Unruhe bei Jonas Kaufmann (Gustav Mahler: Das Lied von der Erde), Elbphilharmonie, 12.01.2019

  • Während des Auftritts von Jonas Kaufmann wurde es unruhig im Großen Saal der Elbphilharmonie, nicht nur einzelne, sondern mehrere Besucher schlichen sich hinter den Zuschauerreihen Richtung Eingangsbereich, um von dort aus besser hören zu können, manche gingen gar. In der nächsten Liedpause wurde nicht nur gehustet, sondern von Teilen des Publikums Unmut geäußert, man würde den Sänger überhaupt nicht hören können. Kaufmann zeigte sich zunächst irritiert, ließ sich nach freundlichem Beifall des vor ihm sitzenden Publikums aber nicht weiter beirren. Was war geschehen, eigentlich nichts, nur sang der Tenor, wie üblich, nach vorn, so dass seine Stimme, physikalischen Regeln gehorchend, den hinter dem Orchester Sitzenden nicht mehr an deren Ohr gelangte, bzw. von dem Mahlers „Lied der Erde“ spielenden Sinfonieorchester Basel (Leitung Jochen Rieder) übertönt wurde. Wir saßen auch schon einmal hinter dem Orchester und hörten dort ganz wunderbar eine Mahler-Sinfonie; den im Vorprogramm im Rahmen eines modernen Stücks auftretenden Bariton Bo Skovhus, der auch nicht schlecht bei Stimme war, hatten wir allerdings auch akustisch kaum wahrgenommen. Wer ist daran Schuld, sicher nicht der Konzertsaal, dessen Akustik auf Orchester (deren Instrumente den Schall in alle Richtungen abgeben) eingerichtet ist, sicher auch nicht der Sänger, den man selbst in der Oper nicht hören würde, wenn er, hinter dem Orchester positioniert, in den Bühnenraum hineinsingt. Bei Mahlers Lied der Erde kommt hinzu, dass das Stück schon eine gewisse Lautstärke braucht, um Wirkung zu zeigen. Zuletzt sahen wir es vor geraumer Zeit als Neumeier-Ballett. Obwohl die beiden Sänger (Tenor und Bariton) akustisch günstig seitlich ganz vorn am Bühenportal aufgestellt waren, hörte man den Bariton kaum, den Tenor Klaus Florian Vogt wegen seiner glanzvollen Stimme aber schon; schon wegen seiner hellen Stimmfarbe war er aus dem auch nicht leisen Orchesterklang herauszuhören gewesen.

    Jonas Kaufmann hatte heute beide Rollen übernommen, die des Tenors und die des Baritons; er sang, nach etwas vibratoreichem Beginn beim „Trinklied vom Jammer der Erde“ mit silbrig-goldenem Timbre ganz wunderbar und machte auch bei den tiefer liegenden, für Bariton geschriebenen Liedern mit modulationsfähiger Stimme Eindruck. Das Sinfonieorchester Basel klang ebenfalls ausgezeichnet. Vor der Pause war Franz Schuberts (1797-1828) letzte, unvollendete Sinfonie gespielt worden, allerdings mit Einsprengseln von Luciano Berio (1925-2003). Letzteres hörte sich an, als ob die Musiker aus dem Tritt kämen und etwas Zeit bräuchten, um sich wieder mit Schubert zurechtzufinden. Aber, wie gesagt, sie spielten ausgezeichnet.


    Wer hatte nun Schuld an der vorgenannten Unruhe? Hätte Kaufmann wissen müssen, dass er mit einem Mahler-Orchester im Rücken die noch weiter dahinter sitzenden Zuhörer nicht hätte erreichen können? Bei seinem letzten von uns gehörten Liederabend mit Diana Damrau stand nur ein den Gesang dezent begleitender Flügel und nicht ein 80-Mann-Orchester auf dem Podium. Vielleicht liegt es auch am Veranstalter, er hätte ja die Laeizshalle für diese Art der Darbietung wählen können. Da hätte Kaumann für alle hörbar vor dem Orchester gesungen. Wäre der Saal aber ebenso gut zu füllen gewesen wie die Elbphilharmonie? Jedenfalls amortisieren sich die vermutlich hohen Gagen des weltberühmten Sängers in der Elbphilharmonie wohl eher als in der Laeiszhalle. Außerdem sollte man als Zuschauer mittlerweile schon wissen, dass auf den (preiswerteren) Plätzen hinter dem Orchester nach vorn zum Parkett hin (und nicht nach hinten) gesungen wird. Da wir dieses Malheur auch schon einmal erlebt hatten (unser Pro Arte-Abo-Plätze befinden sich jetzt innerhalb des gesanglichen Schalltrichterbereichs im Bereich V), hatte ich für die oben genannte Wanderung einiger Zuschauer aus dem toten Winkel heraus nach vorn durchaus Verständnis. Viele liebe Grüße, Ralf Reck


    PS: falls dieser text besser woanders aufgehoben wäre, möge man ihn bitte dorthin verschieben.

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • Ja, lieber Ralf Beck, genau so ist es in der Elbphilharmonie, über die ich mich gerade vorhin an anderer Stelle auch schon äußerte. Ich hatte dort gestern Abend Wagner gehört und mich dabei zuweilen zeitlich rückversetzt gefühlt zu meinen ersten musikalischen Eindrücken dort, die ich seitlich und recht weit oben hinter dem Orchester sitzend gewann, bei der Generalprobe zum Eröffnungskonzert.

    Zuvor hatte der NDR natürlich eine große Pressekampagne in Gang gesetzt, wiederholt war schon im Voraus vom "besten Konzertsaal der Welt" die Rede - und davon, dass man von jedem Platz gleich gut hören würde. Letzteres hatte sich für mich an dem Abend allerdings eindeutig erledigt, nachdem ich zunächst die Orgel volles Rohr ins rechte Ohr bekam und später den Tenor, der vor dem Orchester stand, über Umwege und damit etwas zu schwach sowie vor allem recht schlecht artikuliert vernahm. Ein paar Monate später saß ich mal bei Mahler 2 direkt vor dem Chor - ziemlich extreme Erfahrung, kann ich dir sagen.

    Gerade wenn Sänger beteiligt sind, würde ich mich auch unbedingt VOR die Bühne setzen. Der Saal hat neben wundervollen Möglichkeiten auch seine beträchtlichen Tücken.

    Aber schön, dass ihr das Konzert heute ganz offenbar auf einem geeigneten Platz genießen konntet. Mahler, herrlich.

  • Das Problem werden wohl alle Rundbauten haben, egal, wie toll die Akustik ist. (?) Das gibt es wohl dann nicht bei rechteckigen Sälen wie dem Wiener Konzertverein oder dem Rudolfinum in Prag oder dem Amsterdamer Concertgebouw oder der Oetker-Halle in Bielefeld?


    Die CD mit Kaufmanns Solo-Lied von der Erde muss ich mir wohl doch noch kaufen?


    Schöne Grüße

    Holger

  • Die CD mit Kaufmanns Solo-Lied von der Erde muss ich mir wohl doch noch kaufen?

    Hallo Holger solltest du unbedingt tun! :)


    Ich war am Dienstag in München im Konzert, überwältigend für mich! :thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup:


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Das Problem werden wohl alle Rundbauten haben, egal, wie toll die Akustik ist.

    Im Gewandhaus ist das wohl nicht so. Evtl. ist die Chorempore akustisch benachteiligt. Wenn der Chor keinen Auftritt hat, sitzt man da dem Dirigenten vis a vis gegenüber, und ich kenne etliche ehemalige und auch aktive Musiker aus Gera, die diese Plätze direkt wünschen, um dem Chef zusehen zu können. Oft sieht man da offensichtliche Studenten mit der Partitur auf dem Schoß.


    In meinen mind. 50 Besuchen auf den verschiedensten Plätzen in Leipzig hatte ich nie ein Problem, einzelne Instrumente oder -gruppen benachteiligt oder bevorzugt zu hören. Auch menschliche Stimmen nicht.


