Beethoven im Beethoven- und Corona-Jahr 2020. Welche Aufnahmen (aktuell veröffentlichte Neuaufnahmen und alte Klassiker) sind zu empfehlen?

  • Die erste dicke Empfehlung ist eine Neuerscheinung zum Jubiläumsjahr:



    Seine sich über Jahrzehnte hinstreckenden Aufnahmen der 32 Klaviersonaten Beethovens begann Pollini einst mit der Einspielung der späten Klaviersonaten op. 101 bis op. 111., die 1977 erschien, also vor 43 Jahren:



    Zum Ende kehrt Pollini mit dieser Konzertaufnahme aus München von 2019 zum Anfang zurück. Und diese Neuerscheinung ist wirklich ein würdiger Beitrag zum Beethoven-Jahr eines der bedeutendsten Beethoven-Interpreten unter den großen Pianisten. Der späte Pollini entdeckt nämlich Beethovens Subjektivität nicht mehr nur im Sinne von titanischer Kraft und dem Gestus revolutionären Aufbegehrens, gepaart mit klassischer Klarheit und Ausgewogenheit, was seine Beethoven-Debut-Aufnahme von einst nach wie vor zum Klassiker macht. Jetzt hört man einen Beethoven, der statt ein souveränes idealistisches Subjekt zu sein unglücklich getrieben ist, nicht mehr Herr seiner selbst. Man gewahrt die Aporien des Versuchs etwa zum Ende op. 109, in der schlicht gesungenen Melodie im Sinne von Rousseauscher Natur-Naivität Ruhe zu finden: Der Schein trügt, es bleibt bei einem vergeblichen Versuch der Suche nach Ruhe, der das unaufhörliche Weiterdrängen nicht wirklich aufhalten kann. Besonders großartig ist op. 111: Wie ich es schon vorher im Konzert in Köln im selben Jahr (Januar 2019) dieser Aufnahme aus München erleben durfte erfährt man bei Pollini etwas von der Würde des Alters in der bemerkenswerten Identifikation der Situation des gealterten Virtuosen mit dem vom Alter und seinen Gebrechen gezeichneten Komponisten: Das Aufbegehren des verletzten Subjekts, gerade auch, was das Streben nach dem "Ideal" von Vollkommenheit und Perfektion angeht, sich dem "Schicksal" musikalisch-technischer Selbstbeherrschung und gleichermaßen der Auflösung von Musik, wie sie sich in der "Arietta" ereignet, im menschlich-allzumenschlichen Verfall von titanischer Kraft nicht zu ergeben, sich vielmehr mit äußerster Kraftanstrengung immer wieder zu sammeln und so das Auseinanderdriftende zusammenzuhalten. Pollini verklärt Beethovens letzte Klaviersonate nicht romantisierend ins Jenseits-Metaphysische eines Überirdisch-Ätherischen (die romantische Auslegung lautet bekanntlich, dass die beiden so gegensätzlichen Sätze die Dualität der Welten des "Diesseits" und das "Jenseits" verkörpern sollen), wofür in der "Arietta" der Triller als Kulminationspunkt der Auflösung von musikalischer Bewegung in reinen Klang und eine Klangfarbenfläche steht, er wendet ihre Aussage ins Humanistisch-Diesseitige, als Ausdruck des leidenden Menschen, seines Enthusiasmus im Streben nach einer höheren Realität, die von ihm aber auch ihr Opfer des Einsatzes höchster Willensenergie verlangt. Da gelingt dem altersweisen Pollini wirklich ein ungemein authentischer Beethoven jenseits aller Klischees vom Titanen und Willensmenschen: Er zeigt ein innerlich gebrochenes musikalisches Genie, dessen Leben ein einziger unerfüllter Wunsch bleibt, ein nunmehr eher leidendes als tatkräftiges "Ich", das aber trotzdem sich selbst niemals aufzugeben bereit ist: Beethovens "Willen" als tragisch-trotziges "Dennoch" und "Trotzdem". Das zeichnet den großen Beethoven-Spieler Maurizio Pollini aus, dass er eben nicht Beethoven nur technisch perfekt und gefällig herunterspielen kann wie heute so viele Pianisten, sondern wirklich etwas Essentielles und Unverwechselbar-Eigenes zum Thema Beethoven zu sagen hat. Ganz großartig und eine Lehrstunde, was Beethoven-"Interpretation", welche den Namen auch wirklich verdient, sein kann und eigentlich sein sollte!


    :) :) :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Meine zweite Empfehlung:



    Einspielungen der Beethoven-Symphonien gibt es wie Sand am Meer und ganz sicher viele gute und wirklich sehr gute. Aber es gibt eben auch Aufnahmen, die aufhorchen lassen und es ermöglichen, dass man die etwas "abgedroschenen" Klassiker wieder neu für sich entdecken kann. Dazu gehört Abbados zweite Aufnahme der Symphonien mit den Berliner Philharmonikern, die auf einer Italien-Tournee in Rom 2000/2001 entstand (außer der 9.). Was bei Abbado fasziniert ist das luzide, fast kammermusikalisch aufgelichtete und "dialogische" Musizieren. Abbado redete nicht viel bei Proben, sondern es war eine seiner häufigsten "Eingriffe", dass er zu den Musikern sagte: "Hören Sie zu, was der Andere macht!" So wirkt die Aufnahme auch wirklich bis in den letzten Winkel "ausgehorcht" als ein höchst lebendiges Geschehen der Kommunikation zwischen lauter Instrumentalisten-Solisten. Da gibt es keine ideologische Monumentalität mehr, keinen großen "Orchesterblock" mit einem Pultdiktator als Vorstand. Dabei versteht es Abbado, die Früchte seiner Auseinandersetzung mit der historischen Aufführungspraxis sozusagen "unauffällig" und dem modernen Orchesterapparat gemäß zu nutzen, was viel zur Frische und Lebendigkeit beiträgt wie natürlich auch einmal mehr Abbados Subtilität feinster Nuancierung. Verblüffend ist die Natürlichkeit der Tempi und der Phrasierung bei aller Frische und Deutlichkeit der Artikulation: Es wird in keiner Weise forciert, die Musik fließt stets wie selbstverständlich. Und Abbados Beethoven sentimentalisiert nicht. Beindruckend der Trauermarsch in der "Eroica": Da wird nicht sentimentalisierend auf die Tränendrüse gedrückt, sondern ähnlich wie in Mahlers 1. Symphonie (die Abbado exemplarisch interpretiert hat) zieht dieser Trauermarsch an uns vorüber wie ein Bild, eine Impression von einem Geschehen, weswegen aber Abbados dynamische Dramaturgie des Satzes um so eindrucksvoller wirkt in der heftig-leidenschaftlichen Reaktion des leidenden Subjekts auf das "Gesehene", das Geschehen. Nicht die Aktion des tonmalerisch Dargestellten, die gleichsam verzögert einsetzende empfindsame Reaktion darauf wird so zum dramatischen Zentrum des langsamen Satzes. Dies ist eine Aufnahme, die zum wiederholten Wiederhören einer musikalischen Reise des Entdeckens und (Wieder-)Neuentdeckens geradezu verführt. Und genau deshalb ist mir die nachdrückliche Empfehlung wert!


    :) :) :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Und gleich noch hinterher meine dritte Empfehlung:


    Es ist nicht diese Neuerscheinung zu Beginn des Jahres hier:



    sondern eine "klassische" Aufnahme, die man nicht vergessen sollte:



    1972, als diese Aufnahme erschien, war Vladimir Ashkenazy als junger, in die Weltspitze aufsteigender Pianist in einer ähnlichen Lage wie Jan Lisiecki heute. Es sollte die einzige Aufnahme bleiben, die das Duo Ashkenazy/Solti mit dem Chicago SO machte. Die Aufnahme erlangte damals schnell Berühmtheit, ergatterte sogar den "Grammy" und war bei etlichen Zeitschriften-Abos als Bonus zu haben. Ashkenazy zeigt hier einfach seine große Klasse und Reife in diesen jungen Jahren: Er bleibt Beethoven wirklich nichts schuldig. Seine Vorstellung hat die jugendliche Frische eines Newcomers am Pianistenhimmel, ist dabei aber zugleich ungemein intelligent, selbstverständlich bei Ashkenazy virtuos und technisch perfekt, aber vor allem "unaufdringlich" interpretiert. Ashkenazy sagte mal, der Interpret müsse seine Individualität nicht demonstrieren, sie komme aus der Musik, die er spiele, von selbst heraus. Genau deshalb ziehe ich diesen "Klassiker" - von vor fast 50 Jahren aufgenommen und technisch modern aufbereitet 2018, der Box liegt sogar noch als Bonus eine Blue-Ray-Disc mit den Aufnahmen bei - Lisiecki von heute vor. Hereingehört bei den Hörschnipseln hält mich einfach das ständige Forcieren ab, Lisieckis Aufnahme zu kaufen.


    :) :) :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Bei dieser neu erscheinenden und vom Werbepartner aktuell angepriesenen CD bin ich unschlüssig:



    Nach den Hörschnipsels beurteilt finde ich diesmal Jan Lisiecki spontan sehr beeindruckend. Er begleitet mit einer Leichtigkeit, Intimität und Natürlichkeit, die wirklich außergewöhnlich ist. Das Programm ist auch sehr schön. Leider stört mich bei Matthias Goerne das Stimmvibrato einfach sehr. So ein Vibrato haben Peter Schreier und Dietrich Fischer-Dieskau freilich auch, nur stört es mich bei ihnen merkwürdiger Weise gar nicht. Woran es liegt, weiß ich nicht. Ich bin leider kein Experte für Liedgesang.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Ich möchte mich anschließen mit einer Neuaufnahme, die am 22. Mai, dem 207. Geburtstag Richard Wagners, erscheinen wird:

    Teodor Currentzis dirigiert seine Music Aeterna, und ich war hingerissen von dem Drive, dem großartigen Klang und der daraus resultierenden Transparenz dieser Aufnahme. An manchen Stellen meinte ich, dieses Stück gar zum ersten Mal zu hören, und ich kann jedem, der Mitglied bei Amazon music unlimited ist, nur empfehlen, sich diese Aufnahme anzuhören. Warum diese Aufnahme nur einen Stern hat, ist leicht erklärt: Es ist nämlich nur diese Fünfte auf der CD, und darüber hat sich zu Recht ein anderer User so echauffiert, dass er nur einen Stern vergeben hat. Der Aufnahme selbst tut man damit aber Unrecht. Ich wüsste nicht wofür man auch nur einen von den fünf Sternen abziehen sollte. Kaufen werde ich sie trotzdem nicht, ich kann sie ja anhören, wo oft ich will. Für alle, die das nicht können, sei hier das Finale in der Youtube-Ausgabe eingestellt:



    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Willi, mein letztes Posting im Forum galt genau dieser Currentzis-Aufnahme, die mich wirklich elektrisiert hat. Ich hob sie in einem anderen Thread hervor mit den Worten: "Das habe ich eben zum ersten Mal gehört und bin hin(gerissen) und weg. Das Orchester spielt rhythmisch sehr schwungvoll und zupackend, phrasiert gleichzeitig ausgesprochen fein. Ganz toll auch die Durchhörbarkeit des Ganzen - so transparent habe ich die Sinfonie wohl noch nie gehört. Eine äußerst empfehlenswerte Einspielung."


    Du wirst dich also nicht wundern, wenn ich dir uneingeschränkt zustimme. Und auch ich hatte an einigen Stellen den starken Eindruck, als hörte ich die Sinfonie zum ersten Mal, sodass ich zum Regal flitzte und die Partitur aufschlug. Es war verblüffend. Wenn ich es richtig gesehen habe, folgt er der Notation sehr eng. Die Phrasierung gestaltet er zuweilen ungewohnt, aber sie widerspricht m.E. auch an diesen Stellen nicht den Partiturangaben. Das alles war allerdings mein Eindruck beim einmaligen Hören, ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, ich könne die Aufnahme fundiert besprechen. Ich bin einfach nur völlig begeistert.

  • Zitat von Leiermann

    Die Phrasierung gestaltet er zuweilen ungewohnt, aber sie widerspricht m.E. auch an diesen Stellen nicht den Partiturangaben.

    Das war mir auch aufgefallen. Zwar habe ich keine Partitur von der Fünften, aber mir klang es so schlüssig, dass ich völlig begeistert war. Es war zwar ungewohnt, aber mitreißend, und durch die klangliche Transparenz wurde auch deutlich, wie gut dieses Orchester wirklich ist, dass es die musikalische Dichte, die Vielschichtigkeit so deutlich abbildet. Hoffentlich gibt es bald mehr so tollen Beethoven von Currentzis.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Zu Jubiläen wie diesem sehe ich immer einen willkommenen Anlass, die Aufmerksamkeit auf jene Werke zu lenken, die sonst etwas im Schatten stehen. Bereits an anderer Stelle des Forum, wo es um die Schauspielmusiken Beethovens geht, hatte ich bereits auf diese zwei Neuerscheinungen hingewiesen:



    Besser passen sie jetzt in Holgers Thread, den ich sehr begrüße. Deshalb stelle ich sie auch hier ein. Beide Stücken waren 1812 in Pest gemeinsam uraufgeführt worden, wie in diesem Beitrag anschaulich dargestellt. Das Besondere dieser neuen Produktionen unter der Leitung des Finnen Leif Segerstam ist, dass nicht nur die musikalischen Nummer sondern die gesamten Festspiele - einschließlich der gesprochenen Teile mit deutschsprachigen Schauspielern - aufgenommen wurden. Das gab es nach meiner Beobachtung bisher noch nie. Es hätte auf dem Cover deutlicher werden können. Mitlesen bzw. herunterladen lassen sich die Texte von Kotzebue auf der Seite von Naxos. Es finden sich aber auch die digitalen Ausgaben der originalen Textbücher von 1812 in der unerschöpflichen Library of Congress in Washington. Ich habe beide Quellen verglichen und zu meiner Freude festgestellt, dass bei der neuen Produktion nicht ein Wort fehlt. Für mich sind beide CDs die bisher interessantesten Neuerscheinungen im Beethoven-Jahr.


    Pauschal möchte ich auf diese neue Beethoven-Gesamtausgabe von Naxos verweisen, in der auch die beiden Schauspielmusiken zu finden sind:


    Rheingold 1876

  • Teodor Currentzis dirigiert seine Music Aeterna, und ich war hingerissen von dem Drive, dem großartigen Klang und der daraus resultierenden Transparenz dieser Aufnahme.


    Lieber Willi, mein letztes Posting im Forum galt genau dieser Currentzis-Aufnahme, die mich wirklich elektrisiert hat.

    Lieber Willi, lieber Leiermann,


    habt Ihr denn Currentzis mal mit Harnoncourts letzter Aufnahme von 2015 verglichen?



