Schubert: Streichquintett C-Dur

  • Gipfelwerk der Kammermusik - das Bild des Grossglockners von Marcus Pernhart (1824-1871) passt deshalb gut zum eingespielten Werk.


    Das Takasc Quartett hat mit dem Cellisten Ralph Kirshbaum Franz Schuberts (1797-1828) Streichquintett C-Dur D. 956 zusammen mit dem Quartettsatz c-moll D. 703 aufgenommen. Die Aufnahmetechniker haben dem Fundament der beiden Celli Gewicht gegeben. (Aufnahmedatum 18.-21. Mai 2012)


    I 19:54, II 14:31, III 10:28, IV 9:42


    Im ersten Satz sind die Steigerungen für meinen Geschmack zu wenig entschieden. Das Adagio gelingt den Musikern. Man blickt in den Himmel. Der Gesamtklang bei vibratolosen Passagen ist aus einem Guss. Ralph Kirshbaum spielt selbstbewusst und gibt Widerpart mit seiner Stimme. Das Finale wünschte ich mir mehr als Tanz auf dem Vulkan.
    .

    I think laughter is preferable to tears.

    John Cage


    Jede Hörerin und jeder Hörer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat Anspruch darauf, wenigstens einmal am Tag überfordert zu werden.

    Hans Winking

  • Hier seien noch die Spielzeiten der einzelnen Sätze des Streichquintetts D. 956 in der Interpretation des Arcanto-Quartetts mit Olivier Marron erwähnt:


    I 19:27, II 13:35, III 10:19, IV 9:16
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    John Cage


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    Hans Winking


  • Auryn Quartett mit Christian Poltéra: I 20'18, II 13'18, III 9'27, IV 9'48
    Hagen Quartett mit Heinrich Schiff: I 19'45, II 12'59, III 10'22, IV 9'32

    Meine beiden Lieblingsaufnahmen, sie wurde bereits im ersten Beitrag erwähnt. Zur Vervollständigung die Zeiten.

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    John Cage


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    Hans Winking

  • Wegen der Arpeggione-Sonate auf einem nachgebauten Originalinstrument habe ich mir die folgende neuere Einspielung zugelegt, aber auch das Streichquintett kann für mich selbst neben Wispelwey und dem Orpheus String Quartet bestehen:




    :hello: Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Gestern ist diese CD bei mir eingetroffen:



    Anschliessend habe ich eine knappe Stunde in der ersten Reihe auf der Stuhlkante sitzend damit verbracht, das Streichquintett zu hören.
    Diese Aufnahme ist einfach wunderbar. Man glaubt wirklich, mitten drin zu sitzen und hört jede Kleinigkeit heraus. Gleichzeitig ist die Interpretation, soviel ich es beurteilen kann, ausgesprochen spannend.


    Für mich die mit Abstand beste Aufnahme des Quintetts und wohl eine der besten Kammermusik-CD's, die ich kenne.



    LG,
    Thomas

    "Lassen Sie sich ruhig fallen, bei Bruckner fallen Sie immer nach oben"
    Günter Wand

  • Mit einem guten halben Jahr Verspätung ist die 5. CD des von mir hochgeschätzten Pavel Haas Quartetts auch bei mir auf dem Plattenteller gelandet. Diese Verspätung erklärt sich einfach dadurch, dass ich nicht gewillt war für zwei Stücke, die ich schon in so vielen Aufnahmen im Schrank stehen habe, so viel Geld auszugeben. Nun habe ich sie gebraucht günstiger bekommen. Und kann das vom Vorredner gesagte nur bestätigen. Die Klanghomogenität, die die jungen Tschechen hier mit Gast im Quintett erreichen, ist wohl nicht mehr zu übertreffen. Es klingt streckenweise wie ein 20-saitiges Instrument, warm und intensiv, unglaublich. "Der Tod und das Mädchen" kommt deutlich schroffer daher, da ist von "Wiener Gemütlichkeit" aber auch gar nichts mehr übrig, das wird nicht jedem gefallen, aber ist dem Stück durchaus angemessen. Das Pavel Haas Quartett festigt mit dieser CD den Anspruch, zur Handvoll derzeitig agierender Spitzenquartette zu gehören. Bemerkenswerterweise wurde zum vierten Mal die 2. Geige ausgewechselt, nach drei Damen nun mal ein Herr an dieser Position, vielleicht hält das ja länger. Artemis, Hagen, Henschel und Mandelring haben mir der Konstellation eine Dame und drei Herren ja auch gute Erfahrungen gemacht :D ?


