft - und ich durfte immer mithören.


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    Nach seinem Timbre und der Eleganz seines Vortrags war ich fortan regelrecht süchtig. Er war für mich nicht nur Stimme. Wie kein anderer hat er die Figuren, die er darstellte, vermenschlicht und individualisiert.


    Ich würde mir wünschen, dass Du Dein Projekt nachträglich als eigenes Thema anlegst, damit es hier nicht untergeht.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Lieber Rüdiger, ich danke auch dir.

    Was das "eigene Thema" betrifft, bin ich davon ausgegangen, dass es natürlich in den thread des Sängers gehört (ich finde es immer furchtbar, wenn es zu einem Thema gleich zwei oder gar noch mehrere threads gibt), und es wahrscheinlich ohnehin nicht viele Kommentare geben würde. Aber es kommt ja manchmal anders als man denkt ...

    Sollte es wirklich zu sehr zerfranst werden, macht dein Vorschlag natürlich absolut Sinn und man könnte die entsprechenden Beiträge einfach ausgliedern. Ich werde mal schauen wie sich das in nächster Zeit gestaltet. Ich werde aber auf jeden Fall ohnehin immer durch Kapitelangaben versuchen eine Struktur und Übersicht hereinzubringen.


    Gregor

  • Teil 2 - Karriere als Bass und der Wechsel zum Bariton (1945 bis 1952)


    Nach Ende des zweiten Weltkrieges konnte Bastianini mit einigen Konzerten - unter anderen in Ravenna und Forlì, für die er exzellente Kritiken bekam - seine beginnende Karriere fortsetzen und endlich das Stipendium genießen, das ihm durch den Wettbewerbssieg 1942 in Florenz zuteil wurde, und welches ihm ein Studium am dortigen Teatro Comunale ermöglichte.

    An diesem Haus sang er dann mit bereits bekannten und zukünftigen Operngrößen wie Fedora Barbieri, Mirto Picchi oder Rolando Panerai. Er sang zudem in zahlreichen Opern in kleineren italienischen Opernhäusern, darunter das Teatro Verdi in Florenz.

    Zu seinen Rollen gehörten Bonzo in Madama Butterfly, Don Basilio in Il barbiere di Siviglia oder Sparafucile in Rigoletto.


    Im März 1946 bekam er exzellente Kritiken für zwei Konzerte am Teatro Comunale in Florenz.


    Mit Maestro Flaminio Contini und dessen Ehefrau, der Sopranistin Dina Mannucci Contini, bildete er in dieser Zeit gemeinsam mit einigen anderen Sängern eine Operngruppe die 1947 nach Ägypten reiste. Dort wurde ihm erstmals international Aufmerksamkeit zuteil, und er trat dort ab Januar 1947 zuerst in Alexandria, dann in Kairo und in Gizeh auf und übernahm die Basspartien an der Seite von Dina Mannucci die Sopranrollen wie Gilda, Lucia und Rosina sang. Gino Bechi kam als Bariton bei dieser Tournee zum Einsatz.


    Ettore_Bastianini.jpg1948 blieb er vorwiegend in seinem Heimatland und trat in einer Vielzahl von Häusern in 18 verschiedenen italienischen Städten auf. Um seine Auftrittsorte zu erreichen, leistete sich der motorbegeisterte 25-jährige seine ersten schnellen Autos. Zuerst einen Topolino, dann ein dunkelgrünes Fiat-Sportauto, später dann auch einen Porsche.


    Im selben Jahr folgten erste Auftritte in Spanien. In Barcelona sang er Basspartien in Il tabarro, Gianni Schicchi und Respighi's La fiamma, 1949 dann in I puritani.


    Am 24. April 1948 debütierte er als Teiresias in Strawinsky's Oedipus Rex an der Mailänder Scala.


    Er reiste für Auftritte nach Südamerika, flog nach Caracas, Venezuela, um dort in vier verschiedenen Opernpartien aufzutreten - Ramfis (Aida), Raimondo (Lucia di Lammermoor), Colline (La bohème) und Sparafucile (Rigoletto).

