Johann Strauß: Die Fledermaus - der alljährliche Hit zum neuen Jahr

  • Hallo!


    Jedes Jahr hört oder sieht man sie - zumindest im österreichischen Fernsehen wird sie alljährlich zu Silvester oder Neujjahr gespielt und hat so zumindest - wenn man es als ein Stück der Klassik bezeichnen darf - zu einem fixen wiederholten Sendetermin bis in die Patschenkinos geschafft. Strauß ist hierbei sicher ein Stück guter Unterhaltung gelungen.


    Da es bisher zur Fledermaus von Johann Strauß keinen Thread gewidmet gibt, möchte ich jenen starten, um eine Übersicht über aktuelle Aufnahmen hier Durch Eure Mitarbeit zusammenzusammeln bzw. die Meinungen zu diesen Einspielungen.


    Grüße,
    Andi

  • Ich möchte gleich mit einer Frage in diesem Thread beginnen - vielleicht etwas unorthodox, hat aber doch mit der Fledermaus zutun:


    Ich habe die Fledermaus mit einer Aufnahme der Wiener Philharmoniker, Wiener Staatsopernchor auf Decca von 1950 geschenkt bekommen. Es singen Julius Patzak, Hilde Gueden, Alfred Poell, Wilma Lipp, Sieglinde Wagner, Kurt Preger, Anton Dermota und August Jaresch.


    Außerdem ist auf der CD das Konzert zum neuen Jahr Nr. 1


    Jetzt macht mich aber folgendes stutzig: Nach der Angabe der Grammophone Zeitschrift, ist die CD nicht mit Clemens Krauss, wie dies am Cover steht, sondern mit Josef Krips.


    Da die CD 1992 herausgegeben wurde, der Review im Grammophon aber älter aus den 80ern stammt, frage ich mich, warum Decca den Fehler nicht korrigiert hat, wo er doch von Grammophon publik gemacht wurde.


    Kann das jemand verifizieren? Unter wem ist die Aufnahme geschehen?


    Grüße,
    Andi


    PS: Kann Decca keine Umlaute 1992 abdrucken oder schreiben sich die Sängerinnen und Sänger mit ue (Gueden), oe (Poell)?

  • Hi,


    vermutlich lag The Gramophone falsch. Josef Krips dirigierte die Neujahrskonzerte 1946 und 1947 (Krauss hatte da Auftrittsverbot, bis er entn...fiziert wurde). 1950 leitete sicherlich Krauss das NJK, auch die Fledermaus von damals kenne ich nur mit ihm als angeführten Dirigenten.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Wenn man die Fledermaus als Operette (kleinere-/r Bruder/Schwester der Oper) bezeichnen möchte, dann handelt es sich um das einzige Werk dieses Genres, das ich anhörbar finde. Dann aber bitte nur, soweit hier nach einer CD gefragt worden ist, in der 1975er Einspielung mit Carlos Kleiber, Hermann Prey, Julia Varady, Lucia Popp und nicht zu vergessen mit Iwan Rebroff als Prinz Orlofsky. Carlos Kleiber leitet das Bayerische Staatsorchester und den Bayerischen Staatsopernchor.

  • Mich hat die alte Karl Böhm-Aufnahme geprägt, vor allem wegen der Besetzung: Gundula Janowitz, Eberhard Wächter, Wolfgang Windgassen, Heinz Holecek, Erich Kunz ,Renate Holm


    Aus meiner Sicht ist diese Einspielung jener von Kleiber weit überlegen
    (ich sah letztere einst im Fernsehen, die Übertragung war, wenn ich mich richtig erinnere aus München - auf mich wirkte sie lustlos) weil sie
    sehr wienerisch, sehr locker, und sehr boshaft war, ich erinnere nur an die Janowitz als "ungarische Gräfin" beim "Uhrenduett."


    Eine Besonderheit dieser Einspielung sollte erwähnt werden, hier ist der Orlowsky keine Hisen- oder Countertenorrolle, nein, Wolfgang Windgassen mimt hier sehr überzeugend einen versoffenen russischen Prinzen.


