Madama Butterfly-Referenzaufnahmen (und alle anderen, derer man habhaft werden kann auch)

  • Eine der großen Opern von Puccini, MADAMA BUTTERFLY, hat bisher keinen eigenen Thread - ein Zustand, der hiermit beseitigt ist.


    Welche Aufnahme(n) dieser im Vergleich zur Bohème, Tosca und Turandot ein wenig im Abseits stehenden Puccini-Oper könnt ihr empfehlen?


    Eine Auswahl:



    Karajan 1955



    Leinsdorf 1962



    Barbirolli 1966



    Karajan 1974



    Maazel 1977



    Sinopoli 1987


    P.S.: Woher kommt eigtl. die häufig zu lesende Namensgebung Madame Butterfly? Die ist doch genaugenommen falsch, oder?

  • Lieber Felipe,


    "Madama" ist das originale Italienisch, "Madame" wird im Deutschen, Englischen etc. verwendet.


    Von den oben gelisteten Aufnahmen kann ich - so aus der Westentasche heraus - die Maazelsche empfehlen, die auch preislich günstig zu haben ist.
    Scotto und Freni waren große Interpretinnen der Titelpartie, aber nicht vergessen werden darf die Tebaldi nebst vielen anderen. Da die Butterfly eine warme Stimme fordert, neige ich persönlich sehr zu den Aufnahmen Mitte 20.Jahrhundert (nicht zu eng genommen).


    LG


    Waldi

  • Ich liebe meine deutsch gesungene Einspielung mit Elfriede Trötschel, die in der Selbstmordszene zur Höchstform aufläuft.


    Übrigens, gab es auch eine deutsche Übersetzung mit "Kleine Frau Schmetterling" und aus Pinkerton wurde in allen deutsch gesungenen Aufnahmen "Linkerton". Warum weiß ich nicht.

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    Bei Amazon gibt es eine hervorragende Studio-Aufnahme von Decca (1958 ), für einen Spottpreis.


    Auch wenn Amazon H.v.Karajan als Dirigent nennt, so ist es
    dennoch Tullio Serafin.


    :hello:Herbert.


    Hallo Herbert,


    meinst Du diese Aufnahme?



    :hello:

  • Zitat

    Original von Knusperhexe


    und aus Pinkerton wurde in allen deutsch gesungenen Aufnahmen "Linkerton".


    Scheint ein (missglückter) Versuch zu sein, die Figur noch mehr in ein schlechtes Licht zu rücken ("link"=betrügerisch).


    Wer sich für die längere, zweiaktige Erstfassung interessiert, dem kann ich diese recht neue Aufnahme sehr empfehlen:



    Ich bin jedenfalls sehr zufrieden damit.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • In meiner Sammlung sind ca. 50 Butterfly-Aufnahmen.


    Eine davon will ich hier vorstellen - es ist die Originalfassung von 1904 - eigentlich ein Reinfall, denn erst die spätere, überarbeitete Fassung konnte sich auf den Bühnen der Welt durchsetzen.



    Aufnahme: 15.–19.12. 1997, Studio
    Spieldauer: 139'35 (56'33, 83'02)
    Dirigent: Günter Neuhold
    Philharmonisches Staatsorchester Bremen
    Chor des Theaters der Stadt Bremen
    Chorleitung: Theo Wiedebusch
    ( Originalfasung 1904 Mailand)
    Label: Naxos 8.660078-79 (2 CD)


    B. F. Pinkerton: Bruce Rankin
    Cio-Cio-San: Svetlana Katchour
    Goro: Uwe Einkötter
    Il bambino: Gustavo Brillemburg
    Il commissario imperiale: Daniel Ratchev
    Il principe Yamadori: Loren Lang
    Kate Pinkerton: Kristen Strejc
    La Cugina: Laura Pederson
    La Madre: Elisabeth Bunge
    La Zia: Birgit Binnewies
    Lo Zio Bonzo: Andreas Halle
    L'ufficiale del registro: Karsten Küsters
    Sharpless: Heikki Kilpelainen
    Suzuki: Frederica von Brillemburg
    Yakuside: Armin Kolarczyk


    Gekauft habe ich die Aufnahme eigentlich nur wegen Frederica von Brillemburg! :lips:


    Es fehlt mir noch die deutsche Aufnahme mit Maria Cebotari und Walther Ludwig.
    Meine liebste deutsche Aufnahme ist die mit Rosvaenge!


