EMI - die Auslöschung eines Labels?

  • Man kann ja finde ich noch Verständnis haben - das ist der moderne Kapitalismus - dass mit den Übernahmen die Firmennamen verschwinden - ob es sich nun um Mannesmann handelt (aufgegangen in Vodaphone), oder im Musikbereich Philips, Teldec usw. Im Falle von EMI wird das aber in einer Weise vollzogen, die an eine Gedächtnisauslöschung grenzt, als wolle man die Erinnerung an EMI für alle Zeiten ausradieren. Das finde ich skandalös und skrupellos.


    Gerade entdecke ich:



    Erato hat offenbar diese EMI-Aufnahmen gekauft - vielleicht von Warner-Classics?



    Ich habe gerade diese ansonsten wirklich für den Sammler unverzichtbare ABM-Box erstanden:


    Die Box enthält sämtliche EMI und EMI-Italiana Einspielungen, dazu die Telefunken bzw. Teldec-Aufnahmen, die lange vergriffen waren, einen BBC-Mitschnitt aus London sowie die früher bei Fonitcetra erhältichen italienischen Rundfunkaufnahmen von Anfang der 60iger (RAI). Die Angaben zur Aufnahme sind eigentlich vorbildlich genau - Aufnahmeort und Datum, sogar die Toningenieure. Und bei den Labels? Teldec wird vermerkt, auch RAI - mit Ausnahme von EMI!!! Da steht doch tatsächlich "Warner Classics 1939" - richtig ist natürlich: "EMI Italiana 1939". Das ist nicht nur Schwachsinn (Warner gab es 1939 noch überhaupt nicht), sondern man fragt sich: Warum werden die originalen Labels, welche die Aufnahmen produziert haben, im Falle von Telefunken und der RAI genannt, nur wenn es sich ausgerechnet um EMI handelt, nicht? Das ist ein Wirtschaftsimperialismus, wo man vermutet, dass bei Warner regelrechte EMI-Hasser sitzen, welche um jeden Preis jegliche Erinnerung an die EMI-Geschichte auslöschen möchten und wie ein Usurpator sich auf einen fremden Thron setzt, die Bestände, welche sie eben nur gekauft haben, als eigene Leistungen (Eigenproduktionen) verkaufen. Unanständiger geht es wirklich nicht! :love:



    Schöne Grüße
    Holger

  • Man kann ja finde ich noch Verständnis haben - das ist der moderne Kapitalismus - dass mit den Übernahmen die Firmennamen verschwinden


    Habe ich durchaus nicht, es sei denn, sie sind durch irgendwelche Machenschaften kompromittiert.
    Und selbst wenn, denke ich nicht, dass sich jemand an Namen wie Ferrari oder Mercedes wagen würde.

  • Das ist ein Wirtschaftsimperialismus, wo man vermutet, dass bei Warner regelrechte EMI-Hasser sitzen, welche um jeden Preis jegliche Erinnerung an die EMI-Geschichte auslöschen möchten und wie ein Usurpator sich auf einen fremden Thron setzt, die Bestände, welche sie eben nur gekauft haben, als eigene Leistungen (Eigenproduktionen) verkaufen. Unanständiger geht es wirklich nicht!


    Lieber Holger,


    es stimmt alles, was Du schreibst. Ich steigere noch: Es ist eine Kulturschande, wenn das einst erfolgreichste Unternehmen auf diesem Markt systematisch ausgelöscht wird. EMI hat mit vielen seiner Aufnahmen Schallplattengeschichte geschrieben.
    Wahrscheinlich kommt daher auch der Neid, der Hass, die Wut. In der Vergangenheit konnte man dem Branchenkrösus nicht das Wasser reichen. EMI spielte - besonders in er Ära von Walter Legge - in einer anderen Liga. Jetzt heißt es: "Süße Rache" :cursing:


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • ........
    Wahrscheinlich kommt daher auch der Neid, der Hass, die Wut. In der Vergangenheit konnte man dem Branchenkrösus nicht das Wasser reichen. EMI spielte - besonders in er Ära von Walter Legge - in einer anderen Liga. Jetzt heißt es: "Süße Rache" :cursing:


    Herzlichst
    Operus


    Lieber Operus,


    das ist in Zeiten der Kapitalgesellschaften, für die nur noch der Shareholder value eine Rolle spielt, eine recht naive Vorstellung. Hinter solchen Umbenennungen stecken idR konkrete Unternehmens- insbes. Marketingstrategien, die ja auch vor den Anlegern gerechtfertigt werden müssen.

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Warner hat von EMI die Rechte an den Klassikaufnahmen (EMI Classics) gekauft und da sie jetzt Warner gehören, sind die Copyrights an Warner übergegangen. Bei Sony war das mit CBS genau so und bei Philips mit Decca auch. Die Marke EMI hat Warner nicht erworben. Die Marke ist natürlich nicht umsonst zu haben. Warner hat sich das Geld für die Marke EMI gespart und vermarktet die Klassikaufnahmen unter eigenen Labels, was letztlich auch den Bekanntheitsgrad der Warner-Hauslabels (z.B. Erato) steigert. Motto: Was mir gehört, soll auch meinen Namen tragen.

  • Hallo,


    ein sehr ähnliches Thema hatten wir hier bereits.


    Erato ist übrigens seit Jahren ein Sublabel des Warner-Konzerns (ebenso wie Teldec/Telefunken, Finnlandia, Nonesuch und noch ein paar andere).


    VG
    Frank

  • Mir ist wichtig, dass es die Aufnahmen überhaupt noch gibt, dass sie unverändert wieder aufgelegt werden. Es ist kein Mangel. Nach der Zerschlagung der EMI sind sehr viele Titel aus dem Katalog mit neuem Kennzeichen auf den Markt gekommen. Diese Tendenz scheint sich nach meiner Beobachtung fortzusetzen. Wer weiß, vielleicht müssen wir uns eines Tages noch mit Labelnamen wie RTL II oder Aldi abfinden. ;) Nichts halte ich für unmöglich. Auch mir passt die faktische Auslöschung der legendären Marke überhaupt nicht. Es ist, als würde einem ganz persönlich etwas weggenommen, was einem lieb und teuer ist. Deshalb sind wir ja auch so betroffen. Gestern spazierte ich über einen Flohmarkt und stieß auf hunderte Schallplatten in Kisten. Wie neu. Meistens EMI. 50 Cent das Stück. Alle möglichen Schwarzkopf-Aufnahmen, von Legge produziert, im originalen Gewand. Welch eine Pracht! Manche Titel gab es gleich dreimal, als habe der einstige Besitzer auf Nummer sicher gehen wollen - oder die pure Schönheit immer wieder neu angeschafft. Ich blieb mindestens eine Stunde bei den Kisten und hantierte mit Ehrfurcht und Vorsicht darin. Außer mir schien sich niemand dafür zu interessirren. Mitgenommen habe ich nichts, wenngleich sich etwas in mir gegen diese Verramschung von Kultur scharf auflehnte. Auch diese Welt ist untergegangen. Nun kommt noch der Name. Es ist so.


    Holger spricht von modernem Kapitalismus, was grundsätzlich stimmt. Ähnliche Beispiele sind gelegentlich auch älter. Wer mal geraucht hat, kann jede Menge Marken aufzählen, die für alle Zeit verschwunden sind. Das gilt für Mode, Füllfederhalter, Verlage, Papier, Elektrogeräte, Lebensmittel, Seifenpulver etc. Austilgungen haben Tradition. Denken wir nur an Hatschepsut. Und Löwen töten auch die Nachkommen ihrer Vorgänger als Rudeltier.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Hallo - Ganz so kann man das nicht sehen, denn EMI stand nicht zu allen Zeiten auf deren Platten, ich erinnere mich, daß damals oft noch ELECTROLA oder COLUMBIA auf den Labeln zu lesen war - und wenn ich hier Columbia schreibe, dann meine ich nicht etwa CBS oder RCA sondern die Europöische Columbia.
    Ferner erinnere ich mich, daß schon in meiner Jugend eine enge Zusammenarbeit von EMI und ERATO bestanden hatte.
    Ich erinnere mich,m daß eines Tages alle Erato-Platten aus den Geschäften verschwunden waren - weil nämlich EMI begonnen hatte eigene Aufnahmen mit alter Musik rauszubringen. Ich konnte für diese meine Behauptung leider keine Bestätigung bei Wikipedia finden - indes habe ich alte Coverbilder gefunden, wo Eindeutig der Schriftzug ERATO neben jenem von EMI-Electrola zu finden ist.



    Der Versuch des Auslöschens von Plattenlabeln ist schon sehr alt. SONY wollte CBS "auslöschen - ist aber sehr bald draufgekommen, daß es in vielen Fällen besser ist den Namen des Originallabels beizubehalten.


    Universal hat ja auch PHILIPS getötet, TELEFUNKEN und TELDEC sind ebenfalls verblichen und von Ariola-Eurodisc spricht heute auch niemand mehr.
    Irgendwann aber - wenn die Marketing-Abteilung es für opportun erachtet, werden solche Label aus der Mottenkiste geholt und generalüberholt dem staunenden Publikum präsentiert. Ich erinnere mich hier an "Angel-Records" "Seraphim" "Heliodor" und einige andere.
    Im Jazz- und Schlagerbereich ist es noch ärger....


    mfg aus Wien
    Alfred

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  • Hallo,


    die teils martialischen Begriffsbelegungen halte ich für etwas sehr weit hergeholt.
    Hinter diesen vertrieblichen Aktivitäten dürften sich zu 99 % markenrechtliche und "marketingtechnische" Überlegungen verstecken.


    Erato wird in der Vergangenheit in D. schlicht über EMI vertrieben worden sein, wozu eben auch gehört haben wird, dass die deutsche Produktionsinfrastruktur (Presswerke) genutzt wurde.
    Es war damals vermutlich günstiger "Schnürsenkel" (Tapes) durch die Gegend zu senden und dann im Land des Abatzmarktes zu pressen.


    "Angel-Records" ist sowas wie eine Analogie zu Decca. Für den US-Markt lag das Markenrecht für das Nipper-Logo (His Master's Voice) bei RCA, in Europa bei EMI. Die Vermarktung musste somit in den USA unter anderem Namen/Label erfolgen, eben unter "Angel-Records" (siehe auch hier). Ebenso liefen Aufnahmen von DECCA in den USA unter der Bezeichnung "London".


    Grüße
    Frank

  • das ist in Zeiten der Kapitalgesellschaften, für die nur noch der Shareholder value eine Rolle spielt, eine recht naive Vorstellung. Hinter solchen Umbenennungen stecken idR konkrete Unternehmens- insbes. Marketingstrategien, die ja auch vor den Anlegern gerechtfertigt werden müssen.


    Das ist es ja gerade, was kritisiert wird. Wie viele Anleger sind übrigens über die Verwendung ihrer Anlagen informiert?
    Und wie sich Unternehmens- und Marketingstrategen irren können, weiß man zur Genüge.

  • Den Anleger interessiert in aller Regel der Return, ggf. die Nachhaltigkeit.
    Operative Marketingüberlegungen sind Kapitalgebern in alle Regel total gleich, wenn sie sich nicht gerade - mehr zufällig - für die Produkte des Unternehmens begeistern können, deren Anteile sie halten.


    Das kann man auch gar nicht (negativ) werten.


    Grüße
    Frank

  • Operative Marketingüberlegungen sind Kapitalgebern in alle Regel total gleich, wenn sie sich nicht gerade - mehr zufällig - für die Produkte des Unternehmens begeistern können, deren Anteile sie halten.


    Nicht immer. Mehr und mehr werden jetzt auch ethische Kriterien beachtet.

  • Daher schrieb ich ja oben "ggf. die Nachhaltigkeit." Das bewegt sich aber auf dem Niveau von ganz grundsätzlichen und strategischen Fragestellungen. Operative Fragen, wie der Wegfall von Handelsnamen, sind zumeist keine Gestaltungsmasse für die Anteilseigner. Ein Management wäre auch handlungsunfähig, wäre es anders.


    Grüße
    Frank

  • Warner hat von Emi die Rechte an den Klassikaufnahmen (EMI Classics) gekauft und da sie jetzt Warner gehören, sind die Copyrights an Warner übergegangen. Bei Sony war das mit CBS genau so und bei Philips mit Decca auch.Die Marke EMI hat Warner nicht erworben.


    Das Ergebnis ist dann aber wirklich grotesk. Als Geisteswissenschaftler poche ich auf die korrekte Angabe der Quellen - auf dem Cover können sie meinetwegen Warner drucken. Irgendwo müssen die Grenzen des Merkantilen sein. Demnächst kaufen sie nur noch die Aufnahmen und nicht die Namen der Interpreten. Dann steht da wohl demnächst statt Michelangeli als Pianist Warner auf dem Cover. So etwas hat es tatsächlich auch schon gegeben - so sind z.B. Aufnahmen von Sergio Fiorentino einfach unter einem anderen Namen veröffentlicht worden. Das ist doch alles wirklich irre! Da wird wirklich der Kommerz zum Götzen!


    Schöne Grüße
    Holger

  • Zitat

    Nun ist das Veröffentlichen von Aufnahmen keine wissenschaftliche Tätigkeit, sondern Vermarktung kultureller Güter...


    Das ist zwar richtig, aber zur "Kultur" gehört wesentlich die Authentizität, dass man so eben auch die Quellen nachvollziehen kann, egal ob es sich um Archäologie handelt, Kunst oder Musik. Wir wollen z.B. keine Raubgrabungen, wo man dann den Ausgrabungsort nicht mehr nachvollziehen kann, als das höchst profitable Verramschen von Kulturgütern, wie es leider weltweit geschieht. "Kultur" und "Vermarktung" beißt sich hier. Vom Vermarktungsgesichtspunkt her ist es kein Problem, eine Aufnahme von Sergio Fiorentino unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Wenn das aber zum Normalfall wird, enden wir im Dschungel und der einzige kulturelle Wert, der dann übrig bleibt, ist die bare Münze: der reine Profit und die Profitgier.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Hallo Holger,


    bei beiden Boxen - Markevitch wie ABM - ist es mit geringem Aufwand via Internet-Recherche leicht zu ermitteln, für welche Label die Aufnahmen entstanden.
    In den Booklets dürfte es zudem vermerkt sein. Mir persönlich wäre damit in Sachen Transparenz vollauf genüge getan, denn die Quelle kann nachvollzogen werden. Die meisten Hörer dürfte es auch nur am Rande interessieren, für welches Label ein Künstler aufgenommen hat.


    Grüße
    Frank

  • Zitat

    In den Booklets dürfte es zudem vermerkt sein.


    Genau das nicht! Was da steht, ist eine glatte Fälschung: z.B. p (also: "Print") 1943 Warner Music Italia SRL, Mono. Das gleicht einer Urkundenfälschung (richtig ist: EMI Italiana SRL) so, wie wenn man nachträglich den Namen einer Geburtsurkunde oder den Ersteintrag beim Katasteramt ändert, nur weil der Eigentümer gewechselt oder eine Person geheiratet hat.


    Schöne Grüße
    Holger

  • ........ der einzige kulturelle Wert, der dann übrig bleibt, ist die bare Münze: der reine Profit und die Profitgier.


    Schöne Grüße
    Holger


    Man muss Realist sein: Ohne "Profit" und "Profitgier" oder - mit weitaus geringerer negativer Konnotation - "Gewinn" und "Gewinnstreben" gäbe es vermutlich viele der Dinge, die uns das Leben erst lebenswert machen, (Musik, Theater, Geisteswissenschaften an den Unis usw.) nicht (mehr).

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Auch, wenn mir diese Art des Umlabelns ebenfalls nicht sonderlich sympathisch ist, verstehe ich doch die Aufregung nicht so ganz!? - Nehmen wir einmal Brilliant Classics, die ebenfalls bzw. praktisch ausnahmslos (ältere) Aufnahme unter dem eigenen Label herausbringen, die vormals anderswo "beheimatet" waren; z.B. handelt es sich bei folgender Doppel-CD ursprünglich um eine DGG-Produktion



    Meine Wahrnehmung auch hier im Forum ist es, dass dieses Vorgehen meistenteils positiv angenommen wird, da die "Originale" häufig vergriffen sind. Warum ist also etwas bei einem Big-Player, wie etwa Warner nicht recht, was bei anderen billig ist?

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

  • Nehmen wir einmal Brilliant Classics, die ebenfalls bzw. praktisch ausnahmslos (ältere) Aufnahme unter dem eigenen Label herausbringen, die vormals anderswo "beheimatet" waren; z.B. handelt es sich bei folgender Doppel-CD ursprünglich um eine DGG-Produktion


    Ich habe diese (s.u.!) Box - das sind auch DGG-Produktionen, welche die DGG selber nicht veröffentlichen wollte und dankenswerter Weise für den Sammler von Brilliant-Classics herausgebracht wurden:



    Die Angaben zur Aufnahme stehen auf dem Pappcover der jeweiligen CD - und da ist ganz korrekt vermerkt p (= Print) 1960 Deutsche Grammophon Gesellschaft. Genau so soll es auch sein!


    Schöne Grüße
    Holger

  • Zitat

    Die meisten Hörer dürfte es auch nur am Rande interessieren, für welches Label ein Künstler aufgenommen hat.

    Das ist allerdings ein Kunstfehler. Denn jedes Label hatte einen "roten Faden" was die Klangphilosophie angeht, ich denke hier an den durchsichtigen aber an Mangel an Volumen leidenden Klang von Philips, an den sterilen, sauberen ober basschwachen und unräumlichen Klang der DGG, an den etwas bulligen, oft zu dicken, stets aber räumlichen Klang der DECCA, an die sagenumwobenen EMI Einspielungen unter dem Tonmeister Christopher Parker etc etc


    Jedes Label hatte seinen spezifischen Klang. Wenn ein Orchester das Label wechselte war es oft nicht wiederzuerkennen, denn in meinen Augen (Ohren) war der Tontechniker, was den Klang betraf ebenso wichtig wie der Dirigent....



    Zitat

    Nehmen wir einmal Brilliant Classics, die ebenfalls bzw. praktisch ausnahmslos (ältere) Aufnahme unter dem eigenen Label herausbringen, die vormals anderswo "beheimatet" waren; z.B. handelt es sich bei folgender Doppel-CD ursprünglich um eine DGG-Produktion

    JA - aber das wird im Booklet dokumentiert.


    mfg aus Wien
    Alfred

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  • Dass Firmennamen verschwinden, wenn Unternehmen aufgekauft werden, ist in allen Branchen üblich. Da sitzen dann halt Leute in den Marketing- und Kommunikations-Abteilungen, die nur den aktuellen Firmennamen sehen wollen. Ich glaube allerdings, dass es werbetechnisch unklug ist, wenn dies auch im Bereich von Klassik-Aufnahmen so praktiziert wird. Label wie EMI haben einen ganz besonderen Klang, der viele Klassik-Käufer anzieht. Und Alfred hat zu Recht darauf hingewiesen, dass jedes Label seine eigene Philosophie im Bereich der Aufnahmetechnik verfolgt hat. Wenn eine Box mit dem Label Erato neu auf den Markt kommt, beurteile ich die anders, als wenn EMI darauf stehen würde. Daher tun sich die Firmen m.E. keinen Gefallen mit der Auslöschung der alten Label. Junge Klassik-Käufer, die EMI vielleicht gar nicht mehr kennen, wird es nicht kümmern, aber die Zielgruppe der Klassik-Käufer besteht ja eher aus älteren Jahrgängen :D

  • Lieber Holger,
    das "p" bedeutet "published" = "veröffentlicht". Es folgt das Jahr der Veröffentlichung.
    Dahinter wird der (jetzige) Rechteinhaber angegeben.
    Wann und durch wen die Aufnahme gemacht wurde,ergibt sich daraus nicht.
    Wenn Brilliant als Rechteinhaber z.B. die Deutsche Grammophon angibt, bedeutet das, dass Brilliant die Aufnahmen in Lizenz verwendet und nicht selbst Eigentümer der Aufnahmen ist.
    So ist es auch mit Beethovens Klavierkonzerten gespielt von Badura-Skoda.
    Die nebenstehende Box ist von Genuin, die enthaltenen Aufnahmen stammen von der Deutschen Grammophon. Genuin verwendet sie in Lizenz durch die Deutsche Grammophon, die Eigentümer der Aufnahmen ist.

  • Lieber Holger,
    das "p" bedeutet "published" = "veröffentlicht". Es folgt das Jahr der Veröffentlichung.
    Dahinter wird der (jetzige) Rechteinhaber angegeben.

    Schneewittchen :) -
    das ist doch völlig widersinnig! Veröffentlicht hat das nun wirklich nicht der jetzige Rechtsinhaber! Das ist geradezu lächerlich. "Warner Italia 1939" ist Unfug, den jeder halbwegs gebildete Musikliebhaber durchschaut. Und solche Boxen kaufen letztlich nur die Kenner - und ärgern sich. Wozu also dieser Blödsinn? Brilliant-Classics macht es ja auch richtig. Es geht also! Ansonsten müßte man nicht von den Mannesmann-Röhrenwerken, sondern auch im Rückblick von den Vodaphone-Röhrenwerken sprechen. Ich werde mal meinen Freund demnächst fragen, der Klassik-Liebhaber und Jurist ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Nennung der originalen Publikationsquelle im Booklet ein Problem ist. Der Label-Name auf dem Cover ist Werbung - aber doch nicht solche Angaben. Es gibt z.B. Fälle wie Alexis Weissenberg, er hat Chopins Sonate op. 35 im selben Studio in Paris aufgenommen im Abstand von einem Jahr - erst bei RCA und dann bei EMI. Da braucht man als Sammler schon genaue Angaben. In der großen Cziffra-EMI-Box ist eine Philips-Aufnahme drin (die Chopin-Etüden), die ist auch als solche vermerkt. Und Bertarido hat Recht: Warner ist ein kommerzielles Konstrukt und hat einfach nicht den Namen, den EMI hatte. Keinen Musikliebhaber interessiert der Name Warner - das ist keinerlei Kaufanreiz. Ich habe auch Sony als Label nie Ernst genommen - für mich zählen CBS oder RCA. Ich glaube, der Fehler liegt in der Personalpolitik. Da sitzen Jungspunde, die von der Ausbildung her klasissche Musik vermarkten wie im Pop-Bereich oder ob sie Seife verkaufen und welchen der Sinn für solche Traditionen fehlt.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Da sitzen Jungspunde, die von der Ausbildung her klasissche Musik vermarkten wie im Pop-Bereich oder ob sie Seife verkaufen und welchen der Sinn für solche Traditionen fehlt.


    Das ist doch nun wirklich völlig ungerecht und lebensfremd. Sollen da Neunzigjährige sitzen, die noch Legge gekannt haben? Gott behüte. Die Vorstellung wäre gruselig. Wir können doch die Musik hören, die wir hören wollen. Egal unter welchem Label. Nur das zählt letztlich für mich. Gib doch den jungen Leuten ihre Chance. Die machen das schon gut. Also Sammler kennst Du Dich doch gut aus, Holger.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Wenn das aber zum Normalfall wird, enden wir im Dschungel und der einzige kulturelle Wert, der dann übrig bleibt, ist die bare Münze: der reine Profit und die Profitgier.

    Dieses Phänomen hat einer der bedeutendsten deutschen Denker schon vor 167 Jahren beschrieben und legt man diese Beschreibung der eigenen Betrachtung zu Grunde, dann stellt man fest, dass man schon seit mindestens einem Vierteljahrhundert in diesem Dschungel angekommen ist. In einer Zeit, in der der Neoliberalismus Staatsideologie ist und die Gesetze des Marktes den gleichen Stellenwert wie die Naturgesetze oder die 10 Gebote haben, sollte das Verschwinden eines Label-Namens eigentlich niemanden mehr aufregen, höchstens noch verwundern.



    Das einzige, was wirklich aufregenswert ist, ist das:

    Was da steht, ist eine glatte Fälschung: z.B. p (also: "Print") 1943 Warner Music Italia SRL, Mono. Das gleicht einer Urkundenfälschung (richtig ist: EMI Italiana SRL) so, wie wenn man nachträglich den Namen einer Geburtsurkunde oder den Ersteintrag beim Katasteramt ändert, nur weil der Eigentümer gewechselt oder eine Person geheiratet hat.

    Das ist eine falsche Information zum Produkt und auch eine Manipulation der Historie, wenn auch eine kleine, die vielleicht als belanglos abgetan werden kann. Aber solche "Belanglosigkeiten" führen zu Gewöhnung und in Masse zu einer anderen Geschichte, zu einer anderen Welt a la der schönen neuen von Aldous Huxley.


    John Doe
    :no:

  • Brilliant-Classics macht es ja auch richtig.


    Lieber Holger, Im Beitrag 24 hatte ich erwähnt, dass Brilliant als Lizenznehmer handelt. Deshalb wird in diesen Fällen der Eigentümer/Rechteinhaber z.B. Deutsche Grammophon auf der Box angegeben. Hätte Brilliant-Classics die Aufnahmen erworben und wäre damit Eigentümer/Rechteinhaber geworden, würde Brilliant-Classics es genau so machen, wie alle anderen.
    Dasselbe gilt für die Genuin-Box Beitrag 24. Auch Genuin ist in diesem Fall Lizenznehmer und gibt den Eigentümer der Aufnahmen an.
    Wenn in der Cziffra-EMI-Box ist eine Philips-Aufnahme drin ist und Philips als Eigentümer angegeben ist, dann handelt es sich ebenfalls um eine Lizenz von Philips an EMI.

  • Die Aufregung um ein vor dem Verschwinden stehendes Platten-Label kann ich nicht verstehen. Ich bin da nahe bei MSchenk:


    Zitat

    Auch, wenn mir diese Art des Umlabelns ebenfalls nicht sonderlich sympathisch ist, verstehe ich doch die Aufregung nicht so ganz!?


    Es wurden ja schon die im Kapitalismus übliche Vorgehensweise angesprochen - und ich denke in meinem Altersstarrsinn: So wird's wohl sein!


    Aufregen kann ich mich über die Gräueltaten des IS, aufregen über die Sprengung der Buddha-Statuen durch (wie heißen die Verblendeten noch?), aufregen kann ich mich über die Zerstörungen in Palmyra, und, und, und.


    Ich frage mich schon lange, wann wohl in "D" die erste Bombe ein Kulturdenkmal zerstört - den Kölner Dom beispielsweise; ich frage mich, wann es den Petersdom erwischen wird, und, und, und.


    Ich rege mich auch darüber auf, dass für viel Dreck und Schund (Achtung: RT!) Geld da ist, dass es hier, vor meiner Haustüre rechtsfreie Räume gibt, in die sich kein Polizist mehr traut, nur noch mit Hundertschaften, und, und, und.


    EMI hin oder her - das schafft mir keine schlaflosen Nächte (die angesprochenen Aufreger übrigens auch nicht!), regt mich auch nicht weiter zum Nachdenken an. An meine Enkel zu denken und Probleme zu sehen, das ist ein Aufreger, manchmal auch mit schlaflosen Nächten.


    Aber (ich schreibe es, gewarnt durch manchen Streit unter den Forenmitgliedern, explizit hier nieder!) es steht jedem frei, ein anderes Thema als Aufreger zu sehen und zu beschreiben, so also auch den "Untergang" eines Labels so zu sehen.


    :hello:

  • Das ist doch nun wirklich völlig ungerecht und lebensfremd. Sollen da Neunzigjährige sitzen, die noch Legge gekannt haben? Gott behüte. Die Vorstellung wäre gruselig. Wir können doch die Musik hören, die wir hören wollen. Egal unter welchem Label. Nur das zählt letztlich für mich. Gib doch den jungen Leuten ihre Chance. Die machen das schon gut. Also Sammler kennst Du Dich doch gut aus, Holger.

    Mir hat mal ein Händler, der seit Jahrzehnten erfolgreich Platten und CDs verkauft und selber die Sachen z.T. aus den USA importiert hat, folgendes erzählt: Im Marketingbereich sitzen Yuppies, nach der neuesten "Mode" in den Wirtschaftswissenschaften ausgebildet, die dann zu ihm kamen und ihm erzählen wollten, wie er erfolgreich Klassik-CDs verkauft. Er mußte ihnen dann mit seiner langen Erfahrung klar machen, dass ihre Vorstellungen mit den wirklichen Bedürfnissen des Klassikkunden so gut wie gar nichts zu tun haben. Und von den großen Labels berichtet er, dass sie viele der Stellen, wo die kompetenten Leute saßen, einfach wegrationalisiert haben. Wenn man dann also z.B. nach Glenn Gould fragt, wissen manche, die das angeht bzw. angehen sollte, schon gar nicht mehr, wer das ist.



    Das ist eine falsche Information zum Produkt und auch eine Manipulation der Historie, wenn auch eine kleine, die vielleicht als belanglos abgetan werden kann. Aber solche "Belanglosigkeiten" führen zu Gewöhnung und in Masse zu einer anderen Geschichte, zu einer anderen Welt a la der schönen neuen von Aldous Huxley.

    Genau das soll nicht passieren - eben ein solcher Gewöhnungseffekt. Verhindern kann das nur der Protest der Kunden.



    Dieses Phänomen hat einer der bedeutendsten deutschen Denker schon vor 167 Jahren beschrieben und legt man diese Beschreibung der eigenen Betrachtung zu Grunde, dann stellt man fest, dass man schon seit mindestens einem Vierteljahrhundert in diesem Dschungel angekommen ist. In einer Zeit, in der der Neoliberalismus Staatsideologie ist und die Gesetze des Marktes den gleichen Stellenwert wie die Naturgesetze oder die 10 Gebote haben, sollte das Verschwinden eines Label-Namens eigentlich niemanden mehr aufregen, höchstens noch verwundern.

    Wenn man so denkt, dann muß man konsequent auch Kinderarbeit in Kaffeeplantagen, die heute üblich ist, das 3 Euro-Hemd bei Kick, was in Indien und China produziert wird, wo sich die Leute in Scharen aus Verzweiflung aus dem Fenster im 5. Stock stürzen, fatalistisch als "Realität" hinnehmen. Da ich nicht zu den Zynikern gehöre, bin ich auch nicht bereit, hier einfach die Dinge laufen zu lassen und als unabänderliches Schicksal zu betrachten, sondern setze durch mein Verhalten als Konsument Zeichen. Der Konsument hat Macht - denn die Konzerne wollen an sein Geld. Wenn der Kunde eben nicht mehr kauft, dann werden die Multis das sehr wohl verstehen. Das Aufbegehren der Konsumenten hat ja nun wirklich schon einiges bewirkt. Unser hiesiger Supermarkt z.B. bietet inzwischen regionale Produkte an mit namentlicher Kennzeichnung des Produzenten inclusive Adresse. Wer nicht aufmuckt, der wird auch nichts verändern.


    Schöne Grüße
    Holger