    Generell würde ich aber Konzertsäle bevorzugen nach dem Vorbild Bühne vorn, und hinter der Bühne ist nur die Orgel . Das Publikum sitzt immer (max. seitlich) im Rücken des Dirigenten. Ich war aber noch nie in der Berliner Philharmonie und auch nicht in der umgebauten Spielstätte der Dresdener Philharmonie.

    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Zitat von Dr. Holger Kaletha

    Das Problem werden wohl alle Rundbauten haben, egal, wie toll die Akustik ist. (?) Das gibt es wohl dann nicht bei rechteckigen Sälen wie dem Wiener Konzertverein oder dem Rudolfinum in Prag oder dem Amsterdamer Concertgebouw oder der Oetker-Halle in Bielefeld?

    Kein Problem, aber ein neues akustisches Erlebnis ganz besonderer Art hatte ich am gestrigen Abend, in einem dir bestens bekannten kreisrunden Saal, lieber Holger, der Düsseldorfer Tonhalle, wo ich mit den Düsseldorfer Symphonikern unter Adam Fischer Haydns Sinfonie Nr. 101 D-dur, "Die Uhr" und Mahlers Sinfonie Nr. 9 D-dur erlebte. Ich saß in der 4. Reihe, Mitte, also genau im Mittelpunkt des Saales.

    In einem anderen Thread werde ich noch darüber berichten.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Ralf, auch Dir Dank für diesen profunden Bericht. Ich habe mir erlaubt, im Elbphilharmonie-Thread einen Link zu setzen. Auch an Dich, wie schon an anderer Stelle an Leiermann die Frage, wo ihr gesessen habt? - Wenn ich es richtig verstanden habe, hat Kaufmann - wie in solchen Konzerten üblich und in der Elbphilharmonie wohl eher ungünstig - vor dem Orchester gestanden?


    Im Vergleich mit anderen Weinberg(ähnlichen)-Konzertsälen, wie z.B. Leipzig oder Berlin (in beiden bin ich noch nicht gewesen) hat der Grosse Saal der Elbphilharmonie aufgrund der architektonischen Gegebenheiten (ehemaliger Kaispeicher A als Basis) vermutlich einen deutlich kleineren Grundriß und ist dafür ziemlich hoch bzw. steil. Zumindest bei Orchesterkonzerten habe ich dies aber bislang noch nie als Problem empfunden, dass heißt, der Klang kommt (abhängig vom Sitzplatz) zwar durchaus von unten, ist aber sehr schnell oben und um einen herum.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Das Publikum sitzt immer (max. seitlich) im Rücken des Dirigenten.

    Von Hans Knappertsbusch ist überliefert, dass er sich weigerte, in der 1963 neu erbauten Berliner Philharmonie aufzutreten, da es ihn irritiert hätte, dass ihm das Publikum aufgrund der baulichen Begegenheiten direkt ins Gesicht starren konnte.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Kein Problem, aber ein neues akustisches Erlebnis ganz besonderer Art hatte ich am gestrigen Abend, in einem dir bestens bekannten kreisrunden Saal, lieber Holger, der Düsseldorfer Tonhalle, wo ich mit den Düsseldorfer Symphonikern unter Adam Fischer Haydns Sinfonie Nr. 101 D-dur, "Die Uhr" und Mahlers Sinfonie Nr. 9 D-dur erlebte. Ich saß in der 4. Reihe, Mitte, also genau im Mittelpunkt des Saales.

    In einem anderen Thread werde ich noch darüber berichten.

