Gedichte, die mir etwas bedeuten

  • Hallo!


    Irgendwie habe ich heute Nacht einen Hang zur Poesie. Liegt vielleicht an den "Lyrischen Stücken" von Edvard Grieg (Gilels), die ich gerade höre.


    Es wäre schön, wenn hin und wieder ein Gedicht hier eingestellt würde, das demjenigen, der den Beitrag einbringt, etwas (Positives) bedeutet. Das muss nicht groß erklärt werden, kann aber.


    Auch Kommentare sind zugelassen - allerdings nur solche, die das Positive verstärken.


    Achtung: Das ist ein Harmonie-Thread!


    Ich mache den Anfang mit dem Gedicht "Stufen" von Hermann Hesse, das - zumindest auszugsweise - sicherlich jeder kennt. Hesse hat es im Mai 1941 nach langer Krankheit geschrieben. Ich kenne bislang kein Gedicht, das so positiv der Melancholie des Abschieds die Sinnhaftigkeit des Wandels und der Weiterentwicklung gegenüberstellt.


    Stufen
    Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
    Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
    Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
    Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
    Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
    Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
    Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
    In andre, neue Bindungen zu geben.
    Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
    Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.


    Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
    An keinem wie an einer Heimat hängen,
    Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
    Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
    Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
    Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
    Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
    Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.


    Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
    Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
    Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
    Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!


    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Lieber Wolfgang,


    du hast ein Gedicht eingestellt, das auch mein Lieblingsgedicht ist. Ich habe schon in meiner Schulzeit gerne Hermann Hesse gelesen und auf diesem Gedicht habe ich meine Rede zum Abschied vom Gymnasium, in das ich sehr gerne gegangen bin, aufgebaut. Ich kann es - wie viele andere Gedichte aus dieser Zeit - noch heute vollständig auswendig zitieren und habe es auch häufiger getan. Ich möchte nun noch ein Gedicht aus dieser Zeit, das ich au sehr liebe, einstellen:


    Hans Carossa
    Der alte Brunnen
    Lösch aus dein Licht und schlaf! Das immer wache
    Geplätscher nur vom alten Brunnen tönt,
    Wer aber Gast war unter meinem Dache,
    Hat sich stets bald an diesen Ton gewöhnt.


    Zwar kann es einmal sein, wenn du schon mitten
    Im Traume bist, dass Unruh geht ums Haus,
    Der Kies am Brunnen knirscht von harten Tritten,
    Das helle Plätschern setzt auf einmal aus,


    Und du erwachst, - dann musst du nicht erschrecken!
    Die Sterne stehn vollzählig überm Land,
    Und nur ein Wandrer trat ans Marmorbecken,
    Der schöpft vom Brunnen mit der hohlen Hand.


    Und geht gleich weiter. Und es rauscht wie immer.
    O freue dich, du bleibst nicht einsam hier,
    Viel Wandrer gehen fern im Sternenschimme,
    Und mancher noch ist auf dem Weg zu dir.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Mein allerschönstes Gedicht ist "Der Mond ist aufgegangen" von Matthias Claudius. Die Poesie dieses Gedichtes erschließt sich schon kleinen Kindern, wie ich sicher weiß, denn ich habe es oft genug beim Babysitten der Enkel meiner Freude aufgesagt. Man sollte übrigens alle 7 Strophen kennen. Eines Abends am Watt auf Sylt habe ich genau diese Bilder und diese Stimmung gehabt und habe dann leise das Gedicht gesprochen.
    Danach folgt sogleich Mörikes "Denk es, o Seele". Hier gibt es eine wunderbare Vertonung von Hugo Distler, die unser zweiter bass bestimmt auswendig singen kann so wie ich auch.

    "...der Schlag, der mich traf aus deinem Mund.... (Orlando di Lasso, Lagrime di San Pietro)

  • Hier nun meine beiden Lieblingsgedichte auf Englisch. Sie umfassen die beiden Enden des Lebens. Die Dichterin des ersten Gedichtes, Jane Kenyon, starb früh an Leukämie.


    Jane Kenyon
    Coats

    I saw him leaving the hospital
    with a woman´s coat over his arm.
    Clearly she would not need it.
    The sunglasses he wore could not
    conceal his wet face, his bafflement.


    As if in mockery the day was fair,
    and the air mild for December. All the same
    he had zipped his own coat and tied
    the hood under his chin, preparing
    for irremediable cold.


    E.B. White
    The Conch

    (Die Muschel)


    Hold a baby to your ear
    As you would a shell:
    Sounds of centuries you hear
    New centuries foretell.


    Who can break a baby´s code?
    And which is the older -
    The listener or his small load?
    The held or the holder?

    "...der Schlag, der mich traf aus deinem Mund.... (Orlando di Lasso, Lagrime di San Pietro)

  • Lieber Dr. Pingel,


    da du hier englische Gedichte als Lieblingsgedichte eingestellt hast, möchte ich gerne auf französisch antworten. Ein Volkslied, das auf dem folgenden Gedicht eines unbekannten Dichters basiert, ist eines meiner Lieblingslieder. Ich finde es sprachlich sehr klangvoll, aber auch von der Melodie her sehr schön. Leider kann ich davon nur drei Strophen auswendig. Den Rest habe ich aufsuchen müssen.


    À la claire fontaine
    M’en allant promener
    J’ai trouvé l’eau si belle
    Que je m’y suis baigné.


    Il y a longtemps que je t’aime
    Jamais je ne t’oublierai.


    Sous les feuilles d’un chêne
    Je me suis fait sécher
    Sur la plus haute branche
    Un rossignol chantait.


    Il y a longtemps que je t’aime
    Jamais je ne t’oublierai.


    Chante, rossignol, chante
    Toi qui as le cœur gai
    Tu as le cœur à rire
    Moi, je l’ai à pleurer.


    Il y a longtemps que je t’aime
    Jamais je ne t’oublierai.


    J’ai perdu mon amie
    Sans l'avoir mérité
    Pour un bouquet de roses
    Que je lui refusai.


    Il y a longtemps que je t’aime
    Jamais je ne t’oublierai.


    Je voudrais que la rose
    Fût encore au rosier
    Et que ma douce amie
    Fût encore à m’aimer.


    Il y a longtemps que je t’aime
    Jamais je ne t’oublierai.



    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Eines meiner Lieblingsgedichte, zu dem es jedoch erst wurde. als ich es in einer Interpretation in der Oberstufe fürchterlich verhauen habe, ist dieses:

    Auf dem See


    Und frische Nahrung, neues Blut
    Saug' ich aus freier Welt;
    Wie ist Natur so hold und gut,
    Die mich am Busen hält!
    Die Welle wieget unsern Kahn
    Im Rudertakt hinauf,
    Und Berge, wolkig, himmelan,
    Begegnen unserm Lauf.


    Aug', mein Aug', was sinkst du nieder?
    Goldne Träume, kommt ihr wieder?
    Weg, du Traum! so gold du bist;
    Hier auch Lieb' und Leben ist.

    Auf der Welle blinken
    Tausend schwebende Sterne ;
    Weiche Nebel trinken
    Rings die türmende Ferne;
    Morgenwind umflügelt
    Die beschattete Bucht,
    Und im See bespiegelt
    Sich die reifende Frucht.


    (Johann Wolfgang von Goethe)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Gerhard, lieber William, ich glaube, dieses Thema hier wird ein Renner; danke, WoKa! Ich habe bei mir eine besondere Schublade, in der die Gedichte einzeln liegen. Eure beiden habe ich mir sofort ausgedruckt. Eine Frage an Gerhard: wer hat das komponiert und finde ich es bei YouTube?
    Ich denke, dass wir hier Gedichte auch in anderen Sprachen einstellen. Bei selteneren Sprachen als Englisch und Französisch dann mit Übersetzung.
    Hier nun mein spanisches Lieblingsgedicht von Antonio Machado (ich habe hier auch zum ersten Mal das vollständige Gedicht gesehen, bisher kannte ich nur die 2. Zeile):


    Caminante son tus huellas el camino y nada más
    (Wanderer, der Weg sind die Spuren deiner Füße und sonst nichts)
    Caminante no hay camino, se haace camino al andar
    (Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht beim Gehen)
    Al andar se hace camino, y al volver la vista atrás
    (Beim Gehen entsteht der Weg, und wendest du den Blick zurück)
    Se ve la senda que nunca se ha de volver a pisar
    (so siehst du die Spur, die kaum jemals wieder begangen wird)
    Caminante no hay camino, sino estelas en la mar
    (Wanderer, es gibt keinen Weg so wie auch keine Abdrücke im Meer).

    "...der Schlag, der mich traf aus deinem Mund.... (Orlando di Lasso, Lagrime di San Pietro)

  • Ein schöner Thread, fürwahr! :jubel:


    Als bekennender Schwabe beginne ich mit einem Landsmann:


    Die Liebe
    Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr die Euern all
    O ihr Dankbaren, sie, euere Dichter schmäht,
    Gott vergeb' es, doch ehret
    Nur die Seele der Liebenden.
    Denn o saget, wo lebt menschliches Leben sonst
    Da die knechtische jetzt alles, die Sorge zwingt?
    Darum wandelt der Gott auch
    Sorglos über dem Haupt uns längst.
    Doch, wie immer das Jahr kalt und gesanglos ist
    Zur beschiedenen Zeit, aber aus weißem Feld
    Grüne Halme doch sprossen
    Und ein einsamer Vogel singt,
    Und sich mählich der Wald dehnet, der Strom sich regt,
    Schon die mildere Luft leise von Mittag weht
    Zur erlesenen Stunde,
    So ein Zeichen der schönern Zeit,
    Die wir glauben, erwächst einziggenügsam noch,
    Einzig edel und fromm über dem ehernen,
    Wilden Boden die Liebe,
    Gottes Tochter, von ihm allein.
    Sei gesegnet, o sei, himmlische Pflanze, mir
    Mit Gesange gepflegt, wenn des ätherischen
    Nektars Kräfte dich nähren,
    Und der schöpfrische Strahl dich reift.
    Wachs und werde zum Wald! eine beseeltere,
    Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden
    Sei die Sprache des Landes,
    Ihre Seele der Laut des Volks!


    Friedrich Hölderlin (1770-1843)

  • Lieber Dr. Pingel


    auf youtube gibt es mehrere Versionen. Hier habe ich die Version eingestellt, unter der ich das Lied in der Schule kennegelernt habe.


    Für diejenigen, die kein Französisch verstehen, will ich es hier übersetzen.



    Am klaren Brunnen
    als ich spazieren ging
    fand ich das Wasser so schön
    dass ich darin gebadet habe


    Ich liebe dich schon lange
    Ich werde dich nie vergessen


    Unter den Blättern einer Eiche
    habe ich mich abgetrocknet
    Auf dem obersten Ast
    sang eine Nachtigall


    Ich liebe.....


    Sing, Nachtigall, sing,
    du, die ein fröhliches Herz hast
    Du hast ein Her zum Lachen
    Ich habe eins zum Weinen


    Ich liebe.....


    Ich habe meine Freundin verloren
    Ohne es verdient zu haben
    Wegen eines Blumenstraußes
    den ich ihr verweiger habe


    Ich liebe.....


    Ich wünschte dass die Rose
    noch am Rosenstrauch wäre
    und dass meine süße Freundin
    mich noch lieben würde



    Ich liebe.....


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Lieber Gerhard, danke, welche Überraschung! Dieser Film, "The Painted Veil", ist gedreht nach einem meiner Lieblingsromane von Somerset Maugham (mit gleichem Titel). Das Video besitze ich auch; jetzt weiß ich, was ich demnächst sehe! Auch die schlichte Stimme der Sängerin und der kleine Kinderchor beim Refrain: einfach anrührend!

    "...der Schlag, der mich traf aus deinem Mund.... (Orlando di Lasso, Lagrime di San Pietro)

  • Zitat

    dr. pingel: Eine Frage an Gerhard: wer hat das komponiert, und finde ich es bei youtube?


    Mich hast du nicht gefragt, lieber dottore, weil du sicherlich wusstest, wer es an führender Stelle komponiert hat. Dennoch will ich dir eine Vertonung hier nennen, die ich besonders schön finde:


    Übrigens hat auch Wilhelm Furtwängler dieses Gedicht verrtont, 1900 mit 14 Jahren! Auch das findet man hier:


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber William, mit deinem letzten Eintrag bin ich nicht klar gekommen; Peter Anders singt doch da ein ganz anderes Lied mit anderem Text. Der Link zu Furtwängler ist deaktiviert, und bei YouTube direkt konnte ich es nicht finden!

    "...der Schlag, der mich traf aus deinem Mund.... (Orlando di Lasso, Lagrime di San Pietro)

  • Peter Anders singt doch da ein ganz anderes Lied mit anderem Text.


    Der singt doch Willis Lieblingslied "Auf dem See", komponiert von Schubert aus Beitrag 7.


    Wenn Du unten rechts auf Vollbild-Modus klickst, dann kannst Du auch die Furtwängler-Vertonung hören, lieber dr. pingel. Dann erweitert sich die Ansicht, und die Play-Taste ist aktiv. Das kommt öfter mal vor. Allerdings finde ich die Interpretation etwas grenzwertig. Aber immerhin habe ich eine neue Bekanntschhaft machen dürfen. Danke!


    P.S. Was nun? Plötzlich läuft auch im Vollbild-Modus das Filmchen nicht mehr. :( Probiere es trotzdem. Vielleicht geht es jeweils nur einmal.


    Gruß Rheingold

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Liebe Taminos,
    von meiner Feiertagstour zurück und kurz vor den nächsten Dienstreisen entdeckte ich diesen schönen thread.


    Gedichte, die mir etwas bedeuten: davon gibt es eine Reihe, viele stammen von Marie Luise Kaschnitz. Nicht jedoch das Folgende,
    das der Feder einer Dichterin stammt, die - verfolgt - bereits mit 18 Jahren verstarb.


    Selma Meerbaum-Eisinger
    Lied


    Nimm hin mein Lied -
    Es ist nicht froh,
    Der Regen weint und weint.
    Und wer ihn sieht
    Weiß sowieso,
    Wie es das Glück gemeint.


    Es ist vorbei
    Die helle Zeit,
    Die Lachen uns gelehrt.
    Sie ging entzwei,
    Zwiespalt gedeiht -
    Wenn auch die Welt sich wehrt.


    Kehrt sie zurück?
    Ich weiß es nicht.
    Vielleicht weiß es der Wind.
    Er kennt das Glück,
    Wenn's nicht zerbricht,
    So sagt er's uns geschwind.


    Doch sieh, der Wind
    Verbirgt sich doch -
    Er ist ja gar nicht da.
    Ganz wie ein Kind,
    So glaubt er noch:
    Nur er weiß, was geschah.


    Nimm hin mein Lied.
    Vielleicht bringt es
    das Lachen einst zurück.
    Und wer es liest,
    Der sagt: Ich seh's,
    und meint damit das Glück.


    Mit herzlichem Gruß
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)


  • Danke, jetzt habe ich es auch kapiert. Der Furtwängler klappt trotzdem nicht!

    "...der Schlag, der mich traf aus deinem Mund.... (Orlando di Lasso, Lagrime di San Pietro)

  • Lieber dottore,


    ich habe es eben, nach den "Lectures" mit Alfred Brendel auf Classica, noch einmal probiert. Wenn man aus Tamino auf Youtube geht und das Lied anklickt, gann geht es. Natürlich bekommt man nach Peter Anders' Vortrag der Schubert-Version von "Auf dem See"
    eine art Kulturschock, wenn man die walkürenhafte Sopransitin (Ute Neumerkel) mit Furtwänglers Version hört. :D
    Verzeih noch einmal das Missverständnis, ich wollte natürlich nicht nach Gerhards Beispiel gefragt werden, sondern nach meinem Goethe, und das auch nicht ernsthaft ;)


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber William!
    Furtwängler klappt immer noch nicht, aber so kenne ich doch jetzt dein Lieblingsgedicht - und Peter Anders war auch ein Held meiner Jugend. Also ein fruchtbares (nicht furchtbares) Missverständnis!

    "...der Schlag, der mich traf aus deinem Mund.... (Orlando di Lasso, Lagrime di San Pietro)

  • Der Zufall, dass ich mich gerade an einem 27. September bei Tamino angemeldet habe, macht es möglich, dass ich eine Zeile aus einem meiner Lieblingsgedichte als Signatur verwenden kann (was natürlich paradox ist, denn die Signatur sieht man ja erst, wenn ich etwas geschrieben habe):



    Der schöne 27. September
    von Thomas Brasch


    Ich habe keine Zeitung gelesen.
    Ich habe keiner Frau nachgesehn.
    Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
    Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht.
    Ich habe nicht in den Spiegel gesehen.
    Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen und mit keinem über neue Zeiten.
    Ich habe nicht über mich nachgedacht.
    Ich habe keine Zeile geschrieben.
    Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

  • Zitat

    Lieber William!
    Furtwängler klappt immer noch nicht,


    Lieber dottore:


    1. auf Youtube gehen,
    2. in die Eingabezeile "Auf dem See, Furtwängler" eingeben;


    dann erscheint ein schönes Bild, mit einem von mittleren Bergen umgebenen See. Als nächstes erscheint der Schriftzug "Wilhelm Furtwängler", dann der Titel des Liedes. So nach 10-11 Sekunden trompetet dann die Sopranistin los, und von rechts schwimmt majestätisch ein weißer Schwan in die Seemitte, allerdings ohne Lohengrin. :D
    Du musst nur Geduld haben und nicht nach 2, Sekunden denken: kommt nix! Eigentlich müsste was kommen

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich möchte heute ein weiteres Gedicht einstellen, dass mir erst durch die Musik Franz Schuberts sehr nahe gekommen ist.


    Trockne Blumen


    Ihr Blümlein alle,
    Die sie mir gab,
    Euch soll man legen
    Mit mir ins Grab.
    Wie seht ihr alle
    Mich an so weh,
    Als ob ihr wüßtet,
    Wie mir gescheh?
    Ihr Blümlein alle,
    Wie welk, wie blaß?
    Ihr Blümlein alle,
    Wovon so naß?
    Ach, Tränen machen
    Nicht maiengrün,
    Machen tote Liebe
    Nicht wieder blühn.
    Und Lenz wird kommen,
    Und Winter wird gehn,
    Und Blümlein werden
    Im Grase stehn.
    Und Blümlein liegen
    In meinem Grab,
    Die Blümlein alle,
    Die sie mir gab.
    Und wenn sie wandelt
    Am Hügel vorbei
    Und denkt im Herzen:
    Der meint' es treu!
    Dann, Blümlein alle,
    Heraus, heraus!
    Der Mai ist kommen,
    Der Winter ist aus.


    (Wilhelm Müller)


    Diesen Text mag ich so gerne, weil am Ende eines so tieftraurigen Geschehens doch die Hoffnung steht.
    Für mich hat am überzeugendstens Fritz Wunderlich dieses ebefanlls von Schubert vertonte Lied vorgetragen:



    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich sehe gerade, dass mein Thomas-Brasch-Gedicht auch in dem Band »Gedichte, die glücklich machen« (Insel Taschenbuch 4297) enthalten ist, ebenso wie ein Gedicht von Peter Rühmkorf, das ich heute auch noch hier einstellen wollte. Das beruhigt mich nun ungemein, war ich doch nicht sicher, ob ich den richtigen Beurteilungsmaßstab habe für Gedichte, die in einen »Harmonie-Thread« passen sollen. Schließlich würde ich Harmoniebedürftigkeit nicht zu meinen hervorstechenden Eigenschaften zählen. Die Welt ist nicht gut und wenn es einen Schöpfer gäbe, der an meiner Meinung interessiert wäre, dem würde ich was erzählen …
    Die beiden Gedichte von Brasch und Rühmkorf verzichten auf Natur oder Lebensweisheit. Es gibt keine großen Gesten, keine Glücksgefühle, sondern eher Momente innerer Gebrochenheit. Zufriedenheit entsteht dennoch, aber ganz ohne Überbau à la »Sinn des Lebens« – manchmal passiert das plötzlich, scheinbar ohne benennbaren Anlass, manchmal indem man einfach aufhört, etwas zu wollen.




    Peter Rühmkorf


    Auf was nur einmal ist


    (Für Heinrich Maria Ledig-Rowohlt)



    Manchmal fragt man sich: ist das das Leben?
    Manchmal weiß man nicht: ist dies das Wesen?
    Wenn du aufwachst, ist die Klappe zu.
    Nichts eratmet, alles angelesen,
    siehe, das bist du.


    Und du denkst vielleicht: ich gehe unter,
    bodenlos und fürchterlich –:
    Einer aus dem großen Graupelhaufen,
    nur um einen kleinen Flicken bunter,
    siehe, das bin ich.


    Aber dann, aufeinmalalso, beim Schlendern,
    lockert sich die Dichtung, bricht die Schale,
    fliegen Funken zwischen Hut und Schuh:
    Dieser ganz bestimmte Schlenker aus der Richtung,
    dieser Stich ins Unnormale,
    was nur einmal ist und auch nicht umzuändern:
    siehe, das bist du.


  • Else Lasker-Schüler
    Ein Lied


    Hinter meinen Augen stehen Wasser,
    Die muß ich alle weinen.


    Immer möcht ich auffliegen,
    Mit den Zugvögeln fort;


    Buntatmen mit den Winden
    In der großen Luft.


    O ich bin so traurig - - - -
    Das Gesicht im Mond weiß es.


    Drum ist viel samtne Andacht
    Und nahender Frühmorgen um mich.


    Als an deinem steinernen Herzen
    Meine Flügel brachen,


    Fielen die Amseln wie Trauerrosen
    Hoch vom blauen Gebüsch.


    Alles verhaltene Gezwitscher
    Will wieder jubeln,


    Und ich möchte auffliegen
    Mit den Zugvögeln fort.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Den Furtwängler habe ich endlich gehört. Für 14 ist das schon nicht schlecht, und die Sängerin trompetet tatsächlich.
    Wilhelm Müller ist ja als Dichter umstritten und eigentlich nur durch Schubert so bekannt geworden. Ich finde aber, dass seine Lyrik, am besten zusammen mit der Musik, doch ein treues Gefühl der Romantik abbildet. Überhaupt lassen sich manche Gedichte durch die Musik sehr viel besser behalten als ohne; manche Sentimentalitäten werden auch besser erträglich, die in einem reinen Gedicht nicht so gut zu ertragen wären. Zwei Beispiele werde ich dazu noch einstellen.
    Dieter Stockert : dem Gefühl, das du ansprichst, hat ja schon Schopenhauer beredt Ausdruck verliehen, etwa in dem Satz (ich zitiere sinngemäß), dass sich ja eigentlich beim Jüngsten Gericht der "liebe" Gott vor uns rechtfertigen müsse. Oder dass diese Welt die Hölle eines anderen Planeten sein muss, und wir Teufel und Opfer zugleich sind.
    Schopenhauer reinsten Wassers findet sich übrigens in Pfitzners Palestrina, besonders in dem großen Monolog im ersten Akt ("Der letzte Freund...").

    "...der Schlag, der mich traf aus deinem Mund.... (Orlando di Lasso, Lagrime di San Pietro)

  • Hallo!


    Ein Gedicht vom deutschen Poeten und Schriftsteller John Henry Mackay, das ich freilich erst durch die traumhafte Vertonung von Richard Strauss (mittlerweile kenne ich auch die Vertonung von Max Reger) kennengelernt habe, ist das Gedicht "Morgen". In Poesie geformte Zuversicht!


    Morgen


    Und morgen wird die Sonne wieder scheinen,
    und auf dem Wege, den ich gehen werde,
    wird uns, die Glücklichen, sie wieder einen
    inmitten dieser sonnenatmenden Erde.


    Und zu dem Strand, dem weiten, wogenblauen,
    werden wir still und langsam niedersteigen,
    stumm werden wir uns in die Augen schauen,
    und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen.


    Kennt Ihr schon diese schöne Seite?


    http://gedichte.xbib.de/zufalls_gedicht.html


    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Liebe Freunde der Lyrik,
    drei Kleinodien aus der Feder Goethes dürfen hier nicht unerwähnt bleiben. Alle wurden vertont und dadurch sehr populär.


    Das Veilchen (1774)
    Es wurde 1783 von Johann Friedrich Reichardt vertont; eine weitere Vertonung von Wolfgang Amadeus Mozart entstand 1785 (KV 476).


    Ein Veilchen auf der Wiese stand
    Gebückt in sich und unbekannt;
    Es war ein herzig's Veilchen.
    Da kam eine junge Schäferin,
    Mit leichtem Schritt und munterm Sinn,
    Daher, daher,
    Die Wiese her, und sang.


    "Ach!" denkt das Veilchen, "wär' ich nur
    Die schönste Blume der Natur,
    Ach, nur ein kleines Weilchen,
    Bis mich das Liebchen abgepflückt
    Und an dem Busen matt gedrückt!
    Ach nur, ach nur
    Ein Viertelstündchen lang!"


    Ach! aber ach! das Mädchen kam
    Und nicht in acht das Veilchen nahm,
    Ertrat das arme Veilchen.
    Es sank und starb und freut' sich noch:
    "Und sterb' ich denn, so sterb' ich doch
    Durch sie, durch sie,
    Zu ihren Füßen doch."


    Gefunden (1813)
    Dieses allegorische Liebesgedicht entstand am 26.8.1813 als Hommage Goethes an seine Frau Christiane, geb. Vulpius, (1765–1816). Anlass war der 25. Jahrestag der ersten Begegnung beider im Park an der Ilm in Weimar am 12.7.1788.


    Ich ging im Walde
    So vor mich hin,
    Und nichts zu suchen,
    Das war mein Sinn.


    Im Schatten sah ich
    Ein Blümlein stehn,
    Wie Sterne blinkend, *
    Wie Äuglein schön.


    Ich wollt es brechen,
    Da sagt' es fein:
    Soll ich zum Welken
    Gebrochen sein?


    Mit allen Wurzeln **
    Hob ich es aus,
    Und trugs zum Garten
    Am hübschen Haus.


    Ich pflanzt es wieder ***
    Am kühlen Ort;
    Nun zweigt und blüht es
    Mir immer fort.


    Andere Versionen, meist als Liedtexte verwendet:
    * Wie Sterne leuchtend


    ** Ich grub's mit allen Den Würzlein aus.
    Zum Garten trug ich's
    Am hübschen Haus.


    ***Und pflanzt es wieder
    Am stillen Ort;
    Nun zweigt es immer
    Und blüht so fort.



    Das Heidenröslein (Originaltitel) oder "Heideröslein" ist eines der bekanntesten und volkstümlichsten Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. Es wird auch als populäres Volkslied gesungen und wurde von vielen Komponisten, darunter Franz Schubert, vertont.

    Liedtext (nach der Ausgabe letzter Hand 1827)
    Sah ein Knab ein Röslein stehn,
    Röslein auf der Heiden,
    War so jung und morgenschön,
    Lief er schnell, es nah zu sehn,
    Sah's mit vielen Freuden.
    Röslein, Röslein, Röslein rot,
    Röslein auf der Heiden.


    Knabe sprach: „Ich breche dich,
    Röslein auf der Heiden!“
    Röslein sprach: „Ich steche dich,
    Dass du ewig denkst an mich,
    Und ich will's nicht leiden.“
    Röslein, Röslein, Röslein rot,
    Röslein auf der Heiden.


    Und der wilde Knabe brach
    's Röslein auf der Heiden;
    Röslein wehrte sich und stach,
    Half ihm doch kein Weh und Ach,
    Musst es eben leiden.
    Röslein, Röslein, Röslein rot,
    Röslein auf der Heiden.

  • Lichtmomente


    Fange jeden Lichtmoment
    als wäre alles schon vorbei
    und glaube gleichzeitig daran:
    Es sind Tausende noch frei.


    Halte deinen Atem an,
    lasse dem Zauber dich ergeben,
    lächele und träume weiter
    den süßen Traum - dein Leben.


    Dieses Gedicht habe ich dem Lyrikband CREDO von Frederik Hartmann entnommen. Frederik Hartmann ist ein junger zeitgenössischer Lyriker, den ich vor gut 2 Jahren bei einer Lesung seiner Werke kennengelernt habe.

  • Ich hatte angekündigt, zwei Gedichte einzustellen von Geibel; eins von Schumann, eins von Distler vertont. Ich stelle gerade fest, dass ich diese beiden Gedichte in meinem eigenen thread "Doctor Pingel´s hertzensergötzliche musicalische Brosamen" vorgestellt habe. Dieser thread ist eine Art Parallelthema zu diesem, allerdings werden dort nur vertonte Gedichte vorgestellt. Dort findet ihr eine reiche Auswahl von Liedern, die auch hierhin passen würden.

    "...der Schlag, der mich traf aus deinem Mund.... (Orlando di Lasso, Lagrime di San Pietro)

  • Ich gestehe – und WoKa möge mir verzeihen – : Ich war skeptisch, was diesen Thread anbelangt. Ich dachte: Er wird – ähnlich wie jener im Liedforum mit dem Titel „Lieder, die mich beeindruckt haben“ - darauf hinauslaufen, dass man allerlei Lyrik präsentiert bekommt, ohne dabei allerdings, was ja nun das wirklich Interessante ist, zu erfahren, warum dieses ohne jenes lyrische Werk für den, der es präsentiert, so bedeutsam geworden ist.
    Aber da lag ich schief, wie mir gestern bewusst wurde, als ich zum ersten Mal einen Blick hierein warf. Das erste, was mir auffiel war:
    Es finden sich durchaus kurze Kommentare zu der Frage des „Warum“, - etwas mehr davon wäre freilich - für mich jedenfalls - wünschenswert.
    Das zweite: Es werden sehr viele Gedichte präsentiert, die vertont wurden, - was den Liedfreund natürlich erfreut, zeigt sich doch darin, dass große Liedkomposition Lyrik zu interpretieren und sie auf diesem Wege in ihrer dichterischen Aussage zu erschließen vermag. Und noch mehr: Sie zu überhöhen und zu einer eindringlichen künstlerischen Erfahrung werden zu lassen.


    Aber dann geschah etwas, was mich nun wirklich in meiner Meinung zu diesem Thread radikal gewandelt hat. Ich stieß auf dieses Gedicht von Marie Luise Kaschnitz, eingestellt von Rheingold:


    Hinter meinen Augen stehen Wasser,
    Die muß ich alle weinen.
    Immer möcht ich auffliegen,
    Mit den Zugvögeln fort;
    Buntatmen mit den Winden
    In der großen Luft.
    O ich bin so traurig - - - -
    Das Gesicht im Mond weiß es.
    Drum ist viel samtne Andacht
    Und nahender Frühmorgen um mich.
    Als an deinem steinernen Herzen
    Meine Flügel brachen,
    Fielen die Amseln wie Trauerrosen
    Hoch vom blauen Gebüsch.
    Alles verhaltene Gezwitscher
    Will wieder jubeln,
    Und ich möchte auffliegen
    Mit den Zugvögeln fort.


    Und was ist geschehen?
    Dieses: Die Erfahrung einer – zumindest subjektiv so empfundenen - Seelenverwandtschaft in Sachen Lyrik.
    Will sagen: Wenn dieser Thread so etwas zu bewirken vermag, dann hat er, betrachtet unter dem Aspekt der Kommunikation in diesem Forum, einen tiefen und guten Sinn.
    Dieses Gedicht von der Kaschnitz las ich, ich erinnere mich genau, vor unendlich langer Zeit zum ersten Mal, - als Schüler noch nämlich.
    Und ich machte die Erfahrung: Es gibt lyrische Verse, die können einschlagen wie eine Bombe, - und bleiben ein Leben lang bei einem. Dieses Bild von den „Wassern“ hinter den Augen, die man weinen „muss“, - das ist ein solches, das haften bleibt. Ähnlich das unmittelbar nachfolgende von den „Zugvögeln“, mit denen man „auffliegen“ möchte, - „fort“.


    Die Bedrängtheit von seelischem Leid, die wie zu einem drückenden Gefängnis wird, aus dem man ausbrechen möchte, erfährt in diesem Gedicht einen geradezu überwältigenden lyrischen Ausdruck. Und warum? Weil die lyrische Sprache so überwältigend direkt ist in ihrer gleichsam elementaren Einfachheit.
    Das lyrische Ich sieht sich in einer seelischen Lage, in der ihm nicht einfach danach ist, weinend Tränen zu vergießen, - nein: Es leidet viel tiefer, viel gewaltiger, elementarer. Die lyrischen Bilder vermögen es zu sagen: „Wasser stehen“ hinter den Augen, - wie hinter einer Staumauer, aus der sie hervorbrechen möchten. Die expressive Kraft dieses Bildes gründet im Plural. Und so ist dem lyrischen denn auch: Es „möchte“ nicht, es „muss“ weinen, „alle“ Wasser. Und ähnlich expressiv – weil sprachlich elementar – ist das Bild von den „Zugvögeln“. Dem lyrischen Ich ist nach „Auffliegen“, zusammen mit den Zugvögeln, und es setzt in wie sprachlich ungelenk wirkender Weise das „fort“ hintendran: Lyrisch-sprachlich elementarer Ausdruck seelischer Befindlichkeit, und deshalb dichterisch so groß und überzeugend.
    Wer vermag es schon, so wie die Kaschnitz hier, einen umgangssprachlich so banalen Ausruf wie „O ich bin so traurig“ in einen lyrischen Text einzubringen, in dem er mit einem Mal all seine sprachliche Banalität verliert und im Kontext der ihn umgebenden Verse zu dem wird, was er eigentlich ist: Ein elementarer, und darin zutiefst wahrer Ausbruch seelischen Leids in den Raum und das Medium von Sprache.