2012 - Mozarts Klavierkonzerte und ihre Interpreten am modernen Flügel (stereo)

  • In der Steinzeit dieses Forums (2004) gab es bereits einmal einen Thread dieses Themas. (Nr 154)


    Er ist indes schon unübersichtlich geworden und die meisten der damaligen Mitglieder sind nicht mehr im Forum.


    Es hat sich herausgestellt, dass Threads, die schon ellenlang sind und deren Statements durchwegs von ehemaligen Forianern verfasst wurden, einerseits einen gewissen Kultstatus besitzen, andrerseits aber irgendwie abschreckend wirken was das Schreiben neuer Beiträge betrifft. Oft vermutet man, daß schon alles gesagt sei (was in der Regel kaum je der Fall ist) oder man traut sich nicht zu ein bereits gesetzte Niveau zu halten - in den meisten Fällen dürfte aber der Grund darin bestehen, dass man nicht 80-200 Beiträge durchlesen will um sich nicht zu wiederholen.
    Wenn ein Thread - wie beispielsweise dieser:


    MOZART Wolfgang Amadeus - Seine Klavierkonzerte und ihre Interpreten


    bereits 4 Jahre brach liegt, dann ist es an der Zeit einen neuen, ähnlichen zu starten - vorzugsweise mit kleinen Unterschieden zum bestehenden


    ...............
    Es gibt nebstbei einige Threads zu speziellen Klavierkonzerten, weitere werden gelegentlich folgen.
    Dieser hier soll sich, wie schon sein Vorgänger - vielleicht sogar intensiver - mit den großen Mozart-Spezialisten
    am Klavier befassen, ihren Eigenheiten, Vorlieben, Abneigungen und auch "Unarten"


    Es kommt eine Einschränkung zum Vorgängerthread hinzu, und zwar in der Form, daß hier AUSSCHLIESSLICH Pianisten Erwähnung finden sollen, die einerseits Mozarts Klavierkonzerte am MODERNEM FLÜGEL interpretieren - und die andrerseits bereits der STEREO -Epoche zuzurechnen sind.


    Das soll verhindern, daß Äpfel mit Birnen verglichen werden, daß historische gegen heutige Aufnahmen (mit modernster Tontechnik aufgenommen) ausgespielt werden und dass die Frage "moderner versus historischer Hammerflügel thematisiert wird.


    Wohl kann aber erwähnt werden warum man (beispielsweise) den modernen Flügel bei Mozart gegenüber dem historischen vorzieht.


    Neben Mozart-Pianisten, die stets als Spezialisten in diesem Bereich galten, dürfen vereinzelt aber auch Ausnahme-Aufnahmen von "Universalpianisten" erwähnt werden, so es sich um "Referenzen" handelt.


    Aufnahmen der Schellackzeit und solche die sich mit Interpeten, deren Domäne der historische Hammerflügel ist erhalten demnächst je einen eigenen Thread.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Alfred Brendel ist wohl gegenwärtig DER Star in Sachen Mozart - Klavierkonzerten.- Oder ist das nicht schon Geschichte ?
    Geschichte, nicht etwa, weil der Künstler keine Aufnahmen mehr macht, sondern weil er schon "alles Gesagt hat, und das manchmal sogar mehrfach. Und vor allem, weil das Mozartbild einem stetigen Wandel unterworfen ist, auch in Sachen der Begleitorchester.
    Und hier meine ich nicht etwa "historisierende" Aufnahmen, sondern durchaus solche mit modernem Orchester und modernem Flügel. Dennoch - Brendel wird wohl noch für eine Zeitlang die Sonne des Firmaments der Mozart Klavierkonzerte darstellen, bevor sein Stern entweder langsam verglüht (was ich nicht glaube) oder aber er zur Legende wird - Was er eigentlich schon ist. Aber -Ist er das wirklich ?
    Zumindest seine Plattenfirma dürfte davon nicht wirklich überzeugt sein.
    Denn der Verkauf ALLER 23 Klavierkonzerte (Nr 1-4 wurden nicht eingespielt - da nicht wirklich von Mozart) zum Preise EINER Vollpreis CD lässt tief blicken....



    Nicht mal das Original-Label für das Brendel jahrzehntelang eines der Aushängeschilder in Sachen Mozart war hat man stehen gelassen......


    Dabei war diese Aufnahme lange Zeit schlechthin DIE Referenz in Sachen Mozart, wenngleich ich meine, nicht immer zu Recht. Wenngleich Peter Cosse (Zitat untenstehend) seinerzeit die Anschlagsfeinheiten lobend hervorhob, so könnte man auch von einem allzu philosophischen, grüblerischen Mozartbild sprechen, dem ein wenig das Heitere, Erdverbundene fehlt.
    Die Academy of St. Martin in the Fields empfand ich schon bei erscheinen der Aufnahmen ein wenig langweilig - aber das ist eine subjektive Meinung - und nicht mehr.


    P. Cosse in Salzburger Nachrichten 3.12.85: "Die Natürlichkeit des Klaviertons, die unzähligen Anschlagsfeinheiten des Brendelschen Geist-Finger-Abenteuers und der satte 'Academy'-Klang scheinen durch die Aufnahmeregie nicht nur ehrlich dokumentiert, sondern für das Wohnzimmer konzertsaalgetreu neu belebt."


    Brendel hat ja dann ein paar Einzelaufnahmen mit dem Scottish Chamber-Orchestra unter Mackerras eingespielt, die ich aber nicht kenne.


    Sterne kommen und verglühen. Brendel war beim Label Philips der "Quasi- Nachfolger" von Ingrid Haebler, die eine ganz anderes, leichteres, beschwingteres Mozartbild kreierte. Ich nannte es immer "Mozart mit dem Silberstift" Als Pianistin, die sowohl auf modernem als auf historischem Instrument versiert war, vermochte sie auf modernem Flügel einen "cembaloartigen" Klang zu erzeugen. Heute ist es bedauerlicherweise kaum möglich noch Aufnahmen von Klavierkonzerten mit ihr zu bekommen, es sei denn auf Compilationen.....


    mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Die klassische Basis-Aufnahme ist für mich:



    Mozart: Sämtliche Klavierkonzerte
    12 LP Box
    Daniel Barenboim, English Chamber Orchestra


    Das ist der Cover der LP-Box.
    Die CD-Box gibt es auch, ich habe sie noch nicht.
    Das sieht dann so aus:



    Inzwischen gibt es auch eine noch günstigere Ausgabe der Konzerte 9 + 17 - 27 bei Newton:



    Für mich war dies jahrelang der Klassiker, eine kraftvolle und lebendige Einspielung mit Barenboim als Solisten und Dirigenten. Diese Einspielung iust mir persönlich sehr wichtig, weil ich mit dieser Box Mozarts Klavierkonzerte kennen und lieben gelernt habe. Von da aus habe ich die Sinfonien und später auch die Opern kennen gelernt. Das Aufnahme wurde seinerzeit hoch gelobt und ausgezeichnet (u.a. mit der Wiener Flötenuhr). Kritisiert wurden in der Kritik der harte Anschlag Barenboims und das zu sehr im Hintergrund verbleibende Orchester. Das habe ich nie so empfunden. Ich empfinde Barenboims Spiel als temperamentvoll zupackend und mitreißend. Und wem das orchester zu blaß ist, soll sich nur mal den dritten Satz von Konzert Nr. 21 anhören. Das ist einfach stark!


    Als CD-Box liegt vor mit die Gesamteinspielung mit Kirschnereit und den Bambergern. Die habe ich noch gar nicht so richtig wahrgenommen. Das will ich in der kommenden Zeit tun, zumal Kirschnereit der neue musikalische Leiter des Musikalischen Sommers in Ostfriesland wird. Darauf bin ich sehr gespannt.


    Ich denke, dieser Thread ist ein guter Gedankenanstoß für mich, die Barenboim-Box auch als CD zu erwerben.


    Mit freundlichen Grüßen von der eisigen Nordseeküste, Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Ich denke, dieser Thread ist ein guter Gedankenanstoß für mich, die Barenboim-Box auch als CD zu erwerben.

    Ich habe beide, die mit dem English Chamber und die mit dem BPO. Erstere gefällt mir besser. Außerdem stehen die GA mit Perahia, Schiff und Ashkenazy im Regal sowie über 60 Einzelaufnahmen, darunter Gulde und Curzon, Richter, Fleisher, Serkin, Uchida, Brendel, Argerich, Pollini, ABM usw.
    Ich halte die EMI-Aufnahme mit Barenbim für die bessere, aber, das ist Geschmackssache.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Aus meiner Sammlung halte ich folgende Gesamtaufnahmen für referenzwürdig:


    , Brendel, Marriner
    , Uchida, Tate
    , Barenboim
    , Anda
    , Schiff, Vegh
    Außerdem sehe ich noch die nicht komplette Serie mit Rudolf Serkin und Claudio Abbado sowie die GA mit verschiedenen Dirigenten mit Christian Zacharias vorn.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Meine erste Vollpreisplatte (damals noch 30 cm Vinyl , man sagte "Langspielplatte" dazu) war jene, wo das Krönungskonzert drauf war. Die Interpreten waren Geza Anda und die Camerata Academica des Mozarteums Salzburg (man hat den Namen des Ensembles nach und nach zusammengestutzt, und heute heisst es "Camerata Salzburg" - wie schade)
    Mich begeisterte von Anbeginn der warme und doch intime Klang, der Camerata, deren Klang ich bis heute als "Salzburger Klang" bezeichne. Diese Aufnahme blieb lange Zeit meine einzige, denn Langspielplatten waren damals (für mich) sehr teuer.
    Aber es widersprach auch meinen Intentionen, EINE Gesamtaufnahme aller Konzerte von EINEM Interpreten zu kaufen, ich liebte die Vielfalt. So entstand eine Sammlung von vielen Einzelaufnahmen, mit Titelüberschneidungen, welche mich dasrauf hinwiesen, wie unterschiedlich doch ein und dasselbe Werk klingen kann - so entstand meine Sammelleidenschaft. Gesamtaufnahmen haben leider oft das Schicksal ungehört im Regal zu liegen, weil die Menge einfach erdrückend ist.


    Dennoch liebäugle ich schon seit einiger Zeit mit dieser Aufnahme, aber es gibt sooo viele Vormerkungen auf meinem Wunschzettel.... Daneben finden Sammler, die sich jetzt für Andas Krönungskonzert interessieren, aber nicht gleich 50 Euro hinlegen können - oder wollen - eine wirklich preiswerte Auskoppelung. Zugreifen solange noch nicht gestrichen..


    Nach diesen themenverfehlenden Bemerkungen wieder zurück zu Geza Anda. Manch einer wird heute keine Vorstellung haben, WIE berühmt er zu Lebzeiten als Mozart-Interpret war. Vielleicht ist es überzeugen, daß er das Klavierkonzert Nr 10 für zwei Klaviere mehrmals (ich kenne zumindest zwei Aufnahmen mit unterschiedlichen Dirigenten) mit Clara Haskil als Partnerin eingespielt hat. Die Gesamtaufnahme die wir hier abgebildet haben wurde sowohl mit dem "Grand Prix du Disque" als auch mit der "Wiener Flötenuhr" ausgezeichnet. Interessant auch noch, daß Geza zu 16 Konzerten die Kadenzen geschrieben hat.


    Anbei einige Pressestimmen


    Gramophone 6 / 90: "Selbst in den Konzerten Nr. 1-4 (1767), in denen er Werke anderer Komponisten bearbeitete, kommt auf Anhieb die typische Mozart'sche Frische und Spontaneität zutage. Die räumliche, hervorragend ausbalancierte Aufnahme stellt das Wechselspiel zwischen Klavier und Orchester ausgezeichnet dar."


    Penguin Guide: "Aufnahmen mit einem exzellenten Gespür für den Mozart-Stil."


    Wenngleich ich die allzu freundlichen Statements des Penguin Guides stets mit einer angebrachten Portion Skepsis betrachte: In diesem Fall wurde die Sache auf den Punkt gebracht....


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Alfred Brendel ist wohl gegenwärtig DER Star in Sachen Mozart - Klavierkonzerten.- Oder ist das nicht schon Geschichte ?


    Brendel ist in Pension und damit Geschichte. Für den aktuellen primus inter pares bei Mozart-Klavierkonzerten würde ich wohl Rudolf Buchbinder bezeichnen. Von ihm habe ich in letzter Zeit die beglückendsten Mozart-Interpretationen gehört.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Für mich war dies jahrelang der Klassiker, eine kraftvolle und lebendige Einspielung mit Barenboim als Solisten und Dirigenten.


    Dazu kann man aber bemerken, dass sich Barenboim in unseren Breitengraden nie gegen die vor ihm erschienene Anda-Einspielung durchsetzen konnte. Diese ist mit mehr Berechtigung als "Klassiker" zu bezeichnen, was aber den Rang der Barenboim-Einspielung nicht schmälern soll.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Mein absoluten Über-Referenzen für Einspielungen von Mozarts Klavierkonzerten sind diese beiden CDs hier:



    Hier kommt eine natürliche fliessende Klangrede ( nichts wurde von Harnoncourt hier forciert) mit einem gleichermassen emotionalen wie trotzdem auch formbewussten und im besten Sinne des Wortes beherrschten Mozartspiel Guldas zusammen.
    Auch die Ausgestaltung eines Klaviercontinuos finde ich hier überzeugend.
    Interessant auch das Duo Corea/Gulda.
    Im Mozartbereich glänzt Gulda mit klarerem Klang, mehr Differenzierung von weichen Begleitfiguren links (die bei ihm wie ein bewegter Soundteppich klingen) und gleichzeitig herrlich singenden Melodien rechts etc. während Corea bei den Jazz-Stücken mit seinem nach 3 Tönen erkennbaren Personalstil (Modern-Jazz auf höchstem Niveau) punktet. Hier findet eine spannende Begegnung, ein Dialog von stilistischen Welten statt.
    Beide CDs machen einfach nur Freude.


    Die Aufnahme mit dem 23-A-Dur - und dem Krönungskonzert habe ich - genau wie Alfred- im originalen Cover, allerdings nicht in dieser Esoteric- DSD-SACD-Fassung. Ob sich klangtechnisch ein Unterschied zur "normalen" CD ausmachen liesse?
    Falls jemand Lust und Geld hat, dieses für mich (blind) vergleichs- zu testen, dann wäre ich an den Ergebnissen interessiert.
    Die knappen 40 EUR für einen Tonträger auszugeben, den ich schon besitze, müsste durch einen merklich besseren "analogeren " Klang gerechtfertigt sein.


    Ansonsten mag ich Uchidas Mozarteinspielungen aus vielen Gründen sehr, auch mit Tate als Dirigent, aber noch mehr, wenn sie selber dirigiert:



    Diese CD kenne ich leider noch nicht, aber ich denke, dass sich das ändern wird:



    Warum ich ihre Art Mozart zu spielen und zu dirigieren mag, könnte man mit vielen Worten beschreiben.
    Im Netz kann man sich aber auch viel davon zur Probe ansehen und hören:




    :hello:


    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)


  • Lieber Glockenton,


    daß Du diese Aufnahmen sehr schätzt, kann ich gut nachvollziehen.


    Daher ein Tipp und gleichzeitig die Nennung einer "Über-Referenz":



    Gulda in Personalunion als Dirigent und Solist ist beim Klavierkonzert Nr. 23 (Liveaufnahme vom 03.05.1993) noch eine Spur frischer und frecher als mit Harnoncourt zusammen, und das Klavierkonzert Nr. 20 (Liveaufnahme vom 02.05.1993) muß man einfach gehört haben, so unbeschreiblich wird es hier interpretiert.


    Beide Aufnahmen sprühen vor Erregung, vor Energie; das fantastische NDR-Sinfonieorchester und Gulda bilden eine wohl unerreichte Symbiose, die Spielfreude ist nicht nur hörbar, sondern schier allgegenwärtig. Den euphorischen Lobeshymnen in der Amazon Besprechung ist nichts hinzuzufügen. Eine Aufnahme für die "Arche Noah". :jubel:

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Gulda + Harnoncourt ... ich weiß nicht, wie oft ich diese CD gehört habe. Besonders der 1. Satz von KV 488, einfach nur traumhaft. Die andere CD mit den Double Concertos habe ich nicht. Mir scheint, da muss ich noch mal nachlegen ...



    Eine neuere Gesamtaufnahme aller Mozart-Konzerte hat Matthias Kirschnereit zusammen mit den Bamberger Symphonikern unter Leitung von Frank Beermann vorgelegt.


    Matthias Kirschnereit wurde in Westfalen geboren und wuchs in der Wüste Namibias auf. Er studierte an der Musikhochschule Detmold bei Renate Kretschmar-Fischer; prägende künstlerische Einflüsse erfuhr er durch die langjährige Verbindung mit Claudio Arrau, Bruno Leonardo Gelber, Oleg Maisenberg und Murray Perahia. Er war Preisträger beim Deutschen Musikwettbewerb, beim Internationalen Concours Géza Anda sowie beim Internationalen Australischen Klavierwettbewerb in Sydney. Matthias Kirschnereit ist seit 1997 Professor an der neu gegründeten Hochschule für Musik und Theater Rostock.



    Anlässlich des 200. Geburtstages Felix Mendelssohn-Bartholdys im Jahr 2009 hat Matthias Kirschnereit die Welterstaufführung des wieder entdeckten und rekonstruierten 3. Klavierkonzertes zusammen mit dem Basler Sinfonieorchester unter der Leitung von Mario Venzago übernommen. Eine Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte Mendelssohns mit der Robert Schumann Philharmonie Chemnitz unter Frank Beermann ist 2009 erscheinen (Arte Nova/Sony Music).




    Wolfgang Amadeus Mozart:
    Sämtliche Klavierkonzerte (Konzerte Nr. 5, 6,8, 9,11-27)
    10 CDs
    Matthias Kirschnereit, Bamberg SO, Frank Beermann
    Label: Arte , DDD, 1999-2004


    Über seine Einspielung schreibt der Künstler programmatisch:



    In vielen Rezensionen wurde diese Einspielung gelobt, das Orchester wurde mitunter als etwas zu wenig präsent erlebt. Ich lasse die CDs in den nächsten Tagen und Wochen öfter mal laufen und muss diese Gesamtaufnahme erst einmal für mich entdecken. Gerade läuft Konzert Nr. 16 mit einem prächtig musizierenden Orchester ... also den Kritikern glaube ich auch nicht alles.


    Freundliche Grüße von der vereisten Nordseeküste sendet Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • ...
    Daher ein Tipp und gleichzeitig die Nennung einer "Über-Referenz":



    ...


    Wird man beim Kauf dieser CD auch gleich automatisch Mitglied des NDR-Unterstützungsvereins?


    ;)

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Nein, der hohe Preis ist alleine damit zu begründen, daß die Aufnahme vergnügungssteuerpflichtig ist... ;)

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Zitat

    Brendel ist in Pension und damit Geschichte


    Das mag für den Konzertbetrieb gelten, nicht aber notwendigerweise für den Tonträgerbereich, wo ja auche der bereits 1989 verstorbene Herbert von Karajan heute noch immer den Ton angibt.


    Zitat

    Für den aktuellen primus inter pares bei Mozart-Klavierkonzerten würde ich wohl Rudolf Buchbinder bezeichnen. Von ihm habe ich in letzter Zeit die beglückendsten Mozart-Interpretationen gehört.


    Das ist interessant und zudem eine klare Aussage, die insofern diskutierenswert ist, weil es - im Gegensatz zu den Sinfonien, heute doch einige hörenswerte (Gesamt)-Aufnahmen gibt, deren Pianisten noch immer aktiv sind. Aber das ist ja in DIESEM Thread nicht unbedingt Pflicht, wichtig erschien mir lediglich, daß die hier vorgestellten Aufnahmen einigermaßen den Stand der Zeit repräsentieren, also zumindest in Stereo sind. (Historische Aufnahmen werden demnächst in einem anderen Thread nominiert.


    Ich gestehe zu meiner Schande, daß ich die Buchbinder Gesamtaufnahme noch nicht in meinem Archiv habe, was nichts mit Mißachtung dieses hervorragenden Pianisten zu tun hat, sondern einfach mit der Tatsache, daß ich derzeit mehr CDs kaufe, als ich je werde hören können - und meine Sammlung von Mozart Klavierkonerten ist ziemlich umfangreich, bedarf aber im Augenblick eher einer Auffrischung im HIP Bereich.....
    Buchbinder wird vermutlich noch heuer angeschafft.
    Die Kirschnereit Aufnahmen - ich habe sie nicht komplett, da einzeln erworben - aber es sind doch 7 CDs vorhanden - habe ich bereits mehrfach lobend erwähnt. Wenn ich etwas daran zu kritteln hätte, dann wäre es, daß Kirschnereit nicht den Mut hatte ALLE Kadenzen selbst zu schreiben. Allerdings ist er hiebei in guter Gesellschaft. Viele Große Pianisten schrecken davor zurück. Mir ist nicht bekannt, daß beispielsweise Brendel jemals eigene Kadenzen gespüielt hätte....
    Kirschnereit schrib sinngemaß in einem der den Cds beigefügten Booklets, daß er Skrupel habe, eine Mozart Kadenz durch eine eigene zu ersetzen....


    Weitere Anmerkungen aus meimer Feder (äääh Tastatur) folgen demnächst....


    mfg aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Ich hatte hier natürlich nur meine Gesamtaufnahmen gepostet, aber von den hier genannten Einzelaufnahmen habe ich natürlich auch einige der hier genannten. Zunächst möchte aber ich auch noch die GA mit Matthias Kirschnereit, Frank Beermann und den Bamberger Sinfonikern nennen, die ich schlichtweg vergessen habe (Asche auf mein Haupt) und die ich schon sehr lange in meiner Sammlung habe. Die ersten vier Volumes habe ich sogar doppelt, da ich zuerst einzelne Aufnahmen gesammelt hatte.
    An Einzelaufnahmen habe ich die gesammelt, die mir nach Kritikermeinung und auch nach eigenem Anhören referenzwürdig erschienen. Zuerst möchte ich eine quasi halbe Gesamtaufnahme nennen:
    1. Alfred Brendel:
    Konzert Nr. 9 und Nr. 14, Antonio Janigro, I Solisti di Zagreb, 1966, Wien
    Konzert Nr. 17 (Orchester der Wiener Volksoper) und Nr. 25 (Pro Musica Orchester Wien), Paul Angerer, 1961 und 1967, Wien
    Konzert Nr. 19 und Nr. 20, Wilfried Boettcher, Orchester der Wiener Volksoper, 1959-67, Wien
    Konzert Nr. 22 und Nr. 27, Rondo D-dur KV 382, Wiener Kammerorchester (Nr. 22), Orchester der Wiener Volksoper, Paul Angerer, 1961-67, Wien
    Konzert für zwei Klaviere Es-dur KV 365 (einschließlich der Sonate D-dur KV 448 für zwei Klaviere und der Fuge in c-moll KV 426 für zwei Klaviere mit Walter Klien)
    Konzert Nr. 22 und Nr. 27, Sir Charles Mackerras, Scottisch Chamber Orchestra, 2000, Dundee
    2. Friedrich Gulda:
    Konzert Nr. 23 und 26, Nikolaus Harnoncourt, Concertgebouw, 1983, Amsterdam,
    Konzert Nr. 20 und 21, Claudio Abbado, Wiener Philharmoniker, 1975?, Wien?
    Konzert Nr. 20 und 23, NDR-Sinfonieorchester, 1983, Hamburg
    3. Ivan Moravec:
    Konzert Nr. 20 und 23, Sir Neville Marriner, Academy of St. Martin in the Fields, 1997, London
    Konzert Nr. 24 und 25, Sir Neville Marriner, Academy of St. Martin in the Fields, 1995, London
    4. Arthur Rubinstein:
    Konzert Nr. 17, 20, 21, 23 und 24, RCA Victor Symphony Orchestra, Alfred Wallenstein, Joseph Krips (Nr. 24), 1961, 1958 (Nr. 24), New York
    5. Vladimir Horowitz:
    Konzert Nr. 23 (mit Klaviersonate B-dur KV 333), Carlo Maria Giulini, Orchestra del Teatro alla Scala, 1987, Mailand
    6. Glenn Gould:
    Konzert Nr. 24 (mit Konzert op. 42 von Arnold Schoenberg), 1961, Toronto


    Die GA von Annerose Schmidt, den Dresdner Philharmonikern und Kurt Masur habe ich auch in meinem Bestand, würde sie aber hinter die Referenzen setzen.


    Liebe Grüße


    Willi ^^

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Da ich von Mozarts Klavierkonzerten nicht soooo viele habe:


    Neben Clara...
    und Rudolf...., also den großen Alten, habe ich noch nen anderen Alten
    Und den finde ich ausgezeichnet. Elegant und vor allem, dank der Begleitung durch Szell sehr eindruckvoll.


    Gruß S.


    Aber der Tipp, mir mal Buchbinder anzuhören, ist ok.

  • Eine Mozart Pianistin, welche vor der Brendel-Ära quasi das Mozart Aushängeschild des Philips Labels war, und etliche Mozart Klavierkonzerte auf Platte einspielte, war die österreichische Pianistin Ingrid Haebler. Ihre Mozart Interpretationen verbanden Noblesse und Natürlichkeit und waren durch einen silbrigen Klang und perlendes Spiel gekennzeichnet, ohne je ins Süßliche oder Seichte abzurutschen.
    Kaum einem Pianisten ihrer Klasse wurde so übel mitgespielt wie ihr, Ihr Stammlabel strich ersatzlos fast all ihre Aufnahmen aus dem Programm und gab sie so schon zu Lebzeiten dem Vergessenwerden preis.


    Um letztere dennoch zu verhindern, verlinke ich hier zweimal auf youtube, wo man jeweils Ausschnitte aus Mozart Klavierkonzerten hören/sehen kann.





    mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Sie wurde aber zum Beispiel in der HiFi Stereophonie, so ich mich korrekt erinnere, als arg betulich verrissen.
    Ich kenne allerdings nix von ihr, will nur die Zeitströmung wiedergeben.
    Gruß aus Kiel (Berlin)

  • Zitat

    s.bummer: Nur ganz kurz... da ich von Mozarts Klavierkonzerten nicht soo viel habe.....

    Lieber Hans, gut dass du diese fabelhafte Box von Casadesus hier nennst, die habe ich nämlich auch vergessen. Sie ist ebenfalls seit einiger Zeit in meiner Sammlung.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Brendel ist in Pension und damit Geschichte

    Lt. Alfred für die Tonträgerindustrie aber nicht.


    Brendel hat ja dann ein paar Einzelaufnahmen mit dem Scottish Chamber-Orchestra unter Mackerras eingespielt, die ich aber nicht kenne.

    Sehr schade. Die sind ausgezeichnet.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Ergänzung zu Ingrid HAEBLER:


    Zitat

    Sie wurde aber zum Beispiel in der HiFi Stereophonie, so ich mich korrekt erinnere, als arg betulich verrissen.
    Ich kenne allerdings nix von ihr, will nur die Zeitströmung wiedergeben.


    Es gibt immer wieder (vorzugsweise deutsche) Kritiker, welche eine sehr eigenartige Auffassung von Klassik haben. Die bezeichnen ja gerne auch Karl Böhm - und einige sogar Herbert von Karajan - als Langweiler....Natürlich war Frau Haebler kein Glenn Gould, und kein Gulda (der sich gerne als Bürgerschreck gebärdete, was heute vergessen sein dürfte)sondern eine Dame der Gesellschaft (noch dazu adelig, wenngleich das in Österreich ja nicht mehr erwähnt werden darf). Und so spielte sie auch - mit der Noblesse einer Dame. Jegliches Streben nach PR-wirksamen Effekten war ihr fremd.


    Harenbergs Klaviermusikführer schreibt unter anderem in seiner kurzen Biographie im Anhang:

    Zitat

    "Unter ihren zahlreichen, vielfach mit Preisen ausgezeichneten Einspielungen, befinden sich sämtliche Klaviersonaten und -Konzerte von Mozart, wie auch alle Schubert-Sonaten. Insbesondere als Mozart-Interpretin geniesst Ingrid Haebler, deren Spiel sich weniger durch Kraft, dafür durch Zartheit und Nuancierungskunst auszeichnet, einen außerordentlichen Ruf"


    Auch ich möchte ein wenig den Zeitgeist wiedergeben.


    mit freundlichen GRüßen aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Es gibt immer wieder (vorzugsweise deutsche) Kritiker, welche eine sehr eigenartige Auffassung von Klassik haben. Die bezeichnen ja gerne auch Karl Böhm - und einige sogar Herbert von Karajan - als Langweiler....


    In dieser Pauschalität habe ich das von deutschen Kritikern (so denn die Nationalität überhaupt eine Rolle spielen sollte) noch nicht gehört. An Bemerkungen, in denen sich ein ähnlich geringeres Differenzierungsvermögen ausdrückt, kann ich mich zwar erinnern, aber diese hatten eine andere Provenienz und wurden nicht von hauptberuflichen und fachkundigen Kritikern geäußert.


    Wenn man die getroffenen (gleichwohl unbelegten) Behauptungen nur ein wenig schärfen würde, könnte ich gut mitgehen. So ist mir beispielsweise keine aufregende Aufnahme eines Werkes von Johann Sebastian Bach bekannt, die unter Herbert von Karajan entstanden wäre. Das ist natürlich zunächst mal eine Aussage über mich.


    Vielleicht würden ja auch viele Klassikfreunde der Aussage zustimmen, dass es keine Mozartaufnahmen von Karl Böhm gibt, die unter dirigentischen Gesichtspunkten aufregend zu nennen wären (unter vokalen Aspekten sehr wohl, als Beispiel für viele andere sei Wunderlichs Tamino erwähnt). Vielleicht wären unter diesen vielen Klassikfreunden aber auch manche, die sagen, dass Mozart auch gar nicht aufregend gespielt werden soll.


    Ich finde es in solchen Situationen immer spannend, Mozarts eigene Berichte zu lesen. So etwa den Brief vom 03. Juli 1778 an seinen Vater, in dem er von den Aufführungen der „Pariser Sinfonie“ (Nr. 31) berichtet. Da hat Mozart Überraschungen eingebaut, die das Publikum als solche erkannte und spontan applaudierte – mitten im Satz! (Man lese den Artikel über diese Sinfonie bei Wikipedia.de .)


    Nun hört man in vielgepriesenen Aufnahmen dieser Werke all diese Effekte häufig gar nicht. Diese Stellen werden eingeebnet in ein großes Ganzes, das auf einen möglichst eleganten und strahlenden Klang angelegt ist und damit das Raffinement Mozarts verhüllt. Ich habe bei Video-Aufnahmen unter Karl Böhm mit den Wiener Philharmonikern im Großen Saal des Wiener Musikvereins gesehen, wie das Publikum in quasi-religiöser Andachtshaltung die solchermaßen geglättete Musik regungslos empfing. Aufführung wie Publikum waren Welten entfernt von dem, was Mozart selbst berichtete.


    Dennoch stimmen Wolfgang Amadé Mozart und Dr. jur. Karl Böhm bei aller Verschiedenheit in Charakter und musikalischer Absicht in einem überein: Sie bedienten die Erwartungen ihres Publikums.


    :hello:

  • Lieber Glockenton,
    daß Du diese Aufnahmen sehr schätzt, kann ich gut nachvollziehen.
    Daher ein Tipp und gleichzeitig die Nennung einer "Über-Referenz":Gulda in Personalunion als Dirigent und Solist ist beim Klavierkonzert Nr. 23 (Liveaufnahme vom 03.05.1993) noch eine Spur frischer und frecher als mit Harnoncourt zusammen, und das Klavierkonzert Nr. 20 (Liveaufnahme vom 02.05.1993) muß man einfach gehört haben, so unbeschreiblich wird es hier interpretiert.


    Beide Aufnahmen sprühen vor Erregung, vor Energie; das fantastische NDR-Sinfonieorchester und Gulda bilden eine wohl unerreichte Symbiose, die Spielfreude ist nicht nur hörbar, sondern schier allgegenwärtig. Den euphorischen Lobeshymnen in der Amazon Besprechung ist nichts hinzuzufügen. Eine Aufnahme für die "Arche Noah". :jubel:

    Lieber Norbert, was gäbe es da noch hinzuzufügen ...? Danke für diesen Hinweis! Ich bin kein Freund von "übertreibenden Anpreisungen" und das Wort "Referenz" bemühe ich mich, mit stetig wachsendem Erfolg mir abzugewöhnen. Aber wenn Du hier nicht nur eine Referenz, sondern gar eine Über-Referenz hörst und die beiden Aufnahmen in den Top10 Deiner Sammlung siehst, gehe ich in dieser Begeisterung gerne mit.


    Dass die NDR-Sinfoniker ein solches Mozart-Orchester sind, hätte ich nie erwartet. Andererseits befinden sie sich zur Aufnahmezeit gerade in der Blütezeit ihrer Liaison mit Günter Wand, und das lässt schon einiges erwarten. Die Besetzung ist deutlich verkleinert, was dem Klang sehr zugute kommt, und Gulda muss gründlich und eindringlich mit ihnen gearbeitet haben: Es ist köstlich, wie sie hier mit Verve zu Werke gehen und mit differenziertem akzentuiertem - freudenvollem - Spiel trumpfen können.


    Das, was das Orchester hier hören lässt, liegt ganz auf der Linie von Guldas Mozart. Ich finde es erhellend, Guldas Mozart-Sonaten für Amadeo mit den späteren für DGG zu vergleichen. Er hat in diesen Jahren hörbar intensiv an seinem Mozart gearbeitet, ihn "durchdrungen" - die späteren Aufnahmen sind für meine Ohren das überzeugendeste Mozart-Plädoyer, das ich aus dieser Zeit kenne. Das findet sich auch in diesen NDR-Aufnahmen (und denen mit Harnoncourt) wieder. Die Art und Weise, wie er die Musik mit Akzenten gliedert, sie auflockert, zur Lebendigkeit erweckt, dabei einen Spielfluss von höchster Schlüssigkeit und Geschlossenheit hinlegt - das ist eine Klasse für sich.


    Schon Guldas ausgefuchstes Verzierungsspiel lässt einem gelegentlich den Atem stocken. Sehr durchdacht, sehr überlegen kommt das herüber, wie er da gestaltet!


    Ja, ich stimme dem zu: noch besser sind diese NDR-Aufnahmen, als die Einspielungen mit Harnoncourt - auch wenn dies kaum mehr möglich erscheint. Das 23. Konzert liegt mir persönlich mehr - ich finde es in gleicher Weise herausragend gespielt wie das 20. Aufnahmen, die in ihrer Art und Weise neben Uchida/Cleveland oder Brendel/Mackerras stehen und vielleicht die Spitze dieser Trias bilden. Besonders ist für mich und über alle Maßen reizvoll, dass Gulda hier (wie Uchida oder Barenboim) das Orchester selbst leitet - und er tut dies vorbildlich.

  • Lieber Ulrich,


    es freut mich ehrlich, daß Du von der Aufnahme genauso begeistert bist wie ich. :jubel:


    Auch ich gehe sehr sparsam mit "Referenzen" und Superlativen um und benutze sie entsprechend selten.
    Aber das ist eine der sehr raren Aufnahmen, bei denen sich die Spielfreude sofort auf mich und mein Gemüt überträgt, eine richtige "Gute Laune-Aufnahme".


    Und Freude verdoppelt sich bekanntlich, wenn sie geteilt wird...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Ich finde es in solchen Situationen immer spannend, Mozarts eigene Berichte zu lesen. So etwa den Brief vom 03. Juli 1778 an seinen Vater, in dem er von den Aufführungen der „Pariser Sinfonie“ (Nr. 31) berichtet. Da hat Mozart Überraschungen eingebaut, die das Publikum als solche erkannte und spontan applaudierte – mitten im Satz!

    Was soll denn nun dieser Vergleich? Gibt es denn heute noch Klassikfreunde, die die "Pariser Sinfonie" zum ersten Mal hören? Mozart hat bei seinen Werken ständig Überraschungen eingebaut, für die damalige Zeit. Uns erscheint das heute doch völlig normal. Aber 1778 mit 2012 zu vergleichen, dazwischen liegen doch mehr als 200 Jahre, aha!


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Gibt es denn heute noch Klassikfreunde, die die "Pariser Sinfonie" zum ersten Mal hören?


    Das würde ich mal annehmen!


    Mozart hat bei seinen Werken ständig Überraschungen eingebaut, für die damalige Zeit. Uns erscheint das heute doch völlig normal.


    Wie soll ich das mit wenigen Worten erklären?


    (1) Mozart wollte sein Pubikum an vielen Stellen des Werkes überraschen.


    (2) Wenn wir heute auch noch von dieser Musik überrascht werden - wunderbar!


    (3) Wenn nicht, dann wäre zu fragen, woran das liegt:
    (a) An uns - weil diese "Überraschungen" keine mehr sind, entweder weil wir das Werk schon kennen oder der Gag seine Zugkraft verloren hat - tausend andere Kompositionen haben denselben Gag (oder bessere) verwendet
    (b) An der Interpretation, die die Überraschungen nicht als solche herausarbeitet


    Wenn (a) zuträfe, dann gäbe es wenig Grund, diese Musik zu hören - es sei denn, man akzeptiert, dass man diese Musik ganz anders hört, als Mozart dies vorgesehen hat.


    Da ich etwa bei den Mozart-Interpretationen Harnoncourts regelmäßig das Gefühl der Überraschung hatte (und bei gewissen anderen Dirigenten, die eher einen kulinarischen Klang erzeugen wollten, nicht), meine ich, dass (a) nicht zutreffen kann. Wenn wir nicht überrascht sind, liegt es also an (b).


    :hello:

  • (b) An der Interpretation, die die Überraschungen nicht als solche herausarbeitet

    Wie soll denn ein Dirigent heute wissen, was Mozart beim Komponieren eines Werkes vor 230 Jahren als Überraschung für die damaligen Zuhörer, die es das erste Mal hörten und doch lediglich einen Vergleich zu bereits bestehenden und gehörten früheren Sinfonien anstellen konnten, gemeint hat. Das sind doch Vermutungen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Dirigenten wie Böhm und Harnoncourt die Briefe von Mozart an seinen Vater gelesen haben. Ich habe sie nicht gelesen. Für mich bleibt Böhm der "Mozartpapst" seiner Zeit.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Wie soll denn ein Dirigent heute wissen,


    Lieber Bernward,


    ich wollte keine grundsätzliche Diskussion zum Thema "Mozart mit Karl Böhm" anstoßen.


    Aber doch so viel zu Deinen Worten: Ginge es um "Wissen", so würden wir nicht von "Interpretieren" sprechen, nicht wahr?


    Im Übrigen schreibt Mozart jun. an seinen Vater, dass er den Beginn des Finales gerne piano hätte (was nicht in der Partitur steht) und den späteren Forte-Ausbruch im Tutti als Überraschung plante usw. usw.


    Einiges kann man also durchaus "wissen". Wenn man sich bemüht.


    :hello:

  • Es ist im Falle der Pariser Sinfonie aufgrund der Briefstelle ziemlich klar, was Mozart als "Überraschung" gedacht hatte und was auch so funktionierte und von dem damaligen Publikum mit spontanem Beifall! (lt. Mozarts Brief) bedacht wurde.
    Nämlich dass das Finale wider Erwarten nicht mit einem forte "Tusch" o.ä., sondern leise beginnt, woraufhin nach einigen Sekunden das laute tutti hereinbricht.
    Das ist schon lange bekannt; ich meine ich hätte das schon bei der ersten LP, auf der ich diese Musik kennenlernte, gelesen. (Ebenso war der massive und effektvoll-schmissige Beginn des ersten Satzes auf die Pariser Üblichkeiten hin komponiert, diesmal allerdings eine Erfüllung der Erwartung, keine vorübergehende Enttäuschung.)


    Und irgendwann hört jeder Musikfreund (der sie überhaupt hört) die Pariser Sinfonie zum ersten Mal. (Neulich "gestand" jemand, seine erste Aufnahme der Beethovenquartette gekauft zu haben, diese 16 Stücke sind alle "wichtiger" als Mozarts Pariser Sinfonie und es hören Leute jahrelang Klassik, ohne diese oder jene gehört zu haben. Man kann nicht alles auf einmal kennenlernen.) Interessanter (und das wurde auch schon immer mal wieder im Forum angesprochen) ist allerdings, ob und wenn ja, warum, wenigstens manche Überraschungseffekte auch noch wirken, wenn man sie zigmal gehört hat. zB der "Paukenschlag" in Haydns Sinfonie. Brüggen spielt den Akkord in seiner Aufnahme anscheinend mit Absicht einen Tick zu früh, was vielleicht den Überraschungseffekt verstärkt.


    Das hat aber mit dem thread-Thema nicht direkt zu tun...

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)