Der Stoff aus dem die Opern sind (7) - Historische Themen in Opern des 20. Jahrhunderts

  • Liebe Opernfreunde,


    Dies ist ein besonders hinterhältiger Thread, weil er implizit eine der Begründungen von verfremdenen Inszenierungen in Frage stellt - andrerseits aber nach aussen hin - sich völlig harmlos gibt.
    Im Ernst. Beide Lesarten sind möglich. Es ist mir aufgefallen, daß viele Komponisten, die im 20. Jahrhundert Opern komponiert haben, sich Librettis bedient haben, welche in der Antike, im Mittelalter oder aber in Renaissance oder Barock spielen.
    Nehmen wir hier als Beispiele "Der Geburtstag der Infantin" (Zemlinsky) oder "Romeo und Julia" (Sutermeister). Die Beispiele sind willkürlich gewählt und können - nein sollen sogar - von anderen Mitgliedern ergänzt werden.


    Aber natürlich drängt sich auch unterschwellig die Frage auf, warum zeitgenössische - oder "beinahe zeitgenössische" Komponisten sich historischer Stoffe oder literarischer Vorlagen aus der Vergangenheit bedienen, währen die Vertreter des Regietheaters (Verfremdungstheaters) immer wieder behaupt, die alten Stoffe müssten in unsere Zeit tranponiert werden, weil sie von den Menschen unserer Zeit ansonst nicht verstanden würden - bzw sich niemand dafür interessieren würde.....


    Hier sind alsop gern erfolgreiche - oder weniger erfolreiche - Opern des 20. Jahrhunderts gesehen, die sich alter Stoffe bedienen - ebenso wieso eben diese Stoffe verwendet wurden, an Stelle von Themen des 20. und 21. Jahrhunderts...


    mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred



    Weitere Threads aus dieser Serie:




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  • Meine Lieben


    Wir haben in kurzer Zeit bereits einige Opernthemen die in interessanten Etappen der Geschichte spielen zusammengetragen - und es werden - so hoffe ich weitere folgen.
    Nicht beantwortet wurde bisher jedoch die Frage ( "das heisse Eisen"?) warum Komponisten der Gegenwart - bzw unmittelbaren Vergangenheit, sich immer wieder historischer Stoffe bedienten - wenn - was oft behauptet wird - diese Stoffe dem Publikum ANGEBLICH heute nichts mehr zu sagen haben, weshalb die selbsternannten "großen Regisseure der Gegenwart" alte Stoffe von Opern, die vor 200 und mehr Jahren geschrieben wurde in die Jetztteit und an "zeitgemäße" Schauplätze verlegen.


    Hier klafft meines Erachtens ein logischer Bruch. Denn gerade heutige Opern könnte man ohne viel Mühe so anlegen, daß sie in einer Müllverbrennungsanlage, in der Gosse, einem Militärbunker, oder einer Schraubenzieherfabrik spielen. Indes nutzen viele Komponisten von heute diese einmalige Chance NICHT, sondern lassen ihr Werk an bewährten historischen Schauplätzen und in der Vergangenheit spielen... E strano........


    mfg aus Wien


    Alfred

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  • Nicht beantwortet wurde bisher jedoch die Frage ( "das heisse Eisen"?) warum Komponisten der Gegenwart - bzw unmittelbaren Vergangenheit, sich immer wieder historischer Stoffe bedienten - wenn - was oft behauptet wird - diese Stoffe dem Publikum ANGEBLICH heute nichts mehr zu sagen haben, weshalb die selbsternannten "großen Regisseure der Gegenwart" alte Stoffe von Opern, die vor 200 und mehr Jahren geschrieben wurde in die Jetztteit und an "zeitgemäße" Schauplätze verlegen.


    Lieber Alfred,


    ich verstehe den von Dir behaupteten Widerspruch noch nicht.


    Ob ich das Drama des "Palestrina" (16. Jhd.) zu Musik des 20. Jhds. spielen lassen oder "Cosi fan tutte" in Kostümen des 20. Jhds. zu Musik des 18. Jhds. spielen lasse, kommt doch auf dasselbe hinaus, oder? Wo liegt da der Widerspruch?

  • Lieber Wolfram


    Da liegt schon ein Widerspruch vor.


    Daß Cosi fan Tutte Kostüme UND Musik des 18. Jahrhunderts in geradezu optimaler Weise miteinander verbinden ist zwar ein Idealfall - aber nicht unbedingt typisch.


    Wenn Mozart beispielsweise die Zauberflöte vertont, dann ist seine Tonsprache nicht identisch mit jener Märchenzeit in der das Stück spielt.


    Ärger noch bei Richard Wagner - Wenn er Minnesänger auf die Bühne stellt, dann klingt das nach allem - nur nicht nacht Minnesang (Es wäre auch zu hinterfragen ob das Publikum eine Oper mit mittelalterlicher Tonsprache einige Stunden aushielte.
    Aber sogar dem Hobbyhistoriker wird schlecht bei dieser Vergewaltigung der Geschichte.


    Prinzipiell ist Oper ja eine abstruse Kunstform (wenngleich ich sie liebe) - denn im Realen Leben wird kaum je gesungen - vor allem nicht vor Hinrichtungen etc.


    Nehmen wir mal Baladas "Cristobal Colon" mit seiner rhytmischen Tonsprache als Beispiel.
    Ich würde nicht sagen, daß die Musik an Bellini heranreicht - aber als MusikTHEATER macht die Oper schon Eindruck.
    Ich kann das durchaus respektieren - und im speziellen Falls vielleicht sogar geniessen (die Musik ist durchaus anhörbar)


    Was ich aber nicht geniessen könnte, wenn Columbus im Straßenanzug daherkäme oder die Oper als "Demonstration gegen den Faschismaus" etc etc, mißbraucht würde. - es sei denn der Librettist hätte es so geplant.


    Ich habe Cosi in Kostümen des 20 Jahrhunderts gesehen - Abscheulich.


    Die gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Moden des 18. Jahrhundert sind Teil ihres Inhalts und wenn man die Oper in eine andere Zeit transferiert, dann erfordert das jede Menge an Eingriffen - Man heilt heute nicht mehr mit Mesmerschem Magnetismus . Zudem macht das Eintauchen in fremde Zeiten durchaus einen Reiz aus, dem sich nur wenige entziehen können.


    Und - eigentlich wollte ich es NOCH nicht sagen - ich bin der Überzeugung, daß sich viele Komponisten von heute - mit der von ihnen gewählten historischen Handlung aufwerten wollen. Zemlinskys "Zwerg" beispielsweise
    Man könnte ihn als Psychodrama ins 20 Jahrhundert verlegen. Aber kaum jemand schenkt heute einer Prinzessin einen Zwerg - das ist aus der Mode und wird als "politisch inkorrekt" gesehen.
    Aber vor ein paar hundert Jahren war das möglich - und natürlich muß hier der ganze Prunk des spanischen Hofes gezeigt werden - ansonst interessiert sich niemand für das Stück. Das Besondere ist ja, daß eine PRINZESSIN sich solche Escapaden leisten konnte - der Zwerg ist ein Spielzeug. Staffage.
    Es ist schon richtig, daß Oscar Wild hier die Gesellschaft anprangern wollte - vermutlich sogar die des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Aber er wählte hier BEWUSST eine historische Umgebung. Zemlinsky hingegen wird das ziemlich gleichgültig gewesen sein - er brauchte einen wirkungsvollen Rahmen für seine Musik.


    Mal sehen wie das die anderen sehen.


    Ich plane übrigens im Rahmen dieser Serie auch einen Thread mit Opernstoffen des 20. Jahrhunderts - und wie sich die entsprechenden Opern durchgesetzt haben....


    mfg aus Wien


    Alfred
    .

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  • Lieber Alfred,


    da hast du wieder einmal einen "passenden Nagel eingeschlagen". Ich frage mich auch, warum Textdichter und Komponisten auch in der Gegenwart antike Stoffe benutzen, und nur Regisseure glauben, dass nur noch zeitgenössische Darstellungen verstanden werden.
    Ich habe eine Menge der im 20. und auch noch zu Beginn des 21 Jahrhunders entstandenen Werke gefunden, die in der Handlung antike Stoffe -ohne Umsetzung in die Moderne - verwenden. Die Komponisten mögen zwar nicht immer allgemein bekannt sein und die Werke vielleicht auch nicht alle von größerer Bedeutung, aber dass diese noch recht neuen Werke - auch in Deutschland und Österreich - aufgeführt wurden, zeugt doch davon, dass solche Stoffe durchaus noch zeitgemäß sind. Wenn meine Vorgänger auch noch Werke aus der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts genannt haben, beschränke ich mich hier auf die Uraufführungszeit in der zweiten Hälfte des vorigen und zu Anfang des neuen Jahrhunderts und auf Stoffe aus der Antike und dem Mittelalter, sonst würde ich mir hier sicher die Finger wund schreiben:


    Komponist, Titel, Ort undZeit der Handlung, Uraufführung


    Theodore Antoniou: Periander, antikes Griechenland, München 1983
    Klaus Arp: Odysseus auf Ogygia, antikes Griechenland, Koblenz 1989
    Samuel Barber: Antonius und Cleopatra, Rom und Ägypten um 30 v Chr., New York 1966
    Günter Bialas: Hero und Leander, antikes Griechenland, Mannheim 1966
    Antonio Bibalo: Macbeth, Schottland 11 Jahrh., Oslo 1990
    Harrison Birtwistle: Die Maske des Orpheus, antikes Griechenland, London 1986
    Philippe Boesmann: Die Passion von Gilles, Frankreich 1429, Brüssel 1983
    Benjamin Britten: Noahs Flut, biblische Zeit, Aldeburgh 1958
    Benjamin Britten: Die Jünglinge im Feuerofen, Babylon 6 Jhrh. v. Chr., Aldeburgh 1966
    Benjamin Britten: Der verlorene Sohn, biblische Zeit, Aldeburgh 1968
    Paul Burkhard: Ein Stern geht auf aus Jakob, Jerusalem und Bethlehem um Chr. Geburt, Hamburg 1970
    Luigi Dallapiccola: Odysseus ,antikes Griechenland, Berlin 1968
    Paul Dessau: Die Verurteilung des Lukullus, Rom 56 v. Chr., Berlin 1951
    Friedhelm Döhl: Medea, antikes Griechenland, Kiel 1990
    Beat Furrer: Narcissus, antikes Griechenland, Graz 1994
    Renard Gagneux: Orpheus, antikes Griechenland, Straßburg 1989
    Philip Glass: Echnaton, Ägypten 1364 -1347 v. Chr., Stuttgart 1984
    Alexander Goehr: Die Wiedertäufer, Münster 1534/35, Duisburg 1985
    David Volker Kirchner: Belshazar, Babylon 6 Jahrh. v. Chr., München 1986
    David Volker Kirchner: Erinys, antikes Griechenland, Wuppertal 1990
    David Volker Kirchner: Gilgamesh, Uruk ca. 3000 v. Chr., Hannover 2000
    Giselher Klebe: Die Ermordung Caesars, Rom 44 v. Chr., Essen 1959
    Giselher Klebe: Alkmene, antikes Theben, Berlin 1961
    Andor Kovach: Medea, antikes Korinth, Genf 1965
    Ernst Krenek: Pallas Athene weint, antikes Griechenland, Hamburg 1955
    Rainer Kunad: Amphytrion, antikes Griechenland, Berlin 1984
    Rolf Liebermann: Penelope, antikes Griechenland, Salzburg 1954
    Rolf Liebermann: Freispruch für Medea, antikes Griechenland, Hamburg 1995
    Siegfried Matthus: Omphale, antikes Griechenland, Weimar 1976
    Siegfried Matthus: Judith, Israel ca 600 v. Chr., Berlin 1985
    Carl Orff: Oedipus der Tyrann, antikes Griechenland, Stuttgart 1959
    Carl Orff: Prometheus, antikes Griechenland, Stuttgart 1968
    Emil Petrovics: Lysistrata, antikes Griechenland, Budapest 1962
    Ildebrando Pizzetti: Iphigenie, antikes Griechenland, Florenz 1951
    Aribert Reimann: Lear, England Sagenzeit, München 1975
    Aribert Reimann: Troades, antikes Griechenland, München 1986
    Hermann Reutter: Die Witwe von Ephesus, Ephesus Antike, Köln 1954
    Hermann Reutter: Der Tod des Empedokles, Agrigent Antike, Schwetzingen 1966
    Wolfgang Rihm: Oedipus, Theben Antike, Berlin 1987
    Wolfgang v. Schweinitz: Patmos, biblische Geschichte, München 1990
    Salvatore Sciarrino: Macbeth, Schottland 11 Jahrh., Schwetzingen 2002
    Humphrey Searle: Hamlet, Dänemark frühes Mittelalter, Hamburg 1968
    Mikis Theodorakis: Medea, antikes Griechenland, Bilbao 1991
    Mikis Theodorakis: Electra, antikes Griechenland, Luxemburg 1995
    Mikis Theodorakis: Antigone, antikes Griechenland, Athen 1999
    Michael Tippett: König Priamus, antikes Griechenland, Coventry 1962
    Rudolf Wagner-Regeny: Prometheus, antikes Griechenland, Kassel 1959


    Leider ist die Aufstellung, die ich in Form einer Tabelle gemacht hatte, bei der Übertragung so nicht rübergekommen.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Nun, eine Oper will ich noch benennen, alleine um aufzuzeigen, dass das gesuchte Phänomen keines des 20. Jhds. ist:


    Monteverdi: Orfeo


    ich bin der Überzeugung, daß sich viele Komponisten von heute - mit der von ihnen gewählten historischen Handlung aufwerten wollen.


    Das ist eine unglaubliche Unterstellung, die m. E. viel Unkenntnis über die Motive jemandes, der hunderte Partiturseiten vollschreibt, verrät.


    Ich will gar nichts zu Komponisten zu heute sagen. Aber alleine der oben genannte Monteverdi dürfte schon einmal ein gutes Gegenbeispiel sein. Es ging ja vornehmlich darum, die Oper als Gattung erst einmal zu plausibilisieren, da war der "Orfeo" natürlich ein idealer Stoff.


    Ferner kommt Kunst nicht von Können, sondern von Müssen, wie schon Mahler feststellte.


    Hat denn Wagner auf mythische Stoffe zurückgegriffen, um sich selbst aufzuwerten? Oder Verdi auf Nabucco? Oder Strauss auf Salome und Elektra? Eine solche Aussage hielte ich ehrlich gesagt für wenig reflektiert und meine, dass eine solche recht leicht anhand von Dokumenten zu widerlegen wäre. Bei Strauss' Salome meine ich mich zu erinnern, dass er sich schon von der ersten Textzeile "Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht" spontan angezogen fühlte und Klänge hörte.

    Eine schiere Berechnung auf eigene Aufwertung ist in meinen Ohren völlig unplausibel. Wenngleich mir dieser menschliche Zug nicht fremd ist. Mancher tut gewisse Dinge nur, um sich oder seine Erzeugnisse aufzuwerten, gewiss. In diesen Fällen scheint ja zunächst mal ein Defizit der eigenen Wertschätzung und der Wertschätzung der eigenen Erzeugnisse vorzuliegen.

  • eigentlich ging es doch um historische plots.
    nun kommt auch noch die ganze mythologie dazu - dann haben wir aber schon weit mehr als die hälfte aller jemals komponierten opern unseres kulturkreises.
    wobei die vor allem mythologischen opern des barock ja in barockkostümen gespielt wurden, womit alfreds motivation für den thread leider wieder ad absurdum geführt wird.


    vielleicht sollten wir uns auf historische themen beschränken. (also auch nicht die "verurteilung des lukullus". die spielt in der unterwelt.)

  • Es gibt einen Komponisten, der seine Opern durchaus in der jüngsten Vergangenheit spielen lässt und darin Probleme behandelt, die uns heute noch auf den Nägeln brennen: John Adams.


    -Nixon in China (Machtpolitik und Philosophie/Ideologie)


    -Death of Klinghoffer (Terrorismus)


    -Dr. Atomic (sehr aktuell)


    Ansonsten sehe ich in den Stoffen eigentlich kein Problem. Auch die Götter in der Renaissance- und Barockzeit spiegeln doch nur das autokratische Verhalten der Oberschicht, wie es selbst in unserer Demokratie wieder gang und gäbe ist.

    Dürfen Vegetarier/Veganer eigentlich Hunde und Katzen halten?

  • Zitat

    nun kommt auch noch die ganze mythologie dazu

    Ich habe Alfred so verstanden, dass er auch diese damit meint, wenn er von Stoffen, die in der Antike spielen, spricht. Wenn er es nicht so gemeint hat, möge er es mir bitte mitteilen.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Zitat

    wobei die vor allem mythologischen opern des barock ja in barockkostümen gespielt wurden, womit alfreds motivation für den thread leider wieder ad absurdum geführt wird.

    jetzt ist es endlich klar, welche Epoche am gegenwärtigen "Verunstaltungstheater" schuld ist. :D Und viele Fürsten haben diese Art von "Regietheater" finanziert.... das ist ja noch schlimer als Loge mit Laptop und Rheintöchter in Regencape.. :pfeif:


    Ein Meisterwerk - dessen Zeit vermutlich in der "Vorantike" anzusetzen wäre - wurde noch nicht genannt: Schönbergs Moses und Aron. Wobei dessen historischen Bezüge/"Realien" alles andere als gesichert gelten...
    :hello:

  • Zitat

    Eine schiere Berechnung auf eigene Aufwertung ist in meinen Ohren völlig unplausibel. Wenngleich mir dieser menschliche Zug nicht fremd ist. Mancher tut gewisse Dinge nur, um sich oder seine Erzeugnisse aufzuwerten, gewiss. In diesen Fällen scheint ja zunächst mal ein Defizit der eigenen Wertschätzung und der Wertschätzung der eigenen Erzeugnisse vorzuliegen.


    Auch wenn mir hier vorgeworfen wurde, meine Behauptung sei "eine unglaubliche Unterstellung" so ist sie meiner MEinung nach durchaus nicht von der Hand zu weisen. Schon Schikaneder und Daponte verwoben publikumswirksame Figuren oder Begebenheiten in ihre Opern um sie besser "an den Mann zu bringen. Desgleichen wage ich zu dsagen, daß jene italienischen Komponisten (und es sind die besten überhaupt) die jedes Jahr für ein oder zwei Opernbühnen eine Oper schufen - als Auftragswerk selbstverständlich - durchaus den Effekt ihrer Produkte im Kopf hatten. Der Künstler, der aus sich heraus - aus innerem Antrieb - ohne Rücksicht aufs Publikum - aber durchaus mit Hinblick auf staatliche Subventionen - Werke schafft wurde erst im 20. Jahrhundert "geschaffen"
    Kluge Komponisten haben sich aber auch im 20. Jahrhundert Themen gesucht, von denen man annehmen kann, daß sie zumindest EINE Zielgruppe interessieren.


    Zitat

    Ferner kommt Kunst nicht von Können, sondern von Müssen, wie schon Mahler feststellte.


    Mahler wird - ebenso wie Adorno - gerne zitiert wenn es um musikalische Fragen geht.
    Das heisst nicht, daß er recht hatte. Und zu Lebzeiten waren die Ansichten des Herrn Hofoperndirektors mehr als umstritten.


    So warf man ihm beispielsweise vor (es gibt eine Karikatur zu diesem Thema), daß er Mozarts Werke "übermahlert" habe.....


    Kann erst heute abend wieder antworten, Feiertagsdienst


    LG
    Alfred

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  • Da kann man doch glatt Ermanno Wolf-Ferraris Buffo-Opern hier als Beispiele anführen:


    # Le donne curiose (Die neugierigen Frauen, nach Goldoni, 1903)
    # I quattro rusteghi (Die vier Grobiane, ebenfalls nach Goldoni, 1906)
    # L’amore medico (UA als Der Liebhaber als Arzt, nach Molière, 1913)
    # Gli amanti sposi (Das Liebesband der Marchesa, wieder Goldoni, 1904-16; UA 1925)
    # La vedova scaltra (Die schlaue Witwe, schon wieder Goldoni, 1931)
    # La dama boba (Das dumme Mädchen, nach Lope da Vega, 1939)
    # Gli dei a Tebe (Der Kuckuck in/von Theben, nach Kleist, UA 5. Juni 1943 in Hannover)


    Liebe Grüße vom

    .


    MUSIKWANDERER

  • Zitat

    Der Künstler, der aus sich heraus - aus innerem Antrieb - ohne Rücksicht aufs Publikum - aber durchaus mit Hinblick auf staatliche Subventionen - Werke schafft wurde erst im 20. Jahrhundert "geschaffen"

    Wagner war im 19. Jahrhundert sehr beschäftigt, sich von z.B. König Ludwig die nötigen Subventionen zu erhalten, um seine Festspielidee zu realisieren..
    Inwieweit ein Künstler mit oder ohne Rücksicht auf Publikum schafft, ist zunächst kein Qualitätsmerkmal für oder gegen sein Werk...
    :hello:

  • Einige wurden ja schon genannt, mir fallen noch zwei ein :


    - Rudolf Wagner-Regeny "Die Bürger von Calais"
    - Detlev Glanert "Caligula"

    "Die Glücklichen sind neugierig."
    (Friedrich Nietzsche)

  • Zitat von »Alfred_Schmidt«


    ich bin der Überzeugung, daß sich viele Komponisten von heute - mit der von ihnen gewählten historischen Handlung aufwerten wollen


    Die Blickrichtung stimmt, aber der Gegenstand ist unrichtig gewählt. Es war die Literaturoper, bei der sich ein verdächtiges Genre seine Legitimität sichern wollte (auch Wagners "Gesamtkunstwerkkonzept" als Musikdrama krankt an diesem Dilemma). Zimmermanns "Soldaten" oder Reimanns "Lear" sind bloß Extrempunkte dieser Entwicklung - der "Wozzeck" ist (für mich) ihr Sündenfall.


    Die Oper wird niemals die Möglichkeiten des Sprechtheaters einholen; daher ist die Usurpation der dramatischen Dichtung durch die Musik immer mit Abstrichen erkauft - sowohl bei den Ansprüchen des Dramas wie bei den Erfordernissen der musikalischen Geschlossenheit.


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!