Beethoven: Sonaten op. 109, 110 und 111

  • Zitat

    Original von Kontrapunkt


    Vor allem die Zeitverhältnisse im 2. Satz endlich mal konsequent umgesetzt zu haben, beansprucht ja Vitalij Margulis für sich. In seiner Aufnahme braucht er allein für diesen Satz 26 Minuten, was im Booklet und einem längeren eingesprochenen Essay gerechtfertigt wird (mit Vergleichsschnippseln von renommierten Interpretationen).




    Ich habe freilich meine Zweifel, ob es hilft, die Tempoverhältnisse konsequent umgesetzt zu haben, wenn der Satz insgesamt etwa im halben Tempo (normale Spieldauer wären 15-17 min) gespielt wird... ;)


    Ich habe mich hier zwar mit op.111 nicht so eingehend befaßt, aber im Falle des Finales von op.109 finde ich z.B., daß die nicht mehr so bezeichnete vorletzte (?) Variation, die "tempo I del tema" markiert ist, wesentlich wirkungsvoller ist, wenn man sie langsamer spielt als das Thema (während das Thema selbst mir etwas zu gedehnt wird, wenn man dessen Tempo dieser Variation anpaßt). Gewiß ist op.111 diesbezüglich "konstruierter" (in op.109 gibt es einen munteren Wechsel ganz unterschiedlicher Tempi) und daher sind Freiheiten nicht ganz so leicht zu begründen. Aber man macht es sich manchmal auch zu leicht, wenn man Abweichen aus "Instinkt" oder "Intuition" als schlichtes Ignorieren der Vorschriften abtut.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Lieber Kontrapunkt :



    Diese von Dir dankenswerterweise genannte Aufnahme ist auch in der von WALTER T. genannten Website erwähnt ( Aufstellung von 83 Interpretationen auf modernen Instrumenten und eine Aufnahme durch Elly Ney auf einem Hammerklavier ) ; mit Hinweisen des Betreibers der Wensite , der wohl professionell mit Musik zu tun hat .


    Aber auch er hat , wie J.R. dies nach Deinem Beitrag anmerkt keine letztendlich gültige , "richtige" Lösung in seinen Anmerkungen bereit ( http://www.klassik-prisma.de ) .


    Ich bin grundsätzlich persönlich ein Verfechter der Notentexttreue , aber bei den Fragen , die die Metronomangaben bzw. deren Fehlen bin ich seit meinen eigenen Studien anlässlich der Gesamtausgabe der Werke für Klavier solo von Robert Schumann durch Clara Schumann ( mit manch rttenden Eingriffen durch Johannes Brahms ! ) sehr vorsichtig .


    UInd auch bei Chopin lohnt sich ein Studium einiger Werke in den Gesamtausgaben durch Igmanz Friedman wie auf der anderen Seite durch Paderewsky und seine Mitarbeiter , um hier zu ähnlichen Ergennissen zu kommen wie bei Rpbert Schumann .


    Da Du diese Aufnahme von Margulis sicherlich nicht nur einmal gehört haben dürftest , würde mich interessieren , welchen Eindruck Du subjektiv von dieser Interpretation hast ? Danke für die Antwort im voraus .


    Beste Grüsse ,



    Frank

  • herzlichen gruß in die runde,


    bin ebenfalls sehr neugierig auf einige nähere bemerkungen zur einspielung von vitalij margulis, insbesondere zum zweiten satz.


    die mir bei op111 besonders lieben einspielungen zeichnen sich jeweils durch sehr langsam gespielte zweite sätze aus - dies wären zum einen:


    a. anatol ugorski:




    1. satz: 11'12'' 2. satz: 26'54'' - ugorski hat dafür z.B. im "gramophone" strenge zensuren des rezensenten bekommen - man kennt freilich die vorlieben der englischen musikpresse im klassikbereich, bei der radikale interpretationen leicht in die ecke der exzentrik geschoben werden.
    und auch wenn man z.B. die joachim kaiser'schen apodiktischen äußerungen a la "op111 verlangt hier jedoch..." rundheraus ablehnt, in einem hat er recht, wenn er in seiner aus den 70ern stammenden rundfunksendungen zu beethovens klaviersonaten beim beispiel op111 sinngemäß sagt: "es wird verschiedene möglichkeiten geben, op111 zu spielen - aber diese musik verlangt das extreme, niemals das mittlere" . und hier liegt, gerade wenn man inzwischen dutzende op111 versionen kennt, die faszination einer solchen einspielung. "himmlische längen" - der zweite satz scheint hier ins unendliche auszugreifen.



    das andere beispiel:


    b. ivo pogorelich live
    während er in seiner studioeinspielung von 1982 noch vergleichsweise "rasche" tempi bevorzugt (1. satz 9'49''; 2. satz: 19'40''), spielt er op 111 in den letzten jahren im konzertsaal nun doch wesentlich langsamer - in den u.s.a. 2002 etwa benötigte er für den ersten satz 11'27'', den zweiten 22'20''.
    habe pogorelich seinerzeit beim klavierfestival ruhr mit op111 erlebt, es mag vier jahre her sein: ein erlebnis, welches ich nie vergessen werde.



    wer sich auf die radikale, jegliche "ideenumsetzung" vermeidende, zeit aufhebende musik gerade des zweiten satzes in derartigen interpretationen einlässt, dem fehlt dann z.B. bei anderen "rascheren" einspielungen etwas (backhaus, kempff, gulda).
    (wer mit ein wenig langsameren zweiten sätzen beginnen möchte, dem seien empfohlen: pogorelich im studio 1982 (deutsche grammophon), youra guller (apex/ warner classics; bekommt man fast hinterhergeschmissen!), nicholas angelich (mirare) oder der hervorragende deutsche yorck kronenberg (bei sony erschienen); alle benötigen ca. 19'30'' für den zweiten satz).



    mehr als für anderer (klavier)werke gilt für mich persönlich bei op111 im übrigen, dass der ästhetische wert einer interpretation nicht von ihrer "korrektheit" oder der nähe zu irgendeinem ideal abhängt, sondern eben das ergebnis der kreativen d.h. notwendigerweise schöpferischen leistung des interpreten ist - also in etwa: interpretation ist ohnehin unvermeidbar, es ist unmöglich, ein passiv "ausführender" zu sein; siehe dazu das wunderbare, für jeden (klavier)musikfreund unbedingt bereichernde buch von kevin bazzana "glenn gould oder die kunst der interpretation".


    herzlicher gruß
    john lackland

  • Lieber John ,



    meiner Meinung nach hat sich hier in der Diskussion aus allen Beiträgen doch gezeigt , dass ein "Ideal" einer Interpretation nicht herleiten lässt . Woran sollte dies auch "objektiv" festgeamcht werden können ; dies gilt für bedie Sätze .


