War das Theater vor dem Regietheater besser oder schlechter?

  • Für mich ist das eigentlich keine Frage. Ich fand es natürlich vor der Revolution besser. :DAber die Frage ist, wen hat das Theater damals wirklich derart gestört, sodass es zu diesem Umsturz kam. Ich verstehe diesen Bruch nach wie vor nicht. Er erschließt sich mir weder in der Erinnerung noch durch das Studium von Rezensionen. Mir kommt das total zwangsverordnet vor. Woher kommt die Sehnsucht so vieler nach traditionellen Inszenierungen? Was ist daran falsch? Woher kommt die aggressive Missionierungssucht der Regietheaterjünger? Soll eigentlich etwas ganz anderes erreicht werden? Dient das Theater nur als Vehikel? War früher wirklich alles schlechter?

  • Zitat

    Original von Knusperhexe
    Aber die Frage ist, wen hat das Theater damals wirklich derart gestört, sodass es zu diesem Umsturz kam.


    Na, das ist eine Frage, die sich nicht in drei Sätzen beantworten lässt.


    Zunächst gab es Theaterrevolutionen im 20.Jrdt. ja mehrere, angefangen bei Reinhardt, dann der Neuen Sachlichkeit, über die Entrümpelung in Bayreuth unter Tietjen und Winifred, später dann Wieland oder in Berlin Brecht und Felsenstein. Für alle gibt es Gründe, aber du meinst sicherlich die Veränderungen seit 1968.


    Ich denke, da ist wirklich ein ganz massiver Bruch, wobei es auch da schon vorher Tendenzen gab (Zadek in Bremen). Vom Sprechtheater hat diese Entwicklung ja damals ihren Ausgang genommen. Das lag sicherlich daran, dass die maßgeblichen Regiesseuren eher von der Pop- und Rockkultur und ihrem gesellschaftlichen Protestpotential beeinflusst waren, als von der "konservativen" klassischen Musik.


    Gewollt war ein Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer scheinbaren Verwurzelung in faschistischen Traditionen und mit ebensolchen Wurzeln. So gab es dann den radikalen Umsturz in fast allen gesellschaftlichen Bereichen, eben auch im Theater, das vielfach dann als Agitpropmöglichkeit angesehen wurde.


    Ein Weg, um von der sogenannten bürgerlichen Hochkultur wegzukommen und eine stärkere Verbindung zu den "arbeitenden Massen" herzustellen, war im Sprechtheater dann z.B. die Vernachlässigung der Sprachen und der als gestelzt angesehenen Sprechweise (Quadflieg, M. Becker, Grüngens, obwohl schon tot usw.). Unter den Folgen leidet man ja heute noch, wenn man bedenkt, dass es kaum noch ein Staatstheater gibt, in dem die Schauspieler ohne Mikrofon sprechen. (Bruno Ganz nannte diese Entwicklung seit '68 übrigens einmal, wenn ich mich recht erinnere, ein Verbrechen. Recht hat er!)


    Mit dem Zurückdrängen der Schauspieler durch das Zurückdrängen ihrer eigentlichen Stärke, des Wortes und der Sprache, (ein bestimmtes körperliches Element wurde nun gefordert, ähnlich wie heute in der Oper, wehe wenn jemand zu dick ist) gewannen zwangsläufig dann die Regiesseure stärker an Bedeutung. Sie leisteten v.a. den damals gewollten Umbruch, in dem sie die Stücke gesellschaftspolitisch hinterfragten.


    Interessanterweise führte diese Emntwicklung zu Schauspielkollektiven, die entgegen der eigentlich gewollten Intention, wieder von Einzelnen, in der Regel Männern, domiiniert wurden.


    Die Entwicklung im Opernbereich trat, wie gesagt, erst später ein. Aber auch hier sind ähnliche Entwicklungsschritte zu beobsachten. Weg vom bürgerlichen Starkult, hin zu einem Sänger, der ebenso wie im Sprechtheater mehr ausführendes Organ der Regieidee wurde und dessen Ausstrahlung und auch technische Beherrschung einer Partie nicht mehr gefragt war, weil möglicherweise kontraproduktiv zum Regiekonzept.


    Interessant wäre dabei, die Rolle der Medien zu untersuchen. Welchen Zusammenhang zwischen Intendanten, Regiesseuren und Medien gibt es? Kann ein ehrgeiziger Intendant es sich heute noch erlauben, Regietheater abzulehnen,wenn er beim nächsten Intendantenkarussell gerne mitmachen möchte? Wie gesättigt ist offensichtlich ein Feuilleton,wenn man es mit immer neuen "Skandalen" füttern muss? Wer sitzt eigentlich noch in den Kulturredaktionen? Sind es in vielen Zeitungen nicht eher Praktikanten, die das allgemein Gewünschte nur nachbeten. Man gebe bei "Paperball" nur einmal ein Stichwort zu einer aktuellen Premiere ein und schon erhält man haufenweise Kritiken. Beim näheren Lesen erkennt man, dass die sogenannten Regionalblätter alle ein und dieselbe Kritik abdrucken, die sie offensichtlich aus einer Quelle einkaufen. Damit wird aber eine unglaubliche Meinung gemacht.


    Danke Knusperhexe, dies ist ein interssanter Thread und ich hoffe, es wird hier noch viele bedenkenswerte Beiträge geben.


    :hello: Gustav

  • Also, Gustav, ich muss sagen, dass ich Deinen Beitrag total super finde. Vielen Dank! Ich werde ihn mir noch mal in Ruhe zu Gemüte führen und dann sehen, was ich dazu beitragen kann. Ich denke vor allem im Bereich Medien, Rezensionen kann ich fundiert antworten. Das, was Du beschriebst, habe ich so ähnlich vermutet, aber konnte es nicht herleiten. Vielen Dank!

  • Zitat

    Original von Gustav
    Gewollt war ein Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer scheinbaren Verwurzelung in faschistischen Traditionen und mit ebensolchen Wurzeln. So gab es dann den radikalen Umsturz in fast allen gesellschaftlichen Bereichen, eben auch im Theater, das vielfach dann als Agitpropmöglichkeit angesehen wurde.


    Ein Weg, um von der sogenannten bürgerlichen Hochkultur wegzukommen und eine stärkere Verbindung zu den "arbeitenden Massen" herzustellen, war im Sprechtheater dann z.B. die Vernachlässigung der Sprachen und der als gestelzt angesehenen Sprechweise (Quadflieg, M. Becker, Grüngens, obwohl schon tot usw.). Unter den Folgen leidet man ja heute noch, wenn man bedenkt, dass es kaum noch ein Staatstheater gibt, in dem die Schauspieler ohne Mikrofon sprechen. (Bruno Ganz nannte diese Entwicklung seit '68 übrigens einmal, wenn ich mich recht erinnere, ein Verbrechen. Recht hat er!)


    Vor allem diese beiden Absätze finde ich sehr interessant. Wurde das in den Nachwehen der 68 offen propagiert? Ich erinnere mich in der Tat noch an solche Schlagworte, wie "Wir töten Opas Theater!" Wie reagierte das Bürgertum damals? Hast Du daran noch Erinnerungen oder kannst Du Quellen nennen?

  • Ich schließe mich meiner Vorrednerin an, Gustav, deine Darstellung ist ganz hervorragend. Ich glaube auch, dass das Entstehen von Rock'n Roll und Popkultur letzlich massgebliche Faktoren sind. Man sieht das auch an den heutigen Kompositionen: Sie werben auf Teufel komm raus ums Publikum oder sie sind auf Teufel komm raus avantgardistisch. Genau so einen Antagonismus gibt es beim Publikum.
    Ich bin da altmodisch auf meine Weise:
    1. Ich will Theater und kein Konzert im Kostüm. Ich will auch durch das Geschehen auf der Bühne berührt werden.
    2. Ich will ein Theater, wo sich Musik und Szene gegenseitig befruchten.
    Mit den Augen hören, mit den Ohren sehen, das ist das Ideal.


    Es gibt heute viele schlechte Opernregisseure, das stimmt. Alles geht schnell, allle kommen schnell hoch. Viele können das Handwerk nicht: Ein Stück erzählen, Charaktere entwickeln, Personen führen, die Besonderheit des Stückes herausholen.
    Dafür muss der Regisseur sehr musikalisch sein. Ich behaupte: Ich darf als Regisseur nie davon ausgehen, dass der Zuschauer das Stück kennt.
    Viele Exponenten des "Regietheaters" inszenieren heute nur einen Kommentar zum Stück. Für mich dürfen sie das nur, wenn sie das Stück mit "abliefern".
    Auch die angesprochene Rolle der Medien ist wichtig. Sie brauchen und wollen immer das Besondere, noch nicht dagewesene. So bekommt der aggressive Regiebeserker, der ästhetische Neuerer mehr Medienpräsenz als der sauber arbeitende Spielleiter.
    Dabei darf übrigens nicht vergessen werden, dass wir heute auich ungeheuer viele schlechte Operndirigenten haben: Die Orchester sind zu laut, Dirigenten und Sänger verständigen sich nicht vorab, der Dirigent führt den Sänger nicht, hält nur den Laden zusammen.


    Hier, ich komme auf die Ursprungsfrage zurück, liegt die allergrößte Verschlechterung gegenüber Zeiten als es Leute wie Keilberth und Kempe, Leitner und Heger, Schmidt-Isserstedt und Vaclav Neumann (ich nenne nur die, die schwerpunktmäßig in Deutschland gearbeitet haben) mit großer Präsenz am jeweiligen Ort ihres Engagements gewirkt haben.


    Ansonsten kann ich die Frage so gut nicht beantworten, weil ich noch zu jung bin. Meine erste Oper war ein "Holländer" von Wieland Wagner, der mich absolut gefangen nahm. Aber Schuld war vor allem Theo Adam! Die Großen funktionieren seit jeher ohne Regisseur. Allerdings an den kleinen Häusern... Beispiel: Pelleas und Melisande in Aachen, Premiere Oktober 09. Eine fantastische Produktion mit moderner Optik, aber: die Regisseurin hat ungeheuer subtil die Beziehungen zwischen den Figuren aus der Musik heraus entwickelt, so dass auch diese stärker, größer wurde. So soll es sein. Wenn das gelingt, sind wir vielleicht doch weiter als vor 50 Jahren.


    Die interessantese Frage ist, wo geht das demnächst hin? Im Moment ist das "Regietheater" ja eher in der Kritik. Was käme dann? Wunderlich, Callas, London oder Pavarotti haben wir im Moment ja gar nicht, oder?

    Der Jugendtraum der Erde ist geträumt
    Grillparzer
    Macht nix!
    grillparzer

  • Nur ganz kurz, weil ich eigentlich arbeiten müsste. :D :D


    Freut mich lieber Grillparzer, liebe Knusperhexe, dass euch mein Betrag gefallen hat.


    Zitat

    Vor allem diese beiden Absätze finde ich sehr interessant. Wurde das in den Nachwehen der 68 offen propagiert? Ich erinnere mich in der Tat noch an solche Schlagworte, wie "Wir töten Opas Theater!" Wie reagierte das Bürgertum damals? Hast Du daran noch Erinnerungen oder kannst Du Quellen nennen?


    Erinnerungen habe ich daran eigentlich weniger, 1968 war ich 9. Als Quelle fällt mir ihm Moment spontan nur eine DVD von Goethes Torquato in der legendären Peter-Stein-Inszenierung von 68 oder 69 mit Bruno Ganz und Edith Cever ein. Und da gibt es ein Gespräch mit Ganz zur damaligen Situation und u.a. auch dem "Vernichten" der Sprechkultur. Ganz distanziert sich davon heute völlig und Peter Stein hat ja einen ähnlichen Weg beschritten.


    Lieber Grillparzer, die Dirigentenfrage ist hochinteressant, ebenso die der Korepititoren oder auch der Hochschulen.


    Aber da muss ich eine Antwort verschieben, die Arbeit ruft! :(


    :hello: Gustav

  • ...soll bloß quasi eine Nebenbemerkung sein - freilich eine mir wichtige...


    hier gehts mir nicht um die überregional beachteten Häuser, in denen die Schenks, die Hilsdorfs etc. etc. ihr sei`s Wesen, sei`s Unwesen treiben......


    ich denke an die Tournee-, die Provinztheater(chen), von denen, so man nicht da ums Eck wohnt, kaum irgendwer spricht...


    ...die alte Klassiker gelegentlich frisch und forsch aufzumöbeln wissen
    (akt. darf wohl das, soeben rausgekommene, Würzburger "Weisse Rößl" hier genannt werden),
    ohne dass es i.E. nun immer gleich schon "Regietheater" ist...


    So manchen Schub hätten DIE nu mgl.erweise doch nicht bekommen ohne die Konwitschnys usw. in der (über)nächsten Großstadt...


    was sagt uns das jetzt :beatnik:
    micha

  • Zitat

    Original von pieter.grimes
    So manchen Schub hätten DIE nu mgl.erweise doch nicht bekommen ohne die Konwitschnys usw. in der (über)nächsten Großstadt...


    Ist denn dieser Schub erwünscht? Ich weiß von einem Tourneetheater, dass es seine Operetten und Musicals bewusst in traditionell überlieferter Form spielt, da sie sonst mit Einnahmebußen rechnen müssen. So ist es ihnen mal bei einem modernisierten Zigeunerbaron gegangen. Der lief dann gar nicht mehr. Allerdings weiß ich auch von einer "Rössl"-Tournee, die eine totale Persiflage war und deswegen aber ein Riesenhit Allerdinsg war es auch als Verballhornung beworben worden und hatte ein anderes Publikum im Visier.

  • - hm mgl.erweise sollte man - spez. bzgl. Operetten - zwischen Tournee- und Provinztheater in der Tat differenzieren...


    - ob in WÜ u. andernorts solche Schübe "erwünscht" sind? -don`t know...wär aber mal eine interessante Umfrage...
    (mitunter könnten solche Schübe durchaus "im Sinne des Erfinders sein" - die erwähnte Rößl-Inszenierung haben sie durchaus mit manchen Hits aufgemotzt, die mit dem eigtl. Stück so gar nichts zu tun haben: Das soll aber bereits bei der UA schon nicht anders gewesen sein...)


    aber TSCHÖ jetzt...tolle Schneelandschaft grade draußen...
    micha

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  • Wir diskutieren hier seit Wochen in immer neuen Threads über das immer gleiche Thema...prinzipiell ist nichts dagegen zu sagen, meine Meinung habe ich auch bereits geäußert.


    Allerfings ist dies ein sehr "deutsches" Thema, da die Oper, und um die geht es hier ja, in anderen Ländern (USA, Großbritannien, Italien) von diesen "Auswüchsen" ichbesessener, karrieregeiler Möchtegern- Regisseure nur am Rande betroffen war und ist.


    Die deutsche Theaterstruktur mit ihren vielen kleinen und mittleren Häusern, die einen ständigen Spielbetrieb garantieren müssen, war und ist für das oft unprofessionelle Arbeiten der oben genannten Spezies sehr anfällig. In der "Provinz" muss man auffallen, um dann Karriere machen und in den großen Häusern (Berlin, Hamburg, München) inszenieren zu dürfen. Man fällt ja immerhin auch dann auf, wenn man eine Oper zur völligen Unkenntlichkeit "inszeniert" und den alten Leuten...viele, viele aus 68'er-Generation...eine Freude macht.
    Die haben immer noch nicht gemerkt, dass sie Geschichte sind, weder auf den Intendantensesseln noch in den Zeitungs-u. Fernsehredaktionen!


    Aus meiner Sicht kann und darf Oper nur inszenieren, wer über gute musikalische Kenntnisse verfügt und den besonderen Erfordernissen des MUSIKtheaters Rechnung trägt....die wenigsten Sänger sind begnadete Schauspieler, sie benötigen immens viel Unterstützung und "Führung". Die zu leisten sind viele Regisseure der letzten 40 Jahre nicht in der Lage. Zudem ist ihnen die "Anti-Haltung" zur eigentlichen Natur geworden und eine Geschichte spannend und gradlinig zu erzählen, wäre ja "bürgerlich-faschistoid". Mich überkommen bei dem Vokabular Gähnanfälle!


    LG
    Fides :hello:

    La vita è bella!

    Einmal editiert, zuletzt von Fides ()

  • Zitat

    Original von Fides
    Aus meiner Sicht kann und darf Oper nur inszenieren, wer über gute musikalische Kenntnisse verfügt und den besonderen Erfordernissen des MUSIKtheaters Rechnung trägt...


    Das sehe ich genauso- aber ein Regietheaterregisseur kann genau wie einer vom Traditionstheater Noten lesen oder eben nicht.


    Zitat

    Original von Knusperhexe
    Woher kommt die aggressive Missionierungssucht der Regietheaterjünger?


    Wir "Regietheaterjünger", zumindest ich, versuchen, unseren Standpunkt zu begründen und auch Beziehungen zwischen beiden Inszenierungsarten aufzuzeigen. Warum man das "aggressive Missionierungssucht" nennen muss, erschließt sich mir nicht.


    Zur Frage: Das Theater war immer gleich gut und wird immer gleich gut sein. Ich habe es bereits mehrfach gesagt: Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Komponist mit seinem Werk etwas sagen wollte. Wie sollen die Menschen von heute diesen Subtext verstehen, wenn die Oper nicht in ihrer eigenen Welt, in ihrer eigenen Sozialstruktur verortet ist? Was ist so schlimm daran?


    :no:


    :hello:

  • Zitat

    Original von Basti
    [quote]Original von Fides
    Zur Frage: Das Theater war immer gleich gut und wird immer gleich gut sein. Ich habe es bereits mehrfach gesagt: Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Komponist mit seinem Werk etwas sagen wollte. Wie sollen die Menschen von heute diesen Subtext verstehen, wenn die Oper nicht in ihrer eigenen Welt, in ihrer eigenen Sozialstruktur verortet ist? Was ist so schlimm daran?


    Lieber Basti!


    Ich bin überhaupt kein 100%iger Gegner des Regietheaters, aber ich merke, wie ich im Laufer der Jahre immer konservativer werde, weil mir eine ganz bestimmte Haltung nicht nur gegen meinen Strich, sondern immer stärker auch gegen meine Würde als Mensch geht. Großes Wort, aber ich erkläre es gleich.


    Zunächst glaube ich nicht, dass Theater immer gleich gut ist. Das Wegfallen schlichter handwerklicher Tugenden ist, wie ich oben versucht habe zu skizzieren, eine direkte Folge der Theaterrevoulution nach 1968.


    Beispiele: "Arturo Ui" in der vielgerühmten Inszenierung von Heiner Müller. Den ganzen Abend hatte der damalige Schauspieler des Jahres Martin Wuttke seinen Text zu brülllen (das hat übrigens im deutschen Theater seit dem Expressionismus eine lange Tradition) und man verstand kein Wort. (Brüllen muss man können!) Dann kam als Einlage am Schluss die fast 90jährige Marianne Hoppe und zitierte den Hamlet-Monolog. Das war eine Lehrstunde in gepflegtem Sprechen und eine Ohrfeige für fast alle heutigen Schauspieler. Es geht also. Und es war einmal selbstverständlich, dass Schauspieler bis in den letzten Winkel des Theaters, welche Größe auch immer, zu verstehen waren. Die Liste könnte ich endlos fortsetzen. Eine Einrichtung wie Mikrophone wären übrigens in England undenkbar. Da gibt es aber auch noch eine vernünftige Ausbildung. Ähnliche Tendenzen sind in der Oper leider auch auszumachen.


    Zurück zur Menschenwürde. Eine Sängerin in Hamburg, die sicherlich dem heutigen Hungerhakenideal nicht entspricht, die aber noch lange nicht fett ist, wurde in einer Inszenierung in ein hautenges, rotes Lederkostüm mit kurzem Rock und hochhackigen Schuhen gezwängt. Kannst du dir vorstellen, wie die sich gefühlt hat? Und dann sollte sie noch singen!


    Dieses Ausstellen von Menschen und das ist noch ein harmloses Beispiel, nenne ich entwürdigend für Sänger (Schauspieler) wie auch für das Publikum. Man kann es auch menschenverachtend nennen, wenn z.B. nackte Menschen auf der Bühne herumturnen müssen. Ich leide dann mit und dafür gehe ich nicht ins Theater. Alternative ist, wenn man nur Schauspieler und Sänger mit dem entsprechenden "body" nimmt. Und auch das hat etwas von menschenverachtender "Selektion". Es geht eben nicht mehr darum, den Menschen, den Künstler in seinen Vorzügen auf die Bühne zu bringen, sondern nur noch darum, Menschenmaterial für seine Ideen zu gebrauchen. Und sage nun bitte nicht, das käme nur selten vor.


    Edda Moser erzählte in "da capo", dass sie als Salome in Rom 5 Orgasmen markieren (hatte noch Glück, dass sie nur markieren sollte :D) und Herodes oral befriedigen sollte. Sie weigerte sich, bzw. stellte es während der Aufführung einfach nicht da. Eine Moser konnte sich weigern, angestellte Sänger haben dann Pech. Und irgendwie wirkt das Beispiel, verglichen mit vielen Inszenierungen von heute, ja noch harmlos. Das ist entwürdigend und menschenverachtend, auch dem Publikum gegenüber.


    Du fragst, wie Menschen von heute diesen Subtext verstehen sollen. Und gerade diese besserwisserische Haltung des schlechten Regietheaters finde ich in ihrer arroganten Art, verzeih, zum :kotz:


    Das Publikum ist nicht so dumm, wie viele, gerade auch in den Medien immer meinen und es gerne hätte. Und ich will mir nicht mehr vorschreiben lassen, was und wann ich zu denken habe. Ich bin in einem demokratischen Gemeinwesen aufgewachsen und bin nicht bereit, meine demokratischen Rechte wie Eigenverantwortung und Freiheit, auch Freiheit der Gedanken an der Theatertür abzugeben. Und wenn Menschen sich keine Gedanken machen wollen, daann ist das, nach einem harten Arbeitstag, ihr verdammtes Recht!


    Wie gesagt, ich habe nichts gegen gutes Regietheater. Der Tristan von Ruth Berghaus in Hamburg gibt mir Bilder vor, die ich mit eigenen Gedanken füllen kann - wenn ich will. Ebenso Bob Wilson oder Lehnhoff u.a. Aber die besswerwisserische Haltung eines Konwitschny, der schon vor der Premiere in allen verfügbaren Medien und Podiumsdiskussionen erklärt, was ich zu denken habe, ist für mich diktatorisch und damit rückwärtsgewandter als die plüschigste Inszenierung, die nur mit den Kulissen und dem Geld wackelt, mir aber Freiheiten lässt.


    Sorry, fühl dich bitte nicht angegriffen, so war es nicht gemeint, aber du siehst vielleicht, wie in Brass ich bin. Ich habe langsam die Nase gestrichen voll, von all den Weltverbesserern, die mich missionieren wollen.


    :hello: Gustav

  • Zitat

    Original von Knusperhexe
    Woher kommt die aggressive Missionierungssucht der Regietheaterjünger?


    Es mag viele Gründe geben.
    Prinzipiell ist es "Klassenkampf" - wie ja viele Äusserungen innerhalb dieser "Regietheaterthreads " zeigen.
    Man wird mir hier rügen, das sei simplifiziert - und das ist auch durchaus richtig, es gibt vielerlei Gründe - aber der von mir genannte ist ein bedeutender Aspekt.



    Zitat

    Wir "Regietheaterjünger", zumindest ich, versuchen, unseren Standpunkt zu begründen und auch Beziehungen zwischen beiden Inszenierungsarten aufzuzeigen. Warum man das "aggressive Missionierungssucht" nennen muss, erschließt sich mir nicht.


    Aggressive Missionierungssucht DESHALB , weil ja beinahe jeda Zeitungsredaktion mit regietheaterhörigen Redakteuren verseucht ist, weil (bis vor kurzem) niemand ungestraft diese Form des Theaters kritisieren durfte oder konnte. Indes - die Gesellschaft hat sich gewandelt - oder ist zumindest im Wandel begriffen, manches was vor fünf Jahren als unsagbar galt - ist inwischen sagbar geworden


    Nun etwas sehr subjektives:
    Es ist mir immer suspekt, wenn man in der Kunst Standpunkte "begründen" muß, Kunst soll aus sich heraus wirken und zu Ahh ond Ohhh Rufen animieren. Hässliche Kunst ist in letzter Konsequenz keine, auch wenn das vielfach bestritten wird.


    Auch ich finde übrigens Gustavs Beitrag als einsame Spitze, weil er historisch Zusammenhänge aufzeig, die sonst gerne unter den Tisch gekehrt wurden.


    Kommen wir zu jenem Teil des Threads wo ich hoffe, daß er sich von seinen Vorgängern inhaltich abheben wird:


    Das weisse Rössel in eine Inszenierung, die eine Parodie ist:


    Hier würde ich ganz vorsichtig behaupten, daß dies insofrn zulässig ist, weil das "Weisse Rössel" zum einen mehr "Musikalische Komödie" als Operette ist, und angeblich von Anbeginn als Parodie gedacht war.
    Wenn man die Texte genau hört, wenn man die Couplets analisiert, wenn man die falsche Trachtenseeligkeit


    "Ja da staunt halt der Ochs und die scheckige Kuh,
    und sie schauen sich an, und sie blinzeln sich zu.
    Und der Himmel ist blau, und das Lüfterl ist lind,
    denn ein Kuddelmuddel auf der Alm ist ka Sünd! Juhu!"


    als soche erkennt,
    dann ist es eigentlich klar, daß das STück
    durchaus seine Qualitäten hat
    aber von der Aussage her nicht ernst gemeint ist.


    Dies Ironie jedoch ist es die dem Stück - ähnlich wie bei Offenbach
    eine gewisse Zeitlosigkeit verschafft.


    Anders ist das bei Operetten von Lehar, die gerne
    in die Nähe von Puccini gerückt werden, insbesondere
    "Das Land des Lächelns " und "Der Zarewitsch"


    Diese beiden Operetten sind von der Aussage her tendenziös -
    und mich wundert, daß man sie nicht verboten hat :D


    Die Aussage der ersten ist eigentlich - "Heirate nie einen Fremden"
    oder "Gleiches Blut - Gleiches Gut"


    Beim Zarewitsch ist die Aussage ähnlich:
    Ein Kronprinz darf sich selbstverständlich mit einem jungen schönen Mädchen ein Verhältnis (in diesem Fall : zu "Übungszwecken" oder als "Antidepressivum") anfangen. Aber geheiratete wird letztlich standesgemäß.


    Solche Stücke haben das Regietheater bisher wenig interessiert -vermutlich weil sie nicht ernst genommen wurden...


    mfg aus Wien


    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


  • Zitat

    Original von Gustav
    Zunächst glaube ich nicht, dass Theater immer gleich gut ist. Das Wegfallen schlichter handwerklicher Tugenden ist, wie ich oben versucht habe zu skizzieren, eine direkte Folge der Theaterrevoulution nach 1968.


    Beispiele: "Arturo Ui" in der vielgerühmten Inszenierung von Heiner Müller. Den ganzen Abend hatte der damalige Schauspieler des Jahres Martin Wuttke seinen Text zu brülllen (das hat übrigens im deutschen Theater seit dem Expressionismus eine lange Tradition) und man verstand kein Wort. (Brüllen muss man können!) Dann kam als Einlage am Schluss die fast 90jährige Marianne Hoppe und zitierte den Hamlet-Monolog. Das war eine Lehrstunde in gepflegtem Sprechen und eine Ohrfeige für fast alle heutigen Schauspieler. Es geht also. Und es war einmal selbstverständlich, dass Schauspieler bis in den letzten Winkel des Theaters, welche Größe auch immer, zu verstehen waren. Die Liste könnte ich endlos fortsetzen. Eine Einrichtung wie Mikrophone wären übrigens in England undenkbar. Da gibt es aber auch noch eine vernünftige Ausbildung. Ähnliche Tendenzen sind in der Oper leider auch auszumachen.


    Zurück zur Menschenwürde. Eine Sängerin in Hamburg, die sicherlich dem heutigen Hungerhakenideal nicht entspricht, die aber noch lange nicht fett ist, wurde in einer Inszenierung in ein hautenges, rotes Lederkostüm mit kurzem Rock und hochhackigen Schuhen gezwängt. Kannst du dir vorstellen, wie die sich gefühlt hat? Und dann sollte sie noch singen!
    :hello: Gustav


    Da bin ich absolut Gustavs Meinung. HANDWERKLICHES KÖNNEN - das sollte man voraussetzen, aber gerade das vermisse ich so schmerzlich in vielen Bereichen. Im Bereiech der Oper: Sänger, die man nicht hört und die ihre Partien nicht "drauf" haben, Regisseure, die weder mit der Musik noch mit Personenführung etwas anfangen können, Direktoren und Intendanten von Opernhäusern, die fachlich nicht qualifiziert sind, aber politisch entsprechen, weil sie gute Verbindungen haben.
    Da geht es nicht um: gefällt mir oder nicht - diese Leute beherrschen ihren Job nicht.
    Als "Künstler" kann man solche Unzulänglichkeiten halt unter dem Mäntelchen von "jeder Künstler ist einzigartig" und "alles ist Geschmackssache" ganz gut vertuschen. Und das Publikum läßt sich in viel zu vielen Fällen davon blenden. Und Kritiker haben geradezu Panik als "altmodisch" zu gelten und schreiben seitenweise über Handlung des Werkes und Sichtweise des Regisseurs, weil sie handwerklich vom Singen eh keine Ahnung haben (oder irrtümlich glauben ihren Lesern dieses detaillierte "technische" Gelabere nicht zumuten zu können). Ist leider in den allermeisten Fällen so.
    Wirklich ärgerlich finde ich es, wenn zu handwerklichem Dillettantismus noch Respektlosigkeit gegenüber dem Komponisten kommt. Ich bin der Meinung, der Komponist verdient Respekt von den ausübenden Interpreten. So wie die Sänger den Respekt des Regisseurs haben sollten. Wenn man bei einem Interpreten von "Größe" sprechen will dann hat das für mich viel mit Berufung, totaler Hingabe, mit der viel zitierten "heiligen Flamme" und einer bedingungslosen Liebe zu seinem Beruf zu tun. Ist viel seltener als man glauben möchte - raunze ich auf einem hohen Niveau? Ich finde, in der Kunst allgemein ist allzu billig, alles nur mit dem individuellen Geschmack zu bewerten. Sich Fachwissen anzueignen ist zeitintensiv, aber unendlich lohnend und hat noch lange nichts mit wissenschaftlicher Schwafelei und vorsetzlicher Belehrung zu tun. Ich finde es schade, daß etwa die Beurteilung von Sängern immer mehr zu kritiklosem Fan-Tum und Hitparaden-Listen verkommt.

  • Zitat

    Original von Gustav
    Zurück zur Menschenwürde. Eine Sängerin in Hamburg, die sicherlich dem heutigen Hungerhakenideal nicht entspricht, die aber noch lange nicht fett ist, wurde in einer Inszenierung in ein hautenges, rotes Lederkostüm mit kurzem Rock und hochhackigen Schuhen gezwängt. Kannst du dir vorstellen, wie die sich gefühlt hat? Und dann sollte sie noch singen!


    Lieber Gustav,


    das passiert aber auch in einer konventionellen Aufführung. Ich erinnere mich da mit Schrecken an die nicht nur stimmlich sehr stattliche Elisabeth Connell als Senta in dem Marelli-Holländer. Sie sah in dem enganliegenden Schürzen-Trachtenkostüm aus wie die Wurst in der Pelle und musste dazu noch eine bezopfte Blondperücke tragen. Das war wirklich desillusionierend...


    Ansonsten kann ich zu Konwitschny nur sagen, dass ich mich selten bei diesem wirklichen Könner (in musikalischer wie regiehandwerklicher Sicht) gelangweilt habe und zu Wagner, dass er ein notorischer Weltverbesserer war, der das kulinarische Opernpublikum verachtete und es erziehen wollte.


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Zitat

    Original von Basti


    Wir "Regietheaterjünger", zumindest ich, versuchen, unseren Standpunkt zu begründen und auch Beziehungen zwischen beiden Inszenierungsarten aufzuzeigen.


    Ich bezog meine Frage auf die Geschichte des Regietheaters. Also, eher: Wie konnte es dazu kommen? Und das hat Gustav sehr gut offengelegt.

  • Zitat

    Original von GiselherHH


    Lieber Gustav,


    das passiert aber auch in einer konventionellen Aufführung. Ich erinnere mich da mit Schrecken an die nicht nur stimmlich sehr stattliche Elisabeth Connell als Senta in dem Marelli-Holländer. Sie sah in dem enganliegenden Schürzen-Trachtenkostüm aus wie die Wurst in der Pelle und musste dazu noch eine bezopfte Blondperücke tragen. Das war wirklich desillusionierend...


    Lieber GiselherHH!


    Das kenne ich auch, z.B. damals Margaret Price in unserem Hamburger Figaro in einem rosa Kleidchen sich auf dem Bett lümmelnd. Sehr unvorteilhaft, aber und das ist der Unterschied, so vom Regiesseur nicht geplant, da er mit einer anderne Sängerin die Partie erarbeitet hatte.


    :hello: Gustav


    PS: Frag' mal, wie manche Säner oder Choristen, die nicht so wollten, wie der Meister, von Konwitschny behandelt wurden.

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Aggressive Missionierungssucht DESHALB , weil ja beinahe jeda Zeitungsredaktion mit regietheaterhörigen Redakteuren verseucht ist, weil (bis vor kurzem) niemand ungestraft diese Form des Theaters kritisieren durfte oder konnte. Indes - die Gesellschaft hat sich gewandelt - oder ist zumindest im Wandel begriffen, manches was vor fünf Jahren als unsagbar galt - ist inwischen sagbar geworden


    Da tut sich in der Tat wirklich was und das bleibt auch von den Intendanten nicht unbeachtet: Gerade der Nachwuchs übt oftmals laut und recht unkonventionell Kritik am Regietheater und fordert, die Geschichten einfach so zu erzählen, wie sie im Opernführer stehen. Ein weiteres Indiz: Es ist gerade diese Generation, die Wert drauf legt, sich für einen Opernabend in Schale zu werfen und genüsslich über die herzieht, die ins Theater schluffen mit Schlabberpulli und Jeans. Ob ich letzteres jetzt unbedingt gutheißen soll, weiß ich noch nicht. Es ist aber auf jeden Fall nicht von der Hand zu weisen. Kürzlich war auch in irgendeinem Artikel zu lesen, dass die Jungen ziemliche Traditionalisten seien und diejenigen seine, die am Besten gekleidet ins Theater gehen. Muss ich noch mal genauer recherchieren.

  • Lieber Gustav,


    ich weiß, dass es am Anfang in Hamburg zu Auseinandersetzungen von K. z.B. mit dem Chor kam und dass es da wohl auch mal recht laut zugegangen sein soll. Bo Skovhus und Kurt Moll etwa haben sich, trotz anfänglicher (und in Molls Fall auch noch anhaltender) Skepsis gegenüber Ks. Konzepten aber doch sehr lobend über seine Fähigkeiten und die Mühe geäußert, die er aufbringt, um den Sängern seine Vorstellungen verständlich zu machen. Als Tyrannen und Menschenschinder kann man K. wohl kaum bezeichnen. Regisseure dürfen aber auch keine Weicheier sein, denn sonst könnten sie ihre Vorstellungen kaum umsetzen. Und despotische Regisseure gab es auch schon lange vor 1968, da muss man nur mal Probenberichte über den genialen Fritz Kortner lesen...


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

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  • Lieber GiselherHH!


    Ich bezog mich schon auf spätere Ereignisse, es ging auch mehr um Sängerinnen und Choristinnen. Ich würde ihn in dieser Beziehung auch nicht als Tyrannen oder Menschenschinder bezeichnen. Es ging eher darum, wie er reagiert, wenn man seine Arbeit auch nur leicht kritisiert. (siehe auch Publikumsdiskussionen). Aber das ist auch müßig, darüber zu diskutieren. Dein Beispiel mit Kortner ist, hüstel, leider überzeugend. ;)


    Ich würde K. auch nie unterstellen, dass er keine Ahnung hat oder dass er sein Handwerk nicht versteht. Der Lohengrin z.B. ist, was das Handwerkliche betrifft, exzellent. Was man von anderen Regisseuren wahrlich nicht behaupten kann.


    Ich denke aber trotzdem, dass es einen Unterschied zwischen Wagner und einem Regisseur gibt. Wagner hat ein originäres Kunstwerk erschaffen und wenn er es unter dem Mantel der Kunstreligion produziert (was mich übrigens nur am Rande, eher historisch, interessiert, dann ist das seine Sache und ich kann ihm da folgen oder nicht. Ein Regisseur springt aber auf einen fahrenden Zug auf und ist sozusagen dann damit ein "Trittbrettfahrer". Inwieweit er mit Hilfe fremder Werke "missionieren" darf, darüber ließe sich, denke ich, trefflich streiten. Ich will ihnen, genauso wie den Komnponisten das Recht dazu überhaupt nicht bestreiten. Aber dann bitte mit eigenen Werken.


    :hello: Gustav

  • Zitat

    Original von Gustav
    [..]
    Ich denke aber trotzdem, dass es einen Unterschied zwischen Wagner und einem Regisseur gibt. Wagner hat ein originäres Kunstwerk erschaffen und wenn er es unter dem Mantel der Kunstreligion produziert (was mich übrigens nur am Rande, eher historisch, interessiert, dann ist das seine Sache und ich kann ihm da folgen oder nicht. Ein Regisseur springt aber auf einen fahrenden Zug auf und ist sozusagen dann damit ein "Trittbrettfahrer".
    [..]


    Aber eine Inszenierung kann durchaus ebenfalls als Kunstwerk betrachtet werden. Und die Zeiten überdauern.


    allgemein:
    Ich kann daran nichts verwerfliches entdecken, wenn ein alter Stoff, sei er literarisch oder musikalisch, unter neuen Gesichtspunkten und unter Nutzung aktueller zeitlicher Bezüge interpretiert wird. Vielleicht gehe ich einfach zu selten in die Oper, aber mir geht es einfach nicht so, dass ich bei einer modernen und womöglich auch sperrig bis missratenen Inszenierung einer Oper erbost das Opernhaus verlasse und mir der Opernabend verdorben ist. Vielmehr finde ich die Versuche der Inszenierung des alten Stoffes hochspannend. Manchmal geht man aus der Oper und ist sich mit seiner Begleitung einig: die regie war schlecht/ungünstig/sperring/... . Aber das verdirbt mir nicht die Musik. Vielleicht habe ich an einen Opernabend andere Erwartungen als andere.


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

  • Zitat

    Original von Chorknabe


    Aber eine Inszenierung kann durchaus ebenfalls als Kunstwerk betrachtet werden. Und die Zeiten überdauern.


    Völlig einverstanden. Aber es ging auch mehr um den "missionarischen" Ansatz, diesem "Du-hast-mir-zu-folgen, ich-bringe-dir-die Wahrheit".


    Zitat


    Ich kann daran nichts verwerfliches entdecken, wenn ein alter Stoff, sei er literarisch oder musikalisch, unter neuen Gesichtspunkten und unter Nutzung aktueller zeitlicher Bezüge interpretiert wird.


    Ich auch nicht. Was ich aber immer weniger abkann, ist dieser "Holzhammer", der so wenig Raum für eigene Phantasien lässt. Ich möchte Inszenierungen, die ein Geheimnis bewahren.


    Zitat

    Manchmal geht man aus der Oper und ist sich mit seiner Begleitung einig: die regie war schlecht/ungünstig/sperring/... . Aber das verdirbt mir nicht die Musik.


    Oftmals leidet die Musik darunter aber auch, weil man z.B. bestimmte Typen haben möchte und nicht bestimmte Sänger, weil, wie jetzt in Hamburg, die Lucia während der Arie eine enge Wendeltreppe rauf- und runterlaufen musste und dadurch hörbar größte stimmliche Probleme hatte usw.


    :hello: Gustav

  • Lieber Chorknabe,
    ich stimme dir in diesem Punkt nicht zu. Theater wird stets für den Moment gemacht, es muss im Moment berühren, anregen, vielleicht auch betroffen machen.


    Das ist genau der Punkt, wo ich, an sich Anhänger der Freiheit der Kunst, also auch des Regietheaters, immer wieder verärgert bin: Dieses Misstrauen der Emotion gegenüber, dem echten Gefühl gegenüber. In sogenannten "modernen" Inszenierungen herrscht sehr häufig eine pseudointellektuelle Kälte. Die kenne ich aber schon vom Leben draußen in der Welt. Wenn man aber diese Kälte zum Thema machen will (es gibt ja Stücke, wo sich das durchaus anbietet: "La Traviata", "Wozzeck", "Giulio Cesare", "Tannhäuser" und und und), warum muss man es auf kalte Weise tun? Warum verweigern die Regisseure so häufig der Musik ihre Sinnlichkeit?
    Das verstehe ich nicht (auf Herrn K. trifft das, glaube ich nicht so zu) und so spüre ich mich auch konservativer werden. Denn diese Kälte ist eben nicht frei und innovativ, sondern auch wieder institutionalisiert und - dümmlich politisch korrekt und langweilig.
    Natürlich gibt es Ausnahmen in Menge, Gott sei dank,
    ich nenn mal als Beispiel die besseren Arbeiten von Carsen, Krämer, Nel und auch dem hier so schön verteufelten Hilsdorf. Seine Bonner Händelinszenierungen waren eine absolute Wucht, innovativ, werktreu und über die Maßen musikalisch.


    Gruß an alle,
    es macht wirklich Spass mit euch zu "reden"

    Der Jugendtraum der Erde ist geträumt
    Grillparzer
    Macht nix!
    grillparzer

  • Zitat

    Original von Grillparzer
    Das ist genau der Punkt, wo ich, an sich Anhänger der Freiheit der Kunst, also auch des Regietheaters, immer wieder verärgert bin: Dieses Misstrauen der Emotion gegenüber, dem echten Gefühl gegenüber. In sogenannten "modernen" Inszenierungen herrscht sehr häufig eine pseudointellektuelle Kälte.


    Warum verweigern die Regisseure so häufig der Musik ihre Sinnlichkeit?


    Aus Angst, am Kitsch zu schrammen, oder, noch schlimmer, als altmodisch und konventionell zu gelten. "Mut zur Schönheit" hat Riccardo Muti einmal gefordert.

  • Ich bin heute wieder mal durch Zufasll über diesen Thread gestolpert - und war hocherfreut. Es wird völlig richtig immer wieder festgestellt, daß das Thema Regietheater immer wieder gern aufgewärmt wird.


    Dem pflichte ich bei - und ich liebe es schon deshalb weil es die Quoten an Mitlesern unt Mitschreibern in die Höhe bringt. Das Thema vermag also zu fesseln und polarisieren. Was will man als Forenbetreiber mehr ?


    Zudem wird der unwillige Ruf nach Einstellen des Themas vor allem von Anhängern des Regietheaters eingefordert - ein Grund mehr diesem Wunsch nicht nachzukommen.


    Wir sind dabei in eine offene Wunde zu stoßen - gewissermaßen in die Achellesferse. :D


    Immer wieder sprechen mich Leute an, sie wären Mitleser des Tamino Klassikforums - und sie verfolgten unsere Kampagne gegen diesen Auswuchs mit voller Sympathie.
    "Fein" sage ich in diesen Fällen - Dann registrieren Sie sich doch bitte und artikulieren Sie bitte ihren Unmut"
    Dies wiederum ist UNSERE Achillesferse. Durch jahrelange Medienkampagne sind diese Leute eingeschüchtert und mundtot gemacht - sie wollen sich nicht öffentlich äussern.
    Wer das nicht verstehen kann, dem rate ich mal nachzulesen was man über mich und meine Mitstreiter gegen das Regietheater im Internet schreibt, das wäre schon etliche Verleumdungsklagen wert.
    Leider gibt es auch hier wiederum ein Netzwerk wo sich jeder in der Anonymität versteckt und aus dieser her seine Angriffe startet.


    Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück: Besser oder schlechter ?


    Man kann sich das ganz einfach machen und die eine oder andere Antwort geben - je nachdem welchen Stellenwert und welche Aufgabe man dem Theater - in unserem Fall Operntheater - einräumt.


    Während Sprechtheater in seltenen Fällen und bei geeigneten Stücken
    eine Umdeutung in unsere Zeit - eines der gern benutzten Instumentarien des Regietheaters - einigermaßen veträgt, halte ich das im Falle der Oper für völlig indiskutabel.


    Nehmen wire Molieres "Eingebildeten Kranken"
    An etlichen Stellen bekommen die Texte ungeahnte Aktualität, wenn hier über Fehldiagnosen und die einander widersprechenden Behandlungsvorschläge gesprochen wird, wobei der Arzt die Fehller seines Kollegen zudeckt "Gebraten - oder gesotten" - das kommt auf das Gleiche hinaus" - aber an anderen Stellen stehen die modernen Kostüme in krassem Widerspruch zu den zeitbezogenen Texten. Wenn der leicht verblödete Sohn des Arztes von Argan, seine zukünftige Braut zur öffentlichen Leichenöffnung einlädt, dann war das zu Molieres Zeiten ein gesellschaftliches Ereigne, die Braut hiezu einzuladen war aber sicher ein Fauxpas. In eine heutige Umgebung passt diese Stelle jedoch unter keinen Umständen - folglich müsste man - wie an vilelen anderen Stellen auch - den Text ändern.


    Noch ärger wird es im Falle der Oper. Die Musik an sich ist in gewisser Weise an jenen Eindruck gekoppelt, der durch den Text erzeugt werden soll, eine Verstärkung gewissermaßen.


    Aufgabe der Regie ist also diesen Eindruck, der von den Autoren, Komponist und Librettist angestrebt wurde, auf der Bühne wirkungsvoll ("bühnenwirksam") zu realisieren - nicht EIGENE angebliche Kreativität hier einzubringen.


    Regie als "Kunstwerk"? Nun ja - Zefirelli war vielleicht ein Künstler.
    Heutzutage bezeichnen vorzugsweise die Regisseure selbst ihre Verirrungen als "Kunstwerke" und begeben sich auf diese Art hinter den virtuellen Schutzschild der "Freiheit der Kunst"
    Das Publikum sei dumm und reaktionär - eines Urteils nicht fähig und gar nicht zu einem solchen befugt..etc etc.


    Da haben sich einige ihre eigene Wunschwelt zusammenbebastelt, und sind äusserst empört, jetzt da sie zusammenzukrachen zu droht. Das knischen ist schon deutlich zu hören.


    WIEE filigran das Konstrukt derzeit ist, wurde mir erst bewusst, als man mich von vielen Seiten angegriffen hat. Offensichtlich haben wir ins Schwarze getroffen,


    Ich möchte mit einem Satz von Wolfgang Amadeus Mozart diesen Beitrag beenden, der als er bei eine Probe zu der er zufällig hinzugekommen war, Abweichungen von seinem Notentext hören musste:


    Er platzte in die Probe und schrie erbost:


    "Wollt Ihr das gefälligst so spielen wie ich es aufgeschrieben habe ???"



    dem habe ich nichts hinzuzufügen


    mfg aus Wien


    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Während Sprechtheater in seltenen Fällen und bei geeigneten Stücken
    eine Umdeutung in unsere Zeit - eines der gern benutzten Instumentarien des Regietheaters - einigermaßen veträgt, halte ich das im Falle der Oper für völlig indiskutabel.


    Lieber Alfred!


    Wieso verträgt es das Sprechtheater? Platte Aktualisierungen (und ich kann mir schon schaudernd vorstellen, wie man den "Eingebildeten Kranken" im Regietheater modern präsentieren würde) sind IMO überflüssig wie ein Kropf. Entweder bin ich als Zuschauer in der Lage, diese Zusammenhänge selber herzustellen, dann ich bin geradezu dankbar, wenn der Regisseur mir nur Andeutungen vorgibt und ich selber weiterdenken darf, oder ich bin es als Zuschauer nicht. Dann reicht es doch auch, wenn ich mit einer netten Geschichte zufrieden bin und mich an der Schönheit der Sprache, wenn sie denn im deutschen Sprechtheater noch erkennbar wäre oder an der Schönheit der Musik erfreuen kann.


    Zitat

    Ich möchte mit einem Satz von Wolfgang Amadeus Mozart diesen Beitrag beenden, der als er bei eine Probe zu der er zufällig hinzugekommen war, Abweichungen von seinem Notentext hören musste:


    Er platzte in die Probe und schrie erbost:


    "Wollt Ihr das gefälligst so spielen wie ich es aufgeschrieben habe ???"


    Und Verdi sagte, als ein Sänger seinen Notentext mit zusätzlichen hohen Noten aufmöbelte: "Ich streite nicht mit Sängern." Wer hat nun recht, Mozart oder Verdi?


    Ich denke, und das auch in Hinsicht auf die lesenswerte Diskussion über Chopins 3. Klaviersonate, jede Änderung ist legitim, so lange sie dem Werk dient und nicht den Eitelkeiten von Regisseuren oder Künstlern. Da sind aber Geschmack und, welch ein altmodischer Begriff, Demut gefragt. Ich möchte Chopin auch nicht mit Syntheziserklängen hören, nur weil es scheinbar modern ist und die Menschen es dann besser verstehen. Soll das Publikum sich doch mal anstrengen und in eine andere Denkweise hineinversetzen. Wäre doch auch nicht schlecht, oder?


    :hello: Gustav

  • Zitat

    Wieso verträgt es das Sprechtheater?


    :D :D :D


    Ich habe eine meiner berühmten "Doppelmühlen"* aufgemacht:
    Einerseits habe ich erklärt, daß das Sprechtheater "eher" Aktualisisungen zulässt als die Oper - weil ich mich um den musikalischen Zusammenhang nicht kümmern muß (was beim heutigen Regietheater sowieso keiner tut :D ) - und zugleich am Beispiel "Der eingebildete Kranke" gezeigt, warum es TROTZDEM NICHT FUNKTIONIERT.


    Jedem Menchen mit historischem Hintergrundwissen muß Regietheater äusserstes Unbehagen verursachen - welch ein glück, daß es nur mehr so wenige davon gibt.....


    mfg aus Wien


    Alfred


    *Doppelmühle beim Spiel "Mühle"
    wo es eine Konstellation (bzw mehrere) gibt, wo in JEDEM FALLE eine Mühle geschlossen werden kann - was immer der Gegner auch macht...
    Wenn man es geschickt einrichtet schliesst man JEDES Mal eine Mühle wenn man einen Zug macht, was den Gegener einen Spielstein kostet, und er immer weniger Möglichkeiten hat das Spiel für sich zu entscheiden. Das Ergebnis eines Sochen Spiels steht quasi schon im vorhinain fest....



    mfg aus Wien


    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


  • Ich bin auch kein Freund des Regietheaters. :no:


    Ich habe im Januar in Düsseldorf eine Aufführung der Zauberflöte gesehen und leider auch gehört - es war einfach nur zum Weinen. Die Sänger hatten durchweg dünne, flache Stimmen, aßen zwischenzeitlich auf der Bühne Würstchen, etc. ..... Ich will mich gar nicht mehr erinnern, schon beim Gedanken daran schaudert es mich :motz:


    Zudem spielte diese Zauberflöte in einer Bibliothek - warum auch immer. Die Handlung war, wenn man die Oper nicht kennt, nicht nachvollziehbar und der Abend zog sich elendig in die Länge. Wir hatten einen Freund eingeladen, der nicht häufig in die Oper geht und ich denke, das war seine letzte Oper.


    Es traten Bibliothekarinnen auf, nächtliche Putzkolonnen, Männer in grauen Anzügen, nur die märchenhaften Gestalten der Zauberflöte, die Priester, etc., eigentlich alles, was die Zauberflöte ausmacht, kamen nicht vor.


    Ich wäre froh, wenn ich zukünftig von so etwas verschont bleiben würde, aber ich denke, der Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen.

    Viele Grüße,


    Marnie

    Einmal editiert, zuletzt von Marnie ()

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