  • Nachdem ich jetzt nach langer Zeit einmal wieder die Aufnahme mit dem Weller Quartett gehört habe, wollte ich hier etwas schreiben. Aber hier steht schon soviel! Die Weller-Aufnahme hat Johannes weiter oben schon ausführlich vorgestellt. Auch mir gefällt sie sehr gut, sehr homogener Klang, echt wienerisch. Und dass nicht alle Abgründe voll ausgeschritten werden, stört mich jetzt nicht, muß ja nicht immer sein. Dies war - wenn die Erinnerung nicht trügt - auch die erste Aufnahme, die ich besaß, auf einem obskuren Zweitverwerterlabel. Die ist mir aber abhanden gekommen und so war ich froh, die Decca-LP heute günstig wiederzubekommen.


    Ich habe das auch zum Anlas genommen, um mal zu schauen, welche Aufnahmen ich überhaupt habe und war erstaunt, dass ich insgesamt 14 habe, davon 10 noch auf Vinyl. Einige wurden hier m.E. noch nicht erwähnt:


    Vom Amadeus Quartett mit William Pleeth gibt es zwei, eine frühe Mono auf EMI und eine Stereo auf DGG.


    Das Cleveland Quartett hat sich Supercellist YoYoMa dazugeholt.


    Auch vom Lasalle Quartett gibt es eine mit Lynn Harrell am Cello.


    Ziemlich unbekannt ist vermutlich die vom Fitzwilliam Quartett mit Van Kampen, die habe ich auch noch nicht gehört.


    Das Guarneri Quartett sollte man nicht übersehen, Leonard Rose war Gast.


    Und die älteste Einspielung die ich habe - noch älter als die Casals von 1952 - das Hollywood String Quartett mit Kurt Reher.


    Ich kann jetzt nicht zu allen was sagen, da es z.T. Jahre-Jahrzehnte her ist, dass ich sie gehört habe, aber bei speziellem Interesse mach ich es.


    Und unter den neueren CD-Einspielungen fehlt hier natürlich noch eine absolute Topaufnahme:



    Belcea mit Valentin Erben.

    Die hat mich ähnlich beeindruckt wie die mit dem Pavel Hass Quartett.


  • Dazu noch
    Hagen/Schiff
    Vogler/Schott
    Marlboro Festival (Frank, Galimir u.a.)
    Ensemble Villa Musica

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • In einem englischsprachigen Forum gab es einen längeren "Blindvergleich" (unter größtenteils Laien natürlich) auf der Basis von ca. 30 Aufnahmen des Werks. Dank der komplizierten Vorgehensweise schieden einige sehr berühmte Aufnahmen (Amadeus, ABQ, Melos) schon in der ersten Runde aus....


    Kandidaten:
    Aeolian/Schrecker - rounds 1, 2
    Alban Berg/Schiff - round 1
    Amadeus/Pleeth (II) - round 1
    Arcanto/Marron - rounds 1, 2, 3, final [#1]
    Auryn/Poltéra - rounds 1, 2
    Belcea/Erben - rounds 1, 2
    Borodin/Milman - rounds 1, 2
    Casals & co. - rounds 1, 2
    Diotima/Gastinel - rounds 1, 2
    Emerson/Rostropovich - rounds 1, 2, 3
    Festetics/Kuijken - round 1
    Fitzwilliam/Kampen - rounds 1, 2
    Frank & co. - round 1
    Grumiaux & co. - round 1
    Hagen/Schiff - rounds 1, 2, 3
    Hollywood/Reher - rounds 1, 2
    Jansen & co. - rounds 1, 2
    Juilliard/Greenhouse (II) - round 1
    Kavafians & co. - rounds 1, 2, 3, final [#4]
    L'Archibudelli - rounds 1, 2, 3
    Leipzig/Sanderling - rounds 1, 2, 3
    Lindsay/Cummings - round 1
    Melos/Rostropovich - round 1
    Nomos/Kämper - round 1
    Orpheus/Wispelwey - rounds 1, 2, 3
    Pavel Haas/Ishizaka - rounds 1, 2, 3, final [#2]
    Petersen/Sanderling - rounds 1, 2, 3, final [#3]
    Raphael Ensemble - rounds 1, 2, 3, final [#5]
    Sine Nomine/Guye - round 1
    Takacs/Kirshbaum - round 1
    Taneyev/Rostropovich - rounds 1, 2, 3
    Villa Musica Ensemble - rounds 1, 2


    Finalisten:
    Raphael Ensemble
    Kafavian u.a. (Chamber music society at Lincoln Center, New York)
    Petersen/Sanderling
    Pavel Haas/Ishizaka


    Sieger: Arcanta/Marron


    Wer etwas dazu nachlesen will (lang!)


    http://www.good-music-guide.co…ex.php/topic,23409.0.html

    Struck by the sounds before the sun,
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    The morning breeze like a bugle blew
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    (Bob Dylan)

  • Dank der komplizierten Vorgehensweise schieden einige sehr berühmte Aufnahmen (Amadeus, ABQ, Melos) schon in der ersten Runde aus....

    The format:
    Round 1 - Exposition of the first movement
    Round 2 - Third movement (complete)
    Round 3 - Second movement (complete)
    Final round - Entire piece, probably

    Also, wenn ich das Vorgehen richtig verstanden habe, wurde in der ersten Runde nur die Exposition des ersten Satzes vergleichend gehört. Wer hier rausflog, hatte keine Chance mehr mit dem Rest des Stückes zu punkten. Das ist natürlich ein problematischer Ansatz.


    Mal davon abgesehen, finde ich zumindest den 2. (Pavel Haas) und 3. (Petersen) Platzierten in meinem Regal, damit kann ich also leben. ;)




  • Nein, das ist missverständlich (oder schlicht falsch, evtl. war das der ursprüngliche Plan, der dann geändert wurde) dargestellt. Die erste Runde bestand aus dem kompletten Kopfsatz!
    Problem war eher, dass es ca. vier Gruppen a 7-8 Aufnahmen gab und die meisten Teilnehmer nur eine Gruppe gehört haben.
    Ich habe zB ABQ/Schiff zwar nicht erkannt, aber relativ gut bewertet, andere sahen das anscheinend anders. Da in der 2. Runde dann das komplette Scherzo kam, waren Aufnahmen, die sich vielleicht besonders durch ein besonders tiefsinniges Adagio auszeichnen bis dahin schon rausgeflogen. Tatsächlich waren interessanterweise im Finale fast nur noch zügige Adagios drin.


    Jedenfalls ist es, wenn keine Lebensaufgabe, sicher etwas, das einen mehrer Jahre beschäftigen kann, wenn man den Ehrgeiz hat, 20-40 Aufnahmen eines solchen Werks genauer anzuhören...


