Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 95 c-moll – heroisches Drama?

  • Salut,


    was erwartet man von einer Haydnschen c-moll-Sinfonie? Einen Vorläufer von Beethovens Fünfter? Sicher eher einen Gegenzug zu Kraus c-moll-Sinfonie, die Haydn seinerzeit überaus lobend erwähnte. Wer hier bei Nr. 95 ein heroisches Drama erwartet, wartet vergeblich:


    Die Sinfonie beginnt gleich in medias res, ausnahmsweise ohne von einer bedeutungsschwangeren langsamen Einleitung geziert zu sein, dafür mit einem kurios-markanten Thema, das stets in der Luft schwebend bleibt und kaum – auch nicht in der Durchführung – wirklich famos verarbeitet wird, obwohl es doch so viele Möglichkeiten bietet. Dazu noch ein moderates Tempo… Was Haydn bezweckte, muß unbeantwortet bleiben. Die Sinfonie hinterließ auch kein sonderlich beeindrucktes Uraufführungspublikum, wird berichtet. Außer dem bereits erwähnten Eröffnungsthema in c-moll verbreitet sich im ersten Satz eher haydnsche Heiterkeit, die nicht im Entferntesten an ein düster bis heroisches Werk denken lässt. Vielleicht war es das, was das Publikum enttäuschte? Haydn hatte wohl keine Absicht, ein solch bissiges Monster abzuliefern, obschon er absolut bewiesen hat, dass er ein perfekter Dramatiker sein kann. Leider nur war es dem Publikum, für das es bestimmt war, nicht vergönnt, seine letzte Oper L’Anima del filosofo, ossia: Orfeo ed Euridice zu hören.


    Der erste Satz jedenfalls endet nicht mal in der Grundtonart c-moll, sondern in C-Dur – das aber überaus pompös!


    Ganz und gar reizend jedoch ist der zweite Satz, ein schlichtes Andante in Es-Dur: Wieder mal ein liebreizender Variationensatz mit obligatem Violoncello-Solo. Also keineswegs langweilig! Im Mittelteil, der in moll steht, findet sich die Unheimlichkeit wieder, die Haydn gerne mal einstreut, um dann aber ganz versöhnlich weiterzuvariieren.


    Vom 3. Satz verspricht das Booklet: Gewitterwolken ziehen sich zu dem Menuett in c-moll zusammen. Das ist durchaus erahnbar, aber nicht in dieser Einspielung realisiert worden. Es ist aber durchaus ein Menuett, das in keiner anderen Tonart als c-moll stehen könnte: ein unheimlicher Teufels-Tanz, der dem Charakter nach ein „Sieh dich nicht um, denn…“ zum Thema hat [Haydn nimmt keinen musikalischen Bezug zu diesem Kinderlied]. Auch hier überrascht ein leises Violoncello-Solo im Trio, begleitet von zupfenden Streicherkollegen. Die Solovioline echot kurz dazwischen, ein gelungener Effekt!


    Was folgt ist ein lebhaftes Finale, natürlich nicht in c-moll. Das würde eh trotz des grandiosen Menuetts niemand mehr glauben. Der Satz beginnt mit einem lieblich verspielten Violin-Thema in C-Dur, ganz piano, dann Flöten und Oboen. Dann an der erwarteten Knallstelle ein etwas verhalten einsetzendes Fugato, das überraschender Weise erst später explodiert! Wunderbar komponiert! Nach kaum 4 Minuten ist das Feuerwerk abgebrannt.


    Was ist von c-moll übrig geblieben? Nichts. War es überhaupt da? Vielleicht…


    Und letztlich war vielleicht auch gerade die vorgeschützte Tonart c-moll der überaus witzige Witz von Haydn... ?(


    Charles Rosen wagt es, mir diesbezüglich zu widersprechen:


    Zitat


    Die Symphonie Nr. 95 ist die einzige Ausnahme. Da sie als einzige* in Moll steht, ist ihre Ernsthaftigkeit auch ohne das zusätzliche Gewicht einer Einleitung gewährleistet.


    Diese Eindrücke wurden gesammelt mit freundlicher Unterstützung von:



    Joseph Haydn [1732-1809]
    Sinfonien Nos. 94, 95 und 97


    English Chamber Orchestra
    Jeffrey Tate


    :hello:


    Viele Grüße
    Ulli


    *bezogen auf die "Londoner" Sinfonien

  • Salut,


    was Herr Roehl da dankenswerter Weise im originalverpackten Zustand an mich abgetreten hat, erfreut mich doch sehr:


    Aus der Reihe:



    Franz Joseph Haydn [1732-1809]


    Sinfonie Nr. 95 c-moll


    RIAS Symphonie-Orchester Berlin
    Ferenc Fricsay


    Eigentlich wollte ich mal eine Aufnahme der 98er in B haben, die ich sehr vernachlässigt habe, nun ist auch die 95 dabei.


    In dieser Form gefällt sie mir deutlich besser durch das English Chamber Orchestra unter Leitung von Jeffrey Tate, wobei sich die wirklichen Unterschiede in Grenzen halten. Fricsay ist einen Tick spritziger [besonders jedoch im Finale], nicht so arg weich, die Holzbläser sind sehr viel transparenter, das Blech glänzender. Das Cellosolo kommt sehr viel besser heraus, als bei Tate [der aber immerhin selbst spielt].


    Die Aufnahme stammt vom 08./09. September 1953 und wurde in der Jesus-Christus-Kirche [ich nehme an: in Berlin] gemacht.


    :hello:


    Ulli

  • Das mit der Nr. 95 gezählte c-moll-Werk entand 1791 und wurde im Jahr darauf sehr wahrscheinlich nach Nr. 96 als zweite der von Haydn für London komponierten Sinfonien dort uraufgeführt. Es gibt keine bekannten Presse- oder Publikumsreaktionen, die man mit Sicherheit auf dieses Werk beziehen könnte.


    Unter ihren Geschwisterwerken zeichnet sich die Sinfonie gleich mehrfach aus: sie ist die einzige in Moll (die erste seit Nr. 83 und die letzte Haydns), sie hat als einzige keine langsame Einleitung im Kopfsatz und sie ist zudem sehr kurz. Ludwig Finscher bezeichnet sie als „die einfachste der Londoner Sinfonien“. Haydn scheine hier alles darauf angelegt zu haben, „durch äußerste Klarheit und geradezu lakonische Kürze es seinem neuen Publikum leicht zu machen – womit er vielleicht dieses Publikum [...], sicherlich aber alle späteren Generationen unterschätzte, denn bis heute ist das Werk das unbeliebteste der Londoner Gruppe geblieben“ (S. 363). Über Unterschätzung und Unbeliebtheit kann man diskutieren, die relativ einfache Struktur ist aber nicht von der Hand zu weisen. Die allerdings hat mindestens zwei Seiten.


    In mancher Hinsicht steht diese Sinfonie zwischen zwei Bezugsfeldern, auf die Ulli oben verwiesen hat: die Mollsinfonien des „Surm und Drang“, verkörpert etwa durch Kraus oder Haydns eigene Nr. 52, und einem Werk wie Beethovens Fünfter. In Nr. 95 komponiert Haydn (im Gegensatz zu Nr. 52 und elaborierter als etwa in „La poule“) eine Bewegung von Moll nach Dur aus, sowohl was die gesamte Sinfonie betrifft als auch die interne Spiegelung ihres ersten Satzes: bei diesem gibt in der Reprise das eigentlich in Es-dur stehende Seitenthema die Richtung nach C-dur vor. Das Menuett greift c-moll wieder auf und kontrastiert es im Trio mit C-dur. Dies ist auch die Tonart des Finales, in dem aber ein gewichtiger c-moll-Teil „überwunden“ werden muss. Hier haben wir immer noch etwas anderes vor uns als in der dramatischen Stringenz und Aufladung von Beethovens c-moll-Sinfonie, aber die Richtung ist angedeutet.


    Der erste Satz im Alla-breve-Takt ist mit Allegro moderato überschrieben (in den Abschriften mit „Allegro“). Er beginnt mit einem markanten, im Fortissimo gespielten Themenkopf aus einer Halben und vier Vierteln, in der insbesondere das Intervall der verminderten Terz as-fis auffällt. (Seine beiden anderen c-moll-Sinfonien 52 und 78 hat Haydn ebenfalls mit einem markanten Unisonomotiv einschließlich ungewöhnlicher Intervalle eröffnet, worauf Walter Lessing hinweist – wohl eine für Haydn speziell mit dieser Tonart verbundene Chiffre.) Das Thema ist aber zweiteilig, dualistisch angelegt: auf das Unisonomotiv (T. 1-2) antwortet im Piano eine verhaltene, aufsteigende Figur in den ersten Geigen (T. 3-9), die – für Haydn ungewöhnlich – mit dolce bezeichnet ist. Interessanterweise taucht diese Figur nur noch zweimal kurz auf (in der Durchführung und am Anfang der Reprise), sonst wird sie thematisch nicht verarbeitet. Von Takt 9-28 beherrscht dann wieder der Themenkopf das Feld, zunächst in einer barock anmutenden Fortspinnung, dann ansatzweise polyphon verarbeitet. Das Seitenthema in Es-dur gehört dem musikantischen Typus an, wird ein wenig mit Kontrapunkten angereichert und leitet dann zum Schluss der Exposition mit einer durchgehenden Triolenbewegung wieder zum jetzt ebenfalls in Es-dur erklingenden Hauptthema über. Die Durchführung, wieder in c-moll, verarbeitet zunächst zweimal das Hauptthema, zunächst kontrapunktisch, dann in den ersten Violinen sequenzierend über durchlaufenden Triolen. Interessant ist der „verschleierte“ Reprisenbeginn: Eine kurze Verarbeitung des Seitenthemas führt scheinbar zu einer erneuten Durchführung des Hauptthemas, die sich dann aber als Reprisenbeginn entpuppt. Die Reprise ist verkürzt, das Seitenthema moduliert nach C-dur und in dieser Tonart wird das Allegro dann auch zu Ende geführt. Insgesamt wirkt der Satz (im Londoner Kontext) auf mich leicht archaisierend – ein eigentümlicher, aber ganz und gar nicht reizloser Duktus.


    Der zweite Satz, ein Es-dur-Andante (in den Abschriften: Andante cantabile) im 6/8-Takt, ist ein Variationensatz über ein schönes Thema, das „galante“ und kantable Züge vereint. Die Variationen, nur drei an der Zahl, entfernen sich nicht allzuweit vom Thema: In der ersten übernimmt teilweise ein Solocello das Wort, das Thema wird dann in Sechzehnteltriolen aufgelöst. In der zweiten Variation fährt das Orchester mit Tuttischlägen zwischen das nach es-moll gewendete Thema. Schließlich, nach einer kurzen Überleitung die dritte Variation: Das Thema erscheint in „gelöster“ Form in festlichem Forte, in 32tel aufgelöst. Schließlich eine kurze Coda, in der sich zwei klopfende Achtel immer mehr verselbständigen und den Satz schließlich beenden.


    Das Menuett in c-moll ist eines der interessantesten der Londoner Gruppe. Ein sehr einfaches, auftaktiges, in ersten Geigen und Streichern imitatorisch gesetztes Thema wird im Piano entwickelt und entlädt sich in einem Forte-Ausbruch. Das ganze kommt variiert nochmal, sodann verselbständigt sich eine unwirsche Viertelnote mit Sechzehntelvorschlag, immer auf den schwachen Zählzeiten. Nach einer kurzen, harschen Durchführung des Materials erfolgt eine Reprise, die beim zweiten Anlauf erheblich verändert ist: Das Thema reckt sich im Forte des ganzen Orchesters nach oben und bricht auf einem unaufgelösten Akkord ab – Generalpause – und dann ein Nachsatz, der von dem dröhnenden Orgelpunkt auf C in Pauken und Bässen geprägt ist. Eine fast schon brucknerisch anmutende Passage. Faszinierend, wie das „nach oben strebende“ Thema immer wieder auf den Boden des C zurückgeholt wird. Extrem gegensätzlich das Trio, in dem – auf das Andante bezugnehmend – das Solocello mit idyllischen Figurationen dominiert, nur einmal kurz von den Geigen imitiert.


    Schließlich das C-dur-Finale, im Alla breve notiert, Tempovorschrift: Vivace. Wiederum ein sehr kurzer Satz, in dieser Hinsicht konkurriert er mit dem Finale von Nr. 96. Er ist aber m.E. interessanter als dieser, was man zu Beginn gar nicht denken würde: Ein einfaches, eher gesangliches Thema dominiert, eine Figur aus drei Vierteln mit Triolenvorschlag bei der letzten Note verselbstständigt sich. Dann aber, ab Takt 33, wird in sehr dichtem Satz kontrapunktisch mit dem Themenkopf gearbeitet. Dem folgt ab T. 54 eine festliche, von Achtelläufen und Bläsergeschmetter geprägte homophone Passage, ab Takt 78 folgt wieder polyphone Verarbeitung. Kurze Reprise des Themas, wieder der kontrapunktische Teil – dann aber wird die zuvor festliche Passage in einen ostinat-dramatischen c-moll-Abschnitt verwandelt, in dem die Pauke (an das Ende des Menuetts erinnernd!) unentwegt ihren Rhythmus hämmert und die Streicher in Achtelketten mühsam nach oben streben, bis dann wieder C-dur erreicht ist. Kurze Wiederkehr des Hauptthemas und ein festlicher, fanfarengeprägter, eher athematischer Abschluss. Auch dieser Satz trägt m.E. archaisierende Züge und ist rekurriert recht stark auf die vorhergehenden Sätze.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Das mit der Nr. 95 gezählte c-moll-Werk entand 1791 und wurde im Jahr darauf sehr wahrscheinlich nach Nr. 96 als zweite der von Haydn für London komponierten Sinfonien dort uraufgeführt. Es gibt keine bekannten Presse- oder Publikumsreaktionen, die man mit Sicherheit auf dieses Werk beziehen könnte.


    Angeblich war das Publikum, im Gegensatz zu der etwas später aufgeführten Nr. 93 nicht außergewöhnlich begeistert. Das deutet Walter in seinem Büchlein an, wobei aber nur der exzeptionelle Erfolg der #93 betont wird.


    Zitat


    Ludwig Finscher bezeichnet sie als „die einfachste der Londoner Sinfonien“. Haydn scheine hier alles darauf angelegt zu haben, „durch äußerste Klarheit und geradezu lakonische Kürze es seinem neuen Publikum leicht zu machen – womit er vielleicht dieses Publikum [...], sicherlich aber alle späteren Generationen unterschätzte, denn bis heute ist das Werk das unbeliebteste der Londoner Gruppe geblieben“ (S. 363). Über Unterschätzung und Unbeliebtheit kann man diskutieren, die relativ einfache Struktur ist aber nicht von der Hand zu weisen.


    Daß die Sinfonie eher unbeliebt sei halte ich für falsch. Sie ist ziemlich sicher beliebter (wird häufiger aufgeführt und eingespielt) als 93 und 96, vermutlich auch als 97-99. (Anekdotische Belege: Fricsay und Klemperer haben jeder nur eine Auswahl von Haydn-Sinfonien eingespielt, die ist aber dabei, ebenso bei Szell und bei Jochums Dresdner Aufnahmen) Allein durch die Molltonart sticht sie ja äußerlich heraus. Ich halte sie auch nicht für 'einfacher' als 93 oder 96. Sie fällt, wie Du ja deutlich gemacht hast, stilistisch in mancher Hinsicht ein wenig heraus, aber nicht extrem. Was die Kürze betrifft, so hat Tovey darauf aufmerksam gemacht, daß das Stück dennoch durchaus weiträumig wirken kann. (Der Kopfsatz ist von der Spieldauer her, 6:30 - 7 min, keineswegs kürzer als die meisten anderen, wenn man dort von der langsamen Einleitung absieht). Auch das Finale wirkt auf mich wesentlich "länger" als z.B. die in 94 oder 96, auch wenn es das nicht ist.
    Bleibt eigentlich nur das andante als Satz von recht bescheidenen Dimensionen. Stimmt, aber auch nicht knapper als der in #93.


    Zitat


    In mancher Hinsicht steht diese Sinfonie zwischen zwei Bezugsfeldern, auf die Ulli oben verwiesen hat: die Mollsinfonien des „Sturm und Drang“, verkörpert etwa durch Kraus oder Haydns eigene Nr. 52, und einem Werk wie Beethovens Fünfter. In Nr. 95 komponiert Haydn (im Gegensatz zu Nr. 52 und elaborierter als etwa in „La poule“) eine Bewegung von Moll nach Dur aus, sowohl was die gesamte Sinfonie betrifft als auch die interne Spiegelung ihres ersten Satzes: bei diesem gibt in der Reprise das eigentlich in Es-dur stehende Seitenthema die Richtung nach C-dur vor. Das Menuett greift c-moll wieder auf und kontrastiert es im Trio mit C-dur. Dies ist auch die Tonart des Finales, in dem aber ein gewichtiger c-moll-Teil „überwunden“ werden muss. Hier haben wir immer noch etwas anderes vor uns als in der dramatischen Stringenz und Aufladung von Beethovens c-moll-Sinfonie, aber die Richtung ist angedeutet.


    Allerdings eben noch nicht als "heroisches Drama" und auch abgeklärter als in den Sinfonien der 1770er Jahre. Ich glaube daher rührt so manches Befremden bei einigen Hörern. Haydn scheint in dieser späteren Zeit den Dur-Moll-Kontrast eher selten so aufzuladen, wie wir es vielleicht erwarten. Wie Du deutlich machst, ist die Gegenüberstellung hier aber deutlicher und "systematischer" als in Nr. 83 (wobei mir hier der Kopfsatz noch mehr von der Sturm&Drang-Gestik aufzuweisen scheint, umso frappierender ist, daß er dort der einzige Moll-Satz bleibt) und erst recht als in 78 und 80 (bei denen die Dur-Wendung im Finale geradezu komische Züge aufweist).
    Dieses "Uncharakteristische" (Walter) wahrzunehmen, erfordert m.E. aber eine sehr gute Kenntnis der anderen späten Haydn-Sinfonien. Als ich vor gut 10 Jahren begann, über die bekannteste Handvoll hinaus Haydn-Sinfonien zu hören ist mir das nicht aufgefallen; ich mochte das Werk sofort, eher als manch andere, die mir "zu leicht" erschienen.


    Zitat


    Der erste Satz im Alla-breve-Takt ist mit Allegro moderato überschrieben (in den Abschriften mit „Allegro“).


    In meiner Partitur ist das mit 4/4 C bezeichnet. Wenn allabreve, muß man jedenfalls das "moderato" sehr ernst nehmen, sonst würde das viel zu schnell.


    Zitat


    Interessant ist der „verschleierte“ Reprisenbeginn: Eine kurze Verarbeitung des Seitenthemas führt scheinbar zu einer erneuten Durchführung des Hauptthemas, die sich dann aber als Reprisenbeginn entpuppt.


    Das wars dann mit der außerordentlichen Einfachheit und Klarheit. T. 104 klingt wie eine Reprise, ist aber in g-moll (Molldominante), T. 110 muß dann der eigentlich Repriseneintritt sein, da c-moll, aber das Motto wird nicht isoliert, sondern weitergeführt. So richtig merkt man erst ab T.120, das man sich in der Reprise verbindet, wenn der 2. Thementeil einsetzt. Finde ich schon sehr raffiniert (raffinierter als die 500. falsche Reprise ;)), besonders aber auch dramatisch durchaus überzeugend. Um die Wende nach Dur vorzubereiten, folgt unmittelbar nach Reprisenbeginn eine Art "Zusammenbruch" (vgl. auch die klagenden Oboen in T. 108 f. und T. 116-119) der Mollthemen.


    Zitat


    Schließlich das C-dur-Finale, im Alla breve notiert, Tempovorschrift: Vivace. Wiederum ein sehr kurzer Satz, in dieser Hinsicht konkurriert er mit dem Finale von Nr. 96. Er ist aber m.E. interessanter als dieser, was man zu Beginn gar nicht denken würde: Ein einfaches, eher gesangliches Thema dominiert, eine Figur aus drei Vierteln mit Triolenvorschlag bei der letzten Note verselbstständigt sich. Dann aber, ab Takt 33, wird in sehr dichtem Satz kontrapunktisch mit dem Themenkopf gearbeitet. Dem folgt ab T. 54 eine festliche, von Achtelläufen und Bläsergeschmetter geprägte homophone Passage, ab Takt 78 folgt wieder polyphone Verarbeitung. Kurze Reprise des Themas, wieder der kontrapunktische Teil – dann aber wird die zuvor festliche Passage in einen ostinat-dramatischen c-moll-Abschnitt verwandelt, in dem die Pauke (an das Ende des Menuetts erinnernd!) unentwegt ihren Rhythmus hämmert und die Streicher in Achtelketten mühsam nach oben streben, bis dann wieder C-dur erreicht ist. Kurze Wiederkehr des Hauptthemas und ein festlicher, fanfarengeprägter, eher athematischer Abschluss. Auch dieser Satz trägt m.E. archaisierende Züge und ist rekurriert recht stark auf die vorhergehenden Sätze.


    Warum archaisierend? Wegen der Fugato-Passagen? Die gehören ja in den Londoner Sinfonien beinahe schon dazu und kommen schon in 92 und noch früher vor (und natürlich bei Michael Haydn und in Mozarts KV 551). Ich finde gerade diesen Satz eher schon beinahe programmatisch für die typischen Finali der Londoner: freie rondoartige, aber von einem Thema dominierte Struktur mit kontrapunktischen Abschnitten und mindestens einem dramatischen Teil, oft in Moll. Das Finale der 101 wirkt beinahe wie eine etwas ausführlichere Variante des vorliegenden Satzes (auch thematisch ähnlich).
    Die ausführlichste "Reprise" findet man ja vor dem Moll-Teil ab T. 107, während hinterher das Thema nur noch ganz kurz anklingt. Dieses Finale halte ich trotz seiner Knappheit für einen außerordentlich gelungenen und wie gesagt, sehr typischen Satz in diesen späten Sinfonien.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Angeblich war das Publikum, im Gegensatz zu der etwas später aufgeführten Nr. 93 nicht außergewöhnlich begeistert. Das deutet Walter in seinem Büchlein an, wobei aber nur der exzeptionelle Erfolg der #93 betont wird.


    Ich hatte mich da auf Finscher bezogen. Man müsste sich die Quellen anschauen, aber m.W. ist noch nicht einmal eindeutig festzustellen, in welchem Konzert Nr. 95 uraufgeführt wurde.



    Zitat


    Daß die Sinfonie eher unbeliebt sei halte ich für falsch. Sie ist ziemlich sicher beliebter (wird häufiger aufgeführt und eingespielt) als 93 und 96, vermutlich auch als 97-99. (Anekdotische Belege: Fricsay und Klemperer haben jeder nur eine Auswahl von Haydn-Sinfonien eingespielt, die ist aber dabei, ebenso bei Szell und bei Jochums Dresdner Aufnahmen)


    Ich halte es für sehr schwierig, jenseits der Nummern 94, 100, 101, 103 und 104 eine Reihenfolge der Popularität auszumachen. M.E. ist Nr. 96 ziemlich häufig bei Einzelaufnahmen dabei (ich konnte auf Anhieb Bruno Walter, Szell, Vegh, Wolff, Masur, Abbado, Hogwood finden). Auch wenn folgende Aussage selbstverständlich ebenfalls nur anekdotische Evidenz beanspruchen kann: ich gucke mir jedes Jahr Konzertprogramme vieler Orchester an und kann mich nicht erinnern, jemals Nr. 95 erblickt, geschweige denn irgendwann mal gehört zu haben. Ganz im Gegensatz zu 96, 98, 99, 102. Allenfalls Nr. 93 (und vielleicht 97) scheint mir mindestens ebenso selten gespielt zu werden.


    Man könnte auch sagen: trotz des Moll-Bonus wird Nr. 95 erstaunlich selten aufgeführt.



    Zitat


    Dieses "Uncharakteristische" (Walter) wahrzunehmen, erfordert m.E. aber eine sehr gute Kenntnis der anderen späten Haydn-Sinfonien. Als ich vor gut 10 Jahren begann, über die bekannteste Handvoll hinaus Haydn-Sinfonien zu hören ist mir das nicht aufgefallen; ich mochte das Werk sofort, eher als manch andere, die mir "zu leicht" erschienen.


    Ja, das ging mir auch so.



    Zitat

    Das wars dann mit der außerordentlichen Einfachheit und Klarheit. T. 104 klingt wie eine Reprise, ist aber in g-moll (Molldominante), T. 110 muß dann der eigentlich Repriseneintritt sein, da c-moll, aber das Motto wird nicht isoliert, sondern weitergeführt. So richtig merkt man erst ab T.120, das man sich in der Reprise verbindet, wenn der 2. Thementeil einsetzt. Finde ich schon sehr raffiniert (raffinierter als die 500. falsche Reprise ;)), besonders aber auch dramatisch durchaus überzeugend. Um die Wende nach Dur vorzubereiten, folgt unmittelbar nach Reprisenbeginn eine Art "Zusammenbruch" (vgl. auch die klagenden Oboen in T. 108 f. und T. 116-119) der Mollthemen.


    Stimmt, das ist eine hochinteressante und komplexe Passage. Aber sie steht im Satz einzig da. Sonst finde ich die thematische Arbeit bewusst schlicht gehalten, der Themenkopf erscheint fast immer nur als Ganzes, eben als unveränderliche Chiffre, das Seitenthema wird nur einmal in der Durchführung etwas erweitert.



    Zitat

    Warum archaisierend? Wegen der Fugato-Passagen? Die gehören ja in den Londoner Sinfonien beinahe schon dazu und kommen schon in 92 und noch früher vor (und natürlich bei Michael Haydn und in Mozarts KV 551). Ich finde gerade diesen Satz eher schon beinahe programmatisch für die typischen Finali der Londoner: freie rondoartige, aber von einem Thema dominierte Struktur mit kontrapunktischen Abschnitten und mindestens einem dramatischen Teil, oft in Moll. Das Finale der 101 wirkt beinahe wie eine etwas ausführlichere Variante des vorliegenden Satzes (auch thematisch ähnlich).
    Die ausführlichste "Reprise" findet man ja vor dem Moll-Teil ab T. 107, während hinterher das Thema nur noch ganz kurz anklingt. Dieses Finale halte ich trotz seiner Knappheit für einen außerordentlich gelungenen und wie gesagt, sehr typischen Satz in diesen späten Sinfonien.


    Ja, bei "archaisch" hatte ich an die Fugato-Passagen gedacht - weniger wegen des Kontrapunkts an sich, als wegen des spezifischen Gestus. Aber bei Licht besehen hast Du Recht - die kontrapunktischen Passagen des "vorklassischen" Haydn, an die ich gedacht hatte, klingen doch anders.


    Für "außerordentlich gelungen" halte ich das Finale auch - in Nr. 95 sind Menuett und Finale keineswegs die "leichteren" Sätze.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Hallo!


    Auch hier möchte ich nochmal die vorzügliche Aufnahme Jochums erwähnen, die die Symphonie für mich ein Stück in der Wertschätzung steigen ließ - dennoch halte ich sie weiterhin für die schwächste Londoner bzw. - um es besser subjektiv zu formulieren - die, die ich am wenigsten interessant finde, trotz c-moll.




    Zitat

    Original von Zwielicht
    In mancher Hinsicht steht diese Sinfonie zwischen zwei Bezugsfeldern, auf die Ulli oben verwiesen hat: die Mollsinfonien des „Surm und Drang“, verkörpert etwa durch Kraus oder Haydns eigene Nr. 52, und einem Werk wie Beethovens Fünfter. In Nr. 95 komponiert Haydn (im Gegensatz zu Nr. 52 und elaborierter als etwa in „La poule“) eine Bewegung von Moll nach Dur aus, sowohl was die gesamte Sinfonie betrifft als auch die interne Spiegelung ihres ersten Satzes: bei diesem gibt in der Reprise das eigentlich in Es-dur stehende Seitenthema die Richtung nach C-dur vor. Das Menuett greift c-moll wieder auf und kontrastiert es im Trio mit C-dur. Dies ist auch die Tonart des Finales, in dem aber ein gewichtiger c-moll-Teil „überwunden“ werden muss. Hier haben wir immer noch etwas anderes vor uns als in der dramatischen Stringenz und Aufladung von Beethovens c-moll-Sinfonie, aber die Richtung ist angedeutet.


    IMO ist Hob.I:95 meilenweit von Beethovens Fünfter entfernt und eher eine klassisierte (gibts das? oder eher klassizistische? klassischgemachte?) Sturm-und-Drang-Symphonie. Hob.I:83 ist IMO die reifere, "modernere" Moll-Symphonie in Haydns Spätwerk.
    Das Wenden nach Dur im Finale ist ja so unüblich auch nicht. IIRC ist das in Nr. 45 ebenso der Fall(wenn auch da mit andersartigem Verlauf und Intention).


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Zitat

    Original von Pius
    IMO ist Hob.I:95 meilenweit von Beethovens Fünfter entfernt und eher eine klassisierte (gibts das? oder eher klassizistische? klassischgemachte?) Sturm-und-Drang-Symphonie. Hob.I:83 ist IMO die reifere, "modernere" Moll-Symphonie in Haydns Spätwerk.
    Das Wenden nach Dur im Finale ist ja so unüblich auch nicht. IIRC ist das in Nr. 45 ebenso der Fall(wenn auch da mit andersartigem Verlauf und Intention).


    Hallo Pius,


    klar ist Nr. 95 in mancherlei Beziehung noch sehr weit von Beethovens Fünfter entfernt. Aber ich bezog mich ja speziell auf die harmonische Disposition des Werks: Ob das Huhn oder unsere Sinfonie moderner/reifer ist, sei mal dahingestellt - Nr. 83 verabschiedet sich jedenfalls nach dem ersten Satz fast vollständig von g-moll und ist damit in ihrer Gesamtheit weit weniger als die c-moll-Sinfonie vom Moll-Dur-Konflikt geprägt. In dieser Hinsicht könnte man noch eher an die oben von Johannes genannten Nrr. 78 (c-moll) und 80 (d-moll) denken, aber auch die verfahren harmonisch weniger konsequent.


    Es ging mir ja auch nicht nur um eine Wendung des Finales nach Dur (die Abschiedssinfonie fällt m.E. als Sonderfall ganz aus der Vergleichsebene), sondern erstens um die Systematik, mit der der Kontrast der Tongeschlechter in drei von vier Sätzen durchgeführt wird - und zweitens um den Nachdruck, mit dem Dur hier als Überwindung (!) von Moll erscheint: klar im ersten Satz, aber auch im Finale, das sich seinen Dur-Schluss regelrecht erkämpfen muss.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Die Abschiedssinfonie ist viel zu ungewöhnlich, um sie als Maßstab oder so heranzuziehen. In 39, 44, 49 stehen Menuett und Finale in Moll. Gewiß gibt es den Ansatz, ein Moll-Werk in Dur enden zu lassen schon länger.
    Die Frage ist aber auch wie genau das gestaltet wird, ob es als "Durchbruch" oder "Sieg" verstanden werden kann, und wie es über das ganze Werk hinweg aussieht. Wenn man so etwas erwartet, ist Nr. 83 eher enttäuschend, weil das Moll nach dem Kopfsatz überhaupt nicht mehr maßgeblich auftaucht, selbst wenn auch ich sie für das insgesamt bessere Stück (ob moderner weiß ich nicht) halte.
    Bei den beiden Sinfonien davor und den meisten Quartetten ab op.33 in Moll steht das Menuett meistens (aber nicht immer) auch in Moll, das Finale beginnt in Moll, allerdings meist schon in einem nicht gerade tragischen, oft leicht "ungarischen" Ton und wendet sich dann irgendwann nach Dur.
    Ich sehe daher bezüglich dieser "Tonartendramaturgie" die 95 auch als am nächsten (auch näher als berühmte Mollwerke Mozarts) an dem Verfahren Beethovens in der 5. (und anderswo).
    Zwei der überraschendsten und effektivsten Moll-Dur-Wandlungen finden sich bei Haydn noch in den ungewöhnlicherweise in Moll beginnenden Finalsätzen von op.76,1 & 3...


    :hello:


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Kurios. Seit über elf Jahren Funkstille im Thread zu dieser m. E. hochinteressanten Symphonie.


    Die Symphonie Nr. 95 war von Anhieb einer meiner Favoriten unter den Londoner Symphonien. Das liegt nicht nur an der Moll-Tonart. Das Werk hat für meine Begriffe eines der tollsten Menuette von Haydn überhaupt. Besonders das Trio mit de Solo-Cello ist großartig. Es hat beinahe etwas von einem Cellokonzert. Sehr gefällt mir auch der Finalsatz. Insgesamt verorte ich in Nr. 95 durchaus Dramatik, wenngleich man nicht an Beethovens Fünfte denken sollte.



    Jahrelang hörte ich fast nur Klemperer, den ich bei der 95sten formidabel finde. Keiner nimmt das Tempo im Trio derart zurück. Recht kurios Klemperers Auswahl für seine Haydn-Einspielungen. Die populäreren Nr. 94 und Nr. 103 fehlen etwa.



    Sehr gut finde ich auch Bernstein und Harnoncourt.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ich habe mir die Sinfonuie soeben angehört - aus Anlass des hier "wiederbelebten" Threads. Zuvor habe ich ein paar Beiträge aus der Vergangenheit überflogen. Wir finden immer wieder - auch die deutsche Wikipedia ewähnt es - Hinweise darauf, daß die Sinfonie nicht den Geschmack des Londoner Publikums traf. Ein Blich auf die englische Wikipedia zeigt, daß im englischen Sprachraum die Wertschätung dieser Sinfonie bis dato eher als gering zu bewerten ist, denn viel kammer als dort kann man ein Haptwerk der Musikgeschichte woh nich vorstellen.

    Ich gin als mit gewissen Vnegativen Vorurteilen in die Hörsitzung. Die Sinfonie selbst habe ich gefülte 30 oder mehr Jahre nicht gehört - hatte also keine Erinnerung daran. Das hat nichts mit der Qualität des Werkes zu tun, sondern damit, daß ich in meiner mittleren Jugend eine Philosophie entwickelte, mich an klassischen Sinfonien nicht "übersättigen " zu wollen wollen - eigener Thread zu diesem Thema folgt.

    Ich hab aus meiner großen Sammlung heute die Aufnahme mit dem Cleveland Orchestra unter George Szell ausgewählt-

    Wie erwartet diriediert Szell das Werk mit unerbittlicher Strenge einerseits, bringt aber IMO gerade dadurch die "lieblichen Stellen" besonders gut zur Wirkung. Die ersten Taktr sind scgon sehr beeindruckend, ebenso wie das ohrwurmverdächtige Thema das dann mehrfach erklingt. Auch das Cello Solo im 3. Satz ist IMO ein "Hingucker" ääähh "Hinhörer" Und das triumphiernede Finaleist dann noch die Krönung des Ganzen...



    mfg aus Wien

    Alfred

    Ich bitte alle Mitglieder, die über 25 Beiträge verfasst haben und noch keinen AVATAR besitzen

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  • Unbedingt hierher gehört diese Aufnahme eines bedeutenden Anwalts für Joseph Haydns Sinfonik:

    Sir Thomas Beecham und das Royal Philharmonic Orchestra (Aufnahme: 1957/58, Salle Wagram, Paris).

    Die 12 "Londoner Sinfonien" hatte Beecham praktisch lebenslang in seinem Repertoire, er liebte sie ebenso wie die Musik seines zweiten musikalischen Idols Mozart. Seine Haydn-Interpretationen zeichnen sich durch liebevolle und sensible Detailarbeit aus, allerdings lassen sie philologische Genauigkeit vermissen. Darauf "pfiff" dieser exaltierte, schrullige Engländer ganz bewußt. So ignorierte er zeitlebens die Neuausgabe von Haydns Werken durch den Musikwissenschaftler H.C. Robbins Landon, sondern benutzte, wie auch die meisten seiner zeitgenössischen Kollegen, korrumpierte Fassungen. Trotzdem bescheinigt ihm Ulrich Schreiber, "daß er einzelne Korrumpierungen des Notentextes durch deren Überspitzung zu einem integralen Bestandteil seiner Deutungen machte", die dadurch eine "ganz eigene, besondere Faszination auszustrahlen vermochten".

    In seiner Spätphase hat Beecham sämtliche zwölf "Londoner Sinfonien" für EMI aufgezeichnet, leider die ersten sechs (Nr. 93-98) noch in Mono, was aber den künstlerischen Wert der Aufnahmen nicht schmälert.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Da hatte ich nun gedacht, Haydns "Londoner" in ausufernder Vielfalt in meiner Sammlung zu haben, aber dann findet sich Nr. 95 nur zwei Mal, und das auch noch in wahrscheinlich nicht so "populären" Aufnahmen:

    einmal mit der Dresdner Philharmonie unter Günther Herbig

    und dann mit Robert Heger und dem Radio-Symphonieorchester Wien


    Heger war doch wohl eher im Opernbereich unterwegs? Oder irre ich mich da?

    Ist auch meine einzige Aufnahme eines Label namens "Point Classics"

    Mal googeln. Oder kennt einer von Euch Näheres?

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Es ist schon denkbar, daß diese Sinfonie Nr. 95 nicht so ganz den Geschmack des Londoner Publikums traf, denn diese kommt im Vergleich zu manch anderer HAYDN-Sinfonie doch nur etwas langsam in Gang und hat vielleicht nicht ganz so ziündende Ideen wie Sinfonien, die in dieser Zeit entstanden - sieht man einmal von der nicht alltäglichen moll-Tonart ab. Die Sinfonie Nr. 99 z. B. nimmt da schon gleich zu Beginn mehr für sich ein, zumal wenn man die wunderbare Einspielung durch JOSEF KRIPS und den WIENER PHILHARMONIKERN hört. Das ist HAYDN mit jeder Note, wie er leibt und lebt. Eine meiner Lieblingssinfonien von HAYDN ist und bleibt ohnehin die früher entstandene Sinfonie Nr. 88.

    Und was die Aufnahme der Sinfonie Nr. 95 anbetrifft, so teile ich die Meinung von Alfred, daß die SZELL-Einspielung durchaus eine sehr gute Wahl ist, da seine gewohnte Strenge, die ja bei der Sinfonie in moll nicht so deplatziert ist, wo angezeigt, wunderbar mit den melodischeren langsamen Abschnitten kontrastiert.


    wok

  • Lieber wok,

    Die Sinfonie Nr. 99 z. B. nimmt da schon gleich zu Beginn mehr für sich ein, zumal wenn man die wunderbare Einspielung durch JOSEF KRIPS und den WIENER PHILHARMONIKERN hört. Das ist HAYDN mit jeder Note, wie er leibt und lebt.

    …. bis vor wenigen Minuten habe ich geglaubt, diese Aufnahmen, die ich bereits auf LP hatte, seien nie auf CD überspielt worden. Doch, sind sie, und zwar hier:


    Leider ist die Nr. 95, um die es hier eigentlich geht, nicht dabei. Aber ich freue ich, diese CD entdeckt zu haben. Auf George Szells großartige Haydn-Aufnahmen hat Alfred bereits hingewiesen.


    Schöne Grüße nach Málaga,

    Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).


  • Nachdem ich mir gerade nochmal die Einspielung von Bernstein angehört habe, möchte ich diese als besonders gelungen bezeichnen. Sie klingt außerdem für das Alter tadellos (Aufnahme: 30th Street Studio, New York, 12. Februar 1973).


    Spielzeiten: 6:54 - 5:10 - 6:11 - 3:47


    Den c-Moll-Auftakt gestaltet Bernstein durchaus dramatisch. Im weiteren Verlauf des Kopfsatzes löst sich das anfängliche düstere Moll-Motiv dann zunehmend auf; es klingt schließlich triumphal in C-Dur aus. Ich finde übrigens nicht, dass Nr. 95 länger als die Schwesterwerke braucht, um in Fahrt zu kommen. Gerade da die langsame Einleitung fehlt, geht es doch sofort in medias res.


    Das Andante ist in seiner relativen Schlichtheit liebreizend, behält aber auch eine herbe Note. Nach übertriebenem Optimismus klingt es mir jedenfalls mitnichten.


    Dann das Menuett als heimlicher Höhepunkt des Werkes. Bernstein nimmt es breit und fast pompös, was die zu Beginn dieses Threads genannten Gewitterwolken durchaus vor dem geistigen Auge erstehen lassen. Die Schwere, die dadurch erzielt wird, erscheint mir idealtypisch. Stärker als in vielen anderen Aufnahmen treten die Pauken hervor, was die Moll-Tonart noch unterstreicht. Erst bei beinahe 3 Minuten erklingt das stark kontrastierende Trio, für welches Bernstein ebenfalls ein gemessenes Tempo bevorzugt. Das Cello-Solo erklingt ganz bezwingend. Schwermütig klingt der Satz sodann aus.


    Das Finale bringt den endgültigen Durchbruch zum erlösenden Dur. Ein recht kompakter Satz, der mit ein paar hübschen Überraschungen aufzuwarten weiß (eben Haydn). Bereits die ersten Takte sind von einer Lieblichkeit, wie sie bisher im ganzen Werk nicht vorkam. Wenn das volle Orchester einsetzt (prominent die Pauken und Blechbläser), hat es einen ganz ohne Zweifel einen euphorischen Charakter. Eine abermaliges kurzzeitiges Verdüstern wird schnell überwunden. Eine strahlende Coda beschließt die Symphonie sehr würdevoll und mit Noblesse. In den letzten Takten nimmt Bernstein das Tempo nochmal zurück, der Effekt gibt im Recht.


    Vergleichend noch ein paar Anmerkungen zu anderen Einspielungen:



    Klemperer (Aufnahme: 1970) ist (erwartungsgemäß) in allen Sätzen langsamer - außer im dritten. Er nimmt das Menuett eine Winzigkeit schneller, allerdings bremst er das Trio dafür noch mehr aus, was irgendwie trotzdem klappt. Tontechnisch kann die Einspielung nicht ganz mit Bernstein mithalten. Karajan (Aufnahme: 1982) - insgesamt überraschend gut - schießt im Menuett den Vogel ab: Der Satz dauert bei ihm beinahe 7 Minuten und es vergehen 3:16, ehe das Trio erklingt, das er dafür im direkten Vergleich etwas flotter nimmt. Klanglich in etwa auf demselben Niveau wie Bernstein.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Lieber Nemorino,


    Vielen Dank für diesen guten Hinweis. Ich wußte bis jetzt tatsächlich auch nicht, daß es die Sinfonie Nr. 99 mt KRIPS auch auf CD gibt. Ich liebe diese Nr. 99 sehr. Ich habe diese auf Decca LP zusammen mit der Nr.94 (Paukenschlag) in mono.

    Die Nr. 92 habe ich mit ebenfalls mit Krips, aber mit den LONDONER SYMPHONIKERN, also nicht mit den WIENERN wie die Nr 94 und Nr. 99.


    Viele Grüße nach.....?

    wok