    Er kehrte aber in den Jahren 1949, 1951 und 1952 auch immer wieder nach Ägypten zurück.


    Am 29. Dezember 1950 gab Ettore Bastianini sein Liederabend-Debüt, welches im italienischen Radio übertragen wurde und ihn im ganzen Land bekannt machte.




    Eines Tages, als er mit Gino Bechi zusammensaß, lehnte sich dieser zu Ettore herüber und meinte:


    "Du bist in Wirklichkeit ein Bariton, weißt du? Ich bin ein Narr, dir das zu sagen, weil ich eigentlich nicht noch mehr Konkurrenz brauchen kann, aber es ist wahr!"



    Und tatsächlich besaß Bastianini zwar ein herrliches Timbre, aber als Bass war er in der Lautstärke begrenzt, und das tiefe Bassregister war schwach und leise. Er hatte Schwierigkeiten die ganz tiefen Töne zu erreichen und verließ sich bei so mancher Rigoletto-Vorstellung auf den Chor, um das letzte "Fa" in der Arie Sparafucile's zu stützen und zu kräftigen.


    Bastianini kam ins Grübeln. Seine Karriere lief zwar gut und er war stets beschäftigt, doch von Ruhm und Popularität konnte keine Rede sein. Er fühlte sich festgefahren. Er vertraute Freunden an, dass er sich im Baritonfach, mit dem er schon experimentiert hat, eigentlich sehr wohl fühlt. Doch er ließ sich davon überzeugen, dass sein wahres Talent doch in den dunkleren und tieferen Regionen seiner Stimme liegen würde, und er doch seinem bisherigen Weg weitergehen solle. Das tat er dann auch, aber das sollte nicht für lange sein.


    Als er eines Tages mit seinem Lehrer, Luciano Bettarini, den Padre Guardiano in La forza del destino einstudierte, sang Ettore plötzlich Tu mi condanni a vivere ..... - die Zeilen des Tenors.

    Dazu erklärte Bastianini später: "Die Musik war so schön, dass ich sofort weitersang. Ich konnte einfach nicht anders."

    Bettarini hörte sich seinen Gesang an und war erstaunt wie mühelos er mit der hohen Tessitura zurechtkam. Bettarini sagte ihm:


    "Ich glaube nicht, dass du überhaupt ein Bass bist!"



    Aber konnte er so einfach elf Jahre Bassgesang und -ausbildung aufgeben? Viele meinten, dass das unmöglich sei.

    Das spornte den ohnehin ehrgeizigen Bastianini noch mehr an. Er ging mit Entschlossenheit daran, sich in einen Bariton zu verwandeln - er fühlte, dass das seine eigentliche Bestimmung sei.

    Für mehr als ein halbes Jahr zog er sich zurück und arbeitete mit Bettarini intensiv an seiner Bariton-Stimme.


    Zuvor gab er im April 1951 seinen letzten Auftritt als Bassist am Teatro Alfieri in Turin. Er beendete seine Basskarriere mit jener Partie, mit der seine Opernkarriere einst begann - mit dem Colline in La bohème.

    Ein Kreis schloss sich.


    Am 17. Januar 1952 war es dann soweit: Erstmalig trat Ettore Bastianini in einer Baritonpartie vor das Publikum. In Siena sang er den Giorgio Germont in La traviata. Die ihn stets unterstützenden Continis waren an seiner Seite. Maestro Contini dirigierte die Vorstellung, Dina Mannucci Contini sang die Violetta. Am Ende des Abends steuerte er mit zwei Arien aus Andrea Chenier und Il trovatore sogar noch zwei Zugaben bei.

    Aber Bastianini war noch nicht zufrieden. Auch das Publikum war noch nicht überzeugt. 11 Jahre als Bass kann man nicht so einfach abschütteln.

    Es fehlte seiner Baritonstimme noch an Brillanz. Die Spitzentöne, die später zu eine seiner großen Stärken werden sollten, waren noch nicht ausgereift.


