Cavalleria Rusticana CD-Empfehlung?

  • Gestern, schließlich war Ostersonntag, hörte ich mir zwei meiner Lieblings-Aufnahmen der Cavalleria an. Ich finde ja, daß man von dieser Oper eine Live-Aufnahme haben sollte, weil die Leidenschaft, die diese Oper braucht, im Studio oft zu kurz kommt. Ich habe bestimmt an die 20 Cavallerias in meiner Sammlung, aber diese beiden finde ich unschlagbar - leider nichts für Klangfetischisten:


    1. New York 1959 (Met) mit Simionato, Björling, Cassel, Mitropoulos.
    Diese Aufnahme gabe es damals als Piraten-LP und ist wohl schwierig zu bekommen. Dabei ist es wohl Björlings bester Live-Mitschnitt. Anna Lisa Björling hat diesen Abend in ihrem Buch als absolute Sternstunde ihres Mannes bezeichnet, und man hört, warum. Der sonst so unterkühlte Björling geht hier vollkommen aus sich heraus und singt mit einer Italianità, die man bei vielen Italienern vergeblich sucht. Er begeistert die Zuschauer mit seiner Siciliana so sehr, daß er bei seinem ersten Auftritt prompt eine Minute Applaus bekommt - die Aufführung wird unterbrochen. Und dann geht es zur Sache...! Simionato ist eine phantastische Santuzza, und Mitropoulos führt das Ensemble mit großer Spannung und Präzision. Ein Abstrich geht an Walter Cassel für seinen sehr amerikanisch klingenden Bariton und sein ebenso amerikanisch klingendes Italienisch. Die Tonqualität ist leider nicht sehr gut, und man hört andauernd den Souffleur.


    2. Mailand 1955 (Scala) mit Di Stefano, Simionato, Guelfi, Votto.

    Diese Aufnahme würde ich uneingeschränkt empfehlen, wenn man nicht auf High-End-Klang versessen ist. Di Stefano ist ein unglaublich guter Turiddu (1955 war er stimmlich noch voll auf der Höhe) und beginnt mit einer Siciliana, die einem das Wasser in die Augen treibt. Simionato ist genau so gut wir in der New Yorker Aufnahme. Ein großes Plus ist Guelfi - was für ein Biest von Sänger! Wenn man diesen ungemein kraftvollen, brutalen Bariton hört, dann versteht man sofort, warum es für Turiddu aus ist, als Santuzza ihn, naja, verpetzt... Votto und das Scala-Orchester brauchen wohl kein Lob von meiner Seite - sie sind wie immer hervorragend.


    :hello:
    M.


    PS: Ich hörte neulich Ausschnitte aus einer Wiener Aufführung der Cavalleria aus den 30ern mit Jeritza und Rosvaenge... 8o8o8o Wenn einer von Euch Wienern irgendwo eine Gesamtaufnahme im Keller versteckt hat, dann bitte umgehend melden... die hätte ich SEHR gerne... ;)

  • Lieber Mengelberg,


    das ist das wirklich Wunderbare an Tamino, daß man hier immer wieder so tolle Tipps kriegt.


    Als große Verehrerin von Giuseppe di Stefano und Lieberhaberin von Live-Aufnahmen bin ich jetzt sehr neugierig auf die von Dir beschriebene Live-Cavalleria. Habe gleich nachgesehen bei unserer Münchner Stadtbücherei, bei der man auch CD's und DVD's ausleihen kann. Und - oh Wunder - die haben diese CD. Habe sie mir gleich online bei denen bestellt und wenn sie mir gefällt, was ich sehr annehme, werde ich mir das Ding bei JPC besorgen.


    Vielen Dank für den tollen Tipp und noch einen schönen Ostermontag


    Schöne Grüße aus München


    Kristin

  • Liebe Kristin ,



    Du müsstest doch die sehr guten Interpretationen mit Franco Corelli ( EMI ) kennen ( . Als Lp seinerzeit auf 1 1/2 LPs verteilt . Heute erhältlich als CD mit "Pagliacci" .


    Absolut empfehlenswert !


    Dir noch schöne n Osterstunden ,



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Lieber Frank,


    natürlich kenne ich die Corelli-Einspielungen, habe sie ja auch. D.h. eine Live-Aufnahme mit der Simionato und dieses CD-Set von EMI mit Cavalleria und Pagliacci (übrigens erst vor ein paar Tagen zu einem Spott-Preis erstanden = 5 Euro über Market-Place).


    Aber ich mag halt di Stefano auch sehr gern, von ihm habe ich die Aufnahme mit der Callas und diese Live-Aufnahme, von der Mengelberg schreibt, reizt mich auch, klang gut seine Beschreibung, so nach meinem Gusto.


    Das ist bei dieser Oper so, daß mir da Franco Corelli und di Stefano auf ihre Weise gleich gut gefallen, ist bei ein paar anderen Opern auch so.


    Liebe Grüße aus München zum Ostermontag, ich hoffe, es geht Dir gut


    Kristin

  • Liebe Kristin! Lieber Frank! Lieber Mengelberg! :angel: :angel: :angel:


    Soll ich Euch was sagen:


    Ich mag Beide [die Stefano in der Glanz - Zeit] und Corelli, überhaupt, mit der Simionato ein Naturereignis. :jubel: :jubel:


    Liebe Grüße und schönen Ostermontag wünscht Euch Euer Peter aus Wien. :hello: :hello:



  • Liebe Leute,


    nach einem Wiederhören mit dem reinen Soundtrack möchte ich doch meine Empfehlung etwas relativieren: Der Film lohnt - bei den CDs schließe ich mich inzwischen doch den hier geäußterten Auffassungen an , dass es deutlich besseres gibt.


    TMOO - Cavalleria rusticana



    LG, Elisabeth

  • Liebe Kristin ,




    mein Hinweis auf Franco Corelli war ja kein Absoltheitsanspruch . Die Interpretationen mit Corelli haben mir in diesem Thread doch sehr gefehlt .


    Daher der kurze Hinweis .


    Dir noch sonnige Osterstunden in München !


    Beste Grüsse ,



    Frank


    PS.: Was mich ganz schlimm stört , dass ist der um mich herum bestehende Pollenflug , der selten so stark war wie dieses Jahr .

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Liebe Elisabeth !




    es ist interessant , dass es auch anderen Musikfreunden so geht , dass man "miterlebte" Opernaufführungen nicht selten anders beurteilt als reine Aufnahmen auf Tonträgern .


    Danke Dir für Deinen Hinweis .



    Beste Grüsse ,



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Melde mich nach (sehr) langer Pause zurück.

    Anlass ist, dass ich nach langem Suchen meine Traumaufnahme von 1915/16 auf Schellackplatten endlich vervollständigen konnte.

    Besetzung: Carlo Sabajno (Dirigent) - Chor und Orchester der Mailänder Scala

    Santuzza - Giorgina Ermolli

    Turridu - Franco Tum(m)inello

    Lola/Mamma Lucia - Elvira Ravelli

    Alfio - Eugenio Perna.

    Es handelt sich (Aufnahmedatum !) natürlich um eine akustische Aufnahme , d.h. die Interpreten hatten keine Mikrophone , sondern nur Schalltrichter zur Verfügung.

    Das bedeutet , dass dazu Sänger erforderlich waren, die auch die entsprechende Kraft besaßen etwas Hörbares auf die Matrize zu bannen (Paradebeispiel Caruso) .

    Daneben musste natürlich Chor und Orchester zahlenmäßig auf "Kammermusikniveau" reduziert werden.

    Was dabei herauskam ist mehr als erstaunlich.

    Hat man sich an die technischen Mängel (Knistern , Rauschen) gewöhnt und nimmt man in Kauf , dass manche Orchesterpassagen wie eine Mischung aus Drehorgel und singender Säge klingen , wird man mit einer durchweg hinreißenden Interpretation belohnt - unter der Patina blitzt das reine Gold hervor.

    Was die beiden Protagonisten Ermolli und Tumminello an sängerischer und darstellerischer Potenz aufbringen , ist schwer zu überbieten.

    Perna als Alfio ist ein Naturereignis , dem - nachdem er von der Untreue seiner Frau erfährt - buchstäblich die Gäule durchgehen (Galaopprhythmus im Orchester !)