    Da die sehr interessante historische Aufnahme mit dem Taneyev-Quartett anscheinend entgegen einer DG-Ankündigung nie auf CD erschienen ist, habe ich auch keine ganz einschlägigen Kandidaten zur Anschaffung aus dem Projekt mitgenommen. Evtl. vielleicht die wohl am besten gelaufen HIP_Aufnahme mit Archibudelli oder im Gegensatz die eher romantische mit dem Leipziger Streichquartett. Mein Favorit in der Finalrunde war, ohne es erkannt zu haben :untertauch: Petersen/Sanderling (Capriccio)
    Ich bin Jo498 in diesem Forum

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  • Zitat

    finde ich zumindest den 2. (Pavel Haas) und 3. (Petersen) Platzierten in meinem Regal, damit kann ich also leben.

    Zitat

    Mein Favorit in der Finalrunde war, ohne es erkannt zu haben :untertauch: Petersen/Sanderling


    Treffliche Auswahl.
    Schwarmdenken funktioniert also doch :D .

  • Ich fürchte ja eher, dass ich vielleicht unbewusst eine Aufnahme, die ich seit Jahren im Regal und öfters gehört habe, gegenüber eine unbekannten bervorzuge. So ähnlich bei ABQ/Schiff. Das war innerhalb der 8 Aufnahmen, in denen mir der erste Satz präsentiert wurde, eine der dramatischsten, aber da das meine allererste Einspielung war, ist die Möglichkeit hier ebenfalls gegeben

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  • Ich habe soeben auf Classica ein Konzert vom Verbier-Festival am 3. August 2013 gesehen mit dem "Quatuor Ébène" und Frans Helmerson, Cello.


    Zur Aufführung gelangte das Streichquintett C-dur D.956, das m. E. mit dem strahlenden C-dur-Klang nichts gemein hat, sondern in dem uns Schubert einen tiefen Blick in sein trostloses Innenleben gewährt. Im Grunde genommen spiegelt dieses Quintett, anders als noch in der tonartgleichen Symphonie D.944 in jedem seiner Sätze gnadenlos die Katastrophe wieder, in der Schuberts Leben endete. Gleichzeitig dokumentiert sie in ihrer formalen und inhaltlichen Vollendung das Genie Schuberts und die ihm innewohnende Kraft, bis zum letzten Atemzug der Welt musikalisch mitzuteilen, was er zu sagen hatte.
    Bis zum heutigen Abend hatte ich von dieser Streichquartettformation wohl schon gehört, aber noch keine Tonbeispiele von ihr vernommen. Nachdem ich im vergangenen Winter in unserem Coesfelder Konzerttheater ein aufstrebendes englisches Streichquartett erlebt hatte und auch hier im Forum von diesem Quartett gehört hatte, habe ich nun dieses Konzert genossen.
    Welch ein tiefes Eintauchen in die Schubertschen Verzweiflungsabgründe ereignete sich hier. Selten glaubt man (glaube ich), dass sich ausführende Künstler so in die Seele des Komponisten versenken können wie dieses prachtvolle französische Quartett.
    Ich werde als Konsequenz aus dem heutigen Konzerterlebnis versuchen, dieses Quintett alsbald auf meine Konzertagenda zu bekommen, möglichst mit diesem Quintett:



    49b6bd85-22fa-47a3-8b07-af8bd445c559.jpg?w=553



    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Etwa vor zwei Jahren hat das Quatuor Ebène in Duisburg gespielt, u.a. Beethovens letztes Quartett. Ich finde keine Worte für die Superlative und verweise deshalb auf meinen Vorredner William.

    Glaubst du, dass er sich bloß ein bisschen geniert hätte? I, Gott bewahre, Ganz dreiste weg, als ob er sagen wollte: Ja, meine Herrschaften, da steht der Rotwein, und nun nehme ich ihn mit nach Hause (Theodor Fontane, Stine)

  • Lieber William B.A.


    Ich kenne das hervorragende Quatuor Ebène seit seinen Anfängen. Auch habe ich schon diese von dir erwähnte Aufführung des Schubertschen Streichquintettes aus Verbier im Fernsehen gesehen und ich kann deine Begeisterung nachvollziehen.
    Ich möchte darauf hinweisen, dass der Bratschist Mathieu Herzog bis Dezember 2014 dem Ebène Quartett angehört hatte. Adrien Boisseau spielt die Bratsche seit seinem Weggang.


    Die von dir gezeigte neue CD-Aufnahme mit Gauttier Capuçon am 2. Cello, die neulich erschienen ist, kann ich uneingeschränkt empfehlen.


    LG moderato
    .

    I think laughter is preferable to tears.

    John Cage


    Jede Hörerin und jeder Hörer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat Anspruch darauf, wenigstens einmal am Tag überfordert zu werden.

    Hans Winking

  • Ich habe seit vielen Jahren hier in Stuttgart ein Kammermusik-Abo mit 10 Konzerten pro Saison, das Ebene Quartett ist so gut wie jedes Jahr dabei. Wenn man die Qualität eines Quartetts an der Länge und Lautstärke der Ovationen am Ende des Konzertes misst, dann ist zumindest aus Stuttgarter Sicht das Ebene Quartett derzeit unangefochten die No. 1. Noch vor Artemis, Hagen, Belcea...

  • Hallo!


    Der Thread hat mich animiert, meine (einzige) Aufnahme des Streichquintett wieder mal zu hören:



    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Zu den umfassenden Aufnahmekenntnissen vieler Diskutanten hier kann ich kaum beitragen. Meine erste Aufnahme des Schubert-Quintetts war die mit dem Alban-Berg-Quartett und Heinrich Schiff, und die haut mich bis heute so vom Hocker, dass ich sie weitgehend mit dem Werk selbst identifiziere. Das geht mir sonst nie so und ist schlecht für eine halbwegs objektive Betrachtung. Deswegen lasse ich sie gleich sein.


    An die Tonartdiskussion des Jahres 2008 möchte ich gerne anknüpfen: Nach meinem Verständnis sind reine Quintenzirkel-Betrachtungen schon bei Schubert nicht adäquat. Schubert konzipiert seine Tonart-Disposition erkennbar anders, nämlich häufig in beliebigen Terzverwandtschaften ("mediantisch" ist als zu ungenauer Terminus in der Musikwissenschaft zwar verpönt, trifft aber manchen Sachverhalt) oder wie hier chromatisch. Und dann liegen Des-Dur und Ces-Dur ganz nahe neben C-Dur. Das mediantische E-Dur des zweiten Satzes ist als "himmlische Tonart" ein musikalischer Topos.


    Zwei weitere Beispiele: Schuberts 4. Symphonie in c-moll hat in allen Sätzen Passagen in Des-Dur. Auch Ces-Dur (3. Satz) und b-moll finden sich mehrfach. Schubert - ich erlaube mir diese saloppe Formulierung - fegt hier durch die Tonarten, und zwar nicht durch den Quintenzirkel, sondern eben die chromatische Tonleiter rauf und runter. Und falls ich mich recht erinnere, ergibt eine Analyse der letzten B-Dur-Klaviersonate, dass Schubert hier streng genommen nicht in B-Dur endet, sondern den Quintenzirkel so lange absteigt, bis er in Ceses-Dur endet, das dann der Lesbarkeit halber als B-Dur notiert ist.


    Ich denke übrigens, dass genau in dieser Tonartendisposition eine Eigenheit Schuberts gegenüber Beethoven liegt. Beethovens freie Harmonik zum Beispiel in den späten Quartetten erklärt sich aus dem Fortschritt der motivischen Arbeit. Schubert disponiert die Harmonik selbst als musikalisches Movens - darin klar eine romantische Musikästhetik ausprägend.


    Ist das nachvollziehbar und plausibel?

  • Die terzverwandten Tonarten kommen bei Beethoven auch gar nicht so selten vor. Und zwar schon früh, z.B. Klaviersonate op.2/3 (C-Dur), langsamer Satz in E-Dur; erste Klavierkonzert C-Dur - langsamer Satz As-Dur. Oder op.95 f-moll mit Des-Dur und D-Dur als wichtigen Nebentonarten. Op.106 B-Dur vs. h-moll und fis-moll (ges-moll?), op.130 B-Dur mit Ges-Dur-Seitenthema, wenn ich recht erinnere.


    Ich kenne mich in der Harmonielehre zu wenig aus und Du sprichst sicher wichtige Unterschiede an, aber ich glaube nicht, dass darin die zentralen Unterschiede zwischen den Komponisten nur da liegen. Zumindest der späte Beethoven tendiert oft auch zu einem "linearen" Stil, bei dem, grob gesagt, die kontrapunktische Stimmführung die Harmonie bestimmt, nicht umgekehrt. (Auch daher ja die Härten in einigen späten Werken wie op.133. Ich nehme an, dass Du das meintest; es ist m.E. aber weniger motivische Arbeit als kontrapunktische Stimmführung.)
    Schubert geht hier ja auch, je nach Werk, unterschiedlich vor. Es gibt welche, bei denen Durchführungen im wesentlichen aus exakten Themenwiederholungen auf anderen Harmoniestufen, einfach durch Rückung, bestehen, die Harmonie beinahe "ziellos" wirken mag. Dann gibt es ein Werk wie das G-Dur-Quartett, bei dem der Dur-Moll-Kontrast das Hauptthema des Kopfsatzes und den gesamten Satz bestimmt.

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  • Habe ich mir gerade bestellt. Danke für den Tipp!

    Glaubst du, dass er sich bloß ein bisschen geniert hätte? I, Gott bewahre, Ganz dreiste weg, als ob er sagen wollte: Ja, meine Herrschaften, da steht der Rotwein, und nun nehme ich ihn mit nach Hause (Theodor Fontane, Stine)

  • Zu den umfassenden Aufnahmekenntnissen vieler Diskutanten hier kann ich kaum beitragen. Meine erste Aufnahme des Schubert-Quintetts war die mit dem Alban-Berg-Quartett und Heinrich Schiff, und die haut mich bis heute so vom Hocker, dass ich sie weitgehend mit dem Werk selbst identifiziere. Das geht mir sonst nie so und ist schlecht für eine halbwegs objektive Betrachtung. Deswegen lasse ich sie gleich sein.


    Das ist zweifellos eine sehr packende Aufnahme. M.E. gibt es aber drei Einschränkungen: Erstens der aggressive, unschöne Klang, vermutlich teils durch die noch relativ neue digitale Technik bedingt. Zweitens keine Wiederholung der Exposition. Drittens ein etwas einseitig dramatisch-aggressiver Zugriff, der die lyrischen, reflektiven, oder gar wienerischen (vielleicht wollten sie solch einen Eindruck jedenfalls vermeiden) eher an den Rand drängt.

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    (Bob Dylan)

  • @Johannes: Ich stimme Dir gerne in fast allem zu:
    Schubert hat die terzverwandten Tonarten keineswegs als Erster "gefunden"; allerdings fällt mit im Moment kein Komponist ein, der die Tonarten vor Schubert quasi chromatisch disponiert.
    Die Kontrapunktik tritt in manchen Werken des späten Beethoven neben (aber nicht vor) die motivische Arbeit, das sehe ich wie Du. Aber das erklärt die Harmonie nur teilweise.


    ABQ: Der rauhe Klang ist gerade das Aufregende dieser Aufnahme. Ich verstehe sie auch als damals ziemlich radikalen Gegenpol zu den klanglich viel glatteren Aufnahmen zum Beispiel des Melos-Quartetts mit den Schubert-, Brahms- und Mendelssohn-Quartetten. Allerdings fehlt mir auch die Wiederholung der Exposition: musikalisch unplausibel und angesichts einer Gesamtlänge der CD von unter 50 Minuten auch technisch völlig unnötig.

  • Allerdings fehlt mir auch die Wiederholung der Exposition: musikalisch unplausibel und angesichts einer Gesamtlänge der CD von unter 50 Minuten auch technisch völlig unnötig.


    Irrtum. Die Aufnahme erschien noch vor der CD-Ära als LP und daher ist die Spieldauer sehr wohl ein limitierender Faktor (die beiden ersten Sätze dauern auch so 29 Minuten, was eine LP-Seite seeehr gut füllt!).

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Da hast Du Recht, Theophilus, das hatte ich übersehen.
    Die Aufnahme erschien 1982; in diesem Jahr dürfte die Zahl der CD-Käufer noch SEHR überschaubar gewesen sein. ;-)

  • Die Aufnahme erschien 1982; in diesem Jahr dürfte die Zahl der CD-Käufer noch SEHR überschaubar gewesen sein. ;-)


    Der Sony CDP-101 wurde als erster CD-Player ab 1.10.1982 verkauft (in Japan und den USA, wenn ich mich recht erinnere). Hierzulande kamen die ersten Geräte 1983 auf den Markt, 1982 wird es wohl kaum schon CDs käuflich zu erwerben gegeben haben...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Das ABQ war allerdings insofern konsequent, dass es meistens Wiederholungen weggelassen hat ;), so auch beim G-Dur D 887.
    (Es gibt einige Aufnahmen mit der Wdh. aus der LP-Zeit; die Melos/Rostropowitsch dauert knapp 58 min. da hat man sicher den langsamen Satz geteilt, was aber immer noch zu einer sehr vollen LP führt.) Ich meine schon, dass der Klang teils an der Technik liegt, weil etwas ältere Analogaufnahmen des Ensembles nicht so "spitz" klingen.


    Die Melos/Rostropowitsch-Einspielung ist jedenfalls auch sehr speziell, sozusagen das Quintett als Bruckner-Symphonie. Wenn auch nicht in diesem Maße, wirkt die ABQ/Schiff-Aufnahme auf mich aber auch tendenziell "orchestral".

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    (Bob Dylan)

  • Der Pianist Arthur Rubinstein war tief berührt vom 2. Satz Adagio des schubertschen Streichquintettes.


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    Jede Hörerin und jeder Hörer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat Anspruch darauf, wenigstens einmal am Tag überfordert zu werden.

    Hans Winking

  • Ich habe soeben - soweit das ging, den Thread in groben Zügen durchgeblättert und gesehen wie begeistert und engagiert über das Werk geschrieben wurde.

    Irgendwie war ich traurig, weil so vieles was hier empfohlen wurde, bereits gestrichen ist. Aber es ist nicht so schlimm, wie es aussieht: Einige der wichtigsten Aufnahmen wurden - natürlich unter anderer Nummer und Verpackung neu aufgelegt (und glückicherweise oft zu einem reduzierten Preis)


    Alban Berg Quartett mit Heinrich Schiff

    Hagen Quartett mit Heinrich Schiff

    Brandis Quertett mit Wen-Sinn Yang

    Melos Quartett mit Mstislav Rostropovich

    Auryn Quartett Christian Poltera


    Das ist doch schon etwas. Bei manchen handelt es sich vielleicht um den "letzten Aufruf" -> "nur noch ein Stück auf Lager".....


    Aber in den letzten Jahren wurden ja auch neue Aufnahmen gemacht....


    mfg aus Wien

    Alfred

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......


  • Der Pianist Arthur Rubinstein war tief berührt vom 2. Satz Adagio des schubertschen Streichquintettes.

    Lieber moderato,


    ganz herzlich möchte ich mich für die Übermittlung dieses Links bedanken! Es bewegt mich zutiefst, daß der große Artur Rubinstein so ergreifende Worte über diese Komposition gefunden hat. Ich bin zwar nicht unbedingt ein Kammermusik-Freak, aber dieses wunderbare Werk von Franz Schubert übertrifft für mich fast alles, was ich im Laufe meines Lebens an Musik kennengelernt habe.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).