Entdeckungen: Neue Stimmen

  • Zu Alejandro Larraga Schleske (Vorgestellt von Operus in Beitrag #859, 860f, 865)

    Zu Juliane Bookhagen (Vorgestellt von La Roche in Beitrag #986f)


    Lieber La Roche!

    … sind neue und hoffnungsvolle Stimmen an den von mir bevorzugten Theatern und Inszenierungen nicht zu erwarten. So ist der hoffnungsvolle Alejandro Larraga Schleske noch immer in Gera, ohne darüber hinaus größeres Aufsehen erregt zu haben. Gespannt kann man sein auf Isaac Lee, der jetzt in Gera engagiert ist, und auf Juliane Bookhagen, die mir musikalisch als Niclas in Hoffmanns Erzählungen als einzige den ansonsten mißratenen Abend versüßte

    Dass beide noch in Gera engagiert sind, sollte Dich nicht grämen.
    Baritone und Mezzosopranistinnen sind nicht so gejagt wie Soprane und Tenöre. Das muss kein Nachteil sein. Die Stimmen brauchen ja schließlich Zeit, sich zu entwickeln, und den Künstlern tut es auch gut, wenn Sie Gelegenheit haben, sich auszuprobieren und zu reifen.


    Beste Grüße


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Zu Philippe Sly (#512ff, 1143ff, 1162ff, 1186, 1196)


    Die Neudeutung von Schuberts Winterreise durch den kanadischen Bariton Philippe Sly beschäftigt weiterhin die Musikszene in Kanada und den USA. Die Cross-Over-Interpretation, die Schubert mit Klezmer-Musik zusammenbringt, ist im Rahmen von "Ludwig van" mit großer Resonanz schon Anfang des Jahres vorgestellt worden:


    https://www.ludwig-van.com/tor…ubert-klezmer-folk-twist/


    Jetzt stand die CD auf der Short-List für den kanadischen Schallplattenpreis CBCMusic JUNOS in der Kategorie Classical album of the year: vocal or choral. Sie hat den JUNOS 2020 zwar nicht gewonnen aber hat die meisten Stimmen hinter dem Ottawa Bach Choir (CD mit Händel, Bach und Schütz) erhalten.

    Die CD macht die Faszination der Interpretation hörbar:



    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Noch mal zu Philippe Sly (#512ff, 1143ff, 1162ff, 1186, 1196)


    Vielleicht interessieren ein paar Hörproben, die ich - überraschenderweise - bei YouTube gefunden habe:






    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Weiter zu Philippe Sly (#512ff, 1143ff, 1162ff, 1186, 1196) und seiner Winterreise (#1772)


    Mich beschäftigt weiter die "Neu-Deutung" oder Um-Instrumentierung" von Schuberts Winterreise durch Philippe Sly.

    Darüber wollte ich mich gerne mit Helmut Hofmann austauschen, da ich seine Kompetenz für Liedanalyse und Liedinterpretation sehr hoch schätze und davon nur lernen kann. So wandte ich mich an ihn und knüpfte zwei Fragen an eine seiner älteren Ausführungen Verballhornungen von Kunstliedern - eine uralte Praktik ???

    Deine sehr kluge Bemerkung beschäftigt mich gerade besonders. Das Sich-Einfinden ist ganz sicher für die Interpretation von Lieder von ganz elementarer Bedeutung. Die Frage, die ich an Dich hätte, knüpft da an und schlägt den Bogen zurück zur Frage von Alfred. Ich beschäftige mich gerade mit einer Neudeutung der WINTERREISE durch den jungen kanadischen Bariton Philippe Sly, den ich vor einiger Zeit im NEUE STIMMEN-Thread vorgestellt habe, und der mich nun mit seiner WINTERREISE ganz eigenartig fasziniert. Entdeckungen: Neue Stimmen


    Es ist praktisch eine Cross-Over-Interpretation, die Schubert mit Klezmer-Musik zusammenbringt. Ich habe den Eindruck, dass der junge Bariton sich sehr tief in das Werk eingefunden hat und einen Weg sucht, sich dem Kern des Werkes neu zu nähern. Mit den Klezmer-Klängen wird eigentlich das Unbehauste des Wanderers sehr eindrücklich verdeutlicht und verstärkt.

    Aber: es ist und bleibt doch eine Verfremdung des liedmusikalischen Wesens der Schubertschen Komposition.

    Deshalb an Dich meine Frage: Ist diese Verfremdung legitim? Überzeugt Dich der Ansatz?

    Die Antwort kam nicht nur postwendend sondern war auch sehr ausführlich und tiefgründig.

    Da sich Helmut Hofmann darin sehr eingehend mit Philippe Sly, um den es in diesem Thread hier ja geht, und seiner Interpretation beschäftigt, möchte ich ihn hier gerne zitieren:

    Hab mich gefreut über Deinen an mich sich richtenden Beitrag, lieber Caruso!

    Diese Winterreise-Interpretation kannte ich gar nicht, und natürlich auch nicht den Sänger Philippe Fly. Erst durch Deinen Beitrag im Thread "Neue Stimmen" wurde ich auf ihn aufmerksam, - was wieder einmal zeigt, wie höchst sinnvoll und nutzbringend dieser Thread ist.

    Gleich habe ich mir alle bei YouTube verfügbaren Winterreise-Lieder angehört, und es ging mir wie Dir: Ich war "ganz eigenartig fasziniert". Das ist eine tief anrührende, ja betroffen machende Interpretation dieses Liederzyklus´. Man spürt ganz hautnah, dass es Philippe Fly nicht um die Präsentation einer neuen Variante unter den unzähligen, vom Original-Notentext abweichenden Interpretationen des Zyklus geht, sondern dass dahinter der Wille steht, der musikalischen Aussage der einzelnen Lieder auf hoch intensive, bis in ihre tiefsten Tiefen reichende Weise nachzugehen, um in ihr neue Dimensionen zu erschließen.

    Aber Helmut Hofmann hat sich darüber hinaus auch zu der Legitimität einer Bearbeitung geäußert, die Schuberts Lieder mit einer Begleitung präsentiert, die der Tradition der Klezmer-Musik entstammt:

    Den zweiten Teil davon habe ich schon beantwortet, also geht es um den Aspekt "Legitimität" eines solchen Unterfangens. Früher lehnte ich - wie Dietrich Fischer-Dieskau übrigens auch - alle Wiedergaben der "Winterreise", die nicht auf der Grundlage der Original-Partitur erfolgten, als unnütze Spielereien radikal ab. Inzwischen sehe ich - altersmilde geworden - die Dinge etwas anders. Ich frage mich beim Hören solcher Aufnahmen, ob durch diese Interpretation bei den einzelnen Liedern unter Einsatz der spezifischen Mittel - also denen der gesanglichen Interpretation und der Begleitung - Elemente der Aussage herausgearbeitet und erschlossen werden, die in Schuberts Liedmusik zwar angelegt sind, nun aber durch Akzentuierung in den Vordergrund rücken, also dem Rezipienten bewusst gemacht werden. Ist das der Fall, dann würde ich von einem interpretatorisch legitimen Umgang mit Schuberts Komposition sprechen.


    Hier, bei der Interpretation des Liedes "Rast", ist das aus meiner Sicht gegeben. Durch die Reduktion der bei Schubert aus bitonalen Akkorden bestehenden Sprungfigur im Klaviersatz auf einen einzelnen, auf der Geige angezupften Ton wird, zusammen mit der starken Zurücknahme der Stimme, die Einsamkeit dieses heimatlos durch die Winterlandschaft irrenden Gesellen auf tief betroffen machende Weise vernehmlich. Und wenn dann am Ende der von Schubert gewollte Kontrast von "leise" und "stark" in der Wiedergabe der Worte "Der Rücken fühlte keine Last" ("leise") und "Der Sturm half fort mich wehen" ("stark") durch den Sänger geradezu auf die Spitze getrieben wird und die Geige nun die Struktur des Klaviersatzes in gebundener Melodik wiedergibt, dann beginnt die Erfahrung der hoffnungslosen existenziellen Situation des Wanderers, wie sie ja der zentrale Gegenstand von Schuberts Zyklus ist, regelrecht zu schmerzen.

    Die Antwort finde ich insofern erhellend, als der Blick auf die Begleitung gelenkt wird. Wenn man den ganzen Zyklus hört, fällt nämlich auf, dass bei kaum einem Lied das gesamte Instrumentarium des Chimera-Projektes eingesetzt wird. Es wird sehr sorgfältig geschaut, welche Instrumente geeignet wären, das Anliegen und den Sinn der Schubertschen Komposition auszudrücken, womöglich gar zu vertiefen. Dass diese Absicht überzeugend gelungen ist, hat Helmut Hofmann am Beispiel des Liedes "Rast" konkret belegt.


    Dir, lieber Helmut Hofmann, möchte ich ganz herzlich für Deinen Beitrag danken.

    Vielleicht regt er andere Taminos an, sich auch auf Philippe Sly und sein La Chimera-Projekt einzulassen.


    Das hofft


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


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