"Wie aus der Ferne längst vergang'ner Zeiten..." - Live erlebte Opernaufführungen, an die man sich heute noch erinnert

  • Vielen Dank für die Erinnerung an diese Siegfried-Aufführung. Ich war damals im gesamten ersten Ring-Zyklus und in der zweiten Götterdämmerung. Christian Franz hat meiner Erinnerung nach losgelöst von seiner Verletzung eine recht gute Leistung erbracht. An das Desaster mit Ginzer (ich glaube, sie kam von der Oper Nürnberg) kann ich mich noch gut erinnern. Dohmen hat mir damals nicht gefallen. Allerdings war der Schatten im Ring 1 nach Robert Hale, der die Rolle zwischen 1986 und 2001 dominiert hat (in seinem letzten Ring vielleicht nicht mehr), unendlich lang. Aus diesem konnte in meinen Augen erst Terje Stensvold heraustreten. Neu war für mich, dass Winbergh den Siegfried hätte singen sollen. Oder ich hatte es vergessen. Wie vom Stimmenliebhaber vermutet, ist Matti Salminen in der GöDä als Hagen eingesprungen. Im zweiten Zyklus hat Kang gesungen.In seiner Zeit an der DOB hatte Thielemann nicht immer das beste Händchen für Sänger. Oder er musste nehmen, was ihm vorgesetzt wurde. Den Tiefpunkt sollte diese Ring-Produktion übrigens zwei Jahre später erreichen, als Jun Märkl dirigiert hat.

  • In seiner Zeit an der DOB hatte Thielemann nicht immer das beste Händchen für Sänger. Oder er musste nehmen, was ihm vorgesetzt wurde.

    Naja, was wurde ihm denn "vorgesetzt"? Im April 1995 "Lohengrin" mit Peter Seiffert in der Titelpartie und Eike Wilm Schulte als Heerrufer, dann 1998 "Parsifal" mit Urmana, Winbergh und Salminen, ebenfalls 1998 sein erster "Ring" mit Schnaut, Kollo, Hale und Salminen, 1999 "Tristan" mit Schnaut und Kollo, im Jahr 2000 zwei "Ringe" mit Schnaut, Hale und Kollo und 2x "Tristan" mit Schnaut, Kollo und Schulte sowie im Konzert das "Hexenlied" mit Martha Mödl, 2001 sprang immerhin Angela Denoke als Sieglinde ein, den Wotan sang wieder Hale, außerdem wieder "Parsifal" mit Smith, Schulte und Salminen - wenn es doch heute vergleichbar gute Besetzungen in dieser Fülle gäbe!


    Thielemann hatte ein Faible für die Alten, für Kollo, aber auch für Martha Mödl. Unvergessen wurde mir ihre gemeinsame Veranstaltung vor dem "Hexenlied" im Kulturkaufhaus Dussman bleiben. Diese Sängerpersönlichkeiten sind heute leider rar geworden.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Als Franz mit Harper auftrat, stolperte er so unglücklich, dass er sich den Fuß verletzte und kaum noch gehen konnte. Ohne zu unterbrechen, sang er die Partie jedoch weiter. Von der Seite wurde ihm ein Eisbeutel zum Kühlen hereingeworfen.

    Die Rolle des Siegfried scheint verflucht zu sein. In der Chemnitzer Heinicke-Inszenierung von 2000 waren wir in allen Premieren, haben aber zusätzilche Vorstellungen besucht, die Walküre z.B. habe ich 3x gesehen.

    In einer der Folgevorstellungen des "Siegfried" war im 1. Akt eine Art Gerüst auf der Bühne, die Schmiedehöhle Mimes damit begrenzend. Siegfried (John Treleaven) verlies die Bühne in Richtung Seitenbühne, als plötzlich ein lautes Geräusch wie ein Sturz und dazu ein lauter Schrei alles übertönte. Mime (Jürgen Mutze) rannte hin und her, verließ das Gerüst, wartete auf Siegfried, doch nichts geschah. Mutze rannte hinter die Bühne, kam wieder auf dieselbe und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Dann fiel der Vorhang, und wir wußten, da ist etwas passiert. Nach endloser Warterei kam der Abendspielleiter vor die Bühne und berichtete, daß Treleaven gestürzt sei und sich ernsthaft verletzt habe. Das Publikum wurde zur Pause und zum Warten gebeten. Nach endlosen ca. 90 min erlöste uns die Klingel, und uns wurde mitgeteilt, daß Treleaven im Krankenhaus war und einen Gipsverband am Bein erhalten habe. Er wird die Vorstellung weitersingen, auf einem Stuhl an der Rampe. Die Darstellung übernimmt der Regisseur. Die Fortsetzung erfolgte mit dem 2. Akt, d.h. die Schmiedelieder und alles was noch im 1. Akt stattfindet fiel aus. Schade, aber wir waren froh, daß es weiterging. Der Regisseur machte seine Darstellung mehr schlecht als recht, aber Treleaven sang doch recht locker weiter. Mit ziemlich großer Zeitverzögerung ging die Oper zu Ende, Treleaven bekam Riesenapplaus (auch Janice Baird als kraftvolle Brünnhilde).

    Wir waren erst nach 2.00 Uhr zu Hause. Unvergeßlich.

    Übrigens auch unvergeßlich: Wir haben in Chemnitz Loriot noch erlebt, in seinem "Ring an einem Abend". Das war wohl eines unserer größten Erlebnisse in Chemnitz mit einem kleinen, bescheidenen, aber doch so großen Loriot.


    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Die Rolle des Siegfried scheint verflucht zu sein.

    Da ist wohl etwas dran. ;) Ich erinnere mich an eine "Siegfried"-Vorstellung im Rahmen der rasanten "Ring"-Inszenierung von Joachim Herz in Leipzig. Den Siegfried sang der Australier Jon Weaving. Der sah besser aus als er singen konnte und war mit der wortreichen Partie heillos überfordert. Er konnte nur noch agieren, während aus dem Orchestergraben Herbert Becker sang, der mir recht gut gefiel. Wenn ich es richtig sehen, krankte die ganze Produktion an der Unmöglichkeit, einen belastbaren Siegfried zu finden. In der DDR gab es damals schlicht keinen. War noch nicht so richtig entdeckt. Selbst an der Berliner Staatsoper mussten immer Gäste eingesetzt werden, nachdem Ernst Gruber den Siegfried nicht mehr singen konnte und Spas Wenkoff sich noch nicht so richtig in dem Fach etabliert hatte.

    Rheingold 1876

  • ...nicht zu vergessen die legendäre Bayreuther Aufführung 1977 als René Kollo wegen einer Berinverletzung nicht agieren konnte und Regisseur Patrice Chéreau die szenische Darstellung des jungen Helden übernahm.

  • Die Rolle des Siegfried scheint verflucht zu sein.


    Da ist wohl etwas dran.

    Auch ich hatte ein sehr spezielles Siegfried-Erlebnis. Im November 1994 kam die "Siegfried"-Inszenierung von Harry Kupfer in einer Premierenserie von vier Vorstellungen an der Berliner Staatsoper heraus. Ursprünglich war für alle Vorstellungen Siegfried Jerusalem angekündigt, dann tauchte für die zweite Vorstellung der Name Reiner Goldberg auf. Meine absoluten Lieblingstenöre waren beide nicht (gestern Abend habe ich auf meinem Beamer die auch bei Youtube zu findende Videoaufzeichnung des "Tannhäuser" mit Casapietras Abschiedsabend in beiden Rollen und Goldberg in der Titelpartie gesehen und muss mich im Nachhinein fragen: Warum eigentlich? Warum mochte ich ihn so wenig? Dabei gefiel er mir gestern richtig gut als Tannhäuser). Jedenfalls entschied ich mich dann für die dritte Vorstellung mit Jerusalem, weil ich mir sagte: Schön klingt er auch nicht mehr, aber ist wenigstens robust und wird nicht schön, aber sicher durchkommen.

    Nunja, Jerusalem sang im 1. Akt erwartbar mäßig, vor dem 2. Akt trat jemand vor den Vorhang und sagte eine Indisposition Jerusalems an, je nun. Den zweiten Akt sang er dann besser als den ersten, liegt ja auch bequemer. Vor dem 3. Akt trat wieder jemand vor den Vorhang und sagte, dass sich die Indisposition von Herrn Jerusalem so verschlechtert hätte, dass er nicht mehr weitersingen könne. Herr Kammersänger Reiner Goldberg werde die Partie im 3. Akt übernehmen. Großes Raunen im Publikum. Aber dann ging der 3. Akt los, Goldberg trat auf und hatte einen grandiosen Abend, sang das weit besser als von mir erwartet, rette die Vorstellung nicht nur, sondern verbesserte sie deutlich. Die nächste Vorstellung sang er dann wohl komplett, weiß ich aber nicht genau, da ich nicht drin war. Trotzdem wurde in den weiteren Vorstellungen dieser Inszenierung nach der Premierenserie fast immer nur Herr Jerusalem angesetzt, nach 2000 auch Christian Franz, aber nie wieder Reiner Goldberg - warum auch immer...


    Es war jedenfalls das erste Mal, dass ich erlebte, dass eine Partie während einer Vorstellung umbesetzt werden musste - und ich merkte, dass das nichts Schlechtes sein muss...

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Lieber Melomane!

    Herzlichen Dank, dass Du uns ermutigst von Aufführungen zu berichten, die ganz besonders des Erinnerns würdig sind. Herzlich dank auch allen, die schon darauf eingestiegen sind.


    Gerne würde ich hier auch etwas beitragen.

    In mehr als 60 Jahren, in denen ich nicht selten mehr als dreimal pro Woche in die Oper gegangen bin, ist schon Einiges an Erinnerungen zusammen gekommen.


    Welche Aufführungen sind denn nun besonders des Erinnerns würdig?

    Zunächst doch die Aufführungen, in denen alles gelang und eine glorreiche Sternstunde beschert wurde. Davon ließe sich berichten und schwärmen. Aber wen interessiert denn heute noch ein Bericht über eine Aufführung des OBERON mit Leonie Rysanek und Sandor Konya oder der LUCIA DI LAMMERMOOR mir Maria Callas, Giuseppe di Stefano und Rolando Panerai unter Karajan?

    Ist da nicht viel spannender, etwas zu erfahren von den kleinen und großen Missgeschicken, die nun mal bei aller Professionalität im Opernbetrieb auch passieren?


    Also nehme ich zunächst mal so ein Missgeschick.
    Eigentlich haben wir es damals als Mega-Gau empfunden.

    Davon habe ich schon mal berichtet, aber in einem Thread, den sicher nicht viele Opern-Freunde besuchen. Deshalb scheint mir die Wiederholung statthaft oder zumindest verzeihlich.


    Der Gau ereignete sich im Finale von Beethovens FIDELIO in einer Aufführung der Deutschen Oper Berlin.

    Der Fidelio war von Karl Böhm einstudiert und bis dato auch in allen (?) Aufführungen dirigiert worden.

    Dies war die erste Aufführung unter der Leitung von Lorin Maazel!

    … Zu einer heißen Sache, die von der Presse auch für opernfernes Publikum entsprechend aufbereitet wurde, war eine von Lorin Maazel dirigierte »Fidelio«-Aufführung geworden. Die Presse war sich ob des Vorgangs uneins. Während die »Berliner Morgenpost« von »Beirers Missgeschick« berichtete, beschuldigte »Bild« den Dirigenten Maazel, der meist ohne Partitur dirigierte, dass es dieser versäumt habe, den richtigen Einsatz zu geben. Beirer gab der »Deutschen Presse-Agentur« zu Protokoll, dass sich der Unmut des Publikums keineswegs gegen ihn gewandt habe, und meinte - ohne den Namen Maazels zu nennen - »Richtig ist vielmehr, dass vom Dirigenten des Abends für die Partie des Florestan kein oder kein sichtbarer Einsatz gegeben worden war.« …

    Der Schmiss passierte im Finale des 2.Aktes nach

    „Preis mit hoher Freude Glut

    Leonorens edlen Muth“


    Danach geht es im Orchester weiter, wobei die auffälligste Rolle die ersten Geigen spielen. Sie haben Triolen. Maazel zog das Tempo an und war ganz darauf konzentriert, eine glasklare Ausführung der Triolen ‚sempre piu piano’ zu erreichen.

    Nach der siebten Triole hatte Beirer seinen Einsatz „Wer ein solches Weib errungen…“


    Er war wohl von dem rasanten Tempo irritiert, das Maazel hier schlug, und setze zu spät ein. Einen ganzen Takt zu spät. Der Chor, der zwei Takte nach Florestan mit den Tenören und Bässen einsetzen muss, setze wie vorgeschrieben - also einen Takt nach Beirer - ein. Maazel hatte aber inzwischen versucht, das Orchester wieder mit seinem Florestan zu synchronisieren, was nur teilweise gelang. Da er keine Partitur auf dem Pult hatte, konnte er auch keine Takt zurufen.

    Also waren alle im Takt - aber der Chor und ein Teil des Orchesters einen ganzen Takt vorneweg, die anderen einen Takt hinterher.

    Birgit Nilsson orientierte sich bei ihrem Einsatz „Liebend, liebend ist es mir gelungen…“ an Beirer.


    Maazel schlug geradezu zwanghaft den Takt! Das half natürlich überhaupt nicht, denn im Takt waren ja alle!


    Marzelline, Rocco und die anderen Solisten orientierten sich an Beirer und Nilsson. Der Chor war schon einen Takt weiter und wer im Orchester wo war, kann ich beim besten Willen nicht sagen! Es klang wirklich schauerlich - zumal inzwischen alle im äußersten fortissimo sangen und spielten!!

    Also: Treffpunkt Fermate auf „….sein.“


    Nun waren alle wieder glücklich (?) vereint und jagten ‚Presto molto’ und fortissimo dem Ende entgegen.


    Als das erreicht war, brach der heftigste Buh- und Pfeifsturm los, den ich je erlebt habe. Maazel lies das Orchester gehen und blieb noch minutenlang am Pult sitzen. Die Sänger traten nur gemeinsam zu ihren Vorhängen heraus und wurden beklatscht und bejubelt. Kaum aber war der Vorhang wieder zu, waren nur noch Pfiffe und wütende Buhrufe zu hören. Diese Wechselbäder dürften gut und gerne 15 bis 20 Minuten gedauert haben.


    Natürlich hatte dieser denkwürdige Schmiss ein Nachspiel.


    Maazel war nicht mehr bereit, mit Beirer zusammenzuarbeiten. Damit wurde Beirer nicht mehr in Wagner-Aufführungen angesetzt. Er hatte aber Vertrag als Heldentenor an dem Haus (ich weiß allerdings nicht, ob es damals noch die Position „Erster Heldentenor“ gab.) und drohte mit Klage auf Beschäftigung. Ob es eine Gerichtsverhandlung und -entscheidung gab oder ob es zu einem außergerichtlichen Vergleich kam, entzieht sich meiner Kenntnis.


    Ergebnis aber war jedenfalls, dass Maazel wieder mit Beirer arbeiten musste. Das geschah in jeder Saison - soweit ich mich erinnere - einmal. Das war dann meist eine „Götterdämmerung“, in der nun Maazel wirklich jeden Einsatz für den Siegfried geradezu demonstrativ gab. In diesen Aufführungen hat Hans Beirers große Berliner Anhängerschaft ihren Liebling enthusiastisch gefeiert.

    Ich gehörte eigentlich nie zu den Beirer-Fans, aber ich will gerne einräumen, dass ich in diesen Aufführungen schon beeindruckt war – nicht zuletzt von seinem sehr sorgfältigen Singen und seiner differenzierten Gestaltung.


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Auch ich erlebte Siegfrieds Fluch. In Nürnberg brannte die Hinterbühne. Die beiden erfahrenen Wagner-Sänger Heinz Imdahl Wander/Wotan und Sebastian Feiersinger, übrigens ein ausgezeichneter Sänger und Darsteller des Siegfrieds, sangen mit abgeklärter Ruhe ihre Partien weiter. Der Abend ging ohne Unterbrechung zu Ende. Dadurch merkte das Pulikum kaum etwas von dem Chaos hinter der Bühne. Selbstverständlich erhielten Imdahl und Feiersinger für die mutige Leistung einen riesigen Sonderapplaus, den hatten sie für ihre ausgezeichneten Leistungen allerdings in jedem Fall verdient. Leider ist der vertibable, echte Heldentenor Sebastian Feiersinger fast völlig vergessen, während in München doch noch gelegentlich an Heinz Imdahl erinnert wird.

    Herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Lieber "Caruso41",


    schön, dass du nach deinem Berliner Meyerbeer-Wochenende nun auch eine Erinnerung hier beigesteuert hast.

    Der Fidelio war von Karl Böhm einstudiert und bis dato auch in allen (?) Aufführungen dirigiert worden.

    Dies war die erste Aufführung unter der Leitung von Lorin Maazel!

    War das nicht eine Premiere, also eine Neueinstudierung von Maazel? Ich dachte das bislang immer. Es gibt ja auch eine Fernsehaufzeichnung aus der Deutschen Oper Berlin von 1963, da dirigierte noch arthur Rother. Vermutlich war der vondir beschriebene Abend einige Jahre später, ein Datum nennst du ja leider nicht.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Auch ich erlebte Siegfrieds Fluch. In Nürnberg brannte die Hinterbühne.

    Lieber "Operus",


    vor etwa 30 Jahren brannte nach einer "Siegfried"-Premiere mal das komplette Opernhaus ab, sodass sich der schon zu zwei Dritteln geschmiedete "Ring" nie mit der "Götterdämmerung" schloss. Konkreteres müsste ich nachlesen.

    Leider ist der vertibable, echte Heldentenor Sebastian Feiersinger fast völlig vergessen

    Zumindest erinnere ich in meinen Besetzungsrubriken sowohl zur Staatsoper Berlin als auch zur Staatsoper Dresden an viele seiner dortigen Auftritte. Kann ja mal ein bissl stöbern, zumal Gottlob Frick dort inzwischen auch aufgetaucht ist. :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Arthur Rother hatte am 7. November 1962 anlässlich der 50. Wiederkehr des Eröffnungstages der Charlottenburger Oper die Premiere der Sellner-Inszenierung an der Deutschen Oper dirigiert. Somit dürfte er für die musikalische Einstudierung der Produktion verantwortlich gewesen sein und nicht Karl Böhm. Dass es zwischen der Premiere 62 und der Übernahme durch Maazel eine musikalische Neueinstudierung unter Böhm gegeben hätte, wäre mir zumindest neu.

  • War das nicht eine Premiere, also eine Neueinstudierung von Maazel? Ich dachte das bislang immer.

    Nein, lieber Stimmenliebhaber, es war keine Neueinstudierung! Aber ich habe jetzt für einige Konfusion mit dem Hinweis auf Karl Böhm gesorgt! Ich habe keine Ahnung, wie ich auf ihn gekommen bin.

    Du, lieber Melomane, hast vollkommen Recht:

    Arthur Rother hatte am 7. November 1962 anlässlich der 50. Wiederkehr des Eröffnungstages der Charlottenburger Oper die Premiere der Sellner-Inszenierung an der Deutschen Oper dirigiert. Somit dürfte er für die musikalische Einstudierung der Produktion verantwortlich gewesen sein und nicht Karl Böhm.

    I'm sorry for the confusion.

    Der Versuch, meinen damals im Beirer-Thread gegebenen Bericht um ein paar Worte zum Kontext zu erweitern, ist gründlich gescheitert.


    Zerknirschte Grüße

    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Lieber "Caruso41",

    schön, dass du nach deinem Berliner Meyerbeer-Wochenende nun auch eine Erinnerung hier beigesteuert hast.

    Lieber Stimmenliebhaber!


    Das war schon ein ganz besonderes Wochenende.

    Ich hatte ja die Premieren der drei Opern gehört und war zudem in LES HUGUENOTS und LE PROPHÈTE noch mal wegen interessanter Umbesetzungen.

    Aber: ich würde sagen, diese drei Abende nacheinander waren schon was Besonderes. Vielleicht wird man eines Tages auch in einem Thread darüber berichten, in dem nach Live erlebten Opernaufführungen gefragt ist, die besonders denkwürdig waren.

    13 1/2 Stunden Meyerbeer in drei Tagen - das war emotional außerordentlich vereinnahmend.


    Liebe Grüße

    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Im Jahr 2005 gab es an der DOR zum Thema "Tojanischer Krieg" eine Serie von mehreren Opern, die auch als Paket angeboten wurden.


    1. Les Troyens, Akt 1 + 2 und Akte 3 - 5. Die Besonderheit lag darin, dass der erste Teil in Duisburg gegeben wurde, der zweite Teil in Düsseldorf. Duisburg war also mehr oder weniger Troja, Düsseldorf war Karthago. Zwischen der Nachmittagvorstellung in Duisburg und der Abendvortellung in Düsseldorf wurde ein Shuttlebus eingesetzt. Man konnte aber auch die Vorstellungen an verschiedenen Tagen getrennt besuchen.


    2. La Belle Hélène, also die Vorgeschichte zum Trojanischen Krieg. Das Besondere daran war, dass die die Vorstellungen abends gegen 21.30 Uhr nach den Akt 1/2 der Troyens gegeben wurde, und zwar mit dem Publikum auf der Bühne in den Kulissen der Oper Les Troyens, was dem Ganzen einen sehr intimen Charakter gab mit maximal 150 Besuchern zum Einehitspreis von unter 10,-€.


    3.Scarlattis Telemaco, die Folgen des Krieges rund um Odysseus.


    Besonders die Belle Hélène in Form eines Kammerspiels fand sehr viel Anklang. Kritik hier


    Besetzung:

    09.Nov.05 LES TROYENS Hector Berlioz

    Duisburg Akte 1 + 2

    Dirigent John Fiore

    Inszenierung Christof Loy

    Kassandra Evelyn Herlitzius

    Choroebus Boris Statsenko

    Aeneas Albert Bonnema

    Ascanius Anke Krabbe

    Pantheus Günes Gürle

    Priamus Michael Milanov

    Hekuba Nassrin Azarmi

    Helenus Sergey Tkachenko

    Polyxene Simone Klostermann

    Andromache Monique Janotta

    Astyanax Andreas Ponitka


    09.Nov.05 LA BELLE HELENE Jacques Offenbach

    Duisburg Dirigent Christian Rieger

    Inszenierung Christof Loy

    Paris Fabrice Farina

    Menelaos Alexandru Ionitza

    Helena Marta Marquez

    Bacchis Gwendolyn Killebrew

    Leoena Iwona Lesniowska

    Parthoenis Véronique Parize

    Agamemnon Ludwig Grabmeier

    Orest Anke Krabbe

    Kalchas Peter Nikolaus Kante

    Achill Bruce Rankin

    Ajax I Norbert Ernst

    Ajax II Julian Kumpusch

    Philocome Tim D. Morand


    12. Nov.05 TELEMACO Alessandro Scarlatti

    Düsseldorf Dirigent Andreas Stoehr

    Inszenierung Lukas Hemleb

    Calypso Ekaterina Morozova

    Erifile Alexandra von der Weth

    Telemaco Corby Welch

    Adrasto Mariselle Martinez

    Sicoreo Gunther Schmid

    Mentore/Nettuno/Ombra Kresimir Spicer

    Tersite Torsten Hofmann

    Silvina Romana Noack

    Minerva Theresa Plut


    13.Nov.05 LES TROYENS Hector Berlioz

    Düsseldorf Akte 3+4+5

    Dirigent John Fiore

    Inszenierung Christof Loy

    Dido Jeannne Piland

    Aeneas Albert Bonnema

    Ascanius Iwona Lesniowska

    Anna Katarzyna Kuncio

    Narbal Thorsten Grümbel

    Iopas Fabrice Farina

    Pantheus Günes Gürle

    Hylas Norbert Ernst

    Orfeo wünscht euch allen, dass ihr gesund bleibt

  • Lieber Orfeo,


    das ist eine originelle Idee. Hat das Konzept denn funktioniert? Ist es wirklich angenommen worden? Oder haben die Einen sich an Offenbach delektiert, sind die Anderen mit Berlioz auf die Schauplätze Troja und Karthago gegangen und hat es wieder Andere auf die Insel Ogygia verschlagen, wo sie Scarlattis verwickelte Erzählungen folgen konnten?


    Was das Meyerbeer-Wochenende in Berlin für mich so denkwürdig machte, war nicht zuletzt, die Tatsache, dass ich nicht der Einzige war, die sich 13 1/2 Stunden Meyerbeer anhören wollte. Einen bemerkenswert großen Teil der Gäste sah ich an allen Tagen im Haus. Viele kamen aus dem Ausland, besonders aus England und Frankreich!


    Die Deutsche Oper Berlin hat die Dokumentation ihres 2014 durchgeführten Symposiums über Leben und Werk Meyerbeers unter dem Titel Europa war sein Bayreuth veröffentlicht. In den Pausen bekam man in den Foyers eine Vorstellung davon, wie treffend dieser Titel gewählt ist.



    Beste Grüße


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Hat das Konzept denn funktioniert? Ist es wirklich angenommen worden? Oder haben die Einen sich an Offenbach delektiert, sind die Anderen mit Berlioz auf die Schauplätze Troja und Karthago gegangen und hat es wieder Andere auf die Insel Ogygia verschlagen, wo sie Scarlattis verwickelte Erzählungen folgen konnten?

    Lieber Caruso,


    Die Resonanz beim Publikum war recht gut: Les Troyens sah man man damals noch sehr selten, also kamen Besucher von überall; Telemaco zog bedeutend weniger Besucher an und die Belle Hélène war der Renner.

    Die meisten Besucher sahen sich den Berlioz aber in zwei Etappen an, man sah bekannte Gesichter im Zug von und nach Düsseldorf. Der Offenbach wurde übrigens in der Saison danach auf der grossen Bühne gezeigt, verlor aber dabei aber sehr viel von seinem Charme.

    Beste Grüße


    Caruso41

    Orfeo wünscht euch allen, dass ihr gesund bleibt

  • Da es hier schon mehrfach um Luciano Pavarotti ging, will ich noch eine weitere Vorstellung mit ihm hinzufügen, die es immerhin ins Guiness-Buch der Rekorde geschafft hat. Da ich alle 6 Aufführungen der Serie und die Generalprobe erlebt habe, kann es sein, dass ich inzwischen Details durcheinander bringe.


    Donizetti: L´ELISIR D´AMORE


    24.02.1988 - Deutsche Oper Berlin


    Dirigent Marcello Panni


    Nemorino Luciano Pavarotti

    Adina Daniela Mazzucato

    Dulcamara Rolando Panerai

    Belcore Mario Sereni

    Gianetta Daniela Bechly



    Es gab Zeiten, da musste man auch in Berlin noch fleißig nach Karten anstehen und sich mehrmals in einer Liste abhaken lassen. Belohnt wurde meine Mühe mit Karten für alle Vorstellungen. Für manch einen Opernliebhaber ist die Präferenz für Pavarotti oder Domingo ein Glaubenskrieg gewesen. Ich habe beide sehr gemocht, mit einem leichten Vorteil für Domingo. Jeder hatte so seine Stärken. Eines muss man Pavarotti jedoch zugestehen: wenn er aufgetreten ist, war er in absoluter Top-Form. So wurden diese Aufführungen absolute Sternstunden. Er hat bereitwillig in jeder Vorstellung seine Arie wiederholt. Die beiden anderen Herren waren für mich damals Veteranen wie aus einer anderen Zeit. Heute weiß ich, dass man auch mit über 75 noch auf den Bühnen der Welt stehen kann. Rolando Panerai war für mich als Dulcamara so prägend, dass es mir heute noch schwer fällt andere Sänger in dieser Rolle zu akzeptieren. Imponiert haben mir damals seine Bühnenpräsenz, seine komödiantisches Spiel und sein Parlando. Mario Sereni kannte ich damals nicht. Er war gar nicht so alt, klang aber ziemlich abgesungen, so dass man nur erahnen konnte, welche Klasse er mal gehabt hatte. Daniela Mazzucato hat ihre Sache gut gemacht, war aber nicht unbedingt eine Sängerin der vorderen Reihe.


    Nach den Vorstellungen gab es lange anhaltenden Jubel, zu dem es unterschiedliche Angaben gibt. Das Guiness-Buch führte 165 Vorhänge in 67 Minuten. Andere Quellen berichten von 115 Vorhängen in 62 Minuten, so wie es auch zunächst im GB stand. Inzwischen ist dieser Rekord mit einem geplanten Event übertroffen worden. Es mag nach der Premieren-Vorstellung am 24.02. oder nach der letzten Vorstellung am 10.03.1988 gewesen sein, da wurde ein Flügel auf die Bühne geschoben, an den sich der Dirigent Marcello Panni gesetzt hat, um Pavarotti noch einmal bei einer Zugabe zu begleiten. Es war vermutlich wieder die Nemorino-Arie. Jedenfalls kannte der Jubel keine Grenzen. Für mich war die Serie ein ganz besonderes Erlebnis mit einem besonderen Bezug zum Liebestrank.

  • Dann will ich doch hier auch mal einen Beitrag leisten:

    Am 22.04.1973 durfte ich einen "Tristan" an der Staatsoper Stuttgart erleben, der für mich das Maximum darstellte.

    Die Inszenierung war noch von Wieland Wagner.

    Die Besetzung liess keine Wünsche offen:

    Das Dirigat war Carlos Kleiber übergeben, den ich bei diesem Werk noch über Karl Böhm stelle, die Partien wurden von Windgassen, Ligendza, Grace Hoffmann, Neidlinger und Frick in herrlicher Weise gestaltet und der Beifall wollte kein Ende nehmen.

    Einer der seltenen Abende, an welchem einfach alles stimmte.

  • Lieber Marcel,

    da hatten wir wieder einmal das gleiche unvergessliche Erlebnis. Windgassen, war in der Tat ganz großartig, Ligendza wirklich eine Primadonna des Herzens und Gottlob Frick ein unvergleichlich gefühlvoller Marke. Die große Ligendza gestand bei der Nachfeier, dass sie jedesmal ganz gerührt sei, weil sie diesem Mann so großes Unrecht antut.


    Es gab jedoch noch ein heiteres Nachspiel. Am Bühnenausgang standen eine ganze Reihe von Autogrammjägern. Besonders Wolfgang Windgassen und Gottlob Frick waren von Damen umringt. Darauf der Lobl zu Wolfgang Windgassen"

    "Siehsch Wolfi, so ungerecht isch diese Welt. Damals wo mer se hätte braucha könne, da waren se net so zahlreich da."

    Herzlichst

    Operus (Hans)





    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Don Giovanni - Eine Aufführung im Rahmen der Schwetzinger Festspiele 1956


    Die Beiträge der Berliner Opernfreunde kann man nur neidvoll lesen, denn mit drei Opernhäusern vor Ort sitzen sie - bezogen auf Opernaufführungen - wie die Maden im Speck und einem riesigen Paket an Erlebnissen. Also kann man da nur mit Historie und einem altersbedingten Vorsprung punkten und blickt auf eine Vorstellung zurück, welche am 31. Mai 1956 m Rahmen der Schwetzinger Festspiele stattfand, das war also vor fast 64 Jahren ...


    Im Rückblick war es eine märchenhafte Vorstellung und man kann seinen Bericht tatsächlich mit »Es war einmal ... « beginnen:


    Es war eine Zeit, in der Opern noch so aufgeführt wurden, wie es sich ihre Schöpfer einmal vorgestellt hatten, Don Giovanni durfte tatsächlich noch unterm Balkonfenster der aktuell Angebeteten sein Ständchen singen und es gab an den Opernhäusern noch echte, gewachsene und in langen Jahren gereifte Ensembles. In diesem Falle die Damen und Herren der Württembergischen Staatsoper Stuttgart.


    Der Star des Abends gehörte diesem Ensemble jedoch nicht an, sondern stand als Don Giovanni nur für diesen einen Abend zur Verfügung und galt damals allgemein als der weltbeste Gestalter dieser Rolle. George Burnstein, wie er von Geburt aus hieß, hatte sich noch drüben in Amerika den attraktiveren Künstlernamen George London gegeben, unter welchen er 1949 nach Europa kam.
    Gleich beim ersten Vorsingen konnte er nicht nur Karl Böhm sondern auch die Riege der bekannten Wiener Bühnensänger beeindrucken, so dass man ihm unverzüglich die Rolle des Amonasro in »Aida« anbot, in der er dann in Wien debütierte. Als er auf der Schwetzinger Bühne erschien, stimmte bei ihm nicht nur das Künstlerische - er sang bereits in Bayreuth, an der »Met« und der Mailänder Scala - sondern auch das Private, denn er war kurz zuvor Vater einer Tochter geworden. Es ist m. E. nicht unerheblich, in welcher Situation man einem Künstler begegnet, weshalb das hier erwähnt ist. In Wien hatte London vor dem - nach seinem Rollendebüt als Don Giovanni1951 - neunzehnmal diese Rolle gesungen.
    Das Rüstzeug hatte er sich in Wien bei Alfred Jerger erworben, der noch in der Tradition von Richard Strauss stand, wo man Don Giovanni als kraftvollen, eleganten und furchtlosen Renaissancemenschen sah. Der kritische Karl Löbl hatte zu Londons Glanznummer mal geschrieben:


    »Der hochgewachsene, blendend aussehende und umwerfend charmante London sucht seinesgleichen in dieser schwierigen Rolle. Sein Don Giovanni atmet den Geist Mozarts. Es gelingt ihm der schwierige Übergang von einer Persönlichkeit mit subtilem Humor und elegant-erotischer Ausstrahlung zu einem dämonischen, vom Schicksal getriebenen Menschen«.


    In diesem Status erschien George London also bei den Schwetzinger Festspielen 1956 und gestaltete zusammen mit den anderen Mitwirkenden einen großartigen und unvergesslichen Abend. Dieser Abend hatte auch eine Besonderheit zu bieten, die an den großen Bühnen der Welt nicht erlebt werden kann. Die Darbietung fand nämlich in einem Theaterchen mit gerade mal 512 Plätzen statt; da kam also einiges zusammen, um eine ideale Aufführung zustande zu bringen.
    Die musikalische Leitung besorgte Ferdinand Leitner, der das Sinfonieorchester des Süddeutschen Rundfunks leitete. Die Solisten der Stuttgarter Staatsoper brauchten sich aber vor dem berühmten Gast keinesfalls verstecken. Auch Don Giovannis Diener Leporello, der von Gustav Neidlinger dargestellt wurde, ließ weder stimmlich noch darstellerisch Wünsche offen. Lore Wissmann, die drei Jahrzehnte lang in Stuttgart sang und mit Wolfgang Windgassen verheiratet war, gab die Donna Anna, welche an diesem Abend mit Josef Traxel verlobt war. Traxel, ein echter Mozart-Sänger, beeindruckte mit seiner gut geführten Stimme als Don Octavio; natürlich wurde damals noch »Nur ihrem Frieden ...« gesungen.
    Friederike Sailer, als Braut Masettos, gefiel in dem bekannten Duett mit Don Giovanni; man darf annehmen, dass der Großteil des Publikums den Text kannte, störende Laufschriften - o Graus - waren damals weder üblich noch nötig.

    Und dann war da noch der stimmgewaltige und recht dunkel tönende steinerne Gast; Otto von Rohr gab dem Komtur so richtig
    Gewicht und jagte sowohl Leporello als auch dem Publikum mit seiner Stentorstimme einen gehörigen Schreck ein, was in diesem kleinen Theater besonders wirkungsvoll gelang.


    » Theaterchen«, ist nicht despektierlich gemeint, das von Nicolas de Pigage 1752 erbaute Rokoko-Theater ist immerhin das älteste seiner Art, und eine solch hochkarätige Besetzung in diesem Rahmen erleben zu können hat Nachwirkungen bis zum heutigen Tag; Töne und Bilder sind immer noch im Kopf präsent, obwohl alle Akteure längst gestorben sind, bleiben sie auf diese Weise lebendig.


    Aber Regisseure und Bühnenbildner gab es damals auch schon, sogar eine Bühnenbildnerin, die auch für die Kostüme verantwortlich zeichnete. Der Regisseur Kurt Puhlmann und die Bühnenbildnerin Leni-Bauer-Escy unterstützten diese Aufführung durch ausgezeichnete »handwerkliche« Arbeit. War früher alles besser? - Manches schon!

  • Lieber hart, Dein Bericht gefält mir sehr, sehr gut. Gern wäre ich dabei gewesen. Ich vermisse allerdings die Elvira. Die wird doch nicht gestrichen gewesen sein. ;) Gönnst Du die uns noch.

    Rheingold 1876

  • Lieber Rüdiger,

    Deine Wissbegierde kann gestillt werden; die Rolle der Elvira sang Kammersängerin Maria Kinas und wenn ich schon beim Nachtrag bin, nehme ich auch noch den Masetto mit, der von Kammersänger Gustav Grefe gesungen wurde.

  • Elektra, Staatsoper Berlin, 1.2.2001


    Neulich, Mitte Februar, nach dem Rosenkavalier an der Staatsoper lief die Freundin mit mir Zick-Zack durch ältestes Berlin, Jäger-, Tauben- u. Mohrenstraße. Von den nässenden Güssen der nachmittäglichen Gewitter war nur die klare Luft geblieben. Kalt war es nicht. Unser Gespräch kam auf Opern, die wir zusammen am Haus gesehen hatten und wir erinnerten uns des ersten gemeinsamen Opernbesuchs - Straussens Elektra am 1. Februar 2001.


    Zum regelmäßigen Operngänger bin ich erst vor ein paar Jahren geworden. Vor fast zwei Jahrzehnten war es jedenfalls noch nicht so weit. Gelegentliche Ausflüge in die Berliner Opern hatten damals keine dauerhaften Folgen. Das Sprechtheater besuchte ich in hoher Frequenz, vor allem das Deutsche. Edith Clever hatte im Jahr zuvor an der Berliner Schaubühne Hofmannsthals Elektra inszeniert. Sie selbst gab Klytämnestra, Martina Krauel die Elektra, Dörte Lyssewski die Chrysothemis. An das Beton-Rund im Bauch des Atridenpalastes, an Clevers fuchsroten Mantel und den üppigen Schmuck, an den stummen, aber lebendigen Wachhund links am Bühnenrand erinnere ich mich genau. Das männliche Mordkommando, mir von jeher verhaßt, habe ich verdrängt. Der Mutter-Tochter Dialog über die Bräuche in seiner seltsamen Verkehrung der Generationszusammenhänge, der mütterliche Versuch, sich der verderblichsten aller Ratgeberinnen - der eigenen Tochter – um Hilfe zu nähern, hatte mich sehr bewegt.


    Vielleicht war ein Gespräch über die Schaubühnen-Elektra der Ausgangspunkt für unseren winterlichen Gang in die Dieter-Dorn-Inszenierung am Haus Unter den Linden. Die Karten in der vierten Reihe halbrechts hatte die Freundin besorgt; ich hatte mich um nichts gekümmert.

    Uta Priew gab Klytämnestra, Deborah Polaski die Titelpartie, Margaret Jane Wray die Chrysothemis. Die Herren waren Jukka Rasilainen als Orest, Reiner Goldberg als Aegisth und Daniel Borowski als Pfleger. In Klytämnestrens Gefolge große Namen der Staatsoper: Carola Nossek, Brigitte Eisenfeld, Magdalena Hajossova und Barbara Bornemann, die die erste Magd sang. Dirigent des Abends war Sebastian Weigle.


    Viel weiß ich von den konkreten Umständen des Abends nicht mehr. Wurde gut gesungen, oder schlecht? War der Applaus groß, oder eher bescheiden? Mir war nicht klar, worauf ich mich einlassen würde - es war meine erste Elektra. Wir saßen nah am Geschehen und nah am Blech im Graben. Als der Vorhang mit dem ersten Takt förmlich hochgerissen wurde, preßte es mich in den Sitz, so, wie dem Beifahrer bei einem gefährlichen Manöver des Chauffeurs ergeht. Im Gegensatz zum Kammerspiel an der Schaubühne spielte sich das Geschehen hier in anderen Dimensionen ab. Die Atmosphäre der Angst aber, die bleiern auf allen lastet und am drückendsten auf der Königin, ergriff mich unmittelbar.

    Im Rückblick bleibt vieles bruchstückhaft und wird sicher auch von späteren Aufführungen verschattet, aber an Goldbergs helles, schneidendes „Weh mir!“ glaube ich mich genau zu erinnern.


    Mit Frau Bornemann, lose mit der Freundin befreundet, trafen wir uns nach der Oper auf ein Glas Wein. Überraschend brachte sie Herrn Weigle mit an unseren Tisch. Mit verschlug es ein wenig die Sprache, was aber unbemerkt blieb, da der Dirigent sich überaus umgänglicher Tischgenosse erwies und heiter das Gespräch dominierte.


    Der Elektra bin ich treu geblieben, habe sie mehrfach am Schillertheater und in Dresden mit der bewunderten Evelyn Herlitzius gesehen.


    Barbara Bornemann ist vor knapp zwei Jahren verstorben. Wir haben ihrer unter dem Berliner Winterhimmel gedacht.

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Lieber Hans Heukenkamp,


    sei ganz herzlich bedankt für deinen schönen Bericht den ich wirklich sehr gerne gelesen habe.

    Straussens Elektra am 1. Februar 2001

    Da war ich auch drin. :)

    Uta Priew gab Klytämnestra, Deborah Polaski die Titelpartie, Margaret Jane Wray die Chrysothemis. Die Herren waren Jukka Rasilainen als Orest, Reiner Goldberg als Aegisth und Daniel Borowski als Pfleger. In Klytämnestrens Gefolge große Namen der Staatsoper: Carola Nossek, Brigitte Eisenfeld, Magdalena Hajossova und Barbara Bornemann, die die erste Magd sang. Dirigent des Abends war Sebastian Weigle.

    So war das! :yes:

    Viel weiß ich von den konkreten Umständen des Abends nicht mehr.

    Ich kann mich an diese Vorstellung recht gut erinnern, was auch daran liegt, dass ich einen Mitschnitt davon besitze, den ich zum letzten Mal im Herbst 2018 gehört habe. Ganz vollständig war er wohl nicht, aber das meiste ist wohl drauf.

    Wurde gut gesungen, oder schlecht?

    Nach meiner Erinnerung an 2001 und 2018: Sehr gut. :yes: Gerade Priew und Polaski waren in Hochform, überhaupt war der Cast ziemlich optimal zusammengestellt bis in die kleinsten Rollen (vielleicht abgesehen vom Pfleger, der doch sehr mit der deutschen Sprache kämpfte)

    War der Applaus groß, oder eher bescheiden?

    Der war groß. (Auch wenn ich nicht beschwören würde, dass ausverlauft war. Ich hatte mich, glaube ich, ins Parkett runtergesetzt oder in den 1. Rang.

    aber an Goldbergs helles, schneidendes „Weh mir!“ glaube ich mich genau zu erinnern.

    "Schneidend" trifft es gut. ^^ Aber das ist bei dieser Rolle und vor allem in dieser Situation ja auch gar nicht verkehrt.

    Barbara Bornemann ist vor knapp zwei Jahren verstorben.

    Ja, das war sehr traurig. Viel zu früh! Ihre letzte SMS an Freunde war: "Betet für mich."

    Wir haben ihrer unter dem Berliner Winterhimmel gedacht.

    Das freut mich besonders zu hören, denn ich habe bei und nach meinem "Rosenkavalier"-Besuch am 13.2. dieses Jahres auch an sie gedacht. Was war das für eine tolle Annina! (Im Gegensatz zur jetzigen...)


    Wie gesagt: Hat mich wahnsinnig gefreut, das zu lesen. Im DT war ich bis zum Ende der Ära Langhoff 2001 auch sehr oft. Eines der letzten großen Erlebnisse war die mehrfach von mir besuchte Inszenierung "Der Besuch der alten Dame" mit Inge Keller und Kurt Böhe und diesem ganze wunderbaren Ensemble. Hast du die auch gesehen. Bei Youtube findet sich zumindest die Tonspur, anhand derer man etwas in Erinnerungen schwelgen kann - wenn man sie selbst gesehen hat, kommen auch die Bilder wieder, wenn man den Ton hört. :yes:



    Und bei meinem nächsten Spaziergang (leider muss ich derzeit pausieren, da heuschnupfengeplagtund die Birke fliegt momentan wie verrückt) werde ich auf meinem mp3-Player, angeregt durch deinen heutigen Bericht, nochmal die von dir beschriebene Vorstellung nachhören.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Aber wen interessiert denn heute noch ein Bericht über eine Aufführung des OBERON mit Leonie Rysanek und Sandor Konya oder der LUCIA DI LAMMERMOOR mir Maria Callas, Giuseppe di Stefano und Rolando Panerai unter Karajan?

    Mich zum Beispiel. Sogar sehr!


    Aber natürlich ist deine Ausführung über den legendären Abend mit dem Streit Beirer vs. Maazel nicht minder spannend, zumal du selbst anwesend warst. Meine Lieblingsstelle: "Maazel schlug geradezu zwanghaft den Takt!" Ob Beirer geklagt hat, weiß ich auch nicht genau. Ich habe jedenfalls gehört, dass Maazel von nun an mit Partitur dirigieren musste. Beirer fackelte generell nicht lange mit seinen Klagen, wie auch der Kritiker Karl Löbl vom Kurier erfahren musste. Dazu wüsste ich Konkreteres.


    Leider ist der vertibable, echte Heldentenor Sebastian Feiersinger fast völlig vergessen, während in München doch noch gelegentlich an Heinz Imdahl erinnert wird.

    Bei aller Bescheidenheit möchte ich hier anmerken, dass ich in Feiersingers Heimatort Kirchbichl auf Recherche war und wundervolles Material lukrieren konnte (Fotos, Zeitungsberichte, Zeitzeugen …). Die Ergebnisse präsentiere ich in "Magische Töne - Österreichische Tenöre der Nachkriegszeit".


    Wie ich schon an anderer Stelle vermerkte, finde ich diesen Thread besonders interessant. Ich habe auch schon hin und her überlegt, aber eine wirklich hierher passende Aufführung habe ich wohl noch nicht erlebt. Ich werde weiter in meinem Gedächtnis kramen.

  • Bei aller Bescheidenheit möchte ich hier anmerken, dass ich in Feiersingers Heimatort Kirchbichl auf Recherche war und wundervolles Material lukrieren konnte (Fotos, Zeitungsberichte, Zeitzeugen …). Die Ergebnisse präsentiere ich in "Magische Töne - Österreichische Tenöre der Nachkriegszeit".

    Lieber "greghauser2002",


    gestern habe ich in der Rubrik zu den Besetzungen ausgewählter Dresdner Inszenieurungen alle Mitwirkenden mit Buchstabe "F" eingestellt, da kann st du relativ schnell sehen, was Feiersinger in Dresden gesungen hat (wenn das jetzt auch für dein Buch zu spät kommt):


    Besetzungen ausgewählter Dresdner Inszenierungen


    :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Lieber Stimmenliebhaber,

    es ist verblüffend und spricht für Deinen enzyklopädischen Ansatz, daß Du zu einem ja eher zufälligem Datum vor neunzehn Jahren auch in der Elektra warst! Umso schöner, daß Du bestätigst, daß es eine gute Vorstellung war. Und wenn Du sogar einen Mittschnitt hast... Er wurde hoffentlich nicht illegal von einem skrupellosen Opernliebhaber aufgenommen, sondern von der Intendanz ordnungsgemäß freigegeben. ;)

    Die Langhoff-Intendanz hat für ein Jahrzehnt nach der Wende die spezifische Qualität des Ostberliner Theaters bewahrt. Daß das kein dauerhaftes Konzept sein konnte, war eigentlich damals schon klar. Selbst unter B. Wilms hat es aber bemerkenswerte Inszenierungen am Haus gegeben. Ich denke an Thalheimer, Gosch und Breth. Erst mit dem sympathischen Herrn Khuon ist die Entfremdung vom einstmals geliebten Haus für mich komplett. Aber Theater muß sich ständig wandeln, und die Entfremdung beruht auf meiner Unfähigkeit, die netwendigen Schwenks nachzuvollziehen. Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz