Kann man Mozart eigentlich NICHT mögen?

  • Hallo,


    Und ob!
    Ich bin zwar kein Mozart-Hasser, aber bei dem Größten Teil von Mozarts Werken (oder auch denen von anderen Vertretern der Klassik (bis auf Beethoven) werde ich nach spätestens zwei Werken plötzlich immer sehr, sehr müde...! :D
    Ich schätze Mozart jedoch als wahren "Muntermacher"...das kann man ihm nicht abschlagen...die Ästhetik und scheinbare Simplizität seiner Werke ist schon sehr verblüffend...!
    Es gibt eine größere Anzahl (meist generell bekannter) Werke, die ich wirklich mag und auch öfter höre...


    Viele Grüße,


    Raphael

  • Klar kann man ihn nicht mögen.


    Aber als "Muntermacher" fände ich Mozart doch etwas nebenangestellt. Dazu verwende ich eher hippige Zeitgenossenmusik - die irgendwie sinnlos erscheint, außer dass die dem Muntermachen dienen möge [da gibts natürlich ein paar Ausnahmen, nicht dass hier gleich Threads wie "Kann man Salieri eigentlich NICHT mögen...?" oder "Kann man Eberl eigentlich NICHT mögen...?" oder "Kann man Kraus eigentlich NICHT mögen...?" wie Pilze aus dem virtuellen Äther schießen :D ].


    Viele Grüße
    Ulli

  • Ja, und zwar noch eher als Bach.


    Man wird mit den immergleichen Mozart-Werken in zahmen Interpretationen beschallt und wenn man sich nicht mal die Mühe macht, hinter die Zuckergussfassade zu blicken, dann könnte man schon mal auf die Idee kommen, ihn nicht so zu mögen... :rolleyes:


    :hello:
    Stefan


  • Da würde ich fast zustimmen - abgesehen davon, daß eine Musik die »sehr, sehr müde« macht, als »Muntermacher« brauchbar sein soll.
    Jedenfalls: daß ich Mozart nicht mögen würde, kann ich so nicht sagen - aber ich schätze ihn auch nicht besonders; CDs mit seinen Werken finden selten den Weg in meinen Player und der Name »Mozart« auf einem Konzert- oder Opernprogramm ist für mich auch nicht unbedingt ein Hingucker.
    Mir ist seine Musik irgendwie zu grund-optimistisch, glaube ich, sie hat so selten etwas Abgründiges - wie es allerdings im bohrenden Haupthema seiner kleinen g-moll Sinfonie durchaus vorhanden ist oder auch im grimassenhaften Menuetto dieser Sinfonie sowie in den d-moll und c-moll Klavierkonzerten.


    :hello:


    Klawirr

  • Oh, bloß keine Klavierkonzerte...
    Na, wie ich ja schon bei Bach von Mozart schrieb... ich mag Mozart schon, aber er hat ja auch ziemlich nichtssagen Werke (Trinitatis Messe)... für mich auch La Clemenza di Tito...
    Bei Mozart läuft alles auf die Gefahr hin, dass er zu oft gespielt wird. Es gibt schon so viele Unnötige Mozartartikel - man wird ja gezwungener Maßen zum Mozarthasser... :D

  • Zitat

    Original von Klawirr
    Mir ist seine Musik irgendwie zu grund-optimistisch, glaube ich, sie hat so selten etwas Abgründiges - wie es allerdings im bohrenden Haupthema seiner kleinen g-moll Sinfonie durchaus vorhanden ist oder auch im grimassenhaften Menuetto dieser Sinfonie sowie in den d-moll und c-moll Klavierkonzerten.


    Hallo Klawirr,


    so extrem optimistisch ist er aber doch nicht. Natürlich gibt es bei ihm wenige dieser extremen Abgründe, die Du hier beschrieben hast, aber die doppelten Böden hat er eigentlich öfter. Hängt halt eben auch extrem von der Interpretation und der Werkauswahl ab - bei Divertimenti und Serenaden wirst Du das natürlich weniger finden ;)


    Zitat

    Original von c.m.d
    Oh, bloß keine Klavierkonzerte...


    Ohne die KK wirst Du Dich tatsächlich eher schwer mit gutem Mozart tun :pfeif:


    :hello:
    Stefan

  • Zitat Klawirr:
    "Da würde ich fast zustimmen - abgesehen davon, daß eine Musik die »sehr, sehr müde« macht, als »Muntermacher« brauchbar sein soll."



    Ich will damit sagen, dass Mozart sehr fröhlich - oder optimistisch stimmt...-> Aufmuntert. Nach einigen Werken in Folge gehört, wirkt es aber auf mich enischläfernd...Das ist doch kein Wiederspruch?!


    :hello:


    RL

  • Hätte man mir die Frage vor 30 Jahren gestellt, hätte ich gesagt:
    "Niemand mit erlesenem Geschmack kann sich Mozart verweigern"
    Es war dies eine Zeit wo viele Musikfreunde Mahler und auch Strawinsky als "Barbaren" und "Kitschproduzenten", als "Plagiatoren" und deren musik als "schrecklich" bezeichneten, von modereneren Komponisten möchte ich erst gar nicht sprechen.


    Mozart war damals die Sonne im Zentrum der klassischen Musik, er galt als "hochwertiger" als der "brave" Haydn, als "eleganter" als der "ungehobelte Beethoven (der dennoch sehr geschätzt wurde, vor allem wenn er "erhaben" interpretiert wurde, und als formal geschlossener, als der doch einigermaßen "biedermeierliche" Franz Schubert.....


    Wenngleich ich Beethovens Sinfonien jenen von Mozart immer den Vorzug gegeben habe, fand ich Mozarts Klavierkonzerte als leichter und luftiger, trotz einiger Abdunklungen, welche ihnen Würze verliehen.
    Die Luftigkeit und Fröhlichkeit der Klaviersonaten, die Eingängikeit fast aller Mozart-Themen, die Lieblichkeit der Violinkonzerte, etc etc,die Böhnenwirksamkeit seiner Meisteropern, all das macht Mozart zum Zentrum der Wiener Klassik , die für mich das Zentrum der "Klassischen" Musik schlechthin ist - wie ja schon der Name sagt.


    Dennoch gibt es - vor allem in unserer Zeit - Leute denen Mozart nicht aggressiv genug ist (und das trotz durchaus geglückter Versuche Mozarts Musik zu zerstören) und die meinen er wäre nicht "revolutionär" genung und "zu brav".
    Es steckt jene Philosophie dahinter, die da meint, das Leben solle ein Kampf sein, nichts stehe ausser Frage, was man geseren ers mühsam errungen habe, seh stets gefährdet, Absicherung gäbe es nicht - nich ist fix - es gäbe immer "überraschungen" im Leben wie in der Musik.


    Ichmuß gestehen, daß ich diesen Ansatz kenne - aber nicht billigen kann.


    Mozarts Musik setzt sich über Unschönes hinweg - und das ohne Zuckerguss. Die ist nicht aufrührerisch - wenn man sie jedoch so interpretiert, dann zerstört man sie - sondern elegant und spielerisch, mit durchaus herberen Akzenten.


    In einer Zeit, wo das Schöne als "Kitsch" abqualifiziert wird, "Liebe" mit "Sex" gleichgestellt wird, Religion belächelt, Begriffe wie "Ehre" Elite" "Eleganz" und "Schönklang" abwertend benutzt werden, das Wort "Patriot" mit "Idiot" gleichgesetzt wird und alles was hässlich, primitiv und ekelerregend ist, als "interessant" "ehrllich" und "zeitgemäß" bezeichnet wird - das hat Mozarts Musik einen schweren Stand.


    Ich sehe darin eine vorübergehende Zeiterscheinung, solche Phasen gab es in der Musiikgeschichte beeits mehrmals - jedoch ist Mozart - immer wieder -"adaptiert" aufs neue ins Zentrum der Musik gerückt ......


    Un um die Kernfrage zu beantworten: Ja, viele Leute mögen Mozarts Musik nicht - die meisten - weil ihnen überfeinerter Geschmack fremd oder suspekt ist.


    mfg
    aus Wien
    Alfred

  • Zitat

    Original von Barezzi
    bei Divertimenti und Serenaden wirst Du das natürlich weniger finden ;)


    Divertimenti sind ja auch zum reinen Vergnügen des Hörers gedacht - sonst hießen sie ja nicht so, sondern vielleicht Infastidiscali oder so... :rolleyes:


    Zitat

    Man wird mit den immergleichen Mozart-Werken in zahmen Interpretationen beschallt und wenn man sich nicht mal die Mühe macht, hinter die Zuckergussfassade zu blicken, dann könnte man schon mal auf die Idee kommen, ihn nicht so zu mögen...


    Ja, ganz richtig. Aus diesem Grund hatte ich damals auch angefangen, mich mit seinen Zeitgenossen zu beschäftigen. Hier lohnt ein Vergleich durchaus, um die Qualität Mozarts wirklich zu erkennen. Dann kommt es natürlich zusätzlich auf die Art an, wie er gespielt wird und wem was gefällt. Alfred mags gern zuckersüß, ich mags eher staubtrocken, exakt und ggfs. eine Prise Carricativo...


    Titus mag durchaus nichtssagend wirken - die Oper ist ja auch durchaus schlank, knapp bemessen an Noten, im Prinzip inhaltslos wie jede Seria... aber die Musik!!! 8o


    :hello:


    Ulli

  • natürlich kann 'MAN' ...wie jeden anderen komponisten auch - inwiefern das dann jeweils für MICH nachvollziehbar wäre, ist eine andere frage ..


    und, auf die spezielle frage bezogen, bei MOZART kann ICH es nicht ... da gibt es (natürlich wie bei allen anderen komponisten neben sehr vielen 'harmlosen' oder ''belanglosen' werken) schon einige dutzend kompositionen, die für mich unverzichtbar sind ...
    und deshalb zählt er für mich zu den TOP 5 :jubel: :jubel: :jubel:


  • Also ich kenne zum Glück doch einiges von Mozart, dass sich nicht Klavierkonzert nennt. :D
    Nein, im Ernst, egal von wem - das ist einfach das Langweiligste, was ich mir vorstellen kann. Ich kann es damit begründen, dass ich gerne Klavier spiele (seit nun knapp 14 Jahren) - es aber nicht hören kann, spielt wer anderer. Einmal nur hab ich eine Pianistin gehört, eh unlängst, die war gut, und alt - also doppelt-Hut-ab.

  • c.m.d


    :hahahaha: :hahahaha: :hahahaha:


    Ich leibe Klavierkonzerte...und hier auch die von Mozart! Ich kenne zwar nur 4 oder 5, die sind aber alle ganz wunderbar! .. aber ok, wenn du nicht gerne Klaviere hörst, dann versteht sich das von selbst...versuchs doch mal mit Cembalo... :D :stumm:


    Viele Grüße,


    Raphael


  • Nee, kein richtiger Widerspruch - klingt aber so eng hintereinander fast wie ein Wortspiel. Ich finde allerdings auch, daß Mozart »sehr fröhlich - oder optimistisch stimmt«, was mich nach einiger, meist nicht allzu langer Zeit wiederum eher un-fröhlich stimmt und mich dazu verleitet, die CD zu wechseln. Ist auch ein kleiner Widerpruch drin, trifft die Sache aber, was mich betrifft, trotzdem. ;)


    Hallo Stefan,
    stimmt, doppelbödig ist schon maches (sogar in der Jupitersymphonie mit ihrem strahlenden C-Dur) - aber am Ende obsiegt das Gute, der Optimismus - ist halt die klassische Synthese...


    Gruß,
    Medard

  • Zitat

    Original von Klawirr
    stimmt, doppelbödig ist schon maches (sogar in der Jupitersymphonie mit ihrem strahlenden C-Dur) - aber am Ende obsiegt das Gute, der Optimismus - ist halt die klassische Synthese...


    Salut!


    Das ist eben auch Ansichtssache - ich empfinde das Finale von KV 551 keineswegs als fröhlich oder muntermachend - allein der strenge Unterton würde mir solche Gedanken gründlich vermiesen. Umsomehr schätze ich den Satz, der ständig Anlauf nimmt, in den Himmel zu springen - ihn auch berührt - aber niemals dauerhaft dort verweilt.


    Was wiederum nicht heißen soll, die Musik sei nicht himmlisch... :D


    :hello:


    Ulli


  • Werd's mir gleich anhören!!


    :hello:


    Klawirr

  • Zitat

    Original von Barezzi
    Man wird mit den immergleichen Mozart-Werken in zahmen Interpretationen beschallt und wenn man sich nicht mal die Mühe macht, hinter die Zuckergussfassade zu blicken, dann könnte man schon mal auf die Idee kommen, ihn nicht so zu mögen... :rolleyes:


    Irgendwie hatte ich schon geahnt, dass sich Ulli diese Steilvorlage nicht entgehen lässt :D


    Genau das ist der Punkt - man muss hinter die Zuckergussfassade blicken. Als Jugendlicher fand ich Mozart im Vergleich zu Johann Sebastian Bach ziemlich fad (ich weiss: Äpfel mit Birnen, aber das zählt als Jugendsünde ;)). Das war aber schlagartig vorbei, als wir in der Schule im Musikkurs mit der Partitur in der Hand die "Kleine Nachtmusik" analysierten, also ein Werk, das schon fast prototypisch für Zuckerguss (und Mozartkugeln) steht. Da wurde mir deutlich: Wahnsinn, was da alles passiert (und was ich vorher überhört hatte) - das ist ja richtig spannend! Dieses Erlebnis damals hat meine Einstellung zu Mozart gründlich verändert, und ich weiss heute: Unter dem Zuckerguss tun sich manchmal wahre Abgründe auf...


    Ein Mitschüler von mir, der später Berufsmusiker werden wollte, hat sich übrigens durch Mozart seine Englischzensur verdorben. Sein Lehrer, der noch ziemlich jung war und nebenbei in einer Rockband Gitarre spielte, wurde nicht müde zu betonen, dass Mozart "boring" sei, was mein Mitschüler natürlich nicht unwidersprochen hinnehmen konnte - so kam es zu einigen hitzigen Wortgefechten, in deren Verlauf er sich um Kopf und Kragen redete ;)


    Viele Grüsse von Fugato


  • Gehört und in die Partitur geschaut. Nun - streng ist der Unterton, insbesondere streng gesetzt. Aber der Charakter ist doch, trotz einiger Irritationen und dunklerer Wendungen in der Durchführung, schon recht optimistisch und am Ende mit dem enggeführten Hauptthema auch ordentlich triumphal. Vielleicht nicht so richtig fröhlich, aber schon sehr, sehr optimistisch. ;)


    :hello:


    Klawirr

  • Da gerade sein Klarinettenkonzert ertönt, biete ich auch meine Meinung an:


    Man kann Mozart sicherlich nicht mögen. Häufig trifft das auch auf mich zu.
    Wobei "mögen" der falsche Ausdruck ist. Ich mag ihn schon, aber ich "liebe"
    ihn nicht wie z.B. Bach (JS) (Marten t`Haag sprach mal davon, dass er in erster
    Linie mit Bach verheiratet ist; erst dann kommt seine Frau :hahahaha: ).
    Das trifft in keinem Fall auf meine Beziehung zu Mozart zu.


    Aber wenn ich in der richtigen Stimmung bin und vor allem entweder nicht auf den
    Kontrapunkt achte, oder falls das nicht geht, neben den Hören etwas anderes zu
    tue (wie zum Beispiel jetzt.), kann ich mir durchaus von Zeit zu Zeit Mozarts Musik
    mit Wohlwollen anhören.


    Ich habe da so meine eigene Theorie, dass die Beziehung von Mensch zu Mozart
    dreistufig ist. Als Kind liebt man ihn. Als Erwachsener liegt man zwischen Verachtung
    und "mögen". Und im hohen Alter findet man wieder zu ihm.


    :hello:

  • Ich für meinen Teil bin wohl ein ausgesprochener Mozart-Skeptiker. Ich sehe natürlich immer wieder, dass sehr kompetente Personen, zu denen auch mein Lieblingskomponist Schubert zählt, ihn verehrt haben. Aber in mir vermag Mozarts Musik, soweit ich sie kenne, mit Ausnahme der letzten Werke, v. a. der Zauberflöte, keine Emotionen freizusetzen. Vor allem gilt das für seine Sinfonien. Ich nehme da hauptsächlich die vielbeschworene stereotype Heiterkeit wahr und habe den Eindruck, immer wieder dieselben Kadenzen, Vorhalte usw. zu hören und vorhersagen zu können. Auch seine umschatteten Werke wie das d-Moll-KK vermögen diesen Eindruck bei mir nicht zu durchbrechen. Der erste Satz des d-Moll-KK wirkt auf mich beispielsweise ganz angenehm, sagen wir halbdunkel, aber der zweite Satz hat mich dann nicht nur kaltgelassen, sondern richtigen Widerwillen in mir ausgelöst. Das Klarinettenkonzert, die berühmte g-Moll-Sinfonie, etliche Arien und Ensembles, die man mal zwischendurch so hört, nichts davon macht mir Lust auf mehr. Es hat schon eine eigene Ironie, wenn die frühen Sinfonien von Schubert, die manchen ja als unselbständige Mozart-Aneignung gelten, in mir tausendmal mehr auslösen als etwa Mozarts Jupiter-Sinfonie.
    Was mich vor einiger Zeit hier im Forum richtig gestört hat, war die Diskussion über den "dramatischen Hörer", wo einige Leute den Standpunkt einnahmen, dass jemand, dem Mozart zu undramatisch sei, bloß zu unsensibel oder zu oberflächlich sei, um die angeblichen gähnenden Abgründe in Mozarts Musik wahrzunehmen. Es tendierte dann auch in die Richtung, dass Mozart der wahre, subtile Dramatiker und die Romantiker bloße Effektehascher seien. Daran hatte ich innerlich noch lange zu kauen, weil man gegen eine solche Verdrehung der Verhältnisse einfach schlecht anreden kann. Das d-Moll-KK von Brahms oder Bruckners 8. Sinfonie wäre dann bloß dekadentes Getöse, während eine kurze Modulation nach Moll inmitten Mozartscher C-Dur-Fröhlichkeit alles über die Abgründe menschlicher Existenz aussagt. Das ist jetzt zugegebenermaßen etwas zugespitzt, aber genau in diese Richtung bewegte sich die Diskussion damals.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Salut,


    Zitat

    Original von Draugur
    Es hat schon eine eigene Ironie, wenn die frühen Sinfonien von Schubert, die manchen ja als unselbständige Mozart-Aneignung gelten, in mir tausendmal mehr auslösen als etwa Mozarts Jupiter-Sinfonie.


    ich kann Dir leider keinen Arzt empfehlen, der die passende Medizin hat. Aber Schuberts Erstlinge 1-5 mit Ausnahme der 4 vielleicht, sind nicht mehr als "ganz nett" und sicher ebenso bewundernswert wie Mozarts erste 20 Sinfonien... :wacky: Wenn man allerdings ins Verhältnis setzt, wieviele Sinfonien Schubert in Relation zu Mozart komponieren mußte, um "erfolgreich" zu sein... [ich weiß, dass auch dieser Vergleich humpelt].


    Zitat

    Was mich vor einiger Zeit hier im Forum richtig gestört hat, war die Diskussion über den "dramatischen Hörer", wo einige Leute den Standpunkt einnahmen, dass jemand, dem Mozart zu undramatisch sei, bloß zu unsensibel oder zu oberflächlich sei, um die angeblichen gähnenden Abgründe in Mozarts Musik wahrzunehmen.


    Ich halte dies für größtenteils überspitzt - ganz zu schweigen davon, die Finale der Finta Giardiniera dem Figarofinale nahezu gleichzusetzen... man kann es auch übertreiben.


    Zitat

    Es tendierte dann auch in die Richtung, dass Mozart der wahre, subtile Dramatiker und die Romantiker bloße Effektehascher seien. Daran hatte ich innerlich noch lange zu kauen, weil man gegen eine solche Verdrehung der Verhältnisse einfach schlecht anreden kann.


    Insgesamt schrammt man mit derlei Aussagen natürlich an den Gefühlen anderer Menschen vorbei... Aber da würde ich mir nicht allzuviele Sorgen machen: Es kommt eben auf den Blickwinkel an. Ich tendiere persönlich auch eher dahingehend, die "Romantik" [oder das, was man heute als solche bezeichnet] als "Kitsch" zu betrachten: Irgendwelche verkrampften Möchtegernaussager, die versuchen, künstlich Gefühle zu erwecken. Hingegen wären "klassische Gefühle" die echten. So kann man das sicher nicht definieren - es ist ganz bestimmt Geschmacksache und/oder Identifikation mit dem jeweiligen Zeitgeist. Effektehascher waren die Klassiker sicherlich noch eher, als die Romantiker - aber romantischer waren sie schon, die Klassiker.


    Zitat

    Das d-Moll-KK von Brahms oder Bruckners 8. Sinfonie wäre dann bloß dekadentes Getöse,


    Dekandent waren dann doch eher die Barocker - wobei dies keinen negativen Unterton haben soll. :D


    Zitat

    während eine kurze Modulation nach Moll inmitten Mozartscher C-Dur-Fröhlichkeit alles über die Abgründe menschlicher Existenz aussagt.


    Wenn es alles aussagen würde, wäre es definitiv zu einfach. Davon abgesehen kenne ich keine mozartsche C-Dur-Fröhlichkeit.


    Viele Grüße
    Ulli

  • Naja..doch!


    Ich bin kein Mozart-Hasser, kann aber mit seiner Musik, zumindest den meisten Stücken, wenig anfangen.
    Die Musik ist sehr virtuos und verspielt, aber der Zauber kommt einfach nicht bei mir an. Live erlebt finde ich die Musik noch sehr interessant, von CD aber irgendwie belanglos.


    Ich bin ein großer Fan von Klang. Musik muss klingen, Töne und Geräusche miteinander verbinden, und das Endergebnis dringt an mein Ohr und löst etwas in mir aus.
    Bei Mozarts Musik ist der Auslöse-Effekt gleich Null. Ich kann es schwer beschreiben. Die Klänge rühren mich einfach nicht. Es ist so, als würde man an einer Stelle kratzen an der es nicht juckt.
    Das einzige Werk welches mir noch ein wenig gefällt, ist das Requiem. Ich habe es mehrfach mitgesungen, und aus der Sicht des Sängers ist es schon ein tolles Stück. Aber ich könnte sofort mindestens 10 Requien aufzählen, die mich vielfach mehr hinreißen.


    Übrigens geht es mir mit fast der kompletten Epoche der Klassik so. Vor allem harmonisch (und ich liiiebe spannende Klänge und Harmonien) langweilt sie mich ziemlich.



    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

  • Salut,


    wenn ich dem Chroknaben etwas empfehlen darf:


    KV 590 III und IV [bei III ohne Trio, bei IV mindestens die Durchführung, obschon auch die Expo einiges diesbezüglich "nettes" enthält].


    Wenn Du mir dahingehend zustimmst, wäre ich sehr glücklich.


    :hello:


    Ulli


  • Lieber Alfred,
    Dein Beitrag (ich habe mir erlaubt, ihn im Zitat ein wenig zu kürzen) trifft den Nagel auf den Kopf. Teile der Mozart-Rezeption erzeugen dem Schaffen Mozarts gegenüber Unmut. Mozart als Klingelton, als Warteschleifenmusik, Mozart zu Filmmusik vergewaltigt; ja, das mag wohl in einzelnen der musikalischen Sequenzen stecken. Eine ungerechte Verstümmelung ist es dennoch. Und eine, gegen die sich Schöpfer und Werk nicht wehren können. Leider.


    Wenn ich zuweilen höre, was mit einzelnen musikalischen Sentenzen Mozarts oder auch Beethovens angestellt wird, dann denke ich an die Frau, die wegen Vergewaltigung vor ein deutsches Gericht zieht und dort beschieden bekommt, daß sie den Vergewaltiger durch ihre Schönheit zur Tat provoziert hätte. Der dann natürlich mildernde Umstände zugestanden bekommt.


    Freilich, mit über 600 Werken ist das Schaffen Mozarts nicht eben gering dem Umfange nach. Überfeinerten Geschmack kann ich in dem mir bekannten allerdings nicht erkennen.


    Auch wenn meine musikalische Liebe der Romantik gehört: ich habe noch kein Werk Mozarts gehört, das in meinen Ohren nicht vollkommen gewesen wäre.


    Das ist ja das Verblüffende: daß Mozarts Musik nicht widrigen Umständen abgetrotzt wirkt: sie wirkt selbstverständlich. Überzeitlich.


    Vielleicht tut man sich damit schwer: daß es da ein Genie gab, das wie ganz selbstverständlich unglaubliche Musik zu Papier gebracht hat. Diese Demut müssen wir wohl Mozart gegenüber lernen.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Zitat

    Original von Ulli
    Salut,



    ich kann Dir leider keinen Arzt empfehlen, der die passende Medizin hat.


    Es ist ja auch gar nicht so, dass ich diesen Zustand ändern möchte. Vielleicht passiert das irgendwann von selbst, wenn nicht, auch gut... ;)

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)