    * tom


    Wenige Deutsche können mit Operette etwas anfangen, sie sehen hier wirklich eine "kleinere Oper" vor sich. So gesehen muß aus meinerr Sicht der Zugang scheitern. Lediglich Franzosen, Engländer und Österreicher verfügen aus meiner Sicht über jenen spöttischen boshaften Humor, der sie "Operette" erst verstehen lässt - Aber da mach ich einen eigenen Thread draus...



    LG


    Alfred

    Die Hauptaufgabe eines guten Forenbetreibers ist: AN ALLEM SCHULD ZU SEIN

    Tut er das nicht, dann ist er eigentlich überflüssig....


  • ...obwohl einem der pseudokomische, falsettierende Singsang des Herrn "Rebroff" fast die ganze, ansonsten recht gute Aufnahme Kleibers verleiden kann. Lohnend vor allem wegen des Dirigates von Carlos Kleiber, der Straußens Gesellschaftssatire ernst nimmt und dabei doch federleicht bleibt. Gesanglich hervorragend die Damen, die Herren halten deren hohes Niveau leider nicht.


    Die schönste der Wiener Aufnahmen ist wohl die mit Clemens Krauss, die Fuchur bereits genannt hat (nur die Gesangsnummern, für manche eine Erleichterung, die das oft nervige Frosch-Gequatsche (siehe André Heller in der Harnoncourt-Einspielung) nicht ertragen können). Demgegenüber ist Karajans 1960er Einspielung für die DECCA mit eingebauter Star-Parade schon arg festlich auf Höchstglanz poliert -das allerdings auf hohem Niveau, absolut silvestertauglich.


    Grüße


    GiselherHH


    P.S. @ Alfred: Ob wir "Deitschn" in toto wirklich so tumbe Toren sind, daß wir in der "Fledermaus" den scharfen Witz und die Doppelbödigkeit, die bis an die seelischen Abgründe der Zeit ("Duidu") führt, nicht zu sehen vermögen...? Und wenn dem so wäre: Nicht wenige in Österreich haben aus Gründen des Fremdenverkehrs das Bild von Johann Strauß so lange für die Touristen weichgespült und die scharfen Ecken weggeschmalzt, daß seine Musik nunmehr als vollends globalisiert und problemlos konsumierbar gilt. Doch eine Hoffnung bleibt: Klassiker schlagen ja bekanntlich zurück...


    P.P.S. @ Alfred: Die Kleiber-Aufführung, die Du meinst, stammt aus dem Jahre 1988 in anderer Besetzung. Siehe hier:


    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo!


    Zitat

    Original von Theophilus
    1950 leitete sicherlich Krauss das NJK, auch die Fledermaus von damals kenne ich nur mit ihm als angeführten Dirigenten.


    Auf der CD ist das NJK von 1951 enthalten - was aber für die CD-Einspielung irgendwann im Oktober 1951 aufgenommen wurde (Angaben nach Booklet bei der CD)


    Was ich auch komisch finde, dass DECCA die Fledermaus im Großen goldenen Saal vom Musikverein aufgenommen hat, und nicht wie sonst üblich in den Sofiensälen (auch wieder Angabe nach Booklet).


    Danke für die bisherigen Empfehlungen - die Aufnahme von 1950 ist finde ich stimmlich sehr gut gelungen - jedoch möchte ich etwas technisch weiter entwickelteres (in Stereo), wo auch die tiefen Frequenzanteile dabei sind.


    Grüße,
    Andi

  • Hallo Alfred, Giselher,


    ich würde auch nicht so schwarz sehen. Deutschland ist in dieser Beziehung viel zu divergent, als dass man so allgemeine Aussagen machen könnte. Ein Sachse hat für das Wienerische Element vermutlich generell weniger Spürsinn als z.B. ein Bayer, der Österreichischen Schmäh meist erkennt wenn er damit konfrontiert wird. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass es so etwas wie eine Berliner Operette gibt. Das scheint auch eine Gegend zu sein, wo man mit leichter Muse umgehen kann.


    Und noch eine Ergänzung in Sachen Operette. Die Spanische Zarzuela ist eine entfernte Verwandte der Operette. Näher daran liegt die italienische Operette (ja, das gibt es!), und die Italiener schätzen auch in der Regel die Wiener Operette (wenn auch ein wenig aus der Distanz).

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Ich nehme auch an, daß es sich bei fuchurs Aufnahme um die Krauss-Fledermaus habdelt, die allerdings gekürzt und ohne Dialoge ist.



    Die CD-Aufnahme mit Kleiber hab ich auch und mag sie ebenfalls wegen "Rebroff" nicht sonderlich leiden (der erste (wichtigste) Akt ist suuuuuuper!)



    Daher meine Lieblingsfledermaus (Karajan/EMI):


  • Hallo,


    es wurden ja schon einige sehr schöne Aufnahmen angeführt, tatsächlich fehlen aber die beiden wohl besten, weil Wienerischsten und noch eine lobenswerte Erwähnung.


    Jeder Operetten-Liebhaber, der das Glück hat, irgendwo eine Wiederauflage einer Operette mit Otto Ackermann zu sehen, sollte unbedingt sofort zugreifen. Man sieht sie heute viel zu selten angeboten. Warum der Schweizer Otto Ackermann so großartig Wiener Operette dirigieren konnte, liegt wohl zum Teil an seinen Wurzeln. Als gebürtiger Rumäne ein echter Altösterreicher hat er einen viel kürzeren Draht nach Wien als die meisten Schweizer. Obwohl ein Londoner Orchester spielt, bringt die sehr gelungene Besetzung viel Wiener Flair in die Aufnahme.


    Der nächste Operetten-Großmeister ist Robert Stolz, der ebenfalls ein blendendes Ensemble hat und dazu noch ein Wiener Orchester. Robert Stolz ist generell 1. Adresse für alles was irgendwie mit Wiener Operette und Musik der Strauß-Dynastie zu tun hat.


    Fast gleichzeitig mit Böhms Soundtrack entstand die Boskovsky-Einspielung. Diese ist mit leichterer Hand dirigiert, hat jedoch kleine Abstriche in den Hauptrollen. Nicolai Gedda nimmt man nur bedingt den Wiener Rentier ab und Anneliese Rothenberger ist hörbar eine Zuagraste ("Zugereiste"). Dennoch eine gute Aufnahme.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo Theophilus,


    zumindest bei uns "Piefkes" ist die Ackermann-"Fledermaus" problemlos zu haben und das für wenig Geld (2 CDs 10 Euro):



    Ansonsten stimme ich Deiner Empfehlung hinsichtlich Ackermann uneingeschränkt zu, nicht nur, was Operetten angeht. Auch andere Einspielungen wie z.B. die Strauss-Lieder mit Schwarzkopf oder der "Rheingold"-Mitschnitt aus der Schweiz sind mehr als bloß kaufenswert.


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Giselher


    Zitat

    Ansonsten stimme ich Deiner Empfehlung hinsichtlich Ackermann uneingeschränkt zu, nicht nur, was Operetten angeht. Auch andere Einspielungen wie z.B. die Strauss-Lieder mit Schwarzkopf oder der "Rheingold"-Mitschnitt aus der Schweiz sind mehr als bloß kaufenswert.


    D'accord (allerdings steht mir sein Rheingold noch bevor).


    Sehr gut, dass diese Aufnahme zur Zeit greifbar ist. Unbedingte Empfehlung! Es gibt meiner Erinnerung nach wenigstens eine Handvoll Gesamteinspielungen von Operetten mit Otto Ackermann. Aber die ultimative Operetteneinspielung überhaupt dürfte seine Lustige Witwe mit Elisabeth Schwartzkopf sein. Silberne Operette zu Platin veredelt. Sicherlich eines der hinreißendsten Rollenporträts der Schwartzkopf.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Gerne erinnere ich mich an eine frühere Silvesteraufführung der Fledermaus in Stuttgart,in der kein Geringerer als Wolfgang Windgassen den Prinzen Orlowsky sang und spielte.
    Das war Champagnerlaune pur.Ein einmaliges Ensemble,welches Wagner und Joh.Strauss Sohn gleichermaßen vortrefflich zur Geltung bringen konnte.

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Vor ungefähr 25 Jahre wurde aus Covent Garden am 1. Januar "Die Fledermaus" vom Fernsehen übertragen.
    Kiri te Kanawa war Eisensteins Gattin. Wenn ich mich nicht irre, war Adolf Dallapozza der Eisenstein.


    Und der Otto Schenk war da auch!
    Während seines erstes Auftritt sagte er ungefähr "... endlich mal in Covent Garden auftreten...". Zu meinem Erstaunen waren da noch viel Menschen die deutsch verstanden, denn eine große Gruppe fing an zu lachen.


    Ist bekannt ob da eine Tonaufnahme von existiert?

  • zur Rolle des Orlowski gibts zwei vermutungen, was die komischen Überschläge in der Arie bedeuten sollen:


    entweder ist er so jung - Stimmbruch


    oder so besoffen - Schluckauf



    halte die Fledermaus für eine wunderbare Komposition

    Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
    (frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

  • Zitat

    Original von musicophil
    Vor ungefähr 25 Jahre wurde aus Covent Garden am 1. Januar "Die Fledermaus" vom Fernsehen übertragen.
    Kiri te Kanawa war Eisensteins Gattin. Wenn ich mich nicht irre, war Adolf Dallapozza der Eisenstein.


    Und der Otto Schenk war da auch!
    Während seines erstes Auftritt sagte er ungefähr "... endlich mal in Covent Garden auftreten...". Zu meinem Erstaunen waren da noch viel Menschen die deutsch verstanden, denn eine große Gruppe fing an zu lachen.


    Ist bekannt ob da eine Tonaufnahme von existiert?


    Es müsste die unten abgebildete sein. Da war aber nicht Otto Schenk, sondern Josef Meinrad der Frosch! Eisenstein wurde von Hermann Prey gesungen.



    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Ganz RICHTIG-


    Ich habe diese Aufführung selbst im Fernsehen gesehen -
    und an den Text von Meinrad erinnere ich mich ganz genau


    (und auch an die wunderschöne luxuriöse jugendstil-Ausstattung, das waren noch Zeiten !!)


    Die Pointe wurde übrigens von Meinrad in ENGLISCH gesprochen.
    Kein Wunder wenn man sich das nicht gemerkt hat, wechselte diese Aufführung doch permanten zwischen deutscher und englischer Sprache. - zumindest ist mir das so in Erinnerung.


    LG


    Alfred

    Die Hauptaufgabe eines guten Forenbetreibers ist: AN ALLEM SCHULD ZU SEIN

    Tut er das nicht, dann ist er eigentlich überflüssig....


  • Dann reden wir von eine andere Aufführung!
    Es wurde in meine Erinnerung NUR deutsch gesprochen. Kein Wort englisch. Ich dachte, bin mir da nicht sicher (bereits 25 Jahre her), daß Prey auch dabei war aber Falcke sang. Un dann könnte Dallapozza da auch bei gewesen sein.


    Der Frosch war ein nicht so großer Mann und ziemlich schmall (auch im Gesicht).

  • Ich ahne etwas schreckliches und entschuldige mich in jenem Falle.


    Ich erinnere mich plötzlich, daß von meinen Fledermausaufnahmen es eine von EMI gibt. Da waren u.a. Brigitte Faßbaender als Orlovksy und Renate Holm sang "Mein Herr Marquis".
    Vielleicht war da Dallapozza der Eisenstein und Hermann Prey der Falcke.


    Jedenfalls, soweit ich mich erinnere wurde in Covent Garden nur deutsch geredet.
    Aber Sie haben Recht: wenn es so lange her ist und man gewöhnt ist beide Sprachen zu hören, kann es leicht passieren, daß einer so etwas entgeht.

  • Hallo ihr Fledermäuse,


    die Otto-Schenk-Inszenierung müßte in der Wiener Staatsoper gewesen sein.Ich erinnere mich an herrliche Gags und Pointen,wie sie nur Schenk imstande ist zu produzieren.Wer weiß von den "Wienern" hier etwas genaueres?

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Hallo,


    jetzt muss ich doch diesen Thread hier mal wieder aus dem "Fledermaus-Keller" heraufholen :yes:


    Auch ich höre meist um diese Jahreszeit gerne mal den ein oder anderen Wiener Walzer (wobei ich nicht unbedingt nur aus Strauß festgelegt bin!) und - immer mit von der Partie - die "Fledermaus", die bei mir meist am Nachmittag des 31.12. erklingt.
    Nichts bringt mich mehr in die typische Silvesterstimmung als dieser quasi unverzichtbare Operettenklassiker!


