Wilhelm Rode - Heldenbariton und Generalintendant

  • Über den Heldenbariton Wilhelm Rode, geb. am 17. Februar 1887 in Hannover, gestorben am 2. September 1959 in München, dessen Tod sich heuer zum 50. Mal jährt, hüllt man sich heute meist in Schweigen, was an seiner wenig rühmlichen Rolle im Dritten Reich liegt.


    "Rode [...] erhielt sein erstes Engagement in Erfurt und trat später in Bremerhaven und Breslau auf. Nach dem ersten Weltkrieg wurde er Mitglied der Münchner Staatsoper und dort 1924 zum Kammersänger ernannt. Regelmäßiger Gast war er auf den Bayreuther Festspielen. Tourneen führten ihn außer nach Berlin und Wien in viele Länder der Welt. 1934 übernahm Rode als Generalintendant die Leitung des Deutschen Opernhauses in Berlin, dem er bis zu dessen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg vorstand." (zit. nach abendblatt.de)


    Nach dem Kriege war seine Karriere am Ende, er fiel der Vergessenheit anheim.


    Nichtsdestotrotz hat die Fa. Preiser eine CD mit ihm herausgebracht:



    Ein zumal aus heutiger Sicht sicherlich streitbarer, dennoch ungemein wirkungsvoller Hans Sachs-Sänger war er in den 30er und 40er Jahren, ohnehin eine seiner Paraderollen.


    Viel mehr konnte ich fürs erste nicht zusammentragen, die Quellenlage ist überaus dürftig, doch können dies unsere Experten sicher noch komplettieren.


    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Darf ich einmal eine schüchterne Frage stellen? - Wenn ein Künstler bedeutend war, sich aufgrund eines miesen Charakters (und eventuell äußerer Umstände) für Diktaturen stark gemacht hat, dann verstehe ich, daß er - sicherlich kontrovers - diskutiert wird.
    Wenn ein Künstler aber praktisch bedeutungslos ist und es nur durch seine NS-Nähe zu einer kleinen, wenngleich wenig liebenswürdigen Privatkarriere brachte: Wieso wird er dann durch einen Thread geehrt?
    Oder anders gesagt: Wieviel braune Krepüle verträgt dieses Forum noch? Ist die unsägliche Elly Ney wirklich nicht die allerunterste Grenze des gerade noch Threadwürdigen?
    Oder haben wir auch noch einen Wilhelm-Strienz-Thread zu befürchten?
    :hello:

    ...

  • Ich kenne einen Videoausschnitt aus den "Meistersingern" von einer Berliner Aufführung von 1936: musikalisch ist Rode zweitklassig, und daß er bei der Schlußansprache den rechten Arm unten läßt, ist wohl eher dem Zufall geschuldet...

  • Das Rode zur Genüge "mitmachte" wissen wir, das er mit seinem Gesangsstil heute nicht mehr gefragt wäre, steht meines Erachtens nicht zur Debatte-was den Sachs angeht, machte er Eindruck durch sein Durchhaltevermögen in dieser Partie.
    Es ist halt problematisch, einen Interpreten dieser Zeit vorbehaltlos zu betrachten.
    Andere haben auch "mitgemacht" und machten nach dem Krieg Karriere (Greindl,Treptow,Schwarzkopf); vielleicht schafft ein Thread über Künstler, die "mitmachten" ein neues Licht auf diese.....


    :hello: Heldenbariton

    Wie aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten
    GB

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Oder anders gesagt: Wieviel braune Krepüle verträgt dieses Forum noch?


    Diese Frage habe ich mir in leicht abgewandelter Form gestern abend auch gestellt, nachdem ich diesen Thread hier gesehen hatte.


    Und ich möchte erweitern: muss wirklich beisplsw. ich, dem das Frühstück bei solchen Figuren wie Rode oder Ney hochkommt, soviel Toleranz aufbringen, diese Themen hier aushalten zu müssen?


    Für mich ist das sehr persönlich besetzt - die Empfindungen, die jemand wie Rode bei mir auslöst, möchte ich nicht wiedergeben (müssen). Aber ich möchte darum bitten, doch mal drüber nachzudenken, ob wirklich ein solcher Thread sein muss, der Mitglieder und vor allem Mitleser (tief) treffen kann.

  • Ich traue mich nicht mehr, über Sänger etwas zu schreiben. Bisher haben mich immer nur die Stimmen interessiert; aber jetzt muß man ja höllisch aufpassen, daß die Sänger auch clean sind. Was ist denn mit Gigli, mit Lauri-Volpi, mit W.Ludwig, Manowarda mit Schmitt-Walter, mit Domgraf-Fassbaender, Hotter, um nur einige zu nennen. Darf ich die weiterhin hören?


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Lieber Heldenbariton, liebe Forianer,


    bitte keinen Thread von Künstlern, die "mitmachten". Wir sollten uns auf die künstlerische Persönlichkeit und ihre Leistung konzentrieren. Natürlich sollen dabei auch politische Verstrickungen oder gar Verfehlungen nicht verschwiegen und vergessen werden. Sie sollten jedoch nicht im Vordergrund stehen. Sonst entstehen verhängnisvolle Diskussionen mit Vorurteilen, Halbwissen und Voreingenommenheiten. Tamino sollte das bleiben, was es wertvoll und für mich liebenswert macht. Eine Begegnung einer großen Zahl von Musikfreunden mit breitem Meinungsspektrum in fachlichem, kollegialem Dialog und Austausch.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    Ich traue mich nicht mehr, über Sänger etwas zu schreiben. Bisher haben mich immer nur die Stimmen interessiert; aber jetzt muß man ja höllisch aufpassen, daß die Sänger auch clean sind. Was ist denn mit Gigli, mit Lauri-Volpi, mit W.Ludwig, Mit Schmitt-Walter, mit Domgraf-Fassbaender, Hotter, um nur einige zu nennen. Darf ich die hören?


    Lieber Herbert,


    da missverstehst Du etwas gründlich. Es kann und soll über alle geschrieben werden, mit Sachlichkeit, informativ - und ohne die hässlichen Lücken (die z.B. im Kutsch mal wieder bei Rode zu finden sind). Und über Rode lässt sich viel schreiben, ich werde das gerne mal ausnahmsweise (aber bitte erst heute gegen Abend - bei diesem Wetter!) übernehmen, obwohl im Sängerfach einige sehr viel besser in jeder Hinsicht bestückt sind als ich.


    Die Verdienste von Rode sollen durchaus genannt werden, wobei diese sich in einer unappetitlichen Weise mit der Politisierung mischen, die Rode selbst betrieb, der bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheiten vorzählte, wie oft ihn der verehrte Führer schon (den Sachs) habe singen hören - und der auf diese Tatsache höchsten Wert legte.


    Man muss ebenso die Karriere des Sängers dokumentieren (da gibt mir der Kutsch genug Stoff) wie die Karriere des Generalintendanten, der sich der Freundschaft Röhms so lange lautstark rühmte, wie es Röhm gab (zu dieser Karriere finde ich immerhin sieben Seiten im Handbuch von Prieberg). Denn seine Laufbahn als Künstler-Intendant, die er sehr wichtig nahm, hat auch seinen Abstieg begründet.


    Nach einem katastrophalen Auftritt bei einem Gastspiel des Deutschen Opernhauses in Holland (1941 in Den Haag), bei dem Rode in den ersten beiden Akten miserabel gesungen hatte, dann im dritten das "Meisterlied" weggelassen werden musste, wurde ihm nahegelegt, künftig nicht mehr zu singen. Rode war schwer zu überzeugen, im März 1942 gab dann ein Gutachten, in dem ein "recht eigenwilliger Standpunkt" Rodes konstatiert wurde, der Auswirkungen auf das künstlerische Niveau der Bühne habe, auch sei Rode als Sänger nicht mehr auf der alten Höhe. Rode bekam einen neuen Vertrag, der seine Kompetenzen beschnitt, und ihm wurde Schmidt-Isserstedt als Operndirektor an die Seite gestellt.


    Im übrigen erfährt man aus dem Kutsch, dass er auch nach dem Krieg noch auftrat. Ein wenig ausführlicher dazu im nächsten Beitrag ...


    Hören darfst Du selbstverständlich alle Genannten (ich höre sie auch, soweit ich sie habe oder die Gelegenheit habe, sie zu hören) und Dein Urteil ist hier gerne gelesen.


    Liebe Grüße Peter

  • Gibt es sie eigentlich noch? Die Bilder vom Adolf?? Wenn ja, warum nicht eine Retrospektive mit dem Titel Gelernter Landschaftsmaler und Hobbystratege - A. Hitler einmal anders oder: Wie bedeutend sind seine Bilder wirklich??


    :no:


    Frage an die Moderation: Darf ich einen Saddam Hussein-thread starten? Vor ausgewähltem Publikum hat dieser nämlich mal Cages' 4'33" gegeben und gar nicht mal soo schlecht.


    :hello:
    Wulf

  • Zitat

    Original von Wulf
    Gibt es sie eigentlich noch? Die Bilder vom Adolf?? Wenn ja, warum nicht eine Retrospektive mit dem Titel Gelernter Landschaftsmaler und Hobbystratege - A. Hitler einmal anders oder: Wie bedeutend sind seine Bilder wirklich??


    Lieber Wulf,


    da musst Du wohl mit dem Freistaat Bayern verhandeln, um eine Retrospektive Hitlers als Maler zu ermöglichen.


    Zitat

    Frage an die Moderation: Darf ich einen Saddam Hussein-thread starten? Vor ausgewähltem Publikum hat dieser nämlich mal Cages' 4'33" gegeben und gar nicht mal soo schlecht.


    Um es einfach zu machen: Rode war ein bekannter und offensichtlich auch nicht so schlechter Sänger, die Tatsache, dass er im Sängerlexikon steht, reicht für mich als Begründung aus, ihn auch im Forum vorzustellen. Für Saddam Hussein fehlt diese Begründung.


    Dass Saddam mE nicht dazu fähig gewesen wäre, Cages 4'33 aufzuführen, geschweige denn "gar nicht mal soo schlecht", sei nur einmal nebenbei angemerkt. 4'33 besteht nicht nur aus Schweigen. Aber das sollten wir in einem anderen Thread diskutieren, wenn das noch nicht geklärt ist :no:


    Liebe Grüße Peter

  • Ich muß hier immer auch an Pfitzners ulkige Schrift denken: "Deutsche Opernkunst in Berlin ausge-rode-t". Neben "Bart und Bühne" sicher der hübscheste Titel eines seiner Werke...

  • Zitat


    Oder haben wir auch noch einen Wilhelm-Strienz-Thread zu befürchten?


    Warum zu befürchten? Vielleicht ist er ja auch verdient. Und ein Gustav-Havemann-Thread dazu! Im Filmforum könnte man dann auch endlich was zu Veit Harlan, Gustav Ucicky oder Fritz Hippler machen. Das Literaturforum würde auch nicht länger so gähnend langweilig sein, wenn mal Threads über Kolbenheyer, Johst, Dinter, Bauman, Eggers oder Zerkaulen eröffnet würden. Goebbels Michael-Roman ist natürlich einen extra Werk-Thread wert.


    Jeder bekommt hier eben, was er verdient - oder wie's überm Tor von Buchenwald so schön hieß: »Jedem das Seine«.


    Bestens,
    M.

  • Lieber Wulf,
    Du übertreibst zweifellos, da Hitlers Malerei - leider - nicht sein Hauptberuf war, Rodes Singerei jedoch - leider - der seine. Aber prinzipiell sehe ich das wie Du.
    Ich bin dafür, daß man sich mit bedeutenden Künstlergestalten befaßt und auch ihr Leben und ihre Einstellungen kritisch unter die Lupe nimmt. Denn Sinn eines Hotter-Threads etwa würde ich nie bezweifeln, er dient letzten Endes auch der eigenen Urteilsbildung. Hotter hat sich zwar mit der NSDAP eingelassen, ist aber als Sänger - unabhängig davon, daß ich ihn nicht mag - bedeutend genug, um threadwürdig zu sein. Eine kritische Beleuchtung ändert daran nichts.


    Aber dieser Rode ist doch eine totale Null! Das schlägt sich auch in den Aufnahmen nieder: Bei jpc gibt's nicht eine einzige, Amazon hat ein paar Schnipsel und den dritten "Meistersinger"-Akt, bezeichnender und nicht unkomischer Weise eine Aufnahme des "Reichssenders Königsberg" ("ja, damals in Königsberg, da habe ich den Sachs gesungen..."). Eine kritische Befassung mit seiner Rollengestaltung ist fast unmöglich. Wozu also das Ganze? Um eine miese Figur durch scheinbar kritische Beleuchtung letzten Endes hoffähig zu machen. Motto: "Hanns Heinz Ewers hat mit ,Alraune' einen interessanten Roman im Bereich der deutschen Fantastik vorgelegt, ist mit seinem Spätwerk aber problematisch" (wie ich das einmal in einer Publikation über den Autor des Horst-Wessel-Romans lesen mußte)?


    Peter Brixius ist ganz Diplomat (bin ich froh, daß ich nicht Moderator sein muß!) und läßt durchblicken, daß Rode durch seine Funktion als Künstler-Intendant eventuell interessant sei.
    Natürlich war das, nämlich der "Künstler-Intendant", ein Propagandatrick, denn Künstler-Intendanten gab es schon zuvor. Einer war ein gewisser Gustav Mahler. Rode war also allenfalls ein Pionier als Sänger-Intendant usw. Man muß also permanent heruntertakten, um einen solchen Thread zu legitimieren.
    Ich kenne Peter ein wenig - und bewundere ihn, daß er das aushält und es immer wieder schafft, dem Forum imagerettend zur Seite zu springen.


    Ich hielte es freilich für besser, wenn solche Aktionen gar nicht erst nötig wären.


    :hello:

    ...

  • Lieber Alviano,
    Du brauchst doch diese Threads garnicht zu lesen,
    wenn Du von vorne herein weißt, daß dir das Frühstück hochkommt.
    Lies doch nur die Threads, die Dich erfreuen. ;)


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Lieber Herbert,


    falsch: ich möchte bei einem solchen Thema wenigstens Position beziehen, damit auf keinen Fall der Eindruck entstehen kann, ich würde diesen Thread einfach hinnehmen oder gar ebenfalls der Meinung sein, ein Rode liesse sich unter Ausblendung seiner Rolle in Nazi-Deutschland auf seine sängerischen Darbietungen beschränken.


    Ich fände es nämlich reichlich peinlich, wenn in der Öffentlichkeit der Eindruck entstünde, dass unser Forum ein Hort ewig gestriger Musikfreund/innen sei, wo selbst über Rode (den wieder Auszugraben ein bemerkenswerter Tiefpunkt ist) unverbindlich nett geplaudert werden kann.

  • Um Kesting zu zitieren (1. Ausgabe): "Es ist ein pompös inszeniertes, aber in technischer, stilistischer und darstellerischer Hinsicht ausgesprochen provinzielles Singen". Ich denke, viel mehr muß man über Rode als Künstler nicht sagen. In historischer und soziologischer Hinsicht ist der Fall als Exempel vielleicht interessanter, aber dergleichen haben wir hier ja schon behandelt.

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    Lieber Alviano,
    Du brauchst doch diese Threads garnicht zu lesen,
    wenn Du von vorne herein weißt, daß dir das Frühstück hochkommt.
    Lies doch nur die Threads, die Dich erfreuen. ;)


    :hello:Herbert.


    Lieber Herbert!


    Gut geantwortet, ich hätte ja bei Anny Konetzni auch etwas in dieser Richtung reinschreiben könenn, habe es aber unterlassen,weil ich die Künstlerschaft dieser Sängerin hervorheben wollte,


    nicht ihre politische Vergangenheit, in der NS Zeit!
    Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :hello: :hello:

  • Daß der Rummel um diesen Thread derartig wäre, hätte ich nun wirklich nicht gedacht.


    Ich finde, man sollte heutzutage, über 60 Jahre nach diesen Ereignissen, doch in der Lage sein, über Leute wie Ney, Rode und Strienz zu diskutieren.


    Daß solche Threads dem Renommee des Forums schaden, kann ich mir nicht vorstellen, wird hier doch die Ablehnung der Person nahezu einhellig überdeutlich.


    Wenn aber selbst die renommierte Fa. Preiser Records ihm eine CD widmet, dann finde ich, ist auch ein Wilhelm Rode eines (objektiven) Threads hier würdig.


    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Zitat

    Original von Joseph II.


    Wenn aber selbst die renommierte Fa. Peiser Records ihm eine CD widmet, dann finde ich, ist auch ein Wilhelm Rode eines (objektiven) Threads hier würdig.


    :hello:


    nun, das will nicht unbedingt etwas heißen. Im Preisersortiment finden sich durchaus genügend CDs von Sängern der zweiten Kategorie. Gerade erschien zum Beispiel eine CD der weltberühmten Giuseppina Zinetti... Ob es sich lohnt, ihr einen Thread zu widmen?

  • Zitat

    Ich finde, man sollte heutzutage, über 60 Jahre nach diesen Ereignissen, doch in der Lage sein, über Leute wie Ney, Rode und Strienz zu diskutieren.



    Weißt Du Kaiser, wenn man jung ist, dann scheint es einem so, als seien 60 Jahre eine relativ lange Zeit. Und wenn man dann Eltern hat, die nach 1945 geboren sind (was ich mal einfach in Deinem Fall unterstelle), dann ist das 1000jährige Reich unter Umständen genauso Geschichte wie der 30jährige Krieg.


    Ich erzähl Dir aber mal ganz kurz und ohne Details eine Geschichte, die zeigt, daß 60 Jahre tatsächlich nur eine relativ lange Zeit sind – abhängig davon, in welcher Relation man zu einer Geschichte steht, bzw. in welche Relation man zu ihr gestellt worden ist : ich habe eine Kollegin die 1965 geboren ist. Ihr Vater ist 1932 geboren, als jüngstes Kind einer jüdischen Familie. Er hat Auschwitz überlebt, war anschließend in einem DP-Lager. Seine Eltern und seine fünf Geschwister hatten weniger Glück.
    Die Mutter meiner Kollegin ist 1943 in Bochum von einer untergetauchten jüdischen Frau geboren worden. Sie ist von Nachbarn in einer Laubenkolonie versteckt worden. Die Großmutter meiner Kollegin hat den Winter 1943/44 nicht überlebt, ihre Tochter ist von den Nachbarn bis zum Mai 1945 versteckt gehalten, danach in ein Waisenhaus überstellt worden. Meine Kollegin weiß bis heute nichts über die Familie ihrer Mutter, nicht einmal den Namen. Alles was sie weiß ist, daß ihre Großmutter Jüdin war.


    60 Jahre sind eine unendlich lange oder eben auch erschreckend kurze Zeit – je nach dem auf welche Seite die Geschichte den einzelnen jeweils gestellt hat. Darum halte ich das hier inzwischen zur Zauberformel gewordene Geschwafel von einer Trennung zwischen dem »Künstler« und seiner »NS-Vergangenheit« für ein ziemlich wohlfeiles und letztlich arrogant-wirklichkeitsfernes Geschwätz.


    Meiner Kollegin etwa wird man wohl niemals klar machen können, daß Fritz Hippler - wenn man mal die ideologischen und menschenverachtenden Implikationen von Filmen wie »Der ewige Jude« für einen Moment vergisst - ein richtig guter Regisseur gewesen ist...


    Bestens
    M.


    p.s.: bemerkenswert ist übrigens, daß die Word-Rechtschreibprüfung das Wort »Auschwitz« als fehlerhaft markiert. Das – und nichts anderes – sind die Blüten, die übertriebene pc treibt.

  • Zitat

    Original von Joseph II.
    (...) ist auch ein Wilhelm Rode eines (objektiven) Threads hier würdig.


    Hast Du Dich mit Rode irgendwie beschäftigt? Mal was nachgelesen? Prieberg, Nowak, Kater vielleicht? Zu einer umfassenden Betrachtung gehört mehr als ein


    Zitat

    die Quellenlage ist überaus dürftig


    oder die schwammige Formulierung


    Zitat

    was an seiner wenig rühmlichen Rolle im Dritten Reich liegt.


    Ich habe mit grosser Sympathie den Beitrag von Jacques Rideamus unter "Was tut ein Moderator" gelesen, vielleicht regt Dich dieser Text von Jacques R. zum nachdenken an.


