Operninszenierungen - modern vs. "altmodisch"

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner


    Und genau da fangen meine Probleme mit dem "konservativen" Bühnenbild (denn es geht hier ja ums Bühnenbild und nicht um ein Regiekonzept, wie ich merke) an: Wenn Du akzepierst, daß man die Kirche nicht 1:1 nachbauen muß, dann akzeptierst Du, daß aus der bestimmten Kirche irgendeine Kirche wird, denn nur die exakte Nachbildung wäre ein konkreter Ortsverweis.
    Wenn Du aber "irgendeine Kirche" akzeptierst, dann müßtest Du auch die Abstraktion eines Kirchenraumes akzeptieren.
    Ebenso kämen alle auf reiner Assoziationsbasis gebaute Bühnenräume ins Spiel, solange nur eine der Assoziationen "Kirche" bedeutet.
    Wenn nicht: Wo ist Dein Trennstrich?
    :hello:


    Lieber Edwin,


    Einen genauen Trennstrich zu ziehen, wäre falsch. Die Grenzen sind fließend. Aber im "Normalfall" würde ich die Assoziation "Römische Kirche" erwarten. Das muß nicht S.Andrea della Valle "in persona" sein. In seiner Opernwerkstatt hat Otto Schenk (pardon, das mußt Du halt erdulden) einmal die Karlskirche genommen. das hat wunderbar funktioniert, denn das ist ein Bauwerk von ziemlich römischem Charakter, und in der Einstellung war ja nur ein Ausschnitt zu sehen. Auf die individuelle Richtigkeit kam's nicht an.
    Wenn es künstlerisch überzeugend abstrahiert ist und nicht gerade analytischen Kubismus nach Rom verpflanzt, warum nicht? Es müßte halt zur Musik und zum Libretto passen. Puccini und Abstraktion wäre ein künstlerisches Problem für Spitzenkräfte...


    LG


    Waldi

  • Zitat

    Wenn Du akzepierst, daß man die Kirche nicht 1:1 nachbauen muß, dann akzeptierst Du, daß aus der bestimmten Kirche irgendeine Kirche wird, denn nur die exakte Nachbildung wäre ein konkreter Ortsverweis.


    Ich meine auch, dass die Assoziation "Kirche" oder meinet wegen auch "römische Kirche" ausreicht. Aber man muss die Kirche wohl nicht notwendig 1:1 nachbauen, um so zu einem konkreten Ortsverweis zu gelangen. Es gibt Kirchen (und römische Kirchen) die sich z. B. allein durch die schwarze Silhouette der Kuppel an der Bühnenwand (Dresdner Frauenkirche, Petersdom etc.) individualisieren ließen. Auch in der Malerei, z. B. bei Grünewald, finden sich solche minimalistischen Andeutungen gerade auf die römische Kirche. Ansonsten stimme ich Edwin Baumgartner aber völlig zu. Ich würde sogar noch darüber hinausgehen und bei sonst überzeugendem Regiekonzept ein beliebiges Haus des Glaubens einer beliebigen Religion als ausreichende Verbindung zum Konzept der Oper erachten können. Jedenfalls wüsste ich nicht, warum sich dieser Krimi unbedingt in Rom ereignen muss.


    Loge

  • Zitat

    Original von Loge


    Ich meine auch, dass die Assoziation "Kirche" oder meinet wegen auch "römische Kirche" ausreicht. Aber man muss die Kirche wohl nicht notwendig 1:1 nachbauen, um so zu einem konkreten Ortsverweis zu gelangen. Es gibt Kirchen (und römische Kirchen) die sich z. B. allein durch die schwarze Silhouette der Kuppel an der Bühnenwand (Dresdner Frauenkirche, Petersdom etc.) individualisieren ließen. Auch in der Malerei, z. B. bei Grünewald, finden sich solche minimalistischen Andeutungen gerade auf die römische Kirche. Ansonsten stimme ich Edwin Baumgartner aber völlig zu. Ich würde sogar noch darüber hinausgehen und bei sonst überzeugendem Regiekonzept ein beliebiges Haus des Glaubens einer beliebigen Religion als ausreichende Verbindung zum Konzept der Oper erachten können. Jedenfalls wüsste ich nicht, warum sich dieser Krimi unbedingt in Rom ereignen muss. Loge


    Dann musst du aber auch das Libretto komplett umschreiben, denn dieser "Krimi" hat einen ganz konkreten historischen Hintergrund (die Napoleonischen Kriege, Schlacht bei Marengo am 14. Juni 1800, etc.) - wo willst du also die Tosca ansiedeln??? Aber das Tedeum in einer Moschee wäre doch einmal etwas wirklich Neues! :wacky:
    lg Severina :hello:

  • Hallo Walter,

    Zitat

    In seiner Opernwerkstatt hat Otto Schenk (pardon, das mußt Du halt erdulden) einmal die Karlskirche genommen. das hat wunderbar funktioniert,


    Ich habe das jetzt nicht vor meinem geistigen Auge - aber wenn die Karlskirche als solche erkennbar war, ist es Unsinn. Denn die Karlskirche steht nun einmal in Wien, und die Engelsburg in Rom. Bei einer "naturalistischen" Inszenierung muß das stimmen, sonst wird sie ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht.
    Also muß man, wenn schon, ein Wiener Äquivalent zur Engelsburg finden, also etwas, von wo aus man bequem hinunterhüpfen kann. Vielleicht springt Tosca ja vom Riesenrad, landet im Prater bei den Grottenbahnen - und, ja: Ich erkenne Schenks Handschrift... :hahahaha:


    :hello:

    ...

  • Liebe Severina,


    jede Oper steht letztlich in einem bestimmten historischen Kontext. Wenn Du es bei der Tosca auf das Wesentliche herunterbrichst, ging es um Kriege, Schlachten, Verrat, Unterdrückung. Wie immer und überall einmal.


    Zitat

    Aber das Tedeum in einer Moschee wäre doch einmal etwas wirklich Neues!


    Das kann ER schon vertragen, so es ihn gibt und es ihn überhaupt interessiert, weil er tatsächlich religiös ist.


    Loge

  • Zitat

    Zitat Loge
    jede Oper steht letztlich in einem bestimmten historischen Kontext. Wenn Du es bei der Tosca auf das Wesentliche herunterbrichst, ging es um Kriege, Schlachten, Verrat, Unterdrückung. Wie immer und überall einmal.


    Der Unterschied, den Severina meiner Meinung nach anspricht, ist nur, ob der historische Kontext ein Hintergrund des Werkes ist oder ein im Text (eventuell zwischen den Zeilen) vorkommendes historisches Geschehen, das wesentliche Züge der Handlung bestimmt.


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Antracis
    Konkret: Die Genialität von Puccinis Tosca hängt zu allererst von der Musik ab, nicht von einer wunderschönen Kirche als Handlungsort , wohl aber davon, ob die Konflikte zwischen der Protagonisten auf der Bühne visualisiert werden.


    "Tosca" funktioniert sogar ganz ohne Kirche: Philipp Kochheim hat in seiner Augsburger (und dann als Übernahme auch in Darmstadt zu sehenden) Inszenierung die Geschichte in Santiago spielen lassen, mit Scarpia als Pinochet.


    Theater eröffnet nun mal ganz viele Möglichkeiten, ein Stück zu präsentieren....

  • Zitat

    Zitat Alviano
    Tosca" funktioniert sogar ganz ohne Kirche:


    Was ganz meine Meinung ist. Die Kirche hat ja wohl keine andere dramaturgische Funktion, als den adäquaten Rahmen für das "Te Deum" abzugeben.
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Hallo Walter,


    Ich habe das jetzt nicht vor meinem geistigen Auge - aber wenn die Karlskirche als solche erkennbar war, ist es Unsinn. Denn die Karlskirche steht nun einmal in Wien, und die Engelsburg in Rom. Bei einer "naturalistischen" Inszenierung muß das stimmen, sonst wird sie ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht.


    Lieber Edwin,


    In jener Einstellung war die Karlskirche auch für den Fachmann schwerlich zu erkennen; ich weiß es, weil ein befreundeter Kollege als Berater dabei war. Stören würden mich solche Verstöße nur bei krasser Diskrepanz (so z.B. in Karajans "Othello", wo ein spätromanisches französisches Fresko verwendet wird, noch dazu ein Hauptwerk der burgundischen Kunst). Schenks damaligen "Tosca"-Ausschnitt würde ich auch gar nicht als "naturalistisch" einstufen, so vordergründig war das keineswegs. Bei der Engelsburg wär's kritischer; vom Flakturm darf die Tosca sicher nicht hüpfen, das wäre tatsächlich ein Stilbruch. Aber eine naturalistische Engelsburg braucht's auch nicht, besungen wird ja nicht eine denkmalpflegerische Bestandaufnahme. Zum Erzeugen von Illusion wäre hundertprozentiger Naturalismus direkt kontraproduktiv.


    LG


    Waldi

  • Zitat

    Original von Alviano


    "Tosca" funktioniert sogar ganz ohne Kirche: Philipp Kochheim hat in seiner Augsburger (und dann als Übernahme auch in Darmstadt zu sehenden) Inszenierung die Geschichte in Santiago spielen lassen, mit Scarpia als Pinochet.


    Theater eröffnet nun mal ganz viele Möglichkeiten, ein Stück zu präsentieren....


    Hallo Alviano,
    und wie ist er mit dem Text umgegangen? Schließlich verweist Scarpia einige Male ganz dezidiert, dass man sich in einer Kirche befindet.
    - Wurde also das Libretto abgeändert?
    - Ist Kochheim davon ausgegangen, dass eh niemand Italienisch versteht?
    - Oder war es ihm schlicht und einfach egal, weil er sich von solchen Nebensächlichkeiten wie einem Textbuch nicht in seinen genialen Höhenflügen behindern lässt?
    Entschuldige, wenn das jetzt polemisch klingt, aber das ist genau der Punkt, wo ich nicht mehr mit kann - wenn nämlich Text und Bühnengeschehen eklatant auseinanderklaffen. (Ich erinnere mich an die absurde Szene in unseren "Vilis", wo der Chor den Tod der Heldin beklagt, die wie eine weiße Lilie im Sarg liegt, während die Gute quietschvergnügt bügelnd auf der Bühne stand.... ?( ) Das sind dann schon so Momente, wo ich mir leicht vera.....t vorkomme, und ich bin bei Gott kein Staubi-Prototyp ;)
    Mich würde wirklich interessieren, wie du zu diesem Problem stehst! :yes:
    lg Severina :hello:

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  • Zitat

    Original von severina


    Hallo Alviano,
    und wie ist er mit dem Text umgegangen? Schließlich verweist Scarpia einige Male ganz dezidiert, dass man sich in einer Kirche befindet.
    lg Severina :hello:


    Vielleicht war das Setting der entsprechenden Szene eine Kirche in Santiago - da soll's ja durchaus auch welche geben... ;)


    Herzlichst,
    Medard

  • Zitat

    Original von severina
    Mich würde wirklich interessieren, wie du zu diesem Problem stehst!


    Völlig offen. Das Textbuch ist für mich Spielmaterial, die Frage ist, welche Gewichtung wird vorgenommen? Mit der Entscheidung für einen bestimmten Regie-Ansatz, muss ich zehn andere ausblenden und diesen einen verfolgen. Auch die Frage, was wird gewonnen mit einer bestimmten Idee, was gebe ich auf, muss schlüssig beantwortet werden, damit das Konzept überzeugen kann.


    Ich fand den Ansatz von Kochheim für seine "Tosca" kühn - aber es geht auf. Bei Interesse: unter "Gestern in der Oper" gibt es einen kleinen Beitrag von mir zur Darmstädter "Tosca".


    Ja, es gab auch einen Eingriff ins Libretto: "E avanti al lui tremava tutto Santiago" sagt die Tosca, nachdem sie Scarpia-Pinochet getötet hat.


    Diese Inszenierung lief, glaube ich, eine Spielzeit - sie war ein Versuch, eine zeitgemässe "Tosca" zu zeigen - die nächste Inszenierung des Stückes wird wahrscheinlich ganz anders aussehen, das hält Theater lebendig.


    LG

  • Hallo Medard,
    wenn ich Alviano richtig verstehe, dann gibt's aber in dieser Inszenierung weit und breit nicht einmal die Andeutung einer Kirche, und da hätte mich halt die szenische Umsetzung von Scarpias "Un tal baccano in chiesa!" ff interessiert, auch wo er das "aqua benedetta" hernimmt, das er Tosca anbietet. Ich nehme doch nicht an, dass in Santiago an jeder Straßenecke ein Weihwasserbrunnen steht! Und als Tosca einen Eifersuchtsanfall wegen der vermeintlichen Rivalin hinlegt, kriegt sie ein scheinheiliges "In chiesa!" von Scarpia zu hören. Da würde es mich also wirklich interessieren, wie man diesen Akt ohne Kirche hinkriegt. SAg jetzt nicht, ich habe heute meinen kleinlichen Tag ;) :D
    lg Severina :hello:

  • Hallo zusammen,


    ein Problem, das severina anspricht, ist auch meins bei modernen Inszenierungen: Text, Musik und Bühnengeschehen müssen schon zusammenpassen, sonst kann es leicht lächerlich wirken.
    Opern aus dem 18. oder 19. Jh. haben eine andere musikalische Ausdrucksform und auch eine andere Sprache als wir heute.
    Wenn Alfredo im Dixi-Klo "Un di felice ... " singt, oder Manrico auf der Bühne vergewaltigt wird, weil der Regisseur zeigen will, dass er "kein Helden- sondern eher ein weicher Künstlertyp" ist, das sind Modernisierungen, die ich nicht brauche. Den Manrico als eher weicheren Typ gibt der Text ja durchaus her, das kann der Tenor auch mit Stimme und musikalischem Ausdrucksvermögen darstellen.


    Andererseits habe ich eine Inszenierung gesehen, bei der "Rigoletto" im Halbweltmilieu angesiedelt wurde.
    Zwielichtige Figuren gibt es in dieser Oper genug, Gilda als ehemalige Klosterschülerin war auch glaubwürdig, zudem waren die Sänger in der Lage, das Beziehungsgeflecht mit Spannung zu füllen - diese Inszenierung gefiel mir.


    Auf einer Freilichtbühne in unserer Nähe mit schöner Naturkulisse gab es dagegen eher konservative Inszenierungen, die aber auch stimmig waren und gute Sänger hatten, so warum nicht?
    Im letzten Jahr kam dann der Anspruch, die "biederen" Inszenierungen aufzupeppen: Ferrando im Trovatore chargierte als Kriegsveteran im Rollstuhl, Azucena stapfte als Urmutter aller weiblichen Dämonen über die Bühne, grinste ab und zu verschwörerisch ins Publikum und meuchelte zum Schluss nicht nur die schlafenden Wachen im Kerker, sondern auch noch Luna. Dazu saßen im Orchestergraben einige Musiker, die sich gegenseitig angrinsten, nach dem Motto: Bringen wir den Quatsch über die Bühne...
    Als ich nach Hause kam, habe ich mir per Video die Marx Brothers in der Oper angeschaut: Wenn schon Parodie, dann richtig!


    Liebe Grüße
    Petra

  • Hallo severina,


    "Gestern in der Oper", Seite 3 - da stehts. An der Madonnenstatue befindet sich ein Weihwasserbehälter. Es ist völlig richtig - es gibt gar keine Kirche und das "Te deum" hat etwas blasphemisches, weil zu diesen Kängen Folterungen gezeigt werden. Das funktioniert szenisch richtig gut.


    LG


  • Hallo Alviano,


    Bei mir endet die Offenheit wirklich dort, wo es sich mit dem Text spießt. Und zwar mit dem tatsächlichen Text, Regieanweisungen im Libretto interessieren mich hingegen überhaupt nicht. Wenn also z.B. eine Szene laut Libretto in einer Kirche spielt, sich das aber im Dialog überhaupt nicht niederschlägt, würde ich nie und nimmer auf dieser Kirche bestehen. Dann mögen sich die beiden meinetwegen auf dem Dach eines Hochauses oder im Wiener Kanalsystem treffen. Wenn aber ständig von dieser Kirche die Rede ist (siehe Tosca) und das Bühnenbild ein Kanalsystem zeigt, dann muss ich leider sagen, dass dieser Regieansatz für mich verfehlt ist.
    Ich fände es allerdings spannend, einer "alten" Oper einmal ein wirklich völlig neues Libretto zu verpassen.
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Original von Alviano


    Ja, es gab auch einen Eingriff ins Libretto: "E avanti al lui tremava tutto Santiago" sagt die Tosca, nachdem sie Scarpia-Pinochet getötet hat.


    LG


    Lieber Alviano,


    Das ist das klassische Beispiel eines Stilbruchs (jemand aus Santiago wird das natürlich vielleicht nicht so empfinden), für jemanden mit historischem und humanistischem Hintergrund wirkt es komisch, denn durch den Namen "Rom" weht - ich werde jetzt bewußt etwas pathetisch - der Atem der Geschichte. Wenn Rom zittert, ist das etwas anderes als wenn eine Stadt, die in der Weltgeschichte noch keine besondere Rolle gespielt hat (nichts gegen Santiago, bitte!) hier substituiert wird.


    Das Textbuch ist für Dich Spielmaterial, OK! Dann reden wir aber nicht über die Puccini-"Tosca", denn die wäre dann ja nur ein Rohfaktor und nicht Endzweck. Severina und mir geht es aber um eben diese. Du und wir wollen Verschiedenes, das von mir aus nebeneinander existieren kann. Nur muß mir das Ergebnis jeweils gefallen, das ist mein persönlicher Anspruch. Objektiv kann ich verlangen, daß Puccinis "Tosca" nicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird, wenn sie auf dem Spielplan steht. Wenn angekündigt wird: "Tosca" von XY nach Motiven von Puccinis Oper, dann bitte schön, ist es in Ordnung. Man soll nur nicht das eine für das andere verkaufen. Das gilt natürlich in beide Richtungen, nicht bloß einseitig.


    LG


    Waldi

  • Zitat

    Original von severina
    (...) und das Bühnenbild ein Kanalsystem zeigt, dann muss ich leider sagen, dass dieser Regieansatz für mich verfehlt ist.


    Da gehe ich wesentlich abstrakter ran. Bei der "Tosca" könnte ich mir sogar vorstellen, dass sie Dir in Teilen gefallen hätte. Zum Kanalsystem fällt mir nochwas ein: Ruth Berghaus hatte soetwas im Frankfurter "Rosenkavalier" gemacht. Statt des Beisls sah man so eine Art Wiener Untergrundkanalisierung - ging auch....


    LG

  • Hallo Waldi,


    Zitat

    Dann reden wir aber nicht über die Puccini-"Tosca


    wir reden über nichts anderes, als Puccinis "Tosca".


    Zitat

    Du und wir wollen Verschiedenes


    Du und ich, wir haben möglicherweise ein unterschiedliches Verständnis von und unterschiedliche Zugänge zum Theater.


    Zitat

    Nur muß mir das Ergebnis jeweils gefallen, das ist mein persönlicher Anspruch.


    Genau so ist es: wir reden über Geschmack - darüber, ob mir oder Dir etwas gefällt oder missfällt, nicht mehr und nicht weniger.


    Zitat

    Objektiv kann ich verlangen, daß Puccinis "Tosca" nicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird


    Der Satz ist aufschlussreich: was bedeutet Objektivität in diesem Fall? Wenn wir über Geschmacksfragen reden, bewegen wir uns in einem subjektiven Bereich. Das, was für Dich eine Unkenntlichmachung bedeutet, ist für mich eine Kenntlichmachung. Du hast eine Vorstellung davon, wie "Tosca" zu inszenieren ist und behauptest, diese Vorstellung sei richtig. Du gehst sogar noch weiter: Du verlangst, dass diese, Deine Vorstellung auf der Szene zu sehen ist, das funktioniert so nicht.


    Zitat

    Wenn angekündigt wird: "Tosca" von XY nach Motiven von Puccinis Oper, dann bitte schön, ist es in Ordnung.


    Es ist und bleibt "Tosca", ganz einfach. Jede Inszenierung ist eine Interpretation - ob ich diese Inszenierung mag oder nicht, ist eine Geschmacksfrage. Und über Geschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten.

  • Zitat

    Original von Alviano


    Da gehe ich wesentlich abstrakter ran. Bei der "Tosca" könnte ich mir sogar vorstellen, dass sie Dir in Teilen gefallen hätte. Zum Kanalsystem fällt mir nochwas ein: Ruth Berghaus hatte soetwas im Frankfurter "Rosenkavalier" gemacht. Statt des Beisls sah man so eine Art Wiener Untergrundkanalisierung - ging auch....


    LG


    Na ja, gehn tut viel ;) , die Frage ist, ob es zwingend ist. :D Übrigens hat die ganze Rosenkavalier-Gesellschaft für mich ein bisschen was Lemurenhaftes an sich, insofern hätte ich das Kanalsystem vielleicht sogar goutiert :D
    Ich habe mir jetzt deinen Tosca-Bericht durchgelesen und finde das Grundkonzept durchaus akzeptabel, wenn auch nicht wirklich originell, sieht man davon ab, dass es diesmal Pinochet ist und nicht einer aus dem Kreis der "üblichen Verdächtigen". Und ein mündiger Opernbesucher ist durchaus in der Lage, Parallelen zwischen Scarpia und der Gegenwart herzustellen. Irgendwie erinnert mich das so ein bisschen an die 70erjahre, wo es kaum einen Regisseur gab, der aus Schillers "Räubern" NICHT die RAF gemacht hätte. Beim ersten Mal war's noch spannend, beim x-ten mal nur mehr zum Gähnen. Genauso geht es mir heute, wenn mir ein Regisseur zu der überraschenden Erkenntnis verhelfen will, dass die Scarpias noch unter uns weilen. Ach nee, kann ich da nur sagen.....
    Mein Ideal von einer Inszenierung ist die einer totalen Zeit- und Raumlosigkeit, wo meine Fantasie und meine kleinen grauen Zellen wirklich gefordert sind, weil dann ICH die Fäden zu einem sinnvollen Muster zusammenfügen muss, weil dann meine Assoziationen frei schweifen dürfen und ich nicht bloß JA oder NEIN sagen darf zu etwas, das mir vorgesetzt wird. Das ist jetzt völlig OT, aber ich habe eben in Zürich "Kabale und Liebe" gesehen, auf einer völlig leeren Bühne, die nur durch einige graue Vorhänge strukturiert war, ohne Requisiten mit Ausnahme des Tisches, an dem Luise den verhängnisvollen Brief schreibt, dafür mit großartigen Schauspielern, die mir die spannendste und emotional aufwühlendste Aufführung dieses Dramas bescherten, die ich je erleben durfte. Und jetzt träume ich von einer leeren Opernbühne, tollen Sängern - und dem absoluten NICHTS.
    OK, genug herumgesponnen :O
    lg Severina :hello:

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  • Hallo severina,


    ich werde unaufmerksam.


    Zitat

    Na ja, gehn tut viel , die Frage ist, ob es zwingend ist. Übrigens hat die ganze Rosenkavalier-Gesellschaft für mich ein bisschen was Lemurenhaftes an sich, insofern hätte ich das Kanalsystem vielleicht sogar goutiert


    Mir liegt ja immer so ein wenig daran, mehr das Gemeinsame, denn das Trennende zu betonen. Genau so ist es: die Frage ist, ist es stimmig, passts.


    Berghaus hat das offensichtlich ähnlich gesehen: die Kellner und der Wirt hatten tatsächlich sowas lemurenhaftes. Das war eine prima Bildlösung damals.


    Zitat

    Und jetzt träume ich von einer leeren Opernbühne,


    Das kann funktionieren - man braucht dafür sehr gute Sängerdarsteller, die viel mit ihrem Körper machen können.


    Warum nicht? Theater ist vielfältig...

  • Zitat

    Original von severina
    Und jetzt träume ich von einer leeren Opernbühne, tollen Sängern - und dem absoluten NICHTS.


    So etwas durfte ich schon einmal Mitte der 90er Jahre erleben. In der Leipziger Oper wurde "Eugen Onegin" auf leerer Bühne mit nur ein paar wenigen Requisiten gespielt. Für mich war das eines meiner bisher intensivsten Opernerlebnisse. Am Anfang war ich irritiert, doch schließlich habe ich das Bühnenbild überhaupt nicht mehr vermisst.
    Inszeniert hatte das - soweit ich mich erinnere - Peter Konwitschny. :jubel:


    Viele Grüße
    Frank

  • Zitat

    Original von severina


    Und ein mündiger Opernbesucher ist durchaus in der Lage, Parallelen zwischen Scarpia und der Gegenwart herzustellen. Irgendwie erinnert mich das so ein bisschen an die 70erjahre, wo es kaum einen Regisseur gab, der aus Schillers "Räubern" NICHT die RAF gemacht hätte. Beim ersten Mal war's noch spannend, beim x-ten mal nur mehr zum Gähnen. Genauso geht es mir heute, wenn mir ein Regisseur zu der überraschenden Erkenntnis verhelfen will, dass die Scarpias noch unter uns weilen. Ach nee, kann ich da nur sagen.....


    Genau das geht mir halt grundlegend anders. Kunstwerke, die zu Ihrer Konsumierbarkeit nicht erst einer Realisierung bedürfen - wie beispielsweise ein Roman oder ein Gemälde - erhalten Ihren Bezug zur Gegenwart ausschließlich in meinem Kopf. Bei einem Bühnenwerk möchte ich dagegen aber schon, dass der Regisseur da seinen Teil zu beiträgt. Wenn ich größtmöglichen Freiraum für meine Fantasie möchte, brauche ich keine Bühne, dann lese ich das Libretto lieber selbst.


    Und, das die Scarpias noch unter uns sind, sollten in der Tat sowohl alle Regisseure wie auch alle Opernbesucher wissen. Insofern ist für mich ein originelles Setting nur die halbe Miete. Viel mehr interessiert, ob es der Regisseur schafft, innerhalb dieses Settings die Emotionen wirkungsvoll zu transportieren und im Einklang mit der Musik zu bleiben.


    Ein solcher Fall ist für mich z.B. der Anfang der Walküre in der Inszenierung von Götz Friedrich an der Deutschen Oper Berlin. Im Original flieht Siegmund zu den Takten des Vorspiels vor seinen Verfolgern, bedroht durch die Naturgewalten und findet letztlich Schutz in Hundings Hütte. In Friedrichs Inszenierung wird das ganze in die Zeit des zweiten Weltkriegs versetzt. Die Bedrohung ist nun nicht mehr ein Unwetter, sondern ein Bombenangriff, Sieglinde wartet im Bunker. Der Trommelschlag ist nun kein Blitzeinschlag mehr, sondern ein Bombeneinschlag. Und wer einmal gesehen hat, wie perfekt sich die zwei roten, rotierenden Alarmlampen links und rechts der Bühne in den stampfenden Rhythmus des Vorspiels einfügen, wird dieses starke Bild nicht mehr vergessen.


    Die Genialität von Friedrich liegt nun nicht daran, dass ich feststelle: Toll, der Hunding ist also ein Nazi, da wäre ich ja nie drauf gekommen. Sondern sie besteht darin, dass für einen Menschen aus der Generation Friedrichs ein Bombenkrieg ein konkreteres Bild der Bedrohung ist, als ein Unwetter. Denn selbst die Menschen, die die Bedrohung eines Unwetters erlebt haben, taten das unter deutlich anderen Voraussetzungen, als Siegmund - außer, sie gehen Sonntag abends öfter mal im Bärenfell in den Wald, was aber eher selten passieren dürfte.


    Das ist für mich geglücktes Regietheater: Die Modernisierung passt zur Musik und sie steht im Dienst des Kunstwerkes - indem nämlich die zentrale Gedanken des Kunstwerkes an dieser Stelle: Flucht, Ausgeliefert sein, Schutz suchen, Angst, geschickt mit einem Setting verknüpft werden, dass dem Publikum emotional näher steht, als die ursprüngliche Szene.


    Und das trennt mich vermutlich von vielen Regietheatergegnern: Sie befürworten lieber eine (unterhaltsame) Geschichtslehrstunde über das Germanentum, ich bevorzuge die pure Emotion. Das merkt man auch immer dann, wenn auf der Bühne das gezeigt wird, worum es geht: Wenn Tosca gefoltert wird und das wird wirklich drastisch dargestellt, so dass es einen emotional packt - immer dann regt sich die Unruhe in der Staubi-Fraktion.


    Ich persönlich aber schwitze lieber in einer Aufführung, die schöne Kirche bewundere im Urlaub (am liebsten natürlich auch schwitzend, dann aber wegen der Temperatur in schönen Urlaubsgefilden!)


    Nochmal zur Walküre: Mir persönlich beispielsweise steht beides recht fern (Also Unwetter wie auch Bombenalarm) : Ich habe (glücklicherweise) weder einen Krieg erlebt, noch war ich wirklich einer Gefahr durch die Natur ausgesetzt. Insofern warte ich also auf den nächsten Einfall eines Regisseurs.



    Zur leeren bzw. fast leeren Bühne: Ja, das mag ich auch sehr. Aber nicht, weil meine Fantasie da für das Bühnenbild verantwortlich ist. Sondern weil sich so die Regie auf das wesentliche konzentrieren kann. Und das ist bei Wotans Abschied nicht der Felsen und bei Otellos Ende nicht das prunkvolle Schlafzimmer.


    Gruß
    Sascha

  • Zitat

    Original von Alviano


    "Tosca" funktioniert sogar ganz ohne Kirche: Philipp Kochheim hat in seiner Augsburger (und dann als Übernahme auch in Darmstadt zu sehenden) Inszenierung die Geschichte in Santiago spielen lassen, mit Scarpia als Pinochet.


    Theater eröffnet nun mal ganz viele Möglichkeiten, ein Stück zu präsentieren....


    Das halte ich aber für ein Gerücht. Es sei denn, dir ist vollkommen egal, ob das, was gesungen wird, irgendeine Relevanz mit dem hat, was man auf der Bühne sieht. Ich habe selber eine Tosca in abstrakten Kulissen gesehen. Es ist schon seltsam, wenn Angelotti sich in keiner Kapelle versteckt, Tosca vor keinem Altar betet und ein Te Deum in keiner Kirche gesungen wird.


    Dabei bräuchte es nicht viel, um einen minimalen "geistlichen" Rahmen zu schaffen, in dem alles wie am Schnürchen abläuft und des Beschauers Phantasie den Rest ergänzen kann. Aber wenn die ganze Arbeit dem Zuschauer überlassen bleibt, wozu dann noch in die Oper gehen....


    Im Unterschied zu Edwin finde ich es zumeist ausgesprochen lächerlich, wenn mir Text und Bühne zwei völlig verschiedene Geschichten erzählen!


    :hahahaha:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!




  • Hallo Sascha,
    gar so weit klaffen unsere Positionen gar nicht auseinander, denn eine "Geschichtslehrstunde" ist so ziemlich das Letzte, was ich mir auf der Bühne erwarte, abgesehen davon, dass die ohnehin immer voller Fehler sind. Ich denke nur mit Grauen an das Pseudo-Ägypten, das mir schon in so vielen Aidas vorgesetzt worden ist :wacky:
    Was du in den von mir herausgeholten Absätzen schreibst, trifft voll und ganz meine Zustimmung, bloß dass die Regie für mich nicht nur mit der Musik, sondern auch mit dem Text in Einklang stehen sollte. (Wobei ich noch einmal ausdrücklich betone, dass ich damit NICHT die Regieanweisungen im Libretto meine!) Insofern hätte ich also mit einer "Walküre", wie du sie schilderst, absolut kein Problem. (Allerdings habe ich im Unterschied zu dir schon ein Gewitter im Wald erlebt und könnte mich also auch problemlos mit einem Bärenfell-Siegmund identifizieren ;) )
    Um pure Emotion geht es auch mir, und die erfahre ich immer dann am intensivsten, wenn mich möglichst wenig von der Musik und den Sängern ablenkt. Aber das empfindet halt wirklich jeder anders, der eine braucht die visuelle Unterstützung mehr, der andere weniger. Das ist jetzt natürlich kein Werturteil! :) Scarpia - um auf dein Beispiel zurückzukommen - foltert Tosca mit seinen Worten, nicht körperlich, daher ist reiner Schöngesang in dieser Szene nicht nur zu wenig, sondern sogar verfehlt. Brutalität, Zynismus, Menschenverachtung - all das muss hier in der Stimme und vor allem auch in der Körpersprache zum Ausdruck kommen, und daher haben mich bisher nur wenige Scarpias wirklich "emotional gepackt", am meisten Samuel Ramey und Ruggero Raimondi. Aber das ist ein anderes Thema!
    lg Severina (ein leicht angestaubtes Regieli ;) )

  • Zitat

    Original von Theophilus
    Das halte ich aber für ein Gerücht. Es sei denn, dir ist vollkommen egal, ob das, was gesungen wird, irgendeine Relevanz mit dem hat, was man auf der Bühne sieht.


    Wegen der schönen Provokation würde ich jetzt gerne sagen: genauso ist das, ist mir völlig egal. Leider muss ich befürchten, dass man mich beim Wort nehmen würde, was mir dann doch nicht wirklich recht wäre.


    Aber es ist schon richtig - um dass, was für mich an "Tosca" wichtig ist, über die Rampe zu bekommen, ist der konkrete Raum Kirche für mich entbehrlich. Ich empfinde den Text da auch nicht als hinderlich.

  • Hallo Theophilus,
    wenn in einer "Tosca" keine Kirche und keine Engelsburg vorkommt, ist das für Dich schon eine andere Geschichte?
    Soll heißen: Für Dich hat das Bühnenbild die Geschichte wiederzugeben.
    O.k. - aber wozu brauchst Du dann noch ein Libretto? :D
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von severina
    Und jetzt träume ich von einer leeren Opernbühne, tollen Sängern - und dem absoluten NICHTS.


    Nicht nur Du, liebe Severina:


    »Ach! Es graut mir vor allem Kostüm und Schminke-Wesen; wenn ich daran denke, daß diese Gestalten wie Kundry nun sollen gemummt werden, fallen mir gleich die ekelhaften Künstlerfeste ein, und nachdem ich das unsichtbare Orchester geschaffen, möchte ich auch das unsichtbare Theater erfinden!«


    (R. Wagner)

    Dem Amateur ist nichts zu schwör.

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Hallo Theophilus,
    wenn in einer "Tosca" keine Kirche und keine Engelsburg vorkommt, ist das für Dich schon eine andere Geschichte?
    Soll heißen: Für Dich hat das Bühnenbild die Geschichte wiederzugeben.
    O.k. - aber wozu brauchst Du dann noch ein Libretto? :D
    :hello:


    Hallo Edwin (auch wenn du dich an Theophilus gewandt hast ;) )
    die Engelsburg wäre für mich völlig entbehrlich, weil keine einzige Textzeile im letzte Akt auf sie verweist. Niemand sagt "Hey Leute, wir sind hier in der Engelsburg!", also könnte der letzte Akt überall spielen, von wo man hinunterspringen kann. Und auch das muss nicht sein, ich habe schon eine Tosca erlebt, die einem Wachsoldaten die Pistole entreißt und sich damit erschießt - warum nicht!
    Anders ist es mit der Kirche: Wenn Scarpia sich zweimal über das Benehmen von Leuten mokiert (im 2. Fall ist es sogar Tosca), das sich in einer Kirche nicht gehört, und er steht dabei sagen wir einmal in der Shoppingcity Süd, dann kostet mich das einen Lachkrampf. Denn deinen und Alvianos Standpunkt "Egal, wovon sie singen, Hauptsache, sie singen!" kann ich zwar akzeptieren, aber nicht nachvollziehen.
    Ich nehme das Libretto ebenso ernst wie die Musik und folge einem Regisseur bereitwillig auf neuen Pfaden, wenn ich einen Zusammenhang mit dem Text herstellen kann. z.B. fand ich zunächst Bieitos Idee, aus Don Carlos einen Selbstmordattentäter zu machen, völlig absurd, aber als ich dann das Libretto noch einmal genau abklopfte, erkannte ich plötzlich, dass der Text im letzten Akt durchaus in diese Richtung interpretiert werden kann - also eine zwar extreme, aber durchaus zulässige Deutung.
    lg Severina :hello:

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