In welchen Aufnahmen ist der "typische Klang" der Wiener Philharmoniker am deutlichsten eingefangen?

  • Rondo 4/2001, Seite 20/21. Redakteur Braun lässt einen Blindtest mit sich machen: Er hört Beethovens Fünfte unter Rattle mit den Wiener Philharmonikern. Und setzt sich in die Nesseln. Er hält das Orchester für ein "Originalklang-Orchester" versteigt sich letztenendes in die Vermutung, daß es sich um Frans Brüggen mit seinem Orchester des 18. Jahrhunderts handelt...


    Wie kam es, daß selbst ein gestandener Musikkritiker die Wiener Philharmoniker nicht im Blindtest erkannte? Aber..., Halt, Moment, auf diese Frage bitte gar nicht antworten, ich will ja das Gegenteil erfahren...


    Gestern hörte ich die Beethoven-Klavierkonzerte mit Gulda, Horst Stein und den Wiener Philharmonikern und war begeistert vom warmen, leuchtenden Klang der Wiener, der mir in dieser Aufnahme ideal eingefangen schien. Es ist dies ja kein klischeehafter Klang mit Schlagobers... nein! Das war sehr gut durchhörbar, phantastische Holzbläser, warmes Blech, teils warme, schwelgerische Streicher - aber keineswegs reine "Schönklangmusik" - man höre, wie "solistisch", deutlich und ausgewogen der Pauker im ersten Klavierkonzert agieren kann (während meist die Pauke da ziemlich undeutlich im Hintergrund bleibt).


    Man liest manchmal, daß in den Aufnahmen die Wiener Philharmoniker am "typischsten, unverwechselbarsten" in den Fünfzigern geklungen hätten. Ich nehme an, daß auch Karajan den Wienern in seinen Aufnahmen ein anderes Klangbild übergestülpt hat als andere Dirigenten, die mit weniger überzogenen Klangvorstellungen ans Pult getreten sind?


    Es ist dies ein durchaus überflüssiger Thread, der später einem eventuell schon vorhandenen Wiener Philharmoniker-Thread sngegliedert werden kann, aber ich bitte um Nennungen von Aufnahmen, die unverkennbar nach den "ursprünglichen Wiener Philharmonikern" klingen, selbst oder gerade wenn diese Aufnahmen geradezu übertrieben "wienerisch" klingen.
    (Es müsste nebenbei natürlich geklärt werden, was den Klang der Wiener Philharmoniker grundsätzlich ausmacht, wobei ich mir sicher bin, daß ein ähnlicher Thread schon existiert, er ist aber per Suchbegriff kaum zu finden...)


    Abschliessend also nochmal: bei der Fragestellung komm ich mir durchaus etwas dumm vor und erwarte stöhnendes kopfschütteln, aber wenn wir eine Liste von Aufnahmen zusammenstellen, in denen die "Wiener Philharmoniker" unverwechselbar spielen (also die typischen Klangeigenschaften/Farben (ggf. bis zur Übertreibung) deutlich präsent sind), so ist doch etwas nützliches entstanden... (?)


    Gruß, Markus :rolleyes:

  • Hallo Markus:


    Nein, es ist dies kein überflüssiger Thread, er ist hochinteresseant !!
    (Wie viele sich trauen werden eine verbindliche Antwort zu posten - das steht auf einem anderen Blatt :D:stumm: )


    Als ich völlig überrascht den Titel des Threads las, dacht ich spontan:


    "Das Tamino Forum hat sich "freigespielt" - alles wirkt leicht und natürlich "


    So und nun marsch ins Archiv mit Euch - zum Vergleichshören :baeh01:


    LG


    aus Wien


    Alfred

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......


  • Ganz klar, die Wiener Philharmoniker haben - aber noch mehr HATTEN - ihren speziellen Klang. Vor allem hört(e) man doch die Wiener Oboe immer wieder heraus und das ist / war so etwas wie ein Erkennungsmerkmal des Orchesters. Um Aufnahmen zu nennen, die mir nur so gerade einfallen: die mit Knappertsbusch oder auch der "Ring" mit Solti. Und so weiter....

  • Ich gestehe frank und frei, dass ich den sprichwörtlichen typischen Klang der Wiener nie recht dingfest machen konnte. Eher fallen mir da schon die Eigenarten anderer Orchester auf wie beispielsweise das forsche Blech aus Chicago.


    Überhaupt ist es mit dem Orchesterklang - gerade und besonders auf Tonträger - so eine Sache. Es gibt da so viele Freiheitsgrade: Alter der Aufnahme, Aufnahmeort, Aufnahmeteam, Interpretation und Prägung durch verschiedene Dirigenten....


    All das macht es mir schwer, dahinter einen typischen Klang zu identifizieren. Und wenn ich dann doch mal meine, diesen "angelesenen" Klangeindruck verifizieren zu können, finde ich unter Garantie im Plattenregal Aufnahmen anderer Orchester, die eben jene klangliche Eigenheit ebenfalls aufweisen können.


    Ich bin also gespannt, ob die Ausgangsfrage dieses Threads beantwortet wird. Ich würde eine Aufnahme, die eurer Meinung nach den typischen Wiener Klang hören lässt, begierig studieren.

    "Muss es sein? - Es muss sein!" Grave man non troppo tratto.

  • Die extra-quäkigen Oboen höre sogar ich auf vielen Aufnahmen heraus, beim Rest (etwa den Hörnern) gelingt mir dies nicht. Ich habe ehrlich gesagt, aber auch noch nie wirklich drauf geachtet und das Orchester noch nie live gehört.


    Ob der Klang etwa des Solti-Rings ein realistischer ist, wage ich eher zu bezweifeln; ich glaube, da wurde ziemlich getüftelt.

    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Die extra-quäkigen Oboen höre sogar ich auf vielen Aufnahmen heraus,


    Als quäkig würde ich die Oboen des Philharmonia Orchestras (London, das "Walter Legge - EMI - Orchester") bezeichnen.
    Einige Philharmonia-Aufnahmen sind mir durch die Oboen unerträglich. Kann dieses Phänomen jemand erklären? Die Holzbläser der Wiener Philharmoniker finde ich sehr angenehm und im Vergleich dazu auch eher dezent.


    Gruß, Markus

  • Hallo!


    Im Blindtest erkenne ich Aufnahmen der Wiener Philharmoniker unter dem Decca-Label an meiner eigenen Stereoanlage an den Cello/Kontrabässen und der Pauke. Das ist kein Witz - ich weiß selber nicht warum, aber sobald ich diese Instrumente bei einer Aufnahme gehört habe, könnte ich sagen, ob es die Wiener sind oder ein anderes Orchester.


    Live im Wiener Musikverein kann man die Wiener auch noch an einem anderen Markenzeichen abseits des Instrumentenklanges "erhören", nämlich daran, dass sie eine eigene Aufstellung nehmen. Die Bässe (Kontrabässe, Celi) sind hinten im Zentrum angeordnet anstelle von rechts. Dafür rückt die Perkussion und die Pauke nach links. Ich finde das gibt im Musikverein einen viel runderen und besser verteilteren Klang, auch wenn es heißt, dass die Bässe unter 100 Hz vom Menschen im Raum nicht zu orten sind.


    Grüße,
    Andi

  • Hallo Fuchur


    Zitat

    Im Blindtest erkenne ich Aufnahmen der Wiener Philharmoniker unter dem Decca-Label an meiner eigenen Stereoanlage an den Cello/Kontrabässen und der Pauke. Das ist kein Witz


    Für die Celli und die Bässe wüsste ich jetzt keine technische Ursache, es wird also eher an der Spielkultur liegen. Bei der Pauke gibt es aber (angeblich, wie ich mir habe erzählen lassen) sehr wohl einen Grund. Die Wiener verwenden keine modernen Pauken mit allerlei technischen Finessen (Mehrfachstimmung, leichteres Nachstimmen und was es da so gibt), sondern ältere, mechanisch einfachere, dafür aber deutlich wohlklingendere Geräte als andere Orchester.



    Zitat

    ... Ich finde das gibt im Musikverein einen viel runderen und besser verteilteren Klang, auch wenn es heißt, dass die Bässe unter 100 Hz vom Menschen im Raum nicht zu orten sind.


    Der Anteil des Schalles unter 100Hz ist bei den Bassisten sehr gering. Der bei weitem überwiegende Teil spielt sich weit über 100Hz ab, so dass die Bassisten natürlich eindeutig zu orten sind, und jede Änderung der Position leicht nachvollziehbar ist.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • ich habe mal eine radiosendung gehört, wo mehrere kurze beispiele desselben
    ausschnitts von 3 verschiedenen orchestern hintereinander dargeboten wurden.
    ein orchester davon waren immer die wiener philharmoniker, die es zu erkennen galt.
    meine trefferquote war sicher über 80 %. vor allem die wiener hörner sind für mich
    sehr leicht zu erkennen.


    bezüglich der wiener instrumente (horn, oboe, pauke) ein sehr informative
    webseite Institut für Wiener Klangstil


    faun

    die kritik ist das psychogramm des kritikers (will quadflieg)

  • Der Klang der "Wiener" ist m.M. die Summe aller Orchesterstimmen, wobei besonders charakteristisch die Oboe, das Horn und vor allem die einzigartigen Streicher mit ihren himmlischen Violinen, charaktervollen Bratschen, samtenen Celli und den gar nicht rauh klingenden Bässen hervorstechen.


    Aber es gibt noch andere Kriterien. Als ich im Radio Teile aus dem "Titus" hörte, fiel mir in der Arie des Sextus "Parto, parto" (mit T.Berganza) das charakteristische Klarinettensolo von Peter Schmidl auf, der mir später auch bestätigte, dass er der "Täter" war.


    Welche Aufnahmen den Wiener Klang besonders hervorheben? Ich würde sagen, dort, wo ausladende Streicherteppiche gefordert sind und auch Oboe und Klarinette nicht zu kurz kommen. Ich denke da u.a. an Richard Strauss (Heldenleben, Elektra, Salome), Schubert und Mozart.


    Auch wenn man mich erschlägt: Die Neujahrskonzerte geben diesen Klang und auch die Wiener Spielweise am besten wieder.

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

    Einmal editiert, zuletzt von Milletre ()

  • Banner Trailer Gelbe Rose
  • Seit Tagen bin ich begeistert von der Aufnahmetechnik der zweiten Mahler-Sinfonie mit Mehta. Zwar gelingt Klemperer eine noch zwingendere Interpretation, dank der phantastischen Studioarbeit folgt dann bei mir aber auch gleich schon Mehta weit vor Bernstein oder Barbirolli.
    Sämtliche Instrumentengruppen des Orchesters sind wunderbar abgebildet. Anhand dieser Aufnahme sollte man eigentlich den Klang der Wiener ganz gut ins Gedächtnis bekommen. Sogar der Chor klingt fantastisch. Gibts da so tiefe Noten für den Baß oder singt da einer nochmal eine Oktave tiefer als notiert?


    :jubel:

  • Zitat

    Rondo 4/2001, Seite 20/21. Redakteur Braun lässt einen Blindtest mit sich machen: Er hört Beethovens Fünfte unter Rattle mit den Wiener Philharmonikern. Und setzt sich in die Nesseln. Er hält das Orchester für ein "Originalklang-Orchester" versteigt sich letztenendes in die Vermutung, daß es sich um Frans Brüggen mit seinem Orchester des 18. Jahrhunderts handelt...


    Wie kam es, daß selbst ein gestandener Musikkritiker die Wiener Philharmoniker nicht im Blindtest erkannte? Aber..., Halt, Moment, auf diese Frage bitte gar nicht antworten, ich will ja das Gegenteil erfahren...


    Bei, Stöbern in alten Threads habe ich diesen hier ausgegraben - was (hoffentlich) Folgen haben wird. Ich werde eine sehr kleine Serie in der angegebenen Richtung starten, was aber allenfalls bei Orchestern mit AUSGEPRÄGTEM Eigencharakter möglich ist. Geplant ist in diesem Rahmen ein Thread über die BERLINER Philharmoniker und über die Staatskapelle Dresden. Letzteres ist eines der wenigen Orchester, welches sich - neben den Wiener Phiolharmonikern noch seinen Eigenklang bewahren konnte - bei den Berlinern bin ich mir dessen nicht so sicher. Ich verlange gar keinen "Blindtest, da ein socher auch an die Testperson nahezu unerfüllbare Anforderungen stellt, wie obiges Beispiel zeigt, sondern inwieweit sich "Vorurteile" bei "wissendem " Hören zu bestätigen scheinen...


    Dem gestandenen Musikkritiker, der die Wiener Philharmoniker nicht im Blindtest erkannte, will ich helfend zur Seite springen. Es gibt kaum weniger atypische Aufnahmen der Wiener Philharmoniker, als jene unter Rattle. Die Philharmoniker wollte hier offensichtlich einen "Modernisierungsschub" ausprobieren - vielleicht auch mit kleinem Seitenhieb auf ihre Kollegen in Berlin, denen sie ihren Chefdirigenten für eines der wichtigsten Aufnahmeprojekte der neueren Zeit weggeschnappt haben - Es war klar, daß- aus marktpolitischen Erwägungen - nach der Wiener Aufnahme längere Zeit keine aus Berlin folgen konnte. So musste man Konzessionen an Rattles Stil machen - angeblich wollte man das sogar. Über die Qualität des Ergebnisses ist einiges kontoversielles geschrieben worden, aber eines ist jedenfalls sicher. In dieser Aufnahme sind die Wiener Philharmonker sicher nich als solche erkennbar...


    mfg aus Wien


    Alfred

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......


  • Hallo Wiener Philharmoniker Fans,


    Milletre


    Genau so habe ich es auch gemacht. Blindtest. Meine Frau sollte auflegen Neujahrskonzerte mit Boskoysky, Kleiber und Walzer mit Robert Stolz (5 oder 6 CD-Box), darunter viele Aufnahmen mit den Wiener Sinfonikern. Ich habe dabei sogar die Dirigenten richtig geraten.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Zitat

    Original von Fuchur
    ...Im Blindtest erkenne ich Aufnahmen der Wiener Philharmoniker…an…der Pauke.…


    Der Klang der Pauken ist auch für mich ein ganz wichtiges Indiz. Sie sind anders als bei allen anderen Orchestern - allerdings spielen meines Wissens auch die Wiener Symphoniker mit diesen Instrumenten.


    Es ist weniger die Stimmtechnik (Kurbel statt Pedal, aber Zentralstimmung), die den Ausschlag gibt und es sind auch "moderne" Instrumente: eine andere Bauform und die Felle sind ausschlaggebend: letztere sind Ziegenfelle, im Unterschied zu den sonst üblichen Kalbfellen, die weltweit als Naturfelle üblich sind.
    Ziemlich unsäglich und nur in besonderen Situationen verzeichlich sind Plastikfelle, die sich in England und den USA weit verbreitet haben, die aber auf allen Kontinenten leider recht häufig zum Einsatz kommen.


    Hier noch ein Link für Interessierte:


    http://www.wienerpauke.at/


    Beste Grüße
    Accuphan

    "Das Thema, welches die Pauke zuletzt hat, findet gewiß keiner heraus!" (Gustav Mahler)