Mahler 2010 - Die Sinfonien - Pierre Boulez

  • MAHLER 2010 - Die Sinfonien - Pierre Boulez



    Pierre Boulez als Dirigent wurde hier im Forum zwar schon behandelt, aber eben mehr in sehr allgemeiner Form.


    Hier soll es nun ausschließlich um den Zyklus der Mahler-Sinfonien Nr. 1 - 9, Das Lied von der Erde und die Orchesterlieder gehen.


    Pierre Boulez hat für seinen Zyklus vier verschiedene Orchester verwendet; und zwar:


    - Chicago Symphony Orchestra (Nr. 1 & 9)


    - The Cleveland Orchestra (Nr. 4 & 7)


    - Wiener Philharmoniker (Nr. 2, 3, 5, 6, LvdE & Lieder)


    - Staatskapelle Berlin (Nr. Acht)



    Als Dirigent ist Pierre Boulez umstritten - und als Mahler-Dirigent erst recht.


    Aber warum?


    Auch ich stehe Pierre Boulez und seinen Aufnahmen kritisch bis ablehnend gegenüber.


    Von seinen frühen CBS/Sony-Aufnahmen halte ich aufgrund mangelnder orchestraler Geschliffenheit wenig bis gar nichts.


    Seine DG-Aufnahmen hinterlassen bei mir einen ganz anderen Eindruck.


    Hier wurde offensichtlich gründlich, akribisch und sehr ernsthaft gearbeitet und nichts dem Zufall überlassen. Hier wurde für die Ewigkeit und nicht für den schnellen Erfolg aufgenommen.


    Aus dem hier zur Besprechung anstehenden Mahler-Zyklus besitze ich die Sinfonien Nr. 1 - 4:




    Viele "Klassikkenner" sind einfach vorurteilsbeladen gegenüber Pierre Boulez und werten Ihn als "Eismann" und "Technokraten" ab.


    Dies geht m.E. gründlich an seinen Fähigkeiten und seinem Interpretationsstil vorbei.


    Was Pierre Boulez bei Mahler will, ist:
    orchestrale Perfektion, totale Transparenz, Objektivität, Klarheit, keine Überemotionalisierung, Ausleuchtung der Partitur und der Struktur, klare Herausarbeitung der sinfonischen Architektur, keine Weichzeichnung und/oder Vermeidung von Härten, Verdeutlichung der strengen Rhythmen.


    Mit diesen Prinzipien geht er auf klare Distanz zu Dirigenten wie Leonard Bernstein, die sich selber mit Mahler und seinen Leiden identifizierten und von daher eine totale Subjektivität und Distanzlosigkeit in Ihren Interpretationen walten liessen.


    Aber ich möchte hier nicht schon alles zu Tode diskutieren, sondern auch erstmal ein paar andere Meinungen hören.


    Vorhang auf!



    ;)Agon

  • Hallo Agon,


    ich denke Boulez ist, was sein Musikverständnis (und vielleicht auch seine Person) angeht, ein zutiefst unemotionaler Mensch; ein Technokrat bester Schule und Perfektionist aus Leidenschaft (?!). Dies spiegelt sich auch in seinen Aufnahmen wider (man erinnere sich nur an seinen Bayreuth-Ring). Gerade bei Gustav Mahlers Musik, die ja einen weiten Spielraum an Interpretation zulässt, kann man das sehr gut ablesen. Ich denke, sein Ansatz ist dieser persönlichen Einstellung zu verdanken; ich glaube nicht, dass er sein Dirigat ganz bewusst darauf „getrimmt“ hat.


    Ich habe aus dem von Dir beschriebenen Zyklus die 1., die 2., die 3., die 4. und die 8. sowie (aus einer früheren Periode) Das Klagende Lied.


    Gelungen halte ich die 2. (klasse Struktur), die 4 (dieser tut sein nüchterner Ansatz erstaunlicherweise sehr gut). und die 8 (er macht das Werk ungemein durchhörbar). Bisserl schwerer tu ich mir mit seiner 1. (er kommt m.E. dynamisch nicht zu Potte)und ganz schwer mit seiner 3. (für mich ein uninspiriertes, unmahlerisches Spiel). Auf jeden Fall haben alle Aufnahmen eine gewisse Eigenständigkeit, die am Markt Bestand haben und für die es viele Freunde gibt.


