Was ist so faszinierend am Regietheater ?

  • Lieber Wolfram,


    Das ist eine sehr gute Idee, ich hoffe, ich komme dann baldmöglichst dazu, mir die DVD reinzuziehen :thumbup: ich bin noch ausständig mit dem 3. Aufzug der Tristan-DVD aus 2009 Bayreuth. Und dann geht's ab nach Stuttgart.

  • Die Frage, die am Anfang dieses Themas steht "Was ist so faszinierend am Regietheater?" ist bisher nicht beantwortet worden.


    Ich denke, lieber Gerhard, verehrte Freunde, wir sollten uns nichts vormachen: Die Frage lautet doch, oder ist zu betonen in der Art von:


    Schau doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin -
    Was ist schon dran an Argentinien?


    Ich stecke, pace, lieber Knusperhex (wizard of crisp?) niemanden in Schubladen. Ich bedaure, wenn ich diesen Eindruck bei Dir und anderen Teilnehmern erweckt habe.


    Es geht mir vor allem um die historisch korrekte Darstellung, die Entwicklung von Sichtweisen. Ich würde Knusperhexe widersprechen, aus der zeitgenössischen Beurteilung als "lebendig" usw. zu schließen, daß das Agieren auf der Bühne im 19. Jh. grundsätzlich so ähnlich gewesen sei wie heute.


    Ein Blick auf den wilhelminischen Ballettmeister der Berliner Oper oder die Tatsache, daß damals auch beim neckischen Elfentreiben die unbekleideten Körperpartien unter roséfarbene Trikots gehüllt wurden, macht z.B. klar, daß die athletische und erotisch explizite Körpersprache unserer Zeit damals unvorstellbar gewesen wäre.


    Ein Ausgangspunkt meiner Überlegungen war die Frage, warum im Vergleich zur Vitalität der Netrebko in der Salzburger Traviata und der Subtiliät der Delunsch in jener aus Aix-en-Provence die Violetta der Gheorghiu unter Maazel so blaß, klichiert und, wenn man böse sein möchte: tantenhaft ausfällt. - Das hat doch nichts mit dem Format dreier großartiger Sängerinnen zu tun.


    Aber es gibt einen Schulterschluß von Großer Oper, großer Toilette und großer Gebärde, der seinen Ursprung in schlechtem Hollywood hat und auf mich zumindest wie schlechte Literatur wirkt - wollte man eine Szene so erzählen, käme Trivialität dabei heraus.


    Ich folgere daraus doch gar nicht, daß gute Dramaturgie im richtigen Kostüm nicht möglich wäre. In der bei EMI erschienenen Porträt-DVD der Schwarzkopf gibt es einen Ausschnitt, wo sie das "In quali excessi, o numi" singt und dazu eine so zwingende Mimik und Gebärdensprache entwickelt, daß man niederknien möchte.


    Die Salzburger Traviata, wie immer man sie auch beurteilen möchte, macht visuell sehr deutlich, daß es hier zumindest um anrüchige Erotik geht. Die für Verdis Zeitgenossen diesbezüglich untragbare Deutlichkeit des Sujets verschwindet für den modernen Zuschauer im Kostüm; er kann auch bei Manet ein Bildnis der Berthe Morisot von dem einer Prostituierten (die Absinthtrinkerin) äußerlich nicht mehr unterscheiden. Die sehr genau gedacht Milieuschilderung könnte in der Ausgestaltung der Gheorghiu-Fassung auch eine Romanze der italienischen Botschaftsgattin in Paris sein, oder eine Episode aus À la Recherche du Temps perdu.


    Meine Kritik zielt etwa dahin, daß die Gheorghiu, statt ihre Emotionen frei entfalten zu können, im Korsett einer Pose aus zweiter Hand agiert. Das wird etwa deutlich bei einem Versuch zur Spontaneität, wenn sie sich im Zuge des Brindisi dazu hinreißen läßt, Alfredo vor allen Leuten unaufgefordert zu küssen (eine peinliche Szene).


    Vergleicht man dagegen etwa das subtile Spiel von Nähe und Distanz, wie Mussbach es mit der Delunsch entwickelt, die in kleinsten Gesten ihre Unnahbarkeit demonstriert, so ist man von der Plattheit der kostümgerechteren Fassung durchdrungen; wenigstens ich bin es. Aus der klischeehaften Ungenauigkeit des Milieus folgt bereits die Ungenauigkeit der Figuren.


    Wenn es aber einen Grund gibt für DVDs wie die der Maazel-Traviata, dann doch wohl ein von den Produzenten unterstellter Publikumsgeschmack, der solche Unterscheidungen gar nicht erst zu treffen für nötig hält.


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Lieber Gerhard
    Die Neugier hat mich doch mal kurz getrieben und ich habe ein paar mal in den Lohengrin reingeschaut. Deine Warnung an alle Wagnerianer ist absolut berechtigt. Sollte jemandem bis jetzt noch nicht klar sein, was Du mit dem von Dir kreierten und treffendem Ausdruck " Verunstaltungstheater " meinst, dann soll er sich diese tolle Regie / Inszenierung anschauen. Weiteren Kommentar spare ich mir...
    Herzlichst
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Na, wenn das kein Kaufanreiz ist ... jetzt erst recht

    Hallo,l ieber Wolfram
    Da wünsche ich Dir von Herzen viel Freude damit. Vielleicht teilst Du uns dann mal Deine Meinung mit. Aber wenn, dann bitte unbedingt ehrlich, keine Trotzmeinung.
    Viele Grüße und ein schönes WE
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...


  • Du lieber Himmel!


    Den "Tristan", versemmelt von Heiner Müller, habe ich in Bayreuth gesehen. Für mich ist dieses Werk schlicht das opus summum des Wagnerschen Oeuvres. Was ich jedoch dort erleben mußte, war die szenische Hinrichtung dieses Werkes. Der erste Aufzug spielte in einem hinten abgeschrägten Kubus mit Oberlichte, und auf dieser Schräge rutschten die Protagonisten hin und her. Was das bedeuten sollte, war mir völlig schleierhaft. Es war nur grauslich.


    Den Höhepunkt der Nicht- oder besser Gegen-Inszenierung bildete dann der zweite Aufzug, der spielte in einer Art Rüstkammer - vielleicht eine Anspielung auf die chinesischen Tonsoldaten (?) -, in der die genialste orgiastische Liebes-Vereinigungsszene, die je in Wort und Musik geschaffen wurde, stattfinden hätte sollen. Was aber fand dortselbst statt? Die beiden Protagonisten schritten fortwährend in entgegengesetzter Richtung auf und ab, ohne sich auch nur eines Blicks zu würdigen.


    Als Marke sodann seine Klage anhub und Tristan schmerzlich zur Rede stellte: "Dies mir, dies, Tristan, mir", wollte ich schon aufspringen und nach vorne brüllen "Der hat doch gar nichts getan!" - und solch einen Unsinn muss man sich auch noch um teures Geld gefallen lassen. Ganz beiseite, dass ich als Normalsterblicher nur alle 7 oder 8 Jahre in den "Genuß" von Festspielkarten kam ...


    PS: Die bildlich hier eingestellten DVDs würde ich mir auch deshalb nicht kaufen, da sie von den Sängern - mit Verlaub - meinen Ansprüchen nicht gerecht werden. Und nur wegen allenfalls interessanten Inszenierungen? Nein, danke!


    Grüße aus Wien
    von Fritz

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Hallo Milletre,


    es ist geradezu schändlich, wie Wagner überall demontiert und demoliert wird, und gerade und ausgerechnet von seinen Enkeln in Bayreuth (siehe auch "Der Rattenfänger von Bayreuth" (Deckname: Lohengrin) auf arte am 14.August oder den gestrigen verschandelten Lohengrin als Häuslebauer aus München auf Classica) . Dennoch, eine von den von Wolfram angezeigten DVD kann ich dir zum Ansehen durchaus empfehlen, weil sie nach meiner Ansicht recht werkgetreu bleibt. Schau dir dazu mal meine DVD-Kritik zu Tristan und Isolde in der Mailänder Scala 2007 an. Hier hat Chereau wohl endlich Wagner besser kennenzulernen versucht, den er beim sogenannten "Jahrhunderring" - wie er selbst zugegeben haben soll - nicht verstanden hat. Auf deine Meinung und die Meinung anderer gleichgesinnter Taminos wäre ich sehr gespannt. Alles andere Gezeigte kannst du aber sicherlich vergessen!!


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Den Höhepunkt der Nicht- oder besser Gegen-Inszenierung bildete dann der zweite Aufzug, der spielte in einer Art Rüstkammer - vielleicht eine Anspielung auf die chinesischen Tonsoldaten (?) -, in der die genialste orgiastische Liebes-Vereinigungsszene, die je in Wort und Musik geschaffen wurde, stattfinden hätte sollen. Was aber fand dortselbst statt? Die beiden Protagonisten schritten fortwährend in entgegengesetzter Richtung auf und ab, ohne sich auch nur eines Blicks zu würdigen.


    Die Müller-Regie hab ich mir noch nicht reingezogen. Deiner Beschreibung nach ist seine Arbeit aber nicht unbedingt gegen das Werk gerichtet (ohne dass unterstellt sei, dass Müllers Regie geglückt wäre bzw. jedem gefallen muss).
    Der 2. Akt ist keine orgiastische Liebesvereinigungszene
    ..musikalisch wird Extase eher beschworen, doch nicht als gegebene ausgewiesen.
    ...beide Hauptprotagonisten sind überwiegend von Fragen und Zweifeln durchsetzt.
    z.B. Isolde wird durch Brangäne abgelenkt:
    Lausch, Geliebter!
    Tristan ist unwillig zu lauschen:
    Lass mich sterben!


    Der Gleichsetzung von Liebe und Tod wird misstraut
    Doch unsre Liebe,
    heisst sie nicht Tristan
    und - Isolde?
    Dies süsse Wörtlein: und,
    was es bindet,
    der Liebe Bund,
    wenn Tristan stürb,
    zerstört' es nicht der Tod?


    Die ungetrennte Vereinigung Tod als Wunsch, als Möglichkeit , als Spekulation, doch nicht als Erfüllung
    So stürben wir,
    um ungetrennt,
    Beide sind sich der Art und Weise ihrer Zuneigung nicht sicher
    Des Tages Dräuen
    nun trotzten wir so?


    Tristan fordert, lockt von Isolde die Bestätigung eines gemeinsamen „Suizides“:
    ob sie ihm folge
    treu und hold, -
    das sag' ihm nun Isold'


    um doch vor ihr allein zu sterben
    Zu spät!
    Trotziger Mann!
    Strafst du mich so
    mit härtestem Bann?
    :hello:

  • Die gezeigte Stuttgarter "Ring"-Inszenierung des Herrn Konwitschny mit Zagrosek am Pult ist einfach nur billig und peinlich und hat mit dem Libretto nichts mehr zu tun. Wenn ihr euch davon überzeugen wollt, gebt mal "zagrosek wagner" bei YouTube ein. Brrrrh. :wacko:


    Die Schmiede-Szene etwa: Die ist bei Schenk vom MET-"Siegfried" viel spannender und hat eine bessere Personenregie (sic!).

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Die gezeigte Stuttgarter "Ring"-Inszenierung des Herrn Konwitschny


    Konwitschny hat nur die Götterdämmerung inszeniert. - Die Stuttgarter Intendanz hat die vier Teile an verschiedene Regisseure vergeben: Nach Joachim Schlömer (Rheingold), Christoph Nel (Walküre) und Jossi Wieler/Sergio Morabito (Siegfried) inszenierte Peter Konwitschny "nur" die Götterdämmerung.


    Ich sehe diese gerade (bin am Ende des ersten Aufzugs) und finde sie großartig. Mehr mit vielen Details später ... ein Fest ...

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  • Ich habe jetzt eine geniale "Rheingold"-Inszenierung in Gelsenkirchen gesehen. Die Bühne war voll - 100 Orchestermitglieder - die Solisten standen davor - mit Klavierauszügen, alles Kräfte aus dem eigenen Haus. Sie war großartig, diese konzertante Aufführung. Die Inszenierung fand halt im Kopf statt. Leider saß ein Dilettant an den Übertiteln, er kam dauernd nur hinterher. Aber vielleicht war es gut so, denn mit Verlaub, liebe Wagnerfreunde, der Text vom "Rheingold" ist das Lächerlichste an Libretto, was mir in meinem Leben je untergekommen ist. Da ist wirklich die Rede vom schäbigen Schuft und geifernden Gauch, und das ist noch harmlos. "Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt!" In der Literatur entspricht es dem Drama "Die Familie Schroffenstein" von Heinrich von Kleist, da kommt man aus dem Lachen auch nicht heraus. Aber das "Rheingold" ist trotzdem eine grandiose Musik - die zweieinhalb Stunden ohne Pause vergingen wie im Fluge; dass Wagner süchtig machen kann, kann ich gut verstehen.

  • Zitat

    Die Schmiede-Szene etwa: Die ist bei Schenk vom MET-"Siegfried" viel spannender und hat eine bessere Personenregie (sic!).

    im Zusammenhang des Schenkrings von Personenregie zu sprechen ist Euphemismus.... konzertant wärs besser gewesen, weil antiquierte Gesten und alberne Kostüme in Barbie-Starwars-Outfit eingespart würden, aber der Schenkring ist glücklicher Weise Geschichte. Leider lässt der Folgering szenisch bisher kaum besseres erwarten...

    Zitat

    ber vielleicht war es gut so, denn mit Verlaub, liebe Wagnerfreunde, der Text vom "Rheingold" ist das Lächerlichste an Libretto, was mir in meinem Leben je untergekommen ist. Da ist wirklich die Rede vom schäbigen Schuft und geifernden Gauch, und das ist noch harmlos. "Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt!"

    ja, ja, .....Wagner war alles andere als ein großer Dichter und du verweist mit gutem Grund auf den grandiosen Orchestersatz....
    ... es gibt aber auch Textpassagen im Ring, die sind wirklich gar nicht so schlecht.
    Aber, darin kann dir zugestimmmt werden, es gibt keine anderen Werke von Komponisten, die mit so wenig Mühe + Aufwand zu verarschen sind, wie die Wagners....
    :hello:

  • Heinz Zednik spielt den Mime grandios, ob bei Chereau oder Schenk. Das beweist doch mal wieder, daß es sowohl "regietheatrig" als auch "altmodisch" klappen kann.


    Das permanente Schlechtreden des Schenk-"Rings" macht dieses großteils überzogene Werturteil allerdings auch nicht wahrer. Daß da nicht alles 100% so ist, wie ich es mir wünsche, gebe ich ja zu; aber daß man sich das nicht antun könne, ist einfach übertrieben, mit Verlaub. Genauso wie ich dem Chereau-"Ring" eine sehr gelungene Personenführung bescheinige, ihn aber nicht als Nonplusultra ansehe.

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    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • ich betrachte keinen Ring als Non-Plus-Ultra... und Rheingold und Siegfried aus Stuttgart sind mir nicht besonders geglückt... allerdings bilden der Schenkring und Karajan-Rheingold (orchestral dank Karajan aber begeistert) einen Tiefpunkt an Ringinszenierungen
    ... durchaus denkbar, dass z.b. Wieland Wagners Arbeiten diesen hilflosen Stümperarbeiten haushoch überlegen waren..
    :hello:

  • Na, ich denke mal, dass es darauf ankommt, was man erwartet. Wenn man von der Regie mehr erwartet als das bloße Referieren dessen, was sowieso wörtlich in der Partitur steht (das würde ich von jedem Pianisten, der eine Beethoven-Sonate oder jedem Geiger, der ein Werk von Violine solo von Bach spielt ja auch erwarten), dann bekommt man bei Schenk so gut wie nichts geboten. Ich habe bis jetzt allerdings nur Rheingold, Walküre und Siegfried gesehen.


    Nie hat mich eine Inszenierung so sehr an die Augsburger Puppenkiste erinnert wie Schenks Ring. Der Siegfried ist in Bezug auf Personenführung klar besser und nicht ganz so langweilig wie Rheingold und Walküre, wo selbst eine Künstlerin wie Christa Ludwig als Fricka von der Regie einfach stehen gelassen wird und schauspielerisch um Klassen hinter ihrem Singen zurückbleibt - nicht, weil sie nicht anders könnte, sondern weil sie nicht anders darf.


    Es gibt sicher arge Zumutungen an die Sängerinnen und Sänger im sogenannten Regietheater. Der Schenk-Ring ist aber auch eine Zumutung für die beteiligten Akteure auf der Bühne. Ich habe kein Verlangen, diesen Ring nochmals zu sehen.

  • Ich finde auch, lieber Wolfram, daß der "Siegfried" vielleicht sogar das Glanzstück des Schenk-"Rings" ist. "Das Rheingold" ist ein wenig ... kitschig. "Die Walküre" war nie mein Lieblingsteil der Tetralogie. Und bei der "Götterdämmerung" dominiert ein phänomenaler Matti Salminen als Hagen das Ganze sängerisch und auch schauspielerisch! Freu dich drauf. ;)


    LG
    :hello:

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Es gibt sicher arge Zumutungen an die Sängerinnen und Sänger im sogenannten Regietheater.


    Hallo, lieber Wolfram
    Da bin ich immer mehr gespannt auf Deine Meinung, wenn Du den gestrigen Lohengrin gesehen haben wirst. Der Titelheld in "Zimmermanns- Arbeitskluft".
    Ich bin zwar nicht der große Wagner- Liebhaber, auch nicht der große Kenner, aber den Komponisten ins Nachhinein so zu verunglimpfen, das hat er sich wahrlich nicht verdient Da muß man sich ja fast fremdschämen. Ein wirklich gutgemeinter Tip, bevor Du ahnungslos diese DVD kaufst, versuche mal vorher reinzuschauen. Vielleicht bist Du mir dann dankbar, daß Du Dir das Geld gespart hast. " Geschenkt ist noch zu teuer ". Aber wie gesagt, das ist meine individuelle Meinung und die hat natürlich keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Ich weiß mich aber mit vielen echten Wagnerianern im Forum auf einer Wellenlänge.
    Herzliche Grüße und noch einen schönen Sonntag
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Hallo Chrissy!

    Da bin ich immer mehr gespannt auf Deine Meinung, wenn Du den gestrigen Lohengrin gesehen haben wirst.


    Ich habe noch ein paar "Ringe", "Holländer" und "Tristans" vor mir, und einen ganzen Stapel mit Streichquartetten ab 1890 ... parallel zum Tristan will ich allerdings auch Lohengrin hören. Wohl erst nach meinem Urlaub, also ab August.


  • Mein lieber Amfortas,


    Deine Exegese möge Dir überlassen bleiben. Ich weise allerdings darauf hin, dass der Liebestrank im 1. Aufzug sicherlich nicht folgenlos geblieben ist, zumal Wagner hier, ich sagte es schon, einen orgiastischen Liebesrausch in Musik setzte, der seinesgleichen sucht. Oder was sonst sollte der komponierte Koitus bedeuten, wenn nicht Vereinigung in Daseins- und Weltvergessenheit?


    Wenn es stimmt, wie Du diese Szene interpretierst, erhebt sich doch die Frage um so deutlicher: Was denn hat Tristan Betrügerisches getan, um den König Marke dergestalt in diese erschütternde Klage ausbrechen zu lassen?


    Keine Frage, dass der Text besonders bei Wagner bedeutungsschwer daherkommt. Aber bitte interpretiere und imaginiere seine Werke auch - und vor allem - aus der Sprache dieser vielschichtigen, kosmologischen Musik.


    Grüße aus Wien
    von Fritz

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

  • Nachdem der Thread zur Stuttgarter Götterdämmerung zumindest eröffnet ist - die Inszenierung ist grob beschrieben, die eigentliche Kritik fehlt noch -, seien noch erste Gedanken auf die Frage des Threads formuliert.


    Operus schrieb sehr richtig im Thread "Im Widerspruch zur Partitur":


    Eingriffe in die Substanz des Werkes, die dieses im Kern und Grundsatz verändern: nein.


    Doch: Was sind Kern und Grundsatz des Werkes? Ich versuche es mal am Beispiel des Siegfried:


    Schmiede, Neidhöhle, Drache und Walkürenfelsen sind nicht Kern und Grundsatz des Werkes.


    Aber zum Kern gehören schon eher:


    - Mime: Machtwahn, Minderwertigkeitsgefühle und Debilität
    - Siegfried: die ewigen Fragen "Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?" und die Initiationsriten
    - Wotan: der endgültige Zusammenbruch seiner Macht (sein Speer wird zerschlagen)
    - Brünnhildes: Ihr Schritt von Wotans kriegerischer Tochter zur Frau


    Dies alles wird behandelt - und bedarf der äußeren Requisiten nicht.


    Warum also dieses Festhalten an Äußerlichkeiten? Wir ertragen ja auch, wenn jemand Mozart oder gar Bach auf einem Steinway spielt - der Kern des Werkes ist hier wie dort vermittelbar.

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  • Ich weise allerdings darauf hin, dass der Liebestrank im 1. Aufzug sicherlich nicht folgenlos geblieben ist, zumal Wagner hier, ich sagte es schon, einen orgiastischen Liebesrausch in Musik setzte, der seinesgleichen sucht. Oder was sonst sollte der komponierte Koitus bedeuten, wenn nicht Vereinigung in Daseins- und Weltvergessenheit?


    Wenn es stimmt, wie Du diese Szene interpretierst, erhebt sich doch die Frage um so deutlicher: Was denn hat Tristan Betrügerisches getan, um den König Marke dergestalt in diese erschütternde Klage ausbrechen zu lassen?


    Keine Frage, dass der Text besonders bei Wagner bedeutungsschwer daherkommt. Aber bitte interpretiere und imaginiere seine Werke auch - und vor allem - aus der Sprache dieser vielschichtigen, kosmologischen Musik.


    Was „kosmologisch“ bei der Tristan-Musik sein soll entzieht sich meiner Kenntnis. Oder beziehst du dich mit dem Wort „kosmologisch“ auf die Momente des „Urvergessens“ des Tristans, die sich der Gestaltung durch Töne entziehen bzw. die Gestaltung scheitert, weil es sich vermutlich jedem Ausdruck entzieht ? Dafür wäre aber die Beschreibung „kosmologisch“ missverständlich..


    Dass Wagner - vor allem im Tristan erotische Musik - schrieb, die versucht den Rausch des Begattungsaktes zu beschwören, sei nicht bestritten. Im Gegentum. Wie oft oder ob überhaupt die Hauptprotagonisten den Beischlaf vollzogen haben, ist dagegen weniger relevant. Für einen Treuebruch gegenüber Marke ist es als Delikt ausreichend.


    Mindestens ebenso gewichtig im Tristan – gegebenenfalls u.U. gewichtiger - sind bereits erwähnte beiderseitige Missverstehen, Unterschiede, auch vor allem die Unerfülltheit des erotischen Begehrens von Tristan und Isolde...


    Oder was sonst sollte der komponierte Koitus bedeuten, wenn nicht Vereinigung in Daseins- und Weltvergessenheit?
    ... offene Frage zwischen den Tristan und Isolde ist ja, ob erotische Totale aus Zweisamkeit mit dem Tod überhaupt vereinbar sind... Isolde hat darin berechtigte Zweifel..


    Im 2. Akt werden beide erst durch Brangäne, später gänzlich durch Marke & Co gestört...


    die höchste (?) Lust empfinden jeweils beide ausgerechnet dann, wenn jeder für sich mehr oder weniger einzeln stirbt...
    Die Vereinigung in Weltvergessenheit scheitert im Tristan .
    :hello:

  • Lieber Figaroo,


    endlich haben wir etwas, für das man das Wort "faszinierend" mit Recht aussprechen kann.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Lieber Amfortas, lieber Milletre,


    ein kurzer Blick in den Wikipedia-Beitrag "Tagelied" genügt, um die von Wagner benutzte Dramaturgie in Akt II auf einen Minne-Topos zurückzuführen. Physische Liebesvereinigung und Gefährdungsmomente (Herannahen des Morgens, Wächterruf usw.) bedingen sich gegenseitig, widersprechen einander gerade nicht.


    "Kosmologisch" ist eine sehr zutreffende Bezeichnung, wenn man an die Formulierung "in des Weltatems wehendem All" denkt.


    Die religiöse Deutung der Liebe unter explizitem Einbezug der Sexualität (die "heiligsten Dinge") ist typisch für das 19. Jh. (Damit meine ich noch nicht die Gleichsetzung von Sexualität und Sakralem im Sinne von Batailles "Transgression").


    Wagners Standpunkt scheint dennoch schillernd - unterwegs zum "Parsifal", hat er die Isolde als bedingungslos Liebende mit der Assunta verglichen, also die metaphysischen (und entsagenden) Tendenzen der Erotik herausgestellt. Die finden sich natürlich schon angelegt in der Todes-/ Erlösungs- und Urvergessens-Topologie.


    Vom Standpunkt der Thematisierungsmöglichkeiten bilden die "Indirektheit" bloß musikalischer Illustrationen (zu Recht sieht Amfortas den Text voll zerquälter Zweifel) sowie die metaphysische Unterfütterung, Verbrämung und Überhöhung Reaktionen auf Rezeptionshaltung und Kunstverständnis zu Wagners Lebzeiten. - Wer Erotik wollte, brauchte Subtext, Verkleidung und Bombast (ob nun Flaubert in "Salammbô" oder Wagner im "Tristan"). Auch die Zeitenferne war der Darstellung schwüler Erotik förderlich. Erotik im Gewand der Gegenwart galt als pornographisch (Baudelaire; Madame Bovary).


    Man kann sich das leicht klarmachen, wenn man die beiden Haupt-Parodisten des "Tristan" in diesem Punkt vergleicht - Th. Mann (z.B. im "Tristan" und in "Wälsungenblut") sowie R. Strauss (im "Rosenkavalier"). Letzterer bietet im Vorspiel eine in ihrer Drastik metaphysisch nicht mehr verbrämbare Illustration mißlingender sexueller Vereinigung, eine typisch männliche ejaculatio praecox.


    Web-Zitat:
    Vielleicht haben auch Sie schon einmal mit diversen Pseudo-Hilfen versucht, die frühzeitig und schnell heranrauschende Ejakulation zu verzögern: Das Multiplizieren vierstelliger Zahlen im Kopf oder Gedanken an den nächsten Besuch der Schwiegermutter sind hierbei sehr beliebt. ;(


    Insgesamt bin ich heute geneigt, Amfortas Recht zu geben: Der Zwiegesang, den Tristan und Isolde im zweiten Akt beginnen, wird erst am Ende des dritten Akts so recht aus- und zu Ende gesungen, als Solo-Arie. Parallel erscheint Tristan in einem Liebestrank-katalysierten Prozess, dessen Wahnhaftigkeit zu Beginn des dritten Akts mit Isoldes physischer Abwesenheit gar nicht erklärbar ist. - Die sexuelle Vereinigung ist also gar nicht das Ziel dieser unstillbaren Sehnsucht, sondern quasi bloß eine notwendige, aber irrige Zwischenstation. Im Menschen, so möchte Wagner uns sagen, steckt eine Sehnsucht nach dem Unendlichen, die im Irdischen keine Befriedigung findet. Die Sexualität bietet allenfalls einen Vorgeschmack davon. Der im zweiten Tristanakt inszenierte coitus interruptus ist nur der dramatisch aufs Äußerste zugespitzte Sonderfall des, gemessen am infinitesimalen Begehren, immer zu früh einsetzenden Höhepunkts, der ja nicht die Erfüllung, sondern bloß die physische Schwelle der Lust darstellt.


    :hello:

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  • Was soll es bringen, alte Stoffe - unter Aufgabe von so ziemlich allem was an ihnen interessant und sehenswert ist - in andere Zeiten zu transponieren - Texte zu verbiegen - und dennoch die Geschlossenheit des Werkes aufzugeben.


    Oh. Ich meine, da Ponte und Mozart hätten bei ihrem Don Giovanni auch einen alten Stoff verbogen. Von Wagner ganz zu schweigen, der die germanische Mythologie, den deutschen Sagenschatz, die Lieder der Minnesänger und manches mehr als Steinbruch betrachtete, aus dem er sich nach Herzenslust bediente und jede Menge dabei ohne Rücksicht auf Verluste verbogen hat.


    Fazit: Das Verbiegen eines Stoffes kann nicht die Wurzel des Übels sein.


    [/quote]



    Das ist ein grobes Missverständnis. Wenn sich Dichter oder Komponisten vorhandener Literatur bedienen, um diese in ihrem Sinne anders zu präsentieren (-> z.B. Schillers bzw. Verdis Don Carlos), so ist dies selbstverständlich legitim.


    Das legitimiert jedoch nicht Nachschaffende, sich an diesen Kunstwerken willkürlich zu vergreifen.


    Grüße aus Wien
    von Fritz

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  • 1. La Traviata


    Das Genre im dritten Bild ist die Ballszene der belle époque, das Milieu le demi monde. Die Zigeunerinnen und Stierkämpfer sind Maskerade, anzügliche Pose, frivolité parisienne. Ein szenisches Äquivalent dafür ist nicht so leicht zu finden.


    2. Il Trovatore


    Das Genre abseits des Höfischen ist das fahrende Volk, die Faszination gläubiger und abergläubischer Rituale, das nächtliche Lager ums Feuer, die schicksalhafte Verstrickung, das zweite Gesicht, das abgründig Mütterliche. Das Milieu ist die Familie als verschworene Sippe.


    3. Carmen


    das Genre ist proletarisch, Arbeiteralltag mit einem Hang zum Kleinkriminellen. Das Milieu ist "Miljöh", lockere Sitten, schamlos präsentierte Sinnlichkeit.



    In allen drei Fällen dient das Genre als Folie zur Konturierung einer Frauengestalt:


    Im dritten Bild der Traviata (nicht schon im blendenden ersten) erscheint die Violetta erstmals offen als demi monde, als "Bohème" mit der erotisch bezeichnenden Schwindsucht (und nicht etwa als hoheitsvolle Marschallin im gemeinen Beisl). Auf diesen Zusammenhang käme es an (nicht auf die Kostüme der Matadore).


    Im Trovatore wird die tragische Figur der Azucena als Ulrica ihrer selbst beschworen (regina dell´abisso, affrettati!) Der mütterliche Fluch, das Unheimliche und Unheilvolle bestimmen die visionäre Szene, deren Folklore eindrucksvoll, aber nicht ausschlaggebend ist. Der Zigeunerchor, einer der großartigsten der Operngeschichte, mit seinem schrillen Lärm bereitet die delikate Spannung des "Stride la vampa" vor.


    In der Carmen tritt die Titelfigur mit einer Habanera auf. Das ist ein kubanischer Tanz und macht aus der Zigeunerin fast eine Mulattin, eine Dame créole. Man kann bei Merimée nachlesen, wie das schillernde Zigeunermädchen eigentlich konzipiert war. Bei Bizet wird das zur Nebensache. Keine Frau in der Oper hatte je einen solchen Auftritt wie diese. Der lockende chromatische Abwärtsgleiter von "L´amour est un oiseau rebelle" hat, trotz der Notenähnlichkeit, nichts gemein mit dem schwülen Parfum von Dalilas "Ah reponds ma tendresse!", das Leidenschaft vortäuscht, wo nur Haß schwelt. - Die Carmen ist sich ihrer Wirkung bewußt und verkörpert nichts als das Selbstbewußtsein, das sich bei jedem Schritt stolz zur Schau stellt. Trotz schicksalhafter Bedeutung für Don José ist die Carmen keine abschreckende femme fatale, sondern die lebendige Provokation des viktorianischen Frauenbilds, ein affront emanzipierter libertinage und ein verlockendes Gift, wie es nur die Männerphantasien eines Félicien Rops kennen. Dabei wirkt sie so diesseitig und heiter, so leichtsinnig und lebenshungrig, daß alle Julias, Elsas und Evchen einpacken können.


    Die Übertreibung, mit der alle physischen Energien bei Lillas Pastia sich gleichsam brodelnd entladen, nimmt unsere moderne Projektion verdrängter Vitalresiduen in die schwarze Musik vorweg. Von dieser Liebe Bizets entflammt, erstrahlt das Genre zu einem Exempel des eigentlich Lebendigen, explosiv bis zur Bedrohlichkeit. Die Frage nach dem Zigeunerkostüm gehört demgegenüber ins Reich der Operette.


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • In Bayreuth seien nur 40% der Karten im freien Verkauf, der Rest gehe als Freikarten an Politiker, Prominente usw. Bei Premieren in Bayreuth gäbe es gar nur 16% freie Plätze.


    Dazu gibt es Neuigkeiten:


    Die Vergabepraxis bei den Tickets für die Bayreuther Festspiele soll überprüft werden. Die Leiterin der Richard-Wagner-Festspiele, Katharina Wagner, kündigte an, sie wolle die Menge der Karten für Reiseveranstalter und Gewerkschaften neu festlegen. Zudem will sie gegen überteuerte Kartenpreise auf dem Schwarzmarkt vorgehen. Die 14.000 Karten für die "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" sollen jedoch unangetastet bleiben. Der Bundesrechnungshof hatte kritisiert, dass nur 40 Prozent der Karten in den freien Verkauf gehen. Die Richard-Wagner-Festspiele werden heute mit einer Neuinszenierung der Oper "Tannhäuser" eröffnet.

    (Quelle: WDR)

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)