    LG

  • Liebe Petra, genau!
    Wenn ich mir Ausschnitte aus dieser Oper anhöre, dann entweder mit Callas, deren "Un bel di vedremo" auch die hartgesottensten Puccini-Verächter zum Schmelzen bringt oder eben mit de los Angeles, deren Stimme allein schon für wohltuend unitalienisiche Eleganz steht.


    Gibt es ausser Aufnahmeempfehlungen denn noch etwas Interessantes zu dieser Oper zu sagen? Wer hat z.B. schon mal von den hiesigen Chorsängern den Summchor mitgesungen? Wenn ja, wie kamt ihr damit zurecht?


    Was hat die Butterfly mit dem Operetten-Puccini- Pendant "Land des Lächelns gemein? Die Konstellaton ist ja gerade umgekehrt was die euro-asiatische Verbindung angeht.


    Ich finde es immer ein bisschen schade, wenn Threads zu Opern nur aus Cd-Covern bestehen und ncihts über den Inhalt und andere Themen/ Probleme dazukommt.


    F.Q.


  • Auch wenn es eigtl. nicht hier reingehört ( :pfeif:):
    "The work of art depicted in this image and the reproduction thereof are in the public domain worldwide." (http://commons.wikimedia.org) (Anders dürfte das sonst auch gar nicht bei Wikipedia sein, glaub ich.)

  • Zitat

    Original von Fairy Queen


    Ich finde es immer ein bisschen schade, wenn Threads zu Opern nur aus Cd-Covern bestehen und ncihts über den Inhalt und andere Themen/ Probleme dazukommt.


    Liebe Fairy,


    Für viele unter uns gilt die "Butterfly" als sentimentale Rührschnulze.
    Nun, über Gefühle kann man eigentlich nur reden, wenn man sie selbst empfindet. Aber lassen wir einmal die naive und unzerstörbare Neigung Cio-cio-sans beiseite, dann steckt in der Oper doch auch allerhand Kritik an westlicher und kolonialistischer Verhaltensweise, ebenso an Machismo und herkömmlichem gesellschaftlichen Verhalten. Denn was Leutnant Pinkerton da unbeschwerten Herzens anstellt, trieben und treiben Hekatomben sogenannter feiner Herren nicht nur im 19.Jahrhundert, sondern bis in die Gegenwart. Eigentlich ist es eine fortschrittliche Oper, denn die Damen sind die Anständigen, ob Cio-cio-san mit ihrer aufrichtigen Liebe, ob Suzuki mit ihrer Treue oder Kate, die bereit ist, die uneheliche Frucht ihres sauberen Ehegatten anzunehmen. Die Herren sind entweder charakterlose Gauner (Goro), triebhafte Schwächlinge (Pinkerton, das bißchen Reue macht's nicht wett), Egoisten(Yamadori), Starrköpfe (Onkel Bonze) oder bestenfalls unentschlossen (Sharpless, der über bedauerndes Achselzucken kaum hinauskommt und letztlich hilft, die amerikanischen Interessen zu wahren - ohne Rücksicht auf Verluste).


    LG


    Waldi

  • "Meine" BUTTERFLY, eine Oper, die ich trotz vieler Versuche, mit ihr warm zu werden, allerdings nur phasenweise mag, sind die oben aufgeführten von Karajan mit Mirella Freni und Barbirolli mit Renata Scotto, die beide denkbar unterschiedlich sind, der Partitur aber m. E. aus sehr verschiedenen Sichtweisen am besten gerecht werden. Während Karajan ihr den üppigsten und ohrenschmeichelndsten Sound entlockt (man höre mal den Auftritt Butterflys nebst Frauenchor), lässt Barbirolli, unterstützt von einer superben Renata Scotto, die (sozial-)kritischen Elemente der Geschichte auf höchstem Orchestralen Niveau zu ihrem Recht kommen.


    Es gibt tatsächlich eine - sogar sehr günstige - BUTTERFLY Karajans mit Maria Callas, nämlich die hier:



    Da ich mit dem Timbre der Callas aber notorisch meine Probleme habe und mit der Oper selbst sowieso, kenne ich sie nicht. Leider stehen nämlich schon Chaillys Schmetterlingsfrau Kiri Te Kanawa (neben einem überforderten José Carreras) und (wegen ihres doch schon recht historischen und Karajan/Freni m. E. nicht gewachsenen Klangs) Victoria de Los Angeles seit ewigen Zeiten ungehört in meinem Regal. Zumindest Letzterer werde ich nach diesem Thread aber gelegentlich gerne mal wieder eine Chance geben.


