Lieblingsgedichte

  • Auf Erden stehet nichts, es muß vorüberfliegen.
    Es kommt der Tod daher, du kannst ihn nicht besiegen.
    Ein Weilchen weiß vielleicht noch wer, was du gewesen.
    Dann wird das weggefegt, und weiter kehrt der Besen.


    (Theodor Storm)

  • Der 15. Kühlpsalm


    Anmerkung: dieser 15. Kühlpsalm besteht aus 15 Strophen. Als Einladung zur vertiefenden Lektüre mögen die ersten drei Strophen triumphenden Kühlhgeheules dienen. Dem Autor, Quirinius Kuhlmann, ward trotz aller gewähnten Gottesstatthalterschaft ein schröckliches Ende beschieden. Das eine oder andere akademische Seminar erinnrt sich zuweilen dieses verhinderten Religionsgründers; fiele denn Karneval in die Vorlesungszeit, so gäben die Kühlpsalmen ein veritable Grundlage für eine zünftige Kortum-Universität (zu Bochum, latürnich!).


    Uns zur Erbauung hält ein verdienter deutscher Verlag (der mit den gelben Heftchen) Kuhlmanns Kühlpsalter einige hunderte Jahre nach ihrer Abfassung immer noch vor.
    Hier also die Nr. 15.
    Strophe 1-3.



    Ein sibenfaches Triumffünfftzig bei ausgang der 7 Proben
    und ankommung des 15 Jahres, 15 Reise,
    der dritten Krone, der dritten Siben: Triumffgejauchtzet
    zu Amsterdam gleich früh am 1 sechszehndem Prophetischem
    October, den 20 Aug. 1684, darauf er losgerissen,
    von tag zu tag gewachsen, zum Hause Israel geführet
    und alle wunder nacheinander gefolget.


    1.


    Triumf! Nun kommet an! Triumf! der Kühlungsausgang!
    Triumf! Nun sihe auf! Triumf! du Christenvolk!
    Triumf! Das Himmelsheer! Triumf! das steiget nider!
    Triumf! Der rechte Held! Triumf! geht an der spitz!
    Triumf! Das feuerschwerd! Triumf! des feurgen Cherubs!
    Triumf! geht aus dem mund! Triumf! weil Christ erscheint!
    Triumf! der Ost und Nord! Triumf! erlangt di hülfe!
    Triumf! Sein flüchtiges! Triumf! ist nun dahin!
    Triumf! O Kühltriumf! Triumf! des Kühlmannsthumes!
    Triumf! nun hegt der Kreis! Triumf! Triumfstriumfstriumfe!


    2.


    Triumf! Seht, Völker, seht! Triumf! di hand von oben!
    Triumf! Di Siben Stern! Triumf! stehn um den Mond!
    Triumf! Nun brüllen recht! Triumf! di siben Löwen!
    Triumf! Das eusre wird! Triumf! des innern schutz!
    Triumf! Das inner wird! Triumf! des eusern wesen!
    Triumf! Drum scheint di Sonn! Triumf! aus ihrem Mond!
    Triumf! und gläntzt der Mond! Triumf! aus seiner Sonne!
    Triumf! Di Finsternis! Triumf! ist gantz hinweg!
    Triumf! O Kühltriumf! Triumf! der Kühlungsordnung!
    Triumf! Nun schallen recht! Triumf! Triumfstriumfstriumfe!


    3.


    Triumf! Wir gehen aus! Triumf! von unser enge!
    Triumf! Weil Ost und Nord! Triumf! uns kühlt und frischt!
    Triumf! Das Sibenjahr! Triumf! und virundachtzig!
    Triumf! Verflos durch Gott! Triumf! das wir nun frei!
    Triumf! Man band mich recht! Triumf! mit der Christine!
    Triumf! In Ost und Nord! Triumf! um Ost und Nord!
    Triumf! Wir lagen dar! Triumf! als ni geruffen!
    Triumf! Nun kommt der glantz! Triumf! Nun stehn wir auf!
    Triumf! O Kühltriumf! Triumf! des Kühlungsbundes!
    Triumf! Stimmt, Völker, stimmt! Triumf! Triumfstriumfstriumfe!


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:


    (ein Tipp: einfach laut vorlesen)

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Haferlspüler I


    (Der große Geheimrat möge mir den frevlerischen Umgang mit seinem geistigen Eigentum verzeihen!)


    (Vertonung je nach Gusto von F. Schubert, F. Liszt, A. Rubinstein, J. Sibelius u.a.)


    Wer nie im Boot mit Dänen saß,
    Wer nie die durchgezechten Nächte
    Beendend Pølser schmatzend aß,
    Der kennt euch nicht, ihr skandinav´schen Mächte.

    Ihr führt in Kneipen uns hinein,
    Ihr lasst den Armen trunken werden,
    Dann überlasst ihr ihn der Pein,
    Denn zuviel Durst rächt sich auf Erden.

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Lieber Giselher, dazu empfehle ich Dir allerwärmstens die Lieder bzw Gedichte des Herrn Carl Bellman! :D :yes:
    Hat der hier eigentlich schon einen Thread?



    Für mich dank Peter eine sensationelle Entdeckung des letzten Jahres :jubel: :jubel: :jubel:


    F.Q.

  • Conrad Ferdinand Meyer


    Eppich


    Eppich, mein alter Hausgesell,
    Du bist von jungen Blättern hell,
    Dein Wintergrün, so still und streng,
    Veträgt sich's mit dem Lenzgedräng?



    "Warum denn nicht? Wie meines hat
    Dein Leben alt und junges Blatt,
    Eins streng und dunkel, eines licht
    Von Lenz und Lust! Warum denn nicht?"

  • Der wandernde Wind auf den Wegen
    War angefüllt mit süßem Laut,
    Der dämmernde rieselnde Regen
    War mit Verlangen feucht betaut.


    Das rinnende rauschende Wasser
    Berauschte verwirrend die Stimmen
    Der Träume, die blasser und blasser
    Im schwebenden Nebel verschwimmen.


    Der Wind in den wehenden Weiden,
    Am Wasser der wandernde Wind
    Berauschte die sehnenden Leiden,
    Die in der Dämmerung sind.


    Der Weg im dämmernden Wehen,
    Er führte zu keinem Ziel,
    Doch war er gut zu gehen
    Im Regen, der rieselnd fiel.




    (Hugo von Hofmannsthal)

  • Conrad Ferdinand Meyer


    Das Glöcklein


    Er steht an ihrem Pfühl in herber Qual,
    Den jungen Busen muß er keuchen sehn -
    Er ist ein Arzt. Er weiß, sein traut Gemahl
    Erblaßt, sobald die Morgenschauer wehn.


    Sie hat geschlummert. "Liebster, du bei mir?
    Mir träumte, daß ich auf der Alpe war,
    Wie schön mir träumte, daß er zähl ich dir -
    Du schickst mich wieder hin das nächste Jahr!


    Dort vor dem Dorf - du weißt den moosgen Stein -
    Saß ich, umhallt von lauter Herdgetön,
    An mir vorüber zogen mit Schalmein
    Die Herden nieder von den Sommerhöhn.


    Die Herden kehren alle heut nach Haus -
    Das ist die letzte wohl? Nein, eine noch!
    Noch ein Geläut klingt an und eins klingt aus!
    Das endet nicht! Da kam das letzte doch!


    Mich überflutete das Abendrot,
    Die Matten dunkelten so grün und rein,
    Die Firne brannten aus und waren tot,
    Darüber glomm ein leiser Sternenschein -


    Da horch! ein Glöcklein läutet in der Schlucht,
    Verirrt, verspätet, wandert's ohne Ruh,
    Ein armes Glöcklein, das die Herde sucht -
    Aufwacht' ich dann und bei mir warest du!


    O, bring mich wieder auf die lieben Höhn -
    Sie haben, sagst du, mich gesund gemacht...
    Dort war es schön, so wunderschön!
    Das Glöcklein! Wieder! Hörst du's? Gute Nacht..."

  • Leise Lieder



    Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
    Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
    Noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
    Noch der Mond, der stil im äther schwimmt.


    Denen niemand als das eigne Herz,
    Das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
    Und an denen niemand als der Schmerz,
    Der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.


    Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
    dir , in deren Aug mein Sinn versank
    Und aus dessen tiefem, dunklen Schacht
    Meine Seele ewge Sehnsucht trank.


    (Christian Morgenstern)

  • I


    Ich hielt mich übertroffen, ich vergaß,
    daß draußen nicht nur Dinge sind und voll
    in sich gewohnte Tiere, deren Aug
    aus ihres Lebens Rundung anders nicht
    hinausreicht als ein eingerahmtes Bild;
    daß ich in mich mit allem immerfort
    Blicke hineinriß: Blicke, Meinung, Neugier.
    Wer weiß, es bilden Augen sich im Raum
    und wohnen bei. Ach nur zu dir gestürzt,
    ist mein Gesicht nicht ausgestellt, verwächst
    in dich und setzt sich dunkel
    unendlich fort in dein geschütztes Herz.


    II


    Wie man ein Tuch vor angehäuften Atem,
    nein: wie man es in eine Wunde preßt,
    aus der das Leben ganz, in einem Zug,
    hinauswill, hielt ich dich an mich: ich sah,
    du wurdest rot von mir. Wer spricht es aus,
    was uns geschah? Wir holten jedes nach,
    wozu die Zeit nie war. Ich reifte seltsam
    in jedem Antrieb übersprungner Jugend,
    und du, Geliebte, hattest irgendeine
    wildeste Kindheit über meinem Herzen.


    III


    Entsinnen ist da nicht genug, es muß
    von jenen Augenblicken pures Dasein
    auf meinem Grunde sein, ein Niederschlag
    der unermeßlich überfüllten Lösung.
    Denn ich gedenke nicht, das, was ich bin
    rührt mich um deinetwillen. Ich erfinde
    dich nicht an traurig ausgekühlten Stellen,
    von wo du wegkamst; selbst, daß du nicht da bist,
    ist warm von dir und wirklicher und mehr
    als ein Entbehren. Sehnsucht geht zu oft
    ins Ungenaue. Warum soll ich mich
    auswerfen, während mir vielleicht dein Einfluß
    leicht ist, wie Mondschein einem Platz am Fenster.



    (Rainer Maria Rilke)

  • Original Klawirr




    Verehrter Medard,
    es war nicht meine Absicht "Hälfte des Lebens" in solch großen Abständen zu posten, da ich eher ein wöchentliches Posting angedacht hatte! :D An Hölderlin kann gar nicht oft genug erinnert werden! :yes:
    Darum bitte ich Dich herzlich, mir dieses Versäumnis gnädigst nachsehen zu wollen! :untertauch:


    Mit ergebenen Grüßen,
    Diotima. :pfeif:

  • Barbara Allen



    Es war im Herbst, im bunten Herbst,
    Wenn die rotgelben Blätter fallen,
    Da wurde John Graham vor Liebe krank,
    Vor Liebe zu Barbara Allen.


    Seine Läufer liefen hinab in die Stadt
    Und suchten, bis sie gefunden:
    »Ach unser Herr ist krank nach dir,
    Komm, Lady, und mach' ihn gesunden.«


    Die Lady schritt zum Schloss hinan,
    Schritt über die marmornen Stufen,
    Sie trat ans Bett, sie sah ihn an:
    »John Graham, du ließest mich rufen.«


    »Ich ließ dich rufen, ich bin im Herbst
    Und die rotgelben Blätter fallen,
    Hast du kein letztes Wort für mich?
    Ich sterbe, Barbara Allen.«


    »John Graham, ich hab' ein letztes Wort,
    Du warst mein All und Eines;
    Du teiltest Pfänder und Bänder aus,
    Mir aber gönntest du keines.


    John Graham, und ob du mich lieben magst,
    Ich weiß, ich hatte dich lieber,
    Ich sah nach dir, du lachtest mich an
    Und gingest lachend vorüber.


    Wir haben gewechselt, ich und du,
    Die Sprossen der Liebesleiter,
    Du bist nun unten, du hast es gewollt
    Ich aber bin oben und heiter.«


    Sie ging zurück. Eine Meil' oder zwei,
    Da hörte sie Glocken schallen;
    Sie sprach: Die Glocken klingen für ihn,
    Für ihn und für - Barbara Allen.


    »Liebe Mutter mach ein Bett für mich,
    Unter Weiden und Eschen geborgen;
    John Graham ist heute gestorben um mich
    Und ich sterbe um ihn morgen.«


    Theodor Fontane



    Ob das etwas mit Onegin und Tatjana zu tun haben könnte?

  • Im Jardin des Plantes, Paris


    Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
    so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.


    Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
    der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
    ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
    in der betäubt ein großer Wille steht.


    Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
    sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
    geht durch der Glieder angespannte Stille -
    und hört im Herzen auf zu sein.



    (Rainer Maria Rilke, dessen 133. Geburtstag wir heute feiern)

  • Passend zum Jardin des Plantes der Jardin du Luxembourg:


    Das Karussell


    von Rainer Maria Rilke


    Jardin du Luxembourg


    Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
    sich eine kleine Weile der Bestand
    von bunten Pferden, alle aus dem Land,
    das lange zögert, eh es untergeht.
    Zwar manche sind an Wagen angespannt,
    doch alle haben Mut in ihren Mienen;
    ein böser roter Löwe geht mit ihnen
    und dann und wann ein weißer Elefant.


    Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
    nur daß er einen Sattel trägt und drüber
    ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.
    Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
    und hält sich mit der kleinen heißen Hand,
    dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.


    Und dann und wann ein weißer Elefant.
    Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
    auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
    fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
    schauen sie auf, irgendwohin, herüber -


    Und dann und wann ein weißer Elefant.


    Und das geht hin und eilt sich, daß es endet,
    und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
    Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
    ein kleines kaum begonnenes Profil -.
    Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
    ein seliges, das blendet und verschwendet
    an dieses atemlose Spiel.


    :hello: Jacques Rideamus


    PS: beim Anblick heutiger Weihnachtsmärkte fällt mir ein, dass das auch hinter einem Adventstürchen stehen könnte.

  • Liebe Fairy,


    dass Theodor Fontane der vielbesungenen Barbara auch ein Denkmal gesetzt hat, wusste ich bisher gar nicht. Es erinnert mich an selige Schulzeiten:


    Was in the merry month of May
    When green buds all were swelling,
    Sweet William on his death bed lay
    For love of Barbara Allen.


    He sent his servant to the town,
    To the place where she was dwelling,
    Said you must come to my master dear,
    If your name is Barbara Allen.


    So slowly, slowly she got up
    And slowly she drew nigh him,
    And all she said when there she came:
    Young man, I think you're dying.


    When he was dead and laid in grave
    She heard the death bells melling.
    And every stroke to her did say:
    Hard hearted Barbara Allen.


    Oh mother, oh mother, go dig my grave
    Make it both long and narrow,
    Sweet William died of love for me
    And I will die of sorrow.


    And father, oh father, go dig my grave
    Make it both long and narrow,
    Sweet William died on yesterday
    And I will die tomorrow.


    Barbara Allen was buried in the old churchyard,
    Sweet William was buried beside her.
    Out of his heart there grew a rose
    And out of hers a briar.


    They grew and grew in the old churchyard
    Till they could grow no higher
    At the end they formed a true lover's knot
    And the rose grew round the briar.


    ***

  • Mein Liliencron-Lieblingsgedicht:


    Der Handkuß
    (Aus "Gedichte", 1889)


    Viere lang,
    Zum Empfang,
    Vorne Jean,
    Elegant,
    . Fährt meine süße Lady.


    Schilderhaus,
    Wache raus.
    Schloßportal,
    Und im Saal
    . Steht meine süße Lady.


    Hofmarschall.
    Pagenwall.
    Sehr graziös,
    Merveillös
    . Knickst meine süße Lady.


    Königin,
    Hoher Sinn.
    Deren Hand,
    Interessant,
    . Küßt meine süße Lady.


    Viere lang,
    Vom Empfang,
    Vorne Jean,
    Elegant,
    . Kommt meine süße Lady.


    Nun wie war's
    Heut bei Zars?
    Ach, ich bin
    Noch ganz hin,
    . Haucht meine süße Lady.


    Nach und nach,
    Allgemach,
    Ihren Mann
    Wieder dann
    . Kennt meine süße Lady.


    PS: Habe versucht, die Einrückungen der letzten Zeilen durch Punkte zu simulieren.

  • Liebe Petra, der Lilienkron ist allerliebst! :angel:


    Was den Fontane angeht, ist da doch ein erheblicher unterscheid zu Deiner englischen Version zu bemerken. Bei Fontane ist Barbara Allen eine einst verschmähte Liebende à la Tatjana die sich nun mit allem weiblichen Stolz "rächen" will, es aber schliesslich nicht kann.
    In der englischen Version steht ncihts von früherer Liebe , da verstehe ich den Zusammenhang anders.
    Kannst du dazu evtl noch etwas sagen?



    Lieber Peter , wenn man Rilkes Deutung mit dem Duett bei Gluck vergleicht, in dem Euyidice Orpheus anfleht, sich endlich zu ihr zu wenden..... ein tolles Duett!


    Warum er sich bei Rilke dann schliesslcih umdreht?


    Weil erspürt, dass Eurydice ihm innerlich sowieso schon entglitten(und tot) ist?



    F.Q.

  • Liebe Fairy,


    “Barbara Allen” ist anonym überliefert und es gibt zahlreiche Versionen davon, auch viele längere mit ausführlichen Dialogen, in denen wohl auch das Motiv ihrer anfänglichen Hartherzigkeit dargelegt wird. Die von mir hier eingestellte ist wohl die kürzeste und in sprachlicher Hinsicht die am schlichtesten und strengsten geformte – sie gefällt mir daher am besten.


    Die Ballade wird zum ersten Mal im 17. Jh. als “little Scotch song”erwähnt, es gibt aber auch Versionen aus England und Irland. Manchen ist auch noch eine Strophe vorangestellt, die auf ein fiktives “Scarlet Town” verweist. “Sweet William” ist zeitweise auch ein “Young Willie”, “Sir John Graeme” oder “Jemmye Grove”.


    Zahlreiche Pop- und Folksänger haben die Ballade gesungen, aber es gibt auch eine Bearbeitung von Joseph Haydn.


    Liebe Grüße
    Petra

  • Menschen und Kinder


    Nach dem Spanischen


    Fast alle kinder
    In schlafes armen
    Scheinen zu lächeln
    Süss unter träumen
    Doch man bemerkt dass
    Fast alle weinen
    Wenn sie erwachen.


    Schlaf sind die täuschungen
    In unsrem leben –
    Während sie herrschen
    Dürfen wir lachen
    So wie beim schwinden wir
    Weinen wie kinder
    Wenn sie erwachen.


    (aus: Die Fibel. Auswahl erster Verse)

  • Conrad Ferdinand Meyer



    Der Gesang des Meeres


    Wolken, meine Kinder, wandern gehen
    Wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen!
    Eure wandellustigen Gestalten
    Kann ich nicht in Mutterbanden halten.


    Ihr langweilt euch auf meinen Wogen,
    Dort die Erde hat euch angezogen:
    Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer!
    Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer!


    Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften!
    Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften!
    Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten!
    Traget glühnden Kampfes Purpurtrachten!


    Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen!
    Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen!
    Braus in Strömen durch die Lande nieder -
    Kommet, meine Kinder, kommet wieder!

  • Nicht ist weise bis zur lezten frist
    Zu geniessen wo vergängnis ist.
    Vögel flogen südwärts an die see •
    Blumen welkend warten auf den schnee.


    Wie dein finger scheu die müden flicht!
    Andre blumen schenkt dies jahr uns nicht •
    Keine bitte riefe sie herbei •
    Andre bringt vielleicht uns einst ein mai.


    Löse meinen arm und bleibe stark •
    Lass mit mir vorm scheidestrahl den park
    Eh vom berg der nebel drüber fleucht •
    Schwinden wir eh winter uns verscheucht!



    (aus: Das Jahr der Seele. Traurige Tänze)

  • Ich suche Sternengefunkel.
    Sonne brennt mich dunkel.
    Sonne drohet mit Stich.
    Warum brennt mich die Sonne im Zorn?
    Warum brennt sie gerade mich?
    Warum nicht Korn?


    Ich folge weißen Mannes Spur.
    Der Mann war weiß und roch so gut.
    Mir ist in meiner Muschelschnur
    So negligé zu Mut.


    Kam in mein Wigwam
    Weit über das Meer,
    Seit er zurückschwamm,
    Das Wigwam
    Blieb leer.


    Drüben am Walde
    Kängt ein Guruh - -
    Warte nur balde
    Kängurst auch du.



    (Joachim Ringelnatz)

  • Glaube nicht, daß ich aus Dummheit
    Dulde deine Teufeleien;
    Glaub auch nicht, ich sei ein Herrgott,
    Der gewohnt ist zu verzeihen.


    Deine Nücken, deine Tücken
    Hab ich freilich still ertragen.
    Andre Leut an meinem Platze
    Hätten längst dich tot geschlagen.


    Schweres Kreuz! Gleichviel, ich schlepp es!
    Wirst mich stets geduldig finden -
    Wisse, Weib, daß ich dich liebe,
    Um zu büßen meine Sünden.


    Ja, du bist mein Fegefeuer,
    Doch aus deinen schlimmen Armen
    Wird geläutert mich erlösen
    Gottes Gnade und Erbarmen.

  • Zitat

    Original von pbrixius
    Orpheus. Eurydike. Hermes


    [...]


    :jubel: :jubel: :jubel:
    Ich liebe dieses Gedicht!
    (Besonders die Rolle, die dem Hermes Psychopompos zugedacht wird, ist originell und gut.)
    Ich glaube aber nicht, dass Orpheus sich hier absichtlich umwendet. Wir werden nur nicht über seine psychische Situation im Moment des Abwendens informiert, weil das Auge des Dichters längst auf Eurydike und Hermes übergeglitten ist. Und an ihr stellt er natürlich sehr die Entfremdung heraus, aber ob das für Orpheus auch gilt? - der wird zuvor doch anders charakterisiert.


    Liebe Grüße,
    Martin

  • ADVENT


    Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken
    Schneeflöcklein leis´ herniedersinken.
    Auf Edeltännleins grünem Wipfel
    häuft sich ein kleiner, weißer Zipfel.
    ...
    (LORIOT)


    gekürzt. Grund s.u. J.R.II

  • :faint: Obwohl ich es schon kannte, gefällt mir das Gedicht noch immer nicht. Von Chamisso bin ich aber restlos begeistert. :jubel: :jubel: Da wird Spannung einfach perfekt aufgebaut und die Auflösung ist immer grandios. Dieses Adventsgedicht hat leider im wirklichen Leben so viele Parallelen, dass mir da jeder Lacher im Halse stecken bleibt. Ist wohl auch so gedacht.


    Trotzdem freue auch ich mich sehr, dass Du, lieber Clemens, endlich wieder bei Tamino ordentlich mitmischt :yes: Alles Gute!!!!!


    Liebe Grüße
    Ingrid

  • Lieber Clemens, leider musste ich das von Dir zitierte Loriot-Gedicht, das mir auch sehr gefällt, aus Gründen des Urheberrechtsschutzes auf ein paar Erinnerungszeilen beschränken.


    Zur Erinnerung an alle, die es (noch) nicht (mehr) wissen: bitte keine Gedichte von Autoren einstellen, deren Schutzfrist (70 Jahre nach dem Tod) noch nicht abgelaufen ist.


    Für andere Texte, die nicht nur kurz zitiert und dann besprochen werden, Bilder und Avatare gilt das leider auch.


    J.R.II

  • Da müßte ich mal jemanden finden, der das so gut kann.... ach ja, ich wüßt schon wen :D Die Gänsehaut wäre da vorprogrammiert.

  • Zitat

    Original von Der-wonnige-Laller
    Ist es denn erlaubt, einen Link zum kompletten Gedicht einzufügen??


    Ich bin kein Anwalt, und erwünscht sind Fremdlinks hier ohnehin nicht besonders, aber grundsätzlich ist es erlaubt und wohl auch sicher, WENN die verwiesene Seite eine autorisierte ist.


    Das Risiko liegt aber immer bei dem, der den Link erstellt.


    :hello: Jacques Rideamus