    Lediglich die Darstellung der Lola durch Ravelli könnte man sich etwas sinnlicher wünschen.

    Auf einem originalen Truhengrammophon abgespielt versetzen einen die 10 Platten (20 Seiten) in eine andere Zeit zurück.

    Ersatzweise existiert eine (offenbar mehrfach produzierte) private CD-Aufnahme , die über ebay (Forgotten Opera Singers) erhältlich ist (kombiniert mit zwei weiteren historischen Gesamtaufnahmen - eine auf Deutsch von 1909 - eine auf Englisch von 1927 , die aber die o.g. Aufnahme bei weitem nicht erreichen).

    Es ist zu hoffen , dass bald einmal eine sorgfältig restaurierte Aufnahme (z.B. bei Naxos) zu haben ist.

    Viele Grüße

    Santoliquido

    M.B.

  • Bei aller Liebe zu historischen Aufnahmen, die von santoliquido genannte wäre mir dann doch klanglich ein wenig zu dürftig, wenn auch die künstlerischen Darbietungen großartig sind.

    Meine liebsten Aufnahmen dieser meiner Lieblingsoper sind diese:

    und diese:

    beides Stereo-Aufnahmen, unter Karajan (1965) und Erede (1959).

    Karajan kostet die Schönheit der Partitur auf unnachahmliche Weise aus, seine Sänger, vor allem Cossotto und Bergonzi, singen und spielen großartig. Ein Kritiker hat Karajan vorgeworfen, er "stelle sich hier im Seidenfrack unter die Bauern". Das mag ja sein, aber unter seinen Händen klingt Mascagnis Musik berauschend schön. Das macht ihm bis heute keiner nach! Es gibt aber noch eine weitere sehr ansprechende Aufnahme, die bisher hier noch nicht genannt wurde:

      

    mit Agnes Baltsa (Santuzza), Plácido Domingo (Turiddu) und Juan Pons (Alfio) in den Hauptrollen.

    Giuseppe Sinopoli dirigiert das Philharmonia Orchestra London; es singt der Chor des Royal Opera House Covent Garden (Aufnahme: 6/1989, London).

    Leider hat diese Aufnahme immer etwas im Schatten ihrer berühmten Vorgängerinnen gestanden, das hat sie nicht verdient. Die Griechin Agnes Baltsa ist eine überzeugende, glänzend singende Santuzza, und Plácido Domingo singt den Turiddu hier eher noch schöner und ausgereifter als in der älteren RCA-Version unter James Levine, in der Renata Scotto seine Partnerin ist. Die klangtechnisch hervorragende Produktion gibt es z.Zt. beim großen Urwaldfluß für einen lächerlichen Preis. Ein umfangreiches mehrsprachiges Textbuch (mit dem kompletten Libretto incl. Übersetzungen) liegt bei.


    Für Callas-Verehrer sei noch auf die EMI-Produktion unter Tullio Serafin hingewiesen, die allerdings klanglich nicht mithalten kann (mono).


    LG Nemorino


      




    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Eine besonders schöne historische Aufnahme der "Cavalleria" habe ich ganz vergessen zu nennen:

    mit einer wahren Traumbesetzung:

    Zinka Milanov (Santuzza), Jussi Björling (Turiddu), Robert Merrill (Alfio) u.a., dem Robert Shaw Chorale und

    dem RCA Victor Orchestra, Dirigent: Renato Cellini (Aufnahme: 1/1953; New York City).


    Ich weiß, sie wurde hier im Thread schon erwähnt, ich möchte sie aber wegen der Sänger noch einmal besonders hervorheben. Milanov, die berühmte Kroatin, die Jahrzehnte an der New Yorker Met stationiert war, und der Schwede Björling waren ein wahres Traumpaar, das große Duett wird zum Duell zweier der schönsten Stimmen des 20. Jahrhunderts, die leider schon lange verstummt sind. Die Aufnahme gibt es nur in Mono, aber der Klang ist sehr ordentlich und spielt bei dieser Besetzung kaum eine Rolle.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Für besondere Liebhaber der Oper (incl. von "Il Pagliacci") hier noch der Hinweis auf eine inzwischen erschienene Luxus-Edition der Karajan-Aufnahme:

    Die Ausgabe ist mit einem reich illustrierten Booklet ausgestattet. Außerdem ist die Aufnahme von 1965 technisch optimal aufbereitet worden.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Zum wiederaufgelebten Thread "Cavalleria - CD-Empfehlungen:


    wie bereits an früherer Stelle erwähnt gibt es von diesem Werk eine große Anzahl von guten bis sehr guten Aufnahmen.

    Wie immer entscheidet bei der Auswahl vor allem der persönliche Geschmack - manchmal auch die "Tagesform".

    Ich bin nun einmal ein Anhänger historischer Schellack-Aufnahmen , die bei zugegeben deutlich schlechterer Tonqualität oft authentischer und packender wirken.


    Gerade die Opern des Verismo sind m.E. hervorragend auf Schellackplatten repräsentiert , wohl auch deshalb, weil schon bald nach der Uraufführung der Cavalleria (1890) etwa ab 1900 der Siegeszug dieses Mediums einsetzte.

    Der weltweite Aufschwung der Schellackplatte ist natürlich untrennbar mit dem Namen Caruso verbunden , der auch aus dieser Oper die berühmten Turiddu-Szenen (Ständchen,Trinklied und Abschied von der Mutter) aufgenommen hat.

    Interessanterweise war Caruso mit den Mascagni-Aufnahmen im Gegensatz zu den "Pagliacci"-Einspielungen eher zurückhaltend (die Canio-Szene "Vesti la giubba" war ja sein erklärtes Lieblingsstück , das er gleich mehrfach aufgenommen hat).In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt , dass Caruso in keiner einzigen Opern-Gesamtaufnahme vertreten ist.


    Im Folgenden erwähne ich nur die Schellack-Gesamtaufnahmen in der Originalsprache (die deutschen , englischen und französischen Versionen lasse ich beiseite)


    Die erste (gekürzte) Cavalleria entstand 1907 unter Carlo Sabajno quasi als "Pasticcio" - d.h. eine Rolle wurde z.T. von zwei Sängern dargestellt, damals übrigens auch bei anderen Operngesamtaufnahmen übliche Gepflogenheit.

    Die Darsteller:

    Santuzza - Clara Joanna , Maria Passeri

    Turiddu - Gennaro De Tura

    Alfio - Renzo Minolfi , Francesco Cigada

    Lola - Ines Salvador , Maria Alexina

    Lucia - Nina Rambelli

    Diese Aufnahme existiert meines Wissens noch auf keiner CD-Einspielung.

    Ich selbst besitze auch nur einzelne Schellackplatten davon und bin gerade dabei, die Sammlung nach und nach zu vervollständigen.


    1915/16 entstand dann die von mir bereits im vorangehenden Beitrag erwähnte "echte" Gesamtaufnahme wiederum unter Carlo Sabajno . Besetzung siehe im vorangehenden Beitrag . Eine CD (wohl Privataufnahme) ist bei "Forgotten Opera Singers" erhältlich.


    Die beiden genannten Einspielungen sind "akustische" Aufnahmen über Schalltrichter - die nun folgenden sind bereits "elektrische" Aufnahmen über Mikrophon, das etwa ab 1927 eingesetzt wurde.


    1929/30 war es erneut Carlo Sabajno mit Chor und Orchester der Scala der jetzt eine Einspielung mit "moderner" Aufnahmetechnik vorlegte.

    Der Vorteil der neuen Technik war , dass jetzt Chor und Orchester in beliebiger Stärke eingesetzt werden konnten. Ferner war es von da an auch möglich , Sänger mit "kleineren" Stimmen effektiv einzusetzen.

    Carlo Sabajno hat übrigens ein auch für heutige Verhältnisse immenses Werk an Gesamteinspielungen der wichtigsten italienischen Opern von Rossini, Donizetti , Verdi , Mascagni , Leoncavallo und Puccini , einer Gesamtaufnahme von "Carmen" und einer Unzahl von einzelnen Arien und Szenen (anfangs auch als Klavierbegleiter)

    hinterlassen.Die Aufnahmen erfolgten anfangs bei "Gramophon Concert- bzw.Monarch Records" , später bei "HMV" bzw. "Electrola"

    Hier liegen auch CD-Einspielungen vor

    Santuzza - Delia Sanzio

    Turiddu - Giovanni Brevario

    Alfio - Piero Biasini

    Lola - Mimma Pantaleoni

    Lucia - Olga de Franco


    Pietro Mascagni (1863-1945): Cavalleria Rusticana (2 Gesamtaufnahmen), 2 CDs

    Cantus Classics CACD 5.00939 F (2007) Außerdem bei Arkadia 78046



    1930 folgte eine weitere Gesamtaufnahme unter Lorenzo Molajoli bei "Columbia"

    Lorenzo Molajoli war der große Konkurrent Sabajnos und zwischen 1928 und 1932 ähnlich aktiv wie dieser.

    Auch er legte eine große Zahl an Opern-Gesamtaufnahmen sowie einzelne Querschnitte vor.

    Ihm standen ebenfalls die Kräfte der Mailänder Scala zur Verfügung.

    Santuzza - Giannina Arangi-Lombardi

    Turiddu - Antonio Melandri

    Alfio - Gino Lulli

    Lola - Maria Castagna (Marou Falliani)

    Lucia - Ida Mannarini


    Pietro Mascagni (1863-1945): Cavalleria Rusticana (2 Gesamtaufnahmen), 2 CDs

    Cantus Classics CACD 5.00964     Auch bei Preiser Records 90042 {1CD}



    1940 schließlich kam bei Victor unter der Leitung von Mascagni selbst die letzte Schellack-Gesamtaufnahme heraus.

    Auch er leitet hier Chor und Orchester der Mailänder Scala.(Diese Aufnahme wurde im Thread bereits früher genannt)

    Mascagni selbst spricht auf der ersten Seite dazu die einleitenden Worte.

    Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt , dass Mascagni 1927 mit dem Orchester der Staatsoper Berlin auf Odeon das Orchestervorspiel und das Intermezzo aufgenommen hat.

    Santuzza - Lina Bruna Rasa

    Turiddu - Beniamino Gigli

    Alfio - Gino Bechi

    Lola - Maria Marcucci

    Lucia - Giulietta Simionato


    Pietro Mascagni (1863-1945): Cavalleria Rusticana, 2 CDs



    Wie bereits in meinem vorangehenden Beitrag erwähnt , ist meines Erachtens die Sabajno-Aufnahme von 1915/16 die überzeugendste.

    Sie ist an Dramatik und Geschlossenheit kaum zu überbieten und das Duett Santuzza - Turiddu stellt den absoluten Höhepunkt dar.

    Hier wird Bühnenpräsenz vermittelt und wie sich Ermolli und Tuminello zuletzt ihre Hasstiraden zuwerfen wurde auch in späteren Einspielungen (trotz Callas , Baltsa , di Stefano, Bergonzi, del Monaco u.s.w.) nie mehr erreicht.


    Die von Mascagni selbst geleitete Aufnahme fällt trotz aller Qualitäten mit ihren breiteren , manchmal fast behäbigen Tempi gegen die anderen Schellackaufnahmen deutlich ab.

    Dieses Phänomen ist ja auch bei anderen Komponisten , die eigene Werke spielen bzw. dirigieren, durchaus bekannt

    (z.B. Rachmaninoff , Stravinsky , R. Strauss u.s.w.) . So soll auch der Geiger Gerhard Taschner bei der Probe zu Fortners Violinkonzert dem Komponisten zugerufen haben "Was verstehst du denn von deiner Musik !"


    Ein besonderer Genuss - wenn auch ein aufwändiger - ist das Abspielen der originalen Schellackplatten auf dem Grammophon.

    Obwohl nach 2 bis 4 Minuten ein Wechsel der Plattenseite und der Nadel erforderlich ist und das Federwerk des Grammophons neu aufgezogen werden muss , stellt sich ein ganz besonders Hörerlebnis ein.

    Eine derartige "Aufführung" muss allerdings wegen des Aufwandes und zur Schonung der Platten besonderen Anlässen vorbehalten bleiben.

    Ansonsten ist natürlich eine sorgfältig und nicht zu stark bearbeitete CD (wie bei Naxos Historical durch Ward Marston) für wiederholtes Abhören durchaus geeignet.


    Viele Grüße

    Santoliquido

    M.B.

  • Lieber 'Santoliquido',


    herzlichen Dank für Deine informative Übersicht der historischen Gesamtaufnahmen von Mascagnis 'Dauerbrenner'!


    Nach mehreren Meinungsäußerungen im Juli/August 2019 zum Verhalten der Sängerin Elena Obraztsova zu Zeiten der Sowjet-Diktatur gab es in dem ihr gewidmeten Thread auch eine lebhafte Diskussion über die Rolle der 'Santuzza' (nicht nur in der Interpretation dieser Mezzosopranistin). Dazu habe ich - neben anderen 'Taminos' - auch geschrieben und ich wiederhole hier meine Beiträge, da sie in diesen Thread noch besser passen.


    Beitrag vom 9. August 2019:

    Es gibt noch zwei weitere Aufnahmen von Elena Obraztsovas Interpretation der 'Santuzza' in Mascagnis „Cavalleria rusticana“:


    Am 27. 1. 1981 wurde nach zehn Jahren Franco Zeffirellis Inszenierung an der Mailänder Scala wieder aufgenommen mit folgender Besetzung: Santuzza – Elena Obraztsova, Turiddu – Plácido Domingo (eingesprungen für Carlo Cossutta), Lucia - Maria Grazia Allegri, Alfio – Matteo Manuguerra (als Ersatz für Kari Nurmela), Lola – Laura Bocca. Der Dirigent war Georges Prêtre und der Chorleiter Romano Gandolfi; Franco Zeffirelli führte in dieser Neueinstudierung auch selbst die Regie. Die Premiere wurde von der RAI im Rundfunk übertragen. (Den Kritiken nach zu urteilen, war es für die Russin ein großer Erfolg.)


    Der Film für die 'Unitel' (mit der Obraztsova und Domingo – ferner wirken Fedora Barbieri, Axelle Gall und Renato Bruson mit) wurde im Frühjahr 1981 in einem Mailänder Studio gedreht; die Außenaufnahmen entstanden in dem sizilianischen Ort Vizzini, der auch von Giovanni Verga als Schauplatz seines Dramas - die Vorlage für Mascagnis Oper - gewählt wurde. Apropos Fedora Barbieri: sie sollte eigentlich die 'Santuzza' in der EMI-Aufnahme von 1953 sein und wurde kurzfristig durch Maria Callas ersetzt!


    Am 1., 2. und 4. November 1981 sang Elena Obraztsova diese Rolle auch konzertant im Großen Saal des Moskauer Chaikovskii-Konservatoriums und eine dieser Aufführungen wurde von der staatlichen Schallplattenfirma 'Melodiia' mitgeschnitten: Santuzza - Elena Obraztsova, Turiddu – Zurab Sotkilava, Lucia – Nina Novoselova, Alfio – Vladislav Verestnikov, Lola – Raisa Kotova / Bolshoi khor tsentralnogo Televideniia i vsesoiuznogo Radio (Großer Chor des Rundfunks und Fernsehens der UdSSR) / Chorltg.: Klavdia Ptitsa und Ludmila Ermakova / Orkestr bolshogo Teatra SSSR (Orchester des Bolshoi-Theaters Moskau) / Dirigent: Algis Zhiuraitis. Die zwei LPs der 'Melodiia' S10 19215/18 erschienen 1990; gleichzeitig gab es eine Veröffentlichung der Ricordi-Tochter 'Orizzonte' (AOCL 216023) in Italien. Eine CD-Version ist bei 'House of Opera' erschienen.


    Im Februar 1980 sollte Elena Obraztsova die 'Santuzza' auch an der 'Met' in New York singen, wurde aber (wegen Krankheit oder weil sie keine Erlaubnis der sowjetischen Regierung für dieses Gastspiel erhielt?) durch Bianca Berini und Bruna Baglioni (in der Rundfunk-Übertragung am 23. 2. 1980) ersetzt.


    Abschließend muss ich sagen, dass ich die 'Santuzza' der Obraztsova – und ich beziehe mich da auf die Filmversion – durchaus überzeugend finde; allerdings mache ich bei derart gelungenen optischen Umsetzungen nicht die Augen zu, um nur zu hören (was bei etlichen - meiner Meinung nach - missratenen RT-Produktionen schon oft vorgekommen ist). Schließlich ist der „Ländliche Ehrenhandel“, wie die wörtliche Übersetzung des Operntitels lautet, ein Hauptwerk des Verismo; da kommt es nicht so sehr auf die musikalische 'Feinarbeit' an. In einigen anderen Opern aber („Don Carlos“, „Aida“, „Adriana Lecouvreur“, „Carmen“, „Samson et Dalila“, „Werther“, „Boris Godunov“, „Fürst Igor“ oder „Herzog Blaubarts Burg“) bemängele ich Elena Obraztsovas oft nicht gerade subtile Wahl der stimmlichen Mittel durchaus.


    Beitrag vom 10. August 2019 (1):


    Ich habe mir nun auch die „Cavalleria rusticana“-Verfilmung Zeffirellis (mit Obraztsova und Domingo) auf YouTube angesehen und finde die Darstellung der 'Santuzza' durch den russischen Mezzosopran sehr glaubwürdig. Sie ist natürlich nicht Emma Gramatica oder Anna Magnani, aber Elena Obraztsova gelingt es, der Rolle (mit vielen Großaufnahmen ihres ausdrucksvollen Gesichts) tragisches Profil zu geben; sie ist eine Ausgestoßene, eine Fremde im Ort, die verzweifelt um ihr Glück und ihre Ehre kämpft. Und wer sagt denn, dass Santuzza (offensichtlich) nicht etwas älter sein kann, was durchaus Sinn machen würde, weshalb sie diesen Hallodri anfleht, sie nicht zu verlassen.


    Natürlich kenne ich schönstimmigere Interpretinnen dieser Rolle (Milanov, Simionato, Tebaldi, De los Angeles und Cossotto) und auch 'charaktervollere' (Rasa, Callas, Varnay, Rysanek und Baltsa), allerdings überwiegend nur als akustische Konserve. Ihre Stimme ist natürlich nicht jedermanns Sache, aber als 'Gesamtpaket' ist die Obraztsova schon sehr eindrucksvoll und ihre oft etwas ordinär wirkenden Brusttöne fehlen fast ganz.


    Ein Detail des Films ist mir aufgefallen: vermutlich, weil Zeffirelli auch Innenräume zeigen wollte – die gängigen Bühnen-Inszenierungen spielen meistens im Freien mit Dorfplatz und Kirche – lässt er Santuzza die Taverne der Mamma Lucia betreten, obwohl sie singt: „Non posso entrare in casa vostra! Sono scomunicata!“. Sowohl Giovanni Vergas Erzählung (die Dramatisierung als Schauspiel, 1884 mit Eleonora Duse in Turin uraufgeführt, kenne ich nicht) wie auch das Opernlibretto verraten nicht, weshalb Santuzza, die Tochter eines reichen Weinbauern, exkommuniziert wurde. Sie singt: „Turiddu mi tolse l'onore.“ Vermutlich erwartet (oder hat) sie ein uneheliches Kind (von Turiddu?) - Giancarlo Del Monaco zeigte in seiner Münchner Inszenierung von 1978 Leonie Rysanek als Schwangere. Aber wurde man deshalb damals in Italien vom Abendmahl ausgeschlossen? Obwohl diese Überlegungen im 'Tamino'-Opernthread besser aufgehoben wären, frage ich nun, ob jemand darüber etwas Genaues weiß.


    Beitrag vom 10. August 2019 (2):


    Ich hatte mir bei einem Kurzurlaub vor Jahren in Prag eine weitere „Cavalleria rusticana“-Aufnahme mit Elena Obraztsova notiert (aber nicht gekauft): erschienen auf zwei LPs der Firma 'Opus' aus Bratislava. Hier die Einzelheiten: Santuzza – Elena Obraztsova, Turiddu – Peter Dvorský, Lucia – Anna Barová, Alfio – Alexandru Agache, Lola – Jitka Zerhauová / Slovenský filharmonický sbor (Philharmonischer Chor Bratislava) / Chorltg.: Pavol Procházka / Symfonický orchester Cs. Rozhlasu v Bratislave (Das Symphonie-Orchester des Tschechoslowakischen Rundfunks Bratislava) / Dirigent: Ondrej Lenárd (Bratislava, Rundfunk-Studio, Juni 1988 und Februar 1989) 'Opus' 9316 2091/92 (2 LPs) Damit dürfte Elena Obraztsova zusammen mit den von mir im Beitrag Nr. 28 genannten Einspielungen neben Giulietta Simionato und Fiorenza Cossotto eine der bestdokumentierten Santuzzas auf Tonträgern sein.


    Im Beitrag Nr. 40 hatte ich nur die Sängerinnen aufgeführt, deren Aufnahmen auf dem deutschen Markt leicht zu erwerben sind. Natürlich habe ich auch die „Cavalleria“-Mitschnitte mit Régine Crespin und Eileen Farrell (beide von mir heiß geliebt) und dazu noch einige andere, die ich aus Platzgründen nicht nennen möchte. Von Renata Tebaldi gibt es aber nur die eine einzige Aufnahme vom September 1957 aus Florenz, wobei ich mich dem Urteil von 'Caruso41' in seinem Beitrag Nr. 43 aber nicht anschließe. ('La Tebaldi' hat die Santuzza nie auf der Bühne gesungen. Erst gegen Ende ihrer Karriere hat sie die Partie für eine Aufführungsserie an der 'Met' neu studiert, kam aber wegen eines Streiks des Bühnenpersonals damit nicht mehr zum Einsatz,) Auch Renata Scotto, die man in New York 'Little Renata' im Unterschied zur Tebaldi ('Big Renata') nannte, sang die Santuzza m. W. nur für die Schallplatte.


    Ich kann mich an ein Interview mit Renata Scotto in der „Opera News“ erinnern, in dem sie ausführt, dass Santuzzas Schrei „Bada!“ und ihr Fluch „A te la mala Pasqua!“ nach den Vorgaben in der Original-Partitur mehr gesungen denn geschrien werden sollen, weil sie von Mascagni mit einer Gesangslinie versehen wurden; dementsprechend 'sprech-singt' sie in ihrer Aufnahme unter James Levine diese Worte. Auch Turiddus „Dell' ira tua non mi curo!“ soll gesungen werden. (Mir ist das nur von Riccardo Mutis Aufnahme mit José Carreras bekannt.) In Mascagnis eigener Aufnahme von 1940 – mit der vom Komponisten gesprochenen Rede zum 50. Jahrestag der Uraufführung – wie auch in dem Mitschnitt von 1938 aus Den Haag (ebenfalls unter Mascagnis Leitung) darf Lina Bruna Rasa aber eindrucksvoll fluchen!


    Vielleicht ist es doch besser, diese ganze Diskussion in einen separaten Opern-Thread zu verschieben, wie es 'Stimmenliebhaber' vorgeschlagen hat. Wer macht den Anfang?


    P. S.

    Diesen Anfang hat nun 'Santoliquido' gemacht!


    Carlo

  • Lieber Carlo ,

    vielen Dank , dass Du den schönen Zeffirelli-Film erwähnst.

    An der Sängerbesetzung ist absolut nichts auszusetzen - besonders beeindrucken mich jedoch hier die beiden Widersacherinnen Elena Obraztsova als entehrte Santuzza sowie Axelle Gall, die eine entfernte Verwandte von Carmen zu sein scheint ( überhaupt glaube ich , dass sich Mascagni bei aller Eigenständigkeit doch einige Anregungen von Bizet zu eigen gemacht hat).

    Der Film insgesamt erinnert schon etwas an einen Italo-Western - aber irgendwie passt das doch auch.

    Herrliche Milieu-Studien - besonders ergreifend , wie die bedauernswerte Santuzza nicht nur von ihrem Verlobten weggestoßen sondern auch von der frömmelnden , aber alles wissenden Gesellschaft im Stich gelassen wird .

    Viele Grüße

    Santoliquido

    M.B.

  • die eine entfernte Verwandte von Carmen zu sein scheint ( überhaupt glaube ich , dass sich Mascagni bei aller Eigenständigkeit doch einige Anregungen von Bizet zu eigen gemacht hat).

    Dass "Carmen" für den italienischen Verismo eine ganz entscheidende Vorbildwirkung hatte, scheint mir außer Frage zu stehen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"