Kurznotizen aus den Opernhäusern!

  • Hallo Sophia,


    danke für Deine Rezension des Kölner Lohengrin - ich habe Karten für den 21.09. und bin schon sehr gespannt :yes:

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Zur heutigen Premiere von Carmen am Grazer Opernhaus:


    Stefan Herheim ist für mich einer der größten seines Faches der heutigen Zeit.
    Seine Inszenierung beinhaltet eigentlich alles was einen packenden Opernabend garantiert. Ein pompöses Bühnenbild, großartige Personenführung und ein toll durchdachtes Konzept.


    Das Stück spielt in dieser Inszenierung in einem Museum. Carmen ist eine Putzfrau, Don José ein Wärter, Morales sein Vorgesetzter.
    Die Inszenierung beginnt mit einem Sprung in eine phantastische, Fantasievolle Welt hinter den Bildern.
    Sowohl die Soldaten, als auch die Fabriksarbeiterinnen kommen aus denselben, spielen mit Don José der zusehends den Verstand verliert als klar wird das er der einzige in der "normalen" Welt ist der sieht was hinter den Bilder vorgeht.
    Dancairo und Remendado sind die Musen bzw. IMO das Gewissen von Don José ( in den Erscheinungsbildern von Micaela und Carmen ).
    Carmen entwickelt sich über das ganze Stück von der Putzfrau hin zur Kunstfigur bis sie von Don Jose erstochen wird und er zurück in die "normale" Welt kommt und dort ihr Bild als Putzfrau entdeckt und erkennt wen er umgebracht hat.
    Die Inszenierung bebt vor lauter großartigen Bildern die mit viel Feingefühl für die Musik gebaut werden.


    Bei den Sängern muss man vor allem Jean-Pierre Furlan hervorheben der den Don José mit einer Hingabe spielt das man ( selbst auf der Bühne ) Gänsehaut bekommt.
    Die Carmen Kirstin Chávez hat eigentlich die Idealstimme für diese Rolle, dazu noch das passende Äussere nur übertreibt sie es IMO mit den "Stilmitteln" etwas, aber sie ist ein tolles Gegengewicht zum Don José.
    Micaela Kate Ladner Hat eine sehr schöne Stimme, in der höhe vielleicht etwas scharf, aber sehr schön anzuhören.
    Escamillo Luis Ledesma ist optisch eine Idealbesetzung, aber leider stimmlich mit einem Brüllaffen gleichzusetzen :stumm:


    Im gesamten kann ich jedem dem es möglich ist vorschlagen sich eine Vorstellung anzusehen, selbst wenn man beim ersten mal sicher nicht alles versteht, allein die Bildersprache finde ich derart packend das es sich selbst für Erz-Konservative lohnen könnte.



    Weitere Szenenfotos
    LG,
    Michael

  • Am Sonntag gab es in der nahezu ausverkauften Grazer Oper die Eröffnungspremiere der Saison 2006/2007. Zugleich war es für Maestro Johannes Fritzsch die erste Premiere in seiner neuen Funktion als musikalischer Leiter des Hauses. Als Werk gab es..., nun ja..., ähhh... Also die Musik war auf jeden Fall von Georges Bizet, und zwar Carmen (in der Oeser-Version, wie das Programmheft verrät).


    Aber alles von Anfang an. Einigermaßen pünktlich (aber um 18:00 ungewöhnlich früh) verdunkelte sich der Zuschauerraum. Das war klar. Doch dann verdunkelte sich auch der Orchestergraben. Das war nun nicht mehr klar, sondern stockfinster (aka zappenduster). Nach einigen Momenten archaischer Finsternis öffnete sich langsam der Vorhang und gab den Blick auf eine etwas unerwartete Szenerie frei.


    Der Bühnenraum ist in der Tiefe geteilt. Die vordere Hälfte ist mit rotem Teppich ausgelegt, an den Seitenwänden hängen große Bilderrahmen, in der Bühnenmitte eine rote Ruhebank, vor den Gemälden Absperrungen in Messing. Also ganz offensichtlich ein Museumsraum. Der Teiler zum hinteren Bühnenraum ist ein riesiger Bilderrahmen und durch ihn sieht man einen weiteren Museumsraum. Dieser wird von einer Putzfrau bevölkert, die gerade ihrer Tätigkeit nachgeht und alsbald Gesellschaft von einem Museumswärter bekommt. Die beiden liefern eine Pantomime, die wohl witzig sein soll (und es eigentlich auch ist, was aber vom Betrachter erst realisiert werden muss, da er ja ein Drama erwartet), und die damit endet, dass ein Ständer mit Hinweistafel quer über die Bühne fliegt.


    Exakt in den Augenblick, wo der Ständer auf dem Bühnenboden aufkracht, fällt der Anfangstusch der Ouvertüre. Vom Timing her eine Meisterleistung und das Orchester wird auch den restlichen Abend eine sehr erfreuliche Leistung bieten. Während der Ouvertüre und der ersten Szenen sehen wir ein Museum mit Besuchern, Museumswärtern und Putzfrauen. Außerdem scheint es sich um ein Hochsicherheitsmuseum zu handeln, denn es gibt hier auch einen Zug Soldaten, der wohl irgendetwas zu bewachen hat.


    Wie der geneigte Leser wohl schon festgestellt hat, befinden wir uns hier mitten in einer Demonstration von Regietheater. Und zwar von ungewohnt konsequentem. Die Dialoge dieser Aufführung sind Made in 2006 und sogar gesungene Texte (französisch) sind behutsam an die geänderten Erfordernisse angepasst worden. So unterhalten sich zwei Soldaten nicht wie sonst üblich über die Zigarettenfabrik in Sevilla und ihre attraktiven Arbeiterinnen, sondern sie betrachten das Gemälde "Die Zigarettenmacherinnen" und schwärmen über die gemalte Schönheit. Die Damen werden dann auch postwendend aus dem Gemälde heraussteigen und ihre Hymne auf die Raucherlunge singen (sehr gut übrigens!). Aber keine von ihnen wird sich für die Habanera hergeben, nein unsere Putzfrau vom Anfang entpuppt sich plötzlich als Sängerin. Zwar hätte in ihrem Aufzug mit blauem Putzkittel, ebensolcher Haube und Lederriemensandalen nicht einmal Veronika Ferres irgendwelchen Sexappeal entfalten können, aber gesungen war es nicht übel! Folgerichtig sang der erste Museumswärter auch die Rolle des Don José (leider etwas dümmlich angelegt). Und statt des Aufruhrs in der Zigarettenfabrik gibt es einen Streit zwischen Putzfrauen und Besucherinnen. Es stellt sich dabei heraus, dass "unsere" Putzfrau ein wertvolles Gemälde beschädigt hatte, wofür sie auch gleich eingebuchtet wird.


    So geht das nun den ganzen Abend dahin. Beim zweiten Akt ist der hintere Bühnenraum der Fundus des Museums, das Ballett wird von "ausgebrochener Kunst" veranstaltet (wie uns der Kustos verraten wird, der die Figuren danach wieder in ihre Bilderrahmen zurückscheucht; man sieht Salome, Mona Lisa, Marilyn Monroe, Elisabeth I., Andy Warhol, Jesus Christus und andere mehr oder weniger bekannte Gestalten). Der dritte Akt könnte im Dachgeschoss spielen (sinnig, denn das Original spielt ja im Gebirge, die Schmuggler handeln jetzt mit Bildern), und beim 2. Bild sehen wir einen Maler auf der Bühne und der größte Teil des Bildes spielt wirklich "im Bild". Lediglich zum Schluss fängt der Maler ganz überraschend einen Streit mit einer Frau an (unserer zur Carmen mutierten Putzfrau), der dann auch letal endet.


    Der Abend ist eine Abfolge Collagen-ähnlicher Szenen, die sehr einfallsreich und zumeist auch witzig gestaltet werden. Wenn man das unvoreingenommen aufnimmt, ist gute Unterhaltung garantiert. Man müsste nur noch einen passenden Namen dafür finden. Das total verrückte Museum, oder Die Leiden des jungen Museumswärters, oder Memoiren einer Putzfrau, oder auch Bilder einer Ausstellung - die Oper. Was man aber nicht zu sehen bekommt, ist eine geschlossene Handlung, ein Operndrama.



    Gesungen wurde auch, und das gar nicht übel. Eine kurze Charakterisierung, wobei ich aber der Einfachheit halber die Rollen nach dem Libretto benenne:


    Kirstin Chavez (Carmen): Europapremiere dieser mexikanischen Sängerin, und wir können froh sein, dass sie den Sprung über den großen Teich gewagt hat. Eine schöne Stimme, in allen Registern gleichmäßig, sehr gute Technik und nach dem Wechsel von der Putzfrauenoptik in etwas passendere Gewandung auch sehr gute Darstellung!


    Jean-Pierre Furlan (Don José): Wieder eine baritonale Stimme, die vorgibt, den Tenor spielen zu wollen. Vom Typ ähnlich wie Domingo, aber mit deutlich weniger schönem Timbre. Doch halt, so einfach ist es gar nicht, nachdem die Anfangsheiserkeit vorbei ist und er sich freigesungen hat, wird es ziemlich gut. Schon die Blumenarie gelingt mit strahlender Höhe. Ein wenig gerade gesungen, dazu einige seltsam gefärbte Vokale und kaum Pianokultur, dennoch eine gute und intensive Leistung.


    Luis Ledesma (Escamillo): Nicht berauschend, aber recht solide.


    Kate Ladner (Micaela): Keine Micaela, die eine schlechte Carmen-Vorstellung retten könnte. Im Gegenteil, viel Müh und Plag mit den hohen Tönen (eigentlich schade, da wir mit Hyon Lee eine Sängerin haben, die das problemlos bringen würde).


    Konstantin Sfiris (Zuniga): Glatte Überbesetzung! Der stimmgewaltigste Zuniga, den man sich nur vorstellen kann.


    Die restlichen Rollen waren durchweg sehr gut besetzt. Auch aus dem Orchestergraben kam viel Erfreuliches, aber das Fehlen eines Dramas auf der Bühne färbte ein wenig auf die Musiker ab. Es wurde mehr schön als leidenschaftlich und dramatisch gespielt.


    Großer Jubel für die Ausführenden am Ende, etwas geteilte, aber mehrheitlich positive Beurteilung des Leading Teams.




    Wer also einen unterhaltsamen Abend mit Bilderrätseln und lustigen Einfällen bei schöner Musik von Georges Bizet verbringen will, der soll seine Schritte gen Graz richten. Wer aber Carmen - die Oper erleben will, der muss sein GPS auf einen anderen Zielort einstellen.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo Michael, Hallo Theophilus,


    vielen Dank für diese Eindrücke der "Carmen" aus Graz. Ich komme sehr selten nach Österreich - gebe aber zu, dass mich eure Berichte neugierig gemacht haben.

  • Zitat

    Original von Theophilus
    Außerdem scheint es sich um ein Hochsicherheitsmuseum zu handeln, denn es gibt hier auch einen Zug Soldaten, der wohl irgendetwas zu bewachen hat.


    Was man aber nicht zu sehen bekommt, ist eine geschlossene Handlung, ein Operndrama.


    Es wurde mehr schön als leidenschaftlich und dramatisch gespielt.


    Man soll ja eigentlich subektive Meinungen von Zusehern nicht kommentieren aber hier muss ich doch wiedersprechen bzw. richtigstellen:


    1. Kanns sein das du relativ weit links gesessen bist? Wenn ja dann kannst du nicht wissen das die Soldaten ebenso wie die "Zigarettenmacherinnen" aus einem Bild kommen und während dem Kinderchor die "Wachablöse" stattfindet.


    2. Ich weiss nicht so wirklich wo du hier keine "geschlossene Handlung" siehst. Er erzählt die Geschichte mit allen Facetten, nur halt an einem anderen Ort und mit zugefügten Nebenhandlungen bzw. besser gesagt "anderen" Möglichkeiten die sich jedoch durchwegs aus dem ( leicht geänderten ) Text folgen lassen.
    Keine der Textänderungen ist jedoch so gravierend das sich dadurch das Drama verändert. Ganz im Gegenteil, ich empfinde das Drama zwischen Don José und Carmen, insbesondere ab dem Finale 2 absolut glaubhaft und packend geschildert. Dass Jean-Pierre im 1. und 2. Akt den liebeskranken Narren spielt ist wohl nur allzu verständlich, aber dem 3. Akt habe ich aber selten einen packenderen Don José erlebt ( bessere Sänger sicher, aber vom Spiel her ist er mMn nah an einem Shicoff ).
    Die ursprüngliche Handlung ( mit dem "Übersprung" von Don José, hier halt wirklich wörtlich, seine manische Besessenheit zu Carmen [ hier durch die Gleichsetzung mit einem Madonnenbildniss noch verstärkt ], der Freiheitswunsch der "Schmuggler" [ in diesem Fall die Kunstfiguren aus den Bildern inkl. der zu einer solchen gewordenen Putzfau ] durch das zerstören ihrer Bilder und somit dem loslösen von ihren Fesseln, der Faszination des "wilden, freien" [Künstlers] Escamillo usw. ) wird, in diesem neuen Kontext, absolut übertragen.
    Es fehlt kein Wort der Geschichte, ausser den festgefahrenen und faden Gemeinplätzen die mit der Handlung an sich nichts zu tun haben ( warum MUSS Carmen Zigarettenmacherin sein --> Was stellt sie daran höher als eine Putzfrau in einem Museum? Warum MUSS das ganze in Spanien spielen --> Was an der Handlung hält das ganze davon ab in einer Phantasiewelt im verrückten, besessenen Kopf von Don José stattzufinden? )
    Das Argument das das ja so nicht im Libretto steht gilt hier nicht, da der genaue Wortlaut nicht unbedingt die wirkliche Handlung widerspiegelt, sondern immer Spielraum für Interpretation offenlässt die über andersfarbige Kostüme und mehr oder weniger Staub darauf hinausgeht.


    3. Dies solltest du nicht auf die Bühnenhandlung zurückführen sondern eher auf den Dirigenten.



    "Carmen - Die Oper" wird hier sehr wohl und äusserst eindringlich gespielt, nur nicht "Carmen - Die Oper wie sie jeder, der nicht bereit ist sich auf neues einzulassen, sich darin zu vertiefen und darüber nachzudenken, zu sehen erwartet" und das ist gut so!


    LG,
    Michael


    p.S.: Vielleicht sollten wir eine, möglicherweise entstehende, Diskussion eher in einen der betreffenden Threads verschieben? Operninszenierungen - modern vs. "altmodisch"oder Moderne Inszenierungen - Totengräber der Oper ??

  • Hallo Theophilus,


    nun ist die Ladner Kate bei euch gelandet,vielleicht auch schon etwas angestaubt.Ich erinnere mich noch gut an ihre Stuttgarter zeit als Blondchen,da konnte ihrem schrillen Getöns nur mit Ohrstöpseln abgeholfen werden.Ich kann mir gut vorstellen,dass ihre Micaëla eine glatte Fehlbesetzung ist. Wer tut so etwas für den Besucher unverantwortliches? ?(

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Hallo Michael


    Zitat

    Kanns sein das du relativ weit links gesessen bist? Wenn ja dann kannst du nicht wissen das die Soldaten ebenso wie die "Zigarettenmacherinnen" aus einem Bild kommen und während dem Kinderchor die "Wachablöse" stattfindet.


    Man braucht nicht weit links zu sitzen in dieser Inszenierung. Der Kapitalfehler des Bühnenbildners liegt darin, dass nur Zuschauer relativ nahe am Mittelgang wirklich alles mitbekommen. Mindestens zwei Drittel der Zuschauer können eine der beiden vorderen Seitenwände nicht sauber erkennen, weil sie nur wenige Grade vom rechten Winkel nach hinten abweichen. So habe ich wirklich ursprünglich nicht erkennen können, dass die Soldaten aus einem Bild herauskommen. Dafür haben die Leute auf der anderen Seite nicht gesehen, dass mit den Zigarettenarbeiterinnen das gleiche passiert. Aus Ärger über diesen Anfängerfehler bin ich nach der Pause auf den Stehplatz, um einigermaßen zentrale Sicht auf das Geschehen zu haben.



    Zitat

    Ich weiss nicht so wirklich wo du hier keine "geschlossene Handlung" siehst. Er erzählt die Geschichte mit allen Facetten, nur halt an einem anderen Ort und mit zugefügten Nebenhandlungen bzw. besser gesagt "anderen" Möglichkeiten die sich jedoch durchwegs aus dem ( leicht geänderten ) Text folgen lassen.


    Weil du die Inszenierung offenbar im Entstehen miterlebt und mitverdaut hast. Über den unvorbereiteten Erstseher brechen derart viele ungewohnte und unbekannte Dinge herein, dass dies mit einmal Anschauen nicht zu verarbeiten ist. Man kann jetzt sagen, so eine neuartige Inszenierung mit völlig anderer Sichtweise ist anregend und spannend, aber auf der anderen Seite ist die Tatsache, dass eine Inszenierung erklärt werden muss, damit sie für die Mehrheit der Zuschauer überhaupt erst verständlich wird, eigentlich schon ihr Todesurteil (und das war hier definitiv der Fall; für Kenner gab es da viel zu rätseln und man kann sich daran sicherlich intellektuell begeilen, und bei dreimal Anschauen werde auch ich wohl das meiste entschlüsselt haben, aber für das gemeine Opernpublikum war das im günstigsten Fall eine sehr seltsame, wenngleich ungemein lustige und letztlich unterhaltende Inszenierung dieses Dramas; aber eigentlich will ich aus einer Carmen-Vorstellung erschüttert und nicht erheitert herauskommen).



    Zitat

    Keine der Textänderungen ist jedoch so gravierend das sich dadurch das Drama verändert.


    Das Drama wurde stark verändert, aber die Nachführung der Texte sehe ich sogar positiv. Denn hier wurde genau das realisiert, was ich anderen ach so neuartigen Regiekonzepten gerne vorwerfe: die Handlung neu erfinden, aber alles andere gleichlassen, was so gut wie immer zu hahnebüchener Unlogik führt, da der Originaltext sich mit den geänderten Verhältnissen schlägt. In diesem Punkt ist diese Inszenierung sehr viel geschlossener.



    Zitat

    Die ursprüngliche Handlung ( mit dem "Übersprung" von Don José, hier halt wirklich wörtlich, seine manische Besessenheit zu Carmen [ hier durch die Gleichsetzung mit einem Madonnenbildniss noch verstärkt ], der Freiheitswunsch der "Schmuggler" [ in diesem Fall die Kunstfiguren aus den Bildern inkl. der zu einer solchen gewordenen Putzfau ] durch das zerstören ihrer Bilder und somit dem loslösen von ihren Fesseln, der Faszination des "wilden, freien" [Künstlers] Escamillo usw. ) wird, in diesem neuen Kontext, absolut übertragen.


    Ich würde an deiner Stelle einmal nach einer Vorstellung beim hinausströmenden Publikum eine Umfrage veranstalten, wer das wirklich so verstanden hat, nachdem er über drei Stunden lang seine dunklen Erinnerungen an Carmen mit dem in Einklang zu bringen versuchte, was er soeben gesehen hat. ;)



    Zitat

    Es fehlt kein Wort der Geschichte, ausser den festgefahrenen und faden Gemeinplätzen die mit der Handlung an sich nichts zu tun haben ( warum MUSS Carmen Zigarettenmacherin sein --> Was stellt sie daran höher als eine Putzfrau in einem Museum? Warum MUSS das ganze in Spanien spielen --> Was an der Handlung hält das ganze davon ab in einer Phantasiewelt im verrückten, besessenen Kopf von Don José stattzufinden? )
    Das Argument das das ja so nicht im Libretto steht gilt hier nicht,...


    Man spielt die Noten der Partitur, man singt den Text des Librettos, aber die Regieanweisungen des Textbuches gelten nicht. Nein mein Lieber, das sind für mich nur faule Ausreden dafür, dass man als Regisseur dem Publikum seine eigenen Einfälle statt die der Autoren verkauft. Zumeist ist es mehrheitlich ein Ärgernis, hier war das Andersartige immerhin dennoch sehenswert.



    Zitat

    3. Dies solltest du nicht auf die Bühnenhandlung zurückführen sondern eher auf den Dirigenten.


    Darüber will ich jetzt nicht streiten. Aber das Drama auf der Bühne läuft sozusagen aus zweiter Hand ab, eine Art Spiel im Spiel. Und es fehlt schon auf der Bühne jene Spannung, die eine gute Carmen-Aufführung auszeichnet, weil der Beobachter ständig durch allerlei zusätzliche, ungewohnte optische Reize permanent von der Kernhandlung abgelenkt wird. Und auf mich wirkte eben das Dirigat mehr als Veranschaulichung dessen, was auf der Bühne abläuft, als die sich dramatisch zuspitzende Unterlage für den Bühnenthriller, der Carmen sein kann - und sein sollte.



    Ach ja, deine sehr wohlwollende Beschreibung von Kate Ladner kann ich angesichts dieser Vorstellung nicht nachvollziehen.


    Dass Don José grundsätzlich eine intensive Darstellung erfuhr, habe ich ja schon angedeutet. Leider verpufft sie aber im Wesentlichen, da man als Zuschauer ständig damit beschäftigt ist, die Gedankengänge des Regisseurs zu enträtseln, anstatt in das Stück hineingezogen zu werden. Weniger ist auf der Opernbühne entschieden mehr...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus
    Ach ja, deine sehr wohlwollende Beschreibung von Kate Ladner kann ich angesichts dieser Vorstellung nicht nachvollziehen.


    Dass Don José grundsätzlich eine intensive Darstellung erfuhr, habe ich ja schon angedeutet. Leider verpufft sie aber im Wesentlichen, da man als Zuschauer ständig damit beschäftigt ist, die Gedankengänge des Regisseurs zu enträtseln, anstatt in das Stück hineingezogen zu werden. Weniger ist auf der Opernbühne entschieden mehr...


    :hello:


    Ich hab meine Beschreibung von Kate auf die Proben bezogen, da hat sie auch besser gesungen als bei der Premiere, leider. Das sie ihre Schwächen hat ist leider offensichtlich, aber gewisse Facetten ihrer Stimme gefallen mir gut ( und für passender halte ich, ehrlich gesagt, Hyon Lee nicht wirklich, sie würde es vielleicht "sauberer" singen, aber ihr fehlt eindeutig die Intensivität für diese Rolle )


    Carmen ist eine "opera comique", eine Spieloper, zumindest bis zum 2. Finale, sag mir bitte wo du ab dann noch "Komik" in der Inszenierung siehst.
    Das diese Inszenierung nichts für "Carmen-Neulinge" ist bestreite ich nicht, aber wenn man sich immer an diesen orientieren würde, könnte man gleich auf alle Opern-Inszenierungen verzichten da dann diese Kunstform nichtssagend wird und zu einer einfachen Erzählung verkommt was ihr mMn nicht gerecht wird.


    LG

  • Zitat

    Original von Michael_Flaschberger


    Ich hab meine Beschreibung von Kate auf die Proben bezogen, da hat sie auch besser gesungen als bei der Premiere, leider. Das sie ihre Schwächen hat ist leider offensichtlich, aber gewisse Facetten ihrer Stimme gefallen mir gut ( und für passender halte ich, ehrlich gesagt, Hyon Lee nicht wirklich, sie würde es vielleicht "sauberer" singen, aber ihr fehlt eindeutig die Intensivität für diese Rolle )


    Nun ja, es ist eine Frage des Abwägens. Tatsächlich ist Micaela eine Rolle, die zumeist von lyrischen Sopranen gesungen wird, die mit den hohen, engelsgleichen Kantilenen mehr schlecht als recht zurande kommen. Schnell überschlagen dürfte Mirella Freni die letzte wirklich überzeugende Vertreterin gewesen sein (von denen, die ich gehört habe). Und das ist verflixt lange her. Da sehnt man sich geradezu danach, diese Rolle wieder einmal schön gesungen zu hören.
    Ich habe Hyon Lee einmal die Arie der Gilda singen hören. Und nach diesem beeindruckenden Feuerwerk bin ich mir ziemlich sicher, dass sie die Micaela sehr gut singen könnte (obwohl man erst dann wirklich sicher sein kann, wenn man es tatsächlich gehört hat; diese langen Kantilenen haben es in sich). Dass sie die weniger intensive Darstellerin ist, will ich nicht bestreiten. Aber bei welcher Rolle ist das leichter zu verkraften als bei Micaela?



    Zitat

    Original von Michael_Flaschberger
    1. Carmen ist eine "opera comique", eine Spieloper, zumindest bis zum 2. Finale, sag mir bitte wo du ab dann noch "Komik" in der Inszenierung siehst.


    2. Das diese Inszenierung nichts für "Carmen-Neulinge" ist bestreite ich nicht, aber wenn man sich immer an diesen orientieren würde, könnte man gleich auf alle Opern-Inszenierungen verzichten da dann diese Kunstform nichtssagend wird und zu einer einfachen Erzählung verkommt was ihr mMn nicht gerecht wird.
    LG


    1. So einfach ist das nicht. Carmen ist nicht einfach eine Spieloper, sondern zeichnet sich durch das meisterhaft gekonnte Changieren zwischen offen zur Schau getragener Leichtigkeit und innerem Drama aus. Spätestens ab Mitte des 2. Aktes tritt die Leichtigkeit zurück und die ernsten Töne überwiegen. Hier hatten wir zwei Akte lang überwiegend Klamauk. Dieser bildete quasi eine Hypothek für den Rest der Aufführung, denn man kann dann gar nicht mehr erfolgreich auf "Ernst" umschalten, zu präsent sind noch die Eindrücke der ersten beiden Akte. Außerdem kam der Beginn des 2. Bildes des 3. Aktes hinzu, wo wir die männliche Hauptfigur als Maler auf der Bühne haben, und das Geschehen im riesigen Bilderrahmen abläuft. Das war sehr originell gelöst und das Publikum hat sich hörbar amüsiert. Da konnte dann das Auftauchen unserer als Carmen verkleideter Putzfrau und der letal ausgehende Streit mit dem Maler dramaturgisch nicht mehr recht überzeugen. Es war sicherlich der dramatisch schwächste Carmen-Schluss, den ich je gesehen oder gehört habe. Der Regisseur hat die eigentlich zwingende dramaturgische Verdichtung seinem Einfallsreichtum geopfert.


    2. Ganz falsch. Genau das Gegenteil ist richtig. Der echte "Carmen-Neuling" konnte sich unvoreingenommen dieser seltsamen Geschichte hingeben. So er zuvor eine Inhaltsangabe gelesen hat, wird er sich eine Zeit lang vielleicht gewundert haben, aber dann die Inhaltsangabe als netten Versuch abgetan und sich der Geschichte gewidmet haben, die ihm da erzählt wurde. Ihm wird zwar klar geworden sein, dass das, was ihm da geboten wurde, sicher nicht alles von Bizet & Co. stammte, aber was soll's, es war letztlich ein unterhaltsamer und sehenswerter Abend.
    Auf der anderen Seite werden eher jene damit ein Problem haben, die das Stück einigermaßen gut kennen. Da schließe ich mich mit ein. Ich kenne diese Oper so gut, wie es ein reiner Amateur eben kann (schließlich steht Carmen unverrückbar auf der Liste meiner drei Lieblingsopern). Ich hänge an den Fäden meiner Erlebnisse, meiner Erknntnisse und meiner Erwartungen an dieses Werk und muss permanent versuchen, dieses Kaleidoskop neuer Eindrücke mit bisherigem Wissen in Einklang zu bringen, was in diesem Fall ein mehrmaliges Anschauen unabdingbar macht. Das halte ich für eine Schwäche einer Operninszenierung. Sie soll durchaus intellektuell reizen, wenn aber intellektuelle Durchdringung Voraussetzung dafür ist, dass man das Geschehen überhaupt fassen kann, führt sich Oper ad absurdum. Nicht umsonst sind die wirklich guten Opernstoffe sehr klar und einfach geschildert. Jede künstliche Verkomplizierung macht das Produkt in Summe schlechter.


    Deinen letzten Satz finde ich überhaupt vollkommen daneben. Oper ist vor allem Vermittlung eines emotionellen Gehalts einer Geschichte auf den Zuschauer (bzw. Zuhörer). Deshalb funktioniert Oper von der Schallplatte, deshalb funktioniert Oper auf einer fast leeren Bühne. Auch die Geschichte selbst ist gar nicht so wichtig, es geht mehr darum, wie sie vermittelt wird. Und gerade da haperte es, da mehr bunte Eindrücke als Emotion vermittelt wurden. Einer der dramatischsten Stoffe der Opernliteratur blieb einigermaßen auf der Strecke. Es war mehr die Geschichte der Wahnvorstellungen des Don José, von meinen oben angeführten Vorschlägen erscheint also Die Leiden des jungen Museumswärters vielleicht am angemessensten. Carmen - die Oper fand nicht statt.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus
    Nun ja, es ist eine Frage des Abwägens. Tatsächlich ist Micaela eine Rolle, die zumeist von lyrischen Sopranen gesungen wird, die mit den hohen, engelsgleichen Kantilenen mehr schlecht als recht zurande kommen. Schnell überschlagen dürfte Mirella Freni die letzte wirklich überzeugende Vertreterin gewesen sein (von denen, die ich gehört habe). Und das ist verflixt lange her. Da sehnt man sich geradezu danach, diese Rolle wieder einmal schön gesungen zu hören.
    Ich habe Hyon Lee einmal die Arie der Gilda singen hören. Und nach diesem beeindruckenden Feuerwerk bin ich mir ziemlich sicher, dass sie die Micaela sehr gut singen könnte (obwohl man erst dann wirklich sicher sein kann, wenn man es tatsächlich gehört hat; diese langen Kantilenen haben es in sich). Dass sie die weniger intensive Darstellerin ist, will ich nicht bestreiten. Aber bei welcher Rolle ist das leichter zu verkraften als bei Micaela?


    Für mich ist das fehlen von Intensität gerade bei einer Micaela absolut unverzeihlich. Diese Rolle lebt von ihrer inneren Enttäuschung und Hoffung, ist innerlich zerissen von der unerfüllten Liebe zu Don José, wenn diese Rolle einfach nur "schön" gesungen wird fehlt der Partie ein überaus wichtiger Teil ihrer Persönlichkeit --> Oper ist nicht nur schöne Musik, sie ist IMO Intensität pur!



    1. Der Anfang des dritten Aktes, bzw. das Vorspiel und die beiden großen Chöre, zeigen mMn in großartigster Weise den Versuch Don Josés sich in die Welt von Carmen und ihrem Gefolge einzufügen, er will sie um jeden Preis für sich gewinnen, verlässt dafür seine angestammte Rolle und will zum Künstler werden. Er scheitert offensichtlich an dem Versuch mit Escamillo gleichzuziehen und wird dafür von den Kunstfiguren im großen Raum des Museums ausgelacht, was ist daran Klamauk?


    2. Diese Inszenierung ist deshalb für "Carmen-Einsteiger" nicht geeignet da man, um sie zu verstehen, die Grundlagen der Handlung wissen muss. Ohne diese verkommt es, wie du richtig sagst, zu einem Bilderrätsel ohne sichtlichen Zusammenhang.
    Aber selbst dies reicht nicht, um sich darin einzuleben braucht es nunmal die Offenheit und unbefangenheit die dir offensichtlich fehlt. Wenn man die Oper nur als Zigeunerdrama sehen will wird man enttäuscht sein --> "Self-fulfilling Prophecy"


    Ich komme gerade von der 3. Vorstellung und kann dir in dem Punkt absolut zustimmen, dass man die Inszenierung beim ersten Ansehen nicht verstehen kann, nur sehe ich das nicht als Schwäche sondern ganz im Gegenteil. Ich brauche bei einem Opernabend Intelektuelle Ansprüche, am liebsten will ich noch 2 Wochen später darüber nachdenken wie er dies nun gemeint hat ( solange es einen Bezug zum Stück hatte ), darin liegt auch, glaube ich, der Hauptunterschied zwischen uns. Ich will mich nicht 3 1/2 Stunden berieseln lassen und dann nach einem hübschen Abend nach Hause gehen, ich will gepackt und mit Fragen überworfen werden, erst dann bin ich zufrieden, wenn dies nicht so ist halte ich dies für einen Fehler der Inszenierung.


    Wenn man nur Augen für das bunte und offensichtliche hat wird man nie hinter die Grenzen blicken können sondern ewig in seiner kleinen, eingebildeten und vielleicht sogar für sich idealen Welt eingeschlossen bleiben und nie neues, großartiges entdecken, wenn dies dein Wunsch ist entschuldige ich mich dafür das ich überhaupt angefangen habe zu diskutieren, jedoch ist dies für mich eine absolut unmögliche Lebensweise die ich nie führen möchte. Die Oper ( wie auch das Leben ) lebt vom neuen, interessanten nur braucht man, um dies zu verstehen, Phantasie und Offenheit die leider vielen Zusehern fehlt.


    LG,
    Michael

  • in der frankfurter oper ... bin immer noch ganz benommen von dieser GRANDIOSEN musik und aufführung der o.g.oper ... :jubel:


    welche berührende, wunderschöne, ergreifende und zu tränen-rührende musik. ein wirkliches erlebnis (bis auf zwei dämliche regieeinfälle) ...aber unbedingt jedem aus ffm und umgebung zu empfehlen


    alles in allem eine wunderbare interpretation ...vor allem die stimmen: ein fest ...


    mal wieder ein hoch auf ffm!!!! ... :jubel: :jubel: :jubel:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Madame Butterfly in der Bayerischen Staatsoper


    Mit Spannung hatte ich dem Auftritt des hochgelobten Tenors Zoran Todorovich entgegen gesehen, der mir bisher nur durch seine Kollegen-Schelte zu Lasten von Anna Netrebko und Luciano Pavarotti bekannt war. Nun, die Ausnahmekünstlerin Anna Netrebko ist selbstkritisch genug, und sie gibt immer ihr Bestes. Nach dem, was an diesem Abend in München zu hören war, kann man das von Todorovich leider nicht ohne weiteres sagen. Beim ersten Auftritt ("Dovunque al mundo") wurde die in den Höhen feste und ziemlich gepreßte Stimme von den Bläsern gnadenlos zugedeckt. Der Sänger hatte es nicht leicht mit einem Orchester, das Frederic Chaslin streckenweise überlaut agieren ließ, anstatt die Singstimmen zu stützen, wie etwa beim bewegenden Auftritt der Butterfly ("Ecco! Son guinte al sommo del pendio"), als die durchsichtige Begleitung Gesang von fast überirdischer Schönheit zuließ.
    Todorovich kam allerdings noch im ersten Akt besser in Schwung. Im Schlußduett "Vogliatemi bene" zeigte sich, welche Möglichkeiten in diesem Sänger stecken, so daß man mehr als versöhnt in die Pause ging.


    Das ebenso begeisterungsfähige wie sachkundige Münchener Publikum verteilte den Beifall angemessen. Todorovich erhielt etwa den gleichen Applaus wie die famose Heike Grötzinger (als Dienerin Suzuki) und der gleichermaßen überzeugende Bariton Franco Vasallo (Konsul Sharpless). Dafür wurde die überragende Angela Maria Blasi für ihre große Gesangs- und Darstellungskunst zu Recht bejubelt, zum Schluß mit stehenden Ovationen. Man könnte sagen, daß die Rolle der Butterfly ihrer Stimme entgegen kommt. Aber es ist mehr: Angela Maria Blasi geht in der Rolle ganz auf; sie ist Cio-Cio-San. Gesang von solchem Wahrheitsgehalt berührt zutiefst.


    Höchst erfreulich für den "konservativen" Opernfreund, der nichts anderes als das Werk des Komponisten und des Textdichters hören und sehen möchte, war die werktreue Inszenierung. Bühnenbild und Kostüme konturierten Handlung und Figuren in optimaler Weise. So könnte die Oper als solche ohne überhebliche oder an den vermeintlichen Zeitgeschmack anbiedernde Regietheater-Experimente das Jahrhundert überdauern.

  • Hans Neuenfels hat für mein Empfinden immer sehr kluge Inszenierungen gemacht, die von einer intensiven Beschäftigung mit den Stücken zeugen. In den letzten Jahren wurden die Neuenfels-Interpretationen etwas zurückhaltender, als ich das von ihm gewohnt war: "Die Sache Makropoulos" in Stuttgart, "Fidelio" in Hamburg und "Lady Macbeth" in Berlin seien hier erwähnt, es sind die Produktionen, die ich selbst gesehen habe.


    Jetzt, bei der "Zauberflöte" ist sie wieder da, diese Kraft, die Neuenfels-Inszenierungen so einzigartig machen.


    Und das bei einem Stück, das wohl alle Opern-Besucher gut kennen - oder vermeintlich gut zu kennen glauben.


    Die auffälligste Veränderung ist vermutlich die Textfassung - Neuenfels hat die gesprochenen Stellen neu arrangiert und ergänzt (vergleichbares kennt man vom "Fideilio" oder "Freischütz"). Zum einen umgeht er damit die schwierige Situation, dass die Opernsänger oft genug mehr schlecht als recht Dialoge sprechen müssen, er gewinnt aber auch neue Freiräume, um etwas über die "Zauberflöte" (ein Machwerk?) zu erzählen: über Abhängigkeiten, Freiheit, Autonomie der Figuren.


    Die Grundidee ist relativ einfach und sieht auf der Bühne besser aus, als sie sich liest: eine Regisseurin (Elisabeth Trissenaar) und zwei "Gehilfen" greifen in das Geschehen ein, übernehmen unterschiedliche Rollen, sind gleichzeitig handelnde und kommentierende Personen, sie sind Drahtzieher, aber gleichzeitig auch wieder gefangene ihrer eigenen Persönlichkeit - das ist spannend mitanzuschauen und eröffnet tatsächlich neue Blickwinkel auf einen alten Stoff.


    Die Bühne ist relativ karg eingerichtet - kein realer Raum, eher ein innerer - mit Türen links und rechts, Sprossenleitern an den Wänden und einem kleinen Theatervorhang hinten.


    Die Menschen, die sich in diesem Szenario bewegen, sind allesamt beschädigte: Papageno - mit einer grossen Vogelklaue, statt einer Hand, Sarastro, wohl herzkrank und gehbehindert, Tamino, ein unsicherer Jüngling mit dicken Brillengläsern, die Königin, die sich ganz konkret in ihre Bestandteile auflöst, die Priester, die es mit dem geschlechtlichen schwer haben...


    Bemerkenswert der Papageno: einer, der nicht weiss, wo er hingehört, der an sich selbst scheitert und doch so gerne einfach nur geliebt werden möchte. Sein "Ein Mädchen oder Weibchen" ist hier kein lustiges Lied: die Gehilfen bringen immer neue Vögel zu Papageno, decken ihn damit fast zu - so, als wäre er kein richtiger Mensch. Papagena sieht zwar völlig gleich aus wie Papageno, wird aber ihren hochschwangeren Bauch im berühmten Duett öffnen und heraus rieselt Sand: auch hier wird Papageno wieder um sein Lebensglück betrogen.


    Dem "hohen Paar" ergeht es allerdings nicht besser. Tamino wächst an den Prüfungen, er lernt, sich was zuzutrauen, schafft es sogar, seine dicke Brille am Ende aufzubehalten (die er vorher immer hektisch herunternahm, wenn Pamina auf der Szene auftauchte) - aber ob diese Verbindung halten wird? Zweifel sind erlaubt: so dicht die beiden beieinander stehen - die Entfernung zwischen ihnen scheint riesig.


    Die Königin: die erste Arie eine Entäusserung, sie reisst sich die Brust auf, die Hand ab, die Haare vom Kopf - sie ist in Auflösung begriffen. Die zweite Arie dann: Rache pur - die Frau scheint nur noch aus Messern zu bestehen, die sie sich überall aus der Kleidung herauszieht.


    Männlichkeit, Weiblichkeit wird immer wieder zum Thema - auch im Wechsel der Geschlechteridentität.


    Der Sprecher, dem Tamino begegnet, ist ein überdimensionierter Priester, der sehr katholisch wirkt und sich als Tunte outet. Am Ende der Szene wird ein weissgeschminkter Diskusswerfer diesem Priester seinen Diskus als Heiligenschein leihen.


    Die Zauberflöte ist hier ein riesiger Phallus, die Glöckchen die dazu passenden Silberhoden.


    Sarastros Volk erinnert an ein Heer von Blinden, die Priester mit ihren Keuschheitsgürteln an Maschinenmenschen. Die Geharnischten versuchen mit der aufgeladenen Situation durch autoerotische Gesten umzugehen.


    Die drei Knaben werden als Marionetten der "Gehilfen" gezeigt, die am Ende in eine etwas merkwürdige Freiheit verschwinden. Zu Beginn haben sie graue Bärte und sehen so altklug aus, wie ihre Weisungen tatsächlich sind, sie verändern sich dann zu blausamtenen Internatsschülern und in hellbefrackte Zirkusdirektoren.


    Am Ende wird Sarastro geradezu zwangsläufig in seinem Rollstuhl einen letzten Herzanfall nicht überleben. Das Volk versucht sich an einer neuen, eher den Franzosen zugeschriebenen, Leichtigkeit des Seins, während die beiden Paare einer unsicheren Zukunft entgegensehen.


    Es ist eine spannende Inszenierung geworden, eine, bei der das Hinsehen viel Spass macht und die eigenen Assoziationen angeregt werden. Ich bin kein Mozart-Fan - aber diese "Zauberflöte" würde ich gerne nochmal ansehen.


    Sängerisch herausragend: Jens Larssen als Papageno und Maria Bengtsson als Pamina. Markus Poschner dirigierte einen zügigen, klaren Mozart - der historischen Aufführungspraxis angenähert (inklusive der Verwendung von Naturhörnern), der mir viel Freude bereitet hat.


    Am Ende die zu erwartenden "Buh-Rufe" für das Regieteam (von den Darstellern musste auch Elisabeth Trissenaar unberechtigterweise welche einstecken), vor allem für Neuenfels, der es zurecht gelassen nahm - er ist immer noch eine der wichtigsten Stimmen im Bereich der (Opern)Regie.

  • Wer heute in eine Opern-Inszenierung von Hans Neuenfels geht, der weiss, dass er Neuenfels sehen will, und die Oper selbst eigentlich nur Nebensache ist.
    Wenn das jeder weiss, dann ist es ja gut so. Meistens wissen es ja auch die Buh-Rufer,
    und die gehoeren bei Neuenfels auch zum Spektakel. Neuenfels wuerde vielleicht eine Krise bekommen, wenn niemand buhte ...
    Bisweilen sind auch diejenigen zufrieden, die eigentlich die Oper sehen wollen und in eine Neuenfels-Inszenierung gehen; wie bei mir der Fall, als ich seine Putzfrau-Aida in Frankfurt sah.
    Allerdings habe ich nicht kapiert, was eine kluge Inszenierung ist.

    Stefan

  • Lieber Shiral,


    die Salzburger "Fledermaus" kenne ich nur von Bildern und in Teilen des Rundfunkmitschnitts - zur Inszenierung kann ich deshalb nichts sagen.


    Gruss

  • Lieber Stefan,


    ich möchte kurz auf Deinen Beitrag eingehen. Mich stört die Unterstellung, es ginge bei einer solchen Inszenierung wie die der Berliner "Zauberflöte" um ein "Spektakel", bei der die Oper selbst "Nebensache" ist. Das sagt sich so leicht und schützt eventuell auch davor, sich mit einer solchen Produktion auseinandersetzen zu müssen. Gerade die Regisseure, die ausgetretene Pfade verlassen, nehmen die von ihnen verantworteten Stücke sehr ernst und inszenieren nicht auf den "Skandal" hin. Wie das Publikum die Inszenierungen aufnimmt, hängt oft an der Frage, welche Sehgewohnheiten existieren - unbekanntere Stücke gehen auch in nicht konventionellen Bildern viel eher ohne Protest über die Bühne als eine "Zauberflöte" (so musste Neuenfels bei "Makropulos" faktisch keine Buhs entgegennehmen - und Ruth Berghaus erschrak geradezu, als sie beim gleichen Stück in Frankfurt nur mit Jubel vom Publikum empfangen wurde). Ebenfalls würde ich empfehlen, mal mit Betroffenen zu reden, wie das ist, wenn der ganze Saal seine Empörung gegen die eigene Person richtet - kein so schönes Gefühl...


    Eine kluge Inszenierung ist für mich eine, die z. B. das Stück ernst nimmt, versucht, es neu zu befragen und mir etwas über uns und unsere Zeit und Gesellschaft mitteilt. Ich sags ganz ehrlich: Opernmuseum ist nicht mein Ding.


    Gruss

  • Lieber Alviano,
    dass Neuenfels & Co die Oper ernst nehmen, wage ich hier einmal zu bezweifeln, denn für viele Vertreter des Regietheaters ist's doch geradezu chic, im Vorfeld der PR nimmermüde zu betonen, welcher Mist das Werk, dessen sie sich huldvollst anzunehmen geruht haben, doch eigentlich ist. (z.B Barrie Koski anlässlich des Wiener "Lohengrins" oder vor etlichen Jahren Ken Russel bei "Margarethe") Die meisten Zuseher sind außerdem intelligent genug aktuelle gesellschaftliche Bezüge etc. selbst herzustellen, dazu braucht's keinen Regisseur, der einem permanent den Holzhammer auf den Kopf drischt.
    Dass das "Leben ein (Macht)-Kampf und jeder Mensch Gefangener seiner Obsessionen"ist, wäre mir zum "Otello" auch ohne Christine Mielitz eingefallen und auch ohne Boxring und Käfigwände auf der Bühne. Allerdings wäre mir dazu auch noch Liebe eingefallen, auf diesen offensichtlich abwegegigen Gedanken kam Ch.M. nicht.
    Nicht jeder Mensch verfügt außerdem über Zeit und vor allem Geld, sich eine Produktion so oft anzusehen, bis das letzte Regierätsel gelöst ist. (In Wien sind wir dank unserer Stehplätze da ja privilegiert, denn ich z.B. könnte mir sicher keine 60 Vollpreiskarten im Jahr leisten.) Eine Regie, die ich erst nach Studium von 50 Seiten Programmheft verstehe, verfehlt meiner Meinung nach ihren Zweck. Aber das ist jetzt natürlich ein Denkfehler meinerseits, denn heutzutage ist die Regie ja der Selbstzweck. (Man beachte nur die Presseaussendung der nächsten Bregenzer Festspiele: Regisseur und Ausstatter werden penibelst genannt, aber kein einziger Sänger...)
    Natürlich gibt's auch moderne Regisseure, deren Arbeiten mich faszinieren, z.B. Willy Decker oder Martin Kusej, weil die eben nicht permanent den Holzhammer schwingen und das ihnen anvertraute Werk nicht verunglimpfen.
    Zu "Opernmuseum" fällt mir nur ein: Erwartest du auch beim Besuch einer Galerie, dass die Gemälde übermalt (bzw. umgemalt) werden?? Schließlich zieht sich heute doch kein Mensch mehr so öde an wie Mona Lisa und für diverse Martyrien haben wir doch auch zeitgemäßere Methoden.... 8) :beatnik:
    Liebe Grüße von Severina

  • Hallo schiral,


    szenisch und musikalisch war diese "Fledermaus" vorsichtig formuliert nicht gerade werkadäquat, aaaaber:


    allein die Reaktion der sich zu Puterröte aufplusternden Geldsäcke und ihrer Begleitschachteln war es wert, diese von Anfang an als Abschlachtung eines österreichischen Nationalheiligtums konzipierte Neuenfels-Inszenierung auf die Salzburger Festspielbühne zu bringen. Unter dem Motto: "So rächt sich Gérard Mortier"...


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Alviano,
    das Wort Spektakel hat im Deutschen heute einen negativen Beigeschmack, den ich nicht treffen wollte.
    Ich will auch kein Opernmuseum. Dann braeuchte man kein Neuinszenierungen mehr und die Oper wuerde wirklich aussterben. Da sind wir uns ziemlich einig.
    Um eine Oper "modern" zu inszeniern, muss trotzdem der Einklang mit der Musik und dem Libretto gewahrt sein, und vor allem muessen die Mitwirkenden auch von dem ueberzeugt sein, was sie auf der Buehne machen (sollen). Sie duerfen nicht nur Spielball des Regisseurs sein. Im Theater, und dazu gehoert die Oper auch, muss der Darsteller sich in seiner Haut auch wohl fuehlen. Das ist haeufig fuer eine Saenger noch schwieriger als fuer einen Schauspieler.
    Ich gehe noch einmal auf die Putzfrau-Aida ein: das war schon ein Spektakel, und dort hat das vieles gestimmt, und die Personenfuehrung sowie die musikalische Umsetzung waren gut. Damals wurde ganz schoen gebuht, mittlerweile sehen das die Leute positiv, und Neuenfels hat soviel Erfahrung mit seinen Neu-Inszenierungen, dass er sicher ueber fehlende Buhs erstaunt waere.
    Aber, ich bleibe dabei: wenn man Neuenfels als Regisseur engagiert, dann will man von ihm eine Inszenierung "a la Neuenfels", und dann bleibt die Oper aus der Sicht der Werktreue schon etwas Nebensache. Das ist aber doch garnicht so schlimm, wenn man fuer das Spektakel, das einen erwartet, offene Augen und Ohren hat und aus ihrem ueblichen Denkschema herausgebracht werden will.


    Gruss,
    Stefan

    Stefan

  • Lieber Stefan,
    ich bezweifle ein bisschen, dass das Regietheater die Oper "rettet", denn dann müssten gewisse Vorstellungen ja gestürmt werden, aber das Gegenteil ist der Fall. Bei unserem "Lohengrin" kannst du dich am Stehplatz (immerhin 500 Plätze!) hinlegen, so leer ist er, und die Restoper ist nur dank Abos und Touristen einigermaßen voll. Dass Wien eine Auslastung von 96,xx Prozent hat, liegt nicht an den tollen (egal ob modern oder antiquiert) Aufführungen, sondern eben an den Touristen, für die ein Besuch der Wiener Oper einfach "dazu gehört". Aber das ist ein anderes Thema.
    Ja, wenn moderne Regie Musik und Libretto NICHT vergewaltigt, habe ich auch nichts dagegen, aber diese Schere gelingt in meinen Augen nur äußerst selten. (ein gelungenes Beispiel ist für mich Kusejs Berliner "Carmen") Leider gelingt es mir auch nicht, die Oper als "Nebensache" zu betrachten, wie du es bei Neuenfels-Produktionen empfiehlst, denn in der Oper geht es mir auschließlich eben um die Oper. Um die Musik, um es ganz genau zu sagen, weshalb ich mir bei gewissen Inszenierungen automatisch einen Hörplatz nehme. Das spart Geld und Nerven! ;)
    Schöne Grüß, Severina

  • Ist es möglich, eine Inszenierung des Katalanen Calixto Bieito unvoreingenommen zu besuchen? Schon im Vorfeld werden wilde Gerüchte verbreitet, was auf der Bühne zu sehen ist - und wie schrecklich das alles ist.


    So war es auch in Basel - die Erwartungen (welcher Art auch immer) waren enstsprechend.


    Ganz sicher bin ich mir nicht - aber ich glaube, ich habe inzwischen alle Bieito-Inszenierungen im deutschsprachigen Raum gesehen und er hat es auch diesmal wieder geschafft, dass ich ab einem bestimmten Punkt völlig von seiner Inszenierung gefangen genommen wurde.


    Im Untertitel wird das Stück als "surrealistisches dramatisches Gedicht" angekündigt - und es gibt viele Szenen, die tatsächlich (auch, aber nicht nur) surreale Albtraumbilder sind.


    Wenn sich der Vorhang hebt, sieht man angedeutet die Bahnhofshalle des Atocha-Bahnhofs in Madrid, jenen Ort, wo im März 2004 rund 200 Menschen einem Selbstmordattentat zum Opfer fielen. Auf Fernsehmonitoren werden Bilder von Überlebenden eingeblendet, in der Mitte der Bühne steht im Gewand eines katholischen Priesters ein schwarzer Todesengel. Er wird Ketterauchend das gesamte Geschehen begleiten und wirkt nach der Pause eher wie ein faschistischer Soldat. Über der Szene in grossen Buchstaben der Name Felippe II, eines Königs, dessen Weg viele Leichen pflastern.


    Carlos sieht aus wie ein Jugendlicher unserer Tage, mit Parka und Rucksack.


    Elisabeth erscheint als eine Frau, auf der eine grosse Verantwortung lastet - sie ist Madonna und Mutter, aber keine passende Geliebte für Carlos.


    Das Volk verlangt auf einem Spruchband "Freiheit", Elisabeth opfert sich durch die Heirat mit Felippe II., um den Menschen Frieden und Freiheit zu schenken.


    Die Klosterszene spielt in einer Schule: Carlos drückt die Schulbank, ein Mönch, der wie ein Bilderbuch-Christus mit goldener Dornenkrone aussieht, kennt nur eine Wahrheit: Gott allein ist gross. Diese Haltung wird Carlos mit einer Gerte vom Mönch eingeprügelt.


    Posa erscheint, ein Idealist, ganz in weiss. Er wird im grossen Duett mit Felippe II. die Leichen ausgraben, die unter dem Garten des Königs vergraben sind. Aber als es ihm opportun erscheint, sich mit Felippe II. gut zustellen, verscharrt er den Kadaver wieder.


    Eine wichtige Drahtzieherin, schon zu Beginn: die Eboli. Die Gespräche zwischen Posa. Elisabeth und Carlos werden von ihr im Stil einer Mittagstalkshow moderiert.


    Das Autodafé ist ein Volksfest, wirkt ein wenig wie WM auf spanisch, die Geistlichen - überlebensgross - karren immer mehr Ketzer heran, die von Militärpersonal, wie es das auch in Abu Ghuraib und Guantanamo gibt, entkleidet werden.


    Die Monitore verkünden: "Gott ist mit dir".


    Nach dem letzten Ton (es sind nur noch die Ketzer und der Todesengel auf der Bühne) verliest der Todesengel Teile aus Gedichten von Lorca. Erstaunlicherweise ist das die Szene, die das Publikum am wenigsten erträgt.


    Nach der Pause sind die Ketzer noch in der selben knienden Position auf der Bühne, ein Bett in der Mitte, links eine Badewanne.


    Während Felippe II. seine auch emotionale Einsamkeit beklagt, vergewaltigt er seine Ehefrau, die es puppenhaft geschehen lässt und der Todesengel massakriert die Ketzer.


    Nach vollführtem Geschlechtsakt lässt sich Felippe II. von der Eboli baden, trösten und mit einer Perlenkette den Rücken blutig peitschen.


    Der Grossinquisitor ist ein schmieriger Gaunertyp, eine Art Buchhalter des Todes.


    Die Eboli versucht durch das Geständniss ihres Verrates Elisabeth für sich zu gewinnen. Aber diese ist nicht mehr sie selbst, wohl wahnsinnig, auch sie. Sie reisst Eboli beide Augen heraus und verspeist diese triumphal. Im nächsten Bild wird Eboli als Werkzeug des Grossinquisitors Posa als Märtyrer zu Tode foltern.


    Im letzten Bild legt Elisabeth Carlos den Sprengstoffgürtel um: ein verzweifelter Versuch, die Freiheit herbeizubomben, der aber nur neue Opfer und neues Leiden bringt. Triumphierend steht der Todesengel auf der brennenden Bühne.


    Es ist ein beklemmender Abend, einer, dessen Bilder verfolgen, nicht loslassen und in ihrer Radikalität ihresgleichen suchen.


    Gesungen wurde solide - darstellerisch wurde ausserordentliches geleistet. Besonders hervorzuheben: Leandra Overmann als Eboli, einer Sängerdarstellerin der Sonderklasse. Die Vehmenz ihrer Darstellung macht Schwächen im Gesang vernachlässigbar. Wie sie ihre grosse Arie präsentiert, ist unglaublich - vor allem auch, weil sie um des Ausdrucks Willen z. B. stimmliche Schärfen in Kauf nimmt.


    Chor und Orchester boten gute Leistungen. Das Dirigat von Balázs Kocsár hätte etwas flotter und zugespitzter sein dürfen - immerhin sorgte er für einen weithin guten Zusammenhalt mit der Bühne.


    Der Abend war für Calixto Bieito ein Erfolg: die Buh-Rufe gingen im zustimmenden Beifall unter. Es tut schon auch gut, mal zu erleben, dass es ein Publikum gibt, dass bereit ist, einen solchen Weg im Musiktheater mitzugehen.

  • Liebe Severina, lieber Stefan,


    eigentlich gehören diese Beiträge ins "Opernforum", da gibt es ein Thread über Inszenierungen. Da ich euch trotz kleiner Bedenken antworten möchte, ziehe ich mal dahin um.


    Gruss

  • Einstmals ein echter Kassenschlager, ist es etwas stiller geworden um das "Tiefland", allerdings nie so, dass das Stück gänzlich in der Versenkung verschwunden wäre. Immer wieder kann man mal eine Aufführung erleben, so wie jetzt gestern am Opernhaus Frankfurt.


    Das beste war in Frankfurt die musikalische Seite: der designierte Frankfurter GMD Sebastian Weigle lieferte einmal mehr einen Beweis dafür ab, wie lebendig und bewegend er Musik zu interpretieren vermag. Sowohl die ruhigeren Naturbilder, wie auch die veristisch aufblühenden Passagen waren bei ihm in guten Händen. Und: er dirigiert sehr sängerfreundlich, umsichtig - macht Spass.


    Die Inszenierung war zumindest unterhaltsam, die Personenführung gut, allerdings kam der Schauspielregisseur Anselm Weber über eine reine Bebilderung der Story nicht hinaus.


    Zu Beginn sieht man ein schwarz-weisses Bergpanorama, eine Art Postkarte mit einer runden Öffnung für Pedros Höhle, daran angebracht ein Kleiderhaken und verschiedene Luken für diverse Gegenstände.


    Wenn die Szene ins Tiefland wechselt, finden wir uns in einer modernen Mühle von heute wieder - ein Banner fordert auf spanisch: "Arbeit für alle!", Moruccio ist vermutlich nicht nur der Vorarbeiter oder Abteilungsleiter, sondern auch der Betriebsratsvorsitzende im Betrieb "Sebastiano und Co". Die drei Frauen sind Arbeiterinnen, Nuri vielleicht eine Auszubildende.


    Das schaut sich alles ganz nett an - aber das wars dann auch.


    Wenn am Ende Sebastiano seine eigene Hochzeit plant, wird ein Plastikmodell der berühmten "Moulin Rouge" hereingetragen und leichtbekleidete Tänzerinnen wiegen sich im Takt der Musik, klar: Mühle und Sünde = Moulin Rouge, wenn ich ehrlich sein darf: ein Tiefpunkt.


    Bin gespannt, wie es in einem halben Jahr in Wiesbaden aussieht - da gibt es die nächste Neu-Inszenierung vom "Tiefland".

  • Hallo, Alviano!
    Hast du die Hartmann-Inszenierung von "Tiefland" in Zürich gesehen? Die hätte dir vielleicht gefallen. Ich war noch nicht drin, aber meine Freunde haben mir berichtet.
    Ich komme eben vom "Don Carlo" an der WSO. Die schon ziemlich betagte Inszenierung (Pizzi) ist sogar mir zu verstaubt, da kam akute Sehnsucht nach dem franz. Carlos von Konwitschny auf. (Außerdem finde ich die 5-aktige Fassung generell besser) Begeistert war ich von Simon Keenlyside als Posa, sowohl stimmlich als auch darstellerisch, und Luciana D'Intinos fulminanter Eboli. Die Elisabetta sang die mir bis dato unbekannte Russin OLga Guryakova, gefiel mir ebenfalls sehr gut.
    Jose Cura wurde nach der ersten Vorstellung wohl ziemlich ausgebuht. Heute sang er für seine Verhältnisse sehr kultiviert, aber ich bin nun einmal kein Cura-Fan. Ich habe bei ihm immer das Gefühl, er singt mit mindestens drei Stimmen.....
    Liebe Grüße aus Wien, Severina

  • Hallo Severina,


    ohhh, Du sollst mich doch nicht in Versuchung führen... :D


    Über das "Tiefland" in Zürich habe ich mittlerweile einiges gelesen und auch Bilder gesehen - das täte mich schon interessieren.


    Jetzt überlege ich tatsächlich, dank Deines Hinweises, ob ich im nächsten halben Jahr nochmal Zürich machen soll. Verbunden mit einem zusätzlichen Tag für einen Stadtbummel... Könnte mich schon reizen.


    Da ich hier auch wieder so kleine Informationen über die Wiener Staatsoper bekomme, vielleicht sollte ich mir auch mal wieder ein verlängertes Wochenende in Wien gönnen, dann aber eher zum Sommer hin.


    Meine Leute lachen immer alle, wenn ich sage, dass ich nicht gerne verreise - was stimmt! Weder schätze ich es, meine Siebensachen in einen Koffer zu packen (gerade jetzt im Winter, wo auch warme Sachen hilfreich sein können...), noch, länger Zug zu fahren - und Hotelzimmer finde ich oft ganz grässlich.Trotzdem: wenn ich erstmal "vor Ort" bin habe ich schon auch viel Freude an meinen Ausflügen, sonst würde ich es wohl auch nicht machen. Als ich Ende November in Basel war, konnte ich Mittags in der Sonne am Rhein sitzen, herrlich.


    Gut, zu Cura wollte ich noch was sagen: als ich den das erste Mal gehört habe, dachte ich auch, da ist mal wieder eine Tenorstimme, die überdurchschnittlich ist. Leider hält auch er nicht immer, was ich mir von ihm versprochen habe. In Berlin hätte ich Gelegenheit gehabt, ihn entweder als Canio oder Turiddu zu hören (der andere Tenor war Peter Seiffert) - aber es hat mich dann doch nicht gereizt: ich war z. B. von seinem Samson unter Davis eher entäuscht, so dass ich gezögert habe, mir mal einen Live-Eindruck zu verschaffen.


    Bei allen Einwendungen, die man gegen Konwitschny finden kann: er ist einer der besten Regisseure unserer Tage - seine Inszenierungen sind klug durchdacht und die Interaktionen der handelnden Personen oft spannend wie ein Krimi - gerade sein "Carlos" bietet da hinreichend Beispiele für. Ich weiss nicht mehr, welches meine erste Konwitschny-Inszenierung war - aber sein "Rosenkavalier" in Hamburg war eine meiner ersten - und die fand ich absolut genial.


    Als ich Deine kurze Anmerkung zu Pizzis "Carlos" gelesen habe, musste ich wieder an Bieito denken: der sagte in einem Interview sinngemäss, dass eine Theateraufführung alles darf, nur eines nicht: langweilen!


    Soviel für heute, herzliche Grüsse nach Wien

  • "Schlimmer als der Dirigentenwechsel ist die Tatsache, dass innerhalb des Orchesters ständig die Musiker wechseln. Wenn heute mit dem Orchester probiert wird, davon wissen die Musiker, die einen Tag später im Graben sitzen, nichts. Und es beginnt alles wieder von vorn. So etwas gibt es nur in Deutschland und in Wien Wir Sänger aber sind sechs Wochen hier, wir sind ja überprobiert. Ich finde, man verliert bei dieser langen Probenphase zu viel Energie"


    Sängerin Sophie Koch, Charlotte der WERTHER-Premiere in München am 16.12. in einem Interview mit dem Münchner Merkur vom 14.12.2006


    Diese Unsitten sind ja schon längst bekannt, aber niemand, auch die feigen Intendanten und Kulturpolitiker, unternimmt etwas dagegen.Es zeigt sich wieder einmal, dass die wahren Herren unserer Opernhäuser die Personalräte, Chor- und Orchestervorstände und - in Deutschland - die Gewerkschaft ver.di sowie die Deutsche Orchestervereinigung sind

  • Zitat

    Original von schiral
    So etwas gibt es nur in Deutschland und in Wien


    Diese Unsitten sind ja schon längst bekannt, aber niemand, auch die feigen Intendanten und Kulturpolitiker, unternimmt etwas dagegen.Es zeigt sich wieder einmal, dass die wahren Herren unserer Opernhäuser die Personalräte, Chor- und Orchestervorstände und - in Deutschland - die Gewerkschaft ver.di sowie die Deutsche Orchestervereinigung sind


    Bevor mal wieder die sicherlich nicht schuldlosen Gewerkschaften für alles Übel dieser Welt verantwortlich gemacht werden: Dass die geschilderten Vorgänge insbesondere "in Deutschland und Wien" gang und gäbe sind, ist vor allem eine Folge des hierzulande hochgehaltenen Repertoiresystems, bei dem das Orchester teilweise mehr als 300mal im Jahr im Graben sitzen muss. Wenn es nur 120 Vorstellungen pro Saison gäbe (wie in anderen Ländern), könnte auch im Gewerkschaftsparadies Deutschland öfter mal die gleiche Besetzung im Graben antreten.


    Bei den Wiener Philharmonikern ist das ständige Wechseln außerdem gewissermaßen Bestandteil der Orchesterkultur. Das wird positiv als "Flexibilität" verkauft. Dagegen sind schon viele Dirigenten angerannt, auch Mortier hat es in Salzburg mit sehr geringem Erfolg versucht. Harnoncourt hat m.W. in Salzburg durchgesetzt, bei den Wiener Philharmonikern immer mit der gleichen Orchesterbesetzung arbeiten zu können.


    Abgesehen davon probieren die Sänger vielleicht relativ lange vor den Premieren - aber sonst? Naja.


    Viele Grüße


    Bernd