    Ob die Geschichte in der Tradition des damals sehr beliebten Melodrams wirklich so viel sentimentaler ist als, horribile dictu, LES PECHEURS DES PERLES, sei dahin gestellt. Ich finde die Musik über lange Zeit geschwätzig und einfach nur laut. Das nach SAIGON verpflanzte Remake von Boublil/Schoenberg erinnert nicht von ungefähr immer wieder stark an das Original - und leider auch umgekehrt. Immerhin sind SAIGON und Schoenbergs Musik ihrerseits um einiges besser als das was Jonathan Larson später mit LA BOHÉME in dem "Musical" RENT angestellt hat.


    Wer die Geschichte in üppigen Bildern von ähnlicher Authentizität erleben will wie sie das originale Libretto auch nur beanspruchen kann, mag übrigens getrost zu dieser Filmfassung greifen:



    Musikalisch ist der Soundtrack des Films nicht ganz auf der Höhe der beiden genannten Aufnahmen, aber durchaus zufriedenstellend (und jedenfalls besser als die ebenfalls nach Authentizität schielende Scala-Aufführung unter Lorin Maazel), und Frédéric Mitterand hat die Geschichte, nicht zuletzt dank der gut besetzten Sängerdarsteller, sehr gefällig bis eindrucksvoll ins Bild gesetzt. Wenn auch nicht ganz auf dem Niveau anderer Opernproduktionen der Gaumont (etwa Loseys DON GIOVANNI oder Zeffirellis LA TRAVIATA), so wird der Film jeden zufriedenstellend, der, wenn schon Film, nicht nur eine Bühnenabfilmung haben möchte. Der Film ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem lediglich von Motiven der Geschichte insipirierten Film M. BUTTERFLY (1993) von David Cronenberg. Der hat nur wenig mit der Oper zu tun und ist m. E. mit Abstand der langweiligste dieses Regisseurs.


    Zur Frage nach der "Madame": ich denke, der Sprachgebrauch hat sich in Deutschland zu der Zeit eingeschlichen, als man (fast) alle fremdsprachigen Opern eindeutschte und fand seine Entsprechung im angloamerikanischen Raum, wo man ebenfalls von der Madame spricht (und nicht etwa der Madam, die so ziemlich das genaue Gegenteil der Butterfly bedeuten würde). Da Pinkerton Amerikaner ist, kann man das durchaus als konsequent und jedenfalls das italienische "Madama" als textfremd ansehen. Aber Italiener haben ja ihre alte Angewohnheit beibehalten, alle Namen und Fremdworte ihrem Idion anzupassen, während wir uns das nach und wegen des berüchtigten "tausendjährigen" Reichs ziemlich gründlich abgewöhnt haben.


    :hello: JR II


    PS: Apropos Film: für meinen Geschmack mit die beste Bearbeitung der BUTTERFLY-Geschichte ist übrigens der Film MY GEISHA (1962) von Jack Cardiff mit Shirley MacLaine und Yves Montand als Ehepaar (er als Regisseur, der ausnahmsweise einmal nicht mit seiner Frau drehen will, sie als verkleidete Geisha, die dann doch anonym die Hauptrolle spielt). Franz Waxman dirigiert da die Highlights der Partitur mit einer vorzüglichen Michiku Sunahara als Cio-Cio-San. Ihr "Un bel di" war meine allererste Begegnung mit dieser Oper und blieb mir (nicht nur deshalb) lange unvergesslich:



    (Die DVD gibt's derzeit nur am Marketplace, aber wer auf den Punkt klickt, kriegt noch das Coverbild)

  • In diesem Thread soll es ja um Referenz-Aufnahmen gehen.
    Um die sozialkritische Komponente zu diskutieren, sollte man
    einen anderen Thread eröffnen,z.B.: "Madama Butterfly, ein Amerikaner in Japan".


    :hello:Herbert.

  • Eine wirklich schlechte Butterfly scheint es allem Anschein nach nicht zu geben.
    Eine absolute Referenz zu finden ist daher wohl umso schwerer (ähnlich wie bei der Tosca).

  • Was für den einen ergreifend ist, nennt der andere sentimental oder kitschig - und umgekehrt. Ebenso mag jemand anders das musikalische Pathos Puccinis einfach "laut" finden. Ich kann dazu nur sagen, dass mir die Butterfly wie auch die anderen Opern Puccinis, die gescheiterte Lebensentwürfe zum Thema haben (z. B. Bohème, Manon Lescaut), sehr nahegeht. Bemerkenswert finde ich auch, dass die anti-kolonialistische Gesamtaussage nicht durch platte Schwarzweißmalerei zwischen Japanern und Amerikanern zum Ausdruck kommt, sondern dass beide Seiten potentielle Sympathieträger (Cio-Cio-San, Suzuki, Sharpless, Kate) als auch vorwiegend negativ gezeichnete Figuren (Pinkerton, Goro) aufweisen.


    Ich finde es interessant, dass auf den Film von Cronenberg (dessen Filme ich bislang immer zumindest interessant, teilweise hervorragend fand) hingewiesen wurde, da ich anderswo kürzlich sehr lobende Äußerungen dazu gelesen habe und ihn mir daher demnächst ansehen werde.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    In diesem Thread soll es ja um Referenz-Aufnahmen gehen.
    Um die sozialkritische Komponente zu diskutieren, sollte man
    einen anderen Thread eröffnen,z.B.: "Madama Butterfly, ein Amerikaner in Japan".


    Also ich wäre da nicht ganz so streng. Ich habe jetzt zwar nicht eigens recherchiert, ob es noch einen anderen Butterfly-Thread gibt, aber ist es wirklich befriedigend, wenn jeder nur seine Referenzaufnahmen ohne weitere Erläuterungen auflistet? Wenn man seine Lieblingsaufnahmen jedoch begründen will, sollte schon auch etwas zum Werk selbst gesagt werden dürfen, wie ich das beim Vergleich Karajan/Barbirolli (ohnehin nur) angedeutet habe.


    Manche dieser "Referenz"-Threads kommen mir ohnehin vor wie das Reizen beim Skatspiel, nur dass statt "18-20-zwo-Re-Bock..." ein Gavazzeni-Chailly-Barbirolli-Karajan kommt und Harnoncourt fast immer Ramsch und Kleiber stets der Grand mit Vieren ist.


    Skat ist fraglos ein unterhaltsames Spiel, und ich habe auch viel Verständnis für Papst Alfreds Floskel bei Threaderöffnungen, dass man, WENN MAN WILL, seine Nominierungen auch begründen kann. Es soll ja jeder mitmachen können. Jetzt aber gleich päpstlicher als der Papst zu werden und außersängerische Begründungen seiner Nominierungen gleich ganz aus einem solchen Thread zu verweisen, scheint mir für einen Thread in einem Klassikforum auf die Dauer aber doch etwas dürftig zu sein.


    EDIT @ Draugur: ich bin auch ein Anhänger Cronenbergs (jedenfalls einiger seiner Filme, obwohl ich die immer sehr kalt finde) und möchte niemandem davon abraten, auch diesen Film zu sehen. Ich finde einfach, er hat sich da zu weit außerhalb seiner Genres begeben, und das Ergebnis ist m. E. enttäuschend. Es bleibt aber natürlich ein Scheitern auf hohem Niveau und deshalb mindestens diskutabel, zumal der Film immerhin einer seiner zugänglichsten ist.


    Zur "lauten" Musik Puccinis: seltsamrweise stören mich vergleichbare Passagen in anderen Werken Puccinis (etwa TOSCA und TURANDOT) überhaupt nicht, im Gegenteil. Jedenfalls habe ich mit der BUTTERFLY ähnliche Probleme wie (stärker noch) mit seiner MANON LESCAUT. Ich betone jedoch ausdrücklich, dass ich das meiste andere von Puccini durchaus mag. Ich weiß auch nicht, woran es liegt. Vielleicht doch am Stoff? Bekanntlich stört mich der bei der MANON überhaupt nicht. Vielleicht liegt es an der besonderen Art Puccinis Inspiration durch Vorlagen von David Belasco, denn mit dem Mädchen aus dem goldenen Westen habe ich ähnliche Probleme.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Die oben zitierte Textzeile aus dem ersten Akt ist meines Erachtens bezeichnend für das Werk und seine Interpretationen.


    Ich habe, ähnlich wie Rideamus, ein ambivalentes Verhältnis zu dieser Oper. Im Gegensatz zu eigentlich allen anderen Puccini-Opern, die ich problemlos mehrfach hintereinander hören kann, habe ich von der Butterfly meistens schnell genug. Das Werk steht auch nach meinem Geschmack in seiner Wirkung auf der Kippe zwischen Milchpunsch und Whisky, zwischen sentimentalem Rührstück und tief wirkendem Drama. Zumindest ist deshalb meines Erachtens eine Interpretation gefordert, die nicht nur in Melodien schwelgt, sondern auch der Dramatik und Drastik des Geschehens gerecht wird.


    Auf Tonträgern gibt es meines Erachtens ziemlich viel Milchpunsch: Interpretationen, die fast ausschließlich das Sentimentale herauskehren, das Puccinis Musik immanent ist. Das schmeckt natürlich anfangs noch süß und lecker, aber irgendwann reicht es dann auch. Indizien für Milchpunsch sind langsame Tempi, satter Streicherklang, vor allem auf schöne, bruchlose Tonproduktion bedachte Sänger. Andererseits gibt es aber auch Butterfly-Deutungen, die sich richtig tief einbrennen wie ein Whisky mit langem Abgang. Besonders schroff dirigiert sind beide Aufnahmen von Erich Leinsdorf, der wohl auch den Geschwindigkeitsrekord unter den modernen Aufnahmen hält und gerade im ersten Akt den Konversationscharakter betont. Vor allem sind es aber einige Soprane in der Rolle der Cio-Cio-San, die Madama Butterfly unvergesslich machen. Hier gehören für mich besonders Maria Callas und Renata Scotto zu den großen Interpretinnen der Rolle.


    Ich nenne mal vier meiner Favoriten:




    1954 – Gianandrea Gavazzeni – de los Angeles, Di Stefano, Gobbi, Canali


    Victoria de los Angeles hat eine, gemessen an der Rolle, eher kleine Stimme, produziert aber wunderschöne bittersüße Klänge, eine zerbrechliche, sanfte, sehr berührende Butterfly ohne hochdramatische Attitüde, aber mit schlichtem und sensiblem Ausdruck. Giuseppe Di Stefano war 1954 toll bei Stimme, singt aber vielleicht etwas oberflächlich; in der Rolle des Pinkerton wiegt das aber nicht sehr schwer. Konsul Sharpless wirkt bei Tito Gobbi zwar leicht neurotisch, aber bei ihm kann man sich sicher sein, dass diese Partie nicht, wie so oft, kaum beachtet vorbeiplätschert.


    Nahezu ideal ist meines Erachtens die Orchesterleitung von Gianandrea Gavazzeni, für mich ohnehin einer der großen italienischen Operndirigenten des 20. Jahrhunderts. Gavazzeni dirigiert hier relativ zügig (125 Minuten), ohne übermäßige Sentimentalitäten, besitzt aber auch genügend Einfühlungsvermögen, die dramatischen Höhepunkte herauszuarbeiten.


    Insgesamt eine sehr ausgeglichene klassische Einspielung, mit der man, wenn man Mono toleriert, nicht verkehrt liegt.





    1955 – Herbert von Karajan – Callas, Gedda, Borriello, Danieli


    Diese Aufnahme verdient schon wegen der Cio-Cio-San von Maria Callas Erwähnung. Callas hat diese Rolle nie auf der Bühne gesungen. Ihre Stimme versucht sie im ersten Akt möglichst kindlich scheinen zu lassen, steigert sich dann aber zu fast hysterischen Ausbrüchen im letzten Akt. Nicolai Gedda ist auf den ersten Blick vielleicht keine ideale Besetzung als Pinkerton und klingt in dieser Aufnahme eher 15-jährig als seine Cio-Cio-San. Sowohl seine Stimme wie seine Darstellung haben aber ihren Reiz. Gedda hat einige wirklich schöne Momente. Die Worte "Per novecento novantanove anni" wurden wohl von keinem anderen Tenor mit so viel Liebe behandelt. Mario Borriello ist ein guter, mitfühlender Sharpless, Lucia Danieli als Suzuki ziemlich unauffällig.


    Herbert von Karajan benötigt mit dem Scala-Orchester 14 Minuten länger als Gavazzeni, ist aber immer noch etwas schneller unterwegs als bei seiner Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern aus den 1970ern. Das Orchester klingt in dieser früheren Aufnahme auch nicht ganz so dominant.





    1962 – Erich Leinsdorf – L. Price, Tucker, Maero, Elias


    Diese Aufnahme ist relativ amerikanisch gefärbt. Leontyne Price beherrscht diese Rolle stimmlich perfekt, versucht auch, ähnlich wie Callas, künstlich ihre Stimme zu verkleinern, wirkt auf mich dabei aber nicht ganz so glaubwürdig. Trotzdem gefällt sie mir gut. Richard Tuckers Stil fand ich eigentlich immer – ich kann es nicht anders beschreiben – jovial. Das passt hier aber ausgezeichnet. Er klingt wirklich nach einem nicht mehr ganz jungen, ein wenig gönnerhaften amerikanischen Eindring. Philip Maero finde ich eher uninteressant als Sharpless, gut wiederum die Suzuki von Rosalind Elias.


    Der Star ist hier meines Erachtens Erich Leinsdorf, der nur fünf Jahre nach seiner (auch sehr guten) ersten Butterfly-Aufnahme für RCA mit den sehr lyrischen Protagonisten Anna Moffo und Cesare Valletti auch die zweite Stereo-Aufnahme des Konzerns betreuen durfte.




    1977 – Lorin Maazel – Scotto, Domingo, Wixell, Knight


    Cio-Cio-San ist hier Renata Scotto, gegenüber ihrer Aufnahme unter Barbirolli mit gereifter Stimme, aber auch mit nochmals gereifter Interpretation. Die Stimme ist alles andere als schön, aber Scotto hat einen unglaublich intensiven Ausdruck. Renata Scotto hat die Ansicht vertreten, Cio-Cio-San sei kein Kind sondern eine Frau. Ihre Madama Butterfly gewinnt mit jedem Akt an Profil. Placido Domingo ist ein sehr freundlicher Pinkerton mit angenehmer Stimme. Das vibratoreiche Organ von Ingvar Wixell hingegen ist ein wenig gewöhnungsbedürftig; als Sharpless ist er allerdings gerade im zweiten Akt sehr um die Gestaltung der Partie bemüht.


    Lorin Maazel trägt meines Erachtens nicht sehr viel zum Drama bei, macht aber auch nichts grundlegend verkehrt.




    Kleine Schlussbemerkung: Auf Pinkertons Frage an Sharpless "Milk-Punch o Wisky?" ist im Libretto höfliches Schweigen vorgesehen. Einige Sänger waren aber auch in den Studioaufnahmen nicht um eine Antwort verlegen. Insoweit ist die alte Aufnahme von Oliviero de Fabritiis besonders humorvoll, in der sich zwischen Beniamino Gigli und Mario Basiola eine richtige kleine Unterhaltung über dieses Thema entspinnt. Aber auch Tito Gobbi bei Gavazzeni, Mario Sereni bei Santini und Philip Maero in Leinsdorfs zweiter Aufnahme entscheiden sich vernehmlich im Sinne von "Whisky!". Das ist mit Blick auf den folgenden Text, demzufolge sich Sharpless von Pinkerton ein weiteres Glas Whisky einschenken lässt ("Un'altro bicchiere.") folgerichtig und meines Erachtens auch in anderer Hinsicht die richtige Wahl.

  • Bei Maria Callas hast Du Recht, sie ist am Anfang die kleine Cho Co San, die sich aus Liebe verheiratet,


    da wirkt sie kindlich und glaubt P(L)inkerton,


    doch im Laufe der Handlung bis zum Schluss hin da wird aus ihr eine verbitterte Frau, die ihr Kind der Gattin des Leutnants gibt, und die sich selbst den Tod gibt.


    Ich finde diese Aufnahme ist besonders hörenswert.


    Aber auch die Turandot bringt Maria Callas einzigartig.


    Sie will eigentlich schon bei der dritten Frage, das Kalaf sie liebt, sie ist eine hin- und hergerissene Persönlichkeit.


    Außer Inge Borhk und Birgit Nilsson kenne ich keine vergleichbare Sängerin, der letzten 50 Jahre.


    Maria Callas hat ja die Turandot, glaube ich, nur 9x auf der Bühne gesungen, aber sie meinte Turandot ermordet die Prinzen, aber Turandot ermordet auch die Soprane, diese Partie ist ja wirklich schwer.

  • Das kommt davon, wenn man zwischen Tür und Angel eben einmal schnell einen impulsiven Zwischenruf abgibt, ohne das CD-Regal vor Augen und ohne einen frischen Höreindruck vor Ohren zu haben:


    Erst durch Zaubertons schönen Interpretationsvergleich bin ich darüber gefallen: Es war der Santini und nicht der Leinsdorf, der die Aufnahme mit de los Angeles und Björling dirigierte :O .


    Eine willkommene Gelegenheit für mich, die Aufnahme einmal wieder ganz zu hören (dann wird der Beitrag wahrscheinlich auch länger ;) ).


    :hello: Petra

  • Maria Callas, eine meiner absoluten Lieblingssängerinnen halte ich für die Partie der Cio Chio San nicht für eine gute Besetzung. Dieses 16jährige, naive japanische Mädchen gehörte wohl nicht zu ihren Glanzrollen,
    aber sie hatte ja genügend andere Partien, in denen sie unübertrefflich war.



    :hello:Herbert.

  • Hallo zusammen,


    dieser Thread hat mich veranlasst, mir meine Einspielung nochmals anzuhören.


    Es ist die von Herbert gepriesene Aufnahme unter Tullio Serafin.




    Ich habe sie mir vor ca. 10 Monaten gekauft und konnte so gar nichts damit anfangen. Interessanter Weise merke ich gerade, das mir die Musik doch gefällt. Ich scheine wirklich viel von Euch gelernt zu haben, seit ich bei Tamino mein Unwesen treibe. Denn gerade mit Opern habe ich mich anfänglich recht schwer getan.


    Für mich heißt das also, ich brauche eine Einspielung in deutscher Sprache. :rolleyes:


    @Knuspi: Ist es diese?




    LG


    Maggie

  • Zitat

    Original von Jacques Rideamus


    Also ich wäre da nicht ganz so streng.


    Ich auch nicht. Es ist immer schwer, den Überblick zu behalten, wenn eine Oper auf mehrere Threads zersplittert ist. Noch ist dieser nicht so angeschwollen, daß er überläuft, und wird es vermutlich so rasch auch nicht sein. Vor allem neu zur Diskussion stoßende Teilnehmer werden vermutlich dankbar sein, wenn sie im Forum nicht lang herumsuchen müssen.
    Im übrigen liegt die erste Entscheidung, ob so oder anders gestalten, bei Felipe, der das Thema gestartet hat. Allenfalls könnte auf seinen Wunsch ja die Moderation den Threadtitel etwas modifizieren.


    LG


    Waldi

  • Hallo Maggie,


    ja, das ist sie. Mir gefällt sie sehr gut. Das Dirigat von Schröder ist sehr feurig, manchmal schmerzlich, ohne kitschig zu werden. Der Linkerton von Karl Friedrich sehr brachial, was mir sehr gefällt. In anderen Aufnahmen kommt diese Partie sehr weich oder jünglinghaft rüber, so z.B. in der deutschen Einspielung mit Holm. Und die Trötschel, die ist echt der Hit. Also, die Todesszene, da kommt für mich nur die Callas dran.


    LG und viel Spaß,


    Knuspi


    Und noch was Maggie: Mir ging es wie Dir. Ich konnte mit der Butterfly nichts anfangen. Habe sie in einer schönen ponelle-Inszenierung gesehen, die mich beeindruckt hat. Doch hatte ich danach kein Bedürfnis, mir eine LP zu kaufen. Hatte einen kleinen Querschnitt mit der Callas. das hat mir gereicht. Dann stieß ich auf diese deutsche Einspielung, seitdem liebe ich diese Oper und dudele sie sehr häufig.

  • Knusperhexe


    Hallo Christoph,


    so ganz kann ich Deine Euphorie für die genannte Einspielung des Hessischen Rundfunks nicht teilen!


    Die Trötschel ist wirklich toll, aber mit dem Tenor Karl Friedrich hatte ich schon vor 20 Jahren, als ich die Aufnahme im Radio mitgeschnitten habe, meine Schwierigkeiten. Er mag in seiner Jugend zwar mit Lehar persönlich gearbeitet haben, aber als Pinkerton gefällt er mir nicht, zumal es gerade von der Butterfly in deutsch mehrere Eispielungen gibt, die besser sind, zumindest was den Tenor betrifft.


    Ich meine da speziell die DGG-Aufnahme aus Stuttgart von 1960 mit dem Puccini-Sänger par excellence - Sandor Konya - aber auch Richard Holm und Fritz Wunderlich, der 2 Querschnitte gesungen hat. Wie Du ja weißt, befasse ich mich schon seit Jahrzehnten mit deutschsprachigen Opernaufnahmen und kenne etliche Alternativen (z.B. auch Helge Rosvaenge).


    Weitere Einzelheiten gerne auf Anfrage!


    Viele Grüße


    Harald

  • Hallo Harald,


    wieviele deutsche Einspielungen gibt es denn?


    Ich mag die Stimme von Richard Holm sehr, aber ich finde ihn als Alfredo wesentlich glaubwürdiger als in der Rolle des Linkerton. Ich kann die gesangtechnische Komponente wesentlich weniger fachkundig beurteilen wie Du - mein Spezialgebiet ist die szenische :D. Ich gehe immer rein vom Gefallen aus. Um beim Vergleich Holm und Friedrich zu bleiben: Mir ist der Holm als Linkerton zu feinfühlig. Seine Stimme klingt so jung und ein wenig naiv, dass ich ihn als Alfred ideal finde, aber den Linkerton mag ich eher als "Haudrauf und denknicht"-Type und das finde ich in der wenig schlanken Stimme von Friedrich ideal verkörpert.


    Es mag stimmen, dass er nicht der ideale Puccini-Sänger ist. Wie gesagt, dass kannst Du wesentlich besser beurteilen. Rosvaenge könnte ich mir übrigens auch gut vorstellen. Welche ist denn Deine liebste deutsche Einspielung bzw. aus welchen bastelst Du sie Dir?


    LG,


    Christoph

  • Lieber Christoph,


    aus Deiner - und heutiger Sicht - hast Du natürlich vollkommen recht. Ich habe die Aufnahmen nochmals durchgehört und muß Dir zustimmen. Von meiner damaligen Warte bei meiner ersten Begegnung mit der Oper sah mein Bild des Amerikaners allerdings anders aus als heute - nach My Lai oder Bagdad.....


    Meine erste Butterfly war Maria Cebotari, ihr Partner Walther Ludwig. In meiner Phantasie war Pinkerton ein nobler junger amerikanischer Offizier - etwas leichtsinnig vielleicht, aber bestimmt kein Verbrecher! Ich bin nach dem Krieg in einem amerikanischen Flüchtlingslager aufgewachsen - meine Erfahrungen mit den Amis - als Retter und Befreier - war durchaus nur positiv.


    (Der Richard Holm hätte in diese Rolle gepaßt - ich habe ihn gekannt, er war durchaus kein Weichei, hat u.a. auch den Max gesungen!)


    Wenn wir jetzt wieder auf Karl Friedrich in der HR-Aufnahme zurückkommen, so hat er das vorweggenommen, was wir heute vielleicht als das Bild des "häßlichen Amerikaners" als Besatzungsoffizier zu kennen glauben.


    Viele Grüße


    Harald

  • Hallo Christoph,


    hier habe ich noch die deutsche Referenzaufnahme der Oper:



    Coverphoto mit freundlicher Genehmingung von dreamwiz/youngrok lee


    Aufnahme: 1960, Studio
    Dirigent: Ferdinand Leitner
    Württembergisches Staatsorchester Stuttgart
    Chor der Württembergischen Staatsoper Stuttgart
    Deutsche Grammophon 138 750 (3 LP)


    B. F. Pinkerton: Sándor Kónya
    Cio-Cio-San: Anny Schlemm
    Goro: Gerhard Unger
    Il commissario imperiale: Alfred Pfeifle
    Kate Pinkerton: Liselotte Becker-Egner
    La Cugina: Lieselotte Kiefer
    Lo Zio Bonzo: Hans Günter Nöcker
    Sharpless: Kim Borg
    Suzuki: Hetty Plümacher


    Das ist eine Kassette mit 3 Vinyl-Platten, eine CD-Ausgabe scheint es nicht zu geben.


    LG

  • Eine völlig zu Unrecht im Schatten großer Aufnahmen steht diese ausgezeichnete Einspielung aus Ungarn:




    Kincses, Takacs, Dvorsky, Miller, Gregor, Chor & Orch. der Ung. Staatsoper, Patane
    Label: Hun , ADD, 80



    Zu hören sind junge unverbrauchte Stimmen, die sich wahrlich prachtvoll ins Zeug legen, dazu noch ein von Giuseppe Patané hochmotiviert spielendes Orchester.... Gänsehautgarantie!



    Herzliche Grüße
    von LT :hello: