Konzertbesuche und Bewertung

  • "Operettenseligkeit" dagegen ist - Entschuldigung - trivial, nichts Beglückendes für wirklich sensible Menschen.


    Schöne Grüße
    Holger


    Lieber Holger,


    danke für die ausführliche Antwort. Ich will jetzt jedoch den verführerischen Köder nicht schlucken, weil sich daraus wieder eine sich lange drehende Diskussion entwicklen könnte. Wir sind uns sogar einig beleuchten jedoch verschiedene Seiten einer Medaille und deshalb ist die angesprochene Problematik wieder einmal nicht lösbar. Ich wünsche Dir jedoch, dass Dir Dein Standpunkt viele Problemlösungen bietet. Nur noch eins: In der Psychologie ist Musik und vor allem rhythmischer Tanz ein bewährtes Mittel zum Spannunsabbau und wirkt der Verdrängung geradezu entgegen.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Lieber zweiterbass,


    ich bin müde. Ein kühles Bier wartet und deshalb ganz sanft und friedfertig. Die Sache ist vergessen und auf dem Konto Tamino-Partnerschaft abgehakt.
    Gut's Nächtle!
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • In der Psychologie ist Musik und vor allem rhythmischer Tanz ein bewährtes Mittel zum Spannunsabbau und wirkt der Verdrängung geradezu entgegen.

    Lieber Hans,


    das verstehe ich nun nicht. Was sagt Siegmund Freud:


    „Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. (Es geht nicht ohne Hilfskonstruktionen, hat uns Theodor Fontane gesagt.) Solche Mittel gibt es vielleicht dreierlei: mächtige Ablenkungen, die unser Elend geringschätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschmittel, die uns für dasselbe unempfindlich machen.“


    Das alles kann doch die Musik ganz besonders gut - als Ersatzbefriedigung und vom Leiden ablenkendes Rauschmittel fungieren. Und Musiker besonders aus dem Umkreis der Romantik haben schließlich genau das auch propagiert. ;) Freud spricht von einer "Technik der Leidabwehr" - was nur ein anderer Name ist für die Verdrängung gespeist durch das "Lustprinzip" (Lust verdrängt Leid). :hello:


    Eine ruhige Nacht wünscht
    Holger

  • halte ich für vollkommen deplaziert und eine völlige Entgleisung. Ich hoffe, diese Geschmacklosigkiet entsprang lediglich der Gedankenlosigkeit und nicht dem bösen Willen.


    Nur ein wenig weiter- und nachdenken und dieses Zitat könnte nicht zitiert worden sein.

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler



  • Ich denke, es ist hilfreich, wenn man schon zitiert, dann die Zitate nicht verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissen aufzugreifen, sondern in Gänze wiederzugeben.


    Dein lakonischer, um nicht zu sagen kryptischer Kommentar:


    "so weit waren wir schon mal" (Hervorhebung durch mich) lässt mich eher an die deutsche Geschichte denken und nicht an "Brot und Spiele" im alten Rom. Dass Du bemüht warst, Deinen missverständlichen Kommentar (auch wieder reichlich knapp) richtigzustellen, finde ich in Ordnung. Anderen, unvoreingenommenen Lesern dafür mangelndes Nach- und Weiterdenken zu unterstellen, findet hingegen nicht mein Einverständnis. Aber es ist ja immer leichter, anderen die Schuld zu geben als bei sich selbst einmal anzufangen.


    Aber sei's drum, solange es für Hans OK ist, der Dir ja versöhnlich die Hand gereicht hat, soll es mir Recht sein und will ich da auch keine weitere Diskussion vom Zaune brechen - zumal es ja auch hier in erster Linie um Konzerterlebnisse gehen soll.

    viele Grüße von Boris alias Don_Gaiferos

  • Das alles kann doch die Musik ganz besonders gut - als Ersatzbefriedigung und vom Leiden ablenkendes Rauschmittel fungieren. Und Musiker besonders aus dem Umkreis der Romantik haben schließlich genau das auch propagiert. ;) Freud spricht von einer "Technik der Leidabwehr" - was nur ein anderer Name ist für die Verdrängung gespeist durch das "Lustprinzip" (Lust verdrängt Leid).


    Lieber Holger,


    ich will mich nicht mit Dir auf eine ("pseudo") wissenschaftliche Debatte einlassen. Dies würde den Rahmen des Forums sprengen und sicherlich auch die Geduld unserer Mitleser überstrapazieren.
    Deshalb nur ganz kurz zu Deinen obigen Ausführungen:


    " In den psychatrischen Einrichtungen in Deutschland gehört die Musiktherapie zu den am häufigsten angewandten neben den anerkannten Verfahren der Psychoanalyse und Verhaltenstherapie. Die Musiktherapie wirkt intellektualisierender Abwehr und Verdrängung entgegen. Bei vielen psychiatrischen Krankheitsbildern (z. B. Neurose, Borderlinestörung, Persönlichkeitsstörung, Angst- und Panikattacke, Psychose ist dies von Relevanz." (Andritzky 1996).


    Vielleicht gibt es einmal eine glückliche Fügung, dass wir uns umfassender austauschen können, mich würde dies freuen. :hello:


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • " In den psychatrischen Einrichtungen in Deutschland gehört die Musiktherapie zu den am häufigsten angewandten neben den anerkannten Verfahren der Psychoanalyse und Verhaltenstherapie. Die Musiktherapie wirkt intellektualisierender Abwehr und Verdrängung entgegen. Bei vielen psychiatrischen Krankheitsbildern (z. B. Neurose, Borderlinestörung, Persönlichkeitsstörung, Angst- und Panikattacke, Psychose ist dies von Relevanz." (Andritzky 1996).

    Musiktherapie ist natürlich ein spannendes Thema, lieber Hans! Aber ich nehme an, Du meinst nicht, dass jeder Opern/Konzertbesuch solche therapeutischen Qualitäten hat. ;) Wenn ich an so manche Kritik von modernen Inszenierungen erinnere, dann war da zu lesen: So was Häßliches, "Realitätsnahes" will ich nicht sehen! D.h. man hat Theater vorgehalten, dass es die "Realität" nicht oder nicht gut genug verdrängt. Mir scheint, dass da Oper psychologisch nicht viel anders funktioniert als z.B. der James Bond Film. Da gibt es jede Menge Tote, doch was das Leiden von Opfern wirklich bedeutet, wird nicht wirklich gezeigt, d.h. Unterhaltung verdrängt hier ziemlich erfolgreich die schmerzliche Realität.


    Vielleicht gibt es einmal eine glückliche Fügung, dass wir uns umfassender austauschen können, mich würde dies freuen.

    Das wäre schön :) , wenn ich hoffentlich mal wieder in den Süden Deutschlands komme!


    Schöne Grüße
    Holger

  • Hallo,


    das „Collegium Musicum Schloss Pommersfelden“ (das Schloss heißt eigentlich "Weissenstein", nur weil es am Ortsrand von Pommersfelden liegt, hat sich der Name Pommersfelden eingebürgert) ist 2016 in der 59. Ausgabe als „Internationale Sommer-Akademie“. Schloss Weissenstein war die Sommerresidenz der Fürstbischöfe von Würzburg(„von Schönborn…“) und ist wegen seiner Größe sehr gut geeignet, jährlich (überwiegend während der Bayreuther Festspiele) eine große Anzahl von (sehr fortgeschrittenen) Musikstudenten einzuladen, um gemeinsames Musizieren (Orchester- und Kammermusik) auf hohem Niveau einzuüben.


    Im großen Marmorsaal des Schlosses gab es am 28.07. zu hören:
    Puccini – „Chrysanthemen“ für Streichquartett
    Grieg - Streichquartett Nr. 1 g-Moll, op. 27
    Schumann – Fantasiestücke für Klarinette und Klavier, op. 73
    Brahms – Klavierquartett g-Moll, op. 25


    Jedes Werk wurde von unterschiedlichen Studenten/Innen interpretiert, die Namen nenne ich nicht, aber wegen „Internationale…“ die Herkunftsländer:
    Italien (2x), Lettland (2x), Russland 2x), Portugal, Taiwan, Ägypten, Spanien (2x) , Brasilien, USA. (Ich nehme an, dass sich dies im Orchester noch erweitert!)


    Das „Collegium…“ begann am 19.07. – unter Berücksichtigung, dass auch die Kammermusik spielenden Studenten ja insbesondere Orchestererfahrung sammeln sollen, damit vorwiegend für die Orchesterproben eingebunden sind und alle Werke vor Ort erarbeitet werden, war das Zusammenspiel sehr lobenswert und wurde mit großem Beifall bedacht, nicht nur von den zuhörenden Studenten/Innen. (Es gab nur ganz wenige unbedeutende „Ungereimtheiten“, Ausfälle Fehlanzeige.)


    Den Platz in der 1. Reihe habe ich mir nicht ausgesucht (ich mag es mehr, wenn sich die Stimmen akustisch schon etwas vereint haben); da waren mir anfangs besonders die Pianostellen zu laut. Beim letzten Satz – Rondo alla zingarese, Presto – des Klavierquartetts von Brahms konnte es mir aber nicht laut genug sein. Mit viel Freude und Engagement wurde gespielt, was ja ein besonderes Merkmal bei jungen Musikern ist und über den ganzen Abend zu erleben war.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Hallo,


    am 17.08 gab es in der Altstädter Kirche, Erlangen ein Orgelkonzert der Spitzenklasse mit der Organistin Ariane Metz, Veitshöchheim/Main (Meisterklasse von Edgar Krapp).


    4 kurze Stücke aus dem „Robertsbridge Codex“ (14. Jh.) – gut zum Kennenlernen der Kirchenakustik.


    J. S. Bach – BWV 593 – Orgeltranskription eines Vivaldi-Konzertes - einfühlsam registriert, kein Klangbrei aus großer Orgelmixtur u. ä. – Inventionen a-Moll, F-Dur, Orgeltranskription von Reger


    C. Franck – Prelude, Fantasie et Fuge h-Moll, op. 18 – ausgezeichnet registriert, so sollte Franck klingen, die agogischen Schwankungen hervorragend platziert.


    Reger – Symphonische Fantasie und Fuge, op. 57 – in der kurzen Eröffnungsansprache riet die Organistin, sich nicht/weniger auf die Struktur des Werkes zu konzentrieren - das sei bei ein-,erstmaligem Hören kaum erfolgversprechend - sondern sich der Musik zu öffnen; bei einer so überragend gelungenen Registrierung stellt sich das von selbst ein (und es macht Spaß, die Worte der Organistin bestätigt zu hören).


    W. Hiller (*1941) – Il Liocorno di Bomarzo aus den Tarot-Toccaten – die Walker-Orgel ist von der Größe gut dem Kirchenraum angepasst (was auch im Konzert an der zielsicheren Registrierung lag).


    M. Dupre – Variations sur un Noel, op. 20 – da gab es als Nebenprodukt die Möglichkeit, die Klangvielfalt der Orgel kennen zu lernen.



    Da musste ich also nach Erlangen fahren (es sind zwar nur rd. 25 km – aber trotzdem) um ein Orgelkonzert geboten zu bekommen, wie ich es bislang in Nürnberg nur sehr selten zu hören bekam – lang anhaltender Beifall incl. Zugabe in der leider nur schwach besetzten Kirche.


    Viele Grüße
    zweiterbass


    Warum die Organistin keine/n E-Mail-Adresse oder Internetauftritt hat?

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Nach meiner Rückkehr aus Köln (ich berichtete im Erinnerungsthread über meinen Konzertbesuch) habe ich zunächst die Ergebnisse der heutigen Paralympics aus Rio studiert, bevor ich jetzt mit meinem Konzertbericht beginne:


    Gestern Abend war der erste Teil einer Doppelveranstaltung zur neuen Saison von WDR-Sinfonieorchester und Gürzenichorchester, den beiden großen deutschen Spitzenorchestern aus Köln.


    Programm:


    Bela Bartok, Violinkonzert Nr. 1 op. posthumum (1907)
    Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 5 B-dur
    Augustin Hadelich, Geige
    WDR-Sinfonieorchester
    Jukka Pekka Saraste, Dirigent


    Zunächst war das WDR-Orchester an der Reihe mit Bela Bartoks 1. Violinkonzert op. posthumum (1907). Ich hatte mich bisher eigentlich kaum um die Musik Bela Bartoks gekümmert (von verschiedenen Konzerten in meiner Jugend einmal abgesehen und war nun doch sehr positiv überrascht.
    Zunächst einmal ist das Konzert sehr groß instrumentiert, denn von den für Bruckners Fünfte vorgesehenen 97 Musikern waren bestimmt 85 auch schon beim Bartokkomzert auf dem Podium versammelt. Den Solopart übernahm Augstin Hadelich,

    den ich bisher nur aus meinem Erinnerungsthread kannte, in dem ich ihm am 4. April zum 32. Geburtstag gratulieren konnte, womit ich dann allerdings das Violinkonzert von Sibelius mit ihm verknüpfte:
    Erinnerungen an verstorbene und Geburtstags-Glückwünsche an lebende Musiker
    Doch nun durfte ich ihn live erleben mit dem Bartokkonzert, und das beginnt, was ich natürlich nicht wusste, mit einem Violinsolo, mit dem er natürlich sofort die Herzen des Auditoriums (meines eingeschlossen), für sich einnehmen konnte.
    Zudem war ich überrascht von der eigentümlichen Melodik dieses Stücks und von der Kraft, die ihm innewohnt.
    Weiter begeisterte mich, und nicht nur mich, die Virtuosität und gleichzeitig natürliche Ausstrahlung Hadelichs, der zu einem sehr harmonischen Dialog mit dem Orchester fand und nach dem 22-minütigen Konzert noch als Encore die Caprice Nr. 19 von Paganini gab, die ebenfalls den großen Beifall des Publikums fand.


    Nach der Pause hatte Jukka Pekka Saraste das Reich für sich, und das Podium war bis auf den letzten Mann gefüllt:

    Ich muss vielleicht vorausschicken, dass ich m. E. die Fünfte Bruckner noch nie live im Konzert erlebt hatte, ähnlich wie die Erste und Zweite. Alle anderen habe ich zum Teil mehrfach erlebt, am häufigsten die Neunte, die Achte und die Vierte, die ich vor etlichen Jahren auf dem Schleswig Holstein-Musikfestival allein zweimal in zwei Tagen erleben durfte (mit Christoph von Dohnany).
    Um das ganze etwas einzuordnen, möchte ich zunächst die überschlagsweise registrierten Satzzeiten nennen:


    17 - 21 - 15 - 24 --- 77 min;


    Man kann also zweifellos sagen, dass Saraste hier wirklich den ganzen Bruckner geliefert hat, und wie ich vermute, in der Originalfassung, d. h. in einer Fassung, die keine Striche erfahren hat. Und er hat die Musik atmen lassen. Ich fühlte mich sofort zuhause, obwohl ich die Fünfte hauptsächlich durch die häufig gehörten Einspielungen Wands und Celibidaches kennen-und lieben lernte.


    Von Günter Wand stammt auch die erste Aufnahme vom 7. 7. 1974, mit dem das WDR-Sinfonieorchester seinen Siegeszug mit den Bruckner-Sinfonien begann (und mit Günter Wand) , und nun, 42 Jahre später, scheint Jukka Pekka Saraste den Siegeszug fortzusetzen. Eine Aufnahme der Achten existiert ja schon,

    und wir dürfen auf weitere Glanztaten gespannt sein.
    Jedenfalls begleite ich die Symbiose WDR-Saraste schon etliche Jahre, und die Bindung wird immer enger. Zuletzt kam sogar das Orchester mit seinem Dirigenten und einem veritablen Pianisten an meinen Wohnort Coesfeld, (allerdings nicht meinetwegen) und gab ein grandioses Beethoven-Konzert.
    Zum Schluss möchte ich noch einige Mitglieder des Orchesters vorstellen:
    Zunächst einmal wäre da der junge 1. Konzertmeister Slava Chestiglazov, der sein Orchester gut auf die jeweiligen Aufgaben einschwor:

    Dann möchte ich noch den Hornisten Joachim Pöltl vorstellen, dem ich noch am Dienstag zum 63. Geburtstag gratulieren konnte:
    ,
    und als Dritten den, den ich immer bewundere, wenn ich in Köln bin, und er auf dem Podium sitzt, den Solopaukisten Werner Kühn:

    Doch auch jeder und jede andere hat großes Lob verdient für diesen erfüllenden Abend.
    Allgemein ist festzustellen, dass das Orchester eine berückende Pianokultur an den Tag legte, vor allem in den Streichern, und dass der imposante Blechbläserapparat (17 Blechbläser) einen kräftigen Glanz über das Orchester legte.
    Nun bin ich ganz gespannt auf den Sonntagmorgen, wenn in der Matinee der zweite Teil dieser Eröffnungskonzerte stattfindet mit einer ähnlichen Programmgestaltung:


    Bartok: Violinkonzert Nr. 2 Sz112 (1937/38)
    Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 5 cis-moll
    Michael Barenboim, Violine,
    Gürzenich-Orchester
    Francois Xavier Roth, Dirigent


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Wiener Konzerthaus
    Saisoneröffnung: MusicAeterna / Currentzis

    Montag, 12. September 2016, 19.30 – ca. 21.40 Uhr
    Großer Saal



    INTERPRETEN
    MusicAeterna
    Robin Johannsen, Sopran
    Teodor Currentzis, Dirigent


    PROGRAMM
    Jean-Philippe Rameau
    Cinquième Concert (2. Satz: La Cupis. Rondement) (1741))
    Ouverture zu «Zaïs» (1748)
    Temple sacré (Arie der Aricie aus «Hippolyte et Aricie») (1733)
    Air des Esprits Infernaux (Zoroastre)
    Prélude (Les Boréades)
    Ouverture zu «Zoroastre»
    Les Sauvages (Les Indes galantes) (1735)
    Amour, lance tes traits (Arie aus «Platée»)
    Air tendre en rondeau
    Air pour les esclaves africains (Les Indes galantes) (1735)
    Contredanse en Rondeau (Les Boréades)
    ***
    Musette et Tambourin
    Ouverture zu «Naïs» (1749)
    Régnez, plaisirs, régnez (Arie aus «Dardanus»)
    La poule g-moll (Nouvelles suites de pieces de clavecin Nr. 12) (1728) ca.)
    La timide. Première rondeau a-moll (Cinq pièces pour clavecins seul, extraites de Pièces de clavecin en concerts Nr. 3) (1741))
    Premier rigaudon (Naïs)
    Deuxième rigaudon (Naïs)
    Premier tambourin pour les Peuples de différentes nations (Dardanus)
    Deuxième tambourin pour les Peuples de différentes nations (Dardanus)
    Entrée de Polymnie (Les Boréades)
    Ballet des Fleurs – Orage (Les Indes galantes)
    Tristes apprêts, pâles flambeaux (Arie der Télaïre aus «Castor et Pollux») (1737))
    -----------------------------------------
    Zugabe:
    Jean-Philippe Rameau
    Aux langueurs d'Apollon (Arie aus «Platée»)
    Danse du Grand Calumet de Paix (Les Indes galantes)
    Ballet des Fleurs – Orage (Les Indes galantes)



    Wiener Konzerthaus, 12. September 2016, gegen 21.50 Uhr: Das tobende Publikum hatte sich gerade eine dritte Zugabe erklatscht. Man könnte auch sagen: Am Ende war das ganze Haus außer Rand und Band. Wobei: Eigentlich schon bei der Pause. Was war geschehen? Betrachtet man das Programm, dann wird man sich ungläubig wundern: Auszüge aus verschiedenen Werken von Jean-Philippe Rameau (1683—1764). Von Tragédie lyrique über Pastorale héroïque bis hin zu Opéra-ballet. Gewiss: Rameau war vielleicht der bedeutendste französische Komponist unter Ludwig XV. (1715—1774), wurde noch in seinem Todesjahr zum Chevalier de l‘Ordre de Saint-Michel und somit in den Adelsstand erhoben. Gleichwohl geriert Rameau spätestens nach dem Ende des Ancien Régime in Vergessenheit.


    Dass die Saisoneröffnung 2016/17 im Wiener Konzerthaus dennoch zu einem der spektakulärsten Konzert geriet, derer ich mich entsinnen kann, lag zu einem ganz erheblichen Teil auch an den Ausführenden. Teodor Currentzis und sein Ensemble MusicAeterna. Der in Athen geborene Currentzis avancierte in den letzten Jahren zu einer der interessantesten Figuren in der Klassikwelt, „wie ein Harnoncourt auf Speed“ (Salzburger Nachrichten). Dass er ein Exzentriker ist, merkt man bereits optisch. Passend, dass sein Orchester in der sibirischen Provinz das Licht der Welt erblickte. Bis 2011 war er Erster Dirigent des Opernhauses von Nowosibirsk, seit 2011 steht er dem Opernhaus von Perm als Musikdirektor vor. Provinziell klang es indes ganz und gar nicht.


    Was die Inszenierung anbelangte, zog Currentzis alle Register. Bereits die geschickte Beleuchtung schuf eine einzigartige Atmosphäre. Bei kammermusikalischen Abschnitten wurde durch dezente Reduzierung auf die Notenständer die Illusion eines Salons Mitte des 18. Jahrhunderts erzielt. Das Ensemble agierte stets kongenial. Alles, was stehen kann, erhob sich bei den rasanteren Abschnitten. Künstlerisch ist die MusicAeterna über jeden Zweifel erhaben. Eine Präzision und Feurigkeit, wie man sie nur selten vernimmt. Geradezu rauschhaft folgten die russischen Musiker ihrem Chef, der „durchgeknallter Bandleader und eleganter Ballettmeister, […] Hofnarr, Springteufel und Rattenfänger, Messias, Kumpel und Musikverliebter“ (Der Standard), „Klangerkunder wie Showmensch, intellektueller Dandy wie eitler Geck“ (Tiroler Tageszeitung) in Personalunion ist. Da jeder Einsatz perfekt saß, darf man eine ganz intensive Probenarbeit annehmen. Der Höhepunkt war vielleicht zum Ende der der ersten Hälfte, als die Musiker unter immensem Applaus und Bravo-Rufen trommelnd und fiedelnd in die Pause zogen, einer nach dem anderen aus dem Konzertsaal hinaus. Während der Zugaben schnallte sich Currentzis zuletzt gar selbst die große Trommel um und fungierte als eine Art „Rattenfänger für Rameau“ (Die Presse). Begleitet wurden Dirigent und Orchester von der Sopranistin Robin Johannsen, die durch schönes Timbre und empfindsame Darstellung punkten konnte, sich im Verlaufe des Abends noch einmal gewaltig steigerte und zuletzt sogar das Ensemble dirigieren durfte.


    Man darf ohne Einschränkung festhalten, dass man an diesem Abend für den noch heute zumindest außerhalb Frankreichs unterrepräsentierten Rameau eine Lanze gebrochen hat. Gleichsam mit einem Schlag trat dieser spannende Komponist und Protagonist des Rokoko nun wieder ganz nachdrücklich ins musikalische Bewusstsein der Zuhörerschaft, die übrigens durchaus auch jüngere Besucher umfasste. Womöglich ist es Currentzis und seiner Truppe möglich, sich aufgrund ihrer unkonventionellen Herangehensweise neue Hörergruppen zu erschließen.


    Ist das noch E-Musik, fragen die Salzburger Nachrichten und bejahen dies dann vehement in Bezug auf Currentzis: „[E]r ist ein E-Musiker, wie Ekstatiker, Exzentriker, Emotionalist, Egozentriker.“ Das große Plädoyer für den Komponisten Rameau spricht zumindest für sich. Die Inszenierung des Ganzen dürfte manch alteingesessenen Abonnenten verstören. Auf eine Art ist Currentzis der neue Karajan fürs 21. Jahrhundert: ein Superstar unter den Dirigenten. Egal, ob man ihn nun für einen Heilsbringer oder Scharlatan erachtet: der Konzertabend war ein nachdrückliches Erlebnis. Zumindest das Wiener Publikum schien sich ganz eindeutig entschieden zu haben. Interessierte seien auf den 6. Oktober 2016 verwiesen, wenn Ö1 um 10.05 Uhr das Konzert übertragen wird.


    Es sei noch der Hinweis auf die bereits 2014 erschienene CD „Rameau — The Sound of Light“ verwiesen, die sich ebenfalls des großen Franzosen annimmt und in großen Teilen dasselbe Programm beinhaltet:


    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Kurzfristig habe ich heute abend doch noch entschieden, dem Einstand des neues SWR Symphonieorchesters beizuwohnen und ich habe es nicht bereut. Natürlich ist auch das unfreiwillige Fusionsorchester aus den zwei renommierten Radioorchestern ein fabelhafter Klangkörper. Man fremdelt noch ein wenig, untereinander und auch mit dem Stuttgarter Publikum. Man konnte auch an den Gesichter ablesen, wer jetzt nicht so happy über die neue Situation war, bis hin zu Tränen. Aber das wird schon werden, man muss halt das Beste draus machen.


    Das Programm:


    Kaija Saariaho
    Cinq Reflets aus: L'amour de loin


    Gustav Mahler
    Adagio aus der Sinfonie Nr. 10


    Péter Eötvös
    DoReMi, Violinkonzert Nr. 2


    Béla Bartók
    Der wunderbare Mandarin, Suite op. 19


    Interpreten
    Pia Freund, Sopran
    Russell Braun, Bariton
    Patricia Kopatchinskaja, Violine
    SWR Symphonieorchester
    Dirigent: Péter Eötvös


    Die 5 Stücke aus Saariaho's überaus erfolgreicher Oper (demnächst an der MET) dauerten ca. 30 min und obwohl die Musik eine gemässigte ist, hat mir das genügt. Zwei Stunden davon wäre mir vermutlich zuviel. Auch haben mir die Stimmen der beiden Sänger nicht 100% zugesagt, aber mit modernem Operngesang habe ich eh Probleme. Danach dann Mahler's Adagio, für meinen Geschmack etwas zu zügig dirigiert und hier war dann auch am ehesten zu hören, dass z.B. bei den Streichern noch etwas Luft nach oben ist. Das Freiburger Orchester war ja ein Mahlerorchester par excellence wie die GA mit Michael Gielen belegt, dieses Niveau hat m.E. das Fusionsorchester bei Mahler noch nicht.


    Nach der Pause dann Patricia Kopatchinskaja, die eine unglaubliche Bühnenpräsenz besitzt, so dass es fast egal ist, was sie gerade spielt. Das Violinkonzert des Dirigenten mit dem Titel DoReMi wurde für Midori geschrieben (die ersten drei Töne sind dann auch MiDoRe) und von Patricia sicher mit mehr Verve und Einsatz dargeboten als von der Widmungsträgerin. Live gut zu hören, aber die CD muß ich wohl nicht besitzen. Und zum Schluß drehte das Orchester mit Bartoks Mandarin noch einmal richtig auf und ließ keinen Wunsch unerfüllt. Großer Applaus. Ich hoffe nur, dass sich bald ein Dirigent findet, der dieses Orchester in eine gute Zukunft führt.

  • Lieber lutgra,


    da ich im November Peter Eötvös sowohl als Komponisten, als auch als Dirigenten mit seinem Einakter Senza Sangue auf dem Programm habe und zudem immer gerne zuschaue, wenn Patricia Kopatchinskaja spielt, habe ich mir die Aufzeichnung des Konzertes heruntergeladen und angeschaut. Ich erlaube mir also, Deine Eindrücke um die meinen zu ergänzen:


    Kurzfristig habe ich heute abend doch noch entschieden, dem Einstand des neues SWR Symphonieorchesters beizuwohnen und ich habe es nicht bereut. Natürlich ist auch das unfreiwillige Fusionsorchester aus den zwei renommierten Radioorchestern ein fabelhafter Klangkörper. Man fremdelt noch ein wenig, untereinander und auch mit dem Stuttgarter Publikum. Man konnte auch an den Gesichter ablesen, wer jetzt nicht so happy über die neue Situation war, bis hin zu Tränen. Aber das wird schon werden, man muss halt das Beste draus machen.


    Tja, soll man nun sagen, eine böse Geschichte mit gutem Ausgang? - Jedenfalls konnte auch die semi-kritische Moderation eines Denis Scheck inkl. Pausenbefragung der politisch verantwortlichen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bei der Zusammenlegung der beiden Orchester einzig und allein um das liebe Geld ging und der Musikfreund unabhängig von der Güte des neuen Orchesters nicht zufrieden sein kann. Nun ist es aber, wie es ist und man wird, wie Du selber schreibst, das Beste daraus machen (müssen). - So wenden wir uns also dem musikalischen zu:


    Die 5 Stücke aus Saariaho's überaus erfolgreicher Oper (demnächst an der MET) dauerten ca. 30 min und obwohl die Musik eine gemässigte ist, hat mir das genügt. Zwei Stunden davon wäre mir vermutlich zuviel. Auch haben mir die Stimmen der beiden Sänger nicht 100% zugesagt, aber mit modernem Operngesang habe ich eh Probleme. Danach dann Mahler's Adagio, für meinen Geschmack etwas zu zügig dirigiert und hier war dann auch am ehesten zu hören, dass z.B. bei den Streichern noch etwas Luft nach oben ist. Das Freiburger Orchester war ja ein Mahlerorchester par excellence wie die GA mit Michael Gielen belegt, dieses Niveau hat m.E. das Fusionsorchester bei Mahler noch nicht.


    Was die Auszüge aus Saariahos Oper L'amour de loin angeht, gehen wir etwas auseinander. Nach dem Hören dieser fünf Reflexionen würde mich das Gesamtwerk durchaus interessieren. Da die UA in Salzburg unter der Leitung des jetzigen Hamburger GMD Kent Nagano stattfand, habe ich da vielleicht sogar eine echte Chance 8-) Was mich an der (tatsächlich durchaus gemäßigt modernen) Musik besonders angesprochen hat, war der stellenweise mittelalterliche Duktus mit Ankklängen an Leier-, Lauten und Drehorgelmusik, wie ich zu hören meinte.
    Bei dem Mahlerschen Adagio sind wir prinzipiell einer Meinung, wobei mir z.B. auch in den Bläsern deutlich zu werden schien, dass sich hier zwei Orchester erst noch finden müssen. Eötvös als Dirigent hat bzgl. Mahler sicher nicht den Rang eines Michael Gielen, den ich hier in Hamburg glücklicherweise noch einige Male erlebt habe, aber er Verstand es im Mittelteil, die weit in die Zukunft weisenden Steigerungen und harmonischen "Sprengungen" deutlich herauszuarbeiten. Interessant in diesem Zusammenhang vielleicht, dass Eötvös das Orchester im ersten Teil in deutscher Aufstellung spielen ließ, während im zweiten Teil dann "amerikanisch" gesessen wurde.


    Nach der Pause dann Patricia Kopatchinskaja, die eine unglaubliche Bühnenpräsenz besitzt, so dass es fast egal ist, was sie gerade spielt. Das Violinkonzert des Dirigenten mit dem Titel DoReMi wurde für Midori geschrieben (die ersten drei Töne sind dann auch MiDoRe) und von Patricia sicher mit mehr Verve und Einsatz dargeboten als von der Widmungsträgerin. Live gut zu hören, aber die CD muß ich wohl nicht besitzen. Und zum Schluß drehte das Orchester mit Bartoks Mandarin noch einmal richtig auf und ließ keinen Wunsch unerfüllt. Großer Applaus. Ich hoffe nur, dass sich bald ein Dirigent findet, der dieses Orchester in eine gute Zukunft führt.


    Das Violinkonzert hat mich zu Beginn etwas enttäuscht, es schien mir eher langweilig. Der Eindruck verschwand dann zur Mitte hin, was auch an dem phänomenalen Spiel Kopatchinskajas gelegen haben mag. Du sagst es selbst, eine "unglaubliche Bühnenpräsenz". Besonders beeindruckt hat mich das solistische Zusammenspiel zwischen ihr und der Bratsche, wo sie bzw. die Geige immer wütender zu werden scheint und sich wie ein kleines Kind gebärdet. Hier sage ich, Kopatchinskaja kann nicht nur geigespielen, sie kann eben auch Geige spielen! Und was ihr darüber hinaus garnicht hoch genug angerechnet werden kann, ist ihr Einsatz für das moderene Repertoire! Selber erlebt mit Sofia Gubaidulinas Violinkonzert "Offertorium" unter Thomas Hengelbrock. Im Interview vor Konzertbeginn betonte die Geigerin einmal mehr, dass es sich hier um Kompositionen und Musik handelt, die uns direkt angehen!


    Insgesamt sicher ein schönes und in der Zusammenstellung durchaus anspruchsvolles Konzertprogramm, welches aber auch gezeigt hat, dass das Orchester noch einen guten Weg des Zusammenwachsens vor sich hat. Ich stimme Dir bei, dass nun schnell eine entsprechende, d.h. der Aufgabe gewachsene musikalische Leitung gefunden werden muß und hoffentlich läßt es sich nicht bereits jetzt als schlechtes Omen deuten, dass noch kein neuer Chef benannt zu sein scheint.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Ich stimme Dir bei, dass nun schnell eine entsprechende, d.h. der Aufgabe gewachsene musikalische Leitung gefunden werden muß und hoffentlich läßt es sich nicht bereits jetzt als schlechtes Omen deuten, dass noch kein neuer Chef benannt zu sein scheint.


    Lieber Michael
    danke für die zusätzlichen Einschätzungen. Mir ist auch nicht ganz klar, warum man es nicht geschafft hat, einen der beiden Dirigenten der Urorchester (Francois-Xavier Roth oder Stephane Deneve) zu verpflichten, aber vermutlich haben die sich im Vorfeld durch ihre Aktionen gegen die Fusion aus Sicht der SWR-Macher disqualifiziert. In der ersten Saison dirigiert auffällig häufig Christoph Eschenbach, vielleicht können Sie ja den ködern.
    Grüße
    lutgra


    Bin übrigens nächste Woche beruflich in der Hansestadt, vielleicht reicht es für einen Opernbesuch am Mi oder Do.

  • Bin übrigens nächste Woche beruflich in der Hansestadt, vielleicht reicht es für einen Opernbesuch am Mi oder Do.


    Am Mittwoch hättest Du La cenerentola und am Donnerstag die niegelnagelneue Zauberflöte zur Auswahl. Habe beides schon gesehen und kann beides empfehlen; bei der Zauberflöte sollte man allerdings bei der Wahl des Sitzplatzes obacht walten lassen, d.h. es sollte ein Platz höchstens im zweiten Rang sein und eher mittig orientiert.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Am Mittwoch hättest Du La cenerentola und am Donnerstag die niegelnagelneue Zauberflöte zur Auswahl. Habe beides schon gesehen und kann beides empfehlen; bei der Zauberflöte sollte man allerdings bei der Wahl des Sitzplatzes obacht walten lassen, d.h. es sollte ein Platz höchstens im zweiten Rang sein und eher mittig orientiert.


    Danke für die Tipps, das motiviert mich natürlich noch mehr. Die Zauberflöte habe ich vor sehr langer Zeit in Hamburg gesehen, die Achim Freyer Inszenierung, La Cenerentola vermutlich auf der Bühne noch gar nicht.


  • Danke für die Tipps, das motiviert mich natürlich noch mehr. Die Zauberflöte habe ich vor sehr langer Zeit in Hamburg gesehen, die Achim Freyer Inszenierung, La Cenerentola vermutlich auf der Bühne noch gar nicht.


    Ich ergänze noch ein wenig: Zu La cenerentola habe ich hier mal einen kleinen Bericht verfasst, wobei die Sänger jetzt vermulich andere sein dürften. Zur aktuellen Zauberflöte wirst Du mit den entsprechenden Stichwörten sicherlich selber im Netz fündig; die Premiere war am vergangenen Freitag. Interessant hier vielleicht der Vergleich zur aktuell im Forum diskutierten Mailänder Zauberflöte. - Am Rande sei angemerkt, dass meinen Kindern beide Inszenierungen gefallen haben, die scheren sich nämlich noch einen Dreck um Regietheater, Werktreue und Wergerechtigkeit :hahahaha:

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Hallo,


    am 16.10. fand in der Egidienkirche Nürnberg ein Jubiläumskonzert „Nürnberger Meister des Barock“ statt.
    Ausführende:
    Solisten: 3 Soprane, 2 Altistinnen, 4 Tenöre, 2 Bässe
    Egidienchor
    Johann Rosenmüller Ensemble: 2 Zinken, 3 Posaunen, 2 Violinen, 2 Gamben, Violone (b.c.), Dulzian, Chitarrone (b.c.), Truhenorgel (b.c.)
    Leitung: Pia Praetorius.


    Programm:
    H. L. Hassler (1584-1612) – Duo Seraphim 16-stimmig (SSAT/SSAT/SATB/ATBB), aus: Reliquae sacrorum concentuum, Nürnberg 1615


    M. Franck (um 1580-1639) – Ach Herr, straf mich nicht mit deinem Zorn (SSATTB), aus: Threnodiae Davidicae, Nürnberg 1615


    J. A. Herbst (1588-1666) – Beatus vir, dorisch/1622 (SATTB), Handschrift, Staatsarchiv Darmstadt


    J. Staden (1581-1634) – Vergiss nicht, Seel, des Herrn dein/1626 /SATB, 2 Violinen, Sopran- Bassolo, b.c. aus: Kirchenmusik geistlicher Gesänge und Psalmen, Nürnberg


    J. E. Kindermann (1616-1655) – Dominus noster/1639, 2 Sopran- 1 Bassolo, b.c. aus: Cantiones Pathetikai, Nürnberg


    J. A. Herbst (1588-1666) – Es ist ein köstlich Ding/1648 (SSATB), Solo 2 Geigen, 2 Zinken, Dulcian, +Ripieno, b.c. aus: Handschrift Staatsbibliothek Berlin, Lob- und Danklieder aus dem 34. Psalm samt Ritornello aus dem 92. Psalm


    J. E. Kindermann – Ach Herr wie lange/1650, Tenor, 2 Geigen, b.c. aus: Musikalische Friedensfreude, Nürnberg


    J. E. Kindermann – Gott sei gedankt, der Fried steht noch/1650, Sopran, 2 Geigen, b.c. aus: wie vor, Gambensatz Pia Praetorius


    J. A. Herbst – Domine, Dominus/1651, (SSATTB), Solo 2 Zinken, 3 Posaunen + Ripieno, b.c.
    Aufteilung in 4 Chöre von Pia Praetorius, aus: Handschrift Staatsbibliothek Berlin


    J. E. Kindermann – Sonate a-Moll/1653, für Violine und b.c. aus: Canzoni, Sonatae, Nürnberg


    J. E. Kindermann – Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich ex Psalm 89/? (SSTAB), 2 Violinen. 2 Zinken, 3 Posaunen, Dulcian, b.c. aus: Handschrift Staatsbibliothek Berlin


    H. Schwemmer (1621-1696) – Der Gerechten Seelen/1669 (SSATB), 2 Violinen, 2 Gamben, Nürnberg 1669


    J. Pachelbel (1653-1706) – Magnificat, F-Dur, PWV 1511/1706, (SATB), 2 Violinen, Dulzian +Ripieno, Zinken, Posaunen, Gamben gemeinsam mit den Chorstimmen.
    (Dankenswerterweise hat mir Frau Praetorius weitere Angaben, über das Programmheft hinaus, gegeben.)


    Sämtliche Komponisten haben mehr oder weniger lang in Nürnberg gelebt (z. T. auch dort geb. oder gest.) und als Kantoren in den Kirchen
    St. Egidien
    https://de.wikipedia.org/wiki/St._Egidien_(N%C3%BCrnberg)
    Frauenkirche
    https://de.wikipedia.org/wiki/Frauenkirche_(N%C3%BCrnberg)
    St. Sebald und St. Lorenz gewirkt.


    Es war ein ganz außergewöhnliches Konzert (wie nicht anders zu erwarten) unter der hervorragenden Leitung von Pia Praetorius und der Glanzleistung des Egidienchors (der beste Chor vor Ort). Und unter bester Chor meine ich die Programmgestaltung und deren stets überragende Umsetzung interpretatorisch und sängerisch; dabei ist die Symbiose zwischen Chorleitung und Chor der Garant für solche Konzerte.
    Die Gesangssolisten haben das Niveau gut unterstützt; bemerkenswert, dass die Solisten (wenn vorgesehen) sich in den ausgewogenen Chorklang sehr gut eingebracht haben.
    Das Instrumentalensemble war ausgezeichnet, die Zinken absolut Spitze.
    Die Truhenorgel war m. E. ab und zu bauartbedingt zu laut.
    Sehr erfreut war ich, dass die Chitarrone nicht nur optisch (was sehr oft der Fall ist), sondern auch akustisch anwesend sein konnte und den Gesamtklang überaus bereichert hat.


    Es gab zwei akustische Highlights:
    Beim 1. Programmpunkt Hassler waren die Ausführenden vom Kirchenseiteneingang links über den Altarraum zum Kirchenseiteneingang rechts verteilt aufgestellt, sodass Stereophonie in Reinkultur zu hören war.
    Beim 9. Programmpunkt Herbst wurde die vorige Aufstellung noch im einen Teilchor ca. in der Hälfte des Kirchenschiffes im Mittelgang erweitert – selten zu hörende Quadrophonie.


    Langanhaltender Beifall des für diese höchsten Leistungen dankbaren Publikums.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Das Trio opus 8 besteht jetzt 30 Jahre und dies war Anlass für ein besonderes Konzert in der Stuttgarter Liederhalle mit Gästen und einem Programm mit drei romantischen Schwergewichten.


    Michael Hauber, Klavier
    Eckhard Fischer, Violine
    Mario de Secondi, Violoncello


    Albrecht Breuninger, Violine
    Roland Glassl,Viola


    Brahms:
    Trio für Klavier, Violine und Violoncello H-Dur op. 8
    Schumann:
    Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello Es-Dur op. 47
    Brahms:
    Quintett für Klavier und Streichquartett f-Moll op. 34a


    Los ging es in Trio-Formation mit dem namensgebenden op. 8 von Brahms, seinem wohl ersten kammermusikalischen Meisterwerk.
    Noch vor der Pause wurde das Trio zum Quartett erweitert mit Hilfe von Robert Glassl und Schumanns Quartett op. 47. Nach der Pause dann mit Albrecht Breuninger in der Primarius-Position Brahms Klavierquintett.


    Alle drei Kompositionen wurden in klassischer Manier mit vollem Saft gespielt und die Temperatur der Darbietungen stieg von Stück zu Stück um dann fulminant im quasi-orchestralen Klang bei op. 34a zu enden. Die Jungs hatten offensichtlich Spaß bei der Sache und legten sich ordentlich ins Zeug. Sicher ging bei diesem Ansatz die eine oder andere Feinzeichnung etwas unter, aber dem Publikum gefiel es und mir auch.

  • Wenn das Pavel Haas SQ nach Stuttgart kommt, sind die Erwartungen hoch und wurden auch diesmal nicht enttäuscht. Das Quartett spielt nach wie vor in der Champions League mit. Es gab einen Personalwechsel, diesmal an der Bratsche, aber der neue Bratscher Radim Sedmidubsky ließ davon nichts merken, er spielte auf Augenhöhe mit den anderen dreien als wenn er das schon seit Jahren täte.


    Das Program begann mit Weberns faszinierendem op. 5 Werk, fünf kurzen Sätzen für SQ, die sofort konzentriertestes Zuhören einforderten. So modern dies Werk auch heute noch klingt, ließ das PHQ auch anklingen, dass Webern aus der Spätromantik kommt. Als zweites dann das 2. Quartett von Dmitri Schostakowitsch. Eine gute Darbietung auch wenn ich es letztes Jahr mit dem Atrium Quartett noch bezwingender gehört habe. Der langsame Satz mit dem wunderbaren Violinsolo verfehlte aber auch in den Händen der Primaria Veronika Jaruskova nicht seine Wirkung. Nach der Pause dann Schuberts letztes Quartett in G-Dur, bei der das PHQ wie schon auf ihrer vorletzten Schubert CD mit dem SQ 14 und dem Quintett zur Höchstform auflief. Begeisterter Beifall im leider nicht ganz vollbesetzten Mozartsaal. Hoffentlich sind die vier im kommenden Jahr wieder dabei. Das nächste Konzert am 7.12. bestreiten die Ebenes.


    [timg]http://files.pavelhaasquartet.…c440668;c;660;126;*;Pavel Haas SQ[/timg]

    Veronika Jaruskova, Violine
    Marek Zwiebel, Violine
    Radim Sedmidubský, Viola
    Peter Jarusek, Violoncello

  • Bericht zum Recital Igor Levits am 14. 11. 2016 in Köln


    Ich bin vor einer halben Stunde aus Köln zurückgekommen, wo Igor Levit, den ich das letzte Mal in Köln live vor knapp 3 Jahren, am 13. 12. 2013 erlebte, fast ein reines Beethovenprogramm, spielte.


    [timg]http://ums.org/wp-content/uplo…20-5.jpg;l;300;300;*;Igor Levit[/timg]Er begann mit der Sonate Nr. 1 f-moll op. 2 Nr. 1.
    Ein gewisses Unbehagen bereitete mir schon der Blick in das Programm, in dem die Pause für ca. 20.40 angesetzt war, und da hatte ich berechtigte Zweifel, dass Igor Levit alle vorgeschriebenen Wiederholungen spielen würde, denn dann wäre das zeitlich nicht zu schaffen, denn mit dem Spielen aller Wiederholungen würde er für die Sonate mindestens 20 Minuten gebrauchen.
    So kam es denn auch: er spielte zwar im Kopfsatz die Wiederholung der Exposition, aber die dauert er auch nur ca. eine dreiviertel Minute, aber die viel wichtigere zweite Wiederholung am Ende des Kopfsatzes, wo Durchführung und Reprise wiederholt werden, spielte er nicht.
    Dabei hätte er die Gelegenheit gehabt, hier Partiturtreue zu beweisen, wie sein Landsmann von Geburt, Alexei Gorlatch, der ungefähr ein Jahr jünger ist und dessen Aufnahme ich hier im Forum rezensiert habe:


    Beethoven: Klaviersonate Nr. 1 f-moll op. 2 Nr. 1, CD-Rezensionen und Vergleiche (2014) (Beitrag Nr. 87)


    Ich habe bisher 47 Aufnahmen der Sonate Nr. 1 rezensiert, und die Mehrzahl der Pianisten hat die Wiederholungen gespielt. Wenn Beethoven Wiederholungsvorschriften in die Partitur schreibt, haben sie auch ihre Berechtigung.
    Das gilt vielleicht für die gleiche Vorschrift im Finalsatz noch mehr, weil sie angesetzt ist, wo statt der Durchführung ein lyrischer Seitensatz steht. Ich hatte zu diesem Thema einen aktiven Pianisten (Erik Reischl) angesprochen und dieses Thema in einem kurzen Email-Austausch mit ihm besprochen, und er gestand mir ein, dass er über die (mögliche) Notwendigkeit oder Sinnhaftigkeit noch gar nicht nachgedacht habe, aber dass sie zwar immer Sinn mache, aber im Finale (s. o.) auf jeden Fall.
    Wie dem auch sei, Levit hat es hier nicht gemacht, und davon abgesehen ist mir noch eines aufgefallen.
    Auf Grund des doch relativ hohen Tempos klangen einige Stellen im Kopfsatz, aber auch im Menuetto, verhuscht, fehlten einige rhythmische Ecken und Kanten.
    Am besten gefiel mir noch das Adagio, obwohl er auch hier wesentlich schneller war als die vom Autor des entsprechenden Textes im Programm, Christoph Vratz, zum Vergleich herangezogenen Artur Schnabel und Michael Korstick. Beide liegen, wie ein nachfolgender Überblick ergeben wird, deutlich über der Zeit von Levit. Allerdings geht aus der Gegenüberstellung auch hervor, dass Schnabel die Wiederholungen auch nicht spielt:
    Igor Levit: (ca.).... 3:00 - 5:15 - 2:45 - 4:10 -- 15:10 min.;
    Artur Schnabel: .... 3:18 - 6:02 - 3:24 - 4:41 -- 17:25 min.;
    Michael Korstick:... 4:43 - 6:06 - 3:08 - 6:27 -- 20:24 min.;

    Im Ganzen hatte ich den Eindruck, dass Igor Levit, wie die Fußballer sagen, "noch nicht so recht auf dem Platz war". Vielleicht hatte er im Hinterkopf schon die Diabellivariationen, die ja nach der Pause an der Reihe waren.
    Im 2. Stück des Abends, dem c-moll-Allegretto D.915 von Franz Schubert, war Igor Levit temporal etwa genau auf der Mitte zwischen Andras Schiff und Sviatoslav Richter:
    Andras Schiff:.......... 5:11 min.;
    Igor Levit: ...............6:00 min.;
    Sviatoslav Richter:.. 7:16 min.;

    Auch bei diesem Schubertschen Kleinod vermeinte ich gewisse Stellen zu vernehmen, die nicht transparent genug erschienen. Ansonsten kam ihm die Stimmung dieses zauberhaften Stückes wohl entgegen. Und am Ende ging er nach einer kleinen Pause sofort zum dritten Stück über. Das Publikum hielt sich hier auch vornehm zurück.
    Als drittes Stück vor der Pause spielt er die Sonate Nr. 22 F-dur op. 54, die in prominenter Nachbarschaft mit der Waldstein-Sonate, op. 53, der Eroica, op. 55, dem Tripelkonzert, op. 56, der Appassionata, op. 57 und dem 4. KK. op. 58. Und mit so prominenten Werken geht es in dieser Lebensphase Beethovens weiter.
    So kurz dieses Werk auch ist, so leicht kann es unterschätzt werden. Hier war Levit temporal schon näher bei Korstick:
    Igor Levit: ............ 5:15 - 5:10 -- 10:25 min.;
    Michael Korstick:... 5:27 - 5:45 -- 11:12 min.;

    Igor Levit hatte sich nun in der Tat warm gespielt, und zwar so sehr, dass er im Finalsatz: Allegretto, durchgehend Sechzehntel, gespickt mit Sforzandi, Forte- und Fortissimopassagen auch noch im "Piu Allegro" ab Takt 162 ein Accelerando in ein unwiderstehliches Presto "vom Zaune brach", was natürlich die vielleicht nicht so bibel(sonaten)festen Zuhörer vom Hocker blies. Und nach diesem vom Publikum begeistert aufgenommenen ersten Teil sagte ich mir: Es kann nur besser werden.
    Denn drei Jahre zuvor hatte ich von ihm eine exzellente Sonate Nr. 30 E-dur op. 109 vernommen. Und etliche Wochen nach dem Levit-Konzert spielt Mitsuko Uchida nach der Pause die Diabelli-Variationen.
    Und nun, knapp drei Jahre später, spielte Igor Levit sie, und man glaubt es kaum, sie waren nicht mal eine Minute auseinander.
    Und ich glaubte nach der Pause, zu einer anderen Zeit in einem anderen Konzert zu sitzen: Igor Levit setzte sich hin und spielte. Plötzlich war Zeit bedeutungslos geworden und entwickelte sich dieses Riesenwerk unter seinen Händen, ja, ich möchte fast sagen, zu einer Offenbarung. Wie versenkte er sich an den entsprechenden Schnittstellen in die immer zarter und zerbrechlicher werdende Musik. wie hielt er inne in langen Generalpausen, nur, um die nachfolgende Bruchstelle der Musik umso schonungsloser zu offenbaren.
    Und so ließ er in der Tat fast die identische Zeit verstreichen (ca. 56 Minuten) wie drei Jahre zuvor Mitsuko Uchida, um Beethovens abschließendes Opus summum der Klaviermusik in all seinen Facetten vorzutragen. Ich habe gerade im Beitrag Nr. 966 über Mitsukos Konzert gelesen, dass ich drei Jahre vorher die Variationen von Peter Serkin in Mülheim gehört hatte. Olli Mustonen in den 90er Jahren hatte ich ja schon in der Vorankündigung erwähnt.
    Ich hätte mir nur gewünscht, dass er vor der Pause auch ähnlich zielstrebig gewesen wäre. Sollte er die beiden Sonaten demnächst aufnehmen, werden sie natürlich auch hier im Forum besprochen werden.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Dank eines hier im Forum nicht ganz unbekannten Mitglieds hatte ich gestern zum 2. Mal die Gelegenheit, die Heilbronner Symphoniker im Konzert zu erleben. Das selbige stand ganz im Zeichen der Querflöte und einer ihrer Meisterinnen - Sarah Louvion - mehrfache Preisträgerin und Soloflötistin der Oper Frankfurt. Sie spielte an diesem Abend ganze 3 Flötenkonzerte, 2 davon im Duo mit weiteren Solistinnen.


    Es ging los mit dem Doppelkonzert für Flöte und Klavier solo, Streicherorchester und zwei Hörner von Erwin Schulhoff. Das 1927 komponierte Werk ist typisch für seine Zeit, munterer Neoklassizismus mit Jazz- und Blueseinflüssen und brilliant in den Solopassagen, nicht weit weg von der Musik von Hindemith. Das Orchester schien mir an einigen Stellen überfordert, aber richtig beurteilen kann ich es nicht, da ich das Stück nicht kannte. Die Solistinnen hatten jedenfalls hör- und sichtbar Freude an ihren dankbaren Partien, am Klavier agierte die junge Koreanerin Seoung-eun Cha. Der Beifall war etwas verhalten, wohl auch, weil die Musik doch für viele Ohren ungewohnt war.


    Weiter ging es dann mit dem zeitgleich entstandenen Flötenkonzert von Carl Nielsen, einem Stück, das ich kenne, aber nicht sehr gut. Jedenfalls werde ich es mir noch einmal in Ruhe zu Gemüte führen. Das wesentlich größere Orchester machte jetzt schon einen viel besseren Eindruck und der typische Nielsenklang stellte sich schnell ein. Die Solistin spielte mit Aplomb.


    Nach der Pause dann für das Orchester der Höhepunkt, Sibelius' unverwüstliche Karelia-Suite, eine meiner ehemaligen Einstiegsdrogen in die Klassik, befördert durch die bekannte Adaptation durch die Rockband "Nice" mit Keyboarder Keith Emerson. Dies Stück hatte das HSO echt gut eingeübt und der Dirigent Alois Seidlmeier war voll in seinem Element. Jetzt kam auch langsam Stimmung auf im Saal.


    Zum krönenden Abschluss dann Mozarts Doppelkonzert für Flöte und Harfe KV 299, m.E. eines seiner schönsten Nicht-Klavierkonzerte. Natürlich spielten die HSO es nicht in HIP Manier und auch nicht auf dem Niveau wie die Orchester in Wien oder Berlin, aber doch sehr ansprechend. Für dieses Stück hatte Frau Louvion die befreundete, sehr aparte Französin Anne-Sophie Bertrand mitgebracht, die im HR Orchester die Solostelle für dies Instrument innehat. Die beiden Solistinnen harmonierten sehr schön und es wurde ein insgesamt schöner und stimmungsvoller Ausklang des Abends.Kleine Anekdote am Rande: von meinem Platz in der 3. Reihe konnte ich sehen, dass Frau Bertrand vor dem Finalsatz in ihren Noten herumsuchte und offensichtlich Teile der Partitur fehlten. Irgendwann gab sie es auf zu suchen, zuckte lächelnd mit der Schulter, nickte den anderen zu und spielte aus dem Gedächtnis. Großer Beifall für das Duo und dann noch einmal für alle vier.


    Insgesamt ein sehr gelungener Abend mit einem Repertoire, dass man nicht alle Tage geboten bekommt, bis auf Sibelius hatte ich m.E. nach noch keines der Stücke live erlebt.


    Weiter geht es am 26.3.2017, denn da spielt die von mir und H.H. hochgeschätzte Anna Zassimova das 2. Klavierkonzert von Rachmaninoff, Pflichttermin.


  • Da das Interesse an Kammermusik hier ja nicht sehr groß ist, habe ich von dem von mir besuchten Konzert im Mai bisher nicht berichtet. Aber ich machs jetzt einfach mal schnell in Kürze, war es doch ein sehr gelungener Abend.


    In der Philharmonie Essen gastierten das Arcanto Quartett mit dem Klarinettisten Jörg Widmann mit Beethovens Quartett op. 132 sowie dann dem Klarinettenquintett von Brahms. Dabei hatte ich Glück, war doch in Essen die Auswahl der gespielten Werke genau auf meinen Geschmack zugeschnitten, während mich das Programm an den vielen anderen Auftritten in diversen weiter gelegenen Spielstätten nicht gelockt hätten.


    Zuerst einmal folgender Aspekt: In Berichten und Vorankündigungen über das Arcanto Quartett drängt sich der Name "Tabea Zimmermann" häufig doch etwas in der Vordergrund, als bestehe die Formation aus einem schillernden Stern und einem Anhängsel von drei weiteren Musikern. Dies macht einen sonderbaren Eindruck auf mich, und ich habe somit in Essen eine Diva im Mittelpunkt erwartet. Aber so war es nicht. Es musizierte ein homogenes Quartett, sowohl äußerlich wie auch musikalisch. Das gefiel mir sehr gut.


    Die größte Vorfreude betraf das Beethovenquartett, während mich Darbietungen des Brahmsquintetts zwar stets interessieren, meist wegen der beiden letzten Sätze nicht so vom Hocker hauen. In diesem Konzert wurde ich jedoch überrascht, war das Ergebnis umgekehrt. Die späten Beethovenquartette habe ich gefühlt schon 100 Male in Konzerten von ausgezeichneten Formationen gehört, und da reihte sich auch die gute Interpretation des Arcanto Quartetts an diesem Abend ein. Es war sehr gelungen, der Klang war fein, der Variationensatz wirkte lebendig und - nun, eine sehr gute Darbietung.


    Wider Erwarten aber folgte für mich der Höhepunkt nach der Pause. Über das ausgezeichnete Spiel Jörg Widmanns war ich natürlich nicht überrascht, kenne und schätze ich ihn als Klarinettist und Kammermusiker schon lange. Aber der Gesamtklang und das homogene Zusammenspiel der fünf Musiker waren schon erste Sahne. Ich greife hier z.B. beim Brahms den Aspekt heraus, wie die von der Klarinette eingefügten einzelnen Töne im klanglichen Gesamtzusammenhang wirken. Es ist ja immer so eine Sache: Einerseits soll die Klarinette sich nicht zu sehr von den Streichern abgrenzen, um nicht mit den "Fülltönen" in der Vordergrund zu gelangen und vom Fluss abzulenken. Andererseits darf sie auch nicht zu sehr veschmelzen, damit der Gesamtklang nicht breiig wirkt. Ehrlich gesagt habe ich bei diesem Konzert mit Zweitem gerechnet, da doch Widmann einen sehr feinen Ton spielt. Aber so war es überhaupt nicht. Das klare und akzentuierte Spiel aller Musiker verhinderten die Suppe, die Balance zwischen Zurücknahme und Präsenz gelang ausgezeichnet. Selbst die beiden letzten Sätze, die auf mich sonst häufig etwas plump wirken und die in den meisten Interpretationen meinen Gesamteindruck etwas trüben, waren äußerst fein und elegant und führten den Charakter der ersten Hälfte fort. Ich bin mir sicher, dass diese Interpretation des Brahmsquintetts zu den 3 oder 2 besten gehört, die ich jemals gehört habe.


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Meistersänger in Heilbronn


    Weihnachtskonzert am 18. Dezember 2016 im Konzertzentrum „Harmonie“ –


    Mehr als 100 Jahre Erfolg auf den großen Opernbühnen verkörperten René Kollo und Eike-Wilm Schulte beim glanzvollen Weihnachtskonzertdes Heilbronner Sinfonie Orchesters. Neben den beiden weltweit gefeierten Gesangsstars sang
    noch die junge, zauberhafte Sopranistin Cristina Pasaroiu. „Bei der Festlichen Musik der Besinnung und der Freude“ , die für das Programm gekonnt gewählt wurde, spannte sich der Bogen von magischer Märchenwelt über besinnlichen
    Weihnachtszauber bis hin zur großen Oper. Ein wirkliches Festmenü, das dem Publikum in der ausverkauften Konzerthalle "Harmonie“ exquisiten Genuss bescherte. Schon in der einleitenden Szene des Besenbinders aus Humperdincks „Hänsel und Gretel“ gelang dem Bariton Eike Wilm Schulte durch Tonfülle, perfekte Deklamation und variable Gestaltung ein Kabinettstück. Bereits hier die ersten Bravorufe. Umrahmt wurde diese Meisterleistung von einem klangschön
    zelebrierten Vorspiel zu „Hänsel und Gretel“ und einem feurigen Hexenritt, den das Heilbronner Sinfonie Orchester unter der temperamentvollen Leitung von Alois Seidelmeier spannungsvoll und rasant spielte.
    Eine beseelte Weihnachtsstimmung schufen das mit glockenhellem Sopran von Cristina Pasaroiu gesungene Lied „Weihnacht“ von Nico Dostal, das von René Kollo selbst komponierte Lied „Weihnachtsfriede“ und die beiden Terzette „O Holy Night“ von Adolphe Adam und das gefühlvolle „Christrosenlied“ von Robert Stolz. Besonders herzlich empfangen und bejubeltwurde der populäre Tenor René Kollo, der immer noch das perfekte, charismatische Spiel mit dem Publikum souverän beherrscht.
    Als eine Art roter Faden durchzog das von Ottorina Respigi nach Klavierstücken von Rossini instrumentierte Stück „Der Zauberladen“ mit Ouvertüre, Tarantella, Can Can , Valse, Mazurka und Kosakentanz das Programm. Dem sensiblen Dirigenten Alois Seidlmeier gelang es mit seinem spielfreudigen Orchester, bei diesen musikalischen Petitessen jeweils einen unterschiedlichen Charakter herauszuarbeiten. Eine feine Leistung.
    Ins Reich der Oper führte Cristina Pasaroiu mit dem Lied an den Mond aus Dvoraks „Rusalka“. Romantik und Gefühl pur! Mit dem perfekt gesungenen Tenor- Solo „Ach, ich hab in meinem Herzen da drinnen“ aus dem „Schwarzen Peter“ von Norbert Schultze begeisterte René Kollo das Publikum. Ein sängerischer Höhepunkt des Konzerts gelang dem unverwüstlichen Eike Wilm Schulte im mit feinsten Nuancen gestalteten Gebet des Valentin aus „Margarethe“ von Charles Gounod. Wie Schultes Stimme auch im reifen Sängeralter noch trägt und klingt grenzt an ein Wunder. Im Finale gelang es Cristina Pasaroiu, in einer ihrer Glanzrollen als glaubhaft dramatische Violetta und Eike Wilm Schulte als väterlicher Germont aus „La Traviata“ von Verdi selbst im Konzertsaal packende Bühnenatmosphäre zu schaffen.
    Den tosenden Beifall belohnten die Sänger mit einer Reihe von Zugaben: Als jetzt noch René Kollo den Tenor-Hit „Nessun dorma“ strahlend und ohne tenorale Kraftmeierei gesanglich kultiviert servierte und sich die drei Solisten als Gesangstrio mit Irving Berlins „White Christmas“ verabschiedeten, gab es nicht enden wollenden stehenden Beifall. Bravissimo! Heilbronn hatte sein großes weihnachtliches Konzerterlebnis und René Kollo und Eike Will Schulte bewiesen, welche Meistersängersie auch heute noch sind.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Das durch Fusion in diesem Jahr neugegründete SWR Symphonieorchester gab gestern nachmittag in der Stuttgarter Liederhalle sein erstes Silvesterkonzert. Dirigent war der vielversprechende junge polnische Dirigent Łukasz Borowicz, der durch seine 8 CD umfassende Aufnahme der Orchesterwerke von Andrzej Panufnik bei cpo bereits Schallplattengeschichten geschrieben hat. Nach den Darbietungen gestern, kann ich dem Orchester nur empfehlen, bei der Such nach einem neuen Chefdirigenten auch bei ihm anzufragen.
    Das Programm war ein typischer Silverstermix, wobei das Vivaldi-Konzert etwas aus dem Rahmen fiel, da man das inzwischen ja eher von HIP orientierten Ensembles geboten bekommt. Hier also mal seit langer Zeit wieder Barock a la ASMF/ECO. Das Konzert ist für zwei Trompeten geschrieben, die das SWR SO aus Hauskräften besetzte, immerhin verfügt man ja jetzt an vielen Positionen über zwei erste Solisten. Die eröffnende Ouvertüre von Mendelssohn kannte ich noch gar nicht und ich fand sie auffällig originell. Das Tschaikowsky Potpourri war mir etwas zu lärmig und man hörte, dass das Orchester mit diesem Komponisten nicht sehr vertraut ist. Nach der Pause dann mit Berlioz gleich ein Höhepunkt, die Ouvertüre habe ich bisher nicht besser gehört. Danach etwas "zeitgenössisches", ein zweites Doppeltrompetenkonzert des Wieners Christian Mühlbacher. Das Stück war ca. so "modern" wie die West-Side-Story und der BigBand Jazz, es swingte ordentlich und das kam natürlich bestens an. Für mich der Höhepunkt dann aber die Suite aus dem Feuervogel, zumindest für den Freiburger und Baden-Badener Teil "home turf", was man auch deutlich hörte. An diese Darbietung und den Berlioz könnte eine Dirigentenschaft von Herrn Borowicz gerne in Zukunft anknüpfen. Als Zugabe gab es den größten Hit von Schostakowitsch.


    Emotional ist die Fusion für Teile des Orchesters nach wie vor wohl noch nicht bewältigt, trotz tosendem Beifall sah man viele nicht glückliche Gesichter.



    Felix Mendelssohn Bartholdy
    Ouvertüre C-Dur op. 101
    Antonio Vivaldi
    Konzert für zwei Trompeten, Streicher und Basso continuo C-Dur RV 537
    Peter Tschaikowsky
    Dornröschen, Suite aus dem Ballett op. 66a
    Hector Berlioz
    Le Corsaire, Ouvertüre C-Dur op. 21
    Christian Mühlbacher
    Konzert für 2 Trompeten, Streicher, Klavier und Schlagzeug
    Igor Strawinsky
    Der Feuervogel, Ballettsuite für Orchester (Fassung 1919)
    Interpreten
    Jörge Becker, Trompete
    Johannes Sondermann, Trompete
    SWR Symphonieorchester
    Dirigent: Łukasz Borowicz

  • Als Zugabe gab es den größten Hit von Schostakowitsch. Emotional ist die Fusion für Teile des Orchesters nach wie vor wohl noch nicht bewältigt, trotz tosendem Beifall sah man viele nicht glückliche Gesichter.


    Meinst du mit Hit von Schostakowitsch den Tahiti-Trot? Eine Fusion zweier Orchester geht nicht ohne Wunden vonstatten. Der Vorteil ist, man hat Mehrfachbesetzungen für viele Positionen und erspart sich dadurch kostspielige Aushilfen.
    :hello:

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Zwar nicht den größten Hit, aber die größte mir bekannte Musik von Schostakowitsch (ich glaube, dass ich fast alles von ihm kenne) und überhaupt konnte ich vor wenigen Tagen in der Essener Philharmonie hören, nämlich sein 15. und letztes Streichquartett. Das Borodin Quartett spielte dieses unglaubliche Werk, nachdem das Quartett op 132 von Beethoven verklungen war. Es waren also zwei äußerst innige Spätwerke zweier Komponisten, die kurz vor ihrem Tod noch einmal richtig ans Eingemachte gingen.


    Ich denke, da muss und kann man als "Normalhörer" nicht viel sagen. Die gespielten Werke und Interpreten gehören zum Feinsten, was die Musikwelt zu bieten hat, und die dadurch entstandenen Erwartungen wurden bestätigt. Es war klasse, wahrscheinlich mein Konzerthöhepunkt des Jahres. Besonders das Schostakowitschquartett hat mich durch das fantastische Spiel der Borodiner derart in den emotionalen Bann gezogen, dass die Zeit nur so dahinstrich.


    Gleichzeitig will ich bemerken, dass ich mich in der Essener Philharmonie immer sehr wohlfühle, da sie fein ist und gleichzeitig locker wirkt.


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Lieber Uwe
    um das Konzerterlebnis beneide ich Dich aufrichtig, da wäre ich auch gerne dabei gewesen. Gleich zwei meiner allerliebsten Werke in einem Konzert und dann noch mit den Borodins. Leider finde ich keinen Konzerttermin hier in der Gegend von diesem Quartett in absehbarer Zukunft.
    Gruß
    lutgra :hello: