• Liebe Forianer,


    Aufgrund der Füller der hier inzwischen angebotenen Themen, kommt man manchmal erst relativ spät dazu zu reagieren, sei es daß man ein besprochenes Werk abhört, sei es, daß man einen ergänzenden Beitrag schreibt, oder wie hier, einen neuen Thread eröffnet.


    Der Auslöser für diesen Thread war eine Bemerkung eines Mitglieds, der ein anderes scherzhaft der Verwendung von Kritiker-Allgemeinplätzen bezichtigte und 5 Euro für eine "Bußkasse" forderte :D


    Für diese Sprache, derer sich Kritiker (und auch ich hier) gerne bedienen gibt es einige scherzhafte Bezeichnungen, wie beispielsweise Kritikerlatein, Kritikerlyrik, Kritikerpoesie. etc etc....


    Oft sind die konstruierten Sätze schwülstig bis zum Komischen, jedoch wird hier oft erfolgreich der Versuch unternommen, etwas zu tun, was eigentlich unmöglich ist: Die verbale Beschreibung eines Höreindrucks, welche noch dazu von jedem einigermaßen verstanden werden sollte.
    Wenn der Kritiker als Musikwissenschafter agiert, was möglich ist, so wird er mehrheitlich lediglich wieder von Musikwissenschaftern verstanden werden, etwas das in den meisten Fällen wenig Sinn macht.
    Aus diesem Grund bemüht er sich, sich einer Sprache zu bedienen, die zwar sehr blumig und exaltiert bis zum Komischen erscheinen mag, aber zumindest emotionell von einer großen Mehrheit verstanden wird.



    Daß es hier natürlich auch Stilblüten gibt ist selbstverständlich.Auch sind manche Vergleiche ein wenig holprig, aber die Sprache ist nun mal eine Krücke.........


    Beste Grüße aus Wien



    Alfred


    Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.

    (stammt von Oscar Wilde - Hätte aber auch von mir sein können....)


  • Inhalt gelöscht und im richtigen Thread gepostet - siehe Alfred's Hinweis untenstehend.
    Gruß,
    Juergen

    Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen. [frei nach George Orwell]

  • Salut,


    ich weiß zwar nicht genau, welche Intention Alfred mit diesem Thread verfolgt [hat], aber man könnte ihn ja mal wieder aktivieren:


    Zitat

    Oft sind die konstruierten Sätze schwülstig bis zum Komischen


    Oft sind die Sätze auch ähnlich konstruiert, wie in einem schriftlichen Zeugnis, welches Arbeitnehmer beim Ausscheiden aus einem Betrieb bekommen [sollten]. Der Hintergrund ist in beiden Fällen gleich: Negatives, zumindest in schädigender Form, darf nicht geäußert werden.


    Addio
    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Es gibt doch tatsächlich einen einigermaßen passenden Thread für die Früchte meiner jüngsten Zeitungslektüre.


    Gerade fiel mir bei einer Buchrezension in der "Süddeutschen" auf, dass ich in den letzten Wochen und Monaten mehrfach das Wort schlackenlos in allen möglichen Besprechungen gelesen oder gehört habe. Heute war ich zum erstenmal genervt. Und mich - ein Kind des Ruhrgebiets - packte die Sehnsucht nach mehr Schlacken.


    Als treues Tamino-Mitglied mit einer gewissen Fixierung auf die Suchfunktion habe ich natürlich gleich dieselbige bedient. Und siehe da: immerhin 22 Beiträge mit dem inkriminierten Wort in der ein oder anderen Deklination. Noch größere Überraschung: Nicht weniger als fünf dieser Beiträge stammen von mir selbst :O.


    Zitat

    Original von Zwielicht
    Selten hat Schumann seine Idee der "musikalischen Poesie" als einen kühnen Mittelweg zwischen "absoluter Musik" und "Programmusik" so schlackenlos umgesetzt.


    Zitat

    Original von Zwielicht
    Überaus bemerkenswert sind immer wieder die erfreulich zügigen Tempi (meist, allerdings nicht immer in der Nähe von Kolischs Metronomisierungen), die schlackenlose Phrasierung und eben die manchmal frappierende Nüchternheit.


    Zitat

    Original von Zwielicht
    Nie wieder hat Wagner seine Vorstellungen von Opernreform so schlackenlos umgesetzt.


    Zitat

    Original von Zwielicht
    Die Juilliards sind hier bedächtiger, grüblischerer als in ihrer (früheren) schlackenlosen Einspielung der Quartette op. 59.


    Zitat

    Original von Zwielicht
    Besonders Schostakowitschs Fünfte wurde in geradezu Kondraschin'scher Präzision dargeboten, schlackenlos und mit großartigen Steigerungen im letzten Satz, aber auch mit genau ausgehörten Streicherklängen im Largo.


    Besonders der letzte Beitrag tendiert schwer in Richtung Kritikerplatitüde, aber es war auch einer meiner ersten in diesem Forum... :D. Jedenfalls zeigt sich wieder deutlich, dass die schärfsten Kritiker der Elche früher selbst welche waren bzw. immer noch sind. ;)


    Immerhin kann man zur Verteidigung des Wortes anbringen, dass es einen gewissen, noch nicht ganz verflüchtigten Bedeutungsgehalt transportiert - im Sinne des des wohl allzu schlichten oder verfänglichen "rein". Dieser Meinung ist wohl auch ein anderes, hochgeschätztes Mitglied des Forums, das den Begriff noch häufiger verwendet als ich. Ein anderer, nicht weniger geschätzter User benutzt interessanterweise die Vokabel immer tendenziell pejorativ in Verbindung mit dem Substantiv "Schönklang".



    Fallen Euch andere notorische Vokabeln ein, die (nicht nur) bei Kritikern als Dauerbrenner fungieren? Oder die Ihr bei der Beschreibung von Kunstwerken bzw. Interpretationen selbst benutzt, weil Ihr nicht auf sie verzichten wollt oder könnt? Und sind solche mit dem Sprachgebrauch wechselnde Wörter und Phrasen im kritischen Jargon nicht vielleicht sogar notwendig?


    (Wobei das minimale Potential dieses Themas, im Thread "Was tut ein Moderator?" zu landen, bitte nicht ausgereizt werden sollte...)



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Zitat Zwielicht
    Fallen Euch andere notorische Vokabeln ein, die (nicht nur) bei Kritikern als Dauerbrenner fungieren?


    Das größte Problem sind die Metaphern. Der Kritiker ist natürlich immer versucht, einem Leser etwas nahezubringen. Man kann aber einen Klang nicht verbal beschreiben, da jeder andere Sinneseindrücke verbindet. Etwas, das für A "süß" klingt, klingt für B "herb". "Die Violinen klangen weich wie Seide" - nur klingt Seide nicht und Violinen klingen immer nach Violinen...
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Fallen Euch andere notorische Vokabeln ein, die (nicht nur) bei Kritikern als Dauerbrenner fungieren?


    An erster Stelle sofort BEGEISTERT. Aber beseelt usw kommen nicht weit dahinter.


    LG, Paul

  • Apropos "Kritikerlatein":


    Zitat

    Gut lachen hatte jüngst SZ-Musik-Großkritiker Joachim Kaiser, als er anläßlich seines 725. Besuchs des "Rosenkavalier" bemerkte, daß Carlos Kleiber bei seinem 118. Dirigat der Oper noch "herrlich mitreißend-enthusiastischer, fabelhaft schattenlos jubelnder, wunderbar-elementar phantastischer, großartig-waghalsig dämonisch-bangherber, aber auch sehr gefährdet groß erregt-archaischer, ja gottvoller" dirigierte als beim 117. Male. Unseren Glückwunsch!


    Eckhard Henscheid, Musikplaudertasche (Hamburg 1990), S. 36 f.

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Zitat

    Original von Ulli
    Oft sind die Sätze auch ähnlich konstruiert, wie in einem schriftlichen Zeugnis, welches Arbeitnehmer beim Ausscheiden aus einem Betrieb bekommen [sollten]. Der Hintergrund ist in beiden Fällen gleich: Negatives, zumindest in schädigender Form, darf nicht geäußert werden.


    Nein, so ist es nicht, nur wird zur Beschreibung der Leistungen eine spezielle "Zeugnissprache" und Grammatik verwandt. Einem Totalversager wird z.B. bestätigt, er habe "sich bemüht, die an ihn gestellten Anforderungen zu erfüllen". Umgekehrt werden gute Leistungen in gehäuften Superlativen beschrieben: "... stets zu unserer vollsten Zufriedenheit...". Das einzige Problem ist, dass beide, Zeugnisschreiber und Zeugnisleser diese Sprache beherrschen müssen.


    Ich frage mich, ob es da nicht analogien zur Kritikersprache gibt. Edwin schreibt: "Das größte Problem sind die Metaphern...". Warum, weil die subjektiven Assoziationen der Leser so unterschiedlich sind, oder weil die Bedeutungkonventionen nicht allen gleichermaßen bekannt sind? Der Kritiker wird doch den Anspruch haben, nicht nur rein subjektives ausgesagt zu haben, denn sonst wäre seine Kritik wegen ihrer Beliebigkeit ja überflüssig.


    Für jemanden, der die Zeugniskonventionen nicht kennt, muß ein ausgefeiltes Zeugnis wie eine sprachliche Entgleisung vorkommen. Vielleicht ist es bei Musikkritiken ja ähnlich, "Kritikerlatein, Kritikerlyrik, Kritikerpoesie" (Alfred) wirkt besonders peinlich, wenn man entweder die Bedeutungskonventionen nicht kennt, oder wenn sie falsch gebraucht werden ?


    Dies fragt sich, mit besten Grüßen, MG

  • Zitat

    Original von Manuel García


    Nein, so ist es nicht, nur wird zur Beschreibung der Leistungen eine spezielle "Zeugnissprache" und Grammatik verwandt.


    Nein, so ist es nicht. Der Zwang zur positiven Formulierung hat seine Grundlage nicht in einem Code, sondern in der Rechtsprechung der Arbeitsgerichte, die die Ursache für die Entwicklung der speziellen Zeugnissprache ist (Er versprach, mt zunehmender Betriebszugehörigkeit ein älterer Arbeitnehmer zu werden = Er kann absolut nichts; geselliger Miitarbeiter, bei den Kollegen beliebt = oft stockbesoffen, Kollegen machen auf seine Kosten Scherze)



    Bei den Kritiken ist für mich noch vor der Kritik selbst wichtig, wer sie verfaßt hat. Schätze ich das Urteil der Person, gefällt mir sein Stil, sein Musikgeschmack, welches Repertoire hört er usw.. Nur so gewinnt die Kritik überhaupt irgendeine Bedeutung.

  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Einen der größten Knüller hat Gudio Fischer fabriziert, als er für das "Rondomagazin" eine (negative) Rezension von Mahlers 3. Sinfonie unter Abbado schrieb.
    Ich zitiere nur mal die orgiastischen Höhepunkte:


    Zitat

    Zumal die Kontrastfähigkeit nirgends entsprechend ausgereizt wird, um an die farbpolyfonen Energieströme zu gelangen, hinter die bruitistischen Gravitationskräfte und damit hinter Mahlers Kosmologie...


    Die Mezzosopranistin Anna Larsson verschleppt sich in ein gefälliges Lamentoso, statt sich auf das subkutane Glühen einzulassen - bis an den Rand der Larmoyanz, gegen die dieses Mysterium der Zerrissenheit keine Chance hat...


    Mir läufts grad wieder kalt den Rücken runter...ganz große Prosa, dass, ...Farbpolyphonie in Hochspannung, bruitistisdingsda Gravitationskrämpfe...bei mir krampfts grad auch. Da hält man den Atem an, da braucht man sich ja die CD gar nicht mehr anhören... :jubel: :jubel: :jubel:


    Gruß
    Sascha

  • Der Höhepunkt ist aber »das subkutane Glühen«, auf das Frau Larsson sich nach dem Willen von Herrn Fischer besser hätte einlassen sollen... :faint:


    Was macht der Mann wohl nur beim Anhören von Musik? :wacky:


    Verstört,
    Medard

  • Keine Ahnung! Ich kann nur berichten, dass der mir kalt den Rücken herabrinnende Schweiß zuverlässich jedes subkutane Glühen abgekühlt hat, welches sich beim Lesen der Rezension eventuell hätte einstellen können. :wacky: :D


    Gruß
    Sascha

  • :hahahaha: :hahahaha: :hahahaha:
    Das bringt mein Zwerchfell zum subkutanen Tremolieren!!!!


    Da fällt einem doch glatt ein Zitat aus Harry and Sally ein: legen Sie mir bitte dasselbe auf , was diese subkutan glühende Dame da gehört hat. Und zwar sofort!




    Zum Thema allgemein: es ist tatsächlich SEHR schwierig, Musik in Worte zu fassen; wir merken es ja hier dauernd selbst.
    Wie soll man denn z.B. sein übergrosses Entzücken angesichts eines Quartettes aus "Les Indes Galantes" beschreiben, ohne in Plattitüden zu verfallen? Wir haben wnegistens noch unsere Ikons, aber die Berufskritiker nur Worte. :D
    Wir können ja mal eine Übung hier machen, in der jeder sein allerschönstes und allerschrecklichstes Musikerlebnis oder geliebtestes und verhasstestes Stück Musik beschreiben muss. Ohne Ikons. Das fände ich sehr spannend!


    F.Q.