Ja die Liebe hat bunte Flügel - Georges Bizet: Carmen

  • Zitat von Philhellene

    "Carmen" ist eine französische Opéra-comique (namentlich, formal, inhaltlich und musikalisch!) und muss als solche dargeboten werden!


    Selbstverständlich ist es eine französische Musik, durch und durch.


    Ich möchte an dieser Stelle gerne Arnold Feil zitieren, dessen Zeilen zur Carmen ich sehr erhellend fand(Feil: Metzler Musikchronik):


    Aber die Musik, so französisch sie ist, hat etwas so unerhört Neues, daß die Zeitgenossen davon tatsächlich überrascht, ja schockiert sind. Niemals zuvor gibt es eine so hart realistische Musik, die ihren "Gegenstand" doch zugleich so hoch "stilisiert". [...] Hier prallen vielmehr zwei Welten, als Musik leibhaftig, aufeinander und begraben die Menschen unter sich. Das ist der Schluß der Oper, nicht eine Trauermusik, kein Empfindungsstück. Damit ist - wie ein Jahr zuvor in Russland durch Mussorgski jetzt in Frankreich durch Bizet - mitten in der musikalischen Hochromantik eine neue Möglichkeit von Musik aufgetan: Die Welt, nicht in der Seele des Menschen gespiegelt und als sein Ausdruck in die Musik aufsteigend, sondern die Musik ihm gegenüber als klingende Realität mit eigenem Ausdruck- wenn man das dann noch Ausdruck nennen will.


    :hello:
    Wulf

  • Meine Lieben,


    Rise Stevens ist in der Aufnahme unter Fritz Reiner für mich eine ideale Carmen, daher war ich neugierig, wie sie unter Mitropoulos wirkt:


    Für eine Repertoirevorstellung der MET (12.Jänner 1957) gibt es hier zum Teil eine großartige Besetzung. Das Ergebnis kann mit Reiner allerdings bei weitem nicht mithalten.
    Dimitri Mitropoulos dirigiert zwar fabelhaft, klar und sauber, aber irgendwie zu akademisch. Erst allmählich wird sein Blut heiß (und im Finale hört es sich plötzlich so an, wie man es sich vorher gewünscht hat).
    Irgendwie färbt das ein bißchen auch auf die Sänger ab. Rise Stevens ist natürlich nach wie vor ausgezeichnet, aber nicht so toll wie unter Reiner. Ihr Don José Mario del Monaco ist kein lyrisches Weichei, sondern ein kräftiger Soldat mit Wohlklang, der auch nicht brüllt (abgesehen vom letzten Akt, wo er manchmal ein bißchen schlampig wird) - als Gegentyp zu di Stefano und anderen ist das interessant und wirkt gut als Gegengewicht zum korrekten, aber zunächst beinahe anämischen Dirigat.
    Frank Guarrera paßt als Escamillo recht gut, recht viril und ein bißchen schmierig. Technisch ist er allerdings nicht erste Wahl. Ein ausgezeichneter Repertoire-Torero. Eher enttäuschend hingegen Lucine Amara, die die Micaela nicht in den Griff bekommt. Das wirkt zu heroisch-dramatisch, dem Rollencharakter nicht entsprechend und ist auch nicht immer ganz rein gesungen. Vielleicht bloß schlechte Tagesform? Der Rest verläßlich und lobenswert (Cehanovsky, Scott etc.).


    Dieser Dirigent könnte mit diesem Ensemble eine absolute Spitzen-"Carmen" produzieren, so empfinde ich es. Beim Repertoire muß man natürlich Abstriche machen, aber es bleibt eine beeindruckende Aufnahme. Einige Schluchzer und ähnliches entsprechen dem damaligen Geschmack, halten sich auch in Grenzen.


    LG


    Waldi

  • Lieber Waldi,


    Deine Bewertung des Mitropoulos-Mitschnitts teile ich vollständig. Insbesondere Mitropoulos, der mir in einigen Liveaufzeichnungen als ein mitreißender Operndirigent begegnet ist, wirkte auf mich in dieser Aufnahme etwas gehemmt. Die etwas eruptiveren Werke (z.B. Elektra, Tosca, auch Ernani) lagen ihm wohl mehr als die feingliedrigere Carmen.


    Ich weiß nicht, ob Du den MET-Mitschnitt vom 31.01.1953 kennst, aber der liegt von Besetzung und Charakter zwischen der Reiner-Studioaufnahme und dem Mitropoulos-Mitschnitt. Am Pult steht erneut Fritz Reiner, der auch hier die Frage aufwirft, warum er nicht mehr Opern dirigiert hat: rasch, präzise, aber keineswegs ohne Rücksicht auf die Sänger durchexerziert - eine dramatische Carmen im Stile der RCA-Studioaufnahme.


    Auch Mario Del Monaco überrascht hier positiv. Er singt zwar nicht unbedingt subtil, aber für seine Verhältnisse doch einigermaßen differenziert. Das Diminuendo auf dem ersten As in der Blumenarie gelingt ihm besser als 1957 und er zeigt auch an anderen Stellen, dass er sich durchaus zurücknehmen konnte, wenn er denn mal wollte. Auch gebe ich gerne zu, dass mir Del Monacos satt timbrierter, erzener Tenor mit den massiven Spitzentönen in der Rolle gar nicht schlecht gefällt. Die Stimme klingt hier auch noch völlig natürlich groß, ohne diesen forciert-blechernen Ton, den man in einigen seiner späteren Aufnahmen hören kann. Sicher, bei einigen Schluchzern im Schlussakt muss man auch hier für einen kurzen Augenblick stark sein, aber im Ganzen stört mich das nicht ernsthaft. Insgesamt gefällt mir Del Monaco in dem früheren Mitschnitt etwas besser als in dem von 1957.


    Lucine Amara singt in der Aufnahme von 1953 die Frasquita, und damit ist sie besser besetzt. Die Micaela hat man dafür Hilde Güden gegeben. Aber auch sie verlässt sich etwas zu selten auf ihre schön timbrierte Sopranstimme, versucht insbesondere im dritten Akt zu oft die dramatische Attacke, die leider etwas angestrengt klingt. Escamillo wird auch hier gesungen von Frank Guarrera; da sehe ich es wie Du: ein anständiger Escamillo der zweiten Reihe, der wenig auffällt.


    Bleibt noch die Carmen. Die ist hier Fedora Barbieri, wie Rise Stevens auch eine echte Altstimme, dennoch höre ich Stevens lieber in dieser Rolle. Schlecht gesungen ist das nicht, aber die Carmen scheint nicht unbedingt Barbieris Rollentypus zu sein. Schon im ersten Akt fehlt es etwas an verführerischem Charme, und insbesondere wenn es im zweiten Akt lebhaft wird ("Taratata"), klingt sie doch eher brav und mütterlich als nach einer feurigen Zigeunerin. Auch scheint sie mit der französischen Sprache nicht so recht warmzuwerden. Ihre Kartenszene hat keinen Hauch von Abgründigkeit und Vorahnung, zu sehr scheint sie sich mit dem Text zu quälen.


    Insgesamt ist das auch keine Carmen der französisch-idiomatischen Sorte, sondern der etwas vergröberte Ansatz, aber wer die Reiner-Studioaufnahme mag, kann vielleicht mit dieser Liveaufnahme ergänzen:


  • Lieber Zauberton,


    Danke für den wertvollen Hinweis, den 1953er Mitschnitt kenne ich noch nicht; er wandert sofort auf die Wunschliste. Bei meiner verehrten Fedora Barbieri kann ich mir gut vorstellen, daß das nicht so ihre Partie ist. Trotzdem bin ich neugierig.


    LG


    Waldi

  • Im Monat Dezember sendet der ZDF-Theaterkanal den Carlos-Saura-Film "Carmen" mit Antonio Gades, den Theo zu Anfang dieses Threads bereits erwähnt hat.


    Hier die Einzelheiten:


    C A R M E N


    Darsteller:


    * Antonio - Antonio Gades
    * Carmen - Laura del Sol
    * Paco - Paco de Lucia
    * Christina - Cristina Hoyos
    * Juan y Marido - Juan Antonio Jimenez
    * Escamillo - Sebastian Moreno
    * Pepe Giron - Jose Yepes


    Regie: Carlos Saura


    1. Sendetermin:
    Freitag, 04.12.2009 19:40 - 21:20 Uhr - Länge: 100 min


    Zitat

    Der Choreograph Antonio bereitet eine Aufführung von Georges Bizets berühmter Oper "Carmen" vor. Voller Eifer, ja mit Besessenheit, sucht er nach der Idealbesetzung für seine Primaballerina. Als er die Hauptdarstellerin findet - die junge, temperamentvolle Carmen - verliebt sich Antonio Hals über Kopf in sie. Ihre Liebe wird jedoch, wie in der berühmten Oper, durch Eifersucht und Hass zerstört. In Antonios Alltags- und Arbeitswelt vermischen sich Bühnengeschehen und Wirklichkeit immer mehr...
    "Carmen" verbindet als berühmte Tanzversion den klassischen Stoff von Prosper Mérimées Novelle und Georges Bizets Oper mit einer aktuellen, modernen und feurigen Liebesgeschichte. Die brillanten Tanzszenen werden durch die Gitarrenmusik Paco de Lucias zu den Wurzeln der Volkskultur zurückgeführt. "Carmen" erzählt von Liebe, Leidenschaft und vom Tod. Von einer Leidenschaft, die während der Proben zu "Carmen" aufbricht. Realität und Bühnenwelt, Mythos und Macht der Gefühle prallen aufeinander. Carlos Saura gilt als einer der interessantesten und engagiertesten Filmemacher Europas. Sein Film "Carmen" war Überraschungserfolg des Kinojahres 1983 und wurde in Cannes als "Bester künstlerischer Beitrag" im gleichen Jahr preisgekrönt.



    Wiederholungstermine werde ich noch bekanntgeben.


    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Was für ein lustiger Thread!


    Mein Zugang zur Carmen wird immer Nietzsches ironische Parteinahme zuungunsten des Tristan bleiben.


    Was oben über die Verruchtheit oder Ehrbarkeit der Zigarettenarbeiterinnen gesagt wird, ist amüsant. Für Frankreich ab 1870 empfehle ich einen Blick in die Malerei, wo es Büglerinnen von Degas und Arbeitermädchen von Toulouse-Lautrec gibt. Es handelt sich wohl vor allem um Männerphantasien. Carmens erotische "Emanzipiertheit" ist als Bedrohung auf die peinlich-korrekte Zugeknöpftheit Josés bezogen (Thomas Mann hätte das nicht besser erfinden können). Carmen hat kein Eigenleben außerhalb ihrer dramaturgischen Funktion (man nehme bloß ihr Auftrittslied). "L´amour est un oiseau rebelle" klingt nicht weniger zynisch als "La donna è mobile".


    Ich liebe die Karajan-Aufnahme mit der Price, nicht zuletzt wegen des Hexenkessels von "les tringles des sistres tintaient/ avec un éclat métallique" - bei Beecham z.B fehlt mir da eine ganze Dimension. Die etwas akademische Diskussion um die stilgerechte Opéra comique ist vielleicht vokal gerechtfertigt; damenhaft agierende Carmens à la Berganza finde ich deplaziert.


    Und was Micaela betrifft: das ist eine der abgeschmacktesten Rollen überhaupt. "Parle-moi de ma mère!" Furchtbar!!

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Hallo zusammen,


    ich habe in den letzten Tagen vier Aufnahmen der Carmen gehört:




    Die besten waren ganz klar die Aufnahmen mit Beecham und Cluytens, wobei ich letztere sogar einen Tick besser finde - für meine Ohren ist das französische Oper pur (kein Wunder bei der Besetzung). - Keine Bedenken wegen des Klanges: hervorragendes Mono - Mark Obert-Thorn hat mal wieder ganze Arbeit geleistet. Alleine das ist schon ein Grund, nicht die ein paar Euros billigere Line Classics-Version zu nehmen.


    Karajan ist superexakt und funkelnd, ich mag Price mit Carmen. Aber irgendwie zu glatt. Abbado ist sehr eigenwillig. Die Aufnahme muss ich nochmal hören, habe irgendwie keinen rechten Zugang dazu. Und Domingo singt auf französisch nicht besser als auf deutsch.

  • Kleiner Spaß am Rande: Hinter diesem Film aus dem Jahre 1967 verbirgt sich nichts anderes, als eine Bearbeitung von Mérimées Novelle „Carmen“, die ja auch die Vorlage für Bizets Oper bildet.


    Da der Darsteller des Don José (Franco Nero) als Italo-Westernheld Django (1966) bekannt war, münzte die deutsche Synchronisation den Film „L´uomo, l´orgolio, la vendetta“ um und machte den vermeintlichen neuen Django-Film „Mit Django kam der Tod“ daraus! So wurden aus Don José Django und aus Carmen Conchita. Die Dialoge wurden ebenfalls umfrisiert und sollten nun ein vermeintliches Westernflair verbreiten. Das Ganze ist (zumindest in der deutschen Fassung) unfreiwillig komisch, obwohl Nero als José/Django nicht schlecht ist und Klaus Kinski in einer kleinen Rolle als Carmen/Conchitas Ehemann zu sehen ist.

  • Carmen,
    Oper in 4 Akten von Georges Bizet.
    Text von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée (1845).
    Uraufführung: 3.3.1875 Paris, Opéra Comique (Salle Favart)
    mit Célestine Galli-Marié • Marguerite Chapuy • Esther Chevalier • Alice Ducasse • Paul Lhérie • Joseph Bouhy • Eugène Dufriche • Elias Nathan • Pierre-Armand Potel • M. Barnoldt,
    Dirig. Louis-Michel Deloffre.



    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Ich komme heute auch mit einer "Carmen"-Aufnahme mit vielleicht der größten Carmen aller Zeiten um die Ecke, aber zu Ehren ihres Komponisten, der am 3. Juni 1875 starb:



    Heute ist Georges Bizets 140. Todestag.



    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

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