    Die Frage einer ästhetischen Wirkung , die von einer Aufnahme ausgeht wird sich wahrscheinlich auch bei Vergleichshören von 40 oder mehr verschiedenen Einspielungen relativieren müssen , weil wir nicht wissen , ob Beethoven eine bestimmt "ästhetische Wirkung" überhaupt beabsichtigt hat . Und welche sollte diese denn sein ?


    Das Dehnen der Tempi ist eine der Subjektivismen gerade bei Ivo Pogorelich in vielen seiner Aufnahmen . Dies geht bis zu einem nahezu Verfallen der intendierten Vorgaben des Komponisten ( bei Pogorelich besonders in Robert Schumanns "Études symphonniques" , Opus 13 , oder Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" ) .


    Das Problem bleibt wohl auch unlösbar , welche Wirkung eine Interpretation auf unseren subjektiven Geschmack hat ( Frage der Wirkungsästhetik ) . Und auch die Frage , ob und wieweit unsere Subjektivität wandelbar ist oder sein sollte ?



    Und haben Margulis , Ugorski oder Pogorelioch selbst auch beachsichtigt Beethovens Opus 111 stilbildend zu verändern ; so als spielten sie die c-Moll - Sonate wie ein Lehrstück in einem musiklaischen Hauptseminar .


    Am Ende bleiben wahrscheinlich mehr Fragen ungelöst als dass wir mit Zuverlässigkeit sagen könnten , diese oder jene Interpretation kommt dem hypothetischen beethovenschen "Ideal" am nächsten .


    Beste Grüsse ,



    Frank

  • András Schiff (geb. 1953), bei seinen Interviews spüre ich sofort etwas Verwandtes. Er fühlt sich der ungarischen Tradition zugehörig (Leo Weiner, Zeitgenosse von Bartok, war Lehrer von Fritz Reiner, Sandor Vegh und Solti, und er wiederum Schüler von Vegh). Ihm ist wichtig, das Klavier zum Singen zu bringen. Die Musik soll atmen. Ausgehend von Schuberts singender Musik. Horszowski als Vorbild. Gegen die amerikanische Kultur, die alles laut und plakativ zeigen will und keiner leisen Individualität Räum läßt. Gegen den "Realismus" des 20. Jahrhundert, der alles nackt und hässlich zeigen will, ganz anders als etwa Schubert im "Leiermann". Bevorzugt Bach und alles, was sich auf Bach bezieht, spielt daher nicht Liszt, Ravel oder Rachmaninov. Hier kann ich ihm allerdings nicht mehr folgen. Interview



    Höhepunkte seiner Einspielung der letzten 3 Sonaten sind denn auch die beiden Fugen in den Finalsätzen von op. 109 und op. 110 sowie die Fugati im 1. Satz von op. 111. Wie schon bei Gould und Nikolayeva wirken sich die Erfahrungen mit der Musik von Bach sehr positiv aus und geben große Sicherheit.


    Nach den Jahrzehnten, in denen immer größere Klarheit und fast wissenschaftliche Strenge, äußerste technische Präzision und möglichst genauer Gleichklang und Ausgewogenheit verlangt waren, die Tempi immer langsamer und alle Feinheiten immer deutlicher wurden, will er wieder Bewegung hinein bringen und die Töne klingen lassen. An der Musik soll wieder das zu hören und zu spüren sein, was sich nicht aus bloßer Lektüre des Notentextes ergibt.


    Bei jedem Takt und jeder Phrase kann ich nachvollziehen, was er sich dabei gedacht hat. Und doch bleibt immer noch eine große Kontrolle zurück. Es scheint, als hätte er Angst, den Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das zeigt sich besonders im 2. Satz von op. 111, aber auch schon in op. 109. Am wenigsten verstehe ich, welch eigenartigen Anschlag er bisweilen in den beiden schnellen mittleren Sätzen von op. 109 und 110 wählt (z.B. op.109/2, 00:06 - 00:16).


    Trotz des 2. Satzes gefällt mir aber op. 110 am besten, und dort besonders der letzte Satz. In keiner anderen Aufnahme ist der schwierige Übergang in die gespiegelte Fuge so gut gelungen. Er vermeidet sowohl ein falsches übertriebenes Gefühl wie auch Oberflächlichkeit oder Gefühllosigkeit. Hier ist am deutlichsten zu erkennen, in welche Richtung er gehen will. Nachdem in den letzten 50 Jahren das frühere romantisierende Spiel als schwülstig, überladen und altbacken abgelehnt worden war, ist nun vorsichtig ein Weg zurück in eine romantische Auffassung zu finden, ohne einfach das zu wiederholen, wie früher gespielt wurde. Das ist äußerst schwierig, und wohl niemand hat heute ein klares Konzept, wie das gelingen kann. Auch Andras Schiff hat noch bei weitem nicht das erreicht, was es einmal sein wird, aber er hat mutig den Weg dorthin eröffnet.


    Ich möchte bei dieser Gelegenheit eine allgemeine Bemerkung anschließen. Dies Forum versteht sich als ein reines Kulturforum. Das kann eine heilsame Oase gegenüber dem sein, was sich gegenwärtig um uns herum an wirtschaftlichen und in der Folge sicher auch gesellschaftlichen Krisen abspielt und abspielen wird. Wie sind wir innerlich darauf vorbereitet? Auf welche Weise wird jeder in der Realität ankommen, wenn die Zeit der Sorglosigkeit und umfassenden Absicherung vorbei ist? Dann ist keine Musik des bloßen Schönklangs und der Notentreue gefragt, sondern eine Musik, die dem authentischen Ausdruck der in Verwirrung und Überforderung geratenden Gefühle Unterstützung zu geben vermag.


    Viele Grüße,
    Walter



    P.S. John, im Ganzen sehe ich die Tendenz zu immer langsameren Tempi sehr skeptisch, möchte daraus aber auch kein Dogma machen. Zu meinen Lieblingsinterpretionen zählen 3 recht langsam gespielte (Arrau, Guller, Nikolayeva). Die Aufnahmen von Ugorski, Pogorelich und Margulis kenne ich nicht.

  • Auch wenn diese Aufnahme bereits 2004 vor den Einspielungen von Uchida und Schiff entstanden ist, möchte ich diese Reihe abschließen mit dem jüngeren, 1977 geborenen Alexei Volodin. Er ist ein Schüler von Elisso Virsaladze (geb. 1942) und stellte bei seinem Debut in München die Sonate op. 111 nicht ans Ende, sondern an den Anfang, um sich dann über Rachmaninov "Moment Musicaux" op. 16 und Prokofjews 7. Sonate der Gegenwart zu nähern. Der Bogen reicht also vom Maestoso bei Beethoven bis zum Precipitato von Prokofjew.



