Kurznotizen aus den Opernhäusern!

  • Ich war in der Vorstellung in der Struckmann nach dem zweiten Akt durch Wolfgang Koch ersetzt wurde. Dem Publikum fiel es natürlich auf, daß Struckmann nicht bei bester Stimme war. So kam der "Austausch" für viele nicht überraschend. Aber Herr Koch war mehr als ein würdiger Ersatz. Er sang und spielte die Figur des Hans Sachs hervorragend. Mit sehr schöner Stimme, gutem Spiel und einer guten Bühnenpräsenz konnte er das Publikum für sich gewinnen. Beim Schlußvorhang erhielt er eine Extra Portion Bravos.


    Die Vorstellungen drei und vier wurden ja für die geplante DVD mitgeschnitten. Als Herr Koch die Partie übernahm wurde munter weitergefilmt. Gab es auch Kameras in der letzten Vorstellung? Dann hätte Wolfang Koch gute Chancen auf DVD gebannt zu werden. Verdient hätte er es sich allemal. Soll er ja in der fünften Vorstellung wieder sehr gut gewesen sein und bis zum Schluß durchgehalten haben. Etwas, daß bei Struckmann nicht ganz klappte. In der dritten Vorstellung sang Struckmann bis zum Finale sehr gut, erst bei Verachtet mir die Meister nicht ging er leider stimmlich ein.


    Gregor

  • Lieber Gregor,


    leider waren gestern keine Kameras dabei, was schade ist. Ich finde, dass die gestrige Vorstellung sicherlich die beste der gesamten Serie war...

    Hear Me Roar!

  • Hallo Alviano!
    Na und ob ich an einer vertiefenden Diskussion mit dir interessiert bin :yes: Jetzt habe ich eben in unserem Terminkalender nachgeschaut - "Siegfried", stimmt's? (Ich gehe einmal davon aus, dass dich NICHT unsere öde Marelli-Zauberflöte nach Wien lockt, und als Ballettfan hast du dich auch noch nicht geoutet ;) ) Ich fürchte nur, Bechtolf ist dir viel zu staubi........
    lg Severina :hello:

  • Lieber Alviano,


    großes Kompliment für Deine Berichterstattungen. Man hat von den beschriebenen Szenen direkt eine visuelle Wahrnehmung. Dass es dann in der Realität auf der Bühne genau so ist wie ich es mir aufgrund Deiner Berichte vorstellte, konnte ich in Wiesbaden und Frankfurt schon erleben. Dass der
    Steuermann in der Urfassung tatsächlich den Text am Schluss so singt, wusste ich nicht. Ich dachte immer, es sei ein Theaterwitz. Ferner war ich der Meinung, Wagner habe sich zum Holländer von Heines Memoiren des Schnabelewopski inspirieren lassen, an Walter Scott hätte ich nicht gedacht.



    LG :hello:


    Emotione


    PS: Hast Du die aktuelle Pique Dame in Frankfurt im Forum besprochen? Ich konnte in der Suche nichts finden?

  • In der letzten Meistersinger-Vorstellung waren keine Kameras, und die Aufnahmen davor werden angeblich auch nicht verwertet wegen Struckmanns Ausfall.

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Dann wird die Deutsche Grammophon wohl Nachaufnahmen mit dem Orchester und Struckmann machen müssen. Denn erst das ganze Equipment aufzufahren, ohne dann die Aufnahmen zu verwerten, scheint mir nicht vorstellbar. Hoffentlich ist das keine größere Stimmkrise bei Struckmann, denn im März singt er hier den "Rheingold"-Wotan (und Koch den Alberich).

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Zitat

    Original von GiselherHH
    Dann wird die Deutsche Grammophon wohl Nachaufnahmen mit dem Orchester und Struckmann machen müssen. Denn erst das ganze Equipment aufzufahren, ohne dann die Aufnahmen zu verwerten, scheint mir nicht vorstellbar. Hoffentlich ist das keine größere Stimmkrise bei Struckmann, denn im März singt er hier den "Rheingold"-Wotan (und Koch den Alberich).


    Ich war zwar nicht dabei und kann daher nicht sagen, wie sich Struckmann angehört hat, aber generell haben diverse Viren unsere WSO seit Wochen fest im Griff. Es gibt kaum eine Vorstellung ohne Umbesetzung, und dass weder die Werther- noch die Manonserie davon betroffen war, grenzt an ein Wunder. (Bei der 2. "Manon" ließ sich zwar Norah Amsellem wegen einer "Virusinfektion" ansagen, aber ehrlich gesagt merkte ich keinen Unterschied :stumm: )
    Was ich damit sagen will: Ich gehe davon aus, dass Struckmann schlicht und einfach ein Opfer der Grippewelle ist!
    lg Severina :hello:

  • Hallo Severina,


    dann wollen wir mal hoffen, dass aus dem Lazarett am Opernring bald wieder ein weitgehend umbesetzungsfreies Opernhaus wird.


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Meine ausführliche Meistersinger Kritik kommt etwas verspätet - bin vorher noch nicht dazu gekommen und wollte auch ein bisserl Zeit vergehen lassen, um nicht all zu enthusiastisch zu klingen :D - aber wenn's um Thielemann :jubel: :jubel: :jubel: geht, dann bin ich, das gebe ich zu, vielleicht ein klein wenig voreingenommen. :angel:


    Es ist kaum zu glauben, dass das schon die letzte Vorstellung der „Meistersinger“ der Ära Holender gewesen sein sollte. Aber wenn es so war, dann, ja dann hat sich diese Produktion, die uns hoffentlich noch lange erhalten bleiben wird, mit Würde und Anstand vom Direktor verabschiedet.


    Die ganze Aufführungsserie stand unter keinem guten Stern – viral bedingt geriet fast jede einzelne Aufführung zu einem Vabanque-Spiel. Dieses Mal hatte es Falk Struckmann erwischt, der ja schon drei Tage zuvor im dritten Akt aufgeben musste. So kam WOLFGANG KOCH zu seinem offiziellen Debüt als Hans Sachs und der Bravo-Orkan nach Ende der Vorstellung war durchaus angebracht. Er porträtiert den Schusterpoeten als nachdenklichen Menschen, der aber sehr wohl zu starken Gefühlsausbrüchen fähig ist und dann auch problemlos die Stimme forcieren kann. In der Höhe klang er manchmal ein wenig eng, teilte sich die Partie aber hervorragend ein, so dass er nach vorsichtigerem Beginn auf der Festwiese genügend Kräfte hatte, den Abschlussmonolog zu bewältigen. Den in Wien üblichen Auftrittsapplaus beim Erscheinen auf der Festwiese hat Koch wahrlich verdient.


    JOHAN BOTHA ist stimmlich noch nicht ganz auf der Höhe und die Unterstützung aus dem Orchestergraben zu Beginn der Aufführung war auch enden wollend. Aber sein Preislied war dann – auch durch die Zurücknahme des Orchesters – wie von einem andern Stern – so klar und raumfüllend.. Gibt es einen anderen Tenor, der dies heutzutage überhaupt noch zusammenbringt? Seine schauspielerischen Defizite kamen dieses Mal gar nicht so zur Geltung – er war für seine Begriffe sehr aktiv – und ansonsten stand er mit seligem Blendamed-Lächeln herum (besonders im 1.Akt) und strahlte übers ganze Gesicht (bis dato war man von ihm ja eher nur den „grimmigen“ Gesichtsausdruck gewöhnt). Auch bei den Solovorhängen Bothas brach ein Jubelorkan los.


    Den meisten Zuspruch von allen Sängern erhielt aber der neue Wiener Beckmesser, ADRIAN ERÖD. Wer die anderen Aufführungen auch gesehen bzw. gehört hatte, wird bemerkt haben, dass Eröd an diesem Abend sicherlich sängerisch seinen besten Auftritt hatte. Und was er mit kleinen und großen Gesten ohne Worte vermittelte, besonders als er in die Stube von Hans Sachs kam und – perfekt passend zur Musik – sich schlussendlich Stolzings Verse krallte, war gelinde gesagt burgtheaterreif. Ein sympathischer, begabter Singschauspieler, wie er im Buche steht. Auf seinen Loge kann man sich wahrlich freuen, noch dazu wenn man bedenkt, welch tolle Personenführung man schon in der Walküre erleben durfte.


    MICHAEL SCHADE verkörpert einen David, der schon ein wenig reif ist. Ich liebte den lyrischen Ansatz der Interpretation und dass Schade sich auch hervorragend zu bewegen weiß, ist hinlänglich bekannt. Überhaupt muss ich sagen, dass es ein Vergnügen war, auch die Personen zu beobachten, die nicht gerade im Vordergrund standen. Diese Inszenierung von OTTO SCHENK in den Bühnenbildern und Kostümen von JÜRGEN ROSE hat nun auch schon 33 Jahre am Buckel, aber es sind noch immer viele Dinge übrig geblieben, die einem das Herz erfreuen können. Natürlich wirkt die Bühne manchmal ein klein wenig überladen (Festwiese), aber das passt schon – ist doch viel besser als sich über den weißen Zauberflöten-Würfel zu ärgern.


    Eine weitere Talentprobe, die viel Freude auf die Zukunft macht, war der Pogner des AIN ANGER. Er ist so wortdeutlich, macht eine hervorragende Figur und hat das Potential, in einigen Jahren einer der führenden Bässe zu werden. Es ist schon eine Weiterentwicklung seit seinem Philippe II. aus dem französischen Don Carlos zu bemerken. Er wird vielleicht niemals ein „schwarzer“ Bass werden, aber wer kann das schon mit Sicherheit sagen. Sehr ordentlich sang auch WOLFGANG BANKL die Partie des Kothner, ohne aber dabei für größere Akzente zu sorgen. Die restlichen Meistersinger (ALEXANDER KAIMBACHER, MARCUS PELZ, COSMIN IFRIM, MICHAEL ROIDER, KARL-MICHAEL EBNER, ALFRED SRAMEK und JANUSZ MONARCHA) fügten sich in die wunderbare Aufführung rollendeckend ein, während IN-SUNG SIM, der als Nachtwächter debütierte, ziemlich blass blieb.


    Eine sehr jung gebliebene Amme, die auch eher nach einer Rosina klang (was man ihr aber absolut nicht vorwerfen kann !), war MICHAELA SELINGER. Bildhübsch anzusehen harmonierte sie sehr auf der Bühne mit ihrem David.


    Wenn man nach einem gesanglichen Schwachpunkt suchen möchte, dann findet man ihn bei RICARDA MERBETH. Sie beherrscht die Rolle, wirkte aber optisch – besonders im Vergleich zu ihrer Amme – ein wenig matronenhaft, was durch ihr Vibrato noch verstärkt wurde – daneben der glasklare Gesang eines Johan Botha war naturgemäß eine nicht zu überhörende „Bürde“ für sie. Aber auch für Merbeth gab es nach der Vorstellung starken Applaus.


    THOMAS LANG hatte den STAATSOPERNCHOR und Zusatzchor hervorragend präpariert, und ich habe das Gefühl, dass ja auch der Chor – so wie das STAATSOPERNORCHESTER dem Dirigenten jeden Wunsch vom kleinen Finger abliest und erfüllt. CHRISTIAN THIELEMANN schafft es, Klänge und Nuancen aus den Philharmonikern hervorzubringen, wie es zur Zeit wahrscheinlich keiner außer ihm schafft. Ja, ich liebe seine Manierismen, die überlangen Generalpausen und Tempowechsel – aber wenn man genau hinhört, dann macht das ja alles Sinn, steigert die Spannung teilweise ins Unerträgliche. Und er schafft es immer wieder, dieses gewaltige, lange Werk kurzweilig klingen zu lassen. Er legt die Meistersinger manchmal als Konversationsstück an, ohne auf den doch dazupassenden Pathos zu vergessen. Ein wahrer Meister der Meistersinger!!! Auf jeden Fall bleibt zu hoffen, dass er auch in Zukunft noch möglichst oft im Haus am Ring dirigieren wird – der Liebe des Publikums kann er sich auf jeden Fall sicher sein.


    Für mich war diese Aufführung auf jeden Fall bis jetzt der absolute Höhepunkt der Saison 2007/08!

    Hear Me Roar!

  • Liebe Emotione,


    vielen Dank für die Blumen - besonders, weil Dir vermutlich nicht alles, was mir zusagt, in gleichem Umfang gefallen wird. "Freischütz" am Samstag in Wiesbaden habe ich übrigens nicht gesehen, da war ich in Essen, in der Premiere von "Mahagonny" - der "Freischütz" scheint ja nun mal wieder ein echter Aufreger geworden zu sein...


    Nein, über die Frankfurter "Pique Dame" habe ich hier nichts geschrieben - das war vor meiner Zeit in unserem Forum. Ich habe die Inszenierung als sehenswert in Erinnerung, eher etwas kühl in der Anlage, aber mit (damals) guten Sänger/innen und einer prima Personregie versehen, gerade für den Tenor Gyerman in seiner ganzen Zerissenheit.


    Die Sage vom "fliegenden Holländer" ist eine Geschichte, die Dichter vielfach inspiriert hat - so eben auch Sir Walter Scott im "Rokeby" - und Wagner hatte immer wieder auch Scott gelesen, so dass man zurecht auch Scott als einen der Paten für den "Holländer" ansehen kann. Bekannter ist natürlich der Heine Text "Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopsky", eine schöne Lektüre, die jedem empfohlen sei, der sich mit dem "Holländer" beschäftigt.


    Was die Textänderung beim Steuermann angeht: ich denke, Wagner war gut beraten, diese Albernheit wegzulassen :wacky:


    LG nach WI


    Hallo severina,


    wir sollten unsere Terminabsprache vielleicht in den privaten Bereich verlegen, bevor hier ein Moderator eingereift und mit uns schimpft... Nein, es ist kein Staatsopernbesuch - ich bin am Pfingstmontag zu einem Konzert im Stift Melk - und werde die Gelegenheit nutzen, Wien zu besuchen - die Zuganbindung nach Melk ist soweit ganz ok und bei den Tagen bin ich weitgehend flexibel, ich habe Urlaub genommen.


    LG nach Wien

  • Banner Trailer 2 Gelbe Rose
  • Hallo Alviano,


    den Freischütz sehe ich am 08.02. Nach den Kritiken, die ich bisher lesen konnte zu urteilen, wurden Dirigent und Sänger gelobt. Ich weiß ja nun so in etwa was mich erwartet, zur Not kann ich die Augen schließen.


    Die Inszenierung der Pique Dame in Frankfurt ist wohl noch die gleiche, die Du gesehen hast. Die Besetzung ist wohl eine Andere. Hermann wird von Frank van Aken gesungen, ein Name der mir momentan gar nichts sagt. Auf der Homepage der Oper Frankfurt sind Bilder eingestellt, die mir inszenierungsmäßig Mut machen.


    LG :hello:


    Emotione

  • Hallo,


    kurz möchte ich über einen meiner schönsten Opernbesuche berichten; ja, ich bin noch derart entzückt und ergriffen, dass ich immer noch, einen Tag danach, in Emotionen schwelge.


    Gestern Abend besuchte ich in Mönchengladbach die Aufführungen von Purcells "Dido und Aeneas" sowie Schönbergs "Erwartung". In der kurzweiligen 20minütigen Einführung wurde vorab informiert, dass beide Opern verbunden werden. "Dido und Aeneas" sollte kurz vor dem Ende unterbrochen werden, dann die "Erwartung" folgen, woraufhin ohne Pause nahtlos Purcells Oper weitergehen sollte.


    Oje, davon war ich überhaupt nicht begeistert, bin ich doch überhaupt kein Freund von Gemansche und Geschnipsel. Aber es sollte dann doch eine außergewöhnlich mitreißende und fantastische Vorführung werden, in der einfach alles stimmte.


    Kurz: Es war eine sehr psychologische, "mitnehmende" Vorführung. Didos Psyche wurde hier seziert, auseinandergenommen, in ihrer zerrissenen Vielfältigkeit gezeigt. So war Dido stets von ihren "Schatten", einer sie auf Schritt und Tritt verfolgenden Darstellerin, begleitet, ihrem anderen ich. Nachdem dieses andere "Ich" schließlich Aeneas tötete, begann Schönbergs Erwartung, in der eben dieses andere "Ich" die um ihren Geliebten trauernde Frau spielt. Während ihres seelenzerreißenden Monologs erscheint immer wieder, diesmal umgekehrt, ihr zweites "Ich", nämlich die Darstellerin der Dido, beide Frauenrollen wohlgemerkt während beider Opern in jeweils derselben Kleidung und Ausstrahlung, Kurz: Es handelt sich durch beide Opern hindurch gewissermaßen um dieselbe Frau, welche quasi durch beide Opern "geht". Nach der Erwartung geht es, wie gesagt, nahtlos, als wechsele die Oper nicht, mit den letzten Minuten von "Dido und Aeneas" weiter. Die "Schnitte" waren sehr wirkungsvoll.


    Es ist noch so viel zu der ausgezeichneten Inszenierung zu sagen, zu den sanglichen und schauspielerischen Leistungen der Mitwirkenden, vom Orchester, dem Bühnenbild...von der Idee.


    Kurzum: so macht Oper viel Freude! Übrigens wunderte sich meine Begleiterin, die für nicht-tonartbezogene Musik überhaupt nichts übrig hat, dass sie den Musikstilwechsel kaum wahrgenommen hat, obschon doch mehr als 200 Jahre zwischen den Kompositionen liegen.


    Gruß,


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Ein faszinierendes Experiment, Danke für den Bericht, der sich auch gut als Plädoyer für die Musik der Moderne lesen läßt, was ja an anderem Ort gerade kontrovers diskutiert wird (hier).


    Schade, daß Mönchengladbach nicht in meiner Nachbarschaft liegt.

  • Zitat

    Original von Alviano
    ...da war ich in Essen, in der Premiere von "Mahagonny" -....


    da dürfen wir uns ja sicher über deine eindrücke freuen.
    im merker steht ein totalverriss,und in der hiesigen presse nicht wirklich gutes.


    ich sehe es leider erst in 4 wochen.
    lg yago

  • Nachdem uns Barrie Kosky in Wien den Ornithologen-Kongress servierte dürfte er jetzt in Essen einen wahrlichen Skandal produziert haben. Ich habe im Merker einen absoluten Verriss gelesen - war jemand aus diesem Forum in der Vorstellung? Ging es da wirklich derart schlimm auf der Bühne zu??


    Zitate aus der Besprechung -


    Bestandsaufnahme einer Aufführung:
    ....
    Im Stück kommen einige aus Alaska, ergo steckt man sie in Holzfällerhemden mit Gartenzwergrauschebärten, merke im Stück ist von sieben Jahren und sieben Wintern die Rede, da kann was wachsen...


    Im Stück wird über einen von diesen Gericht gesessen; Komponist und Regisseur sind mosaischen Glaubens, ergo gilt das alte mosaische Gesetz: "Auge um Auge", wörtlich zu nehmen: Jim Mahoney werden die Augen herausgerissen; "Zahn um Zahn", nicht ganz so wörtlich, es reicht ihm (Jim) die Zunge abzuschneiden.


    - Der Autor war bekennender Kommunist, der Kommunismus ist bekanntlich tot, ergo sagt uns das heute alles nichts mehr und somit kommt die politische Komponente des Stücks erst gar nicht vor.
    ...
    Im Stück heißen die Prostituierten "Haifische", einer von Brechts schwer dechiffrierbaren Topoi. In der Aufführung laufen alle Prostituierten als englische Schulmädchen verkleidet und als Schwangere herum, die in der Nacht des Taifuns - den gibt's noch - darniederkommen, nur die eine Protagonistin gebiert zwei tote Föten ...


    Im Stück frißt sich einer zu Tode, ergo: Was oben reinkommt, kommt unten irgendwie, irgendwann wieder heraus (keine alttestamentarische Spruchweisheit), ergo 2: Dieser einer erstickt in einem immensen xxxhaufen....


    Der Autor war Verfechter der Verfremdungstechnik, ergo denken wir das in Essen konsequent weiter, scheren uns besagten Haufen um die Verständlichkeit und lassen im Parkett einen Lautsprecher, der die gesprochenen Teile via Mikroport übertragen soll, nicht ganz ausfallen - wäre ja zu langweilig - sondern scheppernd und knarzend, daß einem die Ohren wehtun, weiter dröhnen. Ein Deckenventilator dreht dafür beharrlich seine Runden und fächelt dem an einem seiner Rotorblätter hängenden Schlüpfer bis zum Schluß Luft zu.
    ----------------------------


    Also wenn ich das so lese, dann denke ich, dass das Ganze :kotz: ist - trotzdem gab es auch einige positive Kommentare ?!?

    Hear Me Roar!

  • wie gesagt,ich seh´s erst in 4 wochen,jedoch finde ich die beiden inszenierungen v. kosky,die ich kenne("fliegender holländer" u. "tristan",ebenfalls in essen)sehr gelungen.
    ich bin gespannt.
    lg yago



  • Ich versuche - zugegeben mühsam und nicht unbedingt erfolgreich - diese Formulierung nicht als puren Antisemitismus zu deuten sondern als "sachliche" Kritik.


    Michael 2

  • hr. altenaer schreibt ja auch:


    ....Der Regisseur ist bekennender Schwuler, schon besser, das kann zumindest in einer Stadt mit Bischofssitz, wie in Essen, vielleicht noch für ein Skandälchen gut sein, wenn man das Ganze als Tuntenball aufzieht und es mit sexuellen Kruditäten der untersten Kategorie anreichernd würzt. .....


    was das eine mit dem anderen zu tun hat,erschliesst sich mir nicht wirklich.
    ich habe noch nie in einer kritik von " bekennenden heteros" gelesen.


    lg yago

  • Zitat

    Original von brunello
    Ich versuche - zugegeben mühsam und nicht unbedingt erfolgreich - diese Formulierung nicht als puren Antisemitismus zu deuten sondern als "sachliche" Kritik.


    Michael 2


    Ich glaube, dass Du da zu viel rein interpretierst... Die Kritiken des Herrn, die ich bis dato gelesen habe, waren eigentlich immer sehr sachlich.

    Hear Me Roar!

  • Banner Trailer 2 Gelbe Rose
  • Zitat

    Original von brunello
    Ich versuche - zugegeben mühsam und nicht unbedingt erfolgreich - diese Formulierung nicht als puren Antisemitismus zu deuten sondern als "sachliche" Kritik.


    Michael 2


    An dieser Stelle nur soviel: durch yagos Hinweis bin ich neugierig geworden und habe mir die erwähnte "Mahagonny"-Besprechung (auch einige andere, um einen besseren Eindruck von dieser Web-Side zu bekommen) durchgelesen. Auch ich kam zu dem Ergebnis, dass der Artikel latent antisemitisch und schwulenfeindlich ist.


    Zwei Sätze in Richtung Dreamhunter: wie sachlich der berichtende Theaterbesucher ist, lässt sich trefflich an seinem Statement zur Essener "Mahagonny"-Aufführung ablesen. Und: von mir gäbe es mit Sicherheit nicht einen authorisierten Satz auf dieser Side - das soll als Andeutung genügen, welchen Eindruck ich von diesem Forum gewonnen habe.

  • ...was hat in einer kritik die sexuelle ausrichtung des regiesseurs zu suchen???
    mit sachlichkeit hat das nichts zu tun.
    mfgyago

  • Zitat

    Original von yago
    ...was hat in einer kritik die sexuelle ausrichtung des regiesseurs zu suchen?


    Nix - das sagt mehr etwas über den Berichtenden, als über die künstlerische Qualität der Inszenierung aus. Ich bin wirklich etwas angestossen über die Art, wie da berichtet wird - tendenziös ist da zu klein. Da werden szenische Details in einer aus dem Zusammenhang gerissenen Weise wiedergegeben, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen.


    Mag ja sein, dass es dem Autor nicht gefallen hat - da stand er am Samstag nicht alleine da, aber das er sich mit dem, was er da gesehen hat, nicht seriös auseinandersetzen will, sondern eine Besprechung einer Theateraufführung dazu benutzt, seinen persönlichen Ressentiments Ausdruck zu verleihen, das finde ich nicht nur bedenklich, da fallen mir ganz andere Begriffe ein.


    Kosky ist für mich persönlich ein wenig ein Sonderfall - seine Inszenierungen gefallen mir nicht ausnahmslos, einiges hat mir gar nicht gefallen - aber irgendwie finde ich seine Arbeiten interessant, sodass ich aus dieser persönlich so empfunden Ambivalenz heraus immer neugierig bin, was er aus den Stücken macht.


    Neben der Berliner "Iphigenie" (Komische Oper) und seinem "Orfeo" an der Lindenoper fand ich "Mahagonny" richtig gut - auf seine Art halt. "Tristan" war wohl das schwächste, was ich von ihm gesehen habe und den "Holländer" fand ich spannend und sehenswert, kleine Einschränkungen inbegriffen.


    Zu "Mahagonny" schreib ich noch was, vielleicht klappts morgen.

  • Zitat

    Original von yago
    ...was hat in einer kritik die sexuelle ausrichtung des regiesseurs zu suchen???
    mit sachlichkeit hat das nichts zu tun.
    mit freundlichen Grüßenyago


    Diskriminierungen dieser und anderer Art gehören leider zum Weltbild einiger Merkermitarbeiter, weshalb ich mich nur selten überwinden kann, diese Seite anzuklicken, was wiederum schade ist, weil man wie überall nicht alle über einen Leisten scheren darf und es sehr wohl auch sachliche und lesenswerte Beiträge gäbe. Die entgehen mir aber meist wegen meines Widerwillens gegen die in diesem Blatt geduldete Ideologie........
    lg Severina :hello:

  • Nachdem nun Alviano so gelobt hat, und nun auch in der Zeit ein wundervoller Artikel hierzu steht, will ich nun ganz sicher hin (wollte ich auch schon vorher, wollte nur noch "etwas sicherer gehen"...)


    Daher Frage: Wer kommt mit?


    Plan ist entweder am 24.3. (Ostermontag) oder am Freitag nach Ostern (28.3.), die anderen Termine passen wir beruflich nicht in den Kalender... :-(


    Gespannt!


    Matthias

  • Bei diesem „Orfeo“ ist alles ein wenig anders, als man das gewohnt ist. Das beginnt schon beim Betreten des Theaters Basel, was nur durch eine kleine Seitentür möglich ist, damit die Billetten kontrolliert werden können. Beim Programmhefttisch und an den Garderoben liegen dann Ablaufpläne für den Abend bereit: Beginn im Foyer, dann Wechsel in den Zuschauerraum, keine Pause.


    Die grosse Treppe, die normalerweise zum Rang hinaufführt, ist als Spielfläche umgestaltet worden. In der Mitte ein roter Teppich, links und rechts davon die Plätze für die Musikerinnen und Musiker, am oberen Ende eine Kinoleinwand.


    Wir alle sind Gäste bei der Hochzeit zwischen Orfeo und Euridice und unter dem bunten Premierenvolk tummeln sich etliche der am Stück beteiligten Sängerinnen und Sänger. Auf der Empore links spielt eine kleine Gruppe zeittypische Musik, der Sekt fliesst und wird generös an alle Gäste ausgeschenkt.


    Zu Beginn betritt La Musica im glitzernden Paillettenkleid die Showtreppe, grüsst links und rechts und eröffnet die Feier. Der Chor und die Solist/innen sind im Zuschauerbereich verteilt und werden per Videokamera auf die Grossbildwand übertragen. Es besteht also immer die Möglichkeit, das Geschehen in seiner vergrösserten Reproduktion – oder eben direkt anzuschauen.


    Orfeo betritt die Treppe, er ist ein Sängerstar unserer Tage, im roten Anzug mit rotem Hemd und silbernen Schuhen, nur sein Gürtel und sein Pulli, den er unterm Hemd trägt, ist schwarz. Blitzlichter flammen auf, die Braut, im Bilderbuchweiss, gesellt sich zu ihm – das Fest nimmt seinen Lauf. Zuschauer/innen werden mit auf die Treppe geführt, damit sie mit dem Brautpaar anstossen können.


    Das Fest geht auch dann weiter, als sich Orfeo mit Euridice dezent zurückzieht. Er kommt zuerst von diesem Schäferstündchen wieder herein – das sie nicht wiederkommen wird, erfahren wir alle bald aus dem Mund der Messagiera, ganz in schwarz, die den plötzlichen Tod der Euridice verkündet. Das Fest ist zu Ende.


    Als Tote wird Euridice noch einmal die Treppe herunterkommen, auf dem Weg ins Totenreich, das sich auf der Bühne des Opernhauses Basel befindet.


    La Speranza, die Hoffnung im blumenbunten Kleid, führt Orfeo in den Zuschauerraum hinein und wir Gäste folgen den beiden, nicht ganz unfroh darüber, nach einer Stunde stehen nun sitzen zu dürfen.


    Ein einziger, blendender Scheinwerfer steht frontal in Richtung Publikum, Trockeneisnebel fliesst unaufhörlich über eine Spielfläche in den Orchestergraben – eine Imagination des Flusses Lethe, die für sich einnimmt. Links davon steht ein Regal, das für die Begleitung des Caronte benötigt wird, ganz original mit einem Blaseblag, der manuell bedient wird.


    Orfeo wird von La Speranza quer durch den Zuschauerraum geführt und muss am Orchestergraben feststellen, dass die Kluft zur Bühne unüberwindbar ist (das kleine Orchester sitzt davor, also in den ersten Reihen des Zuschauerraumes).


    Caronte tritt auf, eine massige Gestalt ganz in schwarz, mit weit über den Rücken fallenden Haaren – und Orfeo wird ihn mit seinem intensiv vorgetragenen „Possente spirto“ nicht erweichen können. Caronte verweigert ärgerlich die Überquerung des Flusses Lethe. La Musica tritt hinzu und unter ihren Liebkosungen schläft Caronte endlich ein. Orfeo springt kurz entschlossen in die Kluft – den Fluss Lethe scheint er schwimmend zu durchqueren.


    Ein Vorhang auf der Bühne hebt sich und gibt eine Spiegelwand frei – wir alle können uns nun selbst sehen, Schwarzlicht durchflutet den Raum, Orfeo und einige Orchester- und Chormitglieder fahren aus der Tiefe herauf und schliessen so die Lücke zwischen Bühne und Zuschauerraum. Hoch vom Rang ertönen die Stimmen von Proserpina und Plutone, als Schwarzweissprojektion kann man den beiden, in entsprechender Vergrösserung, auf der Spiegelfläche zuschauen.


    Sie sehen ein wenig aus wie Filmstars aus den 30er oder 40er Jahren – sie mit dem stark geschminkten Gesicht, er mit seinem Minouchebärtchen – und man merkt, dass sie Orfeo ganz nett findet – und er die Euridice und dass sich beide freuen, wenn sie dem jeweils anderen eins auswischen können.


    Die Höllengeister sitzen im Publikum, immer gibt es irgendwo etwas zu sehen und zu hören.


    Zwei davon werden Orfeo, nachdem er Euridice verbotenerweise angeschaut hat, hinausschleppen. Die Spiegelfront fährt hoch und gibt eine Leinwand frei. Man sieht in Film Orfeo, wie er im Foyer des Opernhauses liegt, wie Putzfrauen anfangen, sauberzumachen und die Bühnentechnik beginnt, das Foyer wieder in seinen „Normalzustand“ zurückzubauen.


    Der Orfeo-Sänger steht vorne hiner dem Orchester. Die Geschichte erzählt der Film weiter: Orfeo steht auf und glaubt, seine Euridice zuerst in einer Putzfrau, dann in einem Bühnentechniker und zuletzt in einer Garderobenfrau zu erkennen.


    Seinen Irrtum bemerkend, wendet sich Orfeo an die auf der Treppe liegende Musica – sie ist blind geworden und im letzten Moment vor einem wohl tötlichen Kuss tritt Apollo, ganz in Gold, rettend hinzu – einmal real, als Sänger, und dann als Double im Film.


    Man sieht, wie Apollo mit Orfeo schon durch die Leinwand im Foyer hindurch die Treppe weiter hinaufsteigt, das Opernhaus verlässt, schon fliegen die beiden über dem berühmten Brunnen von Jean Tinguely, bald erkennt man gerade noch Basel und den Rein, dann Europa und zuletzt nur noch die Sterne, als deren einer Orfeo unsterblich geworden ist.


    Die Menschen feiern ausgelassen zur Musik der Moresca.


    Mit dieser Inszenierung gab der knapp 40jährige Jan Bosse sein Debüt als Opernregisseur. Er hat hier konsequent Elemente eingesetzt, die im Schauspiel schon seit längerem benutzt werden, die Videotechnik z. B., aber auch die Möglichkeit, Oper auch ausserhalb der Guckkastenperspektive zu zeigen und verschiedene Spielräume sinnvoll zu nutzen.


    Das gab es in der Vergangenheit immer schon vereinzelt, so geballt, wie jetzt in Basel, habe ich es noch nie gesehen. Ob sich hier ein Weg für die Zukunft der szenischen Realisation von Oper öffnet, bleibt abzuwarten – erst einmal hat Bosse es geschafft, weitere Erzählebenen zu öffnen, zum Beispiel durch den Film am Ende, aber auch dadurch, Gesichter, Mimik durch die Projektionen viel näher an das Publikum heranzurücken.


    Dass Apollo und Orfeo am Ende nur noch konzertant auftreten – der Film übernimmt die Handlung – fand ich nicht gänzlich glücklich, ist aber der Preis, den für eine solche Umsetzung zu zahlen gilt.
    Die Personen werden, das ist bei einem Schauspielregisseur auch zu erwarten, bestens geführt, immer wieder werden die Musiker/innen oder Zuschauer/innen in die Handlung einbezogen, das ist alles sehr lebendig und gewiss ein gelungener Einstieg für Jan Bosse ins Musiktheater.


    Dickes Lob für den Dirigenten des Abends, Andrea Mancon, dass er sich der Herausforderung gestellt hat, die räumlich oft weit voneinander getrennten Akteure und Musiker/innen zusammenzuhalten. Es wäre unfair, hier jede Wackelei zu kritisieren, zumal der Eindruck auch dadurch verfälscht wird, je nachdem, vor welcher Stimmgruppe man gerade zu sitzen oder zu stehen gekommen ist.


    Das Orchester besteht aus Mitgliedern der Schola Cantorum Basiliensis, die sich ihrer Aufgabe mit Kenntnis, Engagement und Spass zu entledigen vermochten – in dieser Musik von Monteverdi steckt viel an tänzerischem, an Rhythmik, die zum mitmachen einlädt. Schade, dass das Programmheft die Namen der einzelnen Instrumentalist/innen nicht nennt.


    Eine gute Leistung vom Bariton Nikolay Borchev als Orfeo – nach etwas mattem Beginn steigert sich der Sänger im Laufe des Abends und zeigte sich auch den brillanten Passagen der Rolle gewachsen.


    Die anderen Mitwirkenden boten schwankende Leistungen, erwähnenswert die barockmusikerfahrene Rosa Dominguez als Proserpina und aus dem Haus der Tenor Karl-Heinz Brandt als Pastore und Apollo.


    Einhelliger, begeisterter Beifall für alle Beteiligten.

  • Ein wie immer höchst interessanter Bericht! So eine Inszenierung kann aber sicher nur an einer Oper wie Basel realisiert werden, wo die architektonischen Voraussetzungen gegeben sind. In einem traditionellen Haus wäre das unmöglich - ich denke noch an der Chaos des Autodafe in unserer Konwitschny-Inszenierung. 2200 Menschen kann man halt schwer woanders unterbringen als im Zuschauerraum :(
    lg Severina :hello:

  • Wenn man heutzutage anlässlich eines Opernberichtes feststellen kann, dass die herausragenden Aspekte der Aufführung das musikalische Wirken betrafen, ist das zwar einerseits sehr erfreulich , andererseits natürlich schon ein Hinweis auf durchaus vorhandene, Defizite der szenischen Realisierung.


    Aber beginnen wir doch mit meinen sehr positiven Erinnerungen, die ich, wegen den zeitlichen Erfordernissen eines in den letzten Zügen liegenden Studiums, erst jetzt niederschreiben kann.
    Von Beginn an war zu spüren, dass die gesamte Produktion ( 5te Vorstellung seit der Premiere am 20.01.08 ) die Ernte gründlicher Vorbereitung einfuhr. Offenbar wurde sorgfältig geprobt und einstudiert, dass Ganze lief wie am besagten Schnürchen. Sänger, Orchester und Dirigent schienen nicht nur das Selbe zu wollen, sondern realisierten dies sogar zeitgleich. ;)
    Philippe Jordan dirigiert Verdi bereits von den ersten Takten des Vorspiels an mit großem rhythmischen Instinkt, findet genau den richtigen Puls für diese Musik, realisiert auch die notwenigen dramatischen Steigerungen gut, beispielsweise den Beginn der „Wahrsagerinnenszene“. Die Staatskapelle folgt ihm mit großer Präzision und Klangpracht (Die akustischen Wüste der Staatsoper vergrößert ja jede Inhomogenität des Klanges sofort ins unüberhörbare Groteske), und verwöhnt auch mit schönen Soli ( Cello und Holzbläser blieben mir vor allem im Gedächtnis).


    Außerordentliche Leistungen jedoch seitens einiger Sänger. Nicht unerwartet war Pjotr Beczala darunter, als Riccardo debütierend. Eine solch glänzend sitzende, stetig produzierte, strahlende Tenorstimme habe ich in den letzten 15 Jahren nicht live hören dürfen. Freilich gibt es Limitationen, dynamisch spielt sich alles eher im oberen Bereich ab und 1-2 Diminuendo-Versuche gelangen nicht restlos überzeugend. Die Stimme wird zur Vollhöhe korrekt verschlackt, allerdings nicht ideal konzentriert, weshalb sie an Schallkraft einbüsst.
    Weiterhin findet sich, vor allem bei Tönen oberhalb der Bruchlage, eine aus meiner Sicht lästige Neigung zum allzu tränendurchtränkten Stimmfärbungen. Nun, viele lieben dass ja oder sehen es gar als Qualitätsmerkmal für „ausdrucksvolles Singen“ , ich könnte gut darauf verzichten. Dennoch, er bildet großartige Linien mit sehr gutem Legato, und es saß wirklich jeder Ton. Überzeugend auch der Darsteller Beczala: Kannte ich Ihn vom Video her eher recht zurückhaltend und gemütlich agierend, war er an dem Abend äußerst engagiert und sehr überzeugend bei der Sache, mimte am Anfang glaubhaft das naiv-fröhlich über den ernsthaften Bedrohungen stehende Lederjacken-Staatschef und entwickelte sich bis hin zur tragischen Figur im Bademantel.
    Ein grundmusikalischer Sänger, in dieser Generation und in diesem Fach kenne ich nix vergleichbares.
    Ebenfalls großartig triumphierte Larissa Diadkova als Ulrica, eine sehr voluminöse Altstimme mit wunderbar dunkler Färbung, auch mit großer Bühnenpräsenz – der heimliche Star des Abends.
    Weniger überzeugen konnte mich die mit viel Vorschußlorbeeren (U.a. 2006 Opernsängerin des Jahres nach Wahl der Opernwelt) angereiste Catherine Naglestad als Amelia. Allerdings war die Leistung innerhalb der Vorführung derart ungleichmäßig, dass ich eine Indisposition nicht ausschließe. So konnte sie im ersten Teil Ihrer Rolle Töne im Piano kaum je korrekt stützen, der Klang war wirkte immer gefesselt und körperlos. Die Mittellage durchweg klanglich sehr matt und etwas rau, lediglich Spitzentöne besaßen eine gewisse Brillanz. Zudem lag über allem irgendwie eine Aura des Uninspirierten, ja runtergeleierten. Ihre große Arie dann doch mit Steigerung. Das Publikum teilte mehrheitlich meine Einwände nicht, brausender Jubel und Fußgetrappel. Viel Applaus gab es auch für Dalibor Jenis. Offenbar hatten nur wenige im Saal bemerkt, wie unsauber er intonierte, und wie oft er in der Mittellage unstetig produzierte Töne nachstützen musste. Sicher eine schön gefärbte und schallkräftige Stimme, aber technisch offenbar leider nicht mit der notwendigen Sicherheit versehen, dafür als Bühnendarsteller von eindrucksvoller Präsenz. Anna Prohaska als Oscar-“ine“ war nett anzusehen und spielte unterhaltsam, was über sängerische Defizite in dieser Rolle hinwegtröstete.
    Alles in allem aber eine ungemein stimmige Ensembleleistung mit großartigen Highlights, die nur von der unstetig-dröge agierenden Amelia getrübt wurde.


    Und die Regie ? Nun Jossi Wieler und Sergio Morabito sind sicher keine Unbekannten in der Szene. Barbara Ehnes lieferte die Bühnenbilder. Die Handlung ist in die 60er Jahre der Vereinigten Staaten zurückversetzt, während des Vorspiels enthüllt sich eine Mischung aus Hotelhalle und Vergnügungskaffee, in der Riccardo mit Lederjacke und Sonnenbrille seinen betont lässigen Auftritt nimmt. Seine ihn treu begleitende (und auch im Tod zur Seite stehende Gattin) sieht sicher nicht zufällig aus, wie Jackie Kennedy, bedenkt man vor allem den Zeitrahmen. Es passiert viel auf der Bühne und alles wirkt sorgfältig entworfen und einstudiert, hinterlässt jedoch bei mir keinen nachhaltigen Eindruck. Die Wahrsagerinnenszene findet beispielsweise in der selben Hotelhalle statt, nur ist es jetzt Nacht und es füllen jetzt nicht mehr die Parteifunktionäre die Eingangshalle, sondern das einfache Volk in Form des Hotelpersonals mit Familien wohnt der (musikalisch und auch seitens der Lichtregie effektvoll ins Szene gesetzten) Teufelsbeschwörung statt. Die Allwissende schien mir nach Lage der Bühnendinge die älteste, bereits erblindete Putzfrau zu sein. Sie allein besitzt den Generalschlüssel – der dann auch während der Beschwörung durch die Lüfte schwebt – und weiß daher (fast) alles. Das mag kreativ ausgedacht und handwerklich gut umgesetzt sein, verfehlt aber seine überzeugende Wirkung, die auch in der musikalischen Kraft dieser Momente steckt.

    Das die „Galgenszene“ ebenfalls in der Hotelhalle spielt und sich, neben einiger von der Decke baumelnder Leichen, nur durch die grünblättrige Verzierung einiger Stützpfeiler vom ersten Bild unterscheidet, ist vermutlich vor allem auf die baufällige Bühnentechnik der Staatsoper zurückzuführen und nicht auf kreative Regie.
    Die Sterbeszene dann anrührend gemacht, auch die Gattin tritt wieder auf, die Betonung wird vor allem in die Richtung eines Beziehungsdramas gerückt, die politischen Aspekte treten in den Hintergrund.
    Wie gesagt, es passiert sehr viel auf der Bühnen, es ist nicht langweilig und alle sind sehr engagiert bei der Sache, Aber wirkliche Dramatik kam selbst bei der Szene, als die Geiselnahme von Amelias Kind ins Zentrum des Geschehens gerückt wurde, nicht auf. Es blieb am Ende die unbefriedigende Feststellung, dass man aus diesem zeitlichen Setting hätte deutlich mehr machen können.


    Musikalisch kann ich es unbedingt empfehlen, wobei man sich wohl sputen sollte, denn ein großes Plus dieser Produktion ist vor allem das gute musikalische und szenische Zusammenspiel der (noch) beteiligten Akteure.


    Gruß
    Sascha

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