Komponisten & Urlaub? – Sie komponierten …

  • Komponisten im Urlaub


    Symphonien als Urlaubssouvenier: Wo sich große Komponisten inspirieren ließen ...


    Kann gerne weiter fortgesetzt werden … :hello:

    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

  • Peter Tschaikowsky reiste viel und komponierte.


    Zwischen 1877 und 1879 besuchte Tchaikowski 3 mal das idyllisch gelegene Clarens am Genferfsee in der Schweiz. Seine Mäzenin Nadezhda von Meck stellte ihm ihre Villa Richelieu zur Verfügung. Zum ersten Mal erfolgte der Besuch in einem turbulenten Zeitpunkt, als er kurz nach der Heirat seine Frau Hals über Kopf verliess. In den drei Besuchen arbeitete Tschaikowski an seiner Oper Eugen Onegin und mit dem Geiger Josef Kotek am Violinkonzert D-Dur Op. 35.


    Die Villa war direkt am See gelegen gleich neben einem Park. Es wurde später zu einem Hotel und später in den 1970er Jahren abgerissen, ein griechischer Reeder baute ein Hotel an diese Stelle, das Royal Plaza Montreux Hotel.


    Heute hat man von diesem Hotel diese Sicht auf den See. Ähnlich dürfte sich dem russischen Komponisten das Panorama auf die französiche Seite präsentiert haben.


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    Auf einigen alten Postkarten sieht man die Villa Richelieu, die Peter Tschaikowsky bewohnte.


    https://www.riviera-images.ch/item/hotel-richelieu



    Clarens sah um 1904 so aus:


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    John Cage


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    Hans Winking

  • Dreimal weilte Johannes Brahms in Hofstetten bei Thun im Berner Oberland in der Schweiz.


    In Brahms’ Thuner Sommer 1887/88/89 entstanden die 2. Cellosonate, die 2. Violinsonate sowie das c-Moll-Klaviertrio, Op. 99, 100 und 101, das Konzert für Violine und Violoncello Op. 102, die "Zigeunerlieder" Op. 103 sowie die 3. Sonate für Violine und Klavier.


    Stundenlang ging er spazieren und schaffte Platz für neue Ideen umgeben von Wiesen und Bergen und mit Blick auf den Thunersee.


    Die Umgebung um das Hotel Bellevue in Hofstetten, hinter dem Johannes Brahms eine Etage in einem Privathaus mietete, sieht man auf diesem Stich. Es steht leider nicht mehr, weil es der Verbreiterung einer Strasse weichen musste.


    2


    Unter diesem Link erfährt man mehr, wie der Komponist seine Sommerfrische gestaltete. Er reiste mit Kaffeemaschine.


    https://www.thuner-stadtgeschi…thun-johannes-brahms.html

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    Hans Winking

  • "Wir sind gestern in Zarathustra-Nebel gehüllt bei strömendem Regen glücklich hier angekommen und fühlen in Saratz's unvergleichlichem Familienheim uns beinahe so wohl wie zu Hause. Es gibt nur ein Engadin auf der ganzen Welt. Wir sind hier restlos begeistert und schlürfen die Luft der Gemsen wie französischen Champagner", soll Richard Strauss bei einem Aufenthalt im Engadin geschrieben haben.


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    Ich habe recherchiert: Die Familie Saratz war die Besitzerin des Hotels Kronenhof in Pontresina im schweizerischen Engadin.

    1900 weilte der damals 36-jährige Richard Strauss in Begleitung seiner Gattin Pauline erstmals in Pontresina im schweizerischen Engatin . Strauss verbrachte bis im Sommer 1948, ein Jahr vor seinem Tod, unzählige Ferientage im Engadin. In Pontresina hat Richard Strauss Vier letzte Lieder komponiert.


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  • Im Sommer 1921 weilte Paul Hindemith im Urlaub in Meran im italienischen Südtirol.