    Bei Prokofjew ist seine eigene Stimme besonders deutlich zu hören. Dort sind das ungewöhnliche Rhythmus-Gefühl, vor allem die oft eine wunderbare Bass-Linie spielende linke Hand, und die glöckchenhaft hellen Töne zu bewundern. Geradezu mitreißend der von Anfang bis Ende durchgehaltene Rock-Rhythmus im Precipitato. Aber auch der langsame Satz bei Prokofjew wird von ihm in einer ganz neuen Art gespielt. Das ist für mich einer der innerlich bewegendsten Sätze der Musik, der hier ganz ungewohnt erklingt.


    Darf dieses Stück so gespielt werden? Die 7. Sonate von Prokofjew hat für die russische Musik eine ähnliche Bedeutung wie Beethovens op. 111 für die deutsche. Sie ist sogar noch stärker politisch gedeutet. Andrei Gavrilov brachte es auf den Punkt: "Um die künstliche, hohle Fröhlichkeit der sowjetischen Jugend zu parodieren, führt Prokofjew im ersten und im dritten Satz ein 'Pionier-Motiv' ein, das die kindlichen Monster charakterisiert, die Verwandte denunzieren, sich als 'Helden' fühlen und die offizielle Propaganda als Wahrheit proklamieren. ... Das Finale der siebten Sonate ist eine Apotheose der Gewalt - der schonungslosen, mechanischen und methodischen Zerstörung allen Lebens."


    Volodin scheint das alles wegzuwischen. Er trifft das Lebensgefühl der damaligen Pioniere, der in den 1920ern und 1930ern nach der Revolution geborenen Generation, die heute in tiefer Verbitterung vor den Trümmern ihrer Gesellschaft und ihrer früheren Ideale stehen, weit besser als andere Interpreten. So entwickelt sich von innen her auf ganz andere Art die Dramatik, gibt aber die Möglichkeit eines späten Verständnisses, ja Versöhnung, ohne dadurch irgendetwas zu beschönigen, statt bei Vorwürfen und Verhärtung stehen zu bleiben. Einen solchen Weg zu suchen, das bedeutet "Weitermachen auch in wüsten Zeiten".


    Unter diesem Titel hat Jost Hermand 1999 einen Artikel im "Archiv für Musikwissenschaft" veröffentlicht, um Beethovens Sonate op. 111 aus der unheilvollen Verstrickung zu lösen, in die sie seit den Beiträgen von Adorno und Th. Mann geraten ist und sieht in ihr gerade umgekehrt den Versuch, in einer nach-revolutionären Zeit Kraft zu geben und vor Resignation zu bewahren. Beethoven hatte eine schwere Krise durchgemacht. Hermand zitiert aus einem Brief an Dr. Kranka in Prag von 1817: "Übrigens macht einen alles um uns nahe her ganz verstummen." Doch ist es Beethoven gelungen, sich daraus wieder zu befreien, trotz aller widriger Umstände wie der weiter fortschreitenden Taubheit, der Konflikte mit dem Neffen und der Isolierung in der Wiener Gesellschaft. Beethoven schrieb am 29.7.1819 an den Erzherzog Rudolph: "Weitergehen ist in der Kunstwelt wie in der ganzen großen Schöpfung Zweck."


    Von hier aus interpretiert Hermand die Sonate op. 111. Der 1. Satz ist für ihn eine Reminiszenz an vergangene revolutionäre Gefühle, der 2. Satz steht im leuchtenden C-Dur und wählt mit der Arietta eine bewußt einfache und volkstümliche Melodie, um die eigenen Gefühle wieder zu sammeln.


    Und das ist für mich nirgends so gut zu hören wie bei Volodin, der an die Beethoven-Sonate mit der gleichen Grundhaltung herangeht wie an Prokofjew. Die vertrackten Tempowechsel des 1. Satzes sind ungewöhnlich souverän genommen. Einzelne Töne sind oft wie hingelegt, und geben ihrer Umgebung Gewicht und Halt.


    Wo andere Interpreten Beethoven im 1. Satz die früheren Kämpfe gegen das Schicksal noch einmal austragen oder mindestens wie ein Echo nachklingen lassen, bricht bei Volodin immer wieder eine lebendig sprudelnde Frische durch, die neu Mut schöpfen läßt. Der 2. Satz folgt daher nicht abrupt und etwas unglaubwürdig, sondern wie selbstverständlich erklingt die Arietta-Melodie, deren Schlichtheit die Kraft gibt, wieder zu innerer Freude und Ausgeglichenheit zurückzufinden, ohne die vorangegangene Verzweiflung einfach zu verdrängen.


    Viele Grüße,


    Walter

  • Ich habe heute einen sehr interessanten Vortrag zu den Diabelli Variationen gehört. Darin wurde ein Zusammenhang der Schlussvariation (Menuetto) zu dem zweiten Satz der c-moll Sonate hergestellt.
    Es wurde die These aufgestellt, dass Beethoven in den Diabelli Variationen bewußt auf Mozart (Leporello Variation) und dann vor allem auf Bach (Variation 24, Fughetta, und 31) und Händel( Fugenvariation 32) und dann nochmal auf Mozart und sich selbst (Arietta op 111) in Variation 33 zurückblickt!
    Es ist in der Tat die Ähnlichkeiten dieser Variation, besonders gegen Ende, und der Arietta bemerkenswert. Auch die Schlußtakte sind fast gleich! Das Diabelli Thema und das Areitta Thema basieren beide auf den Grundmelodieintervallen c' g d' g. Nach Hören dieses Vortrages hatte ich fast den Eindruck gewonnen, als wäre die Arietta aus der Auseinandersetzung mit dem Diabellithema hervorgegangen.


    Weitere Recherche heute nachmittag hat mir aber gezeigt, dass hier wohl zumindest kein bewußter Zusammenhang herrscht. Ich habe die Ausführungen vom Beethovenforscher G.Nottebohm nachgelesen, aus denen sich die interessante Einsicht für mich ergab, dass die charakterische
    c' g d' g Folge des Arrietta Themas erst ganz spät im Schaffensprozess der Arietta entstanden ist - erst als Beethoven schon an den Arietta Variationen gearbeitet hat!!! Die ersten 2 Skizzen habe ich Euch hier bereitgestellt:


    www.gerdprengel.de/sketches-op111-2.mp3


    www.gerdprengel.de/sketches-op111-2.pdf





    Wie man sieht, war der Hauptteil nur ganz fern verwandt mit der endgültigen Fassung. Deutlicher verwand ist aber der zweite Teil in a-moll.

    "When I was deep in poverty, you taught me how to give" Bob Dylan

    4 Mal editiert, zuletzt von gerdprengel ()

  • Zitat

    Original von gerdprengel
    Ich habe heute einen sehr interessanten Vortrag zu den Diabelli Variationen gehört. Darin wurde ein Zusammenhang der Schlussvariation (Menuetto) zu dem zweiten Satz der c-moll Sonate hergestellt.
    Es wurde die These aufgestellt, dass Beethoven in den Diabelli Variationen bewußt auf Mozart (Leporello Variation) und dann vor allem auf Bach (Variation 24, Fughetta, und 31) und Händel( Fugenvariation 32) und dann


    Die Anspielung auf "Notte e giorno faticar" steht ja sogar in den Noten. Mit Bach werden meist besonders die drei Mollvariationen 29-31 (und da hauptsächlich die siciliano-artige als Hommage an Goldberg #25). Auch 14 (grave e maestoso) bringt man mitunter mit Barockmusik in Verbindung...


    Zitat


    nochmal auf Mozart und sich selbst (Arietta op 111) in Variation 33 zurückblickt!
    Es ist in der Tat die Ähnlichkeiten dieser Variation, besonders gegen Ende, und der Arietta bemerkenswert. Auch die Schlußtakte sind fast gleich! Das Diabelli Thema und das Areitta Thema basieren beide auf den Grundmelodieintervallen c' g d' g. Nach Hören dieses Vortrages hatte ich fast den Eindruck gewonnen, als wäre die Arietta aus der Auseinandersetzung mit dem Diabellithema hervorgegangen.


    Weitere Recherche heute nachmittag hat mir aber gezeigt, dass hier wohl zumindest kein bewußter Zusammenhang herrscht.


    Wenn schon, dann müßte es doch umgekehrt sein, da die Variationen später entstanden sind, oder? Vage von Stimmung und Charakter besteht aber m.E. jendenfalls eine Gemeinsamkeit. Frage wäre eben, ob das eine direkte Anspielung auf op.11 sein soll (was ich weniger glaube), oder eher eine Gemeinsamkeit des "verklärten", in kleinen Notenwerten sich auflösenden Schlusses, den es ja nicht nur in den beiden genannten Stücken, sondern auch in op.109 (vor dem dacapo) und einigen Bagatellen gibt.
    An Mozart denke ich bei dem Menuett eigentlich weniger.


    (vielleicht sollte man das lieber zu den Diabelli-Var. verschieben)


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Wenn schon, dann müßte es doch umgekehrt sein, da die Variationen später entstanden sind, oder?


    Nein, Beethoven begann schon in 1819 mit den Arbeiten an den Variationen, schrieb 23 Stück, unterbrach dann die Arbeit zugunsten der Sonaten op.110 und 111 und der Missa und schrieb dann noch 10 weitere Variationen. Das Arrietta Thema könnte also sehr wohl durch die Beschäfigung mit den Diabelli Variationen entstanden sein. aber eben nicht, wie ich versucht habe darzustellen, bewußt von anfang an. Es scheint, wenn man die Noten von Erst- und Endfassung vergleicht, die Diabelli Intervallfolge c' g 'd' g ist auf die erste Themenskizze später "draufgesetzt" worden.

    "When I was deep in poverty, you taught me how to give" Bob Dylan

    3 Mal editiert, zuletzt von gerdprengel ()

  • Auch Claus Raab sieht in seinem Buch "Beethovens Kunst der Sonate" über die 3 Sonaten op. 109 - 111 Ähnlichkeiten des Walzer-Themas mit dem Arietta-Thema, insbesondere des Schlusses von op. 111 mit der 33. Variation von op. 120, Takt 42. Er schreibt: "Wenn man so will, greift die 33. Variation von op. 120 die Terz-Quart-Struktur der drei Sonaten auf, die Diabellis Thema und auch der Variationszyklus (cum grano salis) nicht hat, und die die Arietta-Melodie vermeidet. ... Der springende Punkt ist der Ton A, da beide, op. 120 und op. 111 2. Satz in C-Dur stehen. ... Das Thema der Arietta vermeidet A und geht dadurch über die vorher bestimmende thematische Terz-Quart-Struktur hinaus in eine von Quart und Quint; Variation 33 von op. 120 bringt A, verändert so die bestimmende Quart-Quint-Struktur von op. 120 und kommt auf die Terz-Quart-Struktur der Sonaten zurück." (S. 105)


    Das soll die These unterstützen, dass mit dem Buchstaben A Antonie von Brentano gemeint ist. Im 2. Satz von op. 111 wird ihre Abwesenheit beschrieben. Die Diabelli-Variationen sind ihr gewidmet.


    Die Diabelli-Variationen waren auch finanziell für Beethoven ergiebig. Er konnte im März 1823 eine lange offen stehende Schuld bei Franz von Brentano, dem Ehemann Antonies, begleichen. Als dies Kapitel durch war, wandte er sich der 9. Sinfonie zu.


    Viele Grüße,


    Walter

  • Lieber gerprengel !



    Eigentlich war es Ziel dieses Threads doch die letzten drei Klaviersonaten von Luwig van Beethoven mit möglichst einigen repräsentattiven Interpreten / Interpretinnen vorzustellen .


    Bei Opus 111 ist dies m. E. auch - leider viel zu sehr auseinandergerissen - erfolgt .


    Nun hast Du einige sehr interessante neue Gedanken einfliessen lassen in diese Diskussion um Opus 111 .


    Erkennst Du diese von Dir auch variierten Überlegungen in einigen der hier vorgestellten Interpretationen wieder ?


    Nicht wenige der vorgestellten Interpreten haben Opus 111 wie auch die "Diabelli-Variationen" gespielt ( Arrau , Backhaus , Yudina , Schnabel z. B. ) .


    Viele Grüsse ,


    Frank

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna


    Erkennst Du diese von Dir auch variierten Überlegungen in einigen der hier vorgestellten Interpretationen wieder ?


    Nicht wenige der vorgestellten Interpreten haben Opus 111 wie auch die "Diabelli-Variationen" gespielt ( Arrau , Backhaus , Yudina , Schnabel z. B. ) .


    Ich muss gestehen, dass ich mich nicht sonderlich kümmere um die Interpretationen. Ich kann da meist nicht besondere Unterschiede heraushören. Ich habe auch nicht das Geld, zu Werken die verschiedensten Interpretationen zu kaufen. Für mich steht immer die Komposition an sich im Vordergrund und seine Entstehungsgeschichte.


    Gruß Gerd

    "When I was deep in poverty, you taught me how to give" Bob Dylan

  • Zitat

    Original von gerdprengel
    Ich muss gestehen, dass ich mich nicht sonderlich kümmere um die Interpretationen. Ich kann da meist nicht besondere Unterschiede heraushören. Ich habe auch nicht das Geld, zu Werken die verschiedensten Interpretationen zu kaufen. Für mich steht immer die Komposition an sich im Vordergrund und seine Entstehungsgeschichte.


    Gruß Gerd


    Warum hörst Du dann überhaupt Musik? Dann reicht doch das Lesen von Partitur und Rezeption.
    ?(

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Lieber Gerd ,


    wir haben die Frage , wieviele Interpretationen man ggf. haben sollte hier ausführlich mehrfach im Forum diskutiert .


    Grundsätzlich - ich ereinner mich an meine Schul- und Studienzeiten - ist die Frage der verfügbaren Finanzen ein sehr wichtiges Thema .


    Idealerweise sollte man schon den Notentext haben ( bei Opern mindestens einen Klavierauszug ) . Aber gerade am Beispiel der beethoven - Klaviersonaten ist doch die Frage , welche der Ausgaben man als Hörer bevorzugt / vbevorzugen sollte . Selbst pianistische Profis von Rang haben etwa Bedenken geäussert gegen die Bearbeitung und Edition durch Maestro Arrau ( Edition bei Peters ) .


    Persönlich finde ich diese Edition durch Arrau sehr gut und äusserst sorgfältig bearbeitet .


    Hier im Thread hat Walter T. ( wie auch andere Teilnehmer ) eine Reihe von Interpretationen besprochen mit unterschiedelicher Gewichtung . Manches ist dann offen geblieben.


    Soweit ich Walter T. aus der Diskussion nun in diesem Fall zumindest sehr gut kenne , hat er kein "Kaufempfehlung" gegeben und auch aus seine erwähnten Aufnahmen kein Ranking gemacht ( dies hätte man durchaus tun können !!! ) . Ich persönlich habe hier präzisere Vorstellungen .


    Walter T. hat die wichtige Frage der Z e i t hier eol bewusst weggelassen ; das heisst ausdrücklich die Zeit als philosophischen und psychopathologischen Terminus ebenso wie die umgangssprachliche Verwendung des Wortes Zeit .


    Persönlich würde ich mich natürlich sehr freuen , wenn Walter T. seine intensiven Beschäftigungen mit der Frage des Zeitbegriffes hier im Forum ausführlicher darstellen würde . Es handelt sich um eine Grundstzfrage nicht nur in der Musik .


    "a.b." hat schon früher sehr präzise auf seine bevorzugten Aufnahmen hingewiesen ( was Du nicht wissen kannst ) , wofür ich ihm , wie er weiss , in mehreren Musikbeispielen noch nach Jahren sehr dankbar bin .


    H i n w e i s :
    In manchen Städten , wie etwa Düsseldorf , ist es möglich , sich aus den Musikbibliotheken CDs auszuleihen ! Dann bekommst Du , manchmal sogar umsonst , einen sehr guten Einstieg in die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten der letzten drei Klaviersonaten Ludwig van Beethovens .


    Ich persönlich , ich darf dies wiederholen , würde folgende Interpretationen vorschlagen :


    Claudio Arrau ( Live ; New York oder Studio bei Philips )


    Wilhelm Backhaus ( Opus 11 live und Opp. 109 und 110 Studio )


    Sviatoslav Richter ( Live ; Leipzig ; Gewandhaus )


    Artur Schnabel ( EMI ; Studio ; London )


    Friedrich Gulda ( Studio ) und Glenn Gould aus didaktischen Gründen .


    Viele Grüsse ,



    Frank



    @ Walter T. :


    Lieber Walter , ich sehe an Gerds Beitrag doch die Notwendigkeit gerade anhand von Opus 111 das philosophische wie physiolgische und Psycho - pathologische Problem der Zeitwahrnehmung und Zeitverarbeitung doch noch einmal aufzugreifen .


    Es war mir immer klar , dass diser beitrag zu den letzten drei Klaviersonaten Beethovens nicht beendet sein würde und auch nicht könnte .


    Dabei geht es nicht um das physikalische Messen der zeiten , die gespielt werden , sondern um mehr : die Notenexegese , die Subjektivität auch im Kontext und Kontrast zu uns bekannten Aufnahmen verstärkt herauszuarbeiten .


    Meiner Meinung nach gibt es keine "Idealzeit" der Interpretation .
    Alleridings gibt es nicht ( mehr ) zulässige Abweichungen vom beethovenschen Notentext .


    F.

  • Liebe Forianer :



    leider ist dieser gigantische Themenkomplex seit dem 16. Mai 2009 nicht weiter fortgeführt worden .


    Zuletzt ging es "nur" um die Sonate c - Moll Opus 111 , deren Deutungenen durch sehr unterschiedliche Interpreten leider ebenfalls nicht beendet worden ist .


    Manche der hierhin gehörenden Themen sind inzwischen in anderen Threads dikutiert worden .


    Mir persönlich fehlen Beiträge zu


    > Michelangelis Opus 111 ( wie seinem beethoben generell ) ,


    > Paul Badura - Skodas Sicht ;


    > Claudio Arraus Interpretationen u n d


    > eine Retrospektive auf Alfred Bendels Beethoven - Interpretationen .


    Gibt es aus der Sicht von in unserem Forum vertretenen Musikpädagogen Hinweise auf "Beethoven im Schul-Musikunterricht " ?


    Beste Grüsse ,



    Frank

  • Zuletzt habe ich die op. 111 mit Maria Yudina gehört (Mitschnitt von 1950). Fazit: Beethoven romantisch-romanhaft, als "Novellenkette". Keinerlei Sinn für klassischen Formaufbau und logische Zusammenhänge. Sehr eigenwillig und interpretatorisch fragwürdig!


    Beste Grüße
    Holger

  • ,


    Lieber Holger :



    danke für Deinen Hinweis zu der Deutung von Opus 111 durch Maria Yudina .


    Sie ist schon aus didaktischen gründen ein Beispiel dafür , dass man


    interpretatorische Freiheit n i c h t mit interpretatorischer Willkür


    gleichsetzen darf .


    Man höre sich dagegen nur an , wie Michaelnagli die Vorschriften Beethovens genauestens befolgt ! ( etwa in Bonn ; Aufnahme bei AURA ; BBC Legends ) oder Claudio Arrau ( New York - live - oder Philips - Studio - ) .



    Mit besten Grüssen ,




    Frank


  • Würde mich auch interessieren, weil ich außer die beiden von ABM nicht kenne!


    Auch würde mich brennend interessieren, ob jemand von euch die jüngeren Japan-Konzert-Mitschnitte der späte Beethoven-Sonaten von Valery Afanassiev kennt.


    Nicht zuletzt: Noch vor dem Urlaub schaltete ich im Auto nach Mitternacht im Radio zur Sturmsonate von Beethoven zu. Fasziniert lauschte ich einer sturmfreien, fast gilelsspätwerkgebremsten klangschönen Interpretation, deren Tonqualität ich sehr genossen habe. Es hat sich dann als die Aufnahme von Paul Lewis herausgestellt. (..und ich dachte bislang immer aufgrund der vielen Beschreibungen im Internet, Brendel sei sein Vorbild gewesen...) Ausschnitte seines Beethovens zuvor im Radio, sei es von den Aufnahmen oder von Konzerten, hatte ich eher als so uninspiriert empfunden, dass ich nicht motiviert war, dem näher nachzugehen. Nun aber interessiert mich deshalb doch: Was ist von Lewis op. 111-Deutung zu halten?


    :hello:

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Lieber a. b. ,



    Du hast Paul Lewis offensichtlich in einer gnaz bestimmten Situation erlebt .


    Richtig , Lewis war Schüler von Alfred Brendel , was im konkreten Einzefall nicht viel sagen muss .


    Ich habe Paul Lewis einmal im konzert ( solo ; Beethoven ) gehört .


    Die GA auf CDs war sehr enttäuschend auf eine andere Art so glatt gespielt wie Kovacevich . KEINE Kaufempfehlung - jedenfalls der Klaviersonaten ab Opus 90 . Dazu kommen auf dem konzerpodium zwie grviredne Mängel : Er geht nicht auf das Publikum zu und zieht es auch nicht zu sich hin .


    Lewis ist sehr statisch .Er hat keine Ausstahlung .


    Wenn ich an Beethovenabend e vo Arrau , Richter , Gilels zurückdenke .


    Schiff würde ich mir nicht mehr zulegen . Uchida auch nicht ( ausser man sammelt ihre Aufnahmen ) .


    Auf Gerhard Oppitz bin ich dagegen sehr gepannt .


    Sehr ans herze legen kann ich Dir , wenn Du GA sammelst , die Interpretationen durch


    > ALDO CICCOLINI u n d


    > RICHARD GOODE .


    Die lohnen sich wirklich .


    H i n w e i s : Ich habe eher zufällig nach Jahren wieder gelesen ,wie grossartig Zoltan KOCSIS früher ( um 1985 ) gespielt haben soll . Ich habe kleider nur drei frühe Klaviersonaten vor etwa zehn Jahren bekommen können . Einfach herrlicher Anschlag , technisch sauber , inspiriert . Das sind Interpretationen , die zu kaufen lohnt !


    Beste Grüsse ,



    Frank


  • Nein, ich sammle nicht im eigentlichen Sinne, sondern suche nach Aufnahmen, die mich zu berühren vermögen. (Der Beethovensche Kammermusikkosmos gehört zu den wenigen - etwa neben Debussy -, den ich gerne in verschiedensten Interpretationen höre.


    Die letzte wirklich positive Überraschung einer GA, wenn auch nicht beim op. 111, war für mich Anne Öland; die letzte große Enttäuschung Rudolf Buchberger im Radio bei seinem letzten Wien-Zyklus.


    Kocsis ist mir klanglich zu wenig subtil - wobei ich die früheren Aufnahmen aus Ungarn nicht kenne, Goode hat mir bei Reinhören weniger zugesagt; und Ciccolini habe ich nie zum Reinhören habhaft werden können.


    Derzeit höre ich mich - in notwendigen Abständen - durch etwa 20 Aufnahmen des op. 111 durch.


    Als GA würde mich derzeit Arrau interessieren, aber auch endlich einmal Backhaus (von dem ich bloß einiges noch auf Kassette habe sowie die Eloquenze-Doppel-CD) - und dessen Aura-Konzert ich vielleicht allen anderen Aufanhmen des op. 111 vorziehe, insbesondere auch wegen seines ausnehmend gelungenen Übergangs zum "Boogie-Woogie"-Abschnitt, der bei so gut wie allen einfach herausfällt. Seine New Yorker Aufnahmen, die Du so schätzt, gefallen mir deutlich weniger.


    Mein jüngster Zuwachs ist die schon genannte von Yudina in der Brilliant Box: nach den so vielen glatten Herunterspielereien der letzten Jahren ist das wirklich etwas, was es verdient, eine "Interpretation" genannt zu werden.
    8o


    Um ein früheres Thema nochmals aufzugreifen: Beim Mitschnitt aus Salzburg von der Nikolajewa stören mich ihre manualen Unzulänglichkeiten sowie die agogischen Schwankungen, soweit sie durch Überforderung bedingts sind, und vor allem die fehlenden Mittelstimmen immer mehr und mehr.


    :hello:

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Lieber a.b. ,



    soweit ich dies weiss , bist Du einer der kenntnisreichsten Leser in der Forenwelt und hast mich seit langem durch Deine sehr differenzierenden Beiträge immer wieder bereichert .


    Die beiden besten bzw. weniggsten überzeugenden Interpretationen , mit denen Du Deinen Artikel hier beginnst , kenne ich leider beide nicht nicht . Somit verbietet sich meinerseits , etwas dazu zu schreiben .


    In Erinnerung möchte ich folgendes rufen :


    Als "Zelenka" mir Ende 2006 mitgeteilt hat , dass er beabsichtige , nun ernsthaft sein Projekt "Franz Schubret Klaviersonate B - Dur D 960" zu beginnen , und er mir seine ihm vorliegenden ( nicht bekannten ! ) Aufnahmen aufzulisten verbunden mit der Frage , welche ich den besitze bzw. vom Hören kenne , da erwähnten wir beide in Fussnoten Ludwig van Beethovens OPus 111 - Klaviersonate . Manfred Voss hatte etwas früher daran gedacht , diese Sonate vergleichend zu besprechen .


    Doch ein Blick in die 2006 zugänglichen (!) Aufnahmen lies uns ftstellen , dass es rund 200 verschiedene Aufnahmen zu kaufen gab . Das vergleichend zu hören , analysieren , und dann in einem zweiten Durchgang noch einmal zu weiderholen war rein zeitlich unmöglich gewesen . Wir hätten zwangsläugig auf wichtige Aufnahmen , deren tatsächliche bedeutung uns nicht hinreichend bekannt gewesen ist , "verzichten" müssen . Daraus ergibt sich auch , warum etwa Bryce Morrison in seiner "Besprechung" auf einer engst bedruckten Seite i "Gramophone" "nur" 86 Aufnahmen der h - Moll - Sonte von Liszt "vorgestellt" hat . Dass dies am Ende ohne Wert als z. B. Kaufempfehlung geblieben ist , das liegt auf der Hand .


    Du monierts , dass Dir die von mir empfohlene New Yorker - Aufnahme durch Claudio Arrau nicht zusage . Nehmen wir Arraus mir sehr gut in Erinnerung gebleibene n Beethoven - Abende mit den letzten drei Klaviersonaten als Massstab , so stimme ich Dir zu , weil das Problem wahrscheinlich nicht so sehr in der Kunst von Maestro Arrau liegt , sondern in der Tonqualität der CD . Sie kann sehr vieles von Arraus Können leider nicht einfangen und uns vermitteln . Man muss Claudio Arrau schon sehr genau kennen , um ermessen zu können , wie er sicherlich an jenem Abend gespieelt haben dürfte .


    Umgekehrt ist die New Yorker Aufnahme von Wilhelm Backhaus ( konzertmitschnitt ; "Great Pianists of the Century" ) meiner Meinung nach ein überwältigenes , zutiefst bewegendes Tondkument innerhalb der Deutungen durch den Meisterpianisten , dessen Namen immer mit dem Werk Beethovens verbunden sein wird .


    Dass tradierte Beethovenbild hat sich mit den Jahren verbreitert . Der "Titan" erlebte eine neue Sachlichkeit , seine Klaviersonaten eine vom "Gewaltigen" losgelöste interpretatorische wie technische Reige etwa in den Einspielungen durch Michelangeli , die in sich widersprüchlichen Interpretationen durch Glenn Gould , die auch in den Notentexten stehenden lyrischen Teilen in den Aufnahmen durch Radu Lupu , die neue Versachlichung in den wenigen Aufnahmen von Sonaten durch Horowitz oder Weissenberg , den hörbaren Humor bei Beethoven in Brendels vor allem frühen Aufnahmen ( VOX ) oder in Clara Haskils Wiedergaben von Opus 31 ; Sviatoslav Richters lebenslanges Ringen um die "richtige" beethovensicht . Emil Gilels geradezu transzendente Wiederhabe von Opp. 90 , 101 , 109 und 110 ( im Konzert noch deutklicher zu hören als auf Cd bei "Revelation" oder "DG/Universal" ) . Es gilt dann zu fragen , wie hatte denn der "Übervater" aller Beethoven - Interpreten , Artur Schnabel , denn diese Sonaten gespielt ? Ich denke bei allen seine bekannte technischen Schwächen doch geradezu "modern" . Testreue vor allem , beseelt von grposser musikalität . Schnabel hatte immer ein Geaamtkonzept gehabt ; er spielte nicht eine Sonate ; der meister spielte Beethoven ! Dies gelang ihm bei beethoven meiner Meinung nach besser als bei Franz Schubert . In Sachen Franz Schubert war Artur Schnbel in einigen Werken richtungsweisend , wie Schubert auch gespielt werden könnte ( etwa die Impromptus oder die Sonaten D 958 oder D 960 ) ; aber weit über Schnbael hinaus ging Edurd Erdmann , der geradezu eine Sensation als Interpret gewesen war und im Konzertsaal noch mehr sein musste ( etwa nach glaubhaften Berichten etwa in Luzern ) .


    Diese Abkehr vom "Helden" Beethoven , von jenem klischeehaft missbrauchten Ludwig van haben nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner einzigartigen Anschlagskultur der Neuhaus - Schüler Radu Lupu , Richard Goode oder Aldo Ciccolini sowie auch in seinen Meisterklassen Alfred Cortot sowei Emil Gilels vollzogen u d zu einer höchsten interpretatorischen Blüte gebracht . Der grosse Rudolf Serki hatte seine Sternstunden nicht im Studio , sondern in seinen Konzertabenden . Yves Nat , der vielleicht bedeutenste in Frankreich selbst geborene französische meisterpinaist , hat ein Gessmtkonzept der 32 Sonaten Beethovens eingespielt ( EMI 9 , das bis heute als gültig und prägend anzusehen ist . Die "Russische Schule" hat mit Richter , Gilels und dren Lehrer H. Neuhaus elbst ihre weahrscheinlich bedeutensten vertreter wie ben auch Lupu zu diesem Kreis gehört . G. Ginzburg , dessen Aufnahmen wieder erhältlich sind, gehört zu den wichtigste russischen Beethoveninterpreten . Maria Yudina , im Westen wohl kaum bekannt ausserhalb der Fachkreise , bis zu ihren CDs in "Great Pianists of the Century" nimmt eine sehr kontrover diskutierte Stellung ein innerhalb der wichtigen Künstler(innen) der UdSSR .


    Die von Dir , a.b. , erwähnte T. Nikolayeva , hatte bei ihrer Aufnahme in Salzburg ( ORFEO ) den zenith ihes pinaistischen Könnens wahrscheinlich übverschritten gehabt . Ich kenne nicht alle ihre Beethovenaufnahmen . Mir liegt ihr Beethovenspiel nicht so besonders . Dies hat sich in all den Jahren auch nicht geändert .


    Hochinterssant finde ich nach "30 Jahren mit Maurizio Pollini und seiner Beethovensicht " diesen bedeutenden Interpreten fast noch mehr als zu beginn seiner frühen Karriere ! Eine für mich absolute Empfehlung . Zur Erinnrung : pollini hatte seine erste Beethovenaufnahmen mit den Opp. 109 - 111 ( DG ) vorgelegt .


    Zum Beschluss : Sehr überzeugend ist die mit zügigen Tempi im Konzert gespielte Klaviersonate Opus 110 durch Simon Barere , der immerhin jahrelang bis zu seinem plötzliche Tod als der Hauptrivale unter den Supervirtuosen von Vladmir Horowitz galt ( APR ) .



    Da es in mehreren Thread hier im Tamino - Klassikforum.at oft um Beethoven und seine Interpreten gegangen ist , kann man bei einige der Freunde , die hier oder da gepostet haben auch erkennen , was sie konkret für Vorstellungen haben , wei dei Klaviersonaten Beethovens aus ihrer Sicht idalerweise zu spielen seien .


    Dies ist keine Frage des biologische Alters , sondrn vor allem auch eine Frage des musikästhetischen Ansatzes . Darüber ist bislang leider sehr wenig geschrieben worden .




    Beste Grüsse




    Frank

  • Zitat

    Original von a.b.
    ...
    die letzte große Enttäuschung Rudolf Buchberger im Radio bei seinem letzten Wien-Zyklus.
    ...


    Wer soll das sein? Doch nicht etwa Rudolf Buchbinder? Große Enttäuschung? Nun ja, wenn man gehört hat, wie er vor 25 Jahren Beethoven gespielt hat, war sein letzter Wiener Zyklus schon ein großer Fortschritt...


    :hello:

  • Zitat

    Original von Theophilus


    Wer soll das sein? Doch nicht etwa Rudolf Buchbinder? Große Enttäuschung? Nun ja, wenn man gehört hat, wie er vor 25 Jahren Beethoven gespielt hat, war sein letzter Wiener Zyklus schon ein großer Fortschritt...


    :hello:


    sorry, natürlich Buchbinder; wohl im Haydn-Jahr zuviel an die neue Quartett-GA bei Brilliant classics gedacht ;)


    Freut mich zu hören, dass Buchbinder sich weiter entwickelt hat! 8)

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna


    Du monierts , dass Dir die von mir empfohlene New Yorker - Aufnahme durch Claudio Arrau nicht zusage .


    Das ist ein Missverständnis, diese Arrau-Aufnahmen kenne ich - leider - genauso wenig wie seine Studio-GA. (Von Arrau besitze ich bloß drei Aura-CDs sowie seinen späten, höchst eigenen Debussy.)


    Ich meinte die Backhaus-Aufnahmen von dort, die auf der Great Pianist Series auf CD veröffentlicht worden sind und nun bei Andromdea zu haben sind. Diese gefallen mir weniger als seine späteren Konzertmitschnitte, sei es aus Salzburg oder Ossiach oder die so von mir geliebte von 1960 aus Lugano.


    Recht neu gibts bei Andromeda auch zwei Doppel-CDs mit Beethoven von Gieseking. Dort auch gleich zwei Aufnahmen vom op. 111. (Seine späten Sonaten sagen mir - wie auch schon auf der EMI-CD - kaum zu; sehr angetan hingegen war ich von den früheren; aber das gehört nicht hierher...)

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Lieber a. b. ,


    lieber Theophilus !



    Rudolf Buchbinders Inbterpretationen praktisch aller Klaviersonaten hatte schon während er sie in Düsseldorf vor rund zehn Jahren gespielt hat gegenüber seiner früheren Aufnahme fast nicht für möglich gehaltene Entwicklungen durchlaufen .



    Es war serh schade , dass diese sehr gute Interpretation nie als GA auf den Markt gekommen ist !



    In dem recht umfangreichen Begleitheft zu dem Zyklus hat Professor Buchbinder einige wichtige details benannt , dei sonst wahrscheinlich untergehen .


    Ich bin sicher , dass es Bänder gibt von den Abenden in verschiedenen Städten Sie wären es wert auf CD übertragen zu werden .


    Es ist die beste GA der Beetthhoven - Klaviersonaten , die ich bisher gehört habe ( Oppitz kenne ich leider noch nicht ) .


    Eine absolute Kaufempfehlung ! *****


    Beste Grüsse



    Frank

  • Hallo, liebe Beethovenfreunde,


    ich habe gerade den ersten Beethovenzyklus von Brendel gehört, aus der ersten Hälfte der 60er Jahre. Natürlich nimmt er da, in den Anfangsdreißigern, die Arietta noch etwas schneller als in seinem dreißig Jahre später entstandenen Zyklus, kommen die Dynamik-Spitzen noch etwas kerniger als am Ende des Jahrtausends, aber die fast "philosophische" Ruhe seines Musizierens, verbunden mit einer begnadeten Anschlagskultur, zeichneten ihn auch damals schon aus, so dass ich für diese 35-CD-Box der Vox-, Vanguard- und Turnabout-Aufnahmen eine Kaufempfehlung aussprechen kann.


    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Zitat

    Original von William B.A.
    Hallo, liebe Beethovenfreunde,


    [...]
    Natürlich nimmt er da, in den Anfangsdreißigern, die Arietta noch etwas schneller als in seinem dreißig Jahre später entstandenen Zyklus, kommen die Dynamik-Spitzen noch etwas kerniger als am Ende des Jahrtausends,
    [...]




    Warum sollte die schnellere und kernige Spielweise in den jüngeren Jahren natürlich sein? Ich erinnere nur an Rudolf Serkin, dessen bei DG erschienene späte Liveaufnahme der letzten Sonaten nur so strotzt vor Spielwut sowie Ausdruckswillen und -fähigkeit (trotz einiger gelegentlicher - aber verzeihlicher Patzer). Die Trillerketten in der Arietta, in der Weise , wie Serkin sie spielt, zählen jedenfalls für mich zum schönsten an Beethoveninterpretation überhaupt, wobei ich die von mir außerordentlich geschätzte Youra Guller ausdrücklich außen vor lasse.

  • Zitat

    Original von a.b.


    Warum hörst Du dann überhaupt Musik? Dann reicht doch das Lesen von Partitur und Rezeption.
    ?(



    Möglicherweise, weil ihm das konsumierende Hören von Musik allein nicht ausreicht. Ich jedenfalls finde den Ansatz, sich, bevor man sich in die - zugegebenermaßen schwierigen - Gefilde vergleichender Interpretation begibt, zunächst einmal ein Werk in theoretischer Hinsicht zu verstehen und zu durchdringen, sehr interessant und auch sehr lobenswert. Alles andere, nämlich das Interesse an der Feststellung der Unterschiede verschiedener Interpretationen, wird mit der Zeit - zwangsläufig - von ganz allein kommen.


    :hello:

  • Werte Leser,
    Ein junger Pianist wagt sich an das Spätwerk Beethoven`s.



    Herausgekommen ist eine geradlinige, eher zurückgenomme Interpretation der drei späten Klaviersonaten. Saubere, klare Strukturen zeichnet die CD aus, der Pianist hält sich angenehm mit persönlichen Ausdrücken zurück.


    Natürlich kann man genau das kritisieren. In diesem Thread werden ja auch genügend Interpretationen herangezogen, die dem Individualismus gerade zu hinterher laufen und sich von Altbekanntem abheben wollen. Dazu werden dann noch philosophische Texte zur Erklärung der Sonaten herangezogen, die im Ende nur darin gipfeln, das man genau so schlau ist wie vorher.


    Hier greifen solche Interpretationen wie die von Antti Sirrala. Konzentration auf das Wesentliche, Zurücknahme im Ausdruck mit der Wirkung, das der Hörer sich auf die Strukturen der Musik konzentrieren kann, auch mit dem Ergebnis, das sich die berühmten Trillerstellen in Op. 111 sauber in das Werk einfügen.


    Sicher keine CD für jemanden, der nach der 101ersten Sensation in seiner Musiksammlung sucht.


    Aber eine Bereicherung für jemanden, der eine klare, unverschnörkelte Sprache liebt.


    Viele grüße Thomas

  • Ich schließe diesen Thread, da mir die Zusammenfassung der drei letzten Sonaten schon lange gegen die Systematik verstieß. Es gibt bereits einen neueren Thread zu op.109, für die beiden anderen werden sie in Kürze folgen.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)