    Lieber Willi,


    beneidenswert! Besonders nach dem Umbau finde ich die Tonhalle noch schöner als sie immer schon war! Einer der schönsten Konzertsäle auf der Welt! Früher hatten sie allerdings Probleme mit Reflexionen - bei Arrau habe ich oben auf dem Rang die Töne im Diskant doppelt gehört. Da haben sie dann Jahre getüftelt, um das Problem in den Griff zu bekommen. Zuletzt habe ich in der Tonhalle Alfred Brendel erlebt! Ein denkwürdiges Konzert! :hello:


    Einen schönen Sonntag wünscht

    Holger

  • Zitat von Dr. Holger Kaletha

    Zuletzt habe ich in der Tonhalle Alfred Brendel erlebt! Ein denkwürdiges Konzert! :hello:

    Dann wird es ja allmählich wieder Zeit, lieber Holger. Am 8. April läuft der Mahler-Zyklus aus mit der Zweiten. In der 7. bis 10. Reihe sind noch Plätze frei, d. h. wenn es sich so verhält wie gestern, dann sind es in Wirklichkeit die 5. bis 8. Reihe. Und die Preise sind durchaus erschwinglich. Ich schicke dir diesbezüglich noch eine Mail.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • An MSchenk (Lieber Ralf, auch Dir Dank für diesen profunden Bericht. Ich habe mir erlaubt, im Elbphilharmonie-Thread einen Link zu setzen. Auch an Dich, wie schon an anderer Stelle an Leiermann die Frage, wo ihr gesessen habt? - Wenn ich es richtig verstanden habe, hat Kaufmann - wie in solchen Konzerten üblich und in der Elbphilharmonie wohl eher ungünstig - vor dem Orchester gestanden?)


    Ich stimme Dir zu, meiner Erfahrung nach hört man in der Elbphilharmonie auf fast allen Plätzen ausgezeichnet, sofern Orchester spielen. Wir saßen gestern im Block V, d.h. auf der 16. Etage Reihe 2 Plätze 24 und 25, also gerade noch im Schalltrichterbereich des Sängers. Außerdem haben wir noch ein Konzertabo im Block S, zweite Reihe, also ziemlich weit oben vor der Bühnenmitte. Die Akustik ist dort oben phänomenal, völlig durchhörbar und ohne jeden Klangverlust im Pianissimo. Das ist schon erstaunlich, was der Akustiker Toyota da hinbekommen hat. Im Mai hatten wir Mahlers Lied von der Erde in der Laeizshalle gehört (wer sie nicht kennt, es handelt sich um einen neobarocken "Schukarton" aus dem Jahre 1908 mit ebenfalls ca. 2000 Plätzen); es war halt akustisch "Mischmusik", wie sie diese Art der Säle aufweisen. Der gestern im Großen Saal der Elbphilharmonie erlebte Orchesterklang war dagegen unvergleichlich aufregender und spannender und von unvergleichlicher Schönheit. Fazit: Lieber Elbphilharmonie ohne Kaufmann (auf etwa 1/3 der Plätze) als Schuhkartonmischklang mit Kaufmann? Es waren im Saal ja auch nicht alle ärgerlich, wer aber nur wegen des Sängers gekommen war, blieb natürlich enttäuscht, wenn er nur die ungüstigen Plätze hinter dem Orchester im Verkauf bekommen hatte (vielleicht sollte man auf die entsprechenden Karten bei Gesangskonzerten einen Hinweis drucken). Ralf Reck

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • Im Mai hatten wir Mahlers Lied von der Erde in der Laeizshalle gehört (wer sie nicht kennt, es handelt sich um einen neobarocken "Schukarton" aus dem Jahre 1908 mit ebenfalls ca. 2000 Plätzen); es war halt akustisch "Mischmusik", wie sie diese Art der Säle aufweisen. Der gestern im Großen Saal der Elbphilharmonie erlebte Orchesterklang war dagegen unvergleichlich aufregender und spannender und von unvergleichlicher Schönheit. Fazit: Lieber Elbphilharmonie ohne Kaufmann (auf etwa 1/3 der Plätze) als Schuhkartonmischklang mit Kaufmann?

    Tja, so ganz einfach ist die Frage wohl nicht zu beantworten. Das letzte Mal habe ich Mahlers LvdE im April 2014 in der Laeiszhalle gehört; das (damals noch) NDR Sinfonieorchester spielte unter Long Yu und es sangen Yvonne Naef und Andreas Schager, den wir ja beide erst im vergangenen November als Siegfried bewundern durften (siehe z.B. hier). Soweit ich es erinnere, war Schagers Stimme auch vor vier Jahren schon sehr kräftig, aber zumindest an diesem Abend m.E. deutlich unkontrollierter. Der Gesamtklang in der Laeiszhalle im Vergleich zur Elbphilharmonie, wo ich bislang "erst" Mahlers 2te und 8te (beide in der Eröffnungssaison) gehört habe, ist natürlich viel weniger differenziert, aber auch deutlich wärmer. Andererseits zeigen gerade Mahlers groß besetzte Werke, aber auch schon Bruckners Symphonien die Grenzen der Laeiszhalle auf, wo ich es durchaus schon erlebt habe, dass der überbordende Klang letztlich "bricht". Dieses Phänomen konnte ich in der Elbphilharmonie bislang nicht feststellen und behaupte, dass das Werk, welches den Großen Saal dort tatsächlich überfordert, erst noch geschrieben werden muss!? Trotzdem freue ich mich auf jedes Konzert in der Laeiszhalle ebenso, wie auf eines in der Elbphilharmonie, und so habe ich in dieser Saison auch ganz bewußt einen Schwerpunkt bei den Hamburger Symphonikern gesetzt; dies natürlich umso mehr, als dass dieses dritte hamburger A-Orchester mit Sylvain Cambreling einen, wie ich finde überaus spannenden neuen Chefdirigenten hat. Mein nächstes Konzert mit ihm findet dann allerdings doch wieder in der Elbphilharmonie statt: Debussys Le martyre de Saint Sébastien im Februar.


    Letztlich ist hier wie dort sowohl das musikalische, als auch das akustische Verständnis des Dirigenten gefordert; Simone Young z.B. war in der Laeiszhalle öfter zu laut, während dies einem Günter Wand in meiner Erinnerung praktisch nie passiert ist. Auch ein Jonas Kaufmann, der m.W. nicht das erste Mal in der Elbphilharmonie konzertiert, hätte um die Problematik wissen können. Inwieweit dies allerdings für Orchester und Dirigent gegolten hat, kann ich nicht sagen.


    Jedenfalls freu ich mich, mit Dir und nun auch Leiermann zwei kompetente Partner im Austausch zum Musikleben in unserer schönen Hansestadt zu haben!

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Lieber Michael, denselben Eindruck hatte ich von der Laeizhalle auch immer, je lauter das Orchester, desto eher bricht der Klang; im Gegensatz zum Großen Saal der Elbphilharmonie, der Klang hat Luft nach oben. Am 20.1. sinnd wir in der Laeizhalle bei den Hamburger Symphonikern unter Ion Marin: Beethoven Konzert für Klavier und Orchester (Martha Agerich, die, wie sie öffentlich kundtat, die Laeizhalle bevorzugt) sowie Prokofjew Sinfonie Nr. 5. Man braucht schon viele Vergleiche, um die akustischen Gegebenheiten eines Saales wirklich beurteilen zu können; das hängt ja nicht nur vom Raum, sondern auch vom Stück und den Aufführenden und nicht zueltzt vom Platz ab. habe mal im im berühmten Goldenen Saal des Wiener Musikvereins ein Mozartorchester gehört, würde mich nicht trauen, danach die Klangeigenschaften des Saals zu beurteilen. Ralf

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • Am 20.1. sind wir in der Laeizhalle bei den Hamburger Symphonikern unter Ion Marin: Beethoven Konzert für Klavier und Orchester (Martha Agerich, die, wie sie öffentlich kundtat, die Laeizhalle bevorzugt) sowie Prokofjew Sinfonie Nr. 5.

    Hatte ich auch im Auge, schaffe es aber terminlich nicht. - Dafür in der letzten Saison mit Schumanns KK und Brahms 2ter: Ein sehr schönes Konzert!

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Im Hamburger Abendblatt nimmt Jonas Kaufmann Stellung zu den Ereignissen während des Konzerts und zur Akustik in der Elbphilharmonie.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Kaufmann zieht letztlich die richtigen Schlüsse, mit einem Mahler-Orchester im Rücken darf er sich nicht wundern, dass die hinter dem Orchester Sitzenden Probleme haben, ihn zu hören; deshalb will Kaufmann bei Liederabenden zukünftig in der Laeiszhalle singen. Im Grunde hätten sowohl Kaufmann alls auch der Veranstalter wissen müssen, dass der Gesang zu Mahlers Lied der Erde nur in einem Schuhschachtelsaal für alle Zuhörer funktionieren kann.

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • PS: falls dieser text besser woanders aufgehoben wäre, möge man ihn bitte dorthin verschieben.

    Lieber Ralf,


    mit einiger Verspätung habe ich den Thread verschoben, da er mit der Oper wenig zu tun hat.


    Ansonsten scheinen die Ereignisse rund um das Konzert einige Wellen zu schlagen, denn inzwischen berichtet auch der Stern davon.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Habe mich ein wenig durch die aktuellen Artikel, Experten- und Lesermeinungen gewühlt und wie fast immer gilt, dass neben viel Klugem und Richtigem mindestens ebensoviel, wenn nicht gar noch mehr "wohlfeiler" Un- bis hin zu Schwachsinn geäußert wird :wacko:

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Damit ist das Thema für mich eigentlich abgehakt

    Leider nicht frei lesbar. Kurzzusammenfassung wäre prima.

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Suchen nach 'gergiev hamburg', dann taucht der Artikel z.B. unter News auf und ist frei verfügbar. Der wesentliche Unterschied, dass Gergiev und die Münchner die Saalakustik offenbar viel besser verstanden haben. Die Sänger standen sowohl bei der 4ten, als auch beim LvdE (Was für ein Programm!) hinter dem Orchester. Alles scheint wunderbar funktioniert und geklungen zu haben.


    "Keine Zwischenrufe, keine Saal-Spaziergänge quer durch die leisen Stellen; keine Aufregung, vor und erst recht im
    Publikumsbereich hinter der Bühne nicht. [...] Der Große Saal jedenfalls hielt an diesem hochspannenden Spezial-Abend

    grundsätzlich das, was jahrelang über ihn versprochen wurde: er bot unbarmherzige, fordernde Offenheit. [...] Denn

    das Basler Sinfonieorchester spielt, im Gegensatz zu den Münchnern, in derRegionalliga. [...] Kaufmann hatte vor dem

    Tutti gestanden und war davon übertönt worden; Schagers Stimme strahlt deutlich heller, heldentenoraler und anders

    prägnant als Kaufmanns, [...]Gergiev hatte seine Gesangssolisten, wie schon bei seiner konzertanten
    Elbphilharmonie-Aufführung von Tschaikowskys Oper „Jolanthe“,erhöht hinten oben postiert, zwischen

    Schlagwerk und Kontrabässen.Also direkt vor jenem Bereich, in dem der Kaufmann-Krach sich entzündet hatte."

    [Hervorhebung von mir]



    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Dann will ich mich auch noch einmal dazu äußern, denn wir waren auch bei dem Konzert mit den Münchner Philharmonikern (Gergiev: Mahler 4., Lied der Erde), zwei Tage davor noch bei den Hamburger Symphonikern in der Laeizhalle (Ion Marin und Martha Argerich mit Beethovens Klavierkonzert, danach Prokofjevs 5. Sinfonie). Während in der Laeiszhalle das Beethovenprogramm (mit einer großartigen Solistin) den akustischen Möglichkeiten des Saales angemessen war, überforderte die Tuba-mächtige Prokofjev-Sin­­fonie den Großen Saal. Der Klang erwies sich zwar als warm und volltönend, dabei aber als sehr ge­sättigt und wie eingehaust mit wenig Luft nach oben. Das für das Stück wohl notwendige Schallvolumen hatte nach oben wenig Raum, deswegen neigte die Tonimmis­sion zum Klirren, etwa beim Einsatz der Blechbläser. Im Vergleich mit dem Großen Saal der Elbphilharmonie fehl­ten auch die möglichen dynamischen Abstufungen, so klangen die leiseren Stellen eher mittellaut als leise (allerdings hörten wir die Sinfonie zum ersten Mal, so dass der Ver­gleich fehlt). Der entscheidende Unterschied zwischen den Sälen liegt aber in der differenzierten Breite und Klar­heit der Tonemission. Hier im 111 Jahre alten gro­ßen Schuhschachtelsaal der Laeiszhalle erreicht den Zuhörer eher ein Trich­ter-durchsaugter und damit verdichteter Mischklang, wie man es früher vom monauralen Plattenhören her kannte.