    Er lernte den Regisseur Arnold Franck kennen, der zuvor in den schweizerischen Walliser Alpen und dem Matterhorn-Monte-Rosa-Gebiet in 4000 Meter Höhe das Filmmaterial zu seinem spektakulären Dokumentarfilm "Im Kampf mit dem Berge" oder "Alpensinfonie in Bildern" abgedreht hatte und mit dem Schnitt des Filmes beschäftigt war. Er zeigte dem Komponisten die erste Fassung. Hindemith war davon so begeistert, dass er sich anerbot, die Filmmusik zu komponieren. Nach zwei Wochen überreichte er die Partitur zu diesem Stummfilm und signierte ironisch mit Paul Merano.


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  • Was uns heute der Urlaub ist, war in frühreren Zeiten die Kur.


    Fremdenverkehrs-Organisationen bedienen sich des Umstandes der Anwesenheit berühmter Komponisten in ihren schönen Urlaubsregionen. So auch das Land Niederösterreich, das stolz auf Ludwig van Beethoven hinweist.


    "Ab 1804 hielt sich Beethoven im Sommer oft auf dem Land auf, bevorzugt in den Kurorten südlich von Wien. In Baden, wo der Komponist 15 Mal zu Gast war, entstanden unter anderem große Teile der 9. Symphonie. In Mödling, wo er die Sommer der Jahre 1818 bis 1820 verbrachte, komponierte er die berühmte Hammerklavier-Sonate und arbeitete an der Missa solemnis. In beiden Orten erinnern Museen, die in jenen Häusern untergebracht sind, in denen Beethoven gewohnt hat, an den berühmten Gast."


    Beethovenhaus in Mödling, das sogenannte Hafnerhaus an der Hauptstraße 79 in dem der Komponist 1818 und 1819 während des Sommer wohnte.


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    Der Komponist verbrachte 15 Jahre lang seine Sommer in Baden. Im Haus Rathausgasse 10 stieg Beethoven in den Sommern 1821, 1822 und 1823 zur Kur ab.


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    Hans Winking

  • Gilt ein Bildungsurlaub in diesem Thread auch?


    In diesem Falle sicherlich. Ein Musiker beantragte bei seinen Vorgesetzten, seinen Posten für einen Monat verlassen zu dürfen. Als Grund gab er an "das eine oder andere von seinem Komponistenkollegen zu erfahren".


    Der junge Mann, gerade 20 Jahre alt, machte sich zu Fuss auf die Reise. Nach 400 km war er am Ziel angelangt. Es gefiel ihm so gut, dass er den Aufenthalt verlängerte und nach vier Monaten mit einem dicken Notenbündel wieder bei seiner Arbeitsstelle erschien.


    Hätte er ein Navigationsgerät bei sich gehabt, hätte seine Route vielleicht so ausgesehen.


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    Der junge Mann war Johann Sebastian Bach, der den Posten als Kirchenorganist unterbrach und den strapaziösen Weg von Arnstadt nach Lübeck auf sich nahm, um Dietrich Buxtehude aufzusuchen. Mit dem Hin- und Rückweg waren das an die 800 km Fussmarsch.


    Was war das Ergebnis dieser beschwerlichen Reise? Die Notenabschriften Johann Sebastian Bachs haben uns viele Werke Dietrich Buxtehudes überliefert.


    Im Internet habe ich dies gefunden:


    "Der Einfluss Buxtehudes auf Bach war schon vor seinem Weggang von Arnstadt spürbar. Nach seiner Rückkehr aus Lübeck begann er, die Kirchenlieder auf neue, komplexere Weise zu begleiten, die Phrasen so weit zu erweitern und zu variieren, dass die Gemeinde unsicher war, wann sie mit dem Singen beginnen sollte. Buxtehudes Orgelpräludien beeinflussten auch stark die Präludien, Toccaten und Fugen, die Bach später komponierte. Andere Parallelen gibt es im Überfluss: Buxtehudes Satz von 32 Tastenvariationen über „La Capricciosa“ soll Bachs eigene Goldberg-Variationen (ebenfalls ein Satz von 32 Variationen in G-Dur) inspiriert haben, und der Einfluss der erhaltenen Ostinato-Basswerke des älteren Komponisten ist in Bachs Orgelpassacaglia (BWV 582)."

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  • Der niederländische Komponist Julius Röntgen freundete sich mit dem norwegischen Komponisten Edvard Grieg an.


    Er besuchte ihn während den Sommermonaten oft in seiner Villa Troldhaugen in Bergen.


    Sie machten Ausflüge in die Berge, wovon die Fotografien Zeugnis ablegen. Julius Röntgen blickt durchs Fernrohr, Edvard Grieg sitzt rechts von Frants Beyer.



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  • Wenn's nicht wahr ist, so ist's schön erfunden.


    Eine schöne Urlaub-Anekdote, die nicht nur den Komponisten sondern auch seine Mitmusiker betraf..


    Die musikalische Form der 45. Sinfonie, der "Abschiedsinfonie" von Joseph Haydn mit dem Verlassen der Musiker der Spielstätte im letzten Adagio Satz hat zu vielen Spekulationen geführt.


    Eine Erklärung ist diese:


    Es existierte eine Verordnung, die den Musikern der Kapelle auftrug, ohne ihre Frauen und Kinder im Schlosse Esterházy zu erscheinen, sobald dort die Sommersaison begann. Den ganzen Sommer hindurch hatten die Musiker somit keinen Kontakt zu ihren Familien; davon ausgenommen waren nur zwei Sänger, der Geiger Tomasini und Haydn. Als Grund wurde angegeben, dass für so viele Leute kein Platz sei. Als die Musiker sich beschwerten, weil sie zwei Haushalte zu führen und Heimweh hätten, zahlte der Fürst, ohne zu zögern, eine Zulage. Die Hauptsache schien ihm, die Frauen und Kinder seiner Leute nicht sehen zu müssen. Der Musiksommer 1772 zog sich jedoch in die Länge, und die Musiker bestürmten Haydn, sich beim Fürsten für sie einzusetzen. Die Aufführung stellt Heinrich Eduard Jacob so dar:


    „Nach nicht mehr als 100 Takten machten alle Instrumente auf der Dominante von Fis plötzlich halt: völlig unerwartet begannen vier Violinen ein Thema zu spielen, das man bisher nicht gehört hatte, zu schleppen und auseinander zu fallen. Etwas Unerhörtes geschah am Pult des zweiten Hornbläsers: er und der erste Oboist standen mitten im Spielen auf, packten die Instrumente ein und verließen das Podium. Elf Takte weiter ergreift der bisher unbeschäftigte Fagottist sein Instrument, doch nur um kurz, unisono mit der zweiten Geige den Anfang des ersten Motivs zu blasen; dann löscht er das Licht aus und geht gleichfalls ab. Nach sieben Takten folgen ihm der erste Hornist und die zweite Oboe. Jetzt löst sich das Cello, das bisher mit der Bassgeige gemeinsame Wege gegangen ist, von ihr los: bei einer Wendung – unvermutet setzt Cis als Dominante ein – steht die Bassgeige auf und geht davon. Immer schmalbrüstiger wird die Musik, immer dünner. Haydn am Klavier dirigiert weiter, als bemerke er nichts. Ein paar Adagio-Takte in A-Dur. Doch während sie erklingen, verschwinden nach und nach der Cellist, der dritte und vierte Violinist und der Bratschist.


    Es ist fast finster im Orchester. Nur an einem Pult brennen noch zwei Kerzen: hier sitzen Luigi Tomasini und ein zweiter Violinist, denen das letzte Wort zufiel. Leise, durch Sordinen gedämpft, erklingt der Wechselgesang ihrer Geigen, in Terzen und Sexten sich verschlingend und dann wie im leisesten Hauch ersterbend. Jetzt sind die letzten Lichter erloschen, die letzten Geiger aufgestanden und wie Schatten an der Wand verschwunden: ein Atem herbstlicher Einsamkeit weht in den Zuhörerraum hinüber. Wie Haydn auf Zehenspitzen abgehen will, tritt der Fürst heran und legt ihm leise die Hand auf die Schulter: „Mein lieber Haydn! Ich habe verstanden. Die Musiker sehnen sich nach Hause… Gut denn! Morgen packen wir ein…“


    Im Vorsaal harrte die Kapelle in banger Erwartung ihres Meisters. War ihm der liebende Streich gelungen? Aber da war er schon unter ihnen, mehr als Worte verriet sein Blick ihnen den glücklichen Ausgang der Sache. Mit Umarmungen zogen sie ihn fort.“


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    Hans Winking

  • Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847)


    Italien inspirierte Felix Mendelssohn zu seiner populärsten Symphonie. Als 21-Jähriger bricht er im Jahr 1830 zu dieser großen Reise auf. Träume, Visionen, Ideen treiben ihn um. Doch was er an Italien am meisten schätzen und lieben würde, damit hätte Mendelssohn nicht gerechnet.

    Felix Mendelssohn Bartholdy ist aufgeregt. Erst am Tag zuvor hat er seine Reformationssinfonie fertig komponiert – und schon muss er wieder los, auf seine zweite Reise. Die finanzieren ihm seine Eltern.


    Fünf Monate war Mendelssohn daheim in Berlin. Seine erste Bildungsreise hatte ihn nach England und Schottland geführt. Die Erwartungen, die seine Eltern in ihn gesetzt hatten, hat er erfüllt. Mehr als erfüllt! Kontakte zu Musikern, Verlegern und zur englischen Aristokratie hat er hergestellt. Vor allem aber zum Publikum! Mendelssohn ist 21 und bereits auf der Höhe seiner Kunst: das Publikum liebt ihn, vergöttert ihn: als einen der besten Dirigenten, einen der einfallsreichsten Pianisten, und einen der interessantesten Komponisten der Zeit.


    Allerdings lässt sich Mendelssohn Zeit mit seiner Italienreise. Über Dessau und Leipzig fährt er per Kutsche erst einmal nach Weimar, um Goethe wieder zu sehen. Dann geht es weiter nach München, Salzburg und Wien. Endlich Italien. Venedig, Florenz und Rom. Dazwischen schreibt er Briefe an die Eltern, hunderte begeisterte Briefe. Die italienische Musikszene behagt ihm gar nicht – zu wenig Kunstverstand, zu verdrießlich, schreibt er. Aber diese Natur! "Da steckt die Musik drin, da tönt's und klingt's von allen Seiten."


    Ein halbes Jahr bleibt Mendelssohn in Italien, saugt die Landschaften und die Lebensart ein, komponiert seine "Italienische" Symphonie und reist dann weiter, in die Schweiz, nach Paris, immer weiter …


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    Einige empfehlenswerte Silberscheiben dazu:


    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

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  • Apropos Brahms und sein Urlaub am Thuner-See in der Schweiz:


    Es gibt eine Anekdote, als er, ich weiß nicht in welchem Jahr, bei einem Spezereihändler namens Spring wohnte und von dem Wiener Musikverleger Albert Gutmann eine Anfrage nach "Novitäten" erhielt. Brahms drahtete folgenden Text zurück:

    Kaviar ausgegangen, frische Wurst auf Hackbrett mit Sardinen vorrätig.


    Gutmann vermutete (richtig) neue Sonate(n) für Violine (con Sordino) und Klavier antwortete:

    Spezereihändler Spring, Thun, Schweiz. (...) nehme mit Freunden ganzes Warenlager ab. Gutmann.


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Erstmal danke an Alfred dass er das mit dem Passwort einfach und unbürokratisch gelöst hat (habe es mittlerweile vergessen)


    Ich wollte mich mal wieder einbringen, nachdem es bei diesem Thema gut dazu passt und es vielleicht interessante Informationen zu Brahms seine Urlaubsaufenthalte in Pörtschach gibt.


    Brahms zog zunächst Sommer 1877 in die zwei-Zimmer große Hausmeisterwohnung im Schloss, welche zwar günstig war (30 Gulden) doch er fühlte sich durch gewisse andere Verpflichtungen nicht sonderlich wohl. Die freiherrliche Familie Pausinger, welche das Schloss besaßen, erwarteten nämlich von dem zu diesen Zeiten schon bekannten Komponisten, dass er auch an Ausflügen teilnehmen, sowie Gesellschaft bei Mittags- und Abendmahlzeiten leisten sollte. Für den eher sonst bescheidenen, zurückhaltenden Brahms waren die aristokratischen Gepflogenheiten nicht sonderlich angenehm. Zudem erwies sich Frau Baronin Pausinger als etwas zudrängliche Verehrerin. Heute würden man sagen, sie hatte etwas den Hang zum "Stalking", denn die passionierte Hobbymalerin wollte den berühmten Sommergast heimlich auf Leinwand verewigen. Somit sah er sich bald gezwungen, nach einem anderen Quartier Ausschau zu halten, denn prinzipiell hatte es ihm in Pörtschach gefallen.


    „Pörtschach am See heißt unser Ort, die Eisenbahnstation heißt Maria Wörth. Hier ist es allerliebst, See, Wald, darüber blauer Bergebogen, schimmerndes Weiß im reinen Schnee, Krebse gibt es massenhaft. Das Wirtshaus heißt Werzer, das Beste nämlich und behaglichste, denn es gibt mehrere …" oder „Für künftige Sommer empfehle ich Euch die hiesige Gegend! Ich meinesteils gehe auch im Sommer künftig nicht ohne besonderen Grund aus Österreich hinaus!“ schrieb er in seinen Briefen.


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    Ein Foto, dass ich vor ein paar Jahren während eines kurzen Aufenthalts gemacht habe und das Schloss zeigt.


    Weit "flüchtete" Brahms im nächstfolgenden Sommer jedoch nicht. Es war das schräg gegenüberliegende "Krainer-Häuschen". An der Hausmauer dessen kann man heute eine gemalte Schrift erkennen in welcher u.a. der damalige Besitzer Viktor Rapatz erwähnt wird. Angeblich mietete Brahms zwar vier Zimmer nutze aber nur die mittleren, während die anderen Beiden vor allzu aufdringlichen Gästen eine "Pufferzone" bieten sollten. Möglicherweise speziell für Frau Pausinger. Diese Taktik dürfte erfolgreich gewesen sein, denn auch wenn dieses Quartier wesentlich teurer als das zuvorgehende war, kam er ebenso im Jahr 1879 von Anfang Mai bis September hierher. Ein Vorteil, der ihm damals noch entgegenkam: Pörtschach war zu diesen Zeiten noch kein bekannter Kurort, die Sommergäste hielten sich bei dem weitgehend ländlich geprägten Dorf noch in Grenzen.


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    Brahms komponierte zum. teilweise während dieser Aufenthalte an der zweiten Symphonie in D-Dur op. 73, am Violinkonzert in D-Dur op. 77, den 8 Klavierstücken op. 76, der Regenlied-Sonate für Geige und Klavier in G-Dur op. 79 und an zwei Rhapsodien für Klavier op. 79. Kleinere Werke waren die Chorlieder "Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen" op. 74 und "Oh schöne Nacht" op. 75, ie Lieder "Ade", "Todessehnen", "Therese", "Nachtwandler" und "Versunken".


    Seine Mahlzeiten nahm Brahms meist im Gasthaus "Zum weißen Rössl" (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen in St.Wolfgang am Wolfgangsee) bei der Familie Werzer zu sich. Dort arrangierte er auch einmal für den russischen Komponisten Iwan Knorr ein Nächtigungszimmer während seines ersten Aufenthaltes. Knorr schilderte die erste Begegnung folgendermaßen:

    "Mir war es zumute, wie bei einem Besuch beim Zahnarzt. Ich trat ein und stand auf einmal einem untersetzten, bartlosen Manne gegenüber, dessen volles Haar an den Schläfen leicht ergraut war. Er gab mir nicht nur die Hand, sondern schlang einen Arm um mich und steckte mir eine Zigarre mit einem kategorischen 'Rauchen!' in den Mund. Ich bat ihn nun um Ratschläge in betreff meines Stückes. Er sagte fast unwirsch: 'Ach was, Sie wollen, was Sie können, da braucht Ihnen kein anderer dreinzureden.' Ich sagte ihm darauf, daß ich unterdessen Gelegenheit gehabt hätte, das Stück zu hören, und daß mich manche Klangwirkung arg enttäuscht hätte. Er lachte laut auf und meinte: 'Sie, junger Mann, scheinen mir noch nicht viel erlebt zu haben, Sie müßten sonst wissen, daß es gewöhnlich anders kommt im Leben, als man sich einbildet.' Als ich die Absicht äußerte, in einer der Variationen eine gewisse Stelle den Violoncellen und Bratschen, anstatt den Holzbläsern, zu geben, schmunzelte er höchst vergnügt: 'Ich weiß schon! Das ist, wo das zweite Fagott mit Ta ta ta einsetzt.' Er sang die Stelle, und ich gewann die Überzeugung, welche durch eine weitere Unterredung bestätigt wurde, daß er das Stück Note für Note auswendig wußte, es besser kannte, als ich selber."


    Das besagte Haus existiert heute nicht mehr. Erst vor vier Jahren ließ es die heutige noch ansäßige aber scheinbar wenig kunst- und kulturliebende Hoteliersfamilie Werzer für einen Neubau abreissen. Jegliche Proteste der Johannes-Brahms-Gesellschaft blieben fruchtlos.


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    Quelle: Wikimedia.org

    Das zeigt mal wieder, dass der Denkmalschutz in Österreich auch heute nicht so funktioniert wie es eigentlich sollte. Schon die im Jahr 2005/2006 erfolgten umfangreichen Eingriffe beim Mozarthaus in der Domgasse 5, welche das ursprüngliche, authentische Flair des Hauses weitestgehend und unwiederbringlich zunichte machten (wer davor mal dort zu Gast war, weiß was ich meine) haben den Ruf eines zahnlosen Denkmalschutzes bestärkt.


    Zumindest konnte ich bei meinem damaligen Aufenthalt (ein Jahr vor dem Abriss) das Haus von Außen noch besichtigen und stelle hier zwei Fotos davon zur Verfügung:


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    Heutiger Zustand:

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    Quelle: Google-Maps


    Falls die Verlinkung der Bilder von meinem Dropbox-Ordner nicht funktioniert bitte ich um Korrektur. Danke.

    unter teilweiser Zuhilfenahme der Sekundär-Quelle Alteneder, Horst. 2008 „Das Leben und Wirken von Johannes Brahms vor dem politischen Hintergrund seines Jahrhunderts“, Dipl.-Arbeit, Universität Wien.

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Kleiner Nachtrag: Wie ich mittlerweile zufällig bei google maps (bei vorheriger Verlinkung) gesehen habe und sich auch per Zeitungsmeldung bestätigen ließ, wurde nicht nur das "weiße Rössl" sondern auch das Brahms-Sommerquartier der Jahre 1878 und 1879, das "Krainer-Haus" zwischenzeitlich demoliert. An Stelle des Letztgenannten ist jetzt ein Parkplatz zu sehen (dessen zierender Name "Brahms-Parking" kommt hier in Anbetracht der Vorgeschichte eher einer schlechten Komödie gleich). Innerhalb kurzer Zeit (ein bis zwei Jahre) hat sich Pörtschach somit von drei auf eine originale Brahmsstätte reduziert (was aber bei echter Wertschätzung leicht vermeidbar gewesen wäre). Das Schloss wird wohl als einzige bleiben, da es auch als Hotel betrieben wird. Dem üblichen Massentourismus wirds auch nicht jucken, es wird nur eine Minderheit sein, welche den einzigartigen kulturellen Wert vermissen wird, an dessen Stelle jetzt moderne, austauschbare 0815-Bauten stehen.

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Hallo Maurice,


    der Tip mit der GA von Gardiner interessiert mich, ich habe zwei GAs mit Dohnanyi und Abbado plus diverser Einzelaufnahmen der italienischen ( Szell, Karajan, Solti und Bernstein) . Wie siehst du Gardiner ? Bei JPC ist nur eine Kritik - und die ist negativ. Leider finde ich hier mit der Suchfunktion nichts wenn ich "Gardiner Mendelssohn" eingebe nichts, der Thread zu den GAs ist leider sehr kurz und schon älter.

    Felix MENDELSSOHN - Die Sinfonien


    Gruss


    Kalli

  • Lieber Kalli, mit Dohnanyi und Abbado hast Du bereits zwei sehr gute, ausgewogene GA's! Dohnanyi ist zwar schon etwas älter …;

    Gardiner jedoch finde ich sehr frisch und vor allem spannend musiziert – ab und zu was Neues darf ruhig mal sein … :yes:


    Leider finde ich hier mit der Suchfunktion nichts wenn ich "Gardiner Mendelssohn" eingebe nichts, der Thread zu den GAs ist leider sehr kurz und schon älter.


    Wenn Du bei JPC ›Mendelssohn Gardiner‹ eingibst, kannst Du auch in die Einzelaufnahmen + Kritik reinlesen … :hello:

    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

  • Danke,


    werde ich machen.

    Habe gerade gesehen, dass ich Solti mit den Wienern ( Live ) habe, da gibt es auch eine mit dem CSO - das sollte ja auch eine gute Version sein.

    Die GA mit dem LSO habe ich bestellt. Gardiner ist eh einer meiner Lieblingsdirigenten......


    Kalli

  • Robert Stolz (1880-1875) weilte oft in Baden-Baden. Er liebte es in der Lichtentaler Allee zu flanieren. An seinem Lieblingsort wurde ihm zu Ehren von der Stadt ein Denkmal errichtet.



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    Auf der Bank ist eine Plakette angebracht, wo man noch mehr erfährt.


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    Hans Winking

  • Arbeiten in den Ferien?


    Für Antonín Dvořák war das kein Widerspruch. Während seines amerikanischen Sommerurlaubs komponierte er eines seiner berühmtesten Werke: das bis heute inspirierende „Amerikanisches Quartett“.


    Außerdem entstanden dort die Sinfonie No 9 »Aus der neuen Welt« sowie das Te Deum.


    September 1892 trat er seine Stelle in New York an – Vertrag für zwei Jahre, der jedoch nochmals verlängert wurde – um im April 1895 wieder nach Hause zu reisen.


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    Øyvind Holmstad - Eigenes Werk



    Einige Empfehlungen zu op 96:


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  • Nochmals zum Thema

    WÖRTHERSEE, BRAHMS, WERZER

    (# 12, 11)

    Brahms war in Pörtschach, also am Nordufer, die Wallfahrtskirche Maria Wörth liegt am Südufer des Sees. An dieser Küste gibt es keine Bahnlinie, gab es meines Wissens auch keine (vielleicht eine kleine Stichbahn von Klagenfurth her). Insoweit dürfte sich Brahms mit dem Namen der Bahnstation geirrt haben Die Werzerfamilie mit ihren Zweigen betreibt m.W. in Pörtschach kein Hotel mehr, der familiäre Touch ist schon einige Jahre her (spätestens seit dem Neubau des "Werzer`s Hotel Resort" seit ca. 15 Jahren).


    Wir gehen dort noch ab und zu hin. Bemerkenswert dürfte dort aber der immer grösser werdende Anteil junger Paare und Familien, durchaus auch mit Kleinkindern, deren Mütter die Szenerie so ziemlich im Griff haben dürften. ;)

    Die Qualität dieses Hauses ist immer noch sehr akzeptabel ("Wallerwirt" ist das andere Ex- Werzer Hotel in Pörtschach)