    Das geht finde ich in dieselbe Richtung eines "knalligen" Beethoven. Gut, dass Ihr diese Aufnahme besprecht - denn sie wird wohl kontrovers diskutiert werden. :D Ich setze schon mal den Kontrapunkt zu Eurer Euphorie: Ich muss sagen, dass ich alles andere als begeistert bin und schon nach ein paar Takten genug habe. Zur Zeit beschäftige ich mit der - hoch interessanten aber auch hoch problematischen - Beethoven-Rezeption in der Zeit des 1. Weltkriegs in Deutschland und um 1920. Und vor diesem Hintergrund frage ich mich, was dieser Currentzis-Beethoven ein Jahrhundert später uns sagen will. Was macht Currentzis? Beethovens finaler Triumpfmarsch klingt wie der kleine Bruder von "Wellingstons Sieg" - diese Komposition, die Beethoven selbst mit der 7. und 8. zusammen aufführte, war bezeichnend seine erfolgreichste im Wien der Metternich-Ära. Die deutschnationale, sehr ideologische Beethoven-Rezeption vor 100 Jahren betonte den "kriegerischen" Charakter bei Beethoven (vornehmlich bei der "Eroica" und der 9.). Beethovens Symphonik wurde zur Projektionsfläche ressentimentbelasteter nationaler Selbstfindung, wurde entsprechend gedeutet als ein Geschehen von Kampf und Sieg. Und auch damals betonte man den populistischen Grundzug von Beethovens Musik, die "von allen verstanden" werden wolle. Letzteres war freilich so neu nicht, sondern entstammte nationalistischer Romantik: Schon Cosima Wagner berichtete in ihrem Tagebuch, dass ihr Gatte Richard davon überzeugt gewesen sei, dass Beethovens Symphonien so etwas wie "Volksreden" darstellten. Paul Bekker prägte in seinem berühmten Beethoven-Buch den Topos, dass Beethovens Symphonien "Reden an die deutsche Nation" seien (in Anspielung an J. G. Fichte, dessen gleichnamiges Buch etliche der deutschen Soldaten im Weltkrieg in ihrem "Sturm"-Gepäck hatten). Currentzis dirigiert Beethoven genau so: als plakativ populistische "Volksreden". Man hört entsprechend im Finale eine Apotheose des Militärmarsches (etwas bösartiger gesagt: im Ton von Kirmesrummel-Musik, präsentiert als eine musikalische Sensation auf einer Schaustellerbude). Man fragt sich so letztlich auch, ob da nicht Beethovens 5. mit der 7. verwechselt wird, die Wagner einst als "Apotheose des Tanzes" bezeichnete. Diese Verwechslung ist aber bezeichnend, denn sie verrät den Interpretationsansatz einer "Pop"-Polarisierung von Beethoven. Die Aufnahme hat die Schwäche finde ich, die "Pop"-Versionen von klassischer Musik generell haben, welche eindimensional die "Klassik" auf das Einfachst-Eingänge reduzieren: auf den Rhythmus. Schon zu Beginn des Finales fällt auf, dass die Bläser bei Currentzis sehr blass sind (ganz anders ist das bei Harnoncourt, der viel, viel plastischer ist!), sogar ziemlich schlampig artikulieren. Currentzis interessieren einfach nur die rhythmischen Akzente und sonst so gut wie nichts: Er will Affektivität, eben die Musik "aufpeitschen" und mit ihr die Hörer - wie bei einem Pop-Konzert. Da darf man doch mal fragen: Was soll der Sinn des Ganzen sein? Ist das nicht geschichtsblind? Kann man so tun, als hätte es diese militaristisch vereinnahmende Beethoven-Rezeption vor 100 Jahren nicht gegeben (vom Nationalsozialismus gar nicht zu reden!)? Jetzt wird wiederum vornehmlich auf den Affekt gezielt um größtmögliche Wirkung beim Hörer zu erzielen - nur völlig entpolitisiert, für den Pop-Hörer von heute, für den "Klassik" nur erträglich ist, wenn sie "aufgepeitscht" wird, also zu dem wird, was Monsieur Croche, Claude Debussys Alter-Ego, einst zutiefst verabscheute, wenn Musik zum "Anreißer auf einer Jahrmarktbude" in seinen Ohren herunterkommt. Ich stelle mir gerade heute eine Auseinandersetzung mit den vom Rezeptions-Gesichtspunkt her ideologisch nicht unvorbelasteten Beethoven-Werken doch etwas reflektierter vor. Ich finde Currentzis - man verzeihe mir die schroffe Formulierung - in dieser Hinsicht einfach fürchterlich naiv und vordergründig platt.


    Zu Jubiläen wie diesem sehe ich immer einen willkommenen Anlass, die Aufmerksamkeit auf jene Werke zu lenken, die sonst etwas im Schatten stehen. Bereits an anderer Stelle des Forum, wo es um die Schauspielmusiken Beethovens geht, hatte ich bereits auf diese zwei Neuerscheinungen hingewiesen:

    Das finde ich sehr gut, lieber Rüdiger! Genau das ist das Positive an so einem Jubiläum, dass man gerade auch diese seltener gehörten Werke in den Blick nimmt. Von den "Ruinen..." kannte ich bisher nur den türkischen Marsch als Klavierstück - gespielt von Eugen d´Albert und/oder Ferruccio Busoni, da muss ich nachher mal schauen! :) Für die Rezeption der "Eroica" ist ja ein anderes Werk sehr wichtig geworden:



    Hast Du auch diese Segerstam-Aufnahme? Kannst Du sie ebenfalls empfehlen? Die würde ich mir nämlich dann bestellen! :)


    Liebe Grüße

    Holger

  • Lieber Holger,


    hast du denn überhaupt die ganze Currentzis-Aufnahme gehört, oder urteilst du nur von den Hörschnipseln her? Wie dem auch sei, ich gestehe dir selbstverständlich deine Sicht der Dinge zu, habe aber weder Zeit noch Lust zu streiten, wem nun die Siegespalme der richtigen Werksicht zusteht.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich kenne die Aufnahme auch (noch) nicht, will nur völlig wertfrei mal die Meinung des von mir sehr geschätzten Peter Korfmacher (Leipziger Volkszeitung, 18.040.2020) hier zitieren:


    Zitat

    Beethoven: 5. Sinfonie (Musica aeterna, Teodor Currentzis). Currentzis geht es noch weniger ums Originale als seinen Ahnen wie Harnoncourt. Anders will er sein, was bei Mozart-Opern schon grandiose Ergebnisse zeitigt. Bei Beethovens Fünfter nicht. Sein Manierismus bleibt seltsam blutleer.

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Zitat von Peter Korfmacher

    Beethoven: 5. Sinfonie (Musica aeterna, Teodor Currentzis). Currentzis geht es noch weniger ums Originale als seinen Ahnen wie Harnoncourt. Anders will er sein, was bei Mozart-Opern schon grandiose Ergebnisse zeitigt. Bei Beethovens Fünfter nicht. Sein Manierismus bleibt seltsam blutleer.

    Es tut mir fürchterlich leid, aber diese "Kritiker-Aussage" ist mal wieder typisch. Da wird eine Behauptung in kurzen Schlagworten an die nächste gereiht, was Allwissenheit suggeriert. Da fällt es auch nicht ins Gewicht, dass man auch mal keine ganzen Sätze bildet. Und weil man sich so allwissend gibt, ist es auch völlig unnötig, Beweise für seine Behauptungen anzufügen. Dabei kann so ein Kritiker doch auch nur seine eigene Sichtweise anbieten, was die an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit anderer Sichtweisen einschließt.

    Nichts für ungut, lieber Reinhard,


    liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Da wird eine Behauptung in kurzen Schlagworten an die nächste gereiht, was Allwissenheit suggeriert. Da fällt es auch nicht ins Gewicht, dass man auch mal keine ganzen Sätze bildet. Und weil man sich so allwissend gibt, ist es auch völlig unnötig, Beweise für seine Behauptungen anzufügen.

    Ich weiß ja nicht, warum Du Dich jetzt so auf den Schlips getreten fühlst, lieber Willi.

    Bei dem Zitat handelt es sich nicht um eine ausführliche Kritik, bei der P. Korfmacher sehr wohl eine fachlich fundierte Begründung geliefert hätte, sondern um kurze Hinweise zu CDs. Vielleicht hätte ich das dazu schreiben sollen, daß der Text vollständig zitiert war. Es sollte einfach nur ein Hinweis sein, daß es durchaus unterschiedliche Meinungen zu dieser Interpretation gibt. Sollte ich Dir damit zu nahe getreten sein, bitte ich um Verzeihung, aber diesen barschen Ton hat Herr Korfmacher wahrlich nicht verdient.

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • hast du denn überhaupt die ganze Currentzis-Aufnahme gehört, oder urteilst du nur von den Hörschnipseln her? Wie dem auch sei, ich gestehe dir selbstverständlich deine Sicht der Dinge zu, habe aber weder Zeit noch Lust zu streiten, wem nun die Siegespalme der richtigen Werksicht zusteht.

    Lieber Willi,


    bei Youtube gibt es den 1. und 4. Satz. Ich habe nur den 4. gehört - die Harnoncourt-CD hatte ich mir damals gekauft. Harnoncourt fand ich sehr interessant - aber diese Art zu musizieren ist nicht das, was ich mir wiederholt anhören würde. (Wobei mir die 5. bei Harnoncourt noch viel eher zusagt als die 4.) Gerade bei so einem fast schon "über"-populären Werk wie der 5. stellt sich die Sinnfrage. Selbst die Musikwissenschaft von heute tut sich schwer mit der plakativen Per aspera ad astra-Dramaturgie (ich habe gerade darüber gelesen), welche die Symphonie ihre Popularität historisch verdankt. Und ich meine, die Frage ist schon erlaubt, was uns Currentzis etwa wirklich bringt an einer neuen Sichtweise. Ist das wirklich der Weisheit letzter Schluss? Bei Beethovens Symphonien insbesondere - das ist eben doch anders als bei den Klaviersonaten - stehen in der Rezeption viel mehr "außermusikalische" Gesichtspunkte im Vordergrund im Sinne programmatischer Deutungen. Richard Wagner meinte ja, jeder Beethoven-Symphonie läge ein "philosophisches Programm" zugrunde, Andere nennen das eine "poetische Idee". Und letztlich geht es um die Rezeptionshaltung. Lorin Maazel meinte, man müsste die "richtige Verfassung" finden, um eine Beethoven-Symphonie aufzunehmen. (Für ihn war es Hector Berlioz, der sie vorgab.) Und genau da scheiden sich die Geister gerade auch unter den Dirigenten - und unter uns Hörern. Wie hört man denn nun Beethoven "richtig"? Ich kann ja verstehen, warum Currentzis aufhorchen lässt. Bei so einem bis zum Überdruss aufgeführten Werk wie der 5., wo sich zudem die Aufnahmen, die es wie Sand am Meer gibt, mehr oder weniger gleichen, sind Harnoncourt und Currenztis diejenigen, die einen bunten Farbfleck bedeuten im Grau in Grau der vielen anderen sich ähnelnden Versionen. Das sticht heraus. Nur ist die Frage und es ist erlaubt finde ich sie zu stellen, ob diese Sicht wirklich der Weisheit letzter Schluss in Sachen Beethoven ist, sprich: Substanz hat. Oder ist das nur eine Modeerscheinung? Bringt uns so eine Beethoven-Sicht wirklich weiter als Karajan, Kleiber, Scherchen usw.? Auf jeden Fall werde ich mir natürlich anhören, was C. im Kopfsatz macht! :hello:


    Liebe Grüße

    Holger

  • In einem Klassik-Forum mit Niveauanspruch sollte man doch Interpretationsfragen diskutieren können. Ich habe mir nun die Mühe gemacht, Currentzis mit Harnoncourts letzter Aufnahme von 2015 zu vergleichen, die auch bei Youtube zugänglich ist. Das finde ich sinnvoll, denn Currentzis folgt offensichtlich dem Interpretationsansatz von Harnoncourt. Und ich bitte doch die Currentzis-Verehrer, den Vergleich auch zu machen:



    Ich finde einfach, dass Harnoncourt seinem "Jünger" Currentzis in jeder Hinsicht überlegen ist. Currentzis hastet den Kopfsatz einfach nur durch. Vor allem fallen zwei grundlegende Mängel - wie auch im Finale - bei ihm auf. Und die sind einfach essentiell. Die Musikwissenschaft hebt bei Beethoven gegenüber Mozart und Haydn hervor, dass er ihnen einerseits als Vorbild folgt. Neu jedoch sind andererseits bei Beethoven die Dynamik und die dynamischen Abstufungen, die es so bei Mozart und Haydn nicht gibt. Bei Currentzis werden die dynamischen Abstufungen schlicht egalisiert, die Dynamik eingeebnet geradezu, wie wenn eine Planierraupe über eine Hügellandschaft fährt. Harnoncourt dirigiert den Kopfsatz merklich langsamer, aber bei ihm hört man die originär Beethovensche dynamische Dramaturgie. Zudem hat er begriffen, dass bei Beethoven die motivisch-thematische Arbeit die Grundlage symphonischer Gestaltung ist. Harnoncourt phrasiert und charakterisiert. Currentzis hat davon - man muss es krass so sagen - einfach keine Ahnung. Und das ist der zweite essentielle Mangel. Wo Harnoncourt sich um "sprechenden" Ausdruck bemüht, setzt Currentzis einfach nur Akzente, überpointiert die rhythmischen Akzentuierungen, die ohnehin schon da sind. Musikalisch ist das eine Tautologie, was zeigt, dass es hier nur um eines geht: Wirkung um ihrer selbst willen zu erzielen! Daraus resultiert die "aufpeitschende" Wirkung, die den Hörer fesseln will - aber eben auf Kosten der präzisen Charakterisierung der Motive und Themen. Im Vergleich mit Harnoncourt sind die Melodien und Phrasen bei Currentzis gleichsam charakterlos - und bei mir kommt so etwas wie Langeweile auf. Denn Affektiertheit ist nicht anrührend - jedenfalls bei mir nicht, denn ich bin kein Pop-Hörer. Bei Currentzis hört sich Beethoven so an, als habe er mit der 5. ein Pop-Musical komponiert - ich karrikiere jetzt ein bisschen, denn Currentzis karrikiert Beethoven auch - billige Affektierheit ("Anmache") tritt an die Stelle von Gefühl. (Genau das ist es, was ich bei Pop-Musik nicht ausstehen kann und sie deshalb bis zu meinem Lebensende ignorieren werde, diese billige Affektierheit! Da bin ich einer Meinung mit Claude Debussy, dessen Musik ich besonders liebe, der sagte, Musik soll nicht zum "Anreißer auf einer Jahrmarktbude" werden. Und um noch Novalis zu ergänzen - die Romantiker fanden Affektierheit abstoßend und empfanden sie als Mangel an Gefühl: "Poesie soll keine Affekte machen, denn Affekte sind so etwas wie Krankheiten.") Bei Harnoncourt ist das ganz anders: Da ist so etwas wie Gefühlstiefe zu spüren, Subjektivität, Trotz, Grimm usw. Das ist Poesie! Nein, man muss HIP nicht mögen, aber Harnoncourt ist einfach eine Klasse für sich. Dem Hörabenteuer bei Harnoncourt setze ich mich gerne aus - das ist ein Gewinn und motiviert zum Nachdenken. Was Currentzis demgegenüber macht ist - ich muss es leider so deutlich sagen - oberflächliche Effekthascherei.


    Schöne Grüße

    Holger

  • An dieser Stelle lohnt es sich doch einmal wieder an Carlos Kleibers allbekannte Aufnahme zu erinnern. Der Vergleich offenbart auch hier, wie großartig - und wirklich "groß" - Kleibers Aufnahme ist. Denn sie transportiert etwas, nämlich musikalischen Sinn! Bei Carlos Kleiber fährt das Schicksalsmotiv wie ein Blitz, eine äußere Gewalt, in das Leben ein: und darauf antwortet im dramatischen Kontrast die Leidenschaft und leidenschaftliche Liebe für das Leben. Und wie bei ihm das Thema des Finales "strahlt", die Macht der Lebensfreude verkörpert, ganz unideologisch! Das ist eine zeitlos gültige Interpretation und immer wieder ein Ereignis zu hören!



    Schöne Grüße

    Holger

  • Hast Du auch diese Segerstam-Aufnahme? Kannst Du sie ebenfalls empfehlen? Die würde ich mir nämlich dann bestellen!

    Lieber Holger,


    mit der Segerstam-Aufnahme kann ich nicht dienen, aber wenn Dir an einer empfehlenswerten Gesamtaufnahme von Beethovens Ballettmusik zu "Prometheus" gelegen ist, so habe ich einen heißen Tip für Dich:

    Sir Charles Mackerras und das Scottish Chamber Orchestra (Aufnahme: 1994).

    Eine großartige Interpretation, sehr transparent, das SCO spielt ganz hervorragend, und die technische Beschaffenheit der CD ist auch nicht zu verachten.

    Man muß nicht unbedingt den Rezensionen bei amazon großen Aussagewert beimessen, aber sämtliche 11 (!) Bewertungen dort vergeben die Höchstnote. Das hat Seltenheitswert.


    Übrigens hat sich kein Geringerer als Otto Klemperer ebenfalls für die "Prometheus"-Musik interessiert und außer der allbekannten Ouvertüre immerhin zwei Stücke daraus, Nr. 5 (Adagio-Andante) und das Finale (Nr. 16) mit dem Philharmonia Orchestra London eingespielt. Ich habe die Aufnahme nur auf LP, aber in dieser CD-Kiste gibt es sie auch:

    Die Aufnahme ist von ca. 1968, das genaue Datum wird auf der Doppel-LP nicht genannt. Natürlich ist Klemperers Dirigat wuchtiger, strenger als das von Mackerras, doch für jeden Klemperer-Fan (dazu zähle ich mich) von höchstem Wert.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Das war mir auch aufgefallen. Zwar habe ich keine Partitur von der Fünften, aber mir klang es so schlüssig, dass ich völlig begeistert war. Es war zwar ungewohnt, aber mitreißend, und durch die klangliche Transparenz wurde auch deutlich, wie gut dieses Orchester wirklich ist, dass es die musikalische Dichte, die Vielschichtigkeit so deutlich abbildet. Hoffentlich gibt es bald mehr so tollen Beethoven von Currentzis.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    Da dürfen wir uns angesichts seiner Aktivitäten in den letzten Jahren durchaus erwartungsfroh zeigen, lieber Willi. Zumindest die 7. Sinfonie - ich weiß gerade nicht, woher ich's habe - ist wohl für den Herbst angekündigt. Ich persönlich tippe aber auf noch mehr. Sehr spannend.

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    Aus Anlass des 250. Geburtstages von Beethoven treffen wir gleich mehrfach auf eine gute alte Bekannte: "Leonore", die Erstfassung des "Fidelio" von 1805. Sie wurde 1976 in der Lukaskirche zu Dresden aufgenommen und war in der DDR Bestandteil einer nie vollendeten Gesamtausgabe der Werke des Komponisten auf Schallplatten beim Label ETERNA. Mit der Edition, die später sogar Papst Johannes Paul II. geschenkt wurde, war 1970 begonnen worden. Damals wurde Beethoves 200. Geburtstages gedacht. Das Werk war seinerzeit noch eine spannende Entdeckung. Über die Jahre ist Gemeinschaftsproduktion mit EMI in vielerlei Gewandung immer wieder aufgelegt worden. Sie ist auch in dern neuen Beethoven-Gesamtausgabe von Naxos enthalten. Für die aktuellste Veröffentlichung (unten links) hat sich Berlin Classics gar für das originale DDR-Cover entschieden, das ich allerdings etwas verwirrend finde, weil der Zusammenhang mit der unvollendeten gebliebenen Gesamtausgabe zumindest äußerlich nicht sichtbar wird. Ich weiß nicht, ob das Booklet Aufschluss gibt. Gewundert habe ich mich auch, Gunther Emmerlich, den Dresdener Bass und Entertainer, auf der Rückseite des Covers als Erzähler erwähnt zu finden. Was sollte er erzählen? Fakt ist, dass Emmerlich die kurzen Dialoge für Florestan spricht, den der Amerikaner Richard Cassily singt. Alle anderen sprechen selbst. Und das - wie ich finde sehr gut. Bis auf Theo Adam (Pizarro), der seinen sächsischen Dialekt gern mit einer gewissen Vornehmheit in der Sprechweise zu kaschieren suchte. Edda Moser als Leonore klingt gar nicht historisch. Und der rasante Sound auch nicht. Dafür sogt schon Herbert Blomstedt, der gelegtlich immer noch dirigiert.

    Rheingold 1876

  • mit der Segerstam-Aufnahme kann ich nicht dienen, aber wenn Dir an einer empfehlenswerten Gesamtaufnahme von Beethovens Ballettmusik zu "Prometheus" gelegen ist, so habe ich einen heißen Tip für Dich:

    Lieber Nemorino,


    Danke für den Tip! Mackeras, den ich sehr schätze, wäre natürlich auch eine sehr gute Wahl gewesen, aber bestellt habe ich schon Segerstam! Die Klemperer-Box interessiert mich auch! :)



    Aus Anlass des 250. Geburtstages von Beethoven treffen wir gleich mehrfach auf eine gute alte Bekannte: "Leonore", die Erstfassung des "Fidelio" von 1805. Sie wurde 1976 in der Lukaskirche zu Dresden aufgenommen und war in der DDR Bestandteil einer nie vollendeten Gesamtausgabe der Werke des Komponisten auf Schallplatten beim Label ETERNA. Mit der Edition, die später sogar Papst Johannes Paul II. geschenkt wurde, war 1970 begonnen worden. Damals wurde Beethoves 200. Geburtstages gedacht.

    :) :thumbup: Ein sehr schöner Tip - und hochinteressant, die Geschichte der Aufnahme, lieber Rüdiger!


    Euch einen schönen Sonntag! :hello:


    Liebe Grüße

    Holger

  • Da machst du nach dem Hören einzelner Sätze ja gleich große Fässer auf, lieber Holger. ^^


    Ich meine aber, dass du mit deinen Worten der Currentzis-Aufnahme überhaupt nicht gerecht wirst. Auf mich wirkt es allzu schnell abgeurteilt - als ob du die gehörten Teile recht früh in eine Schublade gesteckt und damit verpasst hättest, eine differenziertere Sichtweise zu entwickeln. Deine einseitig wirkende Darstellung einer knalligen, „populärmusikalischen“ Rhythmik z.B. geht für mein Gehör an den sehr eigenständig, stimmig und intensiv ausgestalteten Phrasierungen und den Stellen vorbei, die Gegenpole zur zweifellos vorhandenen Impulsivität der Rhythmik bilden. Dass gerade diese aber als eine (natürlich nicht DIE) wesentliche Keimzelle für die Entwicklung der gesamten Sinfonie aufgefasst werden kann, würdest du ja vielleicht auch nicht unbedingt negieren.


    Den Vorwurf eines platten, sogar populistischen Zugriffs auf die Sinfonie kann ich jedenfalls überhaupt nicht nachvollziehen. Auf Pop sehe ich das schlicht nicht gebürstet. Auf alten Instrumenten und ohne Vibrato gespielt, ohne die mitunter auch von großen Dirigenten übertrieben-pathetisch eingesetzten Blechbläser-Walzen z.B. im 4. Satz, dafür unaufgeplustert und scharfkantig, unbarmherzig voranstürmend, zupackend, sich keine Sentimentalitäten erlaubend – so nehme ich die Aufnahme wahr. Der ihr zugrunde liegende Ansatz ist ganz offenbar: Eine Wiederentdeckung jener unmittelbaren Wirkung VOR aller zweifelhaften ideologischen Inanspruchnahme des Stückes, wie sie zu Beethovens Zeiten denkbar war. Das ist für meine Begriffe ein sehr legitimer Ansatz – und hier gelingt dessen Ausführung in einer stringent nachvollziehbaren Stimmigkeit und Frische, die mir wirklich Freude macht. Das steht keiner populistischen Volksrede nahe, sondern einer Auffassung, die die Musik letztlich auch gegen ihre außermusikalische Instrumentalisierung verwahren und in diesem Sinne sogar etwas wirkungsgeschichtlich „Befreiendes“ haben kann.


    In diesem Zusammenhang steht wohl auch Currentzis‘ Orientierung an Beethovens Metronomzahlen (die ich nicht selbstzweckhaft verteidigen würde – aber es passt zum „Konzept“) und die klare Umsetzung der Vortragszeichen. Der Beginn des Kopfsatzes entspricht dem, was ich von der Partitur her auch erwarten würde und was der gesamten Sinfonie letztlich auch von der Erwartungshaltung bezüglich des Kommenden her einen Stempel verpasst: Currentzis überreizt die oftmals so überstrapazierten Fermaten eben nicht und macht sich allein mit diesem Anfangsgestus frei von diesem („Reden an die deutsche Nation“ viel zuträglicherem) Pathos der überlang gehaltenen Fermaten. Es kommt hier zu Beginn stattdessen sofort das „con brio“ zur Geltung. Dieses ist nur ein Beispiel für oben genannten Ansatz, den ich in der Einspielung konsequent zur Geltung gebracht hörte. Bzw. rudere ich da mal etwas zurück: Ich habe die Hoffnung, dass sich dieser vorläufige (!) Eindruck auch längerfristig bestätigen könnte. Einen Schnellschuss möchte ich hier aber nicht abgeben. ;)


    Die Einspielung als der „Weisheit letzter Schluss“? Sicherlich nicht. Aber das gibt es in puncto Interpretationsgeschichte eh nicht nach meinem Verständnis. :pfeif:

  • Hast Du auch diese Segerstam-Aufnahme? Kannst Du sie ebenfalls empfehlen? Die würde ich mir nämlich dann bestellen! :)

    Lieber Hoilger, ich versäumte es, diese Frage zu beantworten. Sorry. Der "Prometheus" unter Segerstam liegt hier, wurde aber noch nicht gehört. Den Tipp, den Dir nemorino mit Mackerras gab, den finde ich auch sehr gut.

    Rheingold 1876

  • Hallo Holger,

    auch hier kann ich deine Auslegungen nachvollziehen.

    Mir ist Currentzi auch zu fetzig, du sagst poplastig.

    Dieses aber gleich mit einer Ideologie gleichzusetzen, halte ich für gewagt.

    Es ist bestimmt eine gute Einspielung, die vielleicht ein modernes Publikum anspricht und auch einen Kern Beethoven `scher Musik anspricht, ohne Frage.

    Im Gegensatz zu Dir, was ich aber vollkommen respektiere, höre ich gerne Popmusik, werte sie ähnlich wie du, verachte sie aber nicht.

    Alles zu seiner Zeit.

    Übrigens ist die Empfehlung " Abbado mit den Berlinern" hervorragend.

    Herzliche Grüße

    Thomas

  • Ich meine aber, dass du mit deinen Worten der Currentzis-Aufnahme überhaupt nicht gerecht wirst. Auf mich wirkt es allzu schnell abgeurteilt - als ob du die gehörten Teile recht früh in eine Schublade gesteckt und damit verpasst hättest, eine differenziertere Sichtweise zu entwickeln. Deine einseitig wirkende Darstellung einer knalligen, „populärmusikalischen“ Rhythmik z.B. geht für mein Gehör an den sehr eigenständig, stimmig und intensiv ausgestalteten Phrasierungen und den Stellen vorbei, die Gegenpole zur zweifellos vorhandenen Impulsivität der Rhythmik bilden. Dass gerade diese aber als eine (natürlich nicht DIE) wesentliche Keimzelle für die Entwicklung der gesamten Sinfonie aufgefasst werden kann, würdest du ja vielleicht auch nicht unbedingt negieren.

    Lieber Leiermann,


    das erwarte ich eigentlich und genau das finde ich gut, dass Du für Currentzis plädierst! :) Ich bin auch gerne mein Urteil bereit zu revidieren, wenn ich überzeugt werde. Nur gehst Du gar nicht darauf ein, dass ich Currentzis im Vergleich mit Harnoncourt gehört habe. Das habe ich ja absichtlich gemacht, weil das derselbe HIP-Interpretationsansatz ist, Harnoncourt das Vorbild von Currentzis ist. Und da, in diesem Interpretationsvergleich, finde ich Harnoncourt einfach schlüssiger, differenzierter und überzeugender - im Vergleich damit gehört wirkt Currentzis doch ziemlich eindimensional. Und zum Rhythmischen habe ich auch gesagt, etwas Kritisches, dass Beethovens 5. nicht die 7. ist.

    Den Vorwurf eines platten, sogar populistischen Zugriffs auf die Sinfonie kann ich jedenfalls überhaupt nicht nachvollziehen. Auf Pop sehe ich das schlicht nicht gebürstet. Auf alten Instrumenten und ohne Vibrato gespielt, ohne die mitunter auch von großen Dirigenten übertrieben-pathetisch eingesetzten Blechbläser-Walzen z.B. im 4. Satz, dafür unaufgeplustert und scharfkantig, unbarmherzig voranstürmend, zupackend, sich keine Sentimentalitäten erlaubend – so nehme ich die Aufnahme wahr. Der ihr zugrunde liegende Ansatz ist ganz offenbar: Eine Wiederentdeckung jener unmittelbaren Wirkung VOR aller zweifelhaften ideologischen Inanspruchnahme des Stückes, wie sie zu Beethovens Zeiten denkbar war. Das ist für meine Begriffe ein sehr legitimer Ansatz – und hier gelingt dessen Ausführung in einer stringent nachvollziehbaren Stimmigkeit und Frische, die mir wirklich Freude macht. Das steht keiner populistischen Volksrede nahe, sondern einer Auffassung, die die Musik letztlich auch gegen ihre außermusikalische Instrumentalisierung verwahren und in diesem Sinne sogar etwas wirkungsgeschichtlich „Befreiendes“ haben kann.

    Da irrst Du Dich - die ideologische Beethoven-Deutung des 20. Jhd. ist gerade nicht sentimentalisierend. Sie betont den Handlungscharakter, das "Militärische" - es geht immer um ein Drama von Kampf und Sieg. Richard Wagners romantisch-sentimentalisierende und humanistische Deutung z.B. hatte genau das zurückgewiesen, dass man das "Heroische" bei Beethoven nicht im Sinne des Militärischen auffassen dürfe. Das Problem bei Beethoven ist, dass die programmatische Ideologisierung was die Rezeptionsgeschichte angeht schon zur Beethoven-Zeit beginnt. Das gehört mit dazu. Ich würde auch nicht sagen, dass Currentzis ideologisieren will, nur in dieser Hinsicht naiv ist (das habe ich "populistisch" genannt). Die Alternative ist, bei der Interpretation dieser Symphonie nicht auf Wirkung zu setzen, sondern die formalen Aspekte eben stärker in den Vordergrund zu stellen und etwa die Per aspera ad astra-Dramaturgie zu verinnerlichen wie das bei Kleiber z.B. geschieht. Und da finde ich wird wiederum im Vergleich mit Harnoncourt deutlich, dass bei Currentzis gerade im Kopfsatz die Konstruktivität von Beethovens Satztechnik, die thematisch-motivische Arbeit, sagen wir mal glattgebügelt wird in diesem Tempo, wo der rhythmische Sog einfach alles wegspült.

    In diesem Zusammenhang steht wohl auch Currentzis‘ Orientierung an Beethovens Metronomzahlen (die ich nicht selbstzweckhaft verteidigen würde – aber es passt zum „Konzept“) und die klare Umsetzung der Vortragszeichen. Der Beginn des Kopfsatzes entspricht dem, was ich von der Partitur her auch erwarten würde und was der gesamten Sinfonie letztlich auch von der Erwartungshaltung bezüglich des Kommenden her einen Stempel verpasst: Currentzis überreizt die oftmals so überstrapazierten Fermaten eben nicht und macht sich allein mit diesem Anfangsgestus frei von diesem („Reden an die deutsche Nation“ viel zuträglicherem) Pathos der überlang gehaltenen Fermaten. Es kommt hier zu Beginn stattdessen sofort das „con brio“ zur Geltung. Dieses ist nur ein Beispiel für oben genannten Ansatz, den ich in der Einspielung konsequent zur Geltung gebracht hörte. Bzw. rudere ich da mal etwas zurück: Ich habe die Hoffnung, dass sich dieser vorläufige (!) Eindruck auch längerfristig bestätigen könnte. Einen Schnellschuss möchte ich hier aber nicht abgeben.

    Was die Metronomzahlen angeht ist ihre Verbindlichkeit in der Musikwissenschaft hoch umstritten. Ich meine, man kann durchaus Beethovens Metronomangaben umsetzen, nur muss dann auch überzeugend gezeigt werden, dass dies nicht zu einer Nivellierung der für die Satzlogik und ihren Sinn wesentlichen Dinge führt. Insofern akzeptiere ich jedes Tempo, wenn es denn zu überzeugenden Ergebnissen führt. Es gibt kein richtiges oder falsches Tempo an sich. Harnoncourt ist nun bezeichnend langsamer und bei ihm hört man genau die satztechnischen Dinge, die man dann bei Currentzis nicht mehr hört. Damit hat Currentzis den "Beweis" der Richtigkeit des Tempos ganz einfach nicht erbracht. Man hört bei ihm nicht mehr, sondern weniger. Es ist Harnoncourt, der die einzelnen Motive weit mehr ausdrucksintensiv zum "Sprechen" bringen kann - im Sinne der rhetorischen Tradition. Es ist übrigens interessant, dass die musikalische Rhetorik die Thematik und Melodik und nicht die Rhythmik für das Wesentliche hielt, weil sie, und nicht die Rhythmik, es ermöglicht, musikalisch-grammatikalische Differenzierungen anzubringen. Man muss also aufpassen mit der Überbetonung des Rhythmischen bei Beethoven, der noch in dieser Tradition musikalischer Rhetorik steht. Aber wie gesagt, ich bin gerne bereit, meine Betrachtungen auch nochmals zu vertiefen.


    Zuletzt: Warum hat Harnoncourts Aufnahme damals durchweg überschwänglich positive Kritiken berkommen, was bei Currentzis offenbar nicht der Fall ist, wo sich die Geister scheiden? Die Frage wäre auch zu beantworten.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Mackeras, den ich sehr schätze, wäre natürlich auch eine sehr gute Wahl gewesen, aber bestellt habe ich schon Segerstam!

    Lieber Holger,


    …. ich kenne die Segerstam-Version zwar nicht, aber ich denke, daß Du eine gute Wahl getroffen hast. Ich bin mit Mackerras sehr zufrieden, deshalb will ich mir keine weitere anschaffen. Klemperer hat, wie gesagt, nur zwei Ausschnitte aufgenommen, dazu die Ouvertüre, aber die sind z.Zt. auf CD nur in der dicken Box zu haben.


    Schönen Sonntag nach Münster,

    Nemorino:hello:

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Mir ist Currentzi auch zu fetzig, du sagst poplastig.

    Dieses aber gleich mit einer Ideologie gleichzusetzen, halte ich für gewagt.

    Es ist bestimmt eine gute Einspielung, die vielleicht ein modernes Publikum anspricht und auch einen Kern Beethoven `scher Musik anspricht, ohne Frage.

    Lieber Thomas,


    Du hast Recht auch insofern, dass es solche Züge, die in der Musik des 20. Jhd. - nicht erst im Pop, sondern schon vorher - zum Vorschein kommen wie das "Elementarische" der Rhythmik, von der Musikwissenschaft schon bei Beethoven analysiert werden. Beethovens Musik hat etwas Populistisches (das hat Wagner ja auch gesehen) - was es bei Mozart so gar nicht gibt. Nur ist eben die Frage, wie man damit umgeht. Problematisch wird es, wenn man dieses Grundzug einseitig betont.

    Im Gegensatz zu Dir, was ich aber vollkommen respektiere, höre ich gerne Popmusik, werte sie ähnlich wie du, verachte sie aber nicht.

    Nein, verachten tue ich sie auch nicht. ;) Ich habe natürlich etwas übertrieben. Ich meine vornehmlich kommerzielle Pop-Musik. Es gibt auch da Individualisten, die in keine Schublade passen. Deren Qualität würde ich auch nie bestreiten! :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • …. ich kenne die Segerstam-Version zwar nicht, aber ich denke, daß Du eine gute Wahl getroffen hast. Ich bin mit Mackerras sehr zufrieden, deshalb will ich mir keine weitere anschaffen. Klemperer hat, wie gesagt, nur zwei Ausschnitte aufgenommen, dazu die Ouvertüre, aber die sind z.Zt. auf CD nur in der dicken Box zu haben.


    Schönen Sonntag nach Münster,

    :thumbup:Dir auch einen schönen Sonntag, lieber Nemorino! :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Beethoven hat auch zu dem Schauspiel "Die Ruinen von Athen" von August von Kotzebue eine 11-teilige Bühnenmusik geschrieben (Opus 113), die, wenn man von der Ouvertüre absieht, nur selten gespielt und aufgenommen wird.

    In meiner Sammlung befinden sich Ausschnitte daraus, die von Sir Thomas Beecham dirigiert werden:

    In diesem 2 CD-Album sind sie enthalten. Insgesamt umfassen sie 6 Stücke:

    1. Ouvertüre

    2. Chor: "Tochter des mächtigen Zeus"

    3. Chor der Derwische

    4. Türkischer Marsch

    5. Chor "Wir tragen empfängliche Herzen"

    6. Marsch & Chor: "Schmückt die Altäre"

    Gesungen wird allerdings englisch, aber das stört eigentlich gar nicht. Beecham dirigiert so feurig und engagiert, daß man glaubt, ein Jüngling stände am Pult, und nicht ein alter Mann von fast 80. Im übrigen enthält das Album noch die Sinfonien 2 & 7, sowie die C-dur-Messe op. 86, alle in STEREO.

    Die Aufnahme ist übrigens in gutem STEREO produziert, aber es mag neuere, besser klingende geben. In meiner Sammlung ist die Beecham-Version die einzige.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • RE: Currentzis und die Fünfte

    Wegen den allgemein guten Kritiken (ausser bei bei Dir, lieber Holger) zu Currentzis Beethoven 5 und Willis Begeisterung habe ich mich mit der Aufnahme beschäftigt.


    :) Ich finde sie wirklich nicht übel und kann mich Willi´s Worten anschliessen: Tranzparenz und der Drive sind Klasse. Tolle Aufnahme !

    Würde die Kurz-CD allerdings auch nicht kaufen, schon weil die alleine auf einer CD ist.


    Ich finde nicht, dass man bei Currentzis von mangelndem Gefühl sprechen kann. Er kniet sich beim dirigieren geradezu körperlich in die Musik rein. Auch das da was "verpoppt" wird kann ich nicht feststellen. (Du hast eben eine andere Sichtweise und bist ja schon bei Schubert 9 mit Szell "empfindlich", wenn es dort mal richtig sinfonisch wird; geschweige denn, von dem Hammer Karajan (DG)).


    Anliegendes YT-Video, zeigt einen Ausschnitt der Fünften 1.Satzes als Ballett getanzt; die Musiker spielen dabei zum Teil im Stehen.

    ;) Das dürfte noch ein weiterer Anstoss für Holger sein ... dennoch interessant und keinesfalls ohne Gefühl:


    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Wegen den allgemein guten Kritiken (ausser bei bei Dir, lieber Holger) zu Currentzis Beethoven 5 und Willis Begeisterung habe ich mich mit der Aufnahme beschäftigt.

    Da hast Du jetzt, lieber Wolfgang, die kritische Kritik aus Leipzig vergessen, die Reinhard eingestellt hat. ;)

    :) Ich finde sie wirklich nicht übel und kann mich Willi´s Worten anschliessen: Tranzparenz und der Drive sind Klasse. Tolle Aufnahme !

    Würde die Kurz-CD allerdings auch nicht kaufen, schon weil die alleine auf einer CD ist.

    Ihr drückt Euch einmal mehr um den Vergleich Currentzis-Harnoncourt. ^^ Transparenz ist einfach die generelle Eigenschaft von HIP-Aufführungen - die findest Du entsprechend bei jeder HIP-Aufnahme, bei Currenztis nicht anders als bei Harnoncourt, dem "Vater" dieser Bewegung. Wenn natürlich Currenztis die einzige HIP-Aufnahme ist, die wahrgenommen wird, dann schreibt man diese Eigenschaft Currentzis zu. Beim "Drive" wird es schon kompliziert. Die Frage ist doch, wo die Grenzen einer wünschenswerten Lebendigkeit der Auf- und Ausführung sind und wo sie überschritten wird hin auf durchaus fragwürdige pure Wirkungsrhetorik, die primär auf den reißerischen Effekt setzt. Und da sage ich wiederum kritisch: Reißerische Aufnahmen findet ein Publikum toll, das ziemlich unreflektiert sich einfach mitreißen lässt und dabei allzu leicht jegliche ästhetische Distanz verliert.

    Ich finde nicht, dass man bei Currentzis von mangelndem Gefühl sprechen kann. Er kniet sich beim dirigieren geradezu körperlich in die Musik rein. Auch das da was "verpoppt" wird kann ich nicht feststellen. (Du hast eben eine andere Sichtweise und bist ja schon bei Schubert 9 mit Szell "empfindlich", wenn es dort mal richtig sinfonisch wird; geschweige denn, von dem Hammer Karajan (DG)).

    Genau da kommen wir zu dem für Pop typischen Missverständnis, "Gefühl" und "Affekt" bzw. "Affektiertheit" miteinander zu verwechseln, bzw. bloße Affektiertheit für echtes Gefühl auszugeben, was sie einfach nicht hat und was eine Gefühlstäuschung ist. Das liegt auch bei HIP letztlich irgendwie in der Natur der Sache. Denn HIP ist ursprünglich eine Bewegung, wo es um eine historisch treue Aufführung von Barockmusik ging. Im Barock geht es aber im Unterschied zur empfindsamen Klassik und Romantik primär um Affekte und nicht um das "Gefühl" im originären Sinne des Ausdrucks von subjektiver Innerlichkeit. Wenn man Klassik wie Beethoven oder Romantik wie Schubert so dirigiert, als sei das Barockmusik, dann wird es leicht affektiert. Das ist ein grundlegender Einwand, den ich HIP mache. Beansprucht wird ja ein historisch "richtiger" Klang. Wenn man aber meint, ein Beethoven müsse affektiv-knallig wie Barockmusik klingen, dann ist das alles andere als "historisch" korrekt.


    Die erste Kritik des "Pop" in der Musik ist übrigens weit älter als die Pop-Musik ab den 50iger Jahren. Sie stammt von Friedrich Nietzsche. Gemeint war Richard Wagners Bayreuth. (Dargestellt habe ich das im ersten Kapitel meines Buches, was schon gedruckt ist (der Verlag ist die Universal Edition Wien), aber die Auslieferung sich wohl wegen Corona verzögert leider). Nietzsche hält Wagner vor, dass es ihm um nichts als nur um "Wirkung" ginge und er in Bayreuth an den Massengeschmack appelliere. Und nun wird es interessant: Nietzsche kritisiert an den Wagner-Sängern seiner Zeit ihren Manierismus in der Artikulation, was er das "Expressivo um jeden Preis" nennt. D.h. die Artikulation neigt zur Überpointiertheit und will so die Affekte aufpeitschen. Von Bernhard Haitink, von dem ich u. A. die "Eroica" in Chicago hörte, gibt es die schöne Äußerung aus einem Interview, was im Programmheft abgedruckt war - Haitink hat damals die kompletten Beethoven-Symphonien mit dem Chicago-SO aufgeführt - "I don´t like Overemphasizing.". Genau dieses von einem Klassiker wie Haitink verabscheute "Overemphasizing" betreibt Currentzis mit Methode (der Kritiker aus Leipzig, den Reinhard zitiert, nennt das "manieriert") - wovon sich Harnoncourt finde ich wohltuend abhebt. Bei Harnoncourt knallen auch barock die Pauken und schmettern die Trompeten (mehr sogar als bei Currentzis!) nur bleibt Harnoncourt "rhetorisch" und wird nicht plakativ und effekthascherisch-reißerisch. Dieser rhetorische Stil von HIP ist freilich immer auf der sehr schmalen Grenze zum Effekthascherischen - das liegt wiederum in der Natur der Sache. Aber während Harnoncourt bei diesem Drahtseilakt letztlich nicht abstürzt, stürzt Currentzis hier bei der 5. ab in den reißenden Strom des Reißerisch-Affketierten. Da liegt für mich der kleine, aber entscheidende Unterschied.


    Und zu Szell und Schuberts 9.: Über Robert Schumanns Fantasie op. 17 steht als Motto: Durch alle Töne tönet/ Im bunten Erdentraume/ Ein leiser Erdenton gezogen/ Für den der heimlich lauschet. Die Zeilen stammen aus einem Gedicht von Friedrich Schlegel, das "Gebüsche" heißt - und Franz Schubert hat dieses Schlegel-Gedicht auch vertont. Die romantische Ästhetik betont das Sublime, Einheitliche, Stimmungshafte, die feinen Abtönungen und Abstufungen eines einheitlichen Grundtones und gerade nicht das Knallig-Bunte und Zackige. Szell dirigiert Schuberts 9. einfach mit der falschen Ästhetik - romantischer Schubert ist eben kein Beethoven, der die exzessiven Kontraste so liebt (zumindest zumeist).

    Anliegendes YT-Video, zeigt einen Ausschnitt der Fünften 1.Satzes als Ballett getanzt; die Musiker spielen dabei zum Teil im Stehen.

    ;) Das dürfte noch ein weiterer Anstoss für Holger sein ... dennoch interessant und keinesfalls ohne Gefühl:

    Das schaue ich mir später mal an! :hello:


    Schöne Grüße

    Holger