    In meinem Portfolio gibt’s Einspielungen, die mir (teils) erheblich lieber sind, aber dennoch greif ich erstaunlich oft auf seine Aufnahmen zurück; manchmal mag ich genau diese knochentrockene, nüchterne Art. Und das ist ja auch schon was…

  • Ich habe Maler-Lieder mit Boulez. Die gefallen mir gut. Man muss natürlich anmerken, dass die Solisten von Otter, Urmana und Quasthoff heissen, also sängerisch keinerlei Schwächen vorhanden sind.
    Ich finde aber, dass das Zusammenspiel mit dem VPO sehr gut ist. Man versteht jedes Wort, es ist ein angenehmes bis mitreissendes Musizieren zwischen Sänger und Orchester.
    Ich merke an dieser Stelle allerdings auch an, dass mir Boulez' Parsifal gut gefällt.
    Ich finde es eher schwierig, ihn mit Begriffen wie Technokrat chrarakterisieren zu wollen. Er hat eben ein anderes Musikverständnis. Mahler ist quasi der Beginn seiner Zeitrechnung. Seine Kompositionen sind modern, komplex, amelodiös. Das ist sein Ansatz. Schönberg, Webern, Stravinsky sind "seine" Komponisten. Da kann man keinen Schönklang à la Bernstein, Karajan, Chailly erwarten. Er deutet Wagner als Vater der Moderne.
    Ich finde die Aussagen von Thomas Knöchel sehr interessant, weil sie durchaus das Mahler-Bild Boulez' verdeutlichen.
    Die 1. Sinf. ist gesanglich, romantisch, da braucht es das weiche, natürliche Händchen, gerade im 1. Satz. Ich finde bei der 1. Kubelik oder Abbado oder Levine sehr gut. Das ist nicht so Boulez' Stil, die Natur hauchzart erwachen zu lassen. Und wenn der 1. Satz nicht gut entwickelt, ist die ganze Sinfonie verdorben, weil sie in einzelne Stücke zerfällt.
    Die 2. ist ja schon vierl komplexer und unheimlich strukturiert in ihrem Kompositionsstil. Ich habe das mal in einem Vortrag von G Kaplan gehört. Hier öffnen sich Räume, wird durch den Einsatz von Solisten und Chor die Orchestermusik erweitert. Und auch die Brüche im Stück: Der 1. Satz als Totenfeier, danach der 2. Teil des Werkes mit Translation und Resurrection. Da hat ein Dirigent mal die Möglichkeit, ein Werk analytisch anzugehen, es tatsächlich stückweise aufbauen zu lassen, die Spannung bis zum Schluß zu steigern, durch Sektion größte Gefühle zu wecken, also durch das Vermeiden, sich von Gefühlen packen zu lassen, den Zuhörer zu Tränen zu rühren. Das ist ja bei Mahlerwerken schnell gefährlich, dass man sich in den Gefühlsstrudel reissen lässt, das Aufersteh'n zu sehr als Requiem und damit zu katholisch-sakral begreift, was in einer Welt nach Nietzsche niemals von Mahler intendiert war.
    Das bringt uns auch zur 4. Sinfonie. Die wird ja gern ein wenig verklärt. Sie sei nicht so "schwer", so "weltenfremdend". Da wird dann schnell ein bisschen zu romantisch und heiter abgespult. Dabei ist es keineswegs erwiesen, dass Mahler die 4. unter wesentlich anderen Umständen als die 5. oder 6. geschrieben hätte. Und sie ist auch nicht deshalb heiter und locker zu sehen, weil sie ausnahmsweise in Dur steht. Vielmehr basieren Mahlers Werke immer wieder auf einer gewissen Doppelbödigkeit, Heiterkeit ist oft unterlegt mit Groteske oder Schaudern. Darin ist er im Übrigen Schostakowitsch nicht ganz unähnlich, wenngleich Schostakowitsch aus einer ganz anderen Bedrängung heraus diesen Tonfall entwickelt.
    Die 4. Sinfonie sollte also nicht als heiteres Durchgangsstück missinterpretiert werden, bevor dann die schweren komplexen Mittelsinfonien 5-7 entstanden. Auch hier ist deshalb ein Analytiker wie Boulez eine gute Wahl. Er macht aus Mahler keinen Strauss, sondern durchdringt das Werk in seinen Ebenen, zeigt die Brüche in der Partitur. Haitink gelingt dies in der Aufnahme mit dem CSO und C. Schäfer sehr schön. Es ist kein opulentes Musizieren, sondern Musik am Rand zur Sentimantalität. Chailly ist dagegen sehr gesanglich, das RCO spielt einfach herrlich auf und doch ist man am Ende etwas ratlos. Wer einmal die 4. seziert erleben möchte, sollte sich die Aufnahme mit der Manchester Camerata anhören, einem Kammerorchester. Plötzlich ist die Opulenz verflogen, werden die Stimmen dünn und ausgezehrt, ist man erschrocken über die Wirkung der eigentlichen Themen, die im üppigen Streicherklang schnell untergehen.
    Bei der 8. muss man letztlich sagen, dass eine solche Mammutsinfonie nur von Dirigenten mit großer Erfahrung und großem Organisationstalent zu stemmen ist. Aus dem Veni creator ohne Verlust bis zum Ende und Faust II zu kommen, ist äußerst schwierig. Da bedarf es einer umfangreichen Erfahrung als Operndirigent mit Massenszenen und fetten Chören. Die 8. ist ein wenig die Fortführung der 2. Boulez hat sich mit der 8. lange Zeit gelassen. Das war vermutlich kein Fehler. Und er wählte ein Orchester, das keine besondere Mahler-Tradition hat, aber das gerade unter ihrem GMd Barenboim die 7. und 9. einspielte/eingespielt hatte und einen Mahlerzyklus mit Boulez und Barenboim aufführte. Sie waren also im "Flow". Das, denke ich, ist bei der 8. wichtig, weil sie eben so monumental ist, die schiere Zahl der Mitwirkenden die Gestaltungsmöglichkeiten des Einzelnen beeinträchtigt bzw. reduziert. Von den guten 8. sind die meisten mit Orchestern mit großer Mahler-Erfahrung entstanden, das CSO, das VPO, das RCO. Für die 8. braucht man diese Tradition, um das Werk in seiner Fülle wiedergeben zu können.
    Die 3. ist als Widerpart zur 4. zu sehen. Was in der 4. schnell romatisiert werden kann, wird in der 3. gern zerlegt. Sie ist ja ein monumentales Werk, eines der längsten symphonischen Werke überhaupt. Hier besteht die Tendenz, sich der Analyse hinzugeben. Hier scheint erstmals die Moderne bei Mahler auf. Der 6. Satz lädt mit seinem langsamen Tempo und seinen fast jazzhaften Soloeinlagen sehr dazu ein, jede Faser für sich wirken zu lassen. Wobei man natürlich schon im 1. Satz versucht ist, die Länge mit besonderer Sorgfalt auf einzelne Melodielinien zu überspielen und dann befindet man sich schnell in einer Spirale, die den Zuhörer unruhig auf dem Stuhl hin- und herrutschen lässt. Bernstein schafft es aus meiner Sicht sehr gut, die Spannung zu halten, ohne das Werk zu zergliedern und die Musikalität zu verlieren. Aber bei Boulez kann ich mir schon vorstellen, dass er die Brüche zu sehr betont.


    Ich warte offengestanden darauf, dass die DG die Boulez-GA in einem Schuber für billig Geld rausbringt. Ich wollte mir ja eigentlich keine Mahler-GA mehr kaufen, aber Boulez interessiert mich schon noch...

  • Hallo Thomas,


    ich kann Deine Einschätzungen ziemlich gut nachvollziehen.
    Daß Boulez ein zutiefst unemotionaler Mensch ist, scheint so zu sein. Und Perfektionist aus Leidenschaft, ja, das ist er sicher.


    Seine Vierte Mahler erinnert mich ganz stark an die George Szell-Aufnahme mit demselben Orchester. Nüchtern, streng, geradlinig - und genau mit diesem Ansatz trifft er den Kern der Sinfonie. Dazu kann ich Ihm nur gratulieren.


    Seine Dritte ist eine ambivalente Angelegenheit. Der erste Satz hat mir sehr gut gefallen. Gerade hier ist eine "architektonische" Herangehensweise zwingend notwendig. Und die liefert Boulez. Gerade der Anfang gelingt Ihm unglaublich beeindruckend. Und so gehts bis zum Ende des Satzes. Die meisten anderen Dirigenten kriegen das einfach nicht so hin (Abbado, Mehta etc.). Etwas schwächer wird er in den Mittelsätzen, das wirkt sehr uninspiriert und flach, schade, Frau Otter ist dann in "O Mensch" auch nicht gerade die Erfüllung (man nehme hier nur Hanna Schwarz unter Sinopoli - göttlich!). Im Finalsatz allerdings dreht er mächtig auf, schafft einen großen Spannungsbogen und bringt den Satz glorios zu Ende. Toll.


    Zur 1. und 2. kann ich mich noch nicht abschließend äußern.



    Agon

  • Ja, der Boulez! Er hat sich in den vergangenen Jahren still und heimlich zu einem meiner Lieblingsdirigenten gemausert.


    Boulez galt (und gilt) ja traditionell eher als Mann neutönerischer Anwandlungen. Dabei kann ich persönlich mit derlei Klangwerk wenig bis gar nichts anfangen und auch seine eigenen Kompositionen erfüllen mich (soweit ich sie denn gehört habe) nur mit verständnislosem Kopfschütteln.



    Doch als Dirigent beeindruckt mich Boulez von Aufnahme zu Aufnahme mehr! Sicher, es gibt auch Enttäuschungen; seinen Parsifal beispielsweise finde ich eher spannungsarm und uninspiriert.


    Doch gerade seine Mahler-Interpretationen gehören für mich zum Besten, was es auf diesem Gebiet überhaupt gibt. Ebenso Schönbergs Gurrelieder mit dem BBC-Symphony (Sony) die ich mir diese Woche zugelegt habe. Alles in allem gekonnte Synthesen aus Klangpracht, interpretatorischer Geradlinigkeit und nahezu transparenter Durchhörbarkeit - dies alles natürlich immer unter der Prämisse, daß Aufnahmetechnik und -bedingungen stimmen.


    Ich habe bei Boulez fast nie das Empfinden musikalischer Zufälligkeit. Der Mann scheint immer genau zu wissen, was er will und wie er es dem Orchester vermitteln kann. So ein "irgendwie laufen lassen" scheint es bei ihm nicht zu geben. Da ist alles höchst präzise und exakt durchdacht wie bei einem Uhrmacher.


    Am besten kann ich dies am Beispiel der Schönberg'schen Gurrelieder erklären, da ich diese quasi noch "im Ohr" habe und auch einen Interpretationsvergleich mit der vielgerühmten Chailly-Einspielung anstellen konnte. Bei diesem Werk stellt Boulez' Einspielung gewissermaßen den Antipoden zur Aufnahme Chaillys dar.



    Chailly, oft wegen seiner schwelgerischen spätromantischen Stimmung und Pracht gelobt, errichtet ein großes, mächtiges Marmorgebäude auf wuchtigem Fundament und mit imposanten Säulen und prachtvollen Ornamenten geschmückt. Der musikalische Eindruck ist überwältigend! Und doch fällt es mir schwer, die Einzelheiten zu erfassen und das Innere der Musik präzise "greifen" zu können.



    Boulez, hingegen, errichtet einen musikalischen Kristallpalast mit gläsernen, ja geradezu sphärischen Linien und bis ins Innerste hinein analytisch durchschaubar. Man kann scheinbar jedes Instrument, jede Melodielinie nachvollziehen und päzise verorten, erfassen und in Beziehung zueinander setzen. Das ist ein Hörvergnügen, wie ich es ansonsten nur beim Genuß von Kammermusik empfinde!



    Es geht mir bei dieser Gegenüberstellung nicht um besser oder schlechter, sondern um grundlegende Unterschiede in der interpretatorischen Architektur: Wenn Chailly sich durch die Kompaktheit und homogene Perfektion seiner Einspielung auszeichnet, dann gelingt dies Boulez durch die Summierung vieler diskreter Einzelkomponenten zu einem ebenso perfekten Ganzen!


    Und analog dazu verhält es sich aus meiner Sicht auch mit Boulez' Mahler-Interpretationen. Es mag wohl subjektiv (und vielleicht auch objektiv) bessere Mahler-Sichtweisen geben. Doch keine mir bekannte reicht auch nur annähernd an diese unglaubliche Transparenz und Durchhörbarkeit heran - und genau dies mach Boulez bei Mahler mittlerweile für mich so unersetzlich!


    An allererster Stelle möchte ich hier auf Mahlers 2. verweisen:



    Mir ist - was das Orchesterspiel anbelangt - keine Einspielung der Auferstehungssinfonie bekannt, die auch nur annähernd an die DGG-Aufnahme mit den Wienern heranreicht. Wenn man Mahler - im Wortsinne - "kennen lernen" möchte, so führt nichts an dieser Aufnahme vorbei!



    In diesem Sinne (und hoffentlich nicht zu kryptisch)


    Laurenz :hello:

    `
    (...) Eine meiner frühesten Erinnerungen im Zusammenhang mit der Musik betrifft einen Abend, an dem das Rothschild-Quartett bei uns ein hochmodernes Werk von Egon Wellesz spielen sollte. Die Stühle waren den Musikern zu niedrig, so nahmen sie unsere Bände mit Schubertscher Kammermusik, um damit ihre Sitze zu erhöhen. Ich dachte, wieviel schöner es wäre, wenn sie auf Wellesz sitzend Schubert spielen würden (...)


    — aus „5000 Abende in der Oper“ von Sir Rudolf Bing —
    .

  • Wie gesagt, ich halte von seinen CBS/Sony-Aufnahmen nichts. Ich finde sie komplett unerträglich und abstoßend - diese billige Aufnahmetechnik ekelt mich an. Noch dazu sind sie unsauber und schmutzig gespielt - ich bin froh, diesen Dreck wieder los zu sein.


    Welch Wohltat sind seine neuen klinisch reinen DG-Aufnahmen. Dieser Klang und diese Reinheit ziehen mich magisch an.
    Zum Glück verzichtet Boulez hier auf eine Überemotionalisierung und setzt stattdessen auf perfektionistisches Orchesterspiel und domestizierten Ausdruck. Dies ist wirklich einmalig.
    Mahler hätten diese Aufnahmen mit Sicherheit gefallen. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.
    Wahrscheinlich muß ein Interpret seiner Werk auch gleichzeitig Komponist und Dirigent sein, um Ihm gerecht werden zu können.
    Auf einer Ebene mit Boulez würde ich hier nur noch Michael Gielen benennen wollen.



    Agon

  • Wenn man so viele Mahler-Aufnahmen besitzt, fragt man sich natürlich: Was bringt mir der Erwerb noch dieser Aufnahme an neuen Erfahrungen und Erkenntnissen? Die 9. Mahler mit Boulez habe ich mir gekauft als sie billig zu haben war, weil ich vor längerer Zeit mal reingehört hatte und von der Präzision beeindruckt war. Mahler nur präzise-strukturbetont gespielt ist mir aber insgesamt zu wenig. Ein Rezensent schrieb mal über den Mahler von Boulez nicht zu unrecht: "Mahler als tönend bewegte Form". Die 4. kenne ich von Szell mit dem Cleveland Orchestra (sehr gut!), warum muß ich da auch noch Boulez haben?


    Beste Grüße
    Holger

  • Lieber Holger :


    Meine vollste Zustimmung zu Deiner Bewertung der kalten Mahler - Interpretationen durch Pierre Boulez .


    Mahlers 4ter Symphonie mit George Szell möchte ich an die Seite
    stellen : Fritz Reiner , Lisa della Casa .


    Diese interpretation hat mir sozusagen " blind " , weil er eben mein Stilempfinden kannte Herr Werner Persch , den Du ja kennst , als d i e Aufnahme vor Jahren einmal direkt bestellt .


    Beste Grüsse



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Mahlers 4ter Symphonie mit George Szell möchte ich an die Seite
    stellen : Fritz Reiner , Lisa della Casa .


    Diese interpretation hat mir sozusagen " blind " , weil er eben mein Stilempfinden kannte Herr Werner Persch , den Du ja kennst , als d i e Aufnahme vor Jahren einmal direkt bestellt .


    Lieber Frank,


    die Reiner-Aufnahme mit der vorzüglichen Lisa della Casa habe ich natürlich auch und der gute W. Persch schätzt sie nicht zu Unrecht so sehr! Einen Einwand habe ich allerdings doch: Reiner will um jeden Preis eine Sentimentalisierung von Mahlers Musik vermeiden. Da gibt es nun am Ende des langsamen Satzes diese "Durchbruchs"-Stelle, die Öffnung des Himmelstores, bevor das himmlische Leben ausgemalt wird, der Himmel auf die Erde kommt, wo das Orchester regelrecht auseinanderfliegt wie bei einer Vulkaneruption. Bei keiner anderen Aufnahme, nur bei Reiner wird dieser große, novellistisch überraschende Einbruch und Ausbruch gleichermaßen erstickt zu einer harmlosen Verpuffung. Deshalb ist meine Lieblingsaufnahme dann doch die von Vaclav Neumann mit der Tschechischen Philharmonie! :yes:


    Beste Grüße
    Holger

  • Zitat

    Original von Dr. Holger Kaletha
    Mahler nur präzise-strukturbetont gespielt ist mir aber insgesamt zu wenig. Ein Rezensent schrieb mal über den Mahler von Boulez nicht zu unrecht: "Mahler als tönend bewegte Form".


    Hallo miteinandner, bei Boulez' Einspielung von Mahlers 4. Sinfonie würde ich hier zustimmen, auch seiner #2 und #3 kann ich nicht viel abgewinnen. Ganz andere Ergebnisse fördern sein Ansatz aber bei # 5 und vor allem #6 zu Tage: Die Katastrophen werden hier aus einer unerbittlichen Genauigkeit heraus entwickelt und gewinnen gerade dadurch eine immense emotionale Kraft. Genauigkeit und Seele eben. Seine #6 ist sicher eine der besten und schlüssigsten Aufnahmen dieser Sinfonie überhaupt (und ich kenne einige...). Ich kann das hier jetzt im Detail nicht belegen und begründen, auch rein zeitllich nicht. Aber eine Anschaffung dieser Aufnahme lohnt sich, auch wenn man schon einige im Schrank stehen hat.


    Beste Grüße,
    Christian

  • Lieber Holger :



    Sehr erstaunlich fand ich es damals schon, dass Herr Persch mir diese Aufnahme " blind " besorgt hatte .
    Lange Zeit war es extrem schwer , in Deutschland Aufnahmen das Labels ' Supraphon ' zu bekommen ( LP und dann auch CDs ; Hungaroton nicht fern . ) .
    Neumann wie Talich gab es zu Zeite meiner Schüler-Austauschzeit in London als LPs . Grosser Brahms , Dvorak . Übrigens viel Klavier mit Rudolf Firkusny .
    Mahler war in jenen fernen Tagen schon wegen der Länge mancher Symphonie ( Bruckner nicht unähnlich ) kaum zu bekommen .
    Bruckner gab es in Londoner Konzerten übrigens recht oft - vor allem 4te und 9te Symphonie .


    Beste Grüsse


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Zitat

    Original von Christian B.
    [quote]Original von Dr. Holger Kaletha
    Hallo miteinandner, bei Boulez' Einspielung von Mahlers 4. Sinfonie würde ich hier zustimmen, auch seiner #2 und #3 kann ich nicht viel abgewinnen. Ganz andere Ergebnisse fördern sein Ansatz aber bei # 5 und vor allem #6 zu Tage: Die Katastrophen werden hier aus einer unerbittlichen Genauigkeit heraus entwickelt und gewinnen gerade dadurch eine immense emotionale Kraft. Genauigkeit und Seele eben. Seine #6 ist sicher eine der besten und schlüssigsten Aufnahmen dieser Sinfonie überhaupt (und ich kenne einige...). Ich kann das hier jetzt im Detail nicht belegen und begründen, auch rein zeitllich nicht. Aber eine Anschaffung dieser Aufnahme lohnt sich, auch wenn man schon einige im Schrank stehen hat.


    Hallo Christian,


    in Boulez 6.mit den Wienern habe ich vor langer Zeit mal reingehört und fand sie auch sehr gut. Ich vermute allerdings, daß er hier von der Arbeit profitiert, die Bernstein mit dem Orchester zuvor gemacht hat. Ich möchte nicht wissen, wie Boulez´ Aufnahme klingen würde ohne Bernsteins "Vorarbeit", ob da auch diese emotionale Kraft drin wäre. Boulez ist ja der Typ Dirigent nicht als "Tyrann", sondern mehr als Moderator, der die Musiker spielen läßt, mehr koordiniert als dirigiert. Das macht er natürlich unnachahmlich präzise. Ich habe von Boulez auch die alte Aufnahme (CBS) vom "Klagenden Lied", die ist ganz vorzüglich!


    Beste Grüße
    Holger

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Sehr erstaunlich fand ich es damals schon, dass Herr Persch mir diese Aufnahme " blind " besorgt hatte .
    Lange Zeit war es extrem schwer , in Deutschland Aufnahmen das Labels ' Supraphon ' zu bekommen ( LP und dann auch CDs ; Hungaroton nicht fern . ) .
    Neumann wie Talich gab es zu Zeite meiner Schüler-Austauschzeit in London als LPs . Grosser Brahms , Dvorak . Übrigens viel Klavier mit Rudolf Firkusny .
    Mahler war in jenen fernen Tagen schon wegen der Länge mancher Symphonie ( Bruckner nicht unähnlich ) kaum zu bekommen .
    Bruckner gab es in Londoner Konzerten übrigens recht oft - vor allem 4te und 9te Symphonie .


    Lieber Frank,


    leider ist es heute noch so, daß Supraphon "unterrepräsentiert" ist, es immer wieder Vertriebsprobleme gibt. Talich ist wirklich ein außergewöhnlicher Dirigent - die Talich-Edition, die Supraphon herausbringt, sehr zu empfehlen! Es gibt von ihm aber wohl keinen Mahler. Schade! Einen Thread zu Neumanns Mahler, auch zu Haitink und zu David Zinman werde ich in Kürze einstellen!


    Beste Grüße
    Holger

  • Boulez' Mahler-Einspielungen sind für mich - überhaupt nicht abwertend gemeint - sowas wie die idealen Drittaufnahmen. Absolut betrachtet ist mir sein Ansatz zu nüchtern, aber wenn ich mal auf Diät und kalorienbewusster bin, dann kommen mir seine Einspielungen wie gerufen. 8) Nach einer fetten Periode mag ich dann schon mal zwischendurch "kargere" Kost.


    Und dann sind mir seine 2., 4. und 8. lieber als die 1. oder 3. (Den Rest kenn ich noch nicht).

  • Boulez wächst in seinem Altersdirigat mit 85 weit hinaus über die vorbildhaften Interpretationen, die er uns bereits vor Jahren auf Konserve überlassen hat. Mitreißend, ein Sog, der durch die Ecksätze zieht, besonders in der gnadenlosen Rhythmisierung des letzten Satzes, ein Sog, der sich in dieses geheimnisvolle, kaum verstehbare Scherzo hineinfräst.


    Die Musik, die er bei dieser Aufführung von Mahlers Siebenter Sinfonie am 22.01.2011 in der Kölner Philharmonie aus dem Koninklijk Concertgebouw Orkest herausarbeitet, ergreift emotional ganz unmittelbar - was für ein ungerechtes Vorurteil, das Boulez wohl immer noch hinter sich her schleppt, er mache die Musik eines kühlen Technokraten: Wer diese Aufführung miterleben durfte, wurde zu besserer Einsicht geradezu gezwungen. Auch und nicht zuletzt in den beiden Nachtmusiken, die Boulez und die königlichen Amsterdamer flüssig-fließend (aber weit entfernt von den Tempi, die Kondrashin vor über 30 Jahren mit demselben Orchester nahm) mit pastoralem Humor, romantischer Schwärmerei und dräuender Düsternis nahmen. Ich hatte immer meine Schwierigkeiten mit dieser Sinfonie, mit diesem Scherzo, diesem letzten Satz, den Zusammenhängen innerhalb der Abfolge; Boulez brachte mich an diesem Abend dem Verständnis ein gutes Stück näher. Den großen Bogen verliert oder verlässt Boulez niemals. So klar strukturiert habe ich die Sinfonie noch nicht gehört, auch nicht in seiner Clevelander Aufnahme. Und dass eine derartige orchestrale Durchhörbarkeit in einem Konzert überhaupt zu erreichen ist - es war ein Fest, und sicher auch ein Verdienst dieses so wundervollen Amsterdamer Orchesters; zugleich verband diese Durchhörbarkeit sich dem natürlich bei Boulez grundlegenden und jedenfalls für Mahlers Siebente Sinfonie aus meiner Sicht - siehe Scherzo - berechtigten Ansatz, Mahler von seinen Folgen her auszuhören, in seiner vorausweisenden Modernität. Mag man aber in Boulez' Einspielungen gelegentlich den Eindruck haben, diese Sichtweise werde zur einseitigen Restriktion seiner Auslegung, lässt sein Auftritt in der Konzertsituation, in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit Orchester und Publikum seinen vielfältigen weiten Blick erkennbar werden.


    Von Magerkost oder Kargheit aus klanglicher musikalischer Sicht keine Spur! Dass Boulez dies andererseits mit einem Dirigat möglich macht, das mit "sparsam" und "sachlich" schon fast zu opulent beschrieben ist, bleibt sein Mirakel - als vollbrächte er die Hauptarbeit per Telekinese, Mahler gestaltet mit bloßen Händen ohne Taktstock, das Orchester geführt mit geringsten Variation des Taktschlags, es ist Magie.


    Boulez und das Koninklijk Concertgebouw Orkest mit Mahler - mit was für einem Glücksgefühl ich nach Hause ging, lässt sich kaum beschreiben.


    ps.: Nur der Vollständigkeit halber: Eingeleitet wurde die Sinfonie mit Weberns Sechs Stücken für Orchester op. 6 von 1909, in ihrer Reduktion sehr strukturiert vorgetragen, unmittelbar eingängig in ihrer von Boulez noch mehr als in seinen beiden Einspielungen betonten Klanglichkeit - trotzdem, nach über hundert Jahren, immer noch Ratlosigkeit im Saal und rascher Konzentrationsverlust ...

  • Hallo,
    das Konzert gab es am 28.1 abends auf Deutschlandradio Kultur.
    Ich habe mitgeschnitten, allerdings erst ab dem 2. Satz der 7.
    Was ich zu hören bekam war außergewöhnlich gut. Ein unglaublicher Detailreichtum.
    Man kann die Kölner nur beneiden, solche Konzerte zu haben.


    Gruß S.

  • Zitat

    Zitat von Agon:


    Seine DG-Aufnahmen hinterlassen bei mir einen ganz anderen Eindruck.

    Bei mir auch, lieber Agon, jedenfalls, was die einzige Sinfonie betrifft, die ich bisher von ihm in meiner Sammlung habe, die Sechste. Die ist jedoch eine der schönsten in meiner Sammlung. Ich werde noch weitere Werke von ihm erwerben, z.B. auch die hier genannte Siebte.
    Trotzdem ist mir Boulez noch weitaus bekannter, habe ich doch von ihm den legendären Bayreuther Ring unter der Regie von Patrice Chereau, doch möchte ich hier in diesem Thread weiter nicht darüber sprechen.
    Wie dem auch sei, ich halte Pierre Boulez für einen beduetenden Mahler-Dirigenten und werde ihn sicher in nächster Zeit noch einmal live erleben.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).