Anton Bruckner Symphonie Nr. 6, ein Stiefkind?

  • Liebe Taminoianer,


    die bekanntesten Symphonien Anton Bruckners haben hier bereits einen eigenen Thread bekommen. Nicht so die Symphonie Nr. 6 (die #2 fehlt auch noch!), und ich habe mich gefragt, woran das liegt?


    Bezeichnungen wie „Stiefkind“ oder „weisser Rabe“ sind häufig zu lesen, Bruckner selbst hat seine sechste als „keckste“ bezeichnet.


    Entstehung:


    Bruckners 6. wurde im September 1879 begonnen und ebenfalls im September 1881 in St. Florian abgeschlossen. Bruckner selbst hat seine sechste nie vollständig gehört, die erste Aufführung erklang 1901 in Stuttgart unter Carl Pollig. Zwar hatte Gustav Mahler das Werk schon 1899 aufgeführt, allerdings wurden starke Eingriffe vorgenommen.


    Man kann die sechste als Vorstufe zum letzten grossen Aufschwung in Richtung der dann erschaffenen 7., 8. und 9. sehen. Das Adagio beispielsweise hat Modellcharakter für das später komponierte und so berühmt gewordene Adagio der siebten.


    Anton Bruckner hat für diese Symphonie die Tonart A-Dur gewählt, die dem Werk eine bisweilen helle Klangfarbe verleiht.


    Das Werk (Quelle: teilweise wikipedia):


    Der erste Satz („Majestoso“) legt gleich zu Beginn mit scharf akzentuierten Noten auf „cis“ in den Violinen den Hauptrhythmus des Werkes fest. Das unmittelbar einsetzende Hauptthema wird dunkel getönt – wie später auch in der 8. Sinfonie - durch die Kontrabässe vorgetragen. Die Wiederholung des Themas erklingt in vollem Orchesterglanz und führt zum 2. Thema, das in e-moll mit einer absteigenden Basslinie beginnt und dessen Melodie sich bis hin zu den auffallenden Quintolen entwickelt. Alsbald taucht ein choralartiger Nebengedanke auf, der wieder zurückführt zu einer Wiederholung des 2. Themas in nun kraftvollerem Gewand. Der Vorgang mündet in einen Überleitungsabschnitt zum 3. Thema (C-Dur), welches wiederum in einem Nachsatz die Exposition in Ruhe und Beschaulichkeit auf E-Dur ausschwingen lässt.
    Der Höhepunkt der folgenden Durchführung fällt mit dem Beginn der Reprise zusammen. Einer ähnlichen Gestaltung begegnet man ebenfalls in den ersten Sätzen der drei letzten Sinfonien. Nach Abschluss der Reprise schreibt Bruckner eine auf dem Hauptthema basierende ausgedehnte Coda, deren Großartigkeit ohne Beispiel zu seinen Satzabschlüssen von Kopfsätzen in den Sinfonien steht. Stete Veränderungen der Harmonien unter dem ewig pulsierenden Rhythmus führen zur Apotheose ins kraftvoll leuchtende A-Dur der letzten Schlusstakte.


    Das Adagio in F-Dur mit drei Themen besticht durch feierliche Grundstimmung und aufblühenden Streicherklang, der insbesondere dem 2. Thema (E-Dur) seinen ganz besonderen Reiz verleiht. Das dritte Thema (c-moll), charakterlich der Episode eines Trauermarsches ähnlich, ist kurz und bildet in der Reprise die Überleitung zur wiederum sehr breit angelegten Coda, in der der Streicherklang vollends dominiert. Traumverhangen und verklärt schließt der Satz.


    Das Scherzo in a-moll (Form: A-B-A) weist einen pochenden Grundrhythmus auf, Teil A wird im Verlauf aufgehellt und endet in schmetternden Fanfarenklängen in A-Dur. Originell setzt mit Pizzicato-Takten der Streicher und antwortenden Hörnerrufen das Trio (Teil B) ein. Ein unvermittelt auftauchender Nebengedanke erinnert an das Hauptthema des ersten Satzes der 5. Sinfonie. Nach dem ruhig verklingenden Trioteil wird Teil A des Scherzos wiederholt.


    Das Finale stellt drei Themengruppen vor, von denen die zweite Gruppe wieder mit einem aufblühenden Streicherklang aufwartet. Der Grundduktus des Satzes ist heiter und findet seinen Abschluss in einem kurzen Zitat des Hauptthemas aus dem Kopfsatz.
    Die Symphonie Nr. 6 hat Bruckner in seiner ursprünglichen Form belassen, es liegen somit keine Zweit- und Drittfassungen vor. Gewidmet hat Bruckner die Symphonie seinem Hauswirt, Ritter von Oelzelt.


    Empfehlenswerte Einspielungen:


    Bei der sechsten, die stellenweise kammermusikalisch anmutet, geht es nicht darum, „Klangkathedralen“ zu entwickeln, sie unterscheidet sich von der Architektonik her grundlegend von anderen Bruckner-Symphonien. In (fast) allen gängigen Gesamteinspielungen ist die sechste mit enthalten. Zu meinen Lieblingseinspielungen gehören:


    Platz 1, Günter Wand, NDR


    Platz 2, Lopez-Cobos, Cicinatti SO


    Platz 3, Davis, LSO



    Veranstaltungstipp:


    Am kommenden Sonntag, 04.09.2005, wird die Symphonie in der Kölner Philharmonie mit dem Gustav Mahler Jugendorchester unter der Leitung von Ingo Metzmacher aufgeführt.

  • Lieber Holger,


    ja, ich habe mich auch schon oft gefragt, warum ich diese Sinfonie viel seltener höre als die anderen. Sie ist weniger dramatisch und konfliktgeladen. Dabei gehört die Melodie des Scherzo zum Schönsten, was ich von Bruckner kenne. Wird diese Sinfonie angesprochen, habe ich sie sofort im Ohr.


    Seit ich sie vor vielen Jahren mit Otto Klemperer und dem New Philharmonia Orchestra kennen gelernt habe, ist das meine Lieblingsaufnahme. Im Radio habe ich im Laufe der Zeit andere Einspielungen gehört, die mir alle nicht so gefallen haben. Die von Dir empfohlenen (Wand, Lopez-Cobos und Davis) waren jedoch nicht dabei.



    Ich wünsche einen schönen Konzertabend in Köln, leider ist es zu weit, um von Bensheim vorbeizukommen,


    Viele Grüße,


    Walter

  • Eine bemerkenswerte Aufnahme habe ich noch vergessen, leider finde ich kein Cover, und die AUfnahme scheint auch irgendwie vergriffen zu sein.


    Es handelt sich um diese hier:
    Muti, Berlin Philharmonic 1/88 EMI CD CDC 7494082 56:55 - 17:09 17:21 7:49 14:21

  • Es stimmt schon, was ihr beiden anmerkt. Obwohl ich die 6. Sinfonie Bruckners für maßlos unterschätzt halte (gleiches gilt imo für die ebenfalls schon angesprochene 2.), habe ich "nur" fünf Aufnahmen im Regal stehen.


    Ich denke, Bruckners 6. teilt in etwa das gleiche Schicksal wie Beethovens 8.: Sie ist zwischen "zwei Monumenten" entstanden und wird deswegen als "zu leichtgewichtig" oder gar als "Rückschritt" gesehen.


    Neben Wand eine weitere Empfehlung von mir:



    Karajan hebt die Schönheiten der Musik hervor, ohne wichtige Details (ibs. rhythmischer Natur) zu verschweigen.


    Holger: Da Colin Davis nicht gerade als "Bruckner-Spezialist" bekannt ist, würden mich ein paar Details zur Aufnahme interessieren. Immerhin ist sie recht günstig bei Amazon zu haben...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Norbert


    Das mit Davis ist glaube ich ein ganz subjektiver EIndruck von mir.


    Eigentlich ist die Aufnahme recht "dünn", andere Meister haben selbst aus der #6 versucht, etwas halbwegs pompöses mit viel Dynamik und Tempowechsel zu veranstalten.


    Davis spielt die 6 so, wie ich sie auch im Gesamtzyklus positioniere, als Ruhepause vor dem grossen Aufstieg, oder wie Marthé es sagen würde :yes:, als Übergang vom irdischen ins himmlische. Es ist, als ob Bruckner sich den Atem holt, den er für den Rest seines Schaffens benötigt.


    Bei Davis hat man teilweise den Höreindruck, daß hier tatsächlich nur ein Kammerorchester spielt, er wird dem Werk imho gerecht.


    Ich besitze sonst von Sir Colin Davis nur die #9, auch hier liefert er ein solides Ergebnis ab, ohne zu übertreiben, das gefällt mir.


    Wer mich ein wenig kennt, weiss, daß ich eine Einspielung nicht wissenschaftlich zerpflücken kann, nach dem Motto: In Satz 1 Takt 202-206 hat das Blech die Flöten zu sehr dominiert....


    Ich entscheide immer nach der Wirkung, die bei mir persönlich erzielt wird. Das kann auch von der Stimmungslage abhängen, manchmal gefällt mir die#6 auch mit den Münchnern unter Celibidache :hello:

  • Norbert:


    Zitat

    Obwohl ich die 6. Sinfonie Bruckners für maßlos unterschätzt halte (gleiches gilt imo für die ebenfalls schon angesprochene 2.), h


    Hallo Norbert, diese Anmerkung kann man noch um die 1. Sinfonie ergänzen, die sowohl in Konzerten wie auch auf Tonträgern unterrepräsentiert ist.


    Noch einmal zur 6ten:


    Tintners Naxos-Aufnahme halte ich für durchaus akzeptabel als "Einstieg" in das Werk, wenn auch das Orchester mit dem Wollen des Dirigenten nicht ganz Schritt halten kann:



    Die Klemperer-Aufnahme ist ein "Klassiker" und dürfte allgemein bekannt sein und Inbals schöne Teldecaufnahme aus den 80gern scheint derzeit wohl nicht lieferbar zu sein.
    Warum die 6te immer noch weitgehend unbekannt geblieben ist liegt, wie mir Rafael Kubelik einmal sagte wohl auch daran, weil sie "weniger daher kommt" (schöne Formulierung ! :D) als andere Sinfonien des Meisters, sie ist eben unprätenziöser und genau das macht sie damit wohl auch für manche Dirigenten weniger attraktiv, weil man damit "nicht soviel Eindruck" machen kann X(

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Zitat

    Original von BigBerlinBear
    Warum die 6te immer noch weitgehend unbekannt geblieben ist liegt, wie mir Rafael Kubelik einmal sagte wohl auch daran, weil sie "weniger daher kommt" (schöne Formulierung ! :D) als andere Sinfonien des Meisters, sie ist eben unprätenziöser und genau das macht sie damit wohl auch für manche Dirigenten weniger attraktiv, weil man damit "nicht soviel Eindruck" machen kann X(


    Vor zwei drei Jahren habe ich eine Aufführung aus Paris unter Myung Whun Chung (ich hoffe, aus dem Gedächtnis richtig geschrieben) gehört. Da würde der gute Rafael Kubelik aber staunen. Und wie diese 6. daherkommt! Chung entkleidete sie aller offenbar in den Vorstellungen von dieser Sinfonie hausender 'Lieblichkeit' (meine, auch schon die Charakterisierung 'Pastorale' Bruckners gehört/gelesen zu haben). In der Schlußabsage des Konzerts vermeldete dann noch die Moderatorin '.... es spielte das Orchestre des Champs Élysée unter der Leitung von Anton Bruckner'.


    In dieser Sinfonie wütet der Tod.

  • helmutandres:


    Zitat

    es spielte das Orchestre des Champs Élysée unter der Leitung von Anton Bruckner'.


    Schade, daß man das nicht hören kann !

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Hallo Bruckner-Freunde,


    die Bruckner-Sinfonie Nr.6 ist meiner Meinung nicht in dem Maße unterschätzt, wie Norbert schreibt. Es ist eben Bruckner´s Sinfonie Nr.6 und die wird doch im Konzertgebrauch wie die anderen Sinfonien behandelt und nicht vernachlässigt !?! Ich schätze sie nicht weniger als die anderen Sinfonien. Gut das nicht alle Bruckner-Sinfonien gleich sind, wie ich mal absolut unsinnigerweise gelesen habe: („Wenn man eine Sinfonie kennt kennt man alle“, stand mal in einem Thread).
    Die Sinfonie Nr.6 stellt ein keckes Zwischenspiel zwischen den beiden Monumenten Nr.5 und Nr. 7 dar – Klasse !


    ;) Das noch kein Thread vorhanden war ist einfach Zufall, denn sooooooooo alt ist das Taminoforum ja auch noch nicht – und da sind noch so viele Möglichkeiten für weitere Themen offen.


    Allerdings stimme ich Norbert 100% zu, wenn er schreibt:

    Zitat

    Karajan hebt die Schönheiten der Musik hervor, ohne wichtige Details (ibs. rhythmischer Natur) zu verschweigen.


    :] An Karajan´s DG-Interpretation mit den Berliner PH ist für meine Ohren Bruckner – Pur, sie läßt nur klangtechnisch geringe wünsche offen, wenn man die DECCA-Aufnahme mit Solti / Chicago SO kennt.
    Solti läßt letztendlich rhythmisch noch prägnanter spielen, läßt die zahlreichen Schlagzeugeinsätze noch intensiver und deutlicher ihren ungehinderten Lauf und hat großartige Blechbläser, sodaß ich die später erworbene Solti – Aufnahme, trotz meiner Karajan/Bruckner-Vorliebe, bei der Sinfonie Nr.6 favorisiere.


    :rolleyes: Bei dieser Klangvorstellung, die ich von Bruckner Sinfonie Nr.6 habe, kann ich die Colin Davis-Vorliebe von Holger nun gar nicht nachvollziehen:

    Zitat

    Bei Davis hat man teilweise den Höreindruck, daß hier tatsächlich nur ein Kammerorchester spielt, er wird dem Werk imho gerecht.


    Man sollte diese Sinfonie nicht zu stark in eine weniger brucknerianische Ecke drängen und gar von kammermusikalischem Klang reden. Wenn Du tatsächlich vom Davis-Sound begeistert bist, wird Solti gar nichts für Dich sein, den der läßt eine eindrucksvolle großsinfonische Sinfonie spielen !!!


    Und auch dieser Satz von helmutandreas trifft IMO nicht zu, wenn man die Solti-Aufnahme kennt, die ist sehr eindrucksvoll und attraktiv gespielt:

    Zitat

    Warum die 6te immer noch weitgehend unbekannt geblieben ist liegt, wie mir Rafael Kubelik einmal sagte wohl auch daran, weil sie "weniger daher kommt" (schöne Formulierung ! ) als andere Sinfonien des Meisters, sie ist eben unprätenziöser und genau das macht sie damit wohl auch für manche Dirigenten weniger attraktiv, weil man damit "nicht soviel Eindruck" machen kann


    Holger

    Zitat

    Ich entscheide immer nach der Wirkung, die bei mir persönlich erzielt wird.


    Richtig – und ein kammermusikalisch gespielter Bruckner würde bei mir keine Wirkung erzielen.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Zitat

    Original von teleton
    Holger


    Richtig – und ein kammermusikalisch gespielter Bruckner würde bei mir keine Wirkung erzielen.


    Hallo teleton,


    ich habe mich vieleicht nicht richtig ausgedrückt. Natürlich erzielt ein kammermusikalischer Bruckner nicht die Wirkung (mit Schuadern denke ich an die Bearbeitung der B7 , ich besitze die AUfnahme mit dem Th. Christian Ensemble).


    Aber in der Betrachtung des Gesamtzyklus macht für mich eine nicht so bombastische Spielweise eben mehr Sinn.


    Es ist schon verwunderlich, daß weder ein Sinopoli, noch ein Giulini diese Symphonie eingespielt haben (zumindest gibt es keine CD-Aufnahmen).

  • Zitat

    Original von Holger_Grintz
    Es ist schon verwunderlich, daß weder ein Sinopoli, noch ein Giulini diese Symphonie eingespielt haben (zumindest gibt es keine CD-Aufnahmen).


    Giulini gilt zwar (Zu Recht!) als Bruckner-Spezialist, aber er war, wenn ich es recht in Erinnerung habe, recht "wählerisch". So weit mir bekannt ist, hat er auch niemals die 5. eingespielt, weil sie ihm nicht "lag".


    Was Davis angeht, so denke ich, werde ich mir die Aufnahme demnächst zulegen.
    Als Bruckner-Dirigent ist er mir gänzlich unbekannt, und so bin ich schon einmal gespannt. Auch gilt er nicht als Mahler-Spezialist und hat eine ganz ausgezeichnete Aufnahme der 1. Sinfonie eingespielt...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Hab' zwar dafür keinerlei Beweise, aber Harnoncourt fehlen mittlerweile auch nur noch 1, 2 und eben 6 - würde mich nicht überraschen, wenn da bald eine weitere Bruckner-Einspielung kommt.


    Und viele der Harnoncourt-Interpretationen (4, 5, 7, 9) sind phantastisch.

  • Zitat

    Original von teleton
    Und auch dieser Satz von helmutandreas trifft IMO nicht zu, wenn man die Solti-Aufnahme kennt, die ist sehr eindrucksvoll und attraktiv gespielt:


    Hallo Wolfgang, lies bitte noch mal nach, du hast mich falsch zitiert X(. Ich habe gerade die gegenteilige Auffassung von Kubeliks 'schöner Formulierung' vertreten: die Aufnahme mit Myung Whun Chung kommt/kam gewaltig daher! Und das ist/war richtig so!

  • Wolfgang hat mich richtig zitiert, es aber dir in di Schuhe geschoben :D
    Ich weiss nicht, wei weit Kubelik selber hinter seiner Aussage stand, denn eingespieilt hat er das Werk meines Wissens nach nie.
    Da die Chung-Aufnahme eine Chimäre ist bleiben mit also nach wie vor nur Klemperer und Inbal !

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Zitat

    Original von BigBerlinBear
    Ich weiss nicht, wei weit Kubelik selber hinter seiner Aussage stand, denn eingespieilt hat er das Werk meines Wissens nach nie.


    Kubelik, Bavarian RSO live 19/4/71, Originals CD 861
    Meteor CD 015/016
    Neuma NCD 10-5
    Great Artists CD GA 4 7 En Larmes 02-217


    Kubelik Chicago Symphony Orch live 12/82 CSO CD 92-2
    Sardana CDR 200

  • Und kennt die Kubelik-Aufnahmen irgendwer und kann etwas dazu sagen ????

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Die AUfnahmen sind nicht mehr erhältlich,



    Wenn Du des französischen mächtig bist, und Excel auf dem rechner hast, hier hat jemand verglichen:


    http://vagne.free.fr/kubelik/bruckner6.xls



    Die AUfnahme mit dem Bayerischen Rundfunk wird ab und zu ausgestrahlt, ich könnte einen Mitschnitt besorgen. Werde ich mal tun ;)

  • Hallo helmutandreas,


    ja, wer lesen kann ist im Vorteil (muß man da sagen, das Zitat stammt ja von BBB).
    Ich habe Deinen Beitrag zur Bruckner Sinfonie Nr.6 nochmal gelesen und stelle fest, das wir da eine ähnliche Auffassung vertreten. Ich meinte auch mit meinem Satz, das das was Kubelik sagte (Zitat von BBB) nicht ganz richtig ist, das die Sinfonie Nr.6 von Dirigenten gemieden wird, weil sie damit weniger Eindruck machen können.


    8o Ich kenne das charakterisierende Zitat in dem der Sinfonie Nr.6 als Pastorale bezeichnet wurde auch, welch ein Quatsch.


    ;) Wenn mir die Chung-Aufnahme "mal über den Weg läuft" würde ich auch zugreifen, Du hast mich da neugierig gemacht.
    Da mich jedoch meine Karajan- und Solti-Aufnahmen der Sinfonie Nr.6 vollends zufriedenstellen, muß ich nicht unbedingt noch eine weitere
    Version haben.


    :motz: Was BBB allerdings mit dem Wort "Chimäre" meint ist mir ein Rätsel; kann jedoch seine Vorliebe für Klemperer und Inbal gut nachvollziehen, denn das sind TOP-Bruckner Dirigenten, fern eines Tintner (Naxos), der alles in die Länge zieht und bei dem das Orchester "streikt" (um es noch häftiger als BBB auszudrücken).

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • teleton:


    Zitat

    Was BBB allerdings mit dem Wort "Chimäre" meint ist mir ein Rätsel;


    Hallo Wolfgang, mit "Chimäre" meine ich in dm Falle nichts anderes wie
    wie etwas "nicht nachvollziehbar geheimninsvolles", also eine "unbekannte Größe", denn das Chung-Konzert in Paris wurde möglicherweise garnicht aufgezeichnet und es existiert dann auch keine "Konserve" ! :D

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Holger Grintz:


    1. Französisch: geht so.... ;(


    2. Exel: hab ich :D


    Also der rezensent ist offenbar recht angetan, schwärmt von der Hörnern, aber das kann natürlich alles "aktives" Hören nicht erstezen !

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Symphonie Nr. 6 A-Dur:


    Vielleicht könnten meine Konzertbesuchs-Erfahrungen einen interessanten Einblick geben:
    Etwa 30 bis 35 Jahre lang Konzertbesuche ergeben mit Blick auf Bruckner, dass seine Sechste anfangs sehr unterschätzt war, was sich aber seit Mitte der 80-er Jahre gewandelt hat. Ich hörte sie mittlerweile so oft im Konzert, dass ich mit dem Zählen aufgehört habe, während die 2. Symphonie mir bisher nur ein einziges Mal live begegnet ist.
    Im Bruckner-Gedenkjahr 1996 habe ich die 1. Symphonie sogar insgesamt achtmal 'live' im Konzert hören können.
    Selbst die Fünfte gehört (leider) noch zu den weniger aufgeführten Symphonien aus meiner Sicht.


    Frdl. Grüße
    :)

  • Die Aussage bezüglich CMG stimmt. Ich hatte ihn anlässlich seines Gastspiels in Stuttgart in 1996 mit der 9ten Bruckner auch hierzu befragt.Er antwortete milde lächelnd, er habe eine 2te eingespielt....
    Schade ist es doch. Meine erste 6te war die Aufnahme mit Joseph Keilberth und dem BPO, die ich immer noch für sehr hörenswert halte.Ansonsten kam mir die Reaktion auf Holgers Artikel so vor, daß jeder Teilnehmer aus dem Katalogbestand Aufnahmen vorstellte. Muti halte ich indessen als Interpret Bruckner´scher Sinfonik nicht für "habenswert", aber diese persönliche Einschätzungen hat jeder nach seiner Facon. Was also bringt so etwas? Richtig ist, daß die 6te nach dem Erfolg der 5ten für Bruckner wirklich eine Erleichterung war. Dieses "kecke Beserl" müsste häufiger auf der Konzertbühne stehen.
    Da aber hier der Publikumsgeschmack regiert und die Versanstalter sich diesem Postulat aus wirtschaftlichen Gründen beugen(müssen) , kann man nur auf die Durchsetzungskraft der Dirigenten hoffen, dieses Werk-und diese Aussage gilt für jede andere Musik in ähnlicher "Beliebtheitsskala" auch- für die unterdrückten Minderheiten sich zu verwenden.
    Fazit: Jeder steht :hello: am besten mit seiner eigenen Wahl, die auch nur für ihn selbst gilt, ein.Wenn also Holger sich für wen auch immer als Wahl #1 entscheidet, so ist das ok.Die jeweiligen Reaktionen mit anderen Interpreten werden auf Holger möglicherweise keine Wirkung haben. Ich persönlich habe in Sachen Bruckner ein ganz weites Herz und habe bei den unterschiedlichen Sinfonien auch durchaus mehrere, um nicht "viele" zu sagen, Favoriten. Ich denke, daß jeder Musikfreund jeden Tag eine andere physische und psychische Disposition hat oder haben kann, die durchaus Auswrkungen haben kann, wie das jeweils gerade besuchte Konzert rezipiert wird oder wie eine Sinfonie auf einem Tonträger beim Hörer "ankommt". Ich hasse es, wenn bei der Bewertung von Tonträgeraufnahmen ein Schubladendenken grassiert, es also nur eine empefhlenswerte Aufnahme gibt, der Rest kann dann in die Entsorgung.( ich meine eine solche Tendenz in "THE GRAMOPHONE" zu entdecken, mag mich aber auch täuschen. Wer ist denn der Rezensent? Vielleicht war SEINE physische und psychische Disposition am Tag des Anhörens der zu bewertenden Aufnahme nicht die beste!? Ich sehe seit vielen Jahren Rezensionen oder Kritiken stets nur als Anregung, sich selbst intensiv mit einer Aufnahme zu beschäftigen, die einen interessiert.
    In diesem Sinne, Ihr Guten.
    Viva la musica!

  • Liebe Forianer: Ich empfehle einmal mehr dringend das Buch "Metrik und Form in den Symphonien Anton Bruckners" von Wolfgang Grandjean, Schneider/Tutzing 2001. Grandjean beschreibt darin Bruckners Tonsatzpraxis und analysiert insbesondere die Sechste hinsichtlich ihrer Metrik. Dabei beschreibt er sie als Konsequenz jener Überlegungen, die Bruckner zwischen 1876 und 78 veranlaßt hatten, die ersten numerierten fünf Sinfonien umzuarbeiten. Bruckner entwickelte in dieser Zeit ein System, wie in den Taktperioden schwere und leichte Takte zu gruppieren waren, und davon zeugt die Sechste als erstes neukomponiertes Werk dieser Einsichten. Die Analysen von Grandjean zeigen, daß man die Sechste wirklich als Prüfstein ansehen kann, ob ein Dirigent die Zusammenhänge zwischen Formgestaltung, Tempi, Gewichtung, Artikulation, Phrasierung und Dynamik durchschaut hat oder nicht. Und da es meiner Ansicht nach nur sehr wenige Dirigenten gibt, die Bruckner auch auf dieser Ebene nachvollzogen haben, die Sechste hier besondere Schwierigkeiten aufweist, wundert mich nicht, daß es - meiner Ansicht nach - kaum wirklich gute Einspielungen davon gibt. Formal am schlüssigsten finde ich den Münchner Live-Mitschnitt unter Celibidache (ein Konzert, das ich selbst miterlebt habe), wenn auch das Grundtempo für meinen persönlichen Geschmack zu breit ist. Mein anderer Favorit ist die historische Aufnahme unter Furtwängler, von der allerdings der Kopfsatz verloren gegangen ist. Die beste live-Aufführung, die ich je hörte, war 2001 unter Norrington in Stuttgart.

  • Meine Lieblingseinspielung der Sechsten: (Wurde hier, wenn ich richtig gelesen habe, noch nicht genannt)_



    Herbert Blomstedt mit dem San Francisco Symphony Orchestra,


    erschienen ist die Aufnahme bei Decca, scheint allerdings nicht mehr im Katalog zu sein. Schade!!


    Herzliche Grüße,:hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Hallo helmutandres und Bruckner-Freunde,


    ich bin helmutandres noch eine Antwort schuldig, denn er hat mit freundlicherweise seine Bruckner: Sinfonie Nr.6 - Aufnahme mit Myung Whun Chung aus Paris zur Verfügung gestellt.


    Die Aufnahme ist warscheinlich eine Rundfunkaufnahme mit einem Rauschpegel, der ein Hören mit Kopfhörer schonmal unmöglich macht - also über die Boxen --- der Sender muß verdammt weit weg gewesen sein :D .
    Chung läßt die Sätze mit großer Wucht spielen, was er durch einen ungebremsten Einsatz der Blechbläser, die alles zu geben scheinen erreicht. Leider ist das Klangbild nich für alle Instrumentengruppen gleichmäßig ausgewogen, sodaß die so wichtiigen Pauken irgendwo im Hintergrund viel zun leise grummeln. Die Aufnahmetechnik verstärkt die wuchtige Wirkung noch dadurch, das fff-Stellen fast übersteuert klingen und dadurch absolute Grenzwerte in der Spannung erzeugen - das hat was mit der Loudnesscharakteristik bei Verstärkern zu tun.
    Insgesamt eine spannende Aufnahme, die aber Klangtechnisch, nicht nur durch das Rauschen, in ihrer Ausgewogenheit Instrumente abzubilden nicht überzeugt.


    :] An dieser Stelle kann ich mich nur wieder für für die Solti-Decca-Aufnahme / Chicago SO aussprechen, die ich nicht erst seit meinem Kauf (im Oktober2005) der Gesamtaufnahme der Bruckner-Sinfonien favorisiere, sondern schon Jahre vorher hatte.
    Was Solti hier an orchestraler Ausgewogenheit und absoluter Spannung von den ersten Takten an bietet ist IMO Referenzklasse.


    Das gleiche könnte man von Karajan / Berliner PH bei der Sinfonie Nr.6 sagen, aber die Decca-Technik ist der DG-Technik und der damit verbundenen räumlichen Orchesterabbildung einfach überlegen.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Bisher hatte ich immer das Gefühl, mit Michael Gielens Einspielung der Sinfonie gut zu fahren - ich müsste sie noch einmal hören. Gielen dirigiert das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg:



    Jedenfalls - ich bin beileibe kein Bruckner-Spezialist - hat die auf Anhieb bei mir Barenboims Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern aus dem CD-Player verbannt, wenn ich diese Sinfonie einmal hören will.


    Interessieren würde mich Naganos neue Aufnahme mit dem DSO Berlin, nicht zuletzt weil ich die Sinfonie mit Nagano und dem Orchester im Sommer in Salzburg hörte und bis heute gerne wüsste, ob der eher matte Eindruck an der Sinfonie, an Nagano oder an mir lag ;) Kennt also jemand diese just erschienene Aufnahme?



    Beste Grüsse,


    C.

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Zitat

    Original von C.Huth
    Bisher hatte ich immer das Gefühl, mit Michael Gielens Einspielung der Sinfonie gut zu fahren - ich müsste sie noch einmal hören. Gielen dirigiert das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg:



    Jedenfalls - ich bin beileibe kein Bruckner-Spezialist - hat die auf Anhieb bei mir Barenboims Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern aus dem CD-Player verbannt, wenn ich diese Sinfonie einmal hören will.


    Gielen und Klemperer reichen mir; ich liebe die ersten 3 Sätze (das Finale ist nicht ganz zu retten, wie m.E. häufig bei Bruckner, wenigsens recht kurz :D)
    Bei wem ist eigentlich die 6. gelandet, die ich großzügig unter Volk warf? Ich hoffe ja nicht beim Wirt?


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat


    Bei wem ist eigentlich die 6. gelandet, die ich großzügig unter Volk warf? Ich hoffe ja nicht beim Wirt?



    JR


    Lieber Johannes,


    wenn das die Klempereraufnahme war, dann bei mir. Obwohl sich der Wirt sicher auch gefreut hätte ....
    :D :D


    Im Ernst: Mir gefällt Klemperer sehr gut.



    Herzliche Grüße,


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Die Sechste ist m.E. eine er schönsten und sanglichsten Sinfonien von Bruckner.
    Vor allem das Adagio ist ein Traum.
    Die Stelle ab Takt 133 (Buchstabe K) ist mit das Schönste, was Bruckner je geschrieben hat!


    Meine Lieblingsaufnahme der Sechsten ist die mit Sawallisch/Bayerisches Staatsorchester (Orfeo).

    "Muss es sein? - Es muss sein!" Grave man non troppo tratto.

  • Gerade habe ich die sechste Symphonie in der Interpretation von Kent Nagano gehört und dann zwecks Vergleich Klemperer hinterhergeschoben. Und ich muss sagen. Mir wird immer schleierhaft bleiben, warum sie im Vergleich mit ihren Schwestern ein solches Schattendasein führt. Ist es nur ihr Pech, dass sie zwischen der fünften und der Trias der letzten drei Symphonien liegt? Irgendwie kann ich das nicht glauben, denn an Qualität steht sie weder der einen noch der anderen nach


    Vielleicht am Grundcharakter- der ja vergleichsweise heiter- zu heiter- ist? Vielleicht an der Einfallslosigkeit ihres Schöpfers? Kaum. Der erste (Majestoso) und der zweite Satz (Adagio) gehören für mich zu dem großartigsten was Bruckner komponiert hat. Der Versuch einer Antwort auf die Frage: Die Sechste fällt irgendwie aus dem Rahmen. Wobei ich noch nicht genau sagen kann warum dem so ist. Allerdings fühle ich mich, wenn ich Parallelen suche, beim Hören weitaus stärker an die neunte als an die siebte oder achte Symphonie erinnert, von ferne grüßt das Te Deum. Insbesondere im Vergleich zur Es-Dur-Symphonie scheint die A-Dur Symphonie unprätenziöser, sie "kommt weniger daher" wie weiter oben schon Raffael Kubelik zitiert wurde. Oder auch die Opulenz der Achten- sie fehlt. Mir scheint sie hier einer verstärkten Innerlichkeit gewichen zu sein.


    Zur Aufnahme: Nach der dritten Symphonie ist die sechste Symphonie die zweite Bruckner-Symphonie die Nagano mit dem DSO aufgenommen hat. Die Einspielung der dritten kenne ich nicht. Als Vergleich dient mir der "Klassiker" von Otto Klemperer (Wieso komme ich eigentlich immer in Versuchung Viktor anstelle von Otto zu schreiben?).


    Nagano wählt ähnliche Tempi wie Klemperer, nimmt den ersten Satz allerdings geringfügig rascher, Klemperer akzentuiert hier die Monumentalität dieses "Majestoso" ein wenig stärker. Bei Nagano hat dieser Satz etwas teleologisches, etwas Vorwärtsdrängendes- ein Element was wiederum bei Klemperer ein wenig in den Hintergrund tritt. Böse Zungen könnten jetzt behaupten Klemperer dirigiere die sechste Symphonie aus dem Geist der Achten .... Nagano baut klug Spannungsbögen auf, die Partitur zerbröselt ihm nicht unter den Händen, alles wirkt organisch, im Ganzen weniger wuchtig als Klemperer- dafür für mein Empfinden noch subtiler, gelegentlich sogar schwelgerisch- ohne einen pastosen Brei abzuliefern. Dynamik ist für mich das Schlüsselwort, wenn diese Interpretation beschreiben möchte. Nagano entfaltet im Ganzen einen unwiderstehlichen Zug- und hat die Ruhe auch die ruhigen Passagen auszumusizieren.


    Nagano verfügt mit dem DSO über ein exzellentes Orchester- besonders die Holzbläser gefallen mir ausgesprochen gut. Die Aufnahmetechnik ist hervorragend. Wer die sechste Symphonie noch nicht kennt- diese Aufnahme wäre eine gute Gelegenheit das nachzuholen:



    Bleibt zu hoffen, dass dies nicht Naganos letzter Bruckner war, besonders die siebente würde ich gerne von ihm hören.


    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)