Salzburg, Festspiele, "Roméo et Juliette", 3.8.2008

  • Hallo Giselher


    Zitat

    Original von GiselherHH
    ... und z.B. in den Fechtszenen gut choreographiert. Da habe ich in deutschen Repertoirevorstellungen schon wesentlich schlechter ausgefochtene Duelle gesehen. ...


    Im Prinzip natürlich nicht falsch, in Wirklichkeit aber DIE Untertreibung des Tages. Die Fechtszenen waren nicht gut choreographiert, sondern in Entwurf UND Ausführung einfach sensationell und jeden Superlativ wert, der einem dazu einfallen kann. Hat irgendjemand auch nur ähnlich gute Fechtszenen jemals live auf der Opernbühne gesehen?



    Falk Struckmann hat gut gesungen, aber mehrmals hat man (für mich) unschöne Wechsel in der Stimmfarbe gehört und einige Phrasen gerieten doch etwas unflexibel. Entweder ist er da noch ein wenig auf dem Weg in die (ungewohnte?) Rolle, oder seine überwiegende Beschäftigung mit wesentlich schwereren Rollen hat bereits bleibende Folgen hinterlassen. Es zeigt aber das insgesamt nahezu außerordentliche Niveau der Sängerbesetzung, wenn Struckmann mit dieser Leistung fast etwas negativ auffiel. Auf der anderen Seite hat man einen absolut großartigen Frère Laurent von Mikhail Petrenko gehört. Von diesem Mann möchte ich ganz spontan einen Pater Guardian hören!



    Dirigent und Orchester? Ich will da keine Lobeshymnen verströmen lassen, aber auch das waren für mich Pluspunkte der Aufführung. Ich hörte eine wunderbare Synthese von Bühne und Graben ohne negative Aspekte und einigen wirklich schönen Momenten. Diese Leistung sollte man in ihrer ohrenfälligen Selbstverständlichkeit nicht zu gering achten. Das Dirigat im Vorspiel war dir zu "knallig"? Wie hätte er deiner Meinung nach die Vergewaltigungsszene auf der Bühne begleiten sollen? Schön fein lyrisch? Also bitte...



    Noch ein paar Worte zu Bartlett Sher. Allein die Figur der Julia war höchst detailliert ausgearbeitet, fast zu filigran für eine Opernaufführung und ganz klar die Videoaufzeichnung berücksichtigend, die allein diese Feinarbeit für alle sichtbar macht. Das erste Duett Julia-Romeo z.B. war vom Bewegungsablauf auf der Bühne regelrecht choreographiert und die Interaktion der beiden Sänger vorbildlich.
    Dies rein den schauspielerischen Leistungen der Sänger gutzuschreiben ist geradezu ein Affront der blitzsauberen Regieleistung gegenüber. Diese ist im Gegenteil sehr fein ausgearbeitet, stellt sich aber immer in den Dienst des Stücks und spielt sich (fast) nie in den Vordergrund. Und für Leute, die nicht genau genug hinschauen, ist das dann einfallslos. Die Welt ist schon ungerecht...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • [. Die Fechtszenen waren nicht gut choreographiert, sondern in Entwurf UND Ausführung einfach sensationell und jeden Superlativ wert, der einem dazu einfallen kann. Hat irgendjemand auch nur ähnlich gute Fechtszenen jemals live auf der Opernbühne gesehen?


    D'accord, die Fechtszenen waren wirklich großartig, daher bin ich ja nach der Pause aus meiner Lethargie erwacht ;)
    Das Dirigat im Vorspiel war dir zu "knallig"? Wie hätte er deiner Meinung nach die Vergewaltigungsszene auf der Bühne begleiten sollen? Schön fein lyrisch? Also bitte...


    Tja, vielleicht hätte man diese überflüssige Vergewaltigung weglassen und einfach auf die Musik hören sollen? Schon gut, ist ja nur ein Vorschlag :untertauch:
    Noch ein paar Worte zu Bartlett Sher. Allein die Figur der Julia war höchst detailliert ausgearbeitet, fast zu filigran für eine Opernaufführung und ganz klar die Videoaufzeichnung berücksichtigend, die allein diese Feinarbeit für alle sichtbar macht. Das erste Duett Julia-Romeo z.B. war vom Bewegungsablauf auf der Bühne regelrecht choreographiert und die Interaktion der beiden Sänger vorbildlich.
    Dies rein den schauspielerischen Leistungen der Sänger gutzuschreiben ist geradezu ein Affront der blitzsauberen Regieleistung gegenüber. Diese ist im Gegenteil sehr fein ausgearbeitet, stellt sich aber immer in den Dienst des Stücks und spielt sich (fast) nie in den Vordergrund. Und für Leute, die nicht genau genug hinschauen, ist das dann einfallslos. Die Welt ist schon ungerecht...


    :hello:[/quote]


    Lieber Theophilus,
    ich schaue sehr genau hin, eben weil mir der schauspielerische Aspekt auf der Opernbühne ebenso wichtig ist wie der musikalische, und gerade deshalb bin ich so kritisch. Ich will auf der Bühne keine choreographierten, sondern natürliche Bewegungsabläufe sehen, das ist wohl der Unterschied zwischen uns. Und da ich Villazón bereits an die 20 Mal live erleben durfte, weiß ich, was er schauspielerisch drauf hat und dass er von Mister Sher in seiner Entfaltung eher behindert als gefördert wurde. Hättest du seinen Wiener Romeo erlebt, wüsstest du, was schauspielerische "Feinarbeit" ist, ich wäre gestern schon mit der Hälfte davon zufrieden gewesen. Alleine die statische Trauungsszene - wo du da eine "Regieleistung" siehst???? Das Liebespaar in Ein-Meter-Abstand hinknien zu lassen, mit dem Rücken zum Publikum, ist natürlich wirklich eine geniale Idee :wacky: Über die Hochzeitsnacht schweige ich lieber ganz.....
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Original von severina
    Pace, lieber Theo, pace! :angel:
    Ich habe ja auch nicht behauptet, dass diese Aufführung schlecht war, nur war's für mich eine der verschenkten Möglichkeiten, was den Schauplatz Felsenreitschule betrifft. Ich habe dort schon so schöne Produktionen erlebt, welche die Magie dieser unvergleichlichen Bühne miteinbezogen haben, dass mich diese 0815-Inszenierung - denn besondere Genieblitze wirst du ihr wohl nicht zubilligen - einfach ärgert. Das stört mich in erster Linie, nicht der konservative Stil, den ich ja nicht a priori ablehne, wenn es denn gut gemacht ist.
    Ich bin Giselher dankbar, dass er offensichtlich einige meiner Einwände teilt, so z.B. die nicht vorhandene Chorführung. Vielleicht ist das ja ein Tick von mir, aber das "Genie" eines Regisseurs zeigt sich für mich in erster Linie darin, wie er mit dem Chor arbeitet. Ein paar Protagonisten halbwegs glaubhaft auf die Bühne zu stellen, ist wirklich keine so große Kunst, zumal die moderne Sängergeneration ja von vornherein viel mehr an schauspielerischem Einsatz mitbringt als die früheren. Und glaub mir, was da gestern passiert ist, fällt einem Rolando Villazón auch ohne Regisseur ein, vielleicht wäre er da sogar noch viel überzeugender gewesen, zumindest in der Hochzeitsnacht.....


    Es mag sein, dass man die Felsenreitschule noch stärker zur Wirkung kommen lassen kann. Ich fand es jedoch gar nicht so übel, wenn man berücksichtigt, dass die überwiegend mit Großaufnahmen agierende Bildregie diesen Aspekt der Gesamtregie doch stark verkleinert. Ich fand es auch nicht soo 08/15, da die Liebe zum Detail immer spürbar war und die Personenführung insgesamt weit über dem Durchschnitt lag. Aber ohne "Genieblitze" und ausgefallene Einfälle darf es offenbar nicht ablaufen, eine in sich stimmige und schlüssige Inszenierung ohne Mätzchen reicht einfach nicht...



    Zum Chor: deine Auffassung ist dir natürlich unbenommen. Aber wenn ich mich nicht ganz verhört habe, hat der Chor in dieser Oper immer nur erklärende und kommentierende, nie aber dramaturgische Funktion. Da finde ich es nicht unpassend, wenn der Regisseur es in diesem Punkt damit belässt und nicht durch erfindungsreiche Chorführung von seiner guten Personenführung bei den Hauptakteuren ablenkt.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Jetzt haben sich unsere Antworten überschnitten - ich war wohl zu langsam ;)
    Auf "Mätzchen" bin ich auch nicht scharf, ganz im Gegenteil, die verärgern mich nur. Aber für mein Gefühl wurden gestern ganze Szenen ziemlich verschenkt.
    Ein Beispiel: Einer der berührendsten Momente dieser Oper ist doch der, wenn Romeo und Juliette vom Blitz der Liebe getroffen werden, wenn klar wird, dass hier zwei junge Menschen vom Schicksal aneinandergekettet werden, dass es für sie keinen anderen Weg gibt, möge er auch ins Verderben führen. Davon habe ich gestern nichts gespürt, so belanglos, so ohne Romantik habe ich das Kennenlernen der beiden noch nie erlebt, und das ist meine vierte Inszenierung (Abgesehen von einer DVD) Unsere Wiener Aufführung spielt auf einer leeren Bühne mit Discobeleuchtung, Romeo et Juliette sind zwei moderne, ziemlich oberflächliche Teens, die eigentlich nur auf Vergnügen aus sind und von diesem unerwarteten Gefühl völlig überwältigt werden. Unmöglich, wirst du jetzt sagen, aber ich schwöre dir: Um diese beiden Discokinder versank die Welt, da war diese unglaubliche Magie einer Liebe, die wie ein Blitz einschlägt, in jedem Blick, in jeder Geste so deutlich fühlbar - so atemlose Stille wie bei dieser Szene erlebt man an der WSO nur selten. :( Villazón & Netrebko - das waren Romeo et Juliette, Villazón & Machaidze spielten ausgezeichnet Romeo et Juliette - das ist für mich der Unterschied. Aber ich fürchte, ich werde wohl niemandem erklären können, was ich gestern so schmerzlich vermisst habe
    lg Severina :hello:

  • mir war im ersten moment,das vorspiel auch "zu knallig",jedoch hatte ich genau,wie theo die assoziation,dass es bei der vergewaltigungsszene wieder passte.


    ob je auf einer opernbühne besser gefochten wurde,weiss ich nicht.


    auf der musicalbühne allerdings habe ich schon bessere gesehen.("romeo u. julia" raimund theater wien) u. ("west side story" volksoper wien)


    struckmann fand ich sängerisch in ordnung,aber darstellerisch sehr schwach.


    mir war die aufführung auch zu konventionell,aber es störte nicht sonderlich.
    leider kann das fernsehen immer nur ausschnitte einer bühne zeigen u. man sieht ja nicht,was rund herum passiert.(aber ich fürchte,nicht viel)

  • Insgesamt eine schöne Aufführung, die gut zu Korngolds Musiken für Mantel- und Degenfilme gepaßt hätte. Nett am Libretto entlanginszeniert. Ja, kann man mögen. Ich fand's relativ langweilig, nur die karge Ausstattung war reizvoll.
    Abgesehen davon war es einfach herrlich, eine Julia zu sehen, die singen kann und gut ausschaut, was ja in Wien eher nicht der Fall war...
    Villazon - na ja, nicht ideal, stimmlich viel zu grob für meinen Geschmack, nicht die feine französische Art; a propos französisch: Grausam, was man mit dieser Sprache anstellen kann. Insoferne paßten die Protagonisten in Wien wenigstens zusammen...
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Insgesamt eine schöne Aufführung, die gut zu Korngolds Musiken für Mantel- und Degenfilme gepaßt hätte. Nett am Libretto entlanginszeniert. Ja, kann man mögen. Ich fand's relativ langweilig, nur die karge Ausstattung war reizvoll.
    Abgesehen davon war es einfach herrlich, eine Julia zu sehen, die singen kann und gut ausschaut, was ja in Wien eher nicht der Fall war...
    Villazon - na ja, nicht ideal, stimmlich viel zu grob für meinen Geschmack, nicht die feine französische Art; a propos französisch: Grausam, was man mit dieser Sprache anstellen kann. Insoferne paßten die Protagonisten in Wien wenigstens zusammen...
    :hello:


    Hallo Edwin,
    du willst jetzt aber nicht im Ernst behaupten, dass Netrebkos Französisch schlechter ist als das von Machaidze??? Zumindest in diesem Punkt ist sie ein sehr würdiger Ersatz!!! :beatnik: :beatnik: Über Schönheit kann man bekanntlich streiten, ich finde AN wesentlich attraktiver, aber das ist ja auch nicht wesentlich.
    Ansonsten: Bin ich froh, dass ich nicht die Einzige bin, die es langweilig gefunden hat - ich habe jetzt schon an mir zu zweifeln begonnen. Dafür also :lips:
    lg Severina :hello:

  • Hallo Theo,


    ich wollte die Leistung Shers bei den Fechtszenen durchaus nicht schmälern. Da Musical-Darsteller insgesamt umfassender ausgebildet werden als Opernsänger (neben Gesang auch Tanz, Fechten etc.), ist es nicht verwunderlich, dass Musical-Regisseure in dieser Hinsicht mehr aus den Opernsängern herausholen können, zumal heutige Opernsänger, wie severina schon richtig angemerkt hat, im Durchschnitt darstellerisch sehr viel mehr drauf haben als die vorherigen Sänger-Generationen. Mit Pavarotti und Caballé hätte man diese Inszenierung nicht machen können.


    Struckmanns Registerwechsel klingen schon hässlich, aber dafür, dass er sonst nur fast ausschließlich schweres deutsches Fach singt, klang er ziemlich rund und hinreichend flexibel.


    Was die Ouvertüre angeht: ganz zu Anfang dachte ich, dass ich jetzt irgendwas aus Verdis Galeerenjahren höre. Dass die Ouvertüre wieder mal ausinszeniert wurde und dadurch die Vergewaltigung musikalisch begleitet wurde, ist eine Entscheidung von Regisseur und Dirigent, die so aber keinesfalls zwingend ist.


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Zitat

    Original von severina
    ... Um diese beiden Discokinder versank die Welt, da war diese unglaubliche Magie einer Liebe, die wie ein Blitz einschlägt, in jedem Blick, in jeder Geste so deutlich fühlbar - so atemlose Stille wie bei dieser Szene erlebt man an der WSO nur selten. :( Villazón & Netrebko - das waren Romeo et Juliette, Villazón & Machaidze spielten ausgezeichnet Romeo et Juliette - das ist für mich der Unterschied. Aber ich fürchte, ich werde wohl niemandem erklären können, was ich gestern so schmerzlich vermisst habe
    lg Severina :hello:


    Ohne deine Eindrücke wirklich nachvollziehen zu können, glaube ich sie dir vorbehaltlos. Aber mit der Folgerung habe ich gewisse Probleme. Du hast das Außerordentliche erlebt und beschwerst dich beim Sehr Guten, dass es zu schlecht sei. Das ist aber nicht sehr fair gegenüber den gestrigen Protagonisten, die ohnehin schon mit der hochgespielten Erwartungshaltung des Publikums zu kämpfen hatten und dies ziemlich gut gemeistert haben. Und wenn du in Wien abgesehen von den beiden Hauptdarstellern beim Rest auch nur annähernd ähnlich gute Personenregie hattest, muss es wirklich toll gewesen sein.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von yago
    ...
    ob je auf einer opernbühne besser gefochten wurde,weiss ich nicht.


    auf der musicalbühne allerdings habe ich schon bessere gesehen.("romeo u. julia" raimund theater wien) u. ("west side story" volksoper wien)
    ...


    Oper und Musical kann man nicht gut vergleichen. Haben beim Musical die Hauptdarsteller gefochten oder spezielle Kräfte? Und selbst wenn es die Hauptdarsteller waren, so machen sie das bei einer Musical-Serie über einen längeren Zeitraum jeden Tag und können entsprechende Übung bekommen. Hier haben Opernsänger gefochten, die das naturgemäß recht selten machen und nur eine minimale Fechtausbildung haben. Für eine Opernaufführung war das gestern ganz phantastisch.


    Übrigens: in der West-Side-Story wurde gefochten??? Ich kann mir bestenfalls einen Messerkampf vorstellen, was ein ganz anderes Paar Schuhe ist. Das hat nichts mit Fechten zu tun und wird wohl eher von Tänzern ausgeführt worden sein, was sicherlich sehr spektakulär ausgefallen sein mag. Aber wie gesagt, gestern haben Opernsänger einen sehenswerten Stunt hingelegt...

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von GiselherHH
    ... Mit Pavarotti und Caballé hätte man diese Inszenierung nicht machen können.


    Allein der Versuch, sich das vorstellen zu wollen... :hahahaha:




    Zitat

    Was die Ouvertüre angeht: ganz zu Anfang dachte ich, dass ich jetzt irgendwas aus Verdis Galeerenjahren höre. Dass die Ouvertüre wieder mal ausinszeniert wurde und dadurch die Vergewaltigung musikalisch begleitet wurde, ist eine Entscheidung von Regisseur und Dirigent, die so aber keinesfalls zwingend ist.


    Nein, das ist natürlich nicht zwingend und sicherlich diskussionswürdig. Die Inszenierung der Ouvertüre ist heute bei den Regisseuren halt sehr beliebt. Ich bin kein großer Freund davon, habe auch kaum einmal etwas gesehen, was die Maßnahme wirklich gerechtfertigt hat, während es des öfteren effektiv die Musik gestört hat. Als ich das gestern sah, dachte ich auch bei mir: Also auch du mein Sohn Bartlett! Immerhin könnte er als Begründung anführen, dass die zwangsläufig offene Bühne in der Felsenreitschule eine szenische Kommentierung mit der Vorgeschichte eher rechtfertigt...

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • :jubel:
    ja theo,natürlich wurde in der west side story nicht gefochten :pfeif:


    der messerkampf war´s.


    für eine oper wurde gestern toll gefochten u. natürlich geht das musicaldarstellern leichter von der hand.

  • Zitat

    Original von Theophilus


    Ohne deine Eindrücke wirklich nachvollziehen zu können, glaube ich sie dir vorbehaltlos. Aber mit der Folgerung habe ich gewisse Probleme. Du hast das Außerordentliche erlebt und beschwerst dich beim Sehr Guten, dass es zu schlecht sei. Das ist aber nicht sehr fair gegenüber den gestrigen Protagonisten, die ohnehin schon mit der hochgespielten Erwartungshaltung des Publikums zu kämpfen hatten und dies ziemlich gut gemeistert haben. Und wenn du in Wien abgesehen von den beiden Hauptdarstellern beim Rest auch nur annähernd gute Personenregie hattest, muss es wirklich toll gewesen sein.


    :hello:


    Liebr Theo,
    da hast du in der Sache natürlich Recht, aber leider kann man es sich nicht verbieten enttäuscht zu sein :( Du kannst mir glauben, dass ich mich bestimmt nicht in der Erwartung vor den Fernseher gesetzt habe, einen Flop zu erleben (Es war auch kein Flop, bevor du jetzt aufschreist ;) ), schon gar nicht, wo ich doch einen meiner Lieblingssänger hören und sehen durfte :] Und ich gestehe auch gerne, dass die Nebenrollen in Salzburg teilweise besser besetzt waren als in Wien, den fabelhaften Stefano habe ich ja schon gepriesen. Aber es gibt wohl wenige Opern, wo das Liebespaar derart zentral im Mittelpunkt steht wie in dieser, und nicht nur für Romeo et Juliette versank an jenem Abend die Welt rund um sie.... (Gekämpft wurde bei uns natürlich mit Messern, Discokids führen selten Schwerter mit sich ;) )
    Ich gebe auch gerne zu, dass unsere Inszenierung natürlich nur mit jungen und glaubwürdigen Singschauspielern wie V&N funktioniert, ich habe sie einmal mit Shicoff erlebt und hielt das ganze für einen schlechten Witz. Stefania Bonfadelli war wunderbar, aber Shici als Discojüngling eine Lachnummer.....
    In die Salzburger Inszenierung kannst du jedes Sängerpaar hineinstellen, denn viel wird ihnen ja nicht abverlangt :stumm: (Gut, Romeo hat seine Fechtszene, aber gerade diese sorgfältig inszenierten Szenen verlieren sich leider im Laufe der Jahre, davon können wir in Wien leidvolle Lieder singen....)
    lg Severina :hello:

  • Auch ich habe die Aufführung gesehen ,fand die Regie konventionell,aber populär.
    für mich war die Regie stimmig.
    Sie wurde mit Geschmack erzählt und verstanden.
    Beide Sänger hatten für mich leichte technische Probleme,trotzdem erfüllten sie meine Erwartungen.


    Überzeugend fand ich den Dirigenten Nezet-Segun,er ist erst 32 Jahre alt !


    LG. Rita.

  • Liebe Severina,
    zumindest konnte ich bei Nino Machaidze erahnen, daß die französisch singt.... :pfeif:
    Aber zur Inszenierung: Das war eine recht brave Inszenierung, die einem rein kulinarisch eingestellten Publikum, das nach getrüffelten Tauben auf Estragonsorbet und gefüllten Heuschreckenschenkeln an gefülltem Schnittlauch nicht weiter nachdenken, sprich: von der Oper nicht weiter gefordert werden mag. Unter dieser Voraussetzung war es eine durchaus akzeptable Inszenierung, deren Ideenlosigkeit viele auf den Leim gehen, weil sie nur das spektakuläre Degenduell im Gedächtnis behalten.
    Womit diese Inszenierung bei den Salzburger Festspielen schon irgendwie auf dem rechten Platz war. :D
    :hello:

    ...

  • Also für mich sind die Inszenierungen Wien und Salzburg ein Beispiel dafür, dass man sowohl im Regietheater (Wien) als auch bei (vorgeblich) konventionellen Inszenierungen (Salzburg) patzen kann. Die Wiener Inszenierung ist mE äußerst langweilig und mit Gewalt auf modern gemacht - als Discokids hätte ich R+J auf keinen Fall bezeichnet, eher als eine Vorstellung von Flimm wie Discokids aussehen ... und die Salzburger Inszenierung mit einer zB beim ersten Auftritt krampfhaft auf lächerlich spielenden Julia und einem bis zum Herzinfarkt herumhopsenden Capulet (was nicht an den Sängern sondern an der Regie lag) war auch das Gegenteil von einer packenden Inszenierung (von der krampfhaft hineingebrachten Vergewaltigung ganz zu schweigen). Von der Inszenierung her genial fand ich übrigens den Film mit DiCaprio - also nicht alles, was modern ist muss schlecht sein ...


    Sängerisch fand ich die Leistungen ganz ansprechend (unter Berücksichtigung, dass Villazon nicht mehr ganz der Alte ist ...), das Dirigat hat mir - anscheinend im Gegenteil zu den Meisten - nicht so sehr gefallen, kann aber auch an der Übertragung liegen, jedenfalls habe ich - von der Interpretation her - die "Festauftritte" von Capulet und Juliette schon packender gehört.


    Lg


    Roland

    Die Basis jeder Grundlage ist das Fundament

  • Lieber Roland,
    wie richtige Discokids aussehen, weiß ich leider nicht, aus dem Alter bin ich schon lang heraus ;) (Und auch damals nie drin!) Die Wiener Inszenierung ist einfach modern, gewaltsam modern wirkt sie auf mich nicht, sofern die Besetzung stimmt, und gelangweilt habe ich mich bei Netrebko & Villazón keine Sekunde, im Unterschied zu Salzburg, wo ich erst nach der Pause wenigstens phasenweise erwachte. Ist immer wieder interessant, wie unterschiedlich Inszenierungen wirken können! :D
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Liebe Severina,
    zumindest konnte ich bei Nino Machaidze erahnen, daß die französisch singt.... :pfeif:
    Aber zur Inszenierung: Das war eine recht brave Inszenierung, die einem rein kulinarisch eingestellten Publikum, das nach getrüffelten Tauben auf Estragonsorbet und gefüllten Heuschreckenschenkeln an gefülltem Schnittlauch nicht weiter nachdenken, sprich: von der Oper nicht weiter gefordert werden mag. Unter dieser Voraussetzung war es eine durchaus akzeptable Inszenierung, deren Ideenlosigkeit viele auf den Leim gehen, weil sie nur das spektakuläre Degenduell im Gedächtnis behalten.
    Womit diese Inszenierung bei den Salzburger Festspielen schon irgendwie auf dem rechten Platz war. :D
    :hello:


    Lieber Edwin,
    kann es sein, dass dein guter Wille etwas zu verstehen, bei Nino Machaidze vielleicht ein kleines bisschen ausgeprägter war als bei Anjuschka?? :baeh01: :D :D :D :D :D :D :D :D :D :D Was den Rest betrfft: Punktgenau!!!!
    lg Severina :angel:

  • Zitat

    mir war die aufführung auch zu konventionell,aber es störte nicht sonderlich.


    Wenn ich hier die Kleinschreibung betrachte, dann sagt das über die Einstellung des Verfassers in etwa dasselbe aus wie der Inhalt der Botschaft.


    Das ist an sich nicht schlimm - aber man kann klar erkennen, worauf es dem Verfasser ankommt, der mehr darauf schaut ob etwas "NEUES" geboten wurde, als ob ein Paradestück des 19. Jahrhunderts (nach einem Paradestück des 16. Jahrhunderts ) ädiquat zur Aufführung gebracht wurde.


    Überhaupt erschreckt es mich, wie wichtig doch etlichen Opernliebhabern die Entstellung einer Oper ist - eine der originalen Spielart des Werkes - nahen Aufführung können sie scheinbar nichts mehr abgewinnen.


    In der Tat ist auch diese Aufführung doch ein wenig vom "Original" entfernt - aber gemessen an all dem anderen was einem heutzutage zugemutet wird - ein Labsal.


    Ich habe schon beanstandet, daß das Stück zeitlich ins Rokkoko versc hoben wurde, aber auch Shakespeare (ca 1595) und seine Vorläufer waren hier nicht zimperlich. Teilweise wurde die Sage in der Frührenaissance angesiedelt, teilweise aber auch früher -das Jahr 1303 wurde ziemlich willkürlich als Jahr erkoren in dem sich diese (erfundene !!) "wahre Geschichte" ereignet haben soll.
    Indes macht die Verschiebung kaum Regieprobleme, da auch im 18. Jahrhundert Fechtszenen an der Tagesordnung waren, wogegen eine Übertragung ins 20. bzw 21. Jahrhundert schon wieder "Kunstkniffe" von seiten der Regie erfordert hätte......


    Ich habe die FElsenreitschule als Schauplatz von Opern nie besonders geliebt, da es prinzipiell zwei Wege gibt:


    a) man ignoriert die vorgegebene Architektur soweit wie möglich und behilft sich mit Zubauten


    b) man liefert sich den Gegebenheiten aus- und spielt - weitgehend - in der vorgegebenen "Kulisse"


    Beide Lösungen sind für mich mir eine Notlösung. Eine echte große Opernbühne mit aller möglichen Technik ist für mein Ideal einer Realisierung unverzichtbar..


    JEDOCH: Gemessen an "heutigen Standards" ist diese "Notlösung" geradezu perfekt.


    KLEINERE Abweichungen vom Libretto waren immer schon Theatertradition - und sind daher - wenn vielleicht auch nicht unbedingt wünschenswert - so doch tolerierbar - wenn keine ESSENTIELLE Verfremdung des Werkes eintritt.


    Das Publikum - und Oper ist fürs Publikum gemacht - war jedenfalls von dieser Aufführung hingerissen - und ich möchte sagen, Publikum welchem seit Jahren immer wieder eingebläut wurde - nur modernes Regietheater sei das Wahre - hatte seit langem wieder Gelegenheit sich vom Gegenteil zu überzeugen, wobei Zeffirelli-Inszenierungen natürlich noch beeindruckender waren......


    Über die arg verbalhornte Don-Giovanni Inszenierung hat übrigesn ein Weiner Kritiker geschrieben, der ORF wisse, warum er sie nicht sende....


    Es scheint sich eine Trendwende anzubahnen, wenngleich eine Schwalbe noch keinen Sommer macht.


    Aber: Man darf wieder hoffen !!!


    mfg aus Wien


    Alfred


    Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.

    (stammt von Oscar Wilde - Hätte aber auch von mir sein können....)


  • Liebe Severina,

    Zitat

    kann es sein, dass dein guter Wille etwas zu verstehen, bei Nino Machaidze vielleicht ein kleines bisschen ausgeprägter war als bei Anjuschka?


    Möglich, denn in Sachen Anjuschka habe ich noch nie etwas verstanden... :hahahaha: :hahahaha: :hahahaha:
    Aber nun mal weg von der Mozzarella-Queen zur Disco-: Ich finde, ehrlich gestanden, auch die Wiener Inszenierung nicht gut. Die Disco ist für mich der typische Fall eines Achselzuckenden "Ja, kann man machen". Soll heißen: Ich sehe keine interpretatorische Relevanz. Zumal es doch bei verfeindeten Gruppierungen spannendere Möglichkeiten einer Verortung gibt.
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Zitate Alfred
    Wenn ich hier die Kleinschreibung betrachte, dann sagt das über die Einstellung des Verfassers in etwa dasselbe aus wie der Inhalt der Botschaft.


    Vielleicht ist der kleinschreibende Autor nur so konservativ, daß er auf vorbarocke Zeiten zurückgreift; oder er hält sich an das Wörterbuch der Brüder Grimm, die ja auch nicht eben die linke literarische Avantgarde unserer Gegenwart vertreten.


    Zitat

    Teilweise wurde die Sage


    Welche Sage? ?(
    Die Quelle ist wohl Bandello, der seinerseits wahrscheinlich auf da Porto zurückgreift. Das Ereignis kann sich in den Ansätzen tatsächlich zugetragen und später eine literarische Ausformung erhalten haben. Das Sagenhafte geht dem Stoff ab - außer, daß er sagenhaft gut ist. Bei Shakespeare, Keller, Bernstein und Dusapin natürlich, nicht bei Gounod.


    Zitat

    Eine echte große Opernbühne mit aller möglichen Technik ist für mein Ideal einer Realisierung unverzichtbar..


    Warum? Wieso genügen nicht die Möglichkeiten der Shakespeare-Bühne? Oder war Billy "Yourptrash" Shakey ein Parteigänger des übelsten Regietheaters?


    Zitat

    Das Publikum - und Oper ist fürs Publikum gemacht


    Das hat ja noch nie jemand bezweifelt. Die Frage ist nur, ob sie für ein mitdenkendes oder ein passiv genießendes Publikum gemacht ist. Zählt mich der Regisseur zur zweiten Möglichkeit, beleidigt er meine Intelligenz, weshalb ich das nicht gar so gerne mag.


    Zitat

    verbalhornte


    Dann schon lieber Kleinschreibung.... :baeh01:


    Zitat

    Man darf wieder hoffen !!!


    Ja. Denn viel harmlos-langweiliger kann's nicht mehr werden. :hahahaha:
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Liebe Severina,


    Möglich, denn in Sachen Anjuschka habe ich noch nie etwas verstanden... :hahahaha: :hahahaha: :hahahaha:
    Aber nun mal weg von der Mozzarella-Queen zur Disco-: Ich finde, ehrlich gestanden, auch die Wiener Inszenierung nicht gut. Die Disco ist für mich der typische Fall eines Achselzuckenden "Ja, kann man machen". Soll heißen: Ich sehe keine interpretatorische Relevanz. Zumal es doch bei verfeindeten Gruppierungen spannendere Möglichkeiten einer Verortung gibt.
    :hello:


    Lieber Edwin,
    ich fand unsere Inszenierung bei der PR auch nicht gut, aber mit Netrebko und Villazón funktionierte es einfach perfekt. Gut, das siehst du naturgemäß anders, aber dieses Thema ist wirklich ein Perpetuum mobile - lassen wir's also dabei.
    Aber generell finde ich die Idee mit der Disco nicht so verkehrt, denn es handelt sich nun einmal um rivalisierende Jugendgruppen (Die natürlich eine Art "Stellvertreterkrieg" für ihre Väter führen, die selber nichts Manns genug dafür sind und lieber die Jungen aufhussen). Natürlich kann man jetzt eine Warlord-Sache daraus machen oder einen Kampf der Drogenbosse oder zweier Konzernchefs- aber wo wäre da der Zugewinn? "Romeo et Juliette" ist nun wirklich ausschließlich eine tragisch verlaufende Liebesgeschichte, und den Zwist der Capulets und Montagues in den Mittelpunkt zu stellen, würde die Perspektiven für mich unzulässig entstellen. Aber der Plot ist absolut zeitlos, deshalb kann ich in einer Transferierung ins 20.Jhdt. keine wie auch immer geartete Verfremdung oder Vergewaltigung der Oper erkennen, denn ob Tybalt und Mercutio mit Schwertern durchbohrt, erstochen oder erschossen werden, ändert doch nichts an der Tragik des Geschehens. Im Gegenteil, mir ging das Schicksal der Discokids wesentlich mehr unter die Haut als das von diesem in einer fernen Zeit lebenden Pärchen im passenden (?) Mantel- und Degenambiente.
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Original von severina
    Aber der Plot ist absolut zeitlos, deshalb kann ich in einer Transferierung ins 20.Jhdt. keine wie auch immer geartete Verfremdung oder Vergewaltigung der Oper erkennen, denn ob Tybalt und Mercutio mit Schwertern durchbohrt, erstochen oder erschossen werden, ändert doch nichts an der Tragik des Geschehens. Im Gegenteil, mir ging das Schicksal der Discokids wesentlich mehr unter die Haut als das von diesem in einer fernen Zeit lebenden Pärchen im passenden (?) Mantel- und Degenambiente.


    Das sehe ich genauso wie du, Severina. Ich glaube die Geschichte funktioniert in jeder Zeit und an jedem Ort. Man denke nur an Bernstein's West Side Story mit den rivalisierenden Banden bestehend aus den ansässigen New Yorkern und den eingewanderten Puertoricanern.


    So tragisch die Geschichte von Romeo und Julia auch ist erfährt sie für mich fast noch eine Steigerung im Schicksal von Tony und Maria. Vielleicht weil es näher an unserer Zeit angesiedelt ist und es uns vergegenwärtigt, daß solche Ereignisse nach wie vor möglich sind. Somit ist die Geschichte wirklich zeitlos.
    Mir fällt da natürlich die tolle Verfilmung des Musicals mit Natalie Wood ein. Die Schlußszene geht da wirklich sehr unter die Haut.


    Gregor

  • [quote]Original von nufan


    Sängerisch fand ich die Leistungen ganz ansprechend (unter Berücksichtigung, dass Villazon nicht mehr ganz der Alte ist ...),
    ... fand streckenweise Villazons Gesang auch zu rausgepresst und brüchig! Man muss aber auch bedenken, dass er auf der (und unter) Bühne viel herum zu rennen hatte, auch auf ihn ein größerer Druck lastete - ,welcome back in Salzburg', dass ihm sicherlich das italienische Repertoire mehr liegt als, ... zumindest Romeo (pauschal kann ich das französische nicht unbedingt nennen, denn in Werther und Manon überzeugte er mich gesanglich sehr!), u.v.m. - Unter diesen Faktoren - insbesondere der Tatsache, dass er für mich als Romeo schier eine Fehlbesetzung ist (obwohl ich ihn stimmlich als auch schauspielerisch immens schätze, aber ein jeder Sänger hat eben ,seine' Partien) - weiß ich nicht, ob man konkret sagen kann, dass er nicht mehr ,der Alte' ist! Natürlich sind noch ein paar kleinere Narben ,hörbar', seine schauspielerischen Leistungen und sein unvergleichliches dunkles Timbre, das ich wirklich sehr genieße, lassen mich diese Narben aber ignorieren! Ich hoff nur für ihn, dass er zu seinen früheren stimmlichen ,Hoch-zeiten' zurückgelangen kann!!!!!!

    "Oh ew´ge Nacht, wann wirst du schwinden,..."

    Einmal editiert, zuletzt von Arietta ()


  • Das empfinde ich genauso, leider hat Bernstein mit seinem genialen Musical jedem Opernregisseur diese nahe liegende Aktualisierung irgendwie versperrt, denn da würde natürlich jeder sofort "Plagiat!" schreien, wenn "Romeo et Juliette" als Multikulti-Konflikt dargestellt wird. Dabei wäre es für mich die logische "Übersetzung" in heutige Verhältnisse. (Die LEIDER überall funktionieren würde....)
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Original von severina
    Das empfinde ich genauso, leider hat Bernstein mit seinem genialen Musical jedem Opernregisseur diese nahe liegende Aktualisierung irgendwie versperrt, denn da würde natürlich jeder sofort "Plagiat!" schreien, wenn "Romeo et Juliette" als Multikulti-Konflikt dargestellt wird. Dabei wäre es für mich die logische "Übersetzung" in heutige Verhältnisse. (Die LEIDER überall funktionieren würde....)


    Du hast recht, Bernstein hat damit jedem Regisseur eine Chance verbaut :yes:Ich finde es auch eine geniale Übertragung in die heutige Zeit, noch dazu angereichert mit fantastischer Musik.


    Weiß man eigentlich genau warum die Capulets und die Montagues so verfeindet sind? Bei den Jets und den Sharks geht es ja eher um Ablehnung aus Angst vor Überfremdung und verhält sich im Grunde genauso wie bei vielen Jugendlichen heute auch noch wenn verschiedene Nationalitäten in ein und dem selben Land zusammen leben.


    Gregor

    Einmal editiert, zuletzt von Gregor ()


  • Die gesamte mittelalterliche Geschichte Italiens ist geprägt von den Kämpfen rivalisierender Adelsfamilien in den Städten - es ging dabei schlicht und ergreifend um politische Vormachtstellungen, wirtschaftliche Vorteile etc., und mangels einer Zentralgewalt konnten sich solche Fehden über Jahrzehnte hinziehen. Noch heute kann man in vielen italien. Städten die "Geschlechtertürme" sehen (In San Gimigniano stehen noch 13!!), die nicht nur weithin sichtbare Machtsymbole waren, sondern auch sehr konkrete Funktionen in diesen permanenten Bürgerkriegen hatten (Rückzugsbastion, Gefechtsstand usw. usw.) Das ist der historische Hintergrund - die Story von Romeo und Julia ist bekanntlich gut erfunden ;) Dieses Wissen hinderte mich aber natürlich nicht daran, bei meinem ersten Veronabesuch trotzdem Balkon und Grab der Julia zu besuchen :D :D
    lg Severina :hello:

  • Liebe Romeos, liebe Julias,


    ihr lasst euch ja sehr engagiert über die Inszenierung aus, was mich aber mehr interessieren würde, ist die Frage, inwiefern die Sänger, insbesondere das zentrale Paar und der Dirigent, Gounods Musik realisiert haben – im Vergleich zu anderen. Ich habe während der Aufführung vor dem Fernseher öfter die Augen geschlossen, um nur die Musik zu hören. Dem spezifischen Lyrismus Gounods ist Dirigat und Orchester, glaube ich, so nah gekommen, wie das heute möglich ist. Petra und emotione sehen das wohl auch so.


    Was ich so gelesen habe, läuft der Grundtenor im Forum bei den Stimmen darauf hinaus, dass Villazon gut war, wenn auch noch nicht so gut wie vor der Krise, und dass Machaidze stimmlich in Ordnung war, aber noch am Ausdruck feilen muss. Ich empfand ihre Stimme ausreichend beweglich, auch gut in der Höhe, wenn auch einige Spitzentöne schrill waren. Was ich vermisste, war das Farbenspiel in der Stimme, was bei der Musik von Gounod oder Massenet unabdingbar ist, und eine im Grundton lyrische Oper erst spannend macht. Anders gesagt, die Musik erschließt sich weniger von selbst, als z.B. bei Verdi. Sowohl Dirigent als auch Sänger müssen sehr mehr machen, um das spezifische dieser Musik zum Erklingen zu bringen - Mehr machen heißt aber nicht veristischer Exzess, sondern feinste Nuancierungen zur Geltung zu bringen, und dennoch strahlen können. Von all dem war auch Villazon weit entfernt. Ob das nun noch Stimmkrise war, weiß ich nicht. Wo steht nun die Aufführung?


    Severina bringt die Wiener Aufführung in’s Spiel mit Villazon und Netrebko als Traumpaar. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie die Inszenierung, die Blicke zwischen beiden oder den Gesang hervorheben will. Mich würde interessieren, ob die Sänger z.B. die Kriterien, Beweglichkeit, Farbenreichtum, Glanz, nuancierter Ausdruck erfüllt haben, dem Lyrismus Gounods entsprochen haben. Und wo wäre diese Aufführung einzuordnen? Severina erwähnt die Gheorgiu als perfekten Musikautomat ohne Seele. Was heißt das für ihre Aufnahme mit Alagna? War nun Shicoff nun sängerisch schlecht oder passte er einfach nicht in die Inszenierung? Wer wäre heute eine ideale Julia? Dessay? Usw.


    arimantas :hello:

    2 Mal editiert, zuletzt von arimantas ()

  • Liebe Severina,
    lieber Gregor,
    ich bin da geringfügig anderer Meinung. Bernstein hat nicht alle Möglichkeiten verbaut. Er ist relativ konkret in Bezug auf den Konflikt (puertoricanische Einwanderer kontra gebürtige Amerikaner). Wenn man daran etwas Grundlegendes ändert, müßte man auch den Text und die Musik ändern, denn Bernstein komponiert eindeutig lateinamerikanische Musik für die Menschen um Maria und eindeutig Jazz für die Menschen um Tony. Die Ausdeutung kann bei der "WSS" also nur symbolisch erfolgen, letzten Endes bleibt das Werk aber auf einen Ort fixiert. (Übrigens wollte Bernstein ursprünglich einen Konflikt Weiße gegen Schwarze, aber das wurde den Produzenten etwas zu heiß.)


    Damit kann bei "Romeo und Julia" ein anderer Konflikt aufgebaut werden, vom Aufeinanderprall politischer Ideologien (links gegen rechts) bis hin zu ethnischen Konflikten, die Bernstein nicht angesprochen hat bzw. die zur Zeit der "WSS" anders lagen. An Konfliktpotentialen ist unsere Welt ja nun wirklich nicht arm.


    Was mich an der Disco-Idee stört, ist, daß sie einerseits das Konfliktpotential stark herabsetzt; andererseits ist die Disco für mich nicht automatisch mit Bandenkrieg assoziiert. Und obendrein: Eigentlich hat Bernstein auch das schon wegkomponiert, nämlich mit der Gym-Szene.


    Richtig ist, daß man "Romeo" nicht ausschließlich auf den Konflikt zuspitzen darf. Aber man muß den Konflikt im Hintergrund permanent fühlen können, weil nur dann die Liebe im rechten Licht erscheint.
    :hello:

    ...

  • Lieber Edwin,
    wenn ich den Bauch ausschalte und nur auf den Kopf höre, hast du natürlich Recht, dass die Disco nicht die ultima ratio ist, aber gerade bei diesem Sujet sind mir intellektuelle Ausdeutungen nicht so wichtig wie bei anderen Opern. Kannst jetzt gerne sagen "Typisch Frau!", bei Romeo und Julia stehe ich zu meinen sentimentalen Anwandlungen :] :] :] :]
    Aber natürlich würde ich gerne eine Inszenierung sehen, die alles auf einen ethnischen Konflikt zuspitzt (Rechts contra Links erscheint mir da nicht so plausibel, weil die Sippenhaftung mE da eine eher untergeordnete Rolle spielt, wenn überhaupt.) Ich überlege gerade, welcher Regisseur das wohl hinkriegen könnte, ohne dass die Liebestragödie dabei den Bach runtergeht. Willy Decker???
    lg Severina :hello: