E lucevan le stelle

  • Die Met überträgt am 11. April 2020 die Tosca aus New York. Anna Netrebko, Brian Jagde und Michael Volle werden singen. Das will ich nicht verpassen!

    "E lucevan le stelle" ist eine berühmte Arie. Cavaradossi singt sie kurz vor der Scheinhinrichtung im dritten Akt, die dann doch eine wirkliche ist.

    Als Hörer im italienischen Fach bin ich Neuling. An die Taminos möchte ich nicht nur die Frage stellen, welcher Tenor aus Eurer Sicht die Arie am besten gesungen hat. Zusätzlich interessieren mich besonders zwei Dinge:

    • Sind die italienischen Tenöre die unbedingt besseren Interpreten?
    • Welcher Sänger ist heute ein hörenswerter Cavaradossi?

    Wenn Ihr einen Sänger bevorzugt, stellt bitte einen Link auf YT ein, so daß man nachhören kann.


    Ich beginne mit einer Live-Aufnahme von Brian Jagde, der im April den Cavaradossi an der Met singen wird.


    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Den "E lucevan de stelle"-Thread habe ich mit Brian Jagde eröffnet, weil man ihn in der Met-Übertragung wird sehen und hören können. Ich würde mich freuen, wenn Du Deine Kritik dort äußerst!

    Lieber Hans Heukenkamp, Stimmenbeurteilung hat ja bekanntlich auch mit Geschmack zu tun, und diese Stimme ist klanglich einfach nicht nach meinem Geschmack, sie klingt mir nicht schön, edel und schmelzend genug, sondern roh und grob - wenn ich böse wäre, würde ich sagen: typisch amerikanisch - was ungerecht wäre, denn es gab einige bedeutende amerikanische Tenöre, die klanglich natürlich Klassen besser waren, aber es gab und gibt eben auch viele, die mir klanglich gar nicht gefallen, und dazu gehört dieser offenbar dazu.


    Schon die erste Phrase in entspannter Lage klingt einfach nur stumpft, die Stimme strömt nicht frei, auch danach ist das Kraft-Klang-Verhältnis meines Erachtens nicht ideal, sondern mit zu viel Kraftaufwand entsteht zu wenig (Wohl-) Klang. Die Stimme scheint sich da unten nicht wohl zu fühlen. Aber wenn er dann im zweiten ariosen Teil zur lyrischen Kantilene ansetzt, blüht die Stimme auch nicht auf, ist nicht wohlklingend und entspannt, es findet auch keine überzeugende Phrasierung, etwa mit dynamischer Differenzierung wie das Anschwellen oder Abschwellen, statt. Auch der erste Spitzenton überzeugt mich klanglich gar nicht. Wenn die Arie dramatischer wird, kommt sie ihm mehr entgegen, aber der eigentliche Spitzenton gegen Ende klingt auch sehr angestrengt. Emotion ist sicherlich vorhanden, aber reicht das aus, um diesen dann losbrechenden Jubel zu rechtfertigen? Meiner Meinung nach nicht. :no:


    Wenn das die Sänger sind, die aus der MET(!!!) zu teuren Preisen weltweit in die Kinos übertragen werden, dann muss es um den internationalen Sängerbetrieb mittlerweile wirklich schlimm stehen! Da habe ich in den 30 Jahren, die ich jetzt Opernaufführungen live erlebe, weit bessere Cavaradossis gehört, Botha war stimmlich weit besser, aber auch viele andere mit weniger bekannten Namen haben mich weit mehr überzeugt als Herr Jadge hier in dieser Arie. (Zuletzt sang Riccardo Massi das am 21.9. in der Semperoper Dresden deutlich besser.) :yes::hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Bis auf weiteres keine neuen Beiträge mehr von mir außerhalb meiner Besetzungsrubriken!

    Einmal editiert, zuletzt von Stimmenliebhaber ()


  • Hier ein den meisten unbekannte Sänger, den langjährigen 1. Tenor der Staatsoper unter den Linden, Ruggiero Orofino. Er ist eng mit meinem Taminofreund Chrissy befreundet und feierte kürzlich seinen 97. Geburtstag.


    zu sehen ab etwa Minute 34:00.


    Herzlichst La Roche

    Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!

  • Ich habe auf der Bühne bisher nur sechs verschiedenen Cavaradossis erlebt, u.a. auch Jagde und Alvarez, aber am meisten begeistert hat mich vor vielen Jahren in Zürich der junge Jonas Kaufmann, den ich heute allerdings gar nicht mehr besonders schätze. Aber sein Vortrag damals war zutiefst bewegend.


    Es grüßt Vera

  • Zu Brian Jagde

    Wenn das die Sänger sind, die aus der MET(!!!) zu teuren Preisen weltweit in die Kinos übertragen werden, dann muss es um den internationalen Sängerbetrieb mittlerweile wirklich schlimm stehen!

    Diese Aufnahme ist 10 Jahre alt!

    Sie ist entstanden, als er Adler Fellow an der San Francisco Opera war. Da war er doch noch längst nicht fertig!


    Was er heute leisten kann, konnte man in "Das Wunder der Heliane" an der Deutschen Oper Berlin, in "Forza" an der Pariser Oper und in "Cavalleria Rusticana" in Amsterdam hören! Zugeben will ich aber gerne, dass Brian Jagde nach wie vor kein italienisches Timbre hat. Was Stummenliebhaber in der Cavaradossi-Arie an technischen Unfertigkeiten und Gesang moniert, scheint mir deutlich überwunden. Jagde spielt ja im Winter eine CD mit deutschen und Italienischen Arien ein. Dann wird man sich einen Eindruck verschaffen können, warum London, New York, Paris und Amsterdam ihn verpflichten.


    In diesem Herbst wird er übrigens an der Deutschen Oper Berlin in "Manon Lescaut" zu hören sein.


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Schon die erste Phrase in entspannter Lage klingt einfach nur stumpft, die Stimme strömt nicht frei, auch danach ist das Kraft-Klang-Verhältnis meines Erachtens nicht ideal, sondern mit zu viel Kraftaufwand entsteht zu wenig (Wohl-) Klang. Die Stimme scheint sich da unten nicht wohl zu fühlen. Aber wenn er dann im zweiten ariosen Teil zur lyrischen Kantilene ansetzt, blüht die Stimme auch nicht auf, ist nicht wohlklingend und entspannt, es findet auch keine überzeugende Phrasierung, etwa mit dynamischer Differenzierung wie das Anschwellen oder Abschwellen, statt. Auch der erste Spitzenton überzeugt mich klanglich gar nicht. Wenn die Arie dramatischer wird, kommt sie ihm mehr entgegen, aber der eigentliche Spitzenton gegen Ende klingt auch sehr angestrengt. Emotion ist sicherlich vorhanden, aber reicht das aus, um diesen dann losbrechenden Jubel zu rechtfertigen? Meiner Meinung nach nicht. :no:

    Lieber Stimmenliebhaber, in Berlin haben wir Jagde als Fremden in der Heliane gehört. Das hat er sehr gut gemacht. Im Schnipsel auf Youtube scheint er sich sehr anzustrengen, der dramatische Gestus mag fast mehr der sängerischen Aufgabe, als der tragischen Situation, in der der Protagonist steckt, geschuldet sein. Ich meine also, daß er "erzwungen", nicht "gestaltet" scheint. Auch das Vibrato fiel mir auf. Ich vermute aber, daß der gereifte Jagde das inzwischen besser singt. Es grüßt Hans

    PS.: Mein Beitrag hat sich mit dem vorherigen von Caruso überschnitten.

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    -- Aydan Özoğuz

  • Er ist eng mit meinem Taminofreund Chrissy befreundet

    Lieber La Roche,


    das bringt mich zu der Frage: Wo ist eigentlich Chrissy geblieben? Hat er die Lust am Forum verloren, oder was ist los? Ich vermisse ihn in der Runde, und ich denke, daß es noch mehr Leute hier gibt, denen das genauso geht.


    Liebe Grüße, auch an Chrissy!


    Nemorino :hello:

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Diese Aufnahme ist 10 Jahre alt!

    Lieber "Caruso41",

    das war mir nicht bewusst, ich hatte einfach gehört, was Hans Heukenkamp eingestellt hat. Allerdings: Kann man, wenn man vor zehn Jahren so klang, sich klanglich so weit veredeln, dass man zu einer führenden Stimme seines Faches aufsteigen kann? Ich weiß es nicht. Strauss ist aber in jedem Falle etwas anderes als Puccini.


    Was mir noch wichtig wäre ist der Bezug deines Beitrages 4, der mit dem von mir zitierten Satz beginnt. Da unmittelbar davor ein Beitrag von "La Roche" zu Orofino steht, ist dies missverständlich und ich würde dich bitten, deinen Beitrag insoweit zu verändern, dass der Bezug Jagde klar wird, denn die Orofino-Aufnahme ist nun wirklich nicht erst zehn Jahre alt! Vielen Dank!


    In diesem Herbst wird er übrigens an der Deutschen Oper Berlin in "Manon Lescaut" zu hören sein.

    Ich habe im Dezember eine Karte und frage mich angesichts der eingestellten Cavaradossi-Arie (die nun zwar wohl schon zehn Jahre alt ist, aber eben Puccini ist und kein Strauss): gerade bang: "Soll man sich freu'n?"

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Hat er die Lust am Forum verloren, oder was ist los?

    Das ist einer der Gründe. Wir stehen in regelmäßigem Kontakt, ich weiß auch wer den Anstoß gegeben hat.


    Herzlichst La Roche

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  • Lieber Stimmenliebhaber!

    Was mir noch wichtig wäre ist der Bezug deines Beitrages 4, der mit dem von mir zitierten Satz beginnt. Da unmittelbar davor ein Beitrag von "La Roche" zu Orofino steht, ist dies missverständlich und ich würde dich bitten, deinen Beitrag insoweit zu verändern, dass der Bezug Jagde klar wird, denn die Orofino-Aufnahme ist nun wirklich nicht erst zehn Jahre alt!

    Da andere Beiträge schneller eingestellt wurden, ist der Anschluss nicht klar erkennbar gewesen. (Mein Beitrag ist inzwischen auch mit #5 etikettiert)

    Darum habe ich Deinem Wunsch selbstverständlich gern entsprochen! Zu Orofinos Aufnahme habe ich eigentlich nichts gesagt und das werde ich beibehalten.


    Liebe Cavaradossi-Fans!


    Ich habe viele Cavaradossis gehört.

    Allein in der wundervollen Barlog-Inszenierung waren das unter Lorin Maazel Franco Tagliavini, Giacomo Aragall, Gianni Raimondi, Renato Cioni und Carlos Cossutta! Von denen haben mir Tagliavini und Raimondi am besten gefallen.


    Trotzdem sehe ich zwei andere Tenöre, die ich auch als Cavaradossi live hören konnte, klar vorn. Beide verzichten fast ganz auf histrionische Effekte. Die stören - meiner Meinung nach - einfach die Gesangslinie. Worauf es für mich vor allem bei dieser Arie ankommt, ist ein fließendes Legato und eine Färbung der Bögen, die histrionische Effekte absolut überflüssig macht.


    Das gelingt für mein Gefühl Carlo Bergonzi beispielhaft.

    Hier eine Aufnahme mit dem Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Gianandrea Gavazzeni.



    In einem ungewöhnlich breiten Tempo bewährt sich José Carreras mit der Arie für mein Gefühl ebenfalls beispielhaft:

    Hier die Aufnahme mit dem Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden unter Sir Colin Davis:



    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


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  • Ich habe Brian Jagde in Berlin als Cavaradossi gehört und fand ihn, wie auch Monica Zanettin und Ambrogio Maestri, hervorragend. Die Stimme musste zwar erst etwas auf Touren kommen, aber der Abend hat damals meine Vorfreude auf die Heliane gesteigert.

  • Lieber Caruso, besonders häufig ist das Adjektiv "histrionisch" im Forum nicht verwendet worden. Die Suche ergibt heute Mittag neunundzwanzig Treffer. Ich nehme an, daß histrionische Effekte nicht in der Partitur notiert sind, und der Sänger während des Vortrags die Reaktion des Hörers antizipiert und sie in die Gestaltung einbaut. In Fall dieser Arie wären das also Schluchzer, (Nerven-) Zusammenbrüche, Weinkrämpfe etc., mit denen der Gesang gleichsam gesüßt wird.

    Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Das gelingt für mein Gefühl Carlo Bergonzi beispielhaft.

    Hier eine Aufnahme mit dem Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Gianandrea Gavazzeni.

    Lieber Caruso,


    vielen Dank für die Einstellung dieser wunderbaren Arie mit dem nicht minder wunderbaren Carlo Bergonzi!

    Ich wollte gleich heute früh an ihn erinnern, mich aber nicht gleich wieder dem Vorwurf aussetzen, mein musikalischer Horizont würde Mitte der 70er Jahre enden:).

    Bergonzi war der wohl feinsinnigste, geschmackvollste italienische Tenor der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, der niemals sich, sondern immer nur die Musik in den Vordergrund seiner Interpretationen stellte. Auf dieser CD (es ist Bergonzis Debut-Album, nach seinem Wechsel vom Bariton- ins Tenorfach!) ist sie enthalten:

    mit Aufnahmen aus dem Jahr 1958, in Stereo. Der Dirigent ist Gianadrea Gavazzeni (Decca).


    In der zweiten Studio-TOSCA mit Maria Callas (unter Georges Prêtre) singt und gestaltet Bergonzi ebenfalls einen großartigen Cavaradossi:

    Mit seiner herrlich timbrierten Stimme ist er (für mich) sogar der eigentliche Star dieser Aufnahme von 1964/65, in der Maria Callas nur noch ein Schatten ihrer früheren Einspielung von 1953 (unter Victor de Sabata) ist, und auch Tito Gobbis Scarpia leichte Abnutzungserscheinungen erkennen läßt.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Das ist wirklich eine sehr schöne Aufnahme!

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    -- Aydan Özoğuz

  • Piotr Beczała hat die Arie am 23. Juni 2019 wiederholen müssen.

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    -- Aydan Özoğuz

  • Dann muß ich auch Jan Kiepura bringen und bleibe somit bei den nicht muttersprachlichen Sängern.


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    -- Aydan Özoğuz

  • Stummenliebhaber

    Ich bin nicht Sir Morosus! :hahahaha:

    Zu Orofinos Aufnahme habe ich eigentlich nichts gesagt und das werde ich beibehalten.

    Ich habe mir die Aufnahme gerade noch einmal angehört, was natürlich rein tontechnisch kein ungetrübter Genuss ist und das Spiel ist Playback zum im Studio aufgenommenen Gesang. Ich kenne auch Live-Szenen mit seinem Cavaradossi, das überzeugt dann noch mehr.

    Aber hier geht es um eine Beurteilung der eingestellten Aufnahme. Was soll ich sagen: Orofino singt das anständig, ordentlich, aber sicher nicht überwältigend. Gerade der Beginn in tieferer Lage irritiert durch ein gewisses Schlingern, sehr frei strömt die Stimme in dieser unteren Lage nicht, dazu stören mich einige veristische Unarten, obwohl Cavaradossi nach dem Luigi sicherlich eine der "veristischsten" Tenor-Partien Puccinis ist. Die Kantilene verströmt dann auch relativ wenig Zauber, wenig Schmelz, die Stimme ist natürlich keine Jahrhundertstimme, auch wenn er die Spitzentöne sehr souverän hat. Ich bin immer etwas irritiet, wenn ich Orofino gleichzeitig singen höre und sehe: dieser bullige Kopf und dazu diese doch recht kleine und vor allem helle Stimme. Trotzdem: Die Deutsche Staatsoper Berlin konnte damals heilfroh sein, dass sie ihn hatte, sonst hätten sie dieses Repertoire quantitaiv und qualitativ weit weniger gut anbieten können. Aber für die erste Riege der zu seiner Zeit brillierenden Tenöre hat es dann eben doch nicht gereicht. Wenn man sich die Arie anhört und ansieht, weiß man warum, im Positiven wie im Negativen, wobei für mich das Positive insgesamt doch überwiegt, aber für einen vorderen Platz in einem "Ranking" zu dieser Arie wird seine Interpretation sicherlich nicht reichen. Johan Botha hat mich in derselben Inszenierung (etwa 25 Jahre nach dieser Kino-Operngala) stimmlich weit mehr begeistert als Orofino in dieser Arienaufnahme - natürlich war Orofino optisch und sicher auch darstellerisch viel eher ein glaubwürdiger Cavaradossi (auch wenn er zum Zeitpunkt seine Auftretens in dieser Inszenierung auch kein junger Mann mehr war, sondern ein Mittfünfziger bis Anfang Sechziger, so alt ist Botha gar nicht geworden) als Botha - wer also mit den Augen hört, wird Orofino Botha vorziehen, wer mit den Ohren hört, wird dies sicher eher nicht tun. Emotion im Gesang kann man Orofino freilich nicht absprechen und so hat er live sein Publikum auch erreicht und begeistert, das weiß ich durch viele verschiedene ehemalige Stammbesucher der Deutschen Staatsoper Berlin. Mit den ganz Großen seines Faches musste er sich aufgrund der politischen Umstände an diesem seinem Stammhaus nicht messen lassen, da traten damals kein Bergonzi, Pavarotti oder Domingo auf. Das www ist hier grausamer, hier wird er mit Bergonzi und Co verglichen und da hat er es natürlich nicht so leicht wie seinerzeit als Platzhirsch in Ost-Berlin, das vom internationalen Sängermarkt weitgehend abgeschnitten war (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die Tomowa hat eine große Weltkarriere gemacht, er nicht - Letzteres kann ich persönlich besser nachvollziehen als Ersteres. Die Deutsche Staatsoper Berlin war damals vor allem anerkannt als Hort erstklassiger Pflege des deutschen Repertoires, mit den Wagner-Aufführungen, etwa dem "Tannhäuser", gastierte man in Paris, Madrid, Italien, Japan und sonstwo, das italienische Fach buchte niemand - aber für die Leute in der DDR, die nicht raus konnten, nicht in Wien ider Verona vergleichen konnte, waren Aufführungen italienischer Opern mit Tomowa oder Casapietra und Orofino an der Berliner Staatsoper natürlich ein Segen, etwas besseres konnten sie in diesem Fach live nicht erleben.

    Das war es, was ich zu dieser Aufnahme zu sagen hatte. :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Dann muß ich auch Jan Kiepura bringen

    Wenn es schon erlaubt ist, so weit in die Historie zu gehen, dann bringe ich nun doch Richard Tauber ins Spiel, der nach meinem Empfinden die Sternen-Arie eindringlicher und mitreißender gesungen hat als alle seine Kollegen, obwohl er sich der deutschen Sprache bedient:

    Es handelt sich um die ODEON-Aufnahme vom 27.4.1932, Dirigent war Manfred Gurlitt.

    Man achte auf die feinen Nuancierungen Taubers, auf die kaum unterdrückte Angst, die in seiner Stimme mitschwingt! Jürgen Kesting bezeichnet Taubers Interpretation als "verhangenen inneren Monolog - gebärdenhaftes Singen par excellence" und trifft damit wohl den Kern dieser traumhaft gestalteten Szene, die für mich eine der schönsten und eindrucksvollsten ist, die Puccini überhaupt komponiert hat.

    Auf CD ist sie u.a. in diesem Album enthalten:


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Wenn es schon erlaubt ist, so weit in die Historie zu gehen, dann bringe ich nun doch Richard Tauber ins Spiel, der nach meinem Empfinden die Sternen-Arie eindringlicher und mitreißender gesungen hat als alle seine Kollegen, obwohl er sich der deutschen Sprache bedient:

    Lieber nemorino, Du hast ein schönes Beispiel und mit dem Kesting-Zitat eine ebenso schöne Charakterisierung der Aufnahme gebracht. Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Lieber Stimmenliebhaber!

    Zu Orofinos Aufnahme habe ich eigentlich nichts gesagt und das werde ich beibehalten.

    Aber hier geht es um eine Beurteilung der eingestellten Aufnahme

    Deine Höreindrücke und Urteile stimmen mit meinen durchaus überein.

    Vor allem aber finde ich sehr lesenswert und treffend, was Du über den Rang und die Bedeutung von Ruggiero Orofino geschrieben hast.

    Besten Dank!


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


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  • Lieber Hans Heukenkamp!


    Vor dem Hintergrund von Stimmenliebhabers Beitrag über Ruggiero Orofino habe ich mal überlegt, wer denn eigentlich zu der Zeit, in der Orofino sang, noch alles den Cavaradossi sang.


    Es gab in den Jahren ja nicht nur Carlo Bergonzi, Franco Corelli, (noch immer) Giuseppe di Stefano, Richard Tucker, Placido Domingo, José Carreras und Luciano Pavarotti. Sie waren aber schon die überragenden Interpreten und von ihnen gibt es auch die meisten Aufnahmen und Mitschnitte.

    Hinter diesen Top-Stars (1A-Klasse) konnte man an den Bühnen in Westeuropa und auf der anderen Seite des Atlantik auch noch etliche Tenöre als Cavaradossi hören, die durchaus hervorragende Gesangsleistungen gebracht haben.


    Mir fallen da ein (nennen wir sie mal die 1B-Klasse):

    Gianni Raimondi, Renato Cioni, Flaviano Labò, Gianfranco Cecchele, Carlos Cosutta, Franco Tagliavini, Giuseppe Giacomini, Giacomo Aragall, Bruno Prevedi, Giorgio Lamberti, Juan Oncina, Giuseppe Gismondi, Giorgio Merighi, Franco Bonisolli, Luigi Ottolini und Veriano Luchetti.
    Dimiter Uzunov, Vladimir Atlantov und James King nicht zu vergessen. Von ihnen allen gibt es Aufnahmen oder Mitschnitte der Tosca!


    Das waren Zeiten!
    Ein so breites Angebot von Tenören gibt es in den beiden ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts leider wirklich nicht. Vor allem sind unter den Tenören, die ich mal grob in die 1B-Klasse sortiert habe, viele, deren Abstand zu den Top-Tenören nicht wirklich groß war.


    Und heute? Du hast schließlich ausdrücklich gefragt, welcher Sänger heute ein „hörenswerter Cavaradossi“ ist. Da fallen mir wirklich nicht viele ein. Keinen aber würde ich auf die gleiche Stufe stellen wie die Herren Bergonzi, Carreras, Corelli und Co.

    Ich hätte aber auch Probleme heute aktive Tenöre aufzulisten, die mit den Herren der Raimondi/Cioni/Labo-Klasse ernsthaft konkurrieren können. Mir fallen da bestenfalls zwei oder drei ein.


    Das mag verklärend klingen. Aber: es gibt von jedem der genannten Tenöre, wie gesagt, Aufnahmen oder Mitschnitte, in denen man sie als Cavaradossi hören kann. Ich bin auf Widerspruch gespannt.


    Beste Grüße

    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


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  • Hörenswert war in letzter Zeit auf jeden Fall Joseph Calleja, den ich in München erlebt habe. Ich hoffe auch auf eine Chance, Piotr Beczala zu hören. Wie bereits vom Stimmenliebhaber erwähnt, hat Riccardo Massi in Dresden einen guten Cavaradossi gesungen. Ich war allerdings in einer anderen Vorstellung.

  • In einem ungewöhnlich breiten Tempo bewährt sich José Carreras mit der Arie für mein Gefühl ebenfalls beispielhaft:

    Lieber Caruso, es freut mich, dass Du als Fachmann diese Aufnahme mit Carreras ebenso schätzt wie ich, wenngleich die Tempi hier für meinen Geschmack nicht optimal sind. Aber davon abgesehen ist dies meine Lieblingsaufnahme dieser Arie. Das liegt aber sicherlich auch an meiner ganz subjektiven Vorliebe für die Stimme von José Carreras.


    Und heute? Du hast schließlich ausdrücklich gefragt, welcher Sänger heute ein „hörenswerter Cavaradossi“ ist. Da fallen mir wirklich nicht viele ein. Keinen aber würde ich auf die gleiche Stufe stellen wie die Herren Bergonzi, Carreras, Corelli und Co.

    Ich hätte aber auch Probleme heute aktive Tenöre aufzulisten, die mit den Herren der Raimondi/Cioni/Labo-Klasse ernsthaft konkurrieren können. Mir fallen da bestenfalls zwei oder drei ein.

    Welche zwei oder drei wären das denn?


    Hörenswert war in letzter Zeit auf jeden Fall Joseph Calleja, den ich in München erlebt habe.

    Calleja habe ich diesen Sommer in Aix als Cavaradossi gehört, aber gerade diese Arie fand ich an dem Abend weniger gelungen. Man findet auf YouTube viele Darbietungen von ihm, die mir besser gefallen, beispielhaft habe ich diese ausgesucht:


    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Lieber Caruso, vielen Dank für Deine ausführlichen Kommentare in diesem Thread. Ich bekenne, daß ich von den 1A-Tenören, die Du aufzählst, nicht alle kenne und von den 1B-Sängern überhaupt nur James King. Und den, weil er in anderen Bereichen 1A ist, wenn ich das so nennen darf. Deine Liste beantwortet auch meine Frage, ob die italienischen Tenöre Heimvorteil haben, klar. Du nennst mehrheitlich Italiener. Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • In bewegten Bildern einer meiner Lieblinge aus der Schatztruhe ;)!



    Immer mit einer Träne des Verismo im Knopfloch ! :jubel:


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • In bewegten Bildern einer meiner Lieblinge aus der Schatztruhe ;)!

    <Franco Tagliavini>

    LG Fiesco

    Ohne Zweifel ein würdiger Liebling, lieber Fiesco!

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Ich stelle hier mal die Arie von meinem letzten live erlebten Cavaradossi (ich hatte wie gesagt Riccardo Massi live am 21. September 2019 in der Semperoper Dresden in dieser Rolle) ein:



    In der Aufführung gefiel er mir im 1. Akt noch gar nicht, steigerte sich dann aber schon im 2. Akt deutlich und sang dann einen sehr überzeugenden dritten Akt.


    Bei der hier eingestellten Version gefällt mir besonders, dass er auch in einer Konzertsituation viel von der Situation Cavaradossis in der Oper während dieser Arie vermittelt, wie ich finde.


    Eine Jahrhundertstimme ist das vom Timbre her ganz sicher auch nicht, aber er phrasiert den zweiten Teil der Arie gut und leidenschaftlich - und die letzte große Steigerung am Ende der Arie ist auch nicht von schlechten Eltern!

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Bis auf weiteres keine neuen Beiträge mehr von mir außerhalb meiner Besetzungsrubriken!

  • Ohne Zweifel ein würdiger Liebling, lieber Fiesco!

    Lieber Hans Heukenkamp, nicht der Franco, den ich noch Live in Berlin erlebt habe, sonder der Ferruccio! ;)


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Als Anhänger auch deutsch gesungener Opern mein Favorit in dieser Rubrik :



    Herzlichst La Roche

    Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!

  • Immer mit einer Träne des Verismo im Knopfloch !

    Ja, lieber Fiesco,


    Ferruccio Tagliavini - ein wunderbarer, leider (hierzulande) viel zu wenig bekannter Tenor! Für mich (bis heute) noch immer der aristokratischste aller Herzöge im RIGOLETTO!

    Danke für die Einstellung der Sternen-Arie, ich habe sie mir heute früh zu Gemüte geführt. O dolci baci …..! Eine wunderbare Aufnahme!


    Noch eine kleine Begebenheit, die viel mit Puccini, aber nichts mit "E lucevan le stelle" zu tun hat:

    Jens Malte Fischer rühmt in seinem Buch "Große Stimmen" Ferruccio Tagliavinis "perfektes Legato, sicheres Stilgefühl und einen bittersüßen, elegischen Smorzandoton" und fährt dann fort: "..... als ich in einer Gruppe von opernbegeisterten Studenten einmal 25 Versionen von 'Che gelida manina' (ohne Nennung der Sängernamen) vorführte (alle großen Tenöre waren dabei), entschied sich die Mehrheit für Tagliavini als den besten Interpreten".


    Schönen Sonntag,

    Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).