Chorsingen - Pro und Contra

  • Warum singst du in einem Chor? oder Weshalb kommt das für dich nicht in Frage?


    Meine Fragestellung beschäftigt sich mit der Motivation mit anderen singend Musik zu machen oder was davon abhält.


    Einen ähnlichen Thread gibt es bereits, doch geht es dort um die Qualität des Chorgesangs, wenn Laien singen. Laienchöre... warum wissen die nie, was sie nicht können?
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    Die Beschäftigung mit Musik, selber spielend, hörend, im Nachdenken über sie und in der Diskussion im Forum soll Freude bereiten.

    Den Bratschenklang liebe ich wie der anderer tief klingender Instrumente: Bariton-Saxophon, Bassklarinette, Fagott, Kontrabass spiele ich neben anderen selber. Schubert ist mein Lieblingskomponist. Musik geniesse ich.

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  • Hallo,


    ich "kann"nur die 1. Frage beantworten:


    1. Weil ich seit meinem 15. Lebensjahr - mit einer leider längeren Zwangspause - in mind. 1 Chor, dabei überwiegend A Capella, singe.
    2. Weil ich, durch diverse Umstände bedingt, leider kein Instrument lernen konnte.
    3. Weil im Chor singen mir sehr, sehr viel Freude bereitet und ich anfangs das Glück hatte, einen hervorragenden Chorleiter gehabt zu haben und ich später die mir passenden Chöre ausgewählt habe. (Als ich längere Zeit in einem kleinen Dorf am Rande der frk. Schweiz gelebt habe, war es schwierig verständlich zu machen, dass ich im dörfl. Gesangsverein nicht mitsingen wollte/konnte.)
    4. Weil ich mit Menschen in Kontakt kam/bin, die singen im Chor ebenso gut finden wie ich und ich mich im Kreis solcher Menschen immer wohl gefühlt habe/wohl fühle.
    5. Weil bereits in früher Jugend meine Liebe zur Musik geweckt/bestärkt wurde und ich mit sehr guter Musik in Kontakt kam/komme.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Sagitt meint:


    Ich singe seit Jahrzehnten in diversen Chören, meist Kirchenchöre. Immerhin, Riesengeschenk, konnte ich vier Mal die Marienvesper mitsingen. Das ist wohl vorbei. Nicht, weil ich das Werk nicht mehr singen könnte, sondern weil die Kostensituation eine Aufführung nicht mehr zuläßt. Bereits 1986 verbrauchte die Aufführung dieses Werks einen Zwei-Jahres-Etat einer begüterten Gemeinde, immerhin mit der blutjungen Christine Schäfer.


    Große Erlebnisse waren u.a. eine Frankreich-Tournee mit der Matthäus-Passion. Fünfmal in einer Woche gesungen, einmal davon in Paris, zum Abschluß dann, auswendig, zu Karfreitag im Bremer Dom.


    Ein besonderes Erlebnis war die Erst-Aufführung des Schwanengesangs von Schütz in Bremen. Mir als tiefem Bass machte es grosse Freude, immer wieder das tiefe D singen zu können, wo andere bereits oktavieren mußten.


    Morgen steht die Johannes-Passion in der Fassung 1725 auf dem Programm, im Herbst die h moll Messe. Danach werde ich mir andere Gelegenheiten zum Singen suchen. Die kleinteilige Probierei gefällt mir nicht. Die Singefreude geht in Arbeit über. Und Arbeit möchte ich ehrenamtlich nicht mehr leisten.


    Was ich noch mal gerne singen würde in diesem Leben? Nun, orthodoxe Ostergesänge und die grossen Chorwerke von Heinrich Schütz.

  • Ich kann auch nur die 1. Frage beantworten und möchte die Punkte 1 bis 5 von zweiterbass voll inhaltlich bestätigen. Abgesehen davon, dass ich schon mit 11 Jahren begonnen habe, hatte auch ich eine längere Pause, allerdings "selbst verschuldet", weil mein Leben zu der Zeit einen anderen Kurs einschlug. Aber ich bin vor 25 Jahren wieder auf den "rechten Weg" zurückgekommen und freue mich darauf, am 3. Advent dieses Jahres bei Bachs Weihnachtdsoratorium mitwirken zu dürfen.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich singe im Chor (Tenor), weil unser Chor sehr vielfältige Musik interpretiert. Wir singen sowohl Queen, als auch Toto, Bach, Händel, Lauridsen, Schütz, Rammstein, Ringelnatz (ja, gibt es vertont), Lahusen, Dowland und Gospel.


    Als Agnostiker stehe ich inhaltlich zwar nicht vollständig hinter "Halleluja", bin aber tolerant genug, mir so etwas nicht anmerken zu lassen.


    Wenn wir Aufführungen haben oder kurz vor einem Konzert den Stoff ausreichend beherrschen, gibt es immer mal wieder magische Momente, bei denen der Chor einen Klang produziert, der besser ist als das, was Lautsprecher und gute Anlagen erreichen können.

  • Ich beantworte Frage Nr.1, also Pro. Allerdings mit Einschränkungen.


    Dazu möchte ich bemerken: Meine Chorerfahrung (1.Bass) teilt sich in 2 Lebensepochen auf.


    Ad 1: Bei meinem letzten Wohnortwechsel vor 40 jahren suchte ich als Neubürger Kontakt zu den Einheimischen und landete im örtlichen Gesangverein Liederkranz H. Das Repertoire reichte von Silcher bis Klassik, die heutigen Crossovers waren noch nicht so populär. Das Singen und die Veranstaltungen machten so lange Spaß, bis es aus beruflichen Gründen immer häufiger zu Terminkonflikten kam. Notgedrungen mußte ich Prioritäten setzen und so blieb der Chorgesang - leider für lange Zeit - auf der Strecke.


    Ad 2: Jahrzehnte später - ich war beruflich schon auf der Zielgeraden angekommen - erhielt ich durch die Cousine meiner Frau ein Angebot, für den Ostergottesdienst den Kirchenchor ihrer Gemeinde als Projektsänger zu verstärken. Es wurde Mozarts Krönungsmesse KV 317 aufgeführt. Die Proben erfüllten mich mit Freude und Ehrfurcht gleichermaßen, die Ostermesse war ein Gänsehauterlebnis.
    Seither habe ich des öfteren bei diversen geistlichen und weltlichen Chören als Projektsänger mitgewirkt, wobei die Aufführung von Mozarts Großer c-Moll-Messe KV 427 in der Kathedrale zu Chartres ein Höhepunkt war. Auch ein Opernchorprojekt mit den bekanntesten Chören ( Herren und gemischt, z.B. Tannhäuser-Pilgerchor und Nabucco-Gefangenenchor) war ein denkwürdiges Erlebnis.


    Somit war und ist meine Motivation die Liebe zur Musik und zum Musizieren. Bei Laienchören ist leider immer öfters das Totenglöckchen zu hören. Die Chöre sterben aus, es fehlt der Nachwuchs. Daraus resultiert oft auch ein Rückgang der gesanglichen Qualität.


    Vielleicht ist dies der Grund für manchen Gesangsfreund, sich mit obiger Frage Nr. 2 zu befassen.

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Ich habe als Student angefangen in einem ganz guten Kirchenchor in Düsseldorf zu singen; der Leiter war auch Turniertänzer und der Bruder von Johannes Rediske; Jazzquintett aus Berlin). Da haben wir die großen Oratorien aufgeführt. Meine ersten Berufserfahrungen in Mülheim an der Ruhr waren begleitet vom Singen im Kirchenchor; hierher rührt die Bekanntschaft mit Schütz. Ein neuer Chorleiter war Spezialist für Alte Musik; er machte eine Evangelische Schola auf, die mit 6 Männern besetzt war. Hier haben wir Gregorianik und die ersten mehrstimmigen Sachen (Dufay, Obrecht) gesungen. Eine tolle Erfahrung. Dann kam ich als hoher Tenor nach Essen in das "Vokalensemble Fulerum" mit den Leitern Susanne Glauber und dem leider verstorbenen Musikkritiker der NRZ, Johannes Glauber. Hier habe ich praktisch die wichtigste Chorliteratur der Musikgeschichte kennengelernt, allerdings natürlich nicht die großen Passionen gesungen, denn wir waren meist nur 20 Mitglieder. Nach einem Umbruch wandelte sich dieses Ensemble zum Palestrina-Ensemble mit 10 Mitgliedern. Da haben wir natürlich nur Chormusik für kleinere Ensembles gesungen. Nach dieser Zeit (ein Vokalensemble überspringe ich) habe ich einen neuen Chor gefunden, in dem ich heute noch singe: die Camerata Vocale aus Oberhausen, deren Leiter der Domkantor in Xanten, Wolfgang Schwering, ist. Auch hier singen wir uns durch die Musikgeschichte, und ich konnte von meinen alten Ensembles viele Stücke einbringen, wie z.B. die "Hymn to St. Cecilia" von Britten. Dieses Stück stieß zunächst auf völlige Ablehnung, heute ist es eines unserer Lieblingsstücke. Nächstes Jahr feiern wir 25jähriges Bestehen.
    Nebenbei singe ich hier in der Heimatgemeinde noch im Männerensemble des Kirchenchores. Begonnen haben wir mit ernsthafter Literatur wie Mendelssohn, dann aber auch Stücke aus dem Repertoire der Comedian Harmonists oder Wise Guys gesungen. Das Schöne ist, dass ich hier im 1. Tenor singe und endlich mal die Melodie habe, was oft viel leichter ist.
    Chorsingen (genauso wie Lesen oder Wandern) ist für mich kein Hobby, sondern so etwas wie Essen und Trinken: ohne das kann ich gar nicht leben.
    Kleine, leistungsfähige Chöre können natürlich ganz andere Literatur singen als größere oder Kirchenchöre. Man selber hat oft nur einen Mitsänger, da hat man eine ganz andere Verantwortung. Auch werden die Stücke sehr schnell einstudiert, sodass man rasch an eine gute Interpretation gehen kann.
    Für mich ist besonders wichtig, dass ich selber Musik machen kann, da ich leider kein Instrument gelernt habe. Auf diese Weise gewinnt man einen besonderen Zugang zu den verschiedensten Komponisten.
    Was ich alles in meinem Leben gesungen habe, kann ich hier nicht aufzählen, möchte aber doch ein paar Lieblingsstücke nennen.
    1. Schütz, Musikalische Exequien: hier haben wir alle auch die Solopartien übernommen.
    2. Britten, Hymn to St. Cecilia
    3. Bach Johannespassion: das geht mit einem kleinen Chor besser als mit einem großen!
    4. Melchior Franck, 5 Hoheliedmotetten
    5. Palestrina, Missa Papae Marcelli
    6. Karl Amadeus Hartmann, Friede 48 (das schwerste Stück, das ich je gesungen habe)
    7. Tallis, Lamentationes Jeremiae (hier habe ich damals als hoher Tenor im 2. Alt mitgesungen, als einziger Mann unter Frauen; das war toll. Aber das könnte ich heute nicht mehr).
    Es ist natürlich klar, dass ich alles unterschreibe, was unser 2. Bass so schön kurz und klar formuliert hat.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Meine Eltern arbeiteten beide längere Zeit als Chorsänger/in
    im Theater. Dadurch kannte ich als Kind hauptsächlich Opern und Operetten
    welche ich häufig nachsang.
    Während der Zeit meiner Berufstätigkeit sang ich nur noch privat zu Opernaufnahmen.


    Als Rentner ging ich zu einem Kirchenchor und zu einem
    Männergesangsverein damit ich Gelegenheit hatte mehr zu singen und auch gemeinsam mit anderen. Als
    Stimmrichtung habe ich zweiter Bass weil mir das tiefe Singen viel leichter
    fällt.


    Seit Lungenentzündung vorigem Winter kann ich derzeit nur
    eingeschränkt singen.


    Unser größter Erfolg war beim Kirchenchor die Aufführung des
    Gounod-Requiem in der Prager Salvatorkirche an der Karlsbrücke.



    Kurt

  • Erste Chorerfahrung mit 16 Jahren, beim "Chorverein Liederkranz" in Hof. Dvorak "Stabat Mater" das erste mit Werner Richter-Reichhelm, Leiter der Hofer Symphoniker und des Chors, erarbeitete Werk. Im gleichen Jahr 1966 kam die Hofer St. Michaeliskantorei dazu, unter Kantor Helmut Scheller mit dabei in der ersten ungekürzten Bachschen Matthäuspassion in meiner Heimatstadt.


    Seither, mit berufsbedingten Unterbrechungen, meist in ein, zwei oder drei Chören als Bassist aktiv. Im südbrasilianischen Porto Alegre, meinem jetztigen Wohnort, sang ich im November in Händels "Messiah", im Frühjahr bei einer "Johannespassion" und einem Brahms-Requiem.


    In dankbarer Erinnerung sind mir meine 8 Jahre im Extrachor des Stadttheaters Augsburg.


    Warum ich im Chor singe - da spielte der schon erwähnte Werner Richter-Reichhelm eine entscheidende Rolle. Dirigent meines ersten Konzerts, meiner ersten Opervorstellung und vom begeisterten Jugendlichen heftig bewundert. Das bewog mich, ihn, der auch den Chorverein leitete, anzurufen und mich als Sänger zu bewerben. Von der ersten Probe an war mir klar: ja, das ist es!


    :)

  • Hallo


    Ich finde es sehr schade, dass unser Chorsingen seit Monaten nicht stattfinden kann. Zwei große Auftritte sind ins Wasser gefallen - die Matthäuspassion und Beethovens 9te mit der Ode an die Freude. Natürlich ist es nachvollziehbar, hinsichtlich der Gefährdung beim Singen und auch der Tatsache, dass ein großer Teil unseres Chores in deutlich fortgeschrittenem Alten ist und damit zur Gruppe der besonders gefährdeten Mitbürger zählt.


    Es ist ein regelmäßiger Termin der besonderen Art, der durchaus "seine Funktion" in der Woche hat.


    Mein Sohn und ich singen gemeinsam im Chor. Auch dieses "das machen wir gemeinsam" ist derzeit nicht möglich.


    Außerdem hat das Chorsingen (das ich erst vor etwa 2 Jahren begonnen habe) sicherlich zur Verbesserung meiner Lungenfunktion beigetragen. Mangels Chor und Kieser-Training ist sie wieder schlechter geworden.


    Aber irgendwann gibt es auch diese Dinge wieder. Ich bin zuversichtlich.


    Gruß Wolfgang

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Ich bin zuversichtlich.

    Über Deinen kleinen Schlußsatz habe ich mich gefreut Wolfgang. Zuversicht, die brauchen wir, und eine ordentliche Portion Geduld.


    Einem meiner beiden Chöre schlug ich vor, Anfang Juni wieder mit Proben zu beginnen. In kleinen Besetzungen, Doppelquartett beispielsweise. Weit im Halbkreis aufgestellt sollte das möglich sein. Nicht verpflichtend, wer das Restrisiko scheut, klinkt sich aus.


    Dir und Deinem Sohn alles Gute Wolfgang!

  • Auch mein Chor, in dem ich seit 40 Jahren singe, trifft sich zu keinen Proben mehr, seit die Corona-Krise unseren Alltag bestimmt. Die Pro und Contra-Waage erhält alarmierende Schlagseite.


    Bedenklich finde ich diese Mitteilung, die ich einem Artikel aus dem schweizerischen Tagesanzeiger entnehme.


    Es sind schlimme Geschichten, die derzeit die Runde machen in der Schweizer Chorszene. Sie handeln zum Beispiel von jenem Amsterdamer Laienchor, in dem nach einer Aufführung von Bachs «Johannes-Passion» im März 102 der 130 Mitglieder an Covid-19 erkrankten; ein Sänger und drei Partner von Chormitgliedern starben. Ähnliches passierte in der Berliner Domkantorei, in der 60 von 80 Sängern erkrankten. Auch im französischen Hombourg-Haut, im bayrischen Hohenberg oder im luzernischen Buttisholz steckten sich Chorsänger an.


    Anscheinend sind die Aerosole die aus den offenen Kehlen der Sänger und Sängerinnen treten für die hohe Ansteckungsziffer verantwortlich.

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    Die Beschäftigung mit Musik, selber spielend, hörend, im Nachdenken über sie und in der Diskussion im Forum soll Freude bereiten.

    Den Bratschenklang liebe ich wie der anderer tief klingender Instrumente: Bariton-Saxophon, Bassklarinette, Fagott, Kontrabass spiele ich neben anderen selber. Schubert ist mein Lieblingskomponist. Musik geniesse ich.

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  • moderato, auch Dir wünsche ich die richtige Mischung aus Zuversicht und Geduld. Zurück in den "alten Betrieb" kommen wir so schnell nicht wieder, vielleicht sogar nie mehr. Das Singen wird nicht verstummen, dessen bin ich mir sicher...


    :)