    Also zog er sich abermals für ein halbes Jahr zum Studieren zurück, und am 19. Juli 1952 folgte in Siena sein "zweites Bariton-Debüt". Diesmal als Rigoletto!

    Während des zweiten Aktes jedoch kam es im Duett zu einem Gesangsfehler der Sopranistin, der Bastianini derart irritierte, dass er plötzlich selbst aus dem Konzept geriet und einen Aussetzer hatte.

    Danach kam es zu großen Debatten unter Fachleuten als auch dem Publikum. War sein Wechsel zum Baritonfach ein Fehler? Ist er bereits am Ende?


    Doch der selbstbewusste Bastianini ließ sich nicht beirren. Er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war.

    Im Herbst 1952 sang er in Bologna abermals den Germont in La traviata mit Virginia Zeani als Violetta. Mit triumphalem Erfolg. Bastianini war an seinem Ziel angekommen.



    Gregor

  • Um den zweiten Teil und die Basskarriere Bastianini's abzuschließen, hier noch ein Überblick über die uns bekannten von ihm gesungenen Basspartien. Und das waren gar nicht wenige!



    Abimelech (Samson et Dalila) - Alexandria 1950

    Alvise (La gioconda) - Ferrara 1948

    Betto di Signa (Gianni Schicchi) - Barcelona 1948

    Brander (La damnation de Faust) - Genua 1948

    Colline (La bohème) - Ravenna 1945, Bologna, Forlì, Ravenna, Ferrara, Como 1948, Caracas 1949, Turin 1951

    Comte Des Grieux (Manon) - Lucca 1950

    Don Basilio (Il barbiere di Siviglia) - Florenz, Rubiera, Pisa 1946, Ägypten Tournee 1947, Kairo 1949 (mit Tito Gobbi), Ägypten Tournee 1951

    Ferrando (Il trovatore) - Lucca, Ferrara 1948, Kairo 1949 (mit Maria Caniglia), Ägypten Tournee 1950

    Grech (?) (Fedora) - Parma 1949

    Grenvil (La traviata) - Ägypten Tournee 1950 (mit Virginia Zeani)

    Gualtiero (?) (I puritani) - Barcelona 1949

    Il Re (Aida) - Alexandria 1949

    Il Talpa (Il tabarro) - Barcelona 1948
    Il Vescovo (?) (La fiamma) - Barcelona 1948

    Kezal (?) (Die verkaufte Braut) - Turin Radioproduktion 1950

    Lothario (Mignon) - Ägypten Tournee 1950

    Mephistofele (Faust) - Cento 1948

    Padre Guardiano (La forza del destino) - Ägypten Tournee 1950

    Raimondo (Lucia di Lammermoor) - Ägypten Tournee 1947, Caracas 1949, Ägypten Tournee 1950 (mit Beniamino Gigli)

    Ramfis (Aida) - Novara 1948, Caracas, Barcelona 1949, Ägypten Tournee 1951

    Rodolfo (La sonnambula) - Kairo 1949

    Sparafucile (Rigoletto) - Rubiera, Florenz 1946, Ägypten Tournee 1947, Kairo (mit Tito Gobbi), Caracas 1949, Alexandria 1950 (mit Gino Bechi)

    Teiresias (Oedipus Rex) - Mailand 1948

    Timur (Turandot) - Lucca 1950, Ägypten Tournee 1951

    Walther Fürst (?) (Guglielmo Tell) - Ägypten Tournee 1951

    Zio Bonzo (Madama Butterfly) - Florenz 1946, Parma 1949



    Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass es keinerlei Aufnahmen Bastianini's aus seiner Basszeit geben soll.



    Gregor

  • Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass es keinerlei Aufnahmen Bastianini's aus seiner Basszeit geben soll.

    Genau das wollte ich fragen. Schade. Vielleicht taucht noch einmal etwas auf!?

    Taminos aller Länder, durchstöbert eure Bestände!;)

    Der zweite Teil - erst recht mit der hinzugefügten Repertoire-Liste - ist wieder sehr interessant. Danke.

  • Schließe mich meinem Vorredner an. Ich warte schon wieder auf die Fortsetzung.

    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Bastianini gab am 29. Dezember 1950 sein erstes Recital, das öffentlich für den italienischen Rundfunk ausgestrahlt wurde.


    Sein letzter Auftritt als Bass war nur vier Monate später im April 1951 in Turin als Colline.


    Aufzeichnungen von Vorstellungen gab es kaum Anfang der 1950er Jahre. Es ist also mehr als unwahrscheinlich, dass überhaupt Aufnahmen von Bastianini als Bass existieren.

    Alles Gute und einen Gruß von Orfeo

  • Auf der offiziellen Website der Ettore-Bastianini-Gesellschaft wird in der Rubrik "Diskografie" als älteste Aufnahme die "Bohème" von 1952 (also als Marcello) verzeichnet. Also gibt es wohl keine Aufnahme von ihm in der Stimmlage Bass.

    Alles Gute und einen Gruß von Orfeo

  • Am heutigen 24. September gedenkt man nun des 100. Geburtstages von Ettore Bastianini.


    Und wie macht man das am besten?

    Bei mir heute mit dieser Arien-CD:


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    Gregor

  • Banner Trailer Gelbe Rose
  • Der Geburtstag wird in Italien (und Deutschland) gefeiert


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    mit Sonderstempel der Post

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    und Buch

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    und in Deutschland im Radio am Sonntag, 2. Oktober 2022, 15.05 Uhr "Zur Person" auf SWR2

    Alles Gute und einen Gruß von Orfeo

  • Teil 3 - Durchbruch als Bariton (1952 - 1953)


    Nach dem großen Erfolg als Giorgio Germont in Bologna und seinem Debüt als Amonasro in Aida in Pescara - es war seine bereits dritte Partie in dieser Verdi-Oper nach Ramfis und dem König - war es interessanterweise die Russische Oper die ihm alle Türen öffnete. In den 1950er Jahren kam es an den italienischen Opernhäusern geradezu zu einer "Entdeckung" des russischen Repertoires - natürlich damals noch in italienischen Übersetzungen.

    Im Dezember 1952 kam es am Teatro Comunale in Florenz zu Aufführungen von Tschaikowsky's Pique Dame oder wie es in der italienischen Fassung heißt La Dama di Picche. Als Dirigent Artur Rodzinski und Regisseurin Tatiana Pavlova die gehaltvolle und satte Stimme des 30-jährigen Baritons hörten, wussten sie sofort, dass sie ihren idealen Fürst Yeletsky gefunden hatten. Sena Jurinac sang die Lisa.


    Diese Aufführungen gelten als die eigentliche Geburtsstunde des Baritons Ettore Bastianini.


    Nun brachte er wirklich alles mit, um eine außergewöhnliche Karriere zu machen. Er war attraktiv, besaß eine "goldene Stimme", war auf dem Weg zu Berühmtheit und Wohlstand, und zahlreiche begeisterte weibliche Fans umschwärmten ihn. Es heißt vielen davon hat er widerstanden - nun, sicher nicht allen. Aber die Karriere stand für ihn an erster Stelle.

    Er hat sich mit viel Arbeit und Ehrgeiz von einem "Nullachtfünfzehn-Bass" zu einem Bariton mit Weltklasse-Potential verwandelt.


    Nur einen Monat nach seinem bejubelten Yeletsky kam es zu einer Begegnung die seiner Karriere den nächsten Schub verpassen sollte - in Form von Maria Callas, die genau wie Bastianini selbst gerade richtig durchstartete. Callas kam nach Florenz um dort am 25. Januar 1953 mit Ettore als Enrico und Giacomo Lauri-Volpi bzw. später Giuseppe di Stefano als Edgardo Donizetti's Lucia di Lammermoor aufzführen. Es war leicht für Maria und Ettore das florentinische Teatro Comunale zu füllen und das Publikum zu begeistern.


    md17006938554.jpgIn Bastianini’s Karriere gab es nur wenige komische Rollen. Aber er sang beide Barbiere - den von Paisiello, 1953 in Florenz, später dann auch den von Rossini. Viele Verdi-Baritone vermögen es nicht ihre Stimmen für diese Art von Rollen aufzuhellen und lockerer zu werden. Bastianini konnte es! Man hört es sowohl in den Aufnahmen dieser Opern als auch in den italienischen Liedern wie beispielsweise in Tosti’s Marecchiare.


    Dann ging es nach Genua für ein weiteres Rollendebüt - Olivier in Richard Strauss' Capriccio (!). Und dann wartete in Florenz ein anderer Fürst auf ihn. Nämlich der Andrei in Prokofiev's Krieg und Frieden bzw. Guerra e Pace. Die erste Aufführung dieser Oper außerhalb von Russland fand am 26. Mai 1953 statt. Damals konnte das Vier-Stunden-Werk, welches auch mit Rosanna Carteri und Franco Corelli besetzt gewesen ist, nicht überzeugen. Aber Ettore Bastianini erfüllte seine romantischen Szenen mit unbeschreiblicher vokaler Schönheit, besonders seine Stimmpracht wurde in Kritiken gerühmt und er wurde - genauso wie Corelli - für seine so lebensnahe Darstellung hochgelobt.


    Ebenfalls im Jahr 1953 reiste er für eine Fernsehfassung von Puccini’s Il tabarro - für eine Rolle die normalerweise von älteren Sängern übernommen wird - nach Hamburg. Der Michele ist eine Figur in seinen Fünfzigern, Bastianini war gerade mal 30 Jahre alt. Aber er besaß die Klangtiefe und die Reife für diese Partie. Michele’s quälerisches Misstrauen und dessen Unglücklichsein fielen ihm leicht.


    Wie es ganz typisch für ihn war, erreichte er Augsburg in Deutschland für Auftritte als Amonasro und als Don Carlo in Verdi's La forza del destino – mit Leonie Rysanek als Partnerin - im August 1953 mit seinem Auto, in dem er von Florenz über die Alpen und den St. Gotthard-Pass fuhr und sein Ziel drei Tage später erreichte. Nach dem Don Carlo ging es mit dem Auto zurück nach Triest für den Zurga in Die Perlenfischer, danach nach Turin für den Carlo Gerard in Andrea Chenier und schließlich nach Perugia für La Passione di Cristo von Lorenzo Perosi.


    Zum ersten Mal ging es für Ettore Bastianini auch in ein Aufnahmestudio. So nahm er für eine Gesamtaufnahme den Amonasro in Aida auf.


    Sein kometenhafter Aufstieg in Europa blieb in den USA nicht unbemerkt und Rudolf Bing, Direktor der New Yorker Metropolitan Opera, bat seinen "Mann in Europa", Roberto Bauer, Bastianini's Sprung über den Atlantik zu vereinbaren. Ein vom ausgiebigen Fahrradfahren topfitter Ettore Bastianini kam somit nach Amerika, ganz versessen darauf dort zu singen und Amerikanische Western- und Marilyn-Monroe-Filme zu genießen.


    Sein MET-Debüt erfolgte am 05. Dezember 1953 als Giorgio Germont in La traviata an der Seite von Licia Albanese als Violetta und Richard Tucker als Alfredo.


    Die Kritiken waren etwas zurückhaltend. Er wurde für seine wunderschöne Stimme zwar allseits gelobt so wie auch gerne darauf hingewiesen wurde, dass er ein außergewöhnlich gutaussehender Mann ist, er wurde aber auch als etwas schwerfällig in seinem Bühnenspiel empfunden - was sicher auch an seiner Rolle lag die er darstellte.


    Tatsächlich war es seine sehr jugendliche Ausstrahlung als alternder Aristokrat – er war immerhin erst 31 Jahre alt – die zunächst noch nicht alle überzeugte.


    Ein Rezensent von Musical America vermerkte damals: „Die erste La Traviata der Saison diente dazu, einen vielversprechenden jungen italienischen Bariton, Ettore Bastianini, in der Rolle des älteren Germont vorzustellen. Die Stimme ist voluminös und von angenehmer Textur, und Herr Bastianini hat eine tenorartige Projektion, die verhindert, dass seine Töne jemals verschluckt werden oder hohl klingen. Sein Di Provenza il mar brachte ihm einen Beifallssturm ein, der nicht abklingen wollte, bis der Dirigent die Aufführung wieder aufnahm."


    Ein anderer Kritiker beobachtete dazu: "Wenig wusste man über ihn bevor er hier ankam. Die dunkle Fülle seines Klanges qualifizierte ihn als Partner für Albananese und Tucker, obwohl er eindeutig dazu neigte, seine Stimme zu übertreiben und seine Rolle runterzuspielen".


    Weiter heißt es dann: "Die Stimme war ein akustischer Hochgenuss als Luna in Verdi's Il Trovatore (mit Zinka Milanov) am 25. Dezember und genauso am 13. Januar als Enrico in Lucia di Lammermoor mit Lily Pons und Jan Peerce."


    Innerhalb von weniger als zwei Jahren hat Bastianini sich einen so beachtlichen Ruf als Bariton erschaffen, dass er von praktisch allen wichtigen Opernhäusern weltweit angefragt wurde.



    Gregor

  • Mit Beginn seiner Baritonkarriere fand Bastianini's Stimme auch ihren Weg zu Tonaufnahmen und Schallplatteneinspielungen.


    So erschien 1953 seine erste Studioaufnahme: Verdi's Aida mit Bastianini als Amonasro. Die Titelrolle singt Mary Curtis Verna.


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    Die triumphale Pique Dame aus Florenz von 1952 mit Bastianini's gefeiertem Yeletzky ist auf CD erschienen.


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    Außerdem erschien der Mitschnitt von Prokofiev's Krieg und Frieden aus Florenz von 1953 in dem Basti's Partner Franco Corelli und Rosanna Carteri sind.



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    Gregor

  • 71u57+dDuXL._SL500_.jpgDer NDR-Mitschnitt von Puccini's Il tabarro ist ebenfalls 1953 entstanden.


    Es gibt manchmal auch Hinweise auf die Entstehungsjahre 1954 und 1955, die aber nicht stimmen. So auch auf der von Carlo erwähnten MYTO-Aufnahme, die zwar am Cover das Produktionsjahr 1955 nennt, aber auf der Rückseite den Hinweis "Live-Aufnahme 1953" angibt.


    Das Label GOP Great Opera Performances gibt sogar das konkrete Datum der Aufnahme an. Den 21. Juni 1953 in Hamburg.


    Das Orchester und der Chor sind vom NDR, die Besetzung aller Gesangsrollen ist allerdings rein Italienisch.


    Die Sopranistin Nora de Rosa beispielsweise, die einige Jahre nach dieser Aufnahme auch an der Mailänder Scala aufgetreten ist, ist die Giorgetta dieser Aufnahme.

    Der Tenorpart des Luigi wird von Salvatore Puma gesungen.

    Beide Sänger - der Generation Bastianini's angehörend - tauchten vor allem auf Spielplänen und Aufnahmen der 50er und 60er Jahre auf.


    Übrigens singt der junge und noch ganz am Anfang seiner Karriere stehende Luigi Alva die Partie des Il venditore.


    Bastianini's Michele wurde von Publikum und Presse gefeiert. Mit seiner schön timbrierten und kräftigen Stimme vermochte er auch die Verzweiflung und die Qualen seiner Figur so glaubhaft und eindringlich auszudrücken.


    Auch wenn alle Sänger zwar gut miteinander agieren, wird diese Aufnahme von Puccini's Verismoschocker ganz klar von Bastianini getragen.



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    Gregor