    Mir geht es hier nicht um eine der zahlreichen Einspielungen (ich habe die Carlos Kleiber-Aufnahme und eine von André Previn dirigierte u. a. mit Kiri Te Kanawa als Rosalinde), sondern zur Abwechslung mal um die Handlung dieses Werks.


    Jedes Jahr komme ich irgendwie beim Verständnis der ganzen Intrige um die "Rache der Fledermaus", die sich im letzten Akt ja erst in ihrem ganzen Umfang enthüllt, ins Schleudern.


    Auch der entsprechende Thread in unserem TAMINO OPERETTENFÜHRER ;) hat mir nicht weiterhelfen können.


    Daher meine Frage an alle Fledermäuse hier im Forum:
    Wer kennt sich mit der Handlung (die ja eigentlich gar nicht so kompliziert sein sollte für ein derart "leicht" zu konsumierendes Bühnenwerk) besser aus als ich und kann ein bissel Licht ins Dunkel bringen?


    Was ist der eigentliche Racheplan der einstigen "Fledermaus" Dr . Falke?
    Ist wirklich die gesamte Handlung dieser Operette bereits Teil dieser "Inszenierung" oder gehört nur der Ball bei Orlofsky dazu?
    Irre ich mich, oder wird die ganze etwas verfängliche Geschichte der irrtümlichen Festnahme Alfreds im Schlafrock des Hausherrn bei Rosalinde daheim am Ende kurzerhand - um einen Skandal zu vermeiden - von den Beteiligten zu einem Teil dieses Racheplans umgemodelt?
    Wenn diese Alfred-Episode ursprünglich gar nicht zu dem Plan gehört haben sollte und Rosalinde damit am Ende ein nettes Tête-à-tête mit Alfred an jenem Abend gehabt hätte, dann hätte sie ja gar nicht zu Orlofskys Ball als "ungarische Gräfin" erscheinen können - was ja eigentlich der ganze Witz an der ganzen Aktion zu sein scheint, da sie ja die Taschenuhr ihres Göttergatten als Beweispfand in Verwahrung nimmt.
    Wenn die Aktion "Tête-à-tête mit Alfred" zum Plan gehört, warum dann die unnötige Szene mit dem Gefängnisdirektor Frank, der die heimelige Atmopshäre stört und Alfred für Eisenstein hält und ins Kittchen mitnimmt? Das hierbei entstehende Hin und Her wäre doch - wenn alle in dieser Szene vorkommenden Beteiligten in den Plan eingeweiht sind - gar nicht nötig gewesen? Was natürlich schon wegen der dann in dieser Szene fehlenden herrlichen Musik ein Jammer wäre :yes:


    Ihr seht schon, wo mein Problem liegt - ich kriege am Ende der Operette die Handlungsfäden irgendwie nie logisch aufgelöst, was ja wegen der dann herrschenden Champagnerlaune auch nicht sooo schlimm ist, aber im Nachhinein versuche ich dann doch immer wieder, da eine Logik reinzubringen und scheitere jedesmal....


    Mache ich mir zuviele Gedanken, denke ich zu kompliziert? Es ist doch "nur" eine Operette...
    Ok - aber was für eine! :jubel: ...deren Handlung ich aber auch verstehen möchte!
    Und da ich mich eben auch für Libretti und Handlungsaufbau solcher Bühnenwerke interessiere, denke ich, dass man sich solche Fragen auch mal stellen sollte.


    Daher bin ich nun gespannt auf Eure (hoffentlich zahlreichen) "Aufklärungsversuche" :hello::hello:

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • lieber Marc,
    besser versteifst Du Dich bei diesem Intrigenspiel nicht so sehr auf die Handlung - da gibt es zu viele "Regiefehler" - man kann vieles hineininterpretieren (denk doch auch an die Zauberflöte!)


    Die Personen bei der Fledermaus spiegeln jedoch besonders schön die Charaktere der Zeit in der sie spielt wieder; die Männer, die ihren Frauen nicht wirklich "untreu" waren, aber jederzeit dazu aufgelegt, einen kleinen Ausreisser zu wagen, um dann reumütig in Muttis Schoß, wo sie sich ja auch sehr wohl fühlten, zurückzukehren: dazu das Stubenmädel, das von einer Karriere als Schauspielerin träumt und was in keiner Operette fehlen darf, das Kostümfest und die Verkleidungen (Kleid der gnä' Frau), Orlowski, die Verwirrung an sich (Hosenrolle).


    Österreich ist ja auch ein Land der Verdrängungspolitik - das Lied "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist" ist für mich das Paradebeispiel dafür, dass man nichts kapieren braucht. Das kannst du quasi als Höhepunkt dieser irrationalen Operette sehen.


    Dieses Liedchen kann man getrost als heimliche Hymne Österreich (-Ungarns) sehen. Niemand wird aus Schaden klug.

    WHEN MUSIC FAILS TO AGREE TO THE EAR;
    TO SOOTHE THE EAR AND THE HEART AND SENSES;
    THEN IT HAS MISSED ITS POINT
    (Maria Callas)

  • Hallo Marc


    Die gesamte Handlung ist Intrige. Alle handelnden Personen sind darin eingespannt, wenngleich sie teilweise unbewusst agieren und reagieren und erst im Laufe der Handlung oder gar erst vor der Schlussszene vollständig aufgeklärt werden (z.B. Adele, die anfangs gar nichts weiß; Rosalinde wird auch erst im 2. Akt und da womöglich nicht vollständig eingeweiht; Alfred aber wurde gezielt auf Rosalinde angesetzt, um sie seelisch ein wenig aus dem Gleichgewicht zu bringen und die dann richtig "geladen" auf dem Fest erscheint; es ist aber für die überzeugende Durchführung der Intrige wichtig, dass die handelnden Personen nur soviel wissen wie unbedingt nötig ist!).


    Das einzige offene Ende in der Geschichte scheint darin zu liegen, wie es Dr. Falke eingefädelt hat, dass es überhaupt zu dem Delikt kam, dass die ganze Geschichte ins Rollen gebracht hat. Das Zustandekommen der Beamtenbeleidigung wird meines Wissens nie richtig geklärt, aber wie nala schon richtig meinte, sollte man auch nicht zu penibel auf logischen Details herumreiten, im Großen und Ganzen ist die Handlung ganz gut konstruiert und letzte Feinheiten fielen vermutlich auch dem immensen Zeitdruck zum Opfer, mit dem das Werk zu kämpfen hatte. Strauß komponierte ja noch fleißig, als die Proben für die Uraufführung lämgst schon begonnen hatten.


    Auf der anderen Seite geben die etwas vagen Punkte der Handlung genau lesenden Regisseuren Handhabe für originelle Einfälle. So liegt ein grundsätzliches Poblem des zweiten Aktes darin, dass hier eine ganze Ballnacht quasi im Zeitraffer abläuft. Daher ist es gar nicht unlogisch, wenn in Otto Schenks Inszenierung Dr. Falke gegen Ende des 2. Aktes die Ball-Uhr einfach vorstellt, um den überstürzten Aufbruch von Eisenstein und Direktor Frank zu beschleunigen, während der Rest fröhlich weiterfeiern kann. Immerhin sind ja beide schon sternhagelvoll und können den Trick nicht so schnell durchschauen....


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Lieber Nala,


    Da habt ihr nicht das Alleinrecht auf solche Dummheiten.


    Bereits im 17. Jhdt. schrieb der Dichter Jacob Cats bei uns

    Zitat

    Ze dronken een glas,
    Ze deden een plas
    En lieten de zaak zoals die was


    Übersetzt also:

    Zitat

    Sie tranken ein Glas,
    Pinkelten,
    Und ließen alles beim alten.


    LG, Paul

  • Zitat

    Original von musicophil
    Lieber Nala,




    Lieber Paul - ich bin ein Mädchen :lips:



    und - dein Zitat trifft auch den Nagel auf den Kopf!

    WHEN MUSIC FAILS TO AGREE TO THE EAR;
    TO SOOTHE THE EAR AND THE HEART AND SENSES;
    THEN IT HAS MISSED ITS POINT
    (Maria Callas)

  • An die "Fledermaus" aus Covent Garden kann ich mich auch noch gut erinnern. Die hat mir damals viel Spass gemacht wegen der vielen "Fremdzitate", nicht nur beim Alfred (Ryszard Karczykowsi), sondern z. B. auch bei Prey mit "Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind" oder diesem unvergesslichen "Celeste Aida" von Meinrad, was dann mit jenem engischen Satz kommentiert wurde, der weiter oben zu lesen ist.


    Die Aufführung bot ein herrliches Mischmasch zwischen englisch und deutsch, war munter, ohne allzuviel Tiefgang, hatte was.

  • Hallo Siegfried,


    Die Otto-Schenk-Inszenierung war, glaube ich, 1972, und wurde dann zwei- bis dreimal auch zu Silvester im Fernsehen gespielt. Alfred hat schon auf sie hingewiesen. Sie ist auch meine Lieblings-"Fledermaus", die man aber nicht nur von Platte oder CD genießen darf. Diese Produktion ist ein richtiges Gesamtkunstwerk. Karl Böhm dirigiert herrlich und Schenk fühlt sich ebenso wie die Protagonisten wunderbar in die Musik ein, ohne daß man es als gewollt empfindet (wer die Schenkschen Gags nicht mag, kann ja eine andere "Fledermaus" wählen - es gibt viele gute). Eberhard Wächter als Eisenstein war nicht mehr ganz auf der einstigen Höhe, aber noch immer die überzeugendste Verkörperung dieser Rolle; Heinz Holecek als Dr.Falke noch im Vollbesitz seiner Stimmittel - er und Wächter passen vollendet zusammen; Erich Kunz als Gefängnisdirektor - es gab keinen besseren! Dasselbe gilt von Waldemar Kmentt als Alfred! Windgassen als Orlofsky verblüfft natürlich zuerst, aber in diesem Fall gibt der Erfolg recht (fast möchte man in Abwandlung eines nicht unbekannten Sagers feststellen: Dieses Talent haben die Dösköppe jahrzehntelang als Heldentenor eingesetzt). Gundula Janowitz und Renate Holm waren Idealbesetzungen. Und Otto Schenk selbst als Frosch war das Tüpfelchen auf dem i.
    Um nicht des einseitigen Patriotismus beschuldigt zu werden, möchte ich ausdrücklich auf die von Ferenc Fricsay dirigierte "Fledermaus" von 1949 hinweisen, eine Rundfunkaufführung mit einigen Verkürzungen und trotzdem der Beweis, daß Spitzenqualität in Sachen Strauß eben nicht nur in Wien möglich ist. So transparent und klar und trotzdem voller Schwung ist dieses Dirigat, daß ich die Aufnahme sofort unter meine Lieblinge gereiht habe(ich habe vor kurzem weniger als 9 Euro dafür bezahlt - na bitte, dabei ist es eine Doppel-CD!). Peter Anders singt den Eisenstein mit Lust und Laune, Rita Streich ist eine herrlliche Adele und die Nebenrollen sind größtenteils auch gut bis sehr gut. Anny Schlemm als Rosalinde ist gut, aber nicht außerordentlich. Als Bonus sind Highlights eines von Fricsay 1951 auch mit dem RIAS Symphonie-Orchester aufgeführten Johann-Strauß-Konzerts angefügt, auch unter Mitwirkung voin Anders, der mit Arien aus dem "Zigeunerbaron" und der "Nacht von Venedig" brilliert. Das Ereignis sind aber die Interpretationen von "Rosen aus dem Süden" und "G'schichten aus dem Wienerwald". Das Label ist MEMBRAN, die Ausstattung einfach (Pappbox), die Serie heißt "Traumland der Operette" und verdient sehr viel Lob. Ich bin gespannt auf weitere Meinungen dazu.


    Gruß aus Wien


    Waldi

  • Hallo,


    in meiner Erinnerung ragen zwei Fledermaus-Auffuehrungen heraus. Die Erste irgendwann in den 60er Jahren in Hamburg in einer - wie ich als "Nordlicht" fand - sehr wienerischen Inszenierung des Schweizers Leopold Lindtberg. Herausragend die Rosalinde Hilde Güdens und die Adele Anneliese Rothenbergers, die in jeder der von mir besuchten Vorstellungen ihr Couplet aus dem 3. Akt wiederholen musste. Dazu der Bayreuther Mime Erwin Wohlfahrt als Eisenstein und (urkomisch) Hans Beirer als Alfred. Wenn ich mich nicht irre, uebernahm Wohlfahrt sogar einmal den Frosch.


    Die zweite memorable Fledermaus war Joan Sutherland's (europäischer) Abschied von der Buehne. Sie hätte an London's Covent Garden Opera House eigentlich als Rosalinde auftreten sollen, trat dann aber (zum Glueck, denn ihre Zeit war vorbei) zusammen mit Marilyn Horne und Luciano Pavarotti nur im Ballbild auf. Orlofsky war uebrigens der Deutsche Jochen Kowalski.


    Apropos Wolfgang Windgassen in der Fledermaus. Kann es sein, dass er frueher in Stuttgart Eisenstein gesungen hat? In meiner Erinnerung habe ich das Cover eines deutschen Opernmagazins vor Augen, das ihn mit (seiner späteren Frau) Lore Wissmann in dieser Rolle zeigt.


    Mikko

  • Zitat

    Original von Alviano
    An die "Fledermaus" aus Covent Garden kann ich mich auch noch gut erinnern. Die hat mir damals viel Spass gemacht wegen der vielen "Fremdzitate", nicht nur beim Alfred (Ryszard Karczykowsi), sondern z. B. auch bei Prey mit "Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind" oder diesem unvergesslichen "Celeste Aida" von Meinrad, was dann mit jenem engischen Satz kommentiert wurde, der weiter oben zu lesen ist.


    Die Aufführung bot ein herrliches Mischmasch zwischen englisch und deutsch, war munter, ohne allzuviel Tiefgang, hatte was.


    Meine Lieben,


    Der Alfred war nicht Karczykowski, sondern der walisische Verdi-Tenor Dennis O'Neill, der diesen Part superb verkörperte und von seinem Fach her genau richtig ist.


    Gesprochen wurde bei dieser Aufführung nicht nur englisch und deutsch, sondern auch französisch und russisch - ich bin gar nicht sicher, ob nicht noch irgendein Idiom dazwischen war.
    Insgesamt ist das eine animiertesten und besten "Fledermäuse", die ich kenne. Hermann Prey paßt genau für den morschenden Lebemann Eisenstein und läßt sängerisch und schauspielerisch keinen Wunsch offen. Kiri te Kanawa spielt großartig die Rosalinde als charmantes Luder (sie hatte nicht nur mit Alfred etwas, sondern auch mit Dr.Falk[e]), ihr Deutsch ist erstaunlich, und sie bringt es sogar fertig, auf Deutsch eine Ungarin zu spielen. Beim Csárdás erreicht sie trotzdem ihre Grenzen, da fehlt ein bißchen das Feuer (wie meine ungarische Frau rechtens moniert), aber das ist auch eine mörderische Aufgabe. Und das Fehlen des hohen Schlußtons verzeihe ich auch, denn alles in allem singt Kiri trotzdem bravourös. Hildegard Heichele ist eine köstliche Adele. Benjamin Luxon ein großartiger Dr.Falk(e). Zu Meinrad brauche ich keine Hymnen mehr singen, das tun alle, und es reicht noch immer nicht aus, um dieser einmaligen Persönlichkeit gerecht zu werden.
    Die Inszenierung ist alte Schule in bestem Sinn und Lehrbeispiel dafür, wie lebendig diese sein kann. Die Briten mit ihrem kauzigen Humor und ihrer liebevoll-peniblen Ausstattungsorgie vereinen Ringstraßenflair und ironisch-viktorianische Atmosphäre geradezu perfekt. Der erste Akt gelingt besser als der zweite, aber jede Kritik ist hier nur relativ zu verstehen. Die eigentliche Überraschung ist allerdings der Dirigent: Placido Domingo versteht sich tatsächlich auf Strauß, wobei man im Rückblick auf seine seitherigen Dirigentenleistungen sagen kann, daß ihm das Bühnenwerk sicher eine Spur besser liegt als die Konzertwalzer, no na net! Als Wiener bin ich da ziemlich kritisch, aber das packt, das hat Schwung und stimmt völlig zu dem, was an Spielfreude auf der Bühne entwickelt wird! Exaktheit u.dgl. sind da keine so wichtigen Kriterien. Aber die Musik sprüht!


    Die DVD wird übrigens - nicht nur von Amazon - derzeit ziemlich günstig angeboten!


    LG


    Waldi