John Cage - 4`33 - was ist die beste Einspielung?

  • Kann eigentlich jeder das Stück "aufführen"? Also nicht nur Orchester, Pianisten usw, sondern auch Schlagerfuzzis, Volkstanzgruppen, Männerchöre, Ballettschulen, Politiker, Schauspieler, Radiosender, Karnevalsvereine??? Bekommt der große Künstler Cage Tantiemen für nichts?

    Das System funktioniert ganz einfach: Das Publikum bezahlt das Konzert eines Künstlers - und es ist schlicht egal, welche einzelnen Programmpunkte dazu gehören. Mit der Programmauswahl hat der, welcher ein Konzertticket kauft, schlicht nichts zu tun. Er bezahlt allein den ausübenden Künstler für das was er tut und nicht die Komponisten der Werke, die aufgeführt werden. Der Künstler muss wiederum für moderne Werke, die er aufs Programm setzt und die gebührenpflichtig sind, weil das Werk angemeldet ist, für jedes Werk einzeln (!) eine Gebühr bei der GEMA zahlen. Auch wenn nur zwei Zuschauer kommen, muss er denselben Betrag zahlen wie wenn 1000 Zuschauer kommen. Das interessiert die GEMA nicht, ob er dann in die roten Zahlen gerät. (Weswegen deshalb viele regional aktive nicht so groß bekannte Künstler sich leider scheuen, moderne Werke aufs Programm zu setzen.) Das ist also sein eigenes Risiko und seine Freiheit. Jeder kann das Werk aufführen in einem Konzert, für das Eintritt verlangt wird - Hauptsache, er entrichtet die Gebühr.


    Naja, das ist ja sehr klar: TACET heißt, dass man keine Klänge aktiv hervorbringen soll, und die Satzbezeichnungen bedeuten eine Binnengliederung der vorgegebenen Zeitdauer. Das ist ja alles, was an traditionellem Notentext da ist.

    Für mich erst einmal ist das gar nicht klar. Wenn da "Adagio" steht und 4/4 Takt, muss er dann die Stille-Takte durchzählen? Und was sollen die dynamischen Bezeichnungen < mf > < fff > ?? Zeit ist das Gemessene an einer Bewegung. Nur was wird gemessen, wenn sich wie bei der Stille gar nichts bewegt?


    Das ist sehr interessant, lieber Thomas und wirft viele neue Fragen auf. Besten Dank!


    Schöne Grüße

    Holger

  • Für mich erst einmal ist das gar nicht klar. Wenn da "Adagio" steht und 4/4 Takt, muss er dann die Stille-Takte durchzählen? Und was sollen die dynamischen Bezeichnungen < mf > < fff > ?? Zeit ist das Gemessene an einer Bewegung. Nur was wird gemessen, wenn sich wie bei der Stille gar nichts bewegt?


    Ich kenne nur die Partitur der Form:

    I

    TACET

    II

    TACET

    III

    TACET

    Deine anderen "Noten" halte ich nicht für authentisch sondern für Scherze von Leuten, die das Stück nicht verstanden haben.

  • Zu "tacet" gibt es einen kleinen musikalischen Witz, der natürlich von mir stammt, da keiner sonst sich traut, dem guten Johannes Brahms am Zeuge zu flicken.

    Es geht um den ersten Satz der Motette "Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen".

    Für mich das beste Chorstücke des ganzen 19. Jahrhunderts. Der erste Satz ist selbst für trainierte Ensembles richtig schwer. Er endet mit "Warum....." Das Besondere: Brahms möchte es so leise wie möglich haben, was macht er? Er notiert im Sopran "tacet"!

    "...der Schlag, der mich traf aus deinem Mund.... (Orlando di Lasso, Lagrime di San Pietro)

  • Zu "tacet" gibt es einen kleinen musikalischen Witz, der natürlich von mir stammt, da keiner sonst sich traut, dem guten Johannes Brahms am Zeuge zu flicken.

    Es geht um den ersten Satz der Motette "Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen".

    Für mich das beste Chorstücke des ganzen 19. Jahrhunderts. Der erste Satz ist selbst für trainierte Ensembles richtig schwer. Er endet mit "Warum....." Das Besondere: Brahms möchte es so leise wie möglich haben, was macht er? Er notiert im Sopran "tacet"!

    Das ist aber sehr interessant, lieber Dr. Pingel. Nehmen wir Goethe hinzu:


    Ueber allen Gipfeln
    Ist Ruh',
    In allen Wipfeln
    Spürest Du
    Kaum einen Hauch;
    Die Vögelein schweigen im Walde.
    Warte nur! Balde
    Ruhest du auch.


    Die Vögel singen nicht mehr, sie schweigen, also die "Musik" der Natur ist verstummt. Trotzdem ist diese Ruhe keine vollkommene Stille - es bewegt sich ja immer noch etwas: "kaum einen Hauch". Man hört den ganz leisen Wind. Interessant ist auch die Alltagssprache. Wir reden von "Totenstille" und entsprechend gibt es das Adjektiv "totenstill". D.h. die vollkommene Stille wird mit Leblosigkeit und Tod gleichgesetzt. Das Zitat, was Thomas gebracht hat, zeigt sehr schön, worum es in der Stille bei Cage geht: Nämlich auf solche Regungen aufmerksam zu werden, die man normaler Weise gar nicht wahrnimmt oder für unbedeutend hält und überhört. Man hört deen eigenen Pulsschlag, d.h. wird auf das Innere verwiesen oder die zufälligen Geräusche werden zur Musik, die vorher gar keine waren. Genau damit erweist sich diese Komposition der Stille als Kunst: Denn die Funktion von Kunst ist es, etwas Nichtwahrgenommenes wahrnehmbar zu machen. Das Unscheinbare, es wird in der Stille bedeutend.


    Schöne Grüße

    Holger

  • ad 65 (Holger Kaletha)

    Danke für dieses erhellende Statement, das mich darüber nachdenken lässt, dass es doch mehr als ein Gag ist. Gerade durch die Spiegelung in Motette und Gedicht bekommt auch 4'33'' erheblich mehr Gewicht!

    Mir fällt übrigens ein, dass es ein Stück von Arvo Pärt gibt (Cantus in Memory of Benjamin Britten?), in dem die letzte Partiturseite leer ist und trotzdem aufgeführt werden muss!

    Auch bei großen Sinfonien (ich denke jetzt an Mahler 2 und 3) machen es große Dirigenten richtig, indem sie die Arme am Schluss eine Zeitlang oben lassen, um eine wichtige Stille vor dem Applaus zu erreichen.

    "...der Schlag, der mich traf aus deinem Mund.... (Orlando di Lasso, Lagrime di San Pietro)

  • Mir fällt übrigens ein, dass es ein Stück von Arvo Pärt gibt (Cantus in Memory of Benjamin Britten?), in dem die letzte Partiturseite leer ist und trotzdem aufgeführt werden muss!

    Auch bei großen Sinfonien (ich denke jetzt an Mahler 2 und 3) machen es große Dirigenten richtig, indem sie die Arme am Schluss eine Zeitlang oben lassen, um eine wichtige Stille vor dem Applaus zu erreichen.

    Bei dem Cantus würde ich mir das mit dem Nachhalll der Glocke erklären. Dieser Nachklang eines Tones ist auch Teil eines Werkes. Das ist übrigens auch von den Beatles so produziert worden. "A day in the life" hei´ßt der letzte Song des "Seargent Pepper"-Albums. Der letzte Ton des Stückes ist ein kräftiger Klavier-Akkord. Und er wurde bis zum Ende der Saiten-Schwingung aufgezeichnet. Man wird aus der Versenkung in die sich daraus ergebendene meditative Ruhe unsanft herausgerissen, da die Beatles als Scherz die Auslaufrille bespielt haben. Ich kann freilich jetzt nicht sagen, ob das alles 1:1 auf die CD übertragen wurde


    Bei Mahler 2 hatte ich ja schon Mahlers Anweisung angesprochen, zwischen den ersten beiden Sätzen eine Pause von fünf Minuten einzuhalten. Am Ende des Werkes ist das -je nach Auditorium- dringend anzuraten. Besonders die Briten sind Könige darin, noch während des Verklingens der letzten Takte eines Werkes, so erhaben oder erschütternd es auch gewesen sein mag, ad hoc jubelnd aufzuspringen. Das ist mir besonders bei Bruckner 8 unter Horenstein aufgefallen und einem Videmitschnitt von Schostakowitschs 4. Sinfonie unter Roshdestwenski. Der Arme zuckt regelrecht zusammen, als der Applaus losbrach, während er noch dem verhallenden Klang der Celesta nachlauscht. Bei einem Mitschnitt des "Cantus" während der Proms hat der Dirigent clevererweise des Arm solangen hochgehalten, bis die Glocken verklungen waren.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Bei einem Mitschnitt des "Cantus" während der Proms hat der Dirigent clevererweise des Arm solangen hochgehalten, bis die Glocken verklungen waren.

    Und wer Currentzis erlebt hat beim Dirigat von Mahlers 3. wird bemerkt haben, daß das Publikum "geschätzte" 60 sec. regungslos, fasziniert, beeindruckt oder erschüttert sitzen blieb und der sich später steigernde Beifall gaaanz langsam begann. Für mich die bisher ergreifendste TV-Interpretation des Werkes.

    Nehmen wir Goethe hinzu:

    Bei mir stellt sich das Gefühl ein, welches Goethe auf dem Kickelhahn hatte, wenn ich da oben stehe, den Thüringer Wald in seiner ganzen Schönheit überblicke und an das leider verbrannte Gedicht denke, das Gefühl, daß das Leben endlich ist. Je näher man diesem Ende steht, desto mehr erfaßt man den Sinn.


    Bei 4:33 habe ich andere Gefühle. Sicher gibt es die Möglichkeit, in sich zu horchen, den Puls zu hören statt zu fühlen. Aber dazu brauche ich 4:33 nicht. Aber Deinem letzten Satz könnte ich zustimmen:

    Das Unscheinbare, es wird in der Stille bedeutend.

    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.