Sandor Vegh - Violinist und Dirigent

  • Sandor Vegh - französischer Violonist ungarischer Herkunft - so steht es in meinem Musiklexikon - kein Wort von seiner (bestimmt nicht unbedeutenden ) Tätigkeit als Dirigent....


    Wikipedia sieht ihn als österreichischen Violonisten und Dirigenten.


    Vegh wurde am 17.5. 1912 in Klausenburg geboren.
    Sein Musikstudium absolvierte er an der Musikhochschule in Budapest.


    Ab 1935 (andere Quellen sagen 1933) war er Mitglied des Ungarischen Streichquartetts .
    1940 gründete er das Vegh-Quartett ( verschiedene Besetzungen, 1980 aufgelöst) welches bald eines der bedeutendsten Streichquartette seiner Zeit war.


    Er musizierte mit Weltklassepianisten wie Rudolf Serkin und Wilhelm Kempff, trat auch miit Pablo Casals zusammen auf und war mit Bela Bartok befreundet.


    Zudem war er im Laufe seines Lebens Professor an mehreren deutschn Hochschulen, ebenso wie in der Schweiz.


    Von 1978 bis zu seinem Tode, am 7. Jänner 1997 leitete er die Camerata Academica Salzburg, der er zu neuem Glanz verhalf. Sein Tod war für das Orchester ein Schock und unter Roger Norrington konnte das Orchester nicht mehr an die Berühmtheit anknüpfen die es unter Bernhard Paumgartner und Sandor Vegh gehabt hatte.


    Ich hatte stets bedauert, daß es eigentlich relativ wenig Aufnahmen von Veghs Dirigaten in Salzburg gibt, bin aber in dieser Hinsicht einem Irrtum unterlegen. Bei der Recherche zu diesem Beitrag bin ich auf unzählige Aufnahmen gestoßen, die ich bis dato nicht gekannte hatte - und die sich nun auf meiner Wunschliste befinden.


    Einiges jedoch befindet sich ohnedies in meiner Sammlung, so etwa einige Livemitschnitte von Mozart- und Haydn Sinfonien von den Salzburger Festspielen - auf Orfeo veröffentlicht....



    mfg aus Wien


    Alfred

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  • Es gab mal eine Gesamteinspielung der Divertimenti von Mozart von Vegh mit der Camerata, die absolut fantastisch ist!! (Ich finde sie gerade bei jpc nicht, vielleicht ist sie vergriffen). Wenn man das hört, denkt man für Mozart ist die Divertimento-Form absolut passender als die Sinfonie!


    Vegh war übrigens - natürlich ein großer Musiker, neben der Wiener Klassik auch und gerade in der Moderne unterwegs - ein ungeheuer gebildeter und geistreicher Mann.
    Auf die Frage nach dem allgemeinen Niedergang der Klassik - sowohl hinsichtlich Interpretation als auch hinsichtlich Komposition - (ein Thema, das wir hier ja permanent beim Wickel haben), äußerte er (sinngemäß). Das sei kein Niedergang, sondern eine Veränderung. Es wäre wie mit der Liebe: Im Gegensatz zu der Zeit vor etwa 50 Jahren sei Sex einfach viel wichtiger, Gefühl weniger wichtig geworden.


    Und das hört man eben - aber nicht bei Sandor Vegh!!!

    Der Jugendtraum der Erde ist geträumt
    Grillparzer
    Macht nix!
    grillparzer

  • Einzelne CDs der Serenaden und Divertimenti sind allerdings noch erhältlich, teils sogar als SACD; vielleicht liegt es an der Wiederauferstehung von Capriccio als "Phoenix":



    Ich muss allerdings zugeben, dass ich Vegh ebenfalls hauptsächlich als Begleiter von Schiff bei den Mozart-Konzerten und mit wenigen dieser Divertimenti kenne. Das ist freilich sehr gut, Sinfonien von Mozart oder Haydn habe ich jedoch noch nicht gehört.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Vegh und die Mitglieder seines Quartetts wohnten und unterrichteten waren ab ca. 1954 in Basel. Ich hatte das Glück, bei seinem Cellisten Paul Szabo Cello zu lernen. Dadurch erfuhr ich viel über Vegh, das Quartett und die Ungarische Streicherschule. Ich habe das Quartett sicher an die fünfzig mal live gehört u.a. dreimal den gesamten Beethovenzyklus. Später hörte ich Vegh mehrmals als Drigent der Camerata.


    Die Aufnahmen geben leider nur unvollständig wieder, was Vegh auf der Bühne ausmachte. Im Konzert schien er die Musik gleichsam neu zu suchen und zu erfinden, sich und die Zuhörer dauernd überraschend. Er hatte einen sensitiven, manchmal fast fragilen Ton, der einem zu Aufmerksamkeit zwang, nicht den fetten, gemachten Ton der kommt wie aus der Mayonnaise-Tube gedrückt, den wir von gewissen Amerikanern und Russen so gut kennen. Sein Vibrato war äusserst variabel, langsam, rasch, gross oder fast nichts. Seine Palette reichte vom zärtlich Angedeuteten bis zur Dämonie.


    Vegh wirkte dadurch im besten Sinne Europäisch und in vieler Hinsicht machte er "von Natur aus", was die historische Aufführungspraxis sich jetzt wieder erarbeitet. Sein Spiel war auch riskiert, er war launisch und vielleicht jedes sechste Konzert war nicht so perfekt wie sonst, was ihm dann die Kritik übel nahm. Wenn er verstimmt war konnte er einen halben Abend lang einen Achtelton zu hoch spielen...


    Ich besitze viele seiner Aufnahmen. Diejenige, auf der man am besten hört, wie er im Konzert war ist die live-Aufnahme des Schubert-Quintetts aus Prades mit Casals. Zumal im langsamen Satz hört man genau sein suchendes quasi improvisando, das ihm kaum jemand nachmachte. Meines Wissens ist diese Aufnahme aber nur noch antiquarisch erhältlich (oder als Raubkopie).


    Veghs Mono-Aufnahmen der Bartok-Quartette bei Columbia haben einen Masstab gesetzt. Den Beethoven-Zyklus hat er mit dem Quartett zweimal aufgenommen, einmal ca. 1952 mono aber diese Aufnahmen sind relativ fantasielos und uninteressant, man soll die Finger davon lassen. Seine zweite Aufnahme des Beethoven-Zyklus war 1973 in stereo, nach der jahrelangen Zusammenarbeit Veghs und des Quartetts mit Casals. Sie ist aufnahmetechnisch sehr gut und immer noch bei NAIVE erhältlich. Ich halte sie zusammen mit den Aufnahmen des Busch-Quartetts immer noch für den Masstab des Beethoven-Quartettspiels.


    Das Quartett hatte beim Üben eine grosse Disziplin, sie übten sogar Tonleitern und Arpeggien zusammen im Quartett, Intonationsunreinheiten wurden nicht geduldet, wohl aber das Färben der Intonation zwecks Ausdruck, das Vegh virtuos beherrschte.


    Im Konzert war dagegen Freiheit und Risiko gefragt. Es war die Rede von "geschehen lassen", nichts wollen und nichts machen. Im besten Fall sollte das Ich sich auflösen im Werk.


    Dieses gehen lassen hatte ein Gegenstück in seinen Händen, die beim Spielen immer butterweich und entspannt blieben.


    Vegh hatte auch als Dirigent der Camerata einen Magnetismus. Eigentlich dirigierte er nicht richtig, er liess einfach spielen und hörte zu. Aber dieses Orchester gab das letzte und seine zwei oder drei Celli tönten nach mehr als ein acht- oder zehnköpfiges Celloregister in einem grösseren Orchester.


    Als er aufhörte zu geigen, hinterliess er eine grosse Lücke in meinem Musikerleben. Gegen ihn sind alle die Sznajders, Hahns, Repins, Fischers, Rachlins langweilig, uninspiriert und teils sogar geschmacklos. Alles ist gemacht, kontrolliert und vorhersehbar, halt so wie es die Dressur durch Zakhar Bron, Boris Kuschnir oder Dorothy Delay einprogrammiert hat.


    Immerhin habe ich vor einigen Jahren die Kopatchinskaja entdeckt und bei ihr vieles wieder gefunden, was Vegh ausmachte: Das Neuerfinden der Musik, das improvisando, die gestreichelten und gehauchten Töne, die Überraschung, das Risiko und die Dämonie. In einem ihrer Konzerte war auch die Witwe von Vegh anwesend und ich meinte nachher zu ihr, dass ich das Gefühl habe, dass aus Patricia der gleiche Geist spreche wie damals aus Sandor Vegh: Sie sah mich streng an und antwortete "Das ist absolut so". Es wird also wohl etwas dran sein.


    Grüsse an alle


    Laurent

  • Er könnte heute seinen 100. Geburtstag feiern:



    Sándor Végh (* 17. Mai 1912 im siebenbürgischen Klausenburg (Kolozsvár, heute Cluj-Napoca), Rumänien; † 7. Januar 1997 in Salzburg) war ein österreichischer Dirigent und Violinist ungarischer Abstammung.


    :jubel::jubel::jubel::jubel::jubel:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)


  • Zu diesem Geburtstag möchte ich auch an nebenstehende referenzwürdige GA der Mozart-Klavierkonzerte mit dem Pianisten Andras Schiff, Sandor Vegh und der Camerata Academica des Mozarteums Salzburg erinnern.


    Liebe Grüße


    Willi :rolleyes:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Als Karl Böhm gestorben war füllte mir Sandor Vegh für einige Jahre diese Lücke - zumindest im Bereich Haydn, Mozart und Schubert. Vegh, der aus dem Bereich der Kammermusik kam, übernahm 1978 die Camerata Academica, die er bis zu seinem Tod leitete und ihr wieder den Glanz gab, der seit dem Tod des Orchestergründers Bernhard Paumgartner ein wenig matter geworden war. Nach seinem Tod verlor meines subjektiven Erachtens nach das Orchester zunehmend an Bedeutung.
    Es mag vielleicht übertrieben sein, wenn irgendwo stand, Vegh habe den Orchesterklang der Camerata geprägt, er war schon vorher vorhanden, wie Aufnahmen unter Bernhard Paumgartner und Geza Anda belegen - aber er hat ihn gefestigt und einer breiteren Öffentlichkeit vermittelt, nicht zuletzt durch zahlreiche Aufnahmen.
    Damit Vegh als Kammermusiker nicht in Vergessenheit gerät - hier ein Link auf eine Mono-Aufnahme des Vegh Quartetts (Haydn-Kodaly-Tschaikowsky - Aufnahmedatum 1951-1956 - Tonqualität : für ihr Alter EXZELLENT) und eine weiter (Live) Aufnahme von 1961 - ebenfalls mono mit Werken von Haydn, Beethoven und Debussy...



    Sogar eine Stereo-Aufnahme des Quartetts mit Streichquartetten von Schubert (Nr 15) und Bartok (Nr 3) habe ich ausfindig gemacht - und es gibt offensichtlich noch mehr - in unterschiedlicher Tonqualität.



    Am Schluß noch - Quasi als Geburtstagsgeschenk, drei weitere Haydn Sinfonien live aus Salzburg in Stereo.
    Nein - es ist noch nicht Schluss (und einiges habe ich noch für andere aufgehoben) - weil ich soeben entdeckt habe, daß es neben der alten Mono-Gesamtaufnahme der Bartok Streichquartette eine weiter voll in Stereo in Super-Klangqualität gibt.



    Der Werbetext bezeichnet sie als Meilensteine der Schallplattengeschichte - ich möchte hier an dieser Stelle nicht widersprechen. Man höre versuchsweise in Track 3 hinein....
    Es wäre ein großes Versäumnis diese Aufnahme Kammermuskfreunden vorzuenthalten....


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

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  • Auch zum heutigen Geburtstag möchte ich noch einmal seine prächtige GA der Mozartkonzerte mit András Schiff präsentieren, die seit vielen Jahren in meiner Sammlung sind:



    Heute ist der 103. Geburtstag von Sandor Vegh.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • "Stil hat man oder hat ihn nicht, man kann ihn nicht lernen"


    Vegh ist für mich einer der unterschätzesten MUSIKER des 20. Jahrhunderts, ob nun als Geiger oder "Dirigent".
    Takt geschlagen hat er ja nie, Geige gespielt ja auch nicht.


    Vor Kurzem hörte ich einen Mitschnitt von Mozart-Konzerten unter seiner Leitung, Andras Schiff am Klavier.
    Da stimmt einfach alles. So wie auch bei den Aufnahmen der Beethoven-Quartette oder bei seiner Lesart der Bachschen Sonaten und Partiten.
    Kaum ein Geiger heute würde noch Wohlgefallen erregen hier, der so technisch mangelhaft, dabei doch so erfüllt "seinen" Bach musiziert.


    In Europa nie erschienen sind wohl seine Aufnahmen der Beethovenschen Violinsonaten, Andras Schiff begleitetend.
    Vegh ist für mich einer der prägendsten und zutiefst menschlichen Musiker des 20. Jahrhunderts: alle Diskussionen um Instrumente und Stilitisken verstummen im Angesicht dessen, was er geboten hat und wir es nur annehmen müssten.


    Eine heimliche, aber große Liebe.
    Mike

  • Die Beethovenquartette sind erfreulicherweise vor anderthalb Jahren preiswert wiederveröffentlicht worden:


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  • Das hat mich zuerst auch verwundert. Aber der Datensatz der vergriffenen Ausgabe sieht für mich so aus, als ob es die vorletzte (dort steht 2001) Ausgabe wäre. Andererseits sind "vier Wochen Lieferzeit, sofern verfügbar" bei jpc auch etwas bedenklich. Naja, da habe ich ausnahmsweise mal zum richtigen Zeitpunkt zugeschlagen und nicht ad Kalendas Graecas verschoben. :D
    Die alten Einzelausgaben sind unbezahlbar; erhältlich ist aber eine Auswahl von 4 Quartetten in einer Naive-Pappbox.


    Die Mozart-Serenaden und die Klavierkonzerte mit Schiff scheinen allerdings nach wie vor problemlos lieferbar; ebenso einige Sinfonien Mozarts und Haydns, sowie diverses andere bei Orfeo.

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    (Bob Dylan)

  • Sándor Végh ist einer der Dirigenten, die ich aus unerfindlichem Grunde jahrelang mit Missachtung strafte. Ich könnte noch nicht einmal einen Grund anführen, wieso. Vielleicht nahm ich ihn lange gar nicht als Dirigenten wahr – der Threadtitel deutet das ja auch an. Er bezeichnete sich wohl selbst zeitlebens schlicht als Musiker, ganz salomonisch.


    Nach meinem Eindruck ist Végh gut zwanzig Jahre nach seinem Tode etwas in Vergessenheit geraten, was auch daran liegen mag, dass er sich nie in den Mittelpunkt stellte. Andererseits gab es in der letzten Zeit einige Veröffentlichungen, die seinen hohen Rang als Dirigent unterstreichen. So liegt nun endlich ein kompletter (!) Zyklus der Schubert-Symphonien mit der Camerata Salzburg vor.


    Nr. 5 bis 9 wurden von Capriccio bereits in den 90er Jahren veröffentlicht:



    Das Label BMC hat in Zusammenarbeit mit dem WDR nun auch Nr. 1-4 in Rundfunkproduktionen von 1996 auf den Mark gebracht:



    Es handelt sich um Mitschnitte von Véghs letztem Schubert-Zyklus aus Köln, praktisch ohne Publikumsgeräusche und Applaus, nur wenige Monate vor seinem Tode aufgenommen. Ich habe sie mir geleistet und die Erste und Zweite bereits mit großem Gewinn gehört. Er fördert viele Details zu Tage, die meist auf der Strecke bleiben.


    Mit den Wiener Philharmonikern arbeitete Végh in seinen späten Jahren ebenfalls zusammen. Man spielte einige Symphonien von Mozart. Hier ein künstlerisch ausgezeichneter, dynamisch fein abgestufter Mitschnitt der "Prager Symphonie" aus dem Wiener Konzerthaus von 1991:


    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid