Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 98 B-Dur "God save the Queen"

  • Salut,


    ich setze die Reihe der Haydn-Sinfonien im Einzelbesprechungsmodus fort.


    Die 98 ist die letzte des ersten Zyklus der Londoner Sinfonien, die auch Salomon Sinfonien genannt werden.


    Die Sinfonie beginnt mit einer obligatorischen sehr zum barocken Stile gewandten langsamen Einleitung, aus der Haydn - wie in späteren Sinfonien gewohnt - das Thema des Hauptsatzes entwickelt, der sehr mitreißend ist und beinahe romantische Züge hat. Diese "barocke" Einleitung verweist bereits fast unverschämt auf das noch unverschämtere Finale hin.


    Sehr überrascht war ich nach 15jähriger Hörpause, im Beginn des 2. Satzes überdeutlich das "God save the Queen" herauszuhören [die ersten 4 Takte jedenfalls] - in einer ehrfürchtigen Langsamkeit und Transparenz [vielleicht sogar Transzendenz?], wie er das "Gott erhalte Franz..." in demzufolge genannten Kaiser-Quartett komponierte. Weiterhin komme ich an einer Stelle im 2. Satz nicht vorbei, diese gedanklich mit dem 2. Satz von Mozarts Sinfonie KV 551 "Jupiter" weiterzuspinnen - es könnte nahtlos übergehen. Zudem steht Johann Peter Salomon [im Prinzip] beiden Sinfonien als Pate zu Seite: Bei Haydn als Auftraggeber, bei Mozart als [vermutlicher] Namensgeber [Jupiter]. Vielleicht kann dies jemand nachempfinden?


    Charles Rosen weist darauf hin, dass das Thema des 2. Satzes fast so unverhohlen mit dem Sei nun gnädig [Terzett und Chor Nr. 6 aus den Jahreszeiten] verwandt sei, wie das entsprechende Zitat aus dem gleichen Oratorium mit dem 2. Satz der Sinfonie Nr. 94 G-Dur mit dem Paukenschlag.


    Das Menuett ist hier eher unauffällig.


    Bekannt ist die Sinfonie für den von Haydn eingebauten Gag im Finale. Zunächst aber wartet Haydn mit Violin-Soli auf, die entzückend sind und einem Thema Mozarts sehr ähnlich sind [ich komme aber gerade nicht darauf, welchem].


    Während Leopold Mozart noch im Zeitalter des basso continuo aufgewachsen ist und sich nur krampfhaft davon lösen konnte und wie ein provinzialer Schulmeister [...] modisch erscheinen möchte [Alfred Einstein: Mozart, sein Charakter, sein Werk], war Haydn diesbezüglich sehr viel aufgeschlossener und intelligenter: Anstelle daraus eine schmerzhafte Erfahrung zu machen, nimmt er dies scherzhaft an, und baut in der 98. Sinfonie ein Cembalo-Solo kurz vor dem Schluß des Finales ein.


    Einstein beschreibt Haydn als originellen Tonkünstler, wobei er die Originalität als Stillosigkeit bezeichnet und diese darin besteht, dass er eben nicht das, was wir als Folklore nennen, als unverarbeiteten Stoff in seine Komposition hineinwirft, sondern dass er volksmäßig unbekümmert erfindet. Haydn ersetze die galante Witzigkeit eines Pergolesi durch seinen eigenen Witz, der derb, gesund, lustig und doch geistvoll ist. Sein Menuett ist nicht zierlich, sondern bäurisch, kräftig, natürlich. Die Musik fällt aus ihrem stilistischen Rahmen, manchmal mit großem Gepolter [sic!]. Das ist Haydn von vielen Zeitgenossen gewaltig übelgenommen worden, namentlich von den Berlinern, die von "Herabwürdigung der Kunst" sprachen, von dem "Lustigmacher" Joseph Haydn. Was Haydn zwar ärgerte, ihn aber nicht hinderte, auf seinem Weg weiterzugehen.


    Mir diente als Hörvergnügen:



    RIAS Symphonie-Orchester Berlin
    Ferenc Fricsay,


    wobei hier bezeichnender Weise das Cembalosolo ausgespart wurde.


    :hello:


    Ulli

    Wie man andere in Widersprüche verwickelt? Einfach ausreden lassen.
    (Alexander Eilers)

  • Salut,


    nur als Ausrede bringe ich jetzt vor, dass es natürlich - in Bezug auf Haydns Lebenszeit - "God save the King" heißen müsste.


    Ich warte eigentlich auf die Antworten derer Zween, die gestern die 98er gehört haben.


    :rolleyes:


    Ulli

    Wie man andere in Widersprüche verwickelt? Einfach ausreden lassen.
    (Alexander Eilers)

  • Zitat

    Original von Ulli
    Ich warte eigentlich auf die Antworten derer Zween, die gestern die 98er gehört haben.


    Man muß sich ja erstmal durch alle Aufnahmen durchhören...


    Harnoncourt/Concertgebouworkest (Teldec) fand ich toll, nur ist leider der Gag mit der Klaviereinlage sehr leise und im Hintergrund (hat NH vielleicht als hintergründigen Gag interpretiert...? cleveres Kerlchen)

  • Salut,


    ja, so eine Aufnahme habe ich auch in dunkler Erinnerung. Dass sie ausgerechnet von jedem stammt, dessen Namen Wir neuerdings verschweigen, wußte ich nicht. Vermutlich gibt es von den leisetönenden Einerschneidern noch mehr, vornehmlich aus der Zeit um die 1960er...


    Ich suche nun eine Aufnahme, in der das Cembalo-Solo deutlich hörbar enthalten ist [worauf man alles Acht geben muß... dabei möchte ich nur eine ganz normale 98er... :rolleyes: ].


    Vermutlich werde ich da zu HIP greifen, aus der Erfahrung heraus, dass hier überlautstarke Cembali verwendet werden.


    :hello:


    Ulli

    Wie man andere in Widersprüche verwickelt? Einfach ausreden lassen.
    (Alexander Eilers)

  • Zitat

    Original von Ulli:
    Vermutlich werde ich da zu HIP greifen, aus der Erfahrung heraus, dass hier überlautstarke Cembali verwendet werden.


    Lieber Ulli,


    als unhippe Alternativen mit meiner Erinnerung nach gut hörbaren Cembali kommen auch die Aufnahmen


    • der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan


    bzw.


    • des Philharmonia Orchestra unter Otto Klemperer


    in Betracht, wobei das in der Klemperer-Aufnahme verwendete Cembalo klanglich nicht jedermanns Sache sein dürfte.


    Ansonsten entsprechen beide Aufnahmen ziemlich gut dem, was man von den Beteiligten erwarten würde.


    Herzlicher Gruß,
    Flo

    "Dekonstruktion ist Gerechtigkeit." (Jacques Derrida)

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  • Bernsteins Aufnahme (New York Philharmonic, 1975) konnte mich im Falle der #98 ausnahmsweise nicht recht überzeugen, da fand ich Harnoncourt feinsinniger und mit mehr Spaß bei der Sache. Bernstein ist mit ziemlich fetten (nicht als Modewort positiv missverstehen) Orchesterklang unterwegs und wegen dem beiläufig hingeklimperten falschen Eierschneider benötigt man die Aufnahme auch nicht.


  • Hallo!


    Ich habe mir die Symphonie (die ich übrigens zusammen mit No. 94 für die beste des ersten Londoner Sixpack halte) in drei Einspielungen angehört:



    Harnoncourt



    Fischer


    und Kuijken / La Petite Bande (kein Cover gefunden).



    Im ersten Satz gefällt mir Harnoncourt am besten. Fischer ist etwas zu brav, Kuijken kam mir z.B. beim "bum-bum-bum" etwas plakativ vor.
    Im zweiten Satz sehe ich Fischer vorne, schön entspannt und im richtigen Tempo. Kuijken ist eine Minute schneller fertig - zu schnell.
    Das Menuett kommt bei Kuijken am "fetzigsten" rüber, Harnoncourt dicht dahinter. Fischer enttäuscht, viel zu langsam und brav.
    Im Finale ist Harnoncourt mein Favorit - erwartungsgemäß. Symphoniefinals scheinen ihm besonders zu liegen, auch hier hervorragende "Finalstimmung". Das Tempo unterscheidet sich bei den dreien kaum, auch die "Klavierstelle" ist bei allen gut hörbar.


    Fazit: Harnoncourt ist mein Favorit - ich halte ihn für einen hervorragenden, wenn nicht gar DEN hervorragenden Haydn-Dirigenten!


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Ich schliesse mich Pius´(korrektes Apostroph) Meinung an, daß Kuijken es in der Achtundneunzigsten etwas zu wild treibt und einige unnötige Schärfen herauskehrt. Ansonsten ist Kuijken aber stets eine interessante Haydn-Alternative.


    Übrigens lässt Kuijken (fast) von Anfang bis Ende der Sinfonie bei tutti-Stellen ein Cembalo mitspielen. Improvisiert der Cembalist da anhand der Kontrabaßstimme generalbaßmässig mit oder wie läuft das? Auch in vielen (frühen und mittleren) Mozart-Sinfonien nehmen sich einige Dirigenten (Mackerras z.B.) die Freiheit heraus, ein Cembalo mitzirpen zu lassen...


  • Salut,


    Zitat

    Original von ThomasBernhard


    Übrigens lässt Kuijken (fast) von Anfang bis Ende der Sinfonie bei tutti-Stellen ein Cembalo mitspielen.


    Bei der 98 ist das natürlich so 'ne Sache... eigentlich war es zu der Zeit nicht mehr üblich, den Eierschneider zu verwenden. Die Partitur sieht es auch nicht explizit vor, was aber wiederum nichts zu sagen hat. Irgendwelche Idioten haben noch um 1780 Streichquartette von Haydn mit GB-Bezifferung herausgegeben... und das, obwohl diese in der Partitur nicht steht [und dies bei Streich-Quartetten auch alles andere als "üblich" war], das ist schließlich keine um eins vermehrte Triosonate [mehr.]


    Zitat

    Improvisiert der Cembalist da anhand der Kontrabaßstimme generalbaßmässig mit oder wie läuft das?


    Das läuft genau so... wobei dies natürlich vorher streng durchdachtes, ausgeübtes und ggfs. niedergeschriebenes Improvisieren ist. Bei z.B. der cis-moll von Kraus unter Leitung von Petter Sudkvist ist dies auch so: genial!


    :jubel: :jubel: :jubel:


    Wenn man es kann... [was bei dem Schweden der Fall ist!]


    Zitat

    Auch in vielen (frühen und mittleren) Mozart-Sinfonien nehmen sich einige Dirigenten (Mackerras z.B.) die Freiheit heraus, ein Cembalo mitzirpen zu lassen...


    Spätestens bei KV 338 würde ich es lassen... :rolleyes: Ich habe neulcih die 'Jupiter' mit Cembalo gehört: Mann, klingt das albern....


    Auch, wenn es in der Partitur nicht steht: "Bassi" waren in der Regel Celli, Fagotte, Kontrabässe und Cembalo. Etwas früher gehörten noch die Theorben, Lauten, Gamben usw. dazu. Bei einer vernünftigen Händel-Opern-Aufführung nehmen die "Bassi" in etwa ein Drittel des gesamten Orchesters ein. :yes:


    Aber einen definitiven "Schnitt" zu formulieren, ist sicherlich schwierig. Ich denke, der Stil des Werkes an sich [italienischer Sinfonia-Stil z.B.] ist da entscheidend.


    Viele Grüße
    Ulli

    Wie man andere in Widersprüche verwickelt? Einfach ausreden lassen.
    (Alexander Eilers)

  • Hallo!


    Die 98 hatte ich gestern wieder intensiv gehört, sie gefällt mir bei jedem Hören besser, vielleicht läuft sie gar mal der 88 den Rang ab...
    Tolle Symphonie! :yes:


    Zitat

    Original von Ulli
    Die 98 ist die letzte des ersten Zyklus der Londoner Sinfonien, die auch Salomon Sinfonien genannt werden.


    Nö, die 97 wurde später komponiert und auch später aufgeführt, wie ich gestern irgendwo las.


    Zitat


    Weiterhin komme ich an einer Stelle im 2. Satz nicht vorbei, diese gedanklich mit dem 2. Satz von Mozarts Sinfonie KV 551 "Jupiter" weiterzuspinnen ello:


    Ich hatte auch gelesen, daß der 2. Satz (auch) eine Reverenz an den kürzlich verstorbenen Mozart sein soll. Gibt es dazu entsprechende Äußerungen von Haydn oder ist das spekulativ?


    Übrigens war das Uraufführungspublikum so begeistert, daß der 1. und der 4. Satz da capo wiederholt werden mußten.


    Viele Grüße,
    Pius.

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  • Hallo Ulli,


    Ich kenne die Symph. 98 erst seit ein paar Tagen, jedenfalls in der Aufnahme mit Jochum/LPO, bei der man das Cembalosolo sehr gut hoeren kann.


    Ist aber natuerlich keine HIPpe Aufnahme...


    Viele Gruesse,


    Flo

  • Zitat

    Original von Pius
    Nö, die 97 wurde später komponiert und auch später aufgeführt, wie ich gestern irgendwo las.


    Dann hat sie die falsche Nummer... 8o Also ist die 97 jetzt die 98 und die 98 die 97 oder wie? Gegenüber Schubert geht's ja grad noch so - dessen 7te eigentlich die 9te ist [oder war]. Und später dann die 8te, nachdem die 8te zur siebenten wurde - oder so ähnlich...


    :rolleyes:


    Flo:


    Eine mir gefällige HIPpe Cembalosinfonie [98 traue ich mich jetzt grad nicht zu schreiben...] habe ich leider noch nicht entdeckt.


    :hello:


    Ulli I.

    Wie man andere in Widersprüche verwickelt? Einfach ausreden lassen.
    (Alexander Eilers)

  • Soweit ich noch weiß sind die Londoner Symphonien an mehreren Stellen ziemlich durcheinander nummeriert... :rolleyes:
    Kann aber momentan keine Quelle mehr finden, in der sie "richtig" gereiht sind (falls es überhaupt zweifelsfrei möglich ist).


    :hello:
    Stefan

    Viva la libertà!

  • Hallo,
    der nette Herr Szell hat gar nicht nette Worte über das Cembalo verlauten lassen. Steht im Beiheft dieser CD.
    Hats aber trotzdem klimpern lassen und nicht mal leise :D



    Mir gefallen Klemperer und Harnoncourt sehr gut...
    Bernstein und Szell hör ich nicht mehr so oft wie einst... :untertauch:


    Hipaufnahme hab ich noch keine von der 98. :pfeif:


    Gruß
    embe

  • Zitat

    Original von embe
    Hallo,
    der nette Herr Szell hat gar nicht nette Worte über das Cembalo verlauten lassen. Steht im Beiheft dieser CD.



    Was sagt der nicht immer nette Herr Szell denn? Könnte es den Blutdruck der HIPisten in die Höhe treiben? :D



    Viele Grüße


    Bernd

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  • "Szell had an aversion to the harpsichord. His earthly metaphor for its sound is, unfortunately, no printable here (it involved two skeletons on a tin roof)."
    -Michael Charry


    etwas detailierter:
    "The harpsichord sounds like two skeletons copulating on a tin roof."


    :D

  • Zitat

    Original von embe
    "Szell had an aversion to the harpsichord. His earthly metaphor for its sound is, unfortunately, no printable here (it involved two skeletons on a tin roof)."
    -Michael Charry


    etwas detailierter:
    "The harpsichord sounds like two skeletons copulating on a tin roof."


    :D



    Dankeschön!


    Da fallen mir spontan einige Forumianer ein, die das sofort als Signatur einstellen werden... :D :untertauch:



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht


    Da fallen mir spontan einige Forumianer ein, die das sofort als Signatur einstellen werden... :D :untertauch:


    Dem Vernehmen nach stammt der Spruch von Sir Thomas Beecham, Bart. und lautet ungefähr:
    "The harpsichord sounds like two skeletons copulating on a tin roof during a hailstorm."


    Aber vielleicht war auch Szell der erste, der ihn brachte, ich habe ihn jedoch immer Beecham zugeschrieben gesehen.
    In jedem Fall meinten sie natürlich keine richtigen Cembali, sondern kuriose Teile wie das von Landowska...


    Die Obsession mit "richtigen" Numerierungen halte ich übrigens für bedenklich...


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    "The harpsichord sounds like two skeletons copulating on a tin roof."


    :D


    Mann is der uralt...


    Und vor allem: Wenn man ja ein Cembalo gar nicht kennt, sondern nur diese Eierschneider... sollte man besser :stumm:

    Wie man andere in Widersprüche verwickelt? Einfach ausreden lassen.
    (Alexander Eilers)

  • Sinfonie Nr. 98 B-Dur


    Gemeinsam mit Nr. 97 die wohl äußerlich gewichtigste Sinfonie der ersten Sechsergruppe der Londoner. Aufgrund des ungewöhnlich breit angelegten Finales ist sie von der Spieldauer auch eine der längsten. Sie wurde Anfang 1792 komponiert (vor 97) und auch vor 94 uraufgeführt, in London am 2. März 1792.


    1. Adagio - (2/2 oder 4/4?)


    Die kurze langsame Einleitung, ebenso wie der Beginn des Hauptsatzes ungewöhnlicherweise nur aufs Streichorchester beschränkt stellt in feierlicher und etwas düsterer (b-moll, zuerst unisono) Weise schon das Hauptthema des Satzes vor.


    - Allegro (2/2)


    Die Vorstellung des Themas bleibt zunächst ebenfalls auf die Streicher beschränkt, bereits in diesen wenigen Takten wird seine Eignung für polyphone, imitatorische Verarbeitung angedeutet.
    Nach einer mitreißenden Überleitung beginnt die 2. Gruppe zwar wieder mit demselben Themenkopf, aber dann setzt sich in der Fortspinnung ein Auftaktmotiv durch, das sich in eine Melodie mit Seufzermotiven entwickelt. Nach einer Tutti-Überleitung mit polyphoner Verarbeitung folgt als weiteres Thema eine markante espressivo-Melodie in der Oboe. Die Durchführung löst zunächst die schon mehrfach angeklungene Neigung des Hauptthema zu kontrapunktischer Ausarbeitung ein (ab 132). Nach einer Steigerung zum dramatischen Höhepunkt (182 ff.) bildet das 2. Thema (mit dem Auftaktmotiv) die Überleitung (ab 190) zur Reprise (209). Hier sind wie übliche einige Überleitungen verkürzt, andere verändert; breiteren Raum erhält die expressivo-Melodie ab T. 257. Der Rest des Satzes wird als Coda wieder von Motiven des ersten Themas beherrscht (286-320).
    Auch wenn diese Anmerkungen ohne Notenbeispiele vielleicht nicht alle nachvollziehbar sind; beim wiederholten Hören merkt man, daß hier eine erstaunliche "Einheit in der Vielfalt" herrscht und wie die unterschiedlichen Gestalten teils auseinander hervorgehen bzw. zusammenhängen.


    2. Adagio cantabile (3/4) F-Dur


    Wie schon gesagt wurde, wird von vielen Autoren vertreten, daß es sich hier um eine Art hommage und "Requiem" für Mozart handeln könnte. Noch deutlicher als der Anklang an den langsamen Satz aus dessen "Jupitersinfonie", besonders klar im 2. Thema ab T.14 (die Auftaktfigur) und in den 16tel-Triolen ab 21 (bei Haydn), ist die Gemeinsamkeit des Satzanfangs mit dem "Sei nun gnädig" aus den Jahreszeiten.
    Abgesehen von #99 handelt es sich hier um den einzigen langsamen Satz in Sonatenform unter den Londoner Sinfonien. Das 1. Thema hat feierlich-hymnischen Charakter, das 2. ist bewegter und changiert zwischen hoffnungsvollen Aufschwung und edler Melancholie.
    Die Durchführung folgt ziemlich unvermittelt dem 2. Thema, verarbeitet zunächst dieses (Triolen und Achtelauftakt), bringt dann eine Steigerung des 1. Themas (mit den Triolen als Begleitung), die zwischendurch fast tragische Züge annimmt. In der Reprise (49) findet sich wieder einmal eine neue ausdrucksvolle Gegenstimme der Celli für das 1. Thema mit rührender Wirkung. Eine vergleichsweise lange Coda bringt den Themenkopf zunächst sehr melancholisch, schwingt sich noch zu einem letzten ff-Höhepunkt und endet schließlich in einem ruhigen Ausklang.



    3. Menuetto. Allegro [sic!]


    Wie Hauptsatz und Finale ein durchaus wuchtiges, "lärmendes" Stück, mit "Pauken und Trompeten", sowie einem durchführungsartigen Abschnitt (Reprise in T. 41); im Trio dominieren bukolisch ländlerartige Klänge, wobei das Fagott die Holzbläsergruppe anführt.


    4. Finale. Presto - Piu moderato (6/8)


    Einer der breitest angelegten Finalsätze Haydns. Auch wenn er ein typisches 6/8-Rondo-Thema haben mag (und der Reclam-Führer behauptet, es sei ein Rondo) handelt es sich um einen Sonatensatz mit deutlichem 2. Thema (T. 64), sowie einer witzig-plappernden Schlußgruppe (ca. ab T.87), wiederholter Exposition und ausführlicher Coda.
    (Damit haben wir hier ein Werk, in dem alle vier Sätze in der Sonatenform gestaltet sind, im Menuett ist freilich nur der Hauptteil ein "Minisonatensatz".)
    Verglichen mit den sonst oft feingliedrigen und von polyphonen Abschnitten durchsetzten Finali handelt es sich hier um einen eher flächigen Satz mit konzertanten Elementen (Oboe, Violine).
    Die Durchführung beginnt mit einer konzertanten Einlage der Solo-Violine, es folgt ein dramatisches Tutti und wieder ein Solo, das zur Reprise überleitet (die hier auch mit einem Solo beginnt), die Rekapitulation wie häufig etwas verkürzt. Tempowechsel: 'piu moderato' erscheint zunächst wieder das Hauptthema, das im langsameren Tempo etwas behäbig wirken mag, alsbald folgt aber die Apotheose mit auftrumpfenden Bläsern und Begleitfiguren in 16teln (etwas schneller als zuvor die Presto-Achtel),
    Das kleine Cembalo/Fortepiano-Solo schließt sich nach diesem triumphalen Tutti an; es begleitet das noch einmal in den Violinen auftretende Hauptthema, bevor das volle Orchester den Satz zu Ende bringt.


    Gemeinsam mit #96 dürfte das die letzte der "Londoner Sinfonien" gewesen sein, die ich kennengelernt habe. Ich weiß gar nicht mehr, wann und wie, aber doch sehr viel später als die anderen (und auch als die "Pariser" sowie etliche andere). Anfangs mochte ich sie jedenfalls nicht besonders, inzwischen schätze ich aber besonders die ersten beiden Sätze sehr hoch ein.


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

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  • Hallo!


    Noch ein namenloser Favorit! Interessanterweise war die 98 bei mir die erste Londoner, die ich mochte; bis auf 94 und 104 habe ich alle quasi gleichzeitg kennen gelernt. Mir gefallen vor allem der mitreißende, häufig dramatische und polyphone Kopfsatz und das möglicherweise "größte Epitaph, das Mozart je zuteil wurde" (Lessing, "Die Sinfonien von Joseph Haydn"), der zweite Satz.


    Lessing weist übrigens noch auf die Verwandtschaft von Einleitung und Allegro-Teil im ersten Satz hin, die schön hörbar ist: Die düsteren ersten Takte der Einleitung bilden später den Beginn des Hauptthemas im Allegro.


    In der Jochum-"Londoner"-Box ist die 98 zweimal enthalten, einmal mit den Londonern, einmal mit den Berlinern auf einer "Bonus-CD" zusammen mit 88 und 91. Letztere ist die beste Haydn-CD in meinem Besitz, die Berliner sind deutlich wuchtiger als die Londoner und bleiben trotzdem immer durchhörbar, was bei der 98 vor allem dem Kopfsatz zugute kommt. Bei beiden Aufnahmen klimpert das Cembalo übrigens die ganze Symphonie über mit, aber wesentlich weniger prominent als zum Beispiel bei Kuijkens Parisern.



    Gruß,
    Spradow.

  • Zitat

    Original von Ulli
    ...


    Sehr überrascht war ich nach 15jähriger Hörpause, im Beginn des 2. Satzes überdeutlich das "God save the Queen" herauszuhören [die ersten 4 Takte jedenfalls] - in einer ehrfürchtigen Langsamkeit und Transparenz [vielleicht sogar Transzendenz?], wie er das "Gott erhalte Franz..." in demzufolge genannten Kaiser-Quartett komponierte.


    ...


    Das geht mir genauso. Und H.C. Robbins Landon schreibt im Booklet für die Decca-Einspielung mit Solti, dass Tovey nahegelegt habe, dass das Hauptthema des langsamen Satzes von God save the King inspiriert sei. Es mag ja eine Trivilität sein, worüber man kein Wort verlieren müsste, aber es ist irgendwie schon erstaunlich, dass das weder in Konolds Orchesterlexikon noch in Reclams Konzertführer noch im Harenberg Konzertführer noch in Walters Haydns Sinfonien noch in den von Renate Ulm im Auftrag des BR herausgegebenen Buch Haydns Londoner Sinfonien erwähnt wird. Angesichts der massiven Nichterwähnung in der Literatur (auch Wikipedia - deutsch wie englisch - schweigt hier) bin ich irritiert: sollte ich mich doch getäuscht haben und die Ähnlichkeit ist nur zufällig?


    Und was für ein Joke wäre es denn, am Anfang des 2. Satzes die Hymne anzuspielen, wohlwissend, dass man sich als royaler bzw. patriotischer Engländer bei der Hymne vom Platz zu erheben habe (oder ist das nur ein Klischee)? Vielleicht auch nicht unbedingt in ehrfürchtiger Langsamkeit gespielt, sondern mehr um dem Auditorium Zeit zum Reagieren zu geben. Ich stelle mir das gerade lebhaft vor, wie das Publikum verunsichert schaut, ob man sich nun erheben müsse oder nicht. Andererseits soll Haydn von der Nationalhymne oder zumindest der Idee ja entsprechend angetan gewesen sein.



    Ich bin heute auch mit Fricsay gestartet, er dirigiert hier aber das Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester (auch ohne Cembalo).


    Es folgten dann noch Solti mit dem LPO und Klemperer mit dem Philharmonia Orchestra.


    Nach Schlaganfall zurück im Leben.

  • Die #98 befand sich dieser Quelle folgend im Nachlaß Beethovens; auch Wikipedia schreibt:


    Zitat

    Das Autograph soll sich früher im Besitz Ludwig van Beethovens befunden haben.

    Erklärt dies die Parallele zu dessen 4. Sinfonie op. 60? Die langsame Einleitung steht ebenfalls in b-moll und entwickelt ein ähnlich dunkel-mystisches Wesen, bevor es zum jeweiligen Funken sprühenden Allegro-Teil übergeht.


    Ich habe die Haydn-Sinfonie soeben mal wieder gehört - und im Autograph mitverfolgt; es fehlen offenbar ein paar Seiten der Handschrift im Finalsatz: diese sind zwar mit Bleistift fortlaufend durchnummeriert (alle ungeraden Seiten), aber das Ende der Seite 58 passt nicht zum Beginn der Seite 59, Blatt 58 endet mit T. 74, Blatt 59 startet erst wieder mit T. 129 - das hat mich ziemlich verwirrt, bis ich das bemerkt habe. Die fehlenden Seiten sind auch nicht angehängt; nach dem Ende befindet sich lediglich nochmals (warum auch immer wiederholt) ein Teil der Violinsolostimme, wie ich meine von anderer Hand als der Haydns geschrieben (T. 221-231). Blatt 71 gehört auch nicht an diese Stelle, sondern ersetzt mit 221-231 die zwischen Blatt 65 und 66 gestrichenen Takte.


    Insgesamt wirkt das Manuskript auf mich, als habe Haydn es in größter Eile - ziemlich hektisch - hingepinselt.


    Und H.C. Robbins Landon schreibt im Booklet für die Decca-Einspielung mit Solti, dass Tovey nahegelegt habe, dass das Hauptthema des langsamen Satzes von God save the King inspiriert sei. Es mag ja eine Trivilität sein, worüber man kein Wort verlieren müsste, aber es ist irgendwie schon erstaunlich, dass das weder in Konolds Orchesterlexikon noch in Reclams Konzertführer noch im Harenberg Konzertführer noch in Walters Haydns Sinfonien noch in den von Renate Ulm im Auftrag des BR herausgegebenen Buch Haydns Londoner Sinfonien erwähnt wird. Angesichts der massiven Nichterwähnung in der Literatur (auch Wikipedia - deutsch wie englisch - schweigt hier) bin ich irritiert: sollte ich mich doch getäuscht haben und die Ähnlichkeit ist nur zufällig?

    Inzwischen von Wickie und den starken Männern aufgenommen:

    Zitat von Wiki zu Hob. I:98

    Der Satzanfang des Adagios erinnert zudem an das „God save the King“, das „Sei nun gnädig“ aus den Jahreszeiten von 1801 und an das „Agnus dei“ aus der Harmoniemesse von 1802.

    Wie auch eine weitere Bemerkung aus meinem Eingangspost:

    Weiterhin komme ich an einer Stelle im 2. Satz nicht vorbei, diese gedanklich mit dem 2. Satz von Mozarts Sinfonie KV 551 "Jupiter" weiterzuspinnen - es könnte nahtlos übergehen.

    Zitat von Wiki zu Hob. I:98

    Der Satz weist einige Ähnlichkeiten mit dem Andante cantabile aus Mozarts Sinfonie KV 551 auf: dieselbe Tonart, derselbe Takt, ähnlicher sanglicher Charakter, ähnliche Motive (vor allem das zweite Thema ab Takt 15 bei Haydn mit Takt 28 ff. bei Mozart).

    Gehört habe ich:



    Die weiteren Sätze sind ebenfalls bei YT verfügbar. Es müsste sich um diese Aufnahme (in anderer Verpackung) handeln, die mir sehr gut gefallen hat.



    Orchestra of the Eighteenth Century
    Frans Brüggen


    Das Cembalosolo wird hier offenbar von einem Fortepiano mit silbrigem Ton gespielt.

    Zitat von Wikipedia zu Hob. I:98

    Das Solo im Schlusssatz hat Haydn im Autograph für „Cembalo“ notiert. Etliche Quellen belegen, dass Haydn seine Sinfonien bei den Konzerten seines ersten Londoner Aufenthalts vom Cembalo leitete; ab 1792 sprechen Anzeigen und Presseberichte überwiegend vom „Piano Forte“.

    Wie man andere in Widersprüche verwickelt? Einfach ausreden lassen.
    (Alexander Eilers)

  • Ich finde Brüggen übertreibt es etwas mit der Tempo-Achterbahn im Finale. Muss auch zugeben, dass ich das Tastensolo immer etwas albern fand. Zwar typisch Haydn, aber passt in eine sonst eher ernste Sinfonie, in den ersten beiden Sätze, aber auch im beinahe brucknersch-wuchtigen Menuett für mich nicht so hinein.

    Struck by the sounds before the sun,
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  • Ich finde Brüggen übertreibt es etwas mit der Tempo-Achterbahn im Finale.

    Ist mir aufgefallen; ich wusste nicht, ob ich das erwähnen sollte, etwas chaotisch, ja: ich fand's im Rahmen und mir hat's gut gefallen. Gerade das Claviersolo hat mir hier auch gut gefallen.

    Zitat von Wikipedia zu Hob. I:98

    Die authentischen Abschriften und die zeitgenössischen Drucke der Sinfonie Nr. 98 enthalten das Cembalo-Solo nicht – vermutlich ein Indiz dafür, dass Haydn es nur als eine an seine Person gebundene scherzhafte Einlage ansah.

    Vermutlich deswegen bei Brüggen als „Original version“ bezeichnet? Das steht aber bei allen auf Vol. II ...


    Es „darf“ also nur Haydn spielen? Im Manuskript steht's mitten in die Partitur gequetscht, nicht etwa auf einem besonderen Blatt. In den Partituren, die - wie oben zitiert - diesen Passus nicht enthalten, fehlt einfach nur die Stimme des Tasteninstruments.


    Solistisch besonders fordernd sind die paar Sechzehntel ja nicht gerade; es ist auch nur die rechte Hand explizit notiert: eher klingen sie wie eine spieldosenartige Begleitung zur Violinstimme:


    Wie man andere in Widersprüche verwickelt? Einfach ausreden lassen.
    (Alexander Eilers)

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  • Bei vielen alten Aufnahmen, zB Fricsay, fehlt das Solo. Aber meines Wissens fehlte in den alten Notenausgaben (vor Robbins Landon etc. seit den 1950ern/60ern) oft einiges mehr. Z.B. die Klarinette im Trio von 103. Selbst wenn ich das Tasten-Solo ein bißchen albern finde, sollte man es natürlich nicht weglassen.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Bei vielen alten Aufnahmen, zB Fricsay, fehlt das Solo

    Vermutlich, weil


    (a) in den damaligen Partituren der Part nicht abgedruckt war und

    (b) sowieso „mit ohne“ Cembalo (oder anderem TI) gespielt wurde; der Aufwand wäre da für die paar Sekündchen unverhältnismäßig gewesen.


    Ich messe der Passage doch etwas mehr Gewicht bei; dem Umstand geschuldet, daß Haydn sie explizit notiert hat. Denn er hätte es nicht tun müssen, wäre es (nur) für ihn allein gewesen: dann hätte er frei improvisieren können (wie dies Mozart häufig tat und den Clavierpart passagenweise in den späteren Clavierkonzerten nur andeutete, aber nicht im Notentext ausführte; und die Begleitfiguren bei Haydn ergeben sich ja quasi mehr oder minder logisch aus dem Kontext). Die Stelle wäre uns dann heute gar nicht überliefert; allenfalls deren einstige virtuelle Existenz: Berichten zu Folge ... dann hätte man heute tatsächlich etwas improvisieren müssen, um die Uraufführungssituation nachstellen zu wollen.


    Ich finde, die Stelle unterstreicht den bizarren Gesamtcharakter der Sinfonie am Ende nochmals deutlich, wirkt beinahe ein wenig diabolisch (wie in Horrorfilmen, wo beim vermeintlichen Happy End dann doch noch schnell ein Schatten über die Leinwand streicht ...).

    Wie man andere in Widersprüche verwickelt? Einfach ausreden lassen.
    (Alexander Eilers)