    Auch bei Peter Brixius findet sich einiges, was Dich nachdenklich stimmen sollte. Vielleicht verstehst Du z. B. meine Betroffenheit dann besser.


    Wenn das Thema Rode dem Ansehen des Forums nicht schadet, dann liegt das zumindest nicht an Deiner sorglosen Thread-Eröffnung.


    Eine Anmerkung zu Peter (Wien):


    Der Fall der Schwestern Konetzni - und insbesondere bei Anny - liegt etwas anders, obwohl diese alles andere als Gegnerinnen der Nazis waren. Immerhin hast Du jetzt hier doch noch auf diesen Umstand hingewiesen, gut so.

  • Zitat

    Original von Joseph II.
    ...
    Ich finde, man sollte heutzutage, über 60 Jahre nach diesen Ereignissen, doch in der Lage sein, über Leute wie Ney, Rode und Strienz zu diskutieren.
    ...


    Ja, wenn es denn dann etwas zu diskutieren gibt. Zumindest bei Rode scheint mir das nicht der Fall zu sein. Jedenfalls nicht über das Maß hinaus, das hier schon erreicht ist. Alles andere hieße entweder dem Betreffenden zu viel Ehre anzutun oder letztlich die ewige Diskussion über die Verstrickung oder das Schuldigmachen von Künstlern in der NS-Zeit an einem weiteren Ort zu führen.


    Gruß, Ekkehard.

  • Zitat

    Original von pbrixius
    Dass Saddam mE nicht dazu fähig gewesen wäre, Cages 4'33 aufzuführen, geschweige denn "gar nicht mal soo schlecht", sei nur einmal nebenbei angemerkt. 4'33 besteht nicht nur aus Schweigen. Aber das sollten wir in einem anderen Thread diskutieren, wenn das noch nicht geklärt ist :no:
    Liebe Grüße Peter


    Lieber Peter,


    zunächst einmal ist es KEIN Witz, daß Saddam wohl wirklich einmal vor ausgewähltem Publikum in seinem Bunker eine Aufführung von 4'33" am Klavier gab.


    Dass 4'33" nicht nur bloßes Schweigen ist, dafür habe ich mich bereits in diesem thread stark gemacht. :yes:


    :hello:
    Wulf


    P.S. Freilich habe ich übertrieben - in meiner "Hitler-Retrospektive" steckt die implizite Frage, wie weit hier manche gehen würden in der Ausblendung der Person dahinter. Insofern, ob beruflich als Künstler oder nicht, könnte man mit dieser Argumentation auch Bilder Hitlers diskutieren und die Ausblendung jeglicher biographischer Fakten fordern. Immerhin konnte er besser malen als ich...... :stumm:

  • Zitat

    Original von Armin Diedrich
    Ob es sich lohnt, ihr einen Thread zu widmen?



    Dieser Thread ist ja keinem gewidmet; er widmet sich wieder was, das sich dem widmet, wem man einen Thread zu widmen hat.



    .

  • Hallo Joseph,


    Gleich vorweg: Ich weiß, wie Du es gemeint hast, und daß Du da sicherlich niemanden verletzen wolltest oder gezielt ein NS-Relikt ausgraben wolltest, das besser verborgen geblieben wäre.


    Ich bin auch absolut gegen das Verschweigen. Man soll diese Figuren an den Pranger stellen und zeigen, wozu ein solches Regime führt: Daß Idioten, unbegabte Scharlatane, Halbsänger, Brüllaffen und andere künstlerische Kleingeister, Verbrecher und ihre Mitläufer ein fröhliches Leben und Treiben genießen, während andere Menschen Glück hatten, wenn sie auswandern konnten. Wenn sie weniger Glück hatten, krepierten sie in den KZs an Krankheiten, Menschenversuchen oder Gas.


    Wenn man unter solchem Aspekt ein Subjekt wie diesen Rode bespricht, bin ich sofort dafür. Ebenso, wenn man unter solchem Aspekt eine Elly Ney unter die Lupe nimmt, einen Strienz, einen Egk, einen Goodall und wie sie alle heißen.


    Die Weichenstellung erfolgt jedoch durch den Eröffnungsbeitrag.


    Und das ist es, was mir immer wieder irgendwie bitter aufstößt: Die Eröffnungsbeiträge zu den fraglichen Personen sind erstaunlich unkritisch und tun die angebräunte Vergangenheit dieser Widerlinge einfach ab, als hätten sie versehentlich ein Kavaliersdelikt begangen.


    Dann kommt eine Klarstellung - meistens von Alviano, Wulf und mir. Dann kommt das Aufheulen, wir mögen uns doch bitte auf das Künstlerische konzentrieren. Und irgendwann folgt dann das Lamento über die böse Politik, das böse Internet und eventuell auch die böse EU, weil das alles nur Nazijäger seien, statt künstlerische Werte zu würdigen.


    Nun gut: Wo ist bei einem Subjekt wie Rode der künstlerische Wert? Ein paar Uralt-Aufnahmen reichen aus, um einen solchen zu bestimmen?
    Ist doch Quatsch!


    Bleibt die Frage bestehen - auch nach außen hin: Was also soll's?


    Nun: Ich bin ein arroganter Hund, und was andere von mir denken, ist mir ziemlich egal. Mittlerweile zucke aber ICH SELBST zusammen angesichts dessen, was mir bei manchen Beiträgen durch den Kopf schießt. Und ich bin alles Andere als ein Linker oder ein sogenannter "Gutmensch".


    Nun detailliert zu Deinem Posting:

    Zitat

    Ich finde, man sollte heutzutage, über 60 Jahre nach diesen Ereignissen, doch in der Lage sein, über Leute wie Ney, Rode und Strienz zu diskutieren.


    Ja. Ich bin auch dieser Überzeugung. Wenn es einen Grundkonsens gibt, der lautet, man diskutiert über solche Subjekte, um daran die Mechanismen von Diktaturen auf dem Gebiet zu zeigen, das uns interessiert, nämlich die Musik. Wenn man anhand solcher Beispiele demonstriert, welche Auswirkungen eine Diktatur nationalsozialistischer (oder auch stalinistischer) Ausformung auf Menschen hat, wie das Bild einer Kunstrichtung im Einflußbereich der Diktatur verzerrt wird, wie Menschen korrumpiert werden und welch kleiner Schritt es ist vom Mitläufer zum Täter, dann sollen solche Neydlinge, Rodinge und Strienzlinge diskutiert werden. Aber doch bitte nicht unter dem Aspekt: Suchen wir, und sei es auch noch so krampfhaft, nach einem Gran Künstlertum, um diese Widerlinge hoffähig zu machen.


    Zitat

    Wenn aber selbst die renommierte Fa. Preiser Records ihm eine CD widmet, dann finde ich, ist auch ein Wilhelm Rode eines (objektiven) Threads hier würdig.


    Das halte ich für ein unzulässiges Argument. Preiser schmeißt alles auf den Markt, Hauptsache es ist alt und vokal. Für unseren Umgang mit dem Produkt sind wir verantwortlich, nicht Preiser.


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner


    Ja. Ich bin auch dieser Überzeugung. Wenn es einen Grundkonsens gibt, der lautet, man diskutiert über solche Subjekte, um daran die Mechanismen von Diktaturen auf dem Gebiet zu zeigen, das uns interessiert, nämlich die Musik. Wenn man anhand solcher Beispiele demonstriert, welche Auswirkungen eine Diktatur nationalsozialistischer (oder auch stalinistischer) Ausformung auf Menschen hat, wie das Bild einer Kunstrichtung im Einflußbereich der Diktatur verzerrt wird, wie Menschen korrumpiert werden und welch kleiner Schritt es ist vom Mitläufer zum Täter, dann sollen solche Neydlinge, Rodinge und Strienzlinge diskutiert werden. Aber doch bitte nicht unter dem Aspekt: Suchen wir, und sei es auch noch so krampfhaft, nach einem Gran Künstlertum, um diese Widerlinge hoffähig zu machen.


    Lieber Edwin,


    eben das interessiert mich auch, deswegen wehre ich mich dagegen, wenn zu früh von der Analyse in allgemeine Feststellungen abgebogen wird. Wie Du schon zu Recht festgestellt hast, beginnt die Diskussion mit einem fachlich fundierten Einführungsbeitrag. Den vermisse ich ehrlich gesagt in diesem Thread.


    Ich verstehe auch die Schwierigkeiten nicht, die eine solche sachliche Fundierung machen könnte. Eigentlich sollte wenigstens das Booklet der CD etwas bringen, aber es ist kein Fehler, Nachschlagewerke zu benutzen. Auch wenn Nachschlagewerke, wie noch zu beweisen ist, auch subjektive Darstellungen sind, so bringen sie genregemäß doch eine Menge von Tatsachen, die man noch interpretieren kann oder deren Interpretation man widersprechen kann.


    Aus dem Kutsch/Riemens erfahren wir, dass er am 17.2.1887 in Hannover geboren wurde. Er wurde zuerst Versicherungsangestellter, nahm dann Gesangsunterricht. 1909 debütierte er am Stadttheater von Erfurt als Heerrufer in "Lohengrin". Er machte Karriere: 1912-14 Stadttheater von Bremerhaven, 1914-21 Opernhaus Breslau, 1921-22 Opernhaus Stuttgart, 1922-30 an der Münchner Staatsoper, 1932-45 Deutsches Opernhaus Berlin. Er sang u.a. in den Uraufführungen von Kurt Weills "Die Bürgschaft" und Schrekers "Der Schmied von Gent". 1928 sang er in Covent Garden den Wotan, 1929-32 wirkte er bei den Salzburgern Festspielen mit und zwar als Pizarro im "Fidelio" und als Graf in "Figaros Hochzeit". Siegfried Wagner hielt ihn für den besten Wagner-Bariton seiner Zeit, konnte ihn aber nicht nach Bayreuth verpflichten.


    Dass der Kutsch/Riemens en passant "Gastspiele an der Grand Opéra Paris [...], in Amsterdam (1941)" nennt, ist in der Verkürzung irreführend. Es waren keine Gastverpflichtungen von Rode, sondern des "Deutschen Opernhauses" an denen er im Rahmen der NS-Kulturpolitik in den besetzten Ländern teilnahm - wer sich da ein wenig auskennt: ein Unterschied wie Tag und Nacht. Nicht der Gast wurde verpflichtet, sondern das Theater, an dem das deutsche Ensemble auftrat.


    Vor der Machtergreifung zeigt sich kein außergewöhnliches politisches Verhalten, das Repertoire zeigt eher sogar mit Weill und Schreker die Teilhabe an Kulturereignissen, die von der NS-Presse als "volksfremd" eingeschätzt wurden.


    Mit der Machtergreifung ändert sich das Bild, er tritt der NSDAP am 1. April 1933 bei (einer der "Spätberufenen"), wird Opernreferent des KfdK, Treuhänder der Spende "Künstlerdank", Sparte Theater, er spielt "Der Gott der Eisen wachsen ließ" mit Chor und Orchester ein, 1934 schreibt er in dem Aufsatz "Opernführung im Dritten Reich" (NS-Monatshefte V/52, Juli 1934, S. 610-15) u.a.


    Vor allem: Richard Wagners große Zeit war noch nicht und ist noch nicht. Sie kommt erst. Und mit ihm, dem auf dem tragenden Boden des Dritten Reiches Erfüllten, kommt für das einzig in der Welt dastehende vielgestaltige deutsche Operntheaterwesen der vokalistisch-einheitliche Große Stil, der seines Daseins tiefster und letzter Sinn ist und es zu einem gewaltigen Instrument seelischer und geistiger Volkserziehung machen wird.


    Er buhlt um die Gunst Röhms, um die Goebbels, erreicht sein Ziel: Er wird Intendant (1935 Generalintendant) des Deutschen Opernhauses.


    Davon morgen mehr ...


    Liebe Grüße Peter

  • Lieber Peter,

    Zitat

    das Repertoire zeigt eher sogar mit Weill und Schreker die Teilhabe an Kulturereignissen, die von der NS-Presse als "volksfremd" eingeschätzt wurden.


    Dieses Argument würde ich mit großer Vorsicht behandeln. Bedenke: Damals gab es an jedem Haus ein Ensemble, das zum Einsatz kam - auch bei solchen Werken. Schreker und Weill waren führende Komponisten ihrer Zeit, gelangten also auch an jenes haus, an dem Rode engagiert war.
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Lieber Peter,


    Dieses Argument würde ich mit großer Vorsicht behandeln. Bedenke: Damals gab es an jedem Haus ein Ensemble, das zum Einsatz kam - auch bei solchen Werken. Schreker und Weill waren führende Komponisten ihrer Zeit, gelangten also auch an jenes haus, an dem Rode engagiert war.
    :hello:


    Lieber Edwin,


    stimmt natürlich - doch es wäre ja auch ein aus Überzeugung vorgetragener Protest o.ä. möglich gewesen. ME zeigt es keine Übereinstimmung oder Zustimmung mit dem Repertoire, sicher aber keine vehemente Ablehnung. Es ist natürlich nur ein Indiz, aber solange ich nichts anderes finde, gehe ich davon aus, dass es möglicherweise eine Sympathie, aber keine aktive Mitarbeit bei der NSDAP oder einer ihrer Organisationen gab. Vor 1933 verzeichnet Prieberg nichts, dann aber schlägt die Nadel heftig aus ...


    Liebe Grüße Peter

  • Hier noch einige Nachträge, um der Kritik an meiner "unzureichenden Beschäftigung mit der Materie" entgegenzukommen:


    Zitat

    Vierhaus, Rudolf (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE), Bd. 8, 2., überarb. u. erw. Ausg., München 2007, S. 464.


    Rode, Wilhelm, Sänger, * 17. 2. 1887 Hannover, † 1. 9. 1959 München.
    Zunächst Versicherungsangestellter, nahm R. Gesangunterreicht bei Rudolf Moest in Hannover und debütierte 1909 am Stadttheater in Erfurt. 1912-14 war er am Stadttheater in Bremerhaven, 1914-21 am Opernhaus in Breslaus und 1921/22 an der Staatsoper in Stuttgart engagiert, gehörte 1922-30 zum Ensemble der Staatsoper in München und sang 1930-33 an der Wiener Staatsoper. 1932-45 wirkte R. am Deutschen Opernhaus in Berlin, wo er seit 1933 Generalintendant war. R. gastierte u. a. an der Grand Opéra in Paris, in Dresden, Amsterdam, Budapest, Madrid und an der Covent Garden Opera in London. 1929-32 wirkte er bei den Salzburger Festspielen mit. An der Städtischen Oper Berlin sang R. 1932 in den Uraufführungen von Kurt Weills Bürgschaft und Franz Schrekers Der Schmied von Gent. 1949-51 gastierte er am Stadttheater in Regensburg. R. galt als bester Wagner-Bariton seiner Zeit.


    Zitat

    Friedländer, Saul, u. Rüsen, Jörn (Hrsg.): Richard Wagner im Dritten Reich. Ein Schloß-Elmau-Symposion, München 2000, S. 156 f.


    "[…] Am 17. November 1935 wurde die Charlottenburger Städtische Oper in Berlin nach Renovierung wiedereröffnet. Der Programmzettel in mittelalterlicher Bullenform mit dem Hakenkreuz als Siegel zeigt schon, wes Geistes Kind diese von Goebbels mit einer Ansprache eingeleitete Veranstaltung war. Intendant des Hauses und gleichzeitig Sänger des Hans Sachs war der Heldenbariton Wilhelm Rode, ein bekannt eifriger Parteigänger des Nationalsozialismus. Die Deutsche Wochenschau nahm sich des Ereignisses an und filmte die Schlußansprache des Hans Sachs am Ende des Werks mit. So blieb ein unschätzbares Zeugnis erhalten, das in der Tat zeigt, wie man diesen Schluß propagandistisch im Sinne des Regimes instrumentalisieren konnte. Da es sich um einen Film handelt, bietet sich die Gelegenheit, auch Kinetik und Proxemik des Sängers gut zu beobachten. Im Gegensatz zu modernen 'Meistersinger'- Inszenierungen, in denen Hans Sachs in dieser Passage vor allem auf den ungebärdigen Walther von Stolzing einzuwirken versucht, der gerade die Meisterwürde abgelehnt hat, können wir hier einen Sachs beobachten, der sich sehr schnell nicht mehr um Stolzing kümmert, sondern dazu übergeht, sich zum Volkstribun zu stilisieren, mit überdimensionalen Gesten um Verständnis bei dem riesigen Choraufgebot heischt, wobei der rechte Arm sicher nicht aus Zufall mehrmals die Grenze zum sogenannten 'Deutschen Gruß' streift. Wie immer man diesen auch textlich prekären Schluß der 'Meistersinger' interpretiert: Das ist ein überzeugendes Beispiel dafür, daß es durchaus möglich war, bestimmte wenige Passagen aus den Werken Wagners szenisch der NS-Propaganda zumindest anzunähern. Auch musikalisch ist dieser Abschnitt der damaligen Aufführung durch ein überdimensionales Pathos, ein breites, klobiges Tempo und schwer erträgliche vokale Anbiederung des Sängers im Sinne eines 'volksgemeinschaftlichen' Populismus gekennzeichnet. Das Bühnenbild dieses dritten Aktes wurde von Benno von Arent entworfen, der für seine Arbeit an dieser Oper das Monopol des 'Reichsbühnenbildners' hatte und sie auch bei den Aufführungen der Reichsparteitage in Nürnberg wie auch in München ausstatten durfte (allerdings nie in Bayreuth arbeitete). Mit Recht ist auf die Annäherung der Festwiese an das Erscheinungsbild eben dieser Reichsparteitage hingewiesen worden. Aber gerade diese 'Meistersinger'-Aufführungen der Reichsparteitage haben auch ein Beispiel hinterlassen, wenn auch nur akustisch, das zu denken gibt. […]"


    M. E. rechtfertigt die oben zitierte Aussage "R. galt als bester Wagner-Bariton seiner Zeit" (DBE) - leicht variiert ja auch von Peter Brixius zitiert und dort Siegfried Wagner zugeschrieben (und dieser war gewiß ein Kenner der Materie) - eine Beschäftigung mit Rode insofern schon - und sei es nur, um diese Behauptung, die immerhin von angesehenen wissenschaftlichen Werken vertreten wird, zu widerlegen.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Lieber Joseph II.,


    erst einmal vielen Dank für die Nachträge.


    Das erste Zitat aus der DBE entspricht dem Sängerlexikon. Allerdings gibt es zwei Abweichungen:


    Zitat

    Original von Joseph II.
    Hier noch einige Nachträge, um der Kritik an meiner "unzureichenden Beschäftigung mit der Materie" entgegenzukommen:


    Die Ernennung zum Generalintendanten fand allen meinen Quellen nach 1935 statt, die zum Intendanten logischerweise vorher 1934. Nirgendwo finde ich 1933 als Beginn der Intendanz. Für ein Nachschlagewerk eine Todsünde ...


    Bei dem Engagements in Wien und Berlin gibt es nach DBE eine Überlappung, nach meinen Quellen war er 1930-32 in Wien und 1932-45 in Berlin, also ohne Überschneidung.


    Vielen Dank für das ausführliche und sehr aussagekräftige Zitat aus


    Zitat

    Friedländer, Saul, u. Rüsen, Jörn (Hrsg.): Richard Wagner im Dritten Reich. Ein Schloß-Elmau-Symposion, München 2000, S. 156 f.


    Zitat

    M. E. rechtfertigt die oben zitierte Aussage "R. galt als bester Wagner-Bariton seiner Zeit" (DBE) - leicht variiert ja auch von Peter Brixius zitiert und dort Siegfried Wagner zugeschrieben (und dieser war gewiß ein Kenner der Materie) - eine Beschäftigung mit Rode insofern schon - und sei es nur, um diese Behauptung, die immerhin von angesehenen wissenschaftlichen Werken vertreten wird, zu widerlegen.


    Du hast meine Unterstützung, was die Einrichtung des Threads angeht. Zu dem Siegfried Wagner-Zitat: einen Beleg gibt das Sängerlexikon (leider) nicht an, ich gehe mal davon aus, dass es authentisch ist. Es wird im Sängerlexikon im Zusammenhang damit gebracht, dass Rode nicht in Bayreuth auftrat. Nach dem Sängerlexikon schloss eine Teilnahme an den Münchner Opernfestspielen eine Berufung nach Bayreuth (für immer?) aus.


    Liebe Grüße Peter