    Der Abend mit den Münchner Philharmonikern war dagegen der schönste, den wir bisher in der Elbphilharmonie erleben durften. Was für ein Klang im Vergleich mit der Laeiszhalle, schon beim Einstimmen der Instrumente imponierte die unglaubliche Durchsichtigkeit und stereophone Breitenwirkung der Saal-Akustik (und das ist unabhängig von möglichen Qualitätsunterschieden der Orchester). Mit welcher Hingabe, hoher Emotionaliät und Leidenschaft zelebrierten sie unter der Leitung von Valery Giergiev die vier Sätze von Mahlers vierter Sinfonie. Der dritte Satz geriet zum Heulen schön. Wie klar waren die die Klarinet­te, die Querflöte und das Horn herauszuhören, welche schönen Farbwirkungen und bestechenden dynamischen Abstufungen gelangen diesem Orchester und mit welcher Rücksicht nahm Giergiev das Orchester bei den Gesangs­par­tien zurück (Genia Kühmeier mit dem Sopransolo im 4 Satz, Andreas Schager und Tanja Ariane Baum­gartner mit dem Tenor- sowie Mezzosopranpart im Lied von der Erde).


    Alle Sänger klangen ausgezeichnet. Giergiev hatte sie hin­ter das Orchester positioniert, wo sie leicht erhöht stan­den und in einen größeren Schallraum hineinsingen konn­ten. Im Vergleich mit dem vor dem Orchester stehenden Jonas Kaufmann hatten die drei Solisten keinerlei Probleme mit der Akustik. Die Stimmen gelangten klar und prägnant bis in die oberen Ränge (wir saßen auf Ebene 15 im Block L). Darüber hin­aus verfügt der heldisch-glanzvoll klingende Andreas Scha­ger ohne Zweifel über eine schall­stärkere Stimme als Jo­nas Kaufmann, so dass er stets den Orchesterklang über­strahlen konnte. Beide Sängerinnen waren ausgezeich­net, vor allem Frau Baumgartner beeindruckte mit ihrem voll­tönenden Mezzo im dritten Solovortrag (Der Abschied). Der Abend war lang, er begann um 20 Uhr und endete erst nach 23 Uhr. Die Münchner Philharmoniker waren ihren Preis mehr als wert (er lag bei 94 Euro pro Platz).

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • Lieber Ralf, vielen Dank für diesen Bericht "aus erster Hand". - Er bestätigt sowohl meine über die Jahre gewonnenen Erfahrungen mit der altehrwürdigen Laeiszhalle, als auch die (nicht mehr ganz) neuen Erkenntnisse, die mir die Besuche in der Elbphilharmonie gebracht haben. Ergänzend hier noch eine zusammenfassende Kritik aus der WELT zu beiden Konzerten der Münchner Philharmoniker unter Gergiev: Mächtige Magie (zuletzt aufgerufen am 24.01.2019)

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Auch die mopo (für nicht-Hamburger: Hamburger Morgenpost, so etwas wie das zweite Boulevard-Blatt Hamburgs) geht noch einmal auf die Akustik der Elbphilharmonie ein, ohne allerdings zu erwähnen, dass es bei beiden Aufführungen des "Lied von der Erde" klangliche Unterschiede gab.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler