Rache ist bitter - Guiseppe Verdi: Il Trovatore

  • Auf der Bühne war Cappucilli ein vorzüglicher Luna (ich glaube, es war die Aufführung mit Domingo, an die ich denke). Als Manrico auf Platte kommt man wohl nicht an Bergonzi vorbei, was die Stimmschönheit und die Phrasierung betrifft. Wenn es um fuoco geht, gilt das sinngemäß für Mario del Monaco.


    LG


    Waldi

  • Zitat

    Original von Walter Krause
    Auf der Bühne war Cappucilli ein vorzüglicher Luna (ich glaube, es war die Aufführung mit Domingo, an die ich denke). Als Manrico auf Platte kommt man wohl nicht an Bergonzi vorbei, was die Stimmschönheit und die Phrasierung betrifft. Wenn es um fuoco geht, gilt das sinngemäß für Mario del Monaco.


    LG


    Waldi


    Hallo Waldi!


    Mein Manrico ist Franco Corelli, an ihn kommt mMn nach niemand ran und in dieser Rolle, schon gar nicht Bergonzi. Ich hab mir folgende Aufnahme gekauft:


    ich finde Bergonzis Leistung hier einfach schlecht und hab meinen Unmut auch schon bei den Aufnahmen, die ich nie mehr hören möchte kundgetan. Wie man so schwache oder gar keine Spitzentöne singen kann, ist mir ein Rätsel.


    Ich mag Bergonzi, vor allem als Ernani und im Maskenball, aber als Trovatore mag ich ihn überhaupt nicht.


    Meine Lieblingsaufnahme ist die Schippers-Aufnahme mit Corelli:

    Hab über die Aufnahme auch schon in meinem Klassikkanon gesprochen!


    Ebenso stark von der Gesangsleistung, aber eine grauenhafte Tonqualität hat diese Aufnahme:

    Callas, Lauri-Volpi, ebenfalls unter Serafin


    Die beiden sind meine Favoriten und den Bergonzi kann man hier schmeißen, Vielleicht hab ich auch die falsche Aufnahme erwischt, aber mir kann er als Manrico echt gestohlen bleiben!


    LG joschi

  • Lieber Joschi,


    Natürlich ist Carlo Bergonzi kein effektvoll schmetternder Spitzentonfabrikant à la Corelli (den ich gleich Dir außerordentlich schätze), aber seine weichere Interpretation hat für mich etwas Elegantes, Romantisches, Gepflegtes; er ist nicht der Typ des heldischen Manrico, sondern eine Alternative - ich verstehe durchaus, daß man das nicht unbedingt mag, wenn man die "Standard"-Manricos gewöhnt ist. Für mich war die Platte mit Bergonzi, Stella und Cossotto seinerzeit der Volleinstieg in den "Trovatore", daher war ich nicht vorgeprägt. Bergonzi verkörpert für mich den Troubadour im eigentlichen Sinn, nicht den Kämpfer; Corelli ist der strahlende Heros, der Troubadour sozusagen nur nebenbei ist (wenn diese Übertreibung gestattet ist).


    LG


    Waldi

  • Hallo Waldi!


    Ich nehme bei Troubadour den Titel als solchen nicht ernst, denn die Troubadoure gab es ja schon lange nimmer.


    Ich lernte den Troubadour mit Lauri-Volpi und erst nach drei enttäuschenden Aufnahmen lernte ich Corelli kennen. So wollte ich den Manrico hören. Als strahlenden Helden, als Abenteurer, nicht als Troubadour, denn diese "Berufsgruppe" gabs ja zur Zeit der Handlung nimmer, darum hat der Manrico die Bezeichnung eigentlich nicht verdient.


    Nach Corelli holte ich mir Bergonzi ins Haus, der aber den Troubadour als Troubadour im mittelalterlicheren Sinn darstellt, eher zurückhaltend und wie du schon sgtest eleganter.


    Ich seh den Manrico als Kämpfer und nicht als "zahmen, eleganten Sänger", darum kann ich mit Bergonzi nix anfangen. Beim Manrico mag ich diese Helden"posen" sehr und darum werd ich auch mit romantischeren Manricos nie was anfangen können!


    Der nächste, den ich mir holen will wird del Monaco sein, ich denke, dass wird ebenso heldisch sein, wie bei Corelli, oder irre ich da??


    LG joschi

  • Nein, lieber Joschi, da irrst Du nicht.
    Wenn Mario del Monaco in seiner besten Zeit einen guten Tag hatte, war seine Stretta noch eindrucksvoller als die Corellis. In meiner Jugend habe ich Manrico und Monaco immer als synonym empfunden (den Othello laß ich jetzt beiseite). Ich mag reißerische hohe Cs (und Höheres) sehr, nur sind sie nicht mein einziges Ideal. Bergonzis Kultiviertheit hat mich auch schon immer fasziniert, wobei das aber, zugegebenermaßen, mit dem Alter immer stärker wurde - denn dann hört man sehr gern auf Zwischentöne und Nuancen, die früher für einen nicht so wichtig waren.
    Ich weiß nicht, wie Du zu italienischen Liedern stehst. Wenn man das Bergonzi mit Pavarotti und anderen vergleicht, spürt man, wie intelligent und gefühlvoll gleichzeitig Bergonzi diese Canzoni vorträgt. Dafür war auch "O sole mio" nicht so wichtig für ihn, da waren Giuseppe di Stefano und Big P. nicht zu schlagen.


    LG


    Waldi

  • Mein liebster Troubadour ist ebenfalls Jussi Björling. Kein anderer mir bekannter Sänger hat bei voller stimmlicher Beherrschung der Partie eine so nuancenreiche Interpretation abgeliefert. Ich kenne allerdings nur den MET-Mitschnitt von 1941 und die Cellini-Aufnahme von 1952. Björlings Studio-Aufnahme mit Milanov, Barbieri und Warren war vor Jahren meine allererste Operngesamtaufnahme. Ich habe bis heute keine bessere Aufnahme dieser Oper gefunden. Björling, Warren und Barbieri sind nach meinem Geschmack die absolut erste Wahl, Milanov und der Dirigent Renato Cellini sind immer noch sehr gut. Die Tonqualität ist mir, am Maßstab der 50er Jahre gemessen, noch nicht negativ aufgefallen.


    Carlo Bergonzi finde ich ebenfalls ausgezeichnet. Mir gefällt auch gerade die erwähnte Kultiviertheit in dieser Rolle. Vielleicht auch in dem Bewusstsein um seine stimmlichen Defizite, gestaltet er gerade beim "Di quella pira" wie kein zweiter. Obwohl er tatsächlich mehrfach quetscht und drückt, stört mich das nicht sehr. Das ist endlich ein Manrico, der nicht bloß kopflos und lärmend durch die gesamte Oper taumelt. Aber da hat wohl jeder andere Prioritäten. In der Studioaufnahme unter Serafin (1962) bleiben allerdings die Damen Stella und Cossotto ziemlich blass. Interessant ist noch ein Mitschnitt aus dem Bolschoi Theater (1964) mit Bergonzi, Tucci, Simionato und Cappuccilli. Gianandrea Gavazzeni dirigiert.


    In den erweiterten Favoritenkreis gehört für mich auch Placido Domingo. Wie Bergonzi verfügt er nicht über einen derart eindrucksvollen Höhenstrahl wie zum Beispiel Björling oder Corelli. Ich finde aber trotzdem, dass seine dunkel getönte Stimme recht gut zur Rolle passt. Neben Björling und Bergonzi ist er auch einer der wenigen, für die es in der Partie des Manrico nicht vor allem um Show geht. Wie so vieles hat Domingo auch diese Rolle zweimal aufgenommen. Ich gebe der älteren Aufnahme unter Mehta (1970), auch wegen der fabelhaften Leontyne Price und der hier besser aufgelegten Fiorenza Cossotto, gegenüber der Aufnahme unter Giulini (1983) den Vorzug.


    Maria Callas, eine überragende Leonora, hat in den von ihr existierenden Tonaufnahmen wohl nicht besonders viel Glück mit ihren Tenorpartnern gehabt:


    - In einer Aufnahme aus Mexico City (1950) hat man das zweifelhafte Vergnügen, den Manrico von Kurt Baum zu erleben. Wer seine Freude an ewig gehaltenen Spitzentönen hat, kommt hier voll auf seine Kosten. Bis auf die beeindruckende Lautstärke kann ich dieser Stimme allerdings nicht viel abgewinnen. Auch darstellerisch bleibt Baum ziemlich hölzern (das Wortspiel musste sein).


    - Gino Penno, in einem Scala-Mitschnitt von 1953, ist auch nicht wesentlich besser. Wie Baum gelingt es ihm nicht, dem Troubadour so etwas wie ein menschliches Gesicht zu geben. Wenn er sich um Emotionen bemüht ("Ah! Si, ben mio", 3.Akt) wirkt das auf mich einfach nur aufgesetzt. Außerdem fällt seine schlampige Phrasierung (insbesondere im Duett mit Azucena, im 2.Akt) negativ auf.


    - Giuseppe di Stefano in der von Karajan geleiteten Studio-Aufnahme (1956) ist in dieser Rolle, so sehr ich ihn auch schätze, leider fehlbesetzt. Er bringt zwar anders als Baum und Penno viel emotionales Engagement mit, bei seiner offenen Stimmführung fällt es mir allerdings schwer, mit Vergnügen zuzuhören. Die Stretta, von der er noch dazu zwei Strophen singen muss, bedeutet für ihn einen hörbaren Kampf, den er nur verlieren kann.


    - Am besten von den mitgeschnittenen Callas-Partnern zieht sich daher noch der fast 60-jährige Giacomo Lauri-Volpi aus der Affäre. Der genannte Mitschnitt aus Neapel (1951) gefällt mir recht gut, noch etwas besser ist aber die sehr leidenschaftliche RAI-Aufnahme aus dem selben Jahr, in der neben Lauri-Volpi die für meinen Geschmack sträflich unterschätzte Caterina Mancini die Leonora singt. Lauri-Volpi ist hier, wenn man sein Alter berücksichtigt, in erstaunlich guter Verfassung. Gerade die hohe Lage bereitet ihm überhaupt keine Probleme. Das war einer der ganz, ganz großen Manricos. Schade, dass es von ihm keine Gesamtaufnahme aus seiner Glanzzeit gibt.


    - Von dem gemeinsamen Auftritt von Callas und Björling an der Oper Chicago (1955) scheinen leider keine Aufnahmen zu existieren. Das wäre meine Traumbesetzung gewesen.


    Franco Corelli ist als Troubadour eine Kategorie für sich und hat in dieser Rolle viele Anhänger. Der Mitschnitt von den Salzburger Festspielen 1962, den auch hier viele als Referenzaufnahme hochhalten, hat mir nie besonders gut gefallen. Corelli ist selbstverständlich in blendender stimmlicher Verfassung, wirkt aber derart aufgedreht, dass ich es insgesamt etwas übertrieben finde. Außerdem erlaubt er sich einige rhythmische Freiheiten, die nicht ganz nach meinem Geschmack sind. Obwohl man ihn oft mit Lauri-Volpi verglichen hat, mag ich seine Darstellung weniger.


    :hello:

  • Hallo zusammen,


    Zitat

    Original von Zauberton:


    In den erweiterten Favoritenkreis gehört für mich auch Placido Domingo. Wie Bergonzi verfügt er nicht über einen derart eindrucksvollen Höhenstrahl wie zum Beispiel Björling oder Corelli. Ich finde aber trotzdem, dass seine dunkel getönte Stimme recht gut zur Rolle passt. Neben Björling und Bergonzi ist er auch einer der wenigen, für die es in der Partie des Manrico nicht vor allem um Show geht. Wie so vieles hat Domingo auch diese Rolle zweimal aufgenommen. Ich gebe der älteren Aufnahme unter Mehta (1970), auch wegen der fabelhaften Leontyne Price und der hier besser aufgelegten Fiorenza Cossotto, gegenüber der Aufnahme unter Giulini (1983) den Vorzug.


    Es freut mich, dass auch die Darstellung von Placido Domingos Manrico erwähnt wurde, ich finde nämlich auch, dass er sehr gut besteht.
    Allerdings gebe ich als Gesamtaufnahme der neueren unter Giulini (DG, 1984) den Vorrang, in gewisser Weise ist sie für mich sogar die schönste Gesamtaufnahme von allen:
    zum Einen wegen des sehr ausgeglichenen Solistenquartetts: Rosalind Plowright (Leonora), Brigitte Fassbender (Azucena), Placido Domingo (Manrico) und Giorgo Zancanaro (Luna); nicht zu vergessen Evgeny Nesterenko, der mit der Erzählung des Ferrando die Handlung meisterhaft in Gang bringt, zum Zweiten wegen der hervorragenden Chor- und Orchesterleistung, und zum Dritten wegen des Dirigats von Giulini, der das Orchester mit wunderbar dunklen und dennoch glühenden Klangfarben zur fünften und eigentlichen Hauptrolle werden lässt.


    Die Opernwirklichkeit der Entstehungszeit war ja wohl eher so, dass man vielleicht erstklassige Sänger in den Hauptrollen zur Verfügung hatte, die aber von den rasch zusammengewürfelten Orchestern ohne allzu große Probenzeit eher nur „begleitet“ wurden.


    In Giulinis Ansatz wird jeglicher „Kitsch“ vermieden, Il Trovatore ist, so dargestellt, kein „Reißer“ - in dem Ganzen steckt ein einheitlicher, fast sinfonischer Zug. Die von manchem als „konfus“ empfundene Handlung bekommt auf diese Art trotz der eher breiten Tempi einen „Drive“ hin zum katastrophalen Ende der Oper.


    Gruß
    Pylades

  • Zitat

    Original von Zauberton
    In den erweiterten Favoritenkreis gehört für mich auch Placido Domingo. Wie Bergonzi verfügt er nicht über einen derart eindrucksvollen Höhenstrahl wie zum Beispiel Björling oder Corelli. Ich finde aber trotzdem, dass seine dunkel getönte Stimme recht gut zur Rolle passt. Neben Björling und Bergonzi ist er auch einer der wenigen, für die es in der Partie des Manrico nicht vor allem um Show geht. Wie so vieles hat Domingo auch diese Rolle zweimal aufgenommen. Ich gebe der älteren Aufnahme unter Mehta (1970), auch wegen der fabelhaften Leontyne Price und der hier besser aufgelegten Fiorenza Cossotto, gegenüber der Aufnahme unter Giulini (1983) den Vorzug.


    Hallo Zauberton,


    leider irrst Du. Es gibt drei Aufnahmen mit Domingo als Manrico (von Live-Mitschnitten einmal abgesehen).


    1991 hat sich Domingo noch einmal hinreißen lassen, unter James Levine den Manrico zu singen.



    "Höhepunkt" der Aufnahme stellt die berühmte Stretta dar, in der Domingos Stimme -weil es mit dem "hohen C" gar nicht mehr so recht klappen wolte- technisch und künstlich aufgehellt werden mußte (deutlich zu hören im abschließenden "All'armi").


    Ich schätze Domingo in der Mehta-Aufnahme sehr. Deswegen finde ich es umso bedauerlicher, daß gerade dem nachgeholfen werden mußte, das ihn ohnehin nie auszeichnete, nämlich die strahlende Höhe.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Hallo Norbert,


    von der Aufnahme wusste ich tatsächlich nichts. Die muss aber auch ziemlich schnell in den Archiven versackt sein. Im Moment scheint sie jedenfalls nicht greifbar zu sein. Deinen Worten entnehme ich auch, dass es nicht allzu schade darum ist, oder irre ich? Wie sind denn die anderen Sänger?

  • Die von Norbert beschriebene Nachbesserung ist in der Tat deutlich hörbar und irritierend. Im Hinblick auf das Dirigat Levines ist die Aufnahme aus meiner Sicht aber durchaus beachtlich. Sehr zügige Tempi, viel Feuer. So muss man diese Oper spielen. Ich habe nie verstehen können, wie Giulini (DG 1984) zu seinem Interpretationsansatz kommen konnte. Das ist wie in Zeitlupe gespielt. Es mag dabei zwar die ein oder andere "schöne" Stelle hervorgehoben werden, dabei wird aber der Charakter des Werkes gröblichst verfehlt. Einen "Reißer", und als ein solcher ist die Oper vom ersten Ton an ohne Zweifel konzipiert, muss man auch als solchen spielen. Dabei kommt die Hauptrolle eindeutig dem Sängerquartett zu. Es ist, wie Herbert Henn schon zutreffend ausgeführt hat, eindeutig eine "Sängeroper". Wie sagte einmal jemand so zutreffend: Eine gute Aufführung des "Trovatore" lässt sich ganz einfach bewerkstelligen, man braucht nur die vier besten Sänger der Welt!


    Loge

  • Jussi Björling hat sich auf einer Einzelaufnahme des "Ah! si ben mio" 1938 "getraut", den Schluss der Romanze piano zu singen - für mich ein wunderbares Experiment.
    Leider ist diese Aufnahme seinerzeit nicht veröffentlicht worden; ein Jahr später wählte er dann den effektvolleren Schluss, der dann auch auf den Markt kam. Beide Versionen sind in der JB Edition zu hören.


    lg petra

  • Zitat

    Original von Zauberton
    Hallo Norbert,


    von der Aufnahme wusste ich tatsächlich nichts. Die muss aber auch ziemlich schnell in den Archiven versackt sein. Im Moment scheint sie jedenfalls nicht greifbar zu sein. Deinen Worten entnehme ich auch, dass es nicht allzu schade darum ist, oder irre ich? Wie sind denn die anderen Sänger?


    Hallo Zauberton,


    ich besaß die Aufnahme vor etlichen Jahren und war nicht böse darüber, daß ich sie wieder loswurde.


    In sofern denke ich, daß es bei den anderen Sängern niemanden gab, der mich nachhaltig zum Behalten der Aufnahme animieren konnte... ;)

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler



  • Danke! Dann sehe ich mich darin bestätigt, dass es hier keine dringende Notwendigkeit gibt, auch noch den dritten Domingo-Troubadour anzuschaffen. Vielleicht wenn die Aufnahme mal billig auf den Markt geworfen wird...

  • Zitat

    Original von Zauberton



    Carlo Bergonzi finde ich ebenfalls ausgezeichnet. Mir gefällt auch gerade die erwähnte Kultiviertheit in dieser Rolle. Vielleicht auch in dem Bewusstsein um seine stimmlichen Defizite, gestaltet er gerade beim "Di quella pira" wie kein zweiter.


    Nicht mangelnde stimmliche Mittel, sondern im Gegenteil ein enormer Reichtum an Musikalität und sängerischem Können sind aus meiner Sicht der Grund für diese großartige Interpretation.
    Und sie ist so selten, weil man einfach immer so gerne grobschlächtige Heldentenöre in diese Rolle setzt, damit das C in der Stretta auch noch in der Nachbarstadt zu hören ist. Dabei sollte man nicht vergessen, dass dieser Ton von Verdi ursprünglich nicht vorgesehen war. Wohl hat er aber die Gruppetti in "Di quella pira" komponiert, auch einen Triller, und große Teile der Partie fordern subtiles lyrisches Singen, weshalb nicht zufällig der überragende lirico-Spinto des Jahrhunderts, nämlich Björling, einer der größten Vertreter dieser Rolle geworden ist. (Ein ähnliches Problem ist der Radames, auch gerne mit Sängern besetzt, die außer laut singen wenig zu bieten haben.)


    Gerade Corelli und del Monaco sind aber deshalb äußerst unbefriedigende Rollenvertreter. Laut singen können sie, aber sonst ? Die Gruppetti sind verschmiert, bei Monaco in seinem Einheitsforte ist an differenzierte lyrische Töne nicht zu denken und wenn sich Corelli daran versucht, muss man leider lernen, dass gut gestützte dynamische Schattierungen nicht allen Tenören zur Verfügung standen.


    Bergonzi übertrifft an sängerischer Finesse beide deutlich, muss aber mangels Squillo in einigen Teilen der Partie stark forcieren, was die Leistung dann doch trübt (dennoch ist er mir deutlich lieber als Corelli und del Monaco). Björling mangelt es weder an Squillo, noch an Musikalität, geschweige denn an sängerischen Mitteln. Insofern sicher mit Recht als einer der Größten in dieser Rolle zu nennen.


    Gruß
    Sascha

  • