Warum klassische Musik so geil ist...

  • Unter diesem Titel veröffentlichten die Schaumburger Nachrichten (SN) einen [URL=http://www.sn-online.de/newsroom/kultur/dezentral/kultur/art5094,783076]Bericht[/URL] über einen Konzertabend mit dem Pianisten Pierre Toth.


    Offenbar ein voller Erfolg - das Konzept war wohl schlüssig. Besonders gefällt mir das Motto "Man hört nur, was man weis" [wenn das denn so stimmt].


    Stimmt das denn? Und [ich war beim Konzert leider nicht anwesend]: Warum ist klassische Musik eigentlich so geil?


    :hello:


    Ulli

  • "man hört nur, was man weis"?? Stimmt, hab auch noch nie davon gehört, daß man Rechtschreibung hören kann..... :stumm::D

  • Zitat

    Original von Ulli
    Warum ist klassische Musik eigentlich so geil?


    Klassische Musik ist nicht "geil", klassische Musik ist "fetzig", das weis(s) doch hier jede/r...


    :D

  • Zitat

    Original von Ulli
    "Man hört nur, was man weis"


    ...Klingt für mich wie das akustische Pendant zu
    "Was der Bauer net kennt, fris(s)ter net"


    ...trifft m. E. insbesondere auf den Konzertbetrieb zu. Ich bemerke an mir auch die Tendenz, beim Konzertbesuch eher auf bekanntes als auf unbekanntes Repertoire zurückzugreifen.


    :hello:
    V.

  • Zitat

    Original von Violoncellchen


    ...Klingt für mich wie das akustische Pendant zu
    "Was der Bauer net kennt, fris(s)ter net"


    Für mich klingt das ganz anders... und zwar geht's m. E. eher um den "Inhalt" der Musik [bei dem, was Du gerade hörst, ist das z.B. eine runde 0 :P ]


    Zitat


    ...trifft m. E. insbesondere auf den Konzertbetrieb zu. Ich bemerke an mir auch die Tendenz, beim Konzertbesuch eher auf bekanntes als auf unbekanntes Repertoire zurückzugreifen.


    Geht mir genauso - aber nur aus Erfahrung... es könnte schrecklich klingen... 8o


    :hello:


    aus dem Nebenzimmer

  • Zitat

    "Man hört nur, was man weis"



    vielleicht ist das auf eine "Spekulation" bezogen die auch bei uns in der Uni öfter mal diskutiert wurde:


    "man sieht nur das was man kennt"



    so gibt es die These, dass die aller ersten Schiffe der Europäer von den "Wilden" überhaupt nicht wahrgenommen wurden, weil es nichts vergleichbares in ihrer Welt gab.
    Das was man nicht kennt, oder assozieren kann wird ausgeblendet.


    So wurde vor einiger Zeit einem von Geburt an blinden Mann, das Augenlicht wiederheroperiert (irgendwie transplantiert)
    Rein technisch kann er jetzt sehen wie alle anderen Menschen.


    Praktisch sieht er einen Becher erst dann, wenn man ihm den Gegenstand in die Hand drückt und erklärt was das ist, dann erkennt er ihn wieder, ansonsten hat sich nichts für ihn geändert er ist nach wie vor blind.



    Ich hab eine ähnliche Erfahrung gemacht, ich trage einen Justaucorps aus Jeans, also eine "Jacke" die nach einem Schnitt des beginnenden 18. Jahrhunderts geschneidert wurde, aber eben aus einem modernen Modestoff.
    Kaum jemand erkennt, dass es sich hierbei um einen über 200 Jahre alten Schnitt handelt - weil eben das durch Kombination nicht mehr wahrgenommen wird.
    Man hält es im besten Fall für eine Designer Jacke oder für irgendwas modernes :hahahaha:


    Ich finde diesen Gedanken jedenfalls faszinierend und unheimlich zu gleich, dass wir anscheinend nur das erkennen, hören, schmecken etc. was wir gelernt haben.

  • Zitat

    Original von Alviano
    Klassische Musik ist nicht "geil", klassische Musik ist "fetzig", das weis(s) doch hier jede/r...


    Aber nur in reinzuziehender Darreichungsform.

  • Zitat

    Original von der Lullist
    Ich finde diesen Gedanken jedenfalls faszinierend und unheimlich zu gleich, dass wir anscheinend nur das erkennen, hören, schmecken etc. was wir gelernt haben.


    Ich denke, so ist es gemeint - und deshalb wurde in diesem Konzert ja auch erklärt. Wer als Klassikeinsteiger eine der "Joke-Sinfonien" Haydns hört, wird kaum etwas zum Lachen haben...


    :hello:


    Ulli

  • Marc Pierre Toth ist ein Pianist ganz eigener Art. Nach einem anscheinend nicht ganz abgeschlossenen Chemiestudium studierte der Kanadier Klavier und hat jetzt in Hannover eine eigene Konzertreihe, in der sich regelmäßig ein Fanpublikum von etwa 200 Hörern einfindet. Weiterhin unterrichtet er an der Hochschule für Musik und Theater Hannover und spielt in Tanztheateraufführungen der Niedersächsischen Staatsoper Hannover, so in diesem Jahr die Goldbergvariationen und im Jahr davor die letzten 5 Sonaten und das vierte Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven.


    Ich selbst war in zwei Soloabenden anwesend. Es gab einige Eigenwilligkeiten in der Programmgestaltung
    (späte Beethoven-Sonaten und Brahms Opus 116 in direkter Nachbarschaft mit Liszts Bearbeitung des Pilgerchores aus Tannhäuser oder Liszts Rigoletto-Paraphrase), und er hat eine sehr spezielle Art, seine Konzerte zu moderieren (zum Beispiel mit Gesangseinlagen aus Rigoletto, wenn der Liszt dran ist), seine Ideen für Zugaben sind zum Teil haarsträubend (ich habe jetzt keine Zugabe vorbereitet, aber ich kann für Sie einen Handstand machen), aber er spielte auch eine überzeugende Aufführung der Beethoven-Sonate Opus 101 (wo er natürlich keine Angst vor der Schlussfuge zeigte) und eine Aufführung der Opus 111, in der er für die Probleme des Verhältnisses zwischen Introduktion, Allegro con brio ed appassionato und Arietta-Variationen, des Aufbaus der Steigerungskurve dieser Variationen, des Verhältnisses zwischen Melodiestimmen und Ornamentik und der Trillerketten sehr schlüssige Lösungen fand. Und natürlich ist er technisch auch sehr gut in Form.


    Die wichtigsten seiner Konzerte dürften auf den Internetseiten der Hochschule für Musik und Theater und der Niedersächsischen Staatsoper vermerkt sein.


    Der von Ulli erwähnte Bericht der Schaumburger Nachrichten erscheint mir absolut glaubwürdig und irgendwie typisch für diesen Pianisten.

  • Zitat

    Ich denke, so ist es gemeint - und deshalb wurde in diesem Konzert ja auch erklärt. Wer als Klassikeinsteiger eine der "Joke-Sinfonien" Haydns hört, wird kaum etwas zum Lachen haben...



    ein ähnlichen Fall hat man bei Telemann, wenn man nicht etwas bewandert in der Musik der Epoche ist, dann hat man keine Chance seinen Witz zu verstehen.


    z.B. die berühmte Suite in a-moll


    eine Orchestersuite mit einem Soloinstrument, der Blockflöte.
    Da denkt man eventuell an die h-moll Suite von Bach und sucht da nach Ähnlichkeiten.
    Aber das sind zwei paar Schuhe, Bach versuchte wohl einfach der frz. Mode zu folgen und die "Concerts" von Couperin zu imitieren.
    Telemann jedoch ist viel kreativer, er kombiniert das Solokonzert mit der Orchestersuite. (das passiert bei Bach nicht)


    Und wahrscheinlich das ganze nur wegen dem Satz "Air à l'Italien", denn da karikiert er eine Dacapo Arie, und wenn man nicht weiß was das ist und zu welchen Auswüchsen an Stimmakrobatik diese Arien ausufern können, dann hat man an dem Satz wohl kaum seine Freude.



    Oder Mourets "Amours de Ragonde", wenn man die Werke Lullys nicht kennt, geht ein Großteil des Witzes verloren - damals kannte die Werke jeder.


  • Ich würde sagen: Man hört mitunter einfach mehr, wenn man was weiß. Aber grundsätzlich spricht nichts gegen spontanen Musikgenuß ohne Hintergründe.


    Jedenfalls auf mich bezogen. Ich höre viel und gerne einmal etwas, wovon ich nichts weiß. Lass die Musik einfach auf mich wirken. Vielleicht einmal ganz spontan - man dreht das Radio auf, es spielt ein Musikstück, das man nicht kennt .... und kann auf einmal nicht mehr weghören. Ohne was zu wissen.


    Natürlich beginnt parallel das Hirn zu arbeiten - "Das könnte von dem oder dem sein... aus der und der Zeit... der und der Interpret..."


    Aber hören und genießen - einfach so aus dem Bauch oder aus dem Herzen oder mit der Seele (wie ihr halt sagen wollt) - das kann ich ohne irgendwas zu wissen und ohne Rücksicht auf die Musikrichtung.


    Und dann kommt der 2. Schritt: Ich interessier mich dafür und wenn ich bewußt das neu gefunden Lieblingsstück noch einmal höre, weiß ich einiges und gehe in die Tiefe.


    Dass es Komponisten und Stücke gibt, wo da mehrere Stufen des Tiefgangs drin sind - ja, vielleicht ist das das "geile" an der klassischen Musik. :jubel:

  • Zitat

    Original von Kulturvermittler
    seine Ideen für Zugaben sind zum Teil haarsträubend (ich habe jetzt keine Zugabe vorbereitet, aber ich kann für Sie einen Handstand machen)


    Ist doch toll!
    :jubel:
    Soviel Ironie gegenüber der akrobatischen Kunstfertigkeit ihrer Tastenleistungen bringen wohl nicht so viele Tastenfetzer zustande.


    Vielleicht braucht man dazu ein abgebrochenes Chemiestudium?
    ?(

  • Zitat

    Original von der Lullist
    Da denkt man eventuell an die h-moll Suite von Bach und sucht da nach Ähnlichkeiten.
    Aber das sind zwei paar Schuhe, Bach versuchte wohl einfach der frz. Mode zu folgen und die "Concerts" von Couperin zu imitieren.
    Telemann jedoch ist viel kreativer, er kombiniert das Solokonzert mit der Orchestersuite. (das passiert bei Bach nicht)


    Um es äußerst vorsichtig und höflich zu formulieren:
    Vermutlich trifft Deine vielschichtige Analyse nicht ganz den Kern der Dinge. :D

  • Zitat

    Vermutlich trifft Deine vielschichtige Analyse nicht ganz den Kern der Dinge.


    Unser Lulliste hält ja seinen Meister auch für einen bedeutenden Compositeur von Kirchenmusik, aber dem wahrhaft Glaubenden ist nun mal mit rein rationalen Argumenten nicht beizukommen, aber ich find solche Statements schon geil, irgendwie, oder so...

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Zitat

    Original von BigBerlinBear
    aber dem wahrhaft Glaubenden ist nun mal mit rein rationalen Argumenten nicht beizukommen


    Rationale Argumente wie "meisterliche Polyphonie"?
    :wacky:

  • Guten Tag


    Zitat

    Original von der Lullist
    z.B. die berühmte Suite in a-moll


    eine Orchestersuite mit einem Soloinstrument, der Blockflöte.
    Da denkt man eventuell an die h-moll Suite von Bach und sucht da nach Ähnlichkeiten.


    Bei der h-moll Suite BWV 1067 nimmt man an,
    dass sie ursprünglich nur eine Overtüre in a-moll für 2 Violinen, (Violino concertanto ?), Viola und Continuo war.
    Die Flötenpartie wurde nachträglich hinzugesetzt.


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Zitat

    Rationale Argumente wie "meisterliche Polyphonie"?


    Hallo KSM, also ich würd garnicht soweit gehen. Hildebrandt hat zurecht darauf hingewiesen, daß ein Vergleich der Bach-Telemann-Suiten zwangsläufig beide Komponisten und deren Herangehensweise an den "Gegenstand" in Schieflage versetzt. Der Lullist insistiert Bach unterschwellig trockene Gelahrtheit und ist generell der Auffassung, daß Bach "überschätzt" sei und genau an dem Punkt setzt mein Widerspruch ein.


    Übrigens verstand es auch Telemann, mit "meisterlicher Polyphonie" zu punkten, etwa in der Kantate "Du, Daniel, gehe hin" des Zwanzigjährigen , die dem alten Thomaskantor Johann Kuhnau eitel Staunen entlockte.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Wir sind jetzt weg vom Thema und erwarten voller Spannung die Löschung unserer Beiträge.
    :D
    Ich meinte nur, dass es nicht immer auf meisterliche Polyphonie ankommt - auch bei der geistlichen Musik.


    Ich kenne jetzt Lullys geistliche Musik nicht, aber mit Carissimi haben wir einen der wichtigsten Komponisten dieses Genres, der mit anderen Qualitäten punktet.


    Die rationalen Gründe für die Fürtrefflichkeit seiner Musik kann ich mal nachlesen.
    :rolleyes:
    (Schlichtheit? Ausgewogenheit? Klarheit?)


    Und wenn wir nun den großen Polyphonen und den großen Homophonen nebeneinanderstellen, muss die rationale Begründung für das Überragen des Einen gegenüber dem anderen irgendwie über den polyphonen Tellerrand schauen.
    :beatnik: