Angela Hewitt: die neue Queen des Bachspiels oder - eine blutarme Tastentante?

  • angeregt durch den aktuellen Gould-Thread habe ich mich mal ernsthafter mit dem Material befaßt, das im Internet von Hewitt mit Bach verfügbar ist.


    Ich würde ihre Interpretationen in das gute Mittelfeld der Aufnahmen einreihen, die man nicht haben muß. Irgendwie nicht kraftvoll genug.


    Von den aktuellen Pianisten würde ich als genuinen Gould-Nachfolger (wenn es denn überhaupt sowas geben kann) weder auf Hewitt noch auf Stadtfeld oder Koriolov, sondern auf Demidenko tippen.

  • Hyperion hat derzeit eine Cd von Hewitt - mit Klavierkonzerten von Bach um 7.90 im Amgebot- Ich war nahe drann sie zu kaufen, jedoch wurde mir im letzten Moment bewusst, daß ich erst neulich zwei CDs mit Klavierkonzert von Bach gekauft habe - das ist eigentlich mehr, als ich diese Werke liebe (wenngleich ich die Klavierkonzerte von Jahr zu Jahr mehr schätze) Also wurde der Kauf abgeblasen oder - so dann noch lagernd - auf später verschoben.
    Warum überhaupt irgendein Pianist in Zukunft Bach so spielen sollte wie Gould es tat - das will sich mir freilich nicht erschliessen.

    mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred

    Wer Beethoven-Sinfonien fälscht oder gefälschte in Umlauf bringt, wird mit dem Anhören eines Endlosbandes aller Werke von Schönberg bestraft; von der Dauer 1 Woche bis zu 4 Wochen


  • Hallo,


    schon im Beitrag Nr. 19. v. 6.7.2006 wurde die CD vorgestellt – damals noch ohne direkte Verknüpfung zu jpc – deswegen hier erneut eingestellt. Angela Hewitt habe ich auf dem diesjährigen Bachfest Ansbach (siehe Thread) gehört.


    Ich möchte die Stücke nennen, die mich ansprechen und mit kurzen Schlagworten erklären warum.


    Impromptu und Ronde champetre– unverfängliche, an nichts gebundene, sich selbst genügende Leichtigkeit
    Sous-bois – stille Schwärmerei, in sich gekehrt
    Mauresque, Menuet pompeux und Scherzo-valse - Rhythmus
    Ballabile – wie ein Schmetterling
    Feuillet d’album - verträumt
    Habanera (das bekannteste Stück auf der CD) – spanisches Flair


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Hallo Alfred,


    Angela Hewitt kommt zwar auch aus Kanada und erreicht in ihrer Bedeutung als Bachspielerin auf dem Klavier wohl auch schon bald die Dimensionen eines Goulds.


    Musikalisch gesehen gibt es allerdings so gut wie gar keine Ähnlichkeiten - sie spielt sehr anders. Das zu erläutern würde viel Platz beanspruchen.
    Auch als Typ ist sie eher das Gegenteil von Gould.


    Von daher kann es sich lohnen, sich näher mit ihr zu befassen.
    Empfehlen kann ich vor allem ihre Bacheinspielungen der Toccaten (sehr gelungen) und auch das WTK (viel Gutes) in der ersten Aufnahme (die zweite ist mir agogisch zu frei...)


    Die Klavierkonzerte sind so eine Sache. Sie spielt es sehr gut und auch das Orchester spielt durchaus stilistisch angemessen. Mich stört allerdings, dass man ein bewusst unhistorisches Klavier im Vordergrund und ein historisches Cembalo im Hintergrund (als Continuoinstrument) hört.
    Wenn man Bach im modernen und damit abstrakteren Klangbild aufführen will, was ich durchaus für legitim halte, dann passt der historische Cembaloklang da irgendwie nicht hinein. Wenn man Continuoakkorde haben will, sollte man sie dann auch konsequent auf dem Flügel dezent spielen. Das gut zu machen, ist nicht leicht, aber es geht, wenn man es denn will.
    Auch beim auf den Aufnahmen enthaltenen 5. Brandenburgischen Konzert finde ich es merkwürdig, wenn man ein "historisch informiert" spielendes Orchester mit entsprechendem Cembalocontinuo im ersten Tutti hört, man sich also schon an den Köthener Hof mit allen Barockperücken versetzt sieht, schon den Einsatz des vorab gehörten Cembalos vorausahnt und dann plötzlich sozusagen "Clara Schumann" mit reifem romantischen bis aktuellem Klavierton auftaucht.


    Ich habe einmal auf Youtube eine Aufnahme des ersten Klavierkonzerts d-moll mit dem Pianisten Andras Schiff auf einem Steinway und den Berliner Philharmonikern gesehen/gehört, die mich sehr überzeugt hat. Die wichtigen musikalischen Parameter wurden alle umgesetzt und auf die modernen Instrumente mit ihrem lautstärkemässig grösserem Wirkungsgrad übertragen. Der Sprung vom Kaffehaus Zimmermann in die Berliner Philharmonie gelang bei diesem Konzert sehr gut.
    Es war so eine Art Bacherlebnis, wie als ob man als Fan des VW-Käfers einen muskulöseren VW-Beetle fährt ( der Vergleich hinkt natürlich immer...).


    Bei diesen Konzerten finde ich die zurecht legendären Aufnahmen Gustav Leonhardts aber immer noch am überzeugendsten.


    Gruss
    Glockenton


    PS: den Titel des Threads finde ich von der Wortwahl her ("blutarme Tastentante") vielleicht doch nicht ganz so gut.

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Für 10. März ist eine neue CD angekündig und ich hatte schon geglaubt sie habe das Label gewechselt (NIF)
    Letztlich hat sich herausgestellt, daß es sich bei dieser Einspielung um eine Wiederveröffentlichung aus dem Jahre 1980 handelt, angeblich DIGITAL. Wenn das stimmt, dann ist dies eine der ältesten Digitalaufnahmen der Schallplattengeschichte, die je veröffentlicht wurden........

    mfg aus Wien
    Alfred

    Wer Beethoven-Sinfonien fälscht oder gefälschte in Umlauf bringt, wird mit dem Anhören eines Endlosbandes aller Werke von Schönberg bestraft; von der Dauer 1 Woche bis zu 4 Wochen

  • Letztlich hat sich herausgestellt, daß es sich bei dieser Einspielung um eine Wiederveröffentlichung aus dem Jahre 1980 handelt, angeblich DIGITAL. Wenn das stimmt, dann ist dies eine der ältesten Digitalaufnahmen der Schallplattengeschichte, die je veröffentlicht wurden........


    1971 wurde die erste Aufnahme veröffentlicht, die mit dem PCM-Verfahren digital aufgenommen wurde, ab 1972 folgten Werke klassischer Musik mit europäischen Interpreten (Mozarts Streichquartette KV 421 und 458 mit dem Smetana-Quartett. Quelle

  • Ich hatte in meiner Gratulation auch dieses Werk vorgestellt, Chromatisvche Fantasie und Fuge d-moll BWV 903, ebenfalls ein großartiges Werk, brillant vorgetragen:



    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Oha,


    Das tut mir leid für sie......aber sie werden ihr schon einen passenden anbieten können. Wird ja versichert gewesen sein. Ich könnte ihr ja meinen Berdux anbieten - aber ist nicht ganz die gleiche Klasse.....:P Ich schätze sie sehr - nicht nur bei Bach.


    Kalli

  • "it's kaputt" war Angela Hewitts Kommentar, als der eiserne Rahmen, der hölzerne Resonanzboden, der Deckel ihres Fazzoli 278 zerbrochen waren. Die Flüche der Transportarbeiter kann ich mir nur vorstellen.

    Ich stelle mir das im wahrsten Sinne des Wortes als Mega GAU, grösst anzunehmenden Unfall vor. Wenn Pianisten mit ihrem eigenen Flügel reisen, hat das Gründe. Man braucht sich nicht mit unzulänglichen, wechselnden Instrumenten auseinanderzusetzen, man ist mit der Mechanik vertraut, die genau auf die Bedürfnisse des Pianisten abgestimmt ist. Ein Flügel wird so zu einer Körpererweiterung, mit der man alles ausdrücken kann. "It was my best friend." sagte Angela Hewitt über ihren Flügel.

    Die in der Jesus Christus Kirche entstandene Beethoven-Aufnahme auf ihrem Fazioli, der nun, wie sie hofft "glücklich im Klavierhimmel ist", wird wohl entsprechend vermarktet werden.

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    Die Beschäftigung mit Musik, selber spielend, hörend, im Nachdenken über sie und in der Diskussion im Forum soll Freude bereiten.

    Den Bratschenklang liebe ich wie der anderer tief klingender Instrumente: Bariton-Saxophon, Bassklarinette, Fagott, Kontrabass spiele ich neben anderen selber. Schubert ist mein Lieblingskomponist. Musik geniesse ich.

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