Claudio Monteverdi: IL RITORNO D'ULISSE IN PATRIA

  • Ich habe meiner Harnoncourt-Einspielung inzwischen eine weitere hinzufügen können, die allerdings nicht im Handel erhältlich ist:


    IL RITORNO D'ULISSE IN PATRIA
    In italienischer Sprache - Bearbeitung von Erich Kraack (1958)
    Live-Aufnahme aus dem Funkhaus des NDR Hannover (1967), 2 CDs


    Heinz Hoppe (Tenor) Ulisse
    Anna Reynolds (Mezzosopran) Penelope
    Theo Altmeyer (Tenor) Telemach, Eurimacos (Das Glück im Prolog)
    Elizabeth Harwood (Sopran) Melantho, Pallas Athene (Die Liebe im Prolog)
    Birgit Finnilä (Alt) Ericleia (Die menschliche Schwachheit im Prolog)
    Peter Lagger (Bass) Antinoos, Poseidon, (Die Zeit im Prolog)
    Hans-Otto Kloose (Bariton) Pisandros, Eumaios
    Naan Pöld (Tenor) Anfinomos
    Alber Weikenmeier (Tenor) Iros
    Wolfgang Büttner (Sprecher)
    Rundfunkorchester Hannover des NDR
    Musikalische Leitung Hans Georg Ratjen


    Puristen werden bei dieser NDR-Produktion von 1967 die Nase rümpfen und die Augenbrauen hochziehen, von HIP ist bei Kraack natürlich keine Spur! Allerdings war die Historische Aufführungspraxis damals nur wenigen Eingeweihten ein Begriff, steckte noch im Entwicklungsstadium.


    Der Abendroth-Schüler Erich Kraack definierte seine Arbeit folgendermaßen:
    „Ich habe mich in meiner Instrumentierung um eine gewisse Distanzierung vom üblichen Orchesterklang bemüht. Die heute nicht mehr gebräuchlichen Instrumente lasse ich unberücksichtigt. Dem Streicherensemble gebe ich den Hauptauftrag (…) Die Buntheit des Renaissance-Orchesters, das weithin auch von zufälligen Gegebenheiten abhing, und in dem der Kapellmeister weitgehende volle Arrangierfreiheit hatte, habe ich mit Blockflöten, Trompeten, Flügelhörnern, Englischhorn (für Zinken und Schalmeien), Posaunen und Pauken anzugleichen versucht, ohne damit antike Imitationen zu beabsichtigen. Die Zupfinstrumente, Cembalo und Harfe, müssen unausweichlich obligat bleiben - nicht nur wegen der Klangfarbe, sondern weil das improvisatorische Begleitelement von ihnen abhängt. Es sei aber hier vermerkt, dass die Spieler an diesen Fundament-Instrumenten ihre Continuo-Begleitung auch improvisatorisch entstehen lassen, dass sie in meiner Bearbeitung lediglich nach der von Monteverdi überlieferten Bassstimme und der Gesangslinie ihren Part Extempore spielen, ohne also eine von mir ausgearbeitete Stimme zu benutzen.“


    Der damaligen Rundfunksendung ging eine Einführung voraus, in der es (auszugsweise zitiert) heißt: „Der nicht eingeweihte Hörer muss wissen, dass von einer Partitur Monteverdis nicht die Rede sein kann, dass uns nur die notdürftig, ohne Bezifferung oder Instrumenten-Angaben, aufgezeichnete Bassstimme als Begleitung der Gesangsstimme überliefert ist. Gerade in den Spätwerken Monteverdis fehlen noch mehr Anhaltspunkte als im „Orfeo“. Dagegen finden sich dynamische Zeichen und Vorschriften für den Vortrag häufiger. Jedenfalls fällt dem Bearbeiter und Klangregisseur ein wesentlicher und großer Teil der Arbeit zu, die man gemeinhin als Komposition bezeichnet. Vergessen dürfen wir nicht, dass die Welt Monteverdis, die Menschen, Kirchen, Paläste, Künstler, die Malerei der Renaissance, eine gänzlich andere ist, als beispielsweise die Johann Sebastian Bachs. Dass man also auch die in solch weit voneinander geschiedenen Welten geborenen Musikwerke nicht mit einem ideologischen Sammel-Begriff „Alte Musik“ etikettieren kann, um sie mit den gleichen Praktiken zu interpretieren (…) In der musikalischen Kunst vor allem, muss die lebendige Beziehung zu den großen Werken der Vergangenheit immer wieder durch ständige Bemühung jeder Generation neu und gewandelt zu erhalten versucht werden, damit die Musik ihre regeneratorische Kraft behält.“


    Das alles berücksichtigt, ist die Kraack-Bearbeitung durchaus ein Ereignis - vor allem, wenn man sich dabei das beeindruckende Solistenensemble ansieht und -hört. Und das ist ohne Ausnahme fähig, große (alte) Oper lebendig werden zu lassen. Das fehlende Libretto fällt zunächst nicht ins Gewicht, denn der großartige Schauspieler Wolfgang Büttner rezitiert den Handlungsverlauf mit seiner eindringlichen Stimme aus dem Original-Text von Giacomo Badoaro. Schwierig ist es da schon eher, die häufig eingesetzten Tenöre zu unterscheiden, wenn man die Stimmen nicht mehr im Ohr hat. Ich beispielsweise habe keine Probleme, den Ulisse von Heinz Hoppe zu erkennen, muss aber bei den übrigen Tenören passen, weil ich nicht weiß, welche Rolle gerade Einsatz hat. Eine weitere CD, die einen Zusammenschnitt mit dem Tenor Theo Altmeyer als Telemach, Eurimacos und das Glück (im Prolog) enthält, bietet mir immerhin die Möglichkeit, diesen großartigen Sänger (den ich bisher nur als Oratoriensänger bewunderte) auch einmal als Opernsänger zu hören.


    Beeindruckend für mich aber der Bassist Peter Lagger, der mir bisher unbekannt war, der hier einen großartigen Poseidon und einen verschlagenen Antinoos (einen der Bewerber um die Hand Penelopes) gibt. Stark in ihrer stimmlichen Präsenz sind für mich Anna Reynolds als Penelope, Elizabeth Harwood (in verschiedenen Rollen) und Birgit Finnilä (ebenfalls verschiedene Rollen übernehmend).


    Über den Dirigenten dieser Aufnahme, Hans Georg Ratjen, mir bislang unbekannt, fand ich einen ZEIT-Artikel aus April 1962, in dem die Bemühungen der Wuppertaler Oper um das Werk Monteverdis (in den Bearbeitungen von Erich Kraack, einem Schüler des Dirigenten Hermann Abendroth) gewürdigt werden. Das damals in Wuppertal tätige Team wird mit Hans Georg Ratjen und Hans Drewanz (Dirigenten), Georg Reinhardt (Regie), Erich Walter (Choreographie) und Heinrich Wendel (Bühnenbilder) angegeben. Alle hier genannten Künstler waren später unter der Intendanz von Grischa Barfuss an der Rheinoper in Düsseldorf/Duisburg tätig. Außerdem bestätigte damals der Musikkritiker der „Stuttgarter Zeitung“ (Horst Koegler), dass die Wuppertaler Monteverdi-Aufführungen „erfreuliche Erkenntnisse“ und einen „ganz erstaunlichen Qualitätszuwachs“ durch eine „dramatisch-theatralische Überzeugungskraft, wie man sie (…) keineswegs für möglich gehalten hätte“, erbrachten.


    Vielleicht gibt es Forenmitglieder, die hier ihre „Ulisse“-Aufnahmen besprechen möchten?

    .


    MUSIKWANDERER

  • Das Wuppertaler Team ist damals nach Düsseldorf gewandert und hat die für mich größte Zeit der Rheinoper geschaffen: Grischa Barfuß (Intendant), Georg Reinhardt (Regie), Heinrich Wendel (Bühne) und Erich Walter (Ballett). Diese waren verantwortlich für den Monteverdi - Zyklus, wobei außer Ratjen auch Hanns-Martin Schneidt und Günther Wich dirigiert haben. Gespielt wurde die von musikwanderer beschrieben Kraack - Fassung, die durchaus ihre Meriten hatte.
    Der zweite große Wurf der Ära Barfuß war dann der große Janacek - Zyklus, dirigiert von Peter Schneider und inszeniert von Bohumil Herlischka. Außer den leitenden Kräften gab es auch noch ein festes Ensemble mit hervorragenden Sängern. Dieser Zeit traure ich doch sehr nach. Ob das etwa noch einmal wiederkommt, dass eine Oper wie die Rheinoper 50 Stücke im Repertoire hatte, fast jeden Tag gespielt wurde und ein bestimmtes Niveau nie unterschritten wurde?

  • Als Düsseldorfer hatte ich die Gelegenheit, die Oper in der oben angeführten Fassung mehrfach auf der Bühne zu erleben.
    Monteverdis "Rückkehr des Odysseus" kannte ich allerdings schon von einer früheren Schallplatteneinspielung aus Münster, die für mich bis heute das Maß aller Dinge geblieben ist:


    Die Besetzung:


    Claudio Monteverdi:
    IL RITORNO D'ULISSE IN PATRIA
    Aufnahme: 1963, Studio
    Dirigent: Rudolf Ewerhardt
    Santini Kammerorchester Münster


    Rollen und Sänger
    Anfinomo: André Peysang
    Antinoo: Eduard Wollitz
    Ericlea: Margarethe Bence
    Eumete: Helmut Kretschmar
    Giove: Bernhard Michaelis
    Giunone: Polyna Savridi
    Iro: Bernhard Michaelis
    Minerva: Antonia Fahberg
    Nettuno: Eduard Wollitz
    Penelope: Maureen Lehane
    Pisandro: Reinhold Bartel
    Telemaco: William Whitesides
    Ulisse: Gerald English


    Erschienen ist die Oper seinerzeit bei der FONO-Schallplattengesellschaft Münster unter FSM 37016-8 (3 LP),
    Prof. Dr. Rudolf Eberhardt hat in gleicher Besetzung auch die "Krönung der Poppea" eingespielt.



    Auf CD scheint es die Opern wohl nicht zu geben.


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Ich habe die Salzburger Henze-Version auf DVD und liebe sie sehr, wobei das eher der Produktion (das war Hampe) als der Musik geschuldet ist. Eigentlich ist mir nämlich eine "klassischere" Version durchaus lieber.


    Aber da fällt mir jetzt ein, wie ich - ich glaube, es war 2009 - mal vor Wonne hüpfte: Das Prinzregententheater in München hatte "Ulisse" mit Sir Thomas Allen auf dem Programm. Ich bestellte flugs und ohne Rücksicht auf Verluste Tickets, sammelte am entsprechenden Tag mein musikbegeistertes Mütterlein ein und gurkte mit ihr nach München. Und dann staunten wir Bauklötzchen. Das Bühnenbild glich nämlich dem Bahnhofswartesaal in Wanne-Eickel, Telemachos war mit Ray Ban Sonnenbrille und Playboy Bunny (inklusive Hasenöhrchen) als Freundin unterwegs und der "Bettler" Ulisse rollte nicht nur im Rollstuhl umher, sondern hätte sich in dem Kostüm unter jede Münchner Brücke setzen können - die Obdachlosen dort hätten ihm vermutlich wortlos die Flasche hingehalten und gedacht: "Der arme Kerl hat 'n Schluck nötig!" Allen hat trotzdem großartig gesungen, aber ich habe nach einer Weile einfach die Augen zugemacht - und damit war's dann ein Hochgenuss.


    Sycorax
    "Davon hätte ich gerne eine CD ..."

  • Ich habe die Salzburger Henze-Version auf DVD und liebe sie sehr, wobei das eher der Produktion (das war Hampe) als der Musik geschuldet ist. Eigentlich ist mir nämlich eine "klassischere" Version durchaus lieber.


    Aber da fällt mir jetzt ein, wie ich - ich glaube, es war 2009 - mal vor Wonne hüpfte: Das Prinzregententheater in München hatte "Ulisse" mit Sir Thomas Allen auf dem Programm. Ich bestellte flugs und ohne Rücksicht auf Verluste Tickets, sammelte am entsprechenden Tag mein musikbegeistertes Mütterlein ein und gurkte mit ihr nach München. Und dann staunten wir Bauklötzchen. Das Bühnenbild glich nämlich dem Bahnhofswartesaal in Wanne-Eickel, Telemachos war mit Ray Ban Sonnenbrille und Playboy Bunny (inklusive Hasenöhrchen) als Freundin unterwegs und der "Bettler" Ulisse rollte nicht nur im Rollstuhl umher, sondern hätte sich in dem Kostüm unter jede Münchner Brücke setzen können - die Obdachlosen dort hätten ihm vermutlich wortlos die Flasche hingehalten und gedacht: "Der arme Kerl hat 'n Schluck nötig!" Allen hat trotzdem großartig gesungen, aber ich habe nach einer Weile einfach die Augen zugemacht - und damit war's dann ein Hochgenuss.


    Sycorax
    "Davon hätte ich gerne eine CD ..."


    Die Henze-Version habe ich in zwei Aufnahmen, einmal die Salzburger - Uraufführung unter Jeffrey Tate und eine WDR-Produktion 2012 aus den Herner Tagen für alte Musik.
    Ich schätze Henze als Komponisten nicht, aber die Bearbeitung des Ulisse und die Bearbeitung der Wesendoncklieder für Kammerorchester sind großartig.

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  • Da hier doch große Kenner am Werk sind -


    bin ich ziemlich enttäuscht, daß man hier so gar keine stichhaltige Empfehlung für Neueinspielungen des originalen Ulysses findet. Was interessieren mich all die schrecklichen modernen Einrichtungen. Ich habe den Ulysses unter Spering in Düsseldorf vor Augen und daher zumeist meine Probleme mit den Sängern, die im Barockfach meist zu gewandt und glatt wirken für die mit Monteverdi mögliche Hochdramatik. Das gilt womöglich auch für Prégardien unter Jacobs (die Aufnahme habe ich heute schließlich doch, zugunsten von viel herrlicher Chormusik, u.a. von Gabrieli) stehen gelassen, nachdem der Orfeo von Jacobs mich nur zum Teil befriedigt hat.


    Erstaunlich, daß es, jenseits von Harnoncourt und Gardiner, überhaupt so wenige Einspielungen der Monteverdiopern gibt (vielleicht wird man auf Blu-Ray fündig ...) Ich halte Jacobs übrigens trotz alledem für eine sehr gute Wahl



    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Ich habe jede Menge toller Monteverdi-Aufnahmen, bloss noch nicht die Zeit gehabt, sie hier vorzustellen. Meine Referenz z.B. für den Orfeo ist Jordi Savall, der wie der alte Monteverdi selbst auftritt. Dazu dann die Garrida-Aufnahmen und und und. Aber wie gesagt, ich habe im Moment noch ein paar andere Projekte.


    Der Düsseldorfer Zyklus in der Regie von Christof Loy war das letzte Mal, dass ich einen Monteverdi gesehen habe. Das war schon überragend.


    Übrigens: wie gut, dass du wieder schreibst, lieber farinelli.

  • Zitat

    (von farinelli): meine Probleme mit den Sängern, die im Barockfach meist zu gewandt und glatt wirken für die mit Monteverdi mögliche Hochdramatik.

    Diese liessen sich möglicherweise mit Harnoncourts zweiter, in Zürich entstandenen Einspielung umgehen; allerdings wurde das Werk gekürzt, zudem ist die Instrumentierung recht "kreativ". Ob solcherlei Umstände bereits die Kriterien einer "modernen Einrichtung" erfüllen?


    Zitat

    (von dr.pingel): Übrigens: wie gut, dass du wieder schreibst, lieber farinelli.

  • Hallo,


    normalerweise mag ich keine Sampler – diesen aber schon, weil:


    Es geht um die Geburt der Oper – um Orfeo – und wie neben Monteverdi (m .W. der bekanntesten - auch besten? - Vertonung) noch weitere 9 Komponisten aus der Zeit Monteverdis mit dem Stoff musikalisch umgegangen sind.
    Das Booklet ist sehr lesenswert; mit Nicolas Achten und den Scherzi Musicali gibt es bei YouTube schon Einspielungen, aber nicht die CD, die kam erst 2014 auf den Markt.


    Das Instrumentarium: Theorben, Chitarrone, Barockgitarre, pedallose Harfe, Cembalo, Truhenorgel, Virginal, Zinken, Gamben, Lirone (Gambe mit freischwingenden Saiten), Violone (Bauart zwischen Gambe und Kontrabass),Violine. Die Instrumentalisten sind Meister ihres Fachs.


    Ganz allgemein ergeben Zupfinstrumente – insbesondere Theorbe/Chitarrone – mit Zinken (in verschiedenen Stimmlagen) und Gamben einen besonders reizvollen Klang; zu einzelnen Stücken noch Detailhinweise:
    Nr. 2 von Tarquinio Merula – N. Achten (Bariton mit etwas “Countereinschlag”) begleitet sich selbst auf der Theorbe! (Was damals üblich war.)
    Nr. 3 von Emilio Cavalieri – der helle Klang des Virginals in Kontrast zur Theorbe.
    Nr. 5 von Luigi Rossi – heute würde das als südamerikanischer Rhythmus „durchgehen“ – sehr inspirierend
    Nr. 6 von Monteverdi – Solist N. Achten (mit Stimmverzierungen, die auch in der Marienvesper zu hören sind) sich selbst begleitend, mit zusätzlichen Instrumentalisten
    Nr. 8 von Monteverdi – wird von ihm – nur anders instrumentiert – in der Marienvesper verwendet
    Nr. 9 von Alessandro Piccinini – ein Toccata nur mit Zupfinstrumenten, ein Hörgenuss
    Nr. 10 von Monteverdi – N. Achten mit Theorbe und Truhenorgel
    Nr. 19 + 20 von Antonio Sartorio (ca. 1630 -1680) – weibl. Sopranstimmen waren erlaubt, nicht aber in Kirchen bzw. bei sakralen Werken
    Nr. 26 von Luigi Rossi – die ganze Klangvielfalt und -Pracht kommt hier zu beeindruckender Wirkung.


    Ich kann die CD aufs allerbeste empfehlen.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Lieber Zweiterbass,


    die habe ich auch schon ins Auge gefaßt. Obwohl auch ich Sampler nicht mag. Und Rossis Orfeo habe ich mal in Wuppertal auf der Bühne gesehen, suche immer noch eine gute Aufnahme. "Il pianto die Orfeo" ist dennoch toll.


    Da wir gerade bei den Lamentationen sind:



    Auf dem Label naive hat das griechische Ensemble Latinitas nostra mit der Mezzosopranistin Romina Basso unter dem Titel "Lamento" eine grandiose Auswahl an dramatischen Solokantaten eingespielt, Lamenti u.a. della regina di svezia (Rossi) und in morte die maria stuarda (Carissimi). Enfesselte Theatralik.


    Ich habe mir nun doch den Jacobs-Ulisse mit Prégardien gekauft; und wegen Bernarda Fink:



    Im Zentrum steht auch hier "Il pianto di Maria" von G.B. Ferrandini, das schon A.S. von Otter mit Musiqua Antiqua eingespielt hat (Händel, Marian Cantatas & Arias, DGG Archiv; offenbar nicht mehr erhältlich). Im Vergleich spielt "Il giardino armonico" weniger glättend als Goebels (kaum gefällig klingendes) Ensemble; die Tonmalerei des Martyriums Jesu wird auf die Spitze getrieben, und auch die Instrumentalwerke sind ungeheuer konzentriert und expressiv.


    Ein Wort zum Ulisse - er kann mich nicht ganz überzeugen. Liegt das am Ende an Monteverdis Musik? - Ideal für meine Ohren klingt folgende, ungeheuer sorgfältige und prachtvolle Einspielung:



    Einschränkend muß ich sagen, daß ich bloß etwa eine halbe Stunde hineinhören konnte und die CDs - sie waren völlig zerkratzt, was mir, bei geöffnet erstandener Ausgabe, nicht im Traum eingefallen wäre - wieder zurückgegeben, das ganze aber gleich neu bestellt habe. Eine geschlagene halbe Stunde, ohne irgendwie aus der Musik zu fallen, ist bei Frühbarockopern schon eine ganze Menge.


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


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  • Der Rossi in Wuppertal ist damals von Achim Freyer inszeniert worden, wie Ponnelle Künstler (Bühnenbild, Kostüme) und Regisseur. Er hat ja auch Satyagraha inszeniert. Moderne Regie in einer Art, die ich Symbolismus nennen würde, aber kein RT. Eine Aufnahme von Rossis Oper suche ich auch schon lange, es scheint keine zu geben. Dieser ganze thread beweist übrigens, dass Monteverdi schon ein Riese war, der aber auf den Schultern von anderen Riesen stand.

  • Lieber farinelli,


    ich habe zwar von Monteverdi 2 Aufnahmen der Marienvesper (Taverner/Parrott und eine 2-er LP-Box von Telefunken/Das Alte Werk), aber noch keine von Orfeo, den ich "nur" in den 60-iger Jahren in einer Aufführung im Schlosstheater Trottningholm erlebt habe.


    3 CD-Aufnahmen stehen nun bei mir in der Vorauswahl:
    eine aus 2006 Ensemble Venexiana
    eine aus 2003 mit Bostridge (wegen Bostridge, das Ensemble?)
    eine aus 2012 mit Taverner/Parrott (der in tieferer Lage singen lässt?)


    Kannst Du mir bessere Einspielungen empfehlen?


    Danke und
    viele Grüße
    zweiterbass

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  • Lieber Zweiterbass,


    ich habe mir den Orfeo unter René Jacobs gekauft; außerdem habe ich die alte Original-Telefunken (schwarzes Label) der Harnoncourtaufnahme (damals sicher bahnbrechend) sowie eine DVD der Ponelle-Inszenierung, die ich inzwischen verschenkt habe. Ist mir zuviel optisches Brimbamborium. Ich kenne auch die Gardiner-Aufnahme, die ich auch verschenkt habe und eigentlich nur wegen A.S. v. Otter (Messagera) gekauft hatte.


    Ich weiß nicht, ob man den Orfeo so singen kann, daß ich weinen würde. Bei Rossi war das live möglich, Monteverdi ist u.U. eine Spur äußerlich, venezianisch-prachtvoll und verspielt, wie die Malerei seiner Zeit. Die meist flotten Tempi, mit denen man seiner vokalen Virtuosität Rechnung trägt, erreichen mich nicht immer. Savall mit der wunderbaren Montserrat Figueras (Battaglie e Lamenti, Lamento di Arianna), aber etwa auch die Pluhar mit Nuri Rial und Jaroussky (Theatro d´Amore, Pur ti miro) zeigen, daß es anders geht, langsam und ausdrucksvoll, con delicatezza. Ich bevorzuge für die Musik des 16. und 17. Jh. eher die Zeitlupe, eher Victoria, eher geistlich als weltlich, eher die Marienvesper als die Poppea.


    Vermutlich hat Dr. Pingel recht damit, Savall zu empfehlen. Den Anfang habe ich mal gesehen, mir würde schon eine SACD davon reichen.


    :hello:

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  • Lieber farinelli,


    nachdem ich keine DVD will, ist nun die CD mit La Venexiana in meinem Merkzettel bei JPC gelandet - wenn ich die Box habe, melde ich mich.
    Viele Grüße
    zweiterbass

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  • Claudio Monteverdi (1567-1643)

    Il ritorno d'Ulisse in patria


    Trailer

    Stéphane Fuget hat hier mit seinem Barock-Ensemble Les Épopées im Schloss von Versailles die Oper »Il ritorno d’Ulisse in patria« von Claudio Monteverdi hervorragend aufgenommen.

    Zitat von Klaus Kalchschmid 16. Oktober 2022

    Il Ritorno d'Ulisse in Patria, urauf­ge­führt mutmaß­lich 1740, ist die vorletzte Oper des 74-jährigen Claudio Monte­verdi und von seinem Epoche machenden Erst­ling L’Orfeo (1607) denkbar weit entfernt. Wie an der Baye­ri­schen Staats­oper vor ein paar Jahren spielen gerade einmal 14 Musiker von Les Épopées in der jüngsten Einspie­lung unter der Leitung von Stéphane Fuget. Mit exzel­lenten Sängern werden sie dem Recitar cantando, dem Singenden Spre­chen, so geist­sprü­hend und span­nungs­ge­laden gerecht, dass man meint, es sei eine Live­auf­nahme.

    Dieses wunderbare Ensemble, angeführt von Valerio Contaldo als Ulisse und Lucile Richardot als Penelope * ist bis in kleine Rollen exquisit und von der Charakteristik der Stimmen her vortrefflich besetzt: Ambroisine Bré (Fortuna, Ericlea, Melanto,) Filippo Mineccia (L’Humana fragilitá, Pisandro,), Alex Rosen (Tempo, Nettuno, Antinoo), Marie Perbost (Amore, Giunone), Juan Sancho (Giove, Telemaco), Marielou Jacquard (Minerva), Cyril Auvity (Eumete), Jörg Schneider (Iro), Pierre-Antoine Chaumien (Eurimaco) und Fabien Hyon (Anfinomo) entwickeln in den unterschiedlichen Rollen markante Figuren aus Fleisch und Blut.

    *Die Darbietungen der beiden sind für meine Ohren sogar atemberaubend !


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Zum Beitrag Nr. 1 vom 18. 8. 2013:


    Es gab beim Norddeutschen Rundfunk nicht nur das Hannoveraner Konzert vom 1. 9. 1967 mit „Il ritorno d’Ulisse in patria“, das im Zusammenhang mit den Festspielen in Hannover-Herrenhausen gegeben wurde, wo man im ‚Monteverdi-Jahr 1967‘ anlässlich des 400. Geburtstages von Claudio Monteverdi seine Oper „Il coronazione di Poppea“ (in der Fassung von Erich Kraack) auf der Bühne sehen konnte. Schon 1958 wurde im Funkhaus Hannover Monteverdis vorletzte (erhaltene) Oper - in der Bearbeitung und unter der Leitung von Erich Kraack - konzertant aufgeführt und auch hier hat Heinz Hoppe, den die meisten Melomanen wohl nur als Operettentenor in Erinnerung haben, die Titelpartie gesungen.


    „Il ritorno d’Ulisse in patria“ (‚Die Heimkehr des Odysseus‘) (Claudio Monteverdi): Prolog: L’Humana fragilità – Mabella Ott-Penetto / Il tempo – Eduard Wollitz / La fortuna – Peter Witsch / L’amore – Sonja Schöner / Oper: Nettuno – Eduard Wollitz / Giove – Peter Witsch / Minerva – Sonja Schöner / Ulisse – Heinz Hoppe / Penelope – Jeanne Deroubaix / Telemaco – Peter Witsch / Ericlea – Mabella Ott-Penetto / Melanto – Sonja Schöner / Eurimaco – Peter Witsch / Eumete – Naan Pöld / Iro – Albert Weikenmeier / Antinoo – Eduard Wollitz / Anfinomo – Naan Pöld / Pisandro – Albert Weikenmeier / Gerhard Gregor und Günther Weissenborn (Cembalo) / Das Hausegger-Kammerorchester / Mitglieder des Rundfunk-Orchesters Hannover des Norddeutschen Rundfunks und des Orchesters des Opernhauses Hannover / Dirigent: Erich Kraack (Hannover, Funkhaus, 13. 7. 1958).


    Natürlich werden einige Mitglieder der ‚HIP-Fraktion‘ hier im Forum ablehnend reagieren, aber man sollte dankbar sein, dass man vor fünfundsechzig Jahren mit solchen Bearbeitungen versuchte, die Musik des ‚Vaters der Oper‘ wieder zu beleben, zumal ja nie feststehen wird, welche der vielen neueren Fassungen dieser Oper – von der als anonyme Partiturabschrift nur zwei Notenzeilen mit der Singstimme und der unbezifferte Bass überliefert sind – die authentischste ist. Ich habe die Opern des genialen Cremonesers durch die Monteverdi-Aufführungen der Deutschen Oper am Rhein aus den 60er Jahren und (per TV) die Produktionen von Nikolaus Harnoncourt/Jean-Pierre Ponnelle für Zürich bzw. Raymond Leppard/Peter Hall für Glyndebourne als pralles Musiktheater kennen gelernt und ich kann mich – was auch für die Opern der Barockzeit gilt - an die oft anämischen Gesangsstimmen und ‚schrappigen‘ Original-Instrumente vieler neuerer Aufführungen und Aufnahmen nicht gewöhnen, ganz zu schweigen von manchen Inszenierungen heutiger Regisseure und Ausstatter. Was die Oper angeht, bin ich eben Hedonist und nicht Asket.


    Carlo

  • Ich habe die Monteverdi Opern auch in Düsseldorf gesehen, und zwar in der Fassung von Kraack. Danach kam auch Cavalli mit mehreren Opern an die Reihe, da habe ich kaum eine ausgelassen, was ich auch schon bei Monteverdi gemacht hatte. In einem würde ich widersprechen. Zu jeder Monteverdi-Oper gibt es mindestens eine DVD oder CD, die tolle Inszenierungen und tolle Sänger hat. Z.B. der Orfeo unter Jordi Savall, wobei der Zürcher Orfeo unter Harnoncourt doch sehr kitschig ist (da "sang" Dietlinde Turban die Euridice, in Wahrheit riss da nur Blondie die Augen auf, denn es sang Rachel Yakar, die dafür noch nicht einmal im Programmheft erwähnt wurde. Für diese Untat büßt unser Freund Harnoncourt wahrscheinlich in der Vorhölle eine lange Buße ab, z.B. jede Woche alle Bruckners, Beethoven und Mahlers). Raymond Leppard hat das große Verdienst, Cavalli wieder ans Licht gebracht zu haben. Als dann die Aufnahmen in der HIP-Fassung die Regel wurde, habe ich alle seine CDs weggeworfen und nur die Booklets behalten. Hier empfehle ich, sich bei YT die Gesamtaufnahme von "Ercole amante" anzusehen. Der reinste Zirkus, aber gekonnt, auch musikalisch.

    Auch mit den Barock-Opern, etwa von Händel, zog sowohl mit den Orchestern als auch den Sängern eine rasante neue Deutung ein. 2013 haben wir in meiner Vorstadtkirche den "Messias" gesungen - mit einem kleinen, aber feinen Barockorchester aus Köln.

    Noch ein Tipp: ich bin kein Henze-Verehrer, aber seine wirklich moderne Bearbeitung des Ulisse, die aber den Monteverdi-Geist immer spüren lässt, höre ich mir regelmäßig an (Aufnahme aus Salzburg, CD). In Essen in der Reihe Alte Musik bei Kerzenschein gibt es regelmäßig Barockopern, und zwar konzertant, was mir oft die bessere Lösung scheint angesichts der kruden Handlung.

    Fazit: ich bin auch Hedonist und nicht Asket, aber die hedonistischen Aufführungen sind heute die Regel.

  • Zitat von Carlo

    Natürlich werden einige Mitglieder der ‚HIP-Fraktion‘ hier im Forum ablehnend reagieren,

    Nein noch schlimmer, aufschreien:!:


    Zitat von Carlo

    aber man sollte dankbar sein, dass man vor fünfundsechzig Jahren mit solchen Bearbeitungen versuchte, die Musik des ‚Vaters der Oper‘ wieder zu beleben

    Dankbar sein schon aber,.......es es ist GOTTSEIDANK nur ein Kind seiner Zeit, und noch einmal GOTTSEIDANK ist die Zeit nicht stehen geblieben!

    Über den ? die Sänger? was zu schreiben verbietet mir die Höflichkeit denn woher sollen sie es auch besser wissen!


    Zitat

    und ich kann mich – was auch für die Opern der Barockzeit gilt - an die oft anämischen Gesangsstimmen und ‚schrappigen‘ Original-Instrumente vieler neuerer Aufführungen und Aufnahmen nicht gewöhnen,


    Ja ja, das list man schon aus deinen Beiträgen heraus! ;)

    Anämische Gesangsstimmen ....hä.....deine bevorzugten Gesangsstimmen singen Barockoper so, als ob sie Verdi singen würden!


    Zitat

    Was die Oper angeht, bin ich eben Hedonist und nicht Asket.

    Wer nicht! :hello:


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • ...... wobei der Zürcher Orfeo unter Harnoncourt doch sehr kitschig ist (da "sang" Dietlinde Turban die Euridice, in Wahrheit riss da nur Blondie die Augen auf, denn es sang Rachel Yakar, die dafür noch nicht einmal im Programmheft erwähnt wurde.

    Lieber Dr. Pingel,

    jetzt werde ich dich mal outpingeln.

    Schon mal in Betracht gezogen, dass es vom Zürcher Orfeo unter Harnoncourt zwei unterschiedliche Aufnahmen geben könnte mit unterschiedlichen Besetzungen? Siehe hier


    CD

    https://www.discogs.com/de/mas…mage/SW1hZ2U6NDI4Nzc0ODc=


    Dvd

    Roland Hermann, Hans Franzen, Dietlinde Turban, Trudeliese Schmidt, Glenys Linos, Philippe Hüttenlocher, Francisco Araiza

    https://www.operaonvideo.com/l…tenlocher-schmidt-araiza/

    Alles Gute und einen Gruß von Orfeo

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  • Ich meinte von Anfang an nur die DVD, die du als zweite genannt hast. Die andere kenne ich nicht. Der Link dazu fiunktioniert bei mir nicht. Die data-base nennt tatsächlich Rachel Yakar, aber in der Fernsehaufnahme wird sie nicht genannt. Darauf habe ich mich bezogen.

  • Soweit ich mich erinnere, sind die Ponelle/Harnoncourt-Aufnahmen der drei Monteverdi-Opern ohnehin Opernfilme, d.h. da wurden keine Bühnenaufführungen abgefilmt, sondern die Tonspur ist woanders entstanden und die Darsteller:innen singen Playback. Rachel Yakar wird auf der DVD überhaupt nicht erwähnt, da hat der Pingel völlig Recht. Ich stimme zu, dass das skandalös ist, wer auch immer der Schuldige ist (Harnoncourt wird kaum das Booklet der DVD verantwortet haben).

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Fazit: ich bin auch Hedonist und nicht Asket, aber die hedonistischen Aufführungen sind heute die Regel.

    Lieber Dr. Pingel,


    ich nehme das genau umgekehrt wahr.


    Die Oper ist meiner Meinung nach auch deshalb eine besondere Form des Theaters, weil sie verstärkt zwei Hauptsinne anspricht, das Hören und das Sehen. Und Letzteres wird in meiner Empfindung seit Jahren arg vernachlässigt - häufig für alle Akte ein einziges Bühnenbild und obendrein oft auch spartanisch ausgestattet, ob durch Mangel an Phantasie oder wegen Sparzwängen sei dahingestellt. Hingegen fühle ich mich von einer großzügig bebilderten Aufführung mit ästhetisch ansprechenden Kostümen (z. B. bei Monteverdi entweder antikisierend oder der Spätrenaissance nachempfunden) sehr viel mehr angesprochen; da kann es ruhig etwas zu viel des Guten sein wie beim Monteverdi-Zyklus von Jean Pierre Ponnelle und Nikolaus Harnoncourt.


    Um bei Monteverdi zu bleiben: Es gab durchaus Inszenierungen, die - obwohl ‚asketisch’, aber mit Stil – mich überzeugt haben, wie z. B. „Die Krönung der Poppea“ aus Schwetzingen bzw. Köln 1993 (Michael Hampe / René Jacobs). Hingegen ließ mich der Düsseldorfer Monteverdi-Zyklus 2004 (Christoph Loy / Andreas Stoehr) mit dem üblichen Kostüm-Mischmasch und leergeräumter Bühne vollkommen unbeeindruckt. (Da mussten sich die Darsteller schon sehr anstrengen, um das Auge zu beschäftigen, weshalb sie auch zu etlichen ‚Gags‘ griffen.) Und die fehlende ‚Sinnlichkeit‘ der Optik schlug sich m. E. auch im Gesang nieder, obwohl (oder weil?) einige der Sänger keine ausgewiesenen Fachinterpreten der Alten Musik waren.


    Keiner von uns weiß, wie – abseits der überlieferten Partituren – die Sängerinnen Caterina Martinelli (für die Monteverdi das berühmte ‚Lamento‘ aus seiner „Arianna“ schrieb) oder Adriana Baroni (die es als Erste sang) geklungen haben, aber ich kann mir nicht denken, dass sie diese ‚weißen‘ unsinnlichen Stimmen hatten, wie man sie uns heutzutage oft anbietet. Auch die Stimme Baldassare Ferris (der erste bedeutende Kastrat der Musikgeschichte) können wir nicht hören, so dass alle ‚Rekonstruktionen’ durch heutige Countertenöre nur ungefähre Annäherungen sind. Und da die Beurteilung einer Gesangsstimme immer hochgradig subjektiv ist, kann man natürlich auch verschiedener Meinung sein und ich respektiere das, wie ich es auch in puncto Regie und Ausstattung tue. Aber ich merke, dass es mir die Freude an der Oper langsam verdirbt und mir meine Erinnerungen lieber sind als neue Eindrücke.


    Carlo

  • Das ist eine interessante Antwort, und wahrscheinlich hast du Recht. Die Konzertfassungen von Opern sind nur ein Notbehelf, damit eine Oper überhaupt mal gespielt wird. Ansonsten stimme ich dir zu, dass man in der Oper auch was zu sehen bekommen muss. Den Monteverdi aus Düsseldorf, den du erwähnst (2004), mochte ich auch überhaupt nicht, aber die Monteverdi-Reihe davor unter der Intendanz von Grischa Barfuß war großartig. Wenn ich weiter darüber nachdenke, was du schreibst, muss ich vor allem an den großen Bühnenbildner Heinrich Wendel denken, besonders an den Pelléas und Das schlaue Füchslein. Diese Bilder habe ich heute noch im Kopf und vielleicht noch im Keller bei den Programmheften.

    Ich kann mich erinnern, dass bei der berühmten Zeffirelli Bohème in Wien (60er) beim Aufgang des Vorhangs ein Beifallsturm sondergleichen losbrach.

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  • Natürlich werden einige Mitglieder der ‚HIP-Fraktion‘ hier im Forum ablehnend reagieren, aber man sollte dankbar sein, dass man vor fünfundsechzig Jahren mit solchen Bearbeitungen versuchte, die Musik des ‚Vaters der Oper‘ wieder zu beleben, zumal ja nie feststehen wird, welche der vielen neueren Fassungen dieser Oper – von der als anonyme Partiturabschrift nur zwei Notenzeilen mit der Singstimme und der unbezifferte Bass überliefert sind – die authentischste ist.

    Carlos Sicht wird auch von mir geteilt. Es war ein langer Weg, bis Monteverdi seinen verdienten Platz auf Opernbühnen und in Aufnahmestudios wieder einnehmen konnte. Inzwischen wimmelt es von Monteverdi. Diese neue Selbstverständlichkeit war nur möglich, weil sich einige Dirigenten schon sehr lange vor uns auf sein Genie besannen und ihn mit den Möglichkeiten und dem ästhetischen Verständnis ihrer Zeit zum Klingen brachten. Ich bemühe mich, Interpretationen historisch von hinten nach vorm wahrzunehmen - und nicht umgekehrt. Mich interessiert, warum und wie es früher anders klang. Noch immer fasziniert mich beispielsweise Margarete Klose mit dem Lamento der Arianna aus den 1940er Jahren.



    Zuletzt habe ich mir diese meilensteinartige Produktion von LP auf Festplatte überspielt, auf die Harald Kral bereits vor zehn Jahren im Forum verwies:


    Claudio Monteverdi

    IL RITORNO D’ULISSE IN PATRIA


    Giove: Bernhard Michaelis

    Nettuno: Eduard Wollitz

    Minerva: Antonia Fahberg

    Giunone: Polyna Savridi

    Ulisse: Gerald English

    Penelope: Maureen Lehane

    Telemaco: William Whitesides

    Antinoo: Eduard Wollitz

    Pisandro: Reinhold Bartel

    Afinomo: André Peysang

    Eumete: Helmut Kretschmar

    Iro: Bernhard Michaelis

    Ericlea: Margarethe Bence


    Cembalo: Martin Galling und Rudolf Ewerhart

    Organo di legno: Douglas Haas

    Regal, lute, chitarrone: Walter Gerwig

    Cello: Heinrich Haferland

    Viola da gamba: Johannes Koch, Heinrich Haferland

    Violone: Johannes Koch

    Harf: Diemut Speiz


    The Santino Chamber Orchestra

    Leitung: Rudolf Ewerhart


    Veröffentlicht 1966


    Überspielt von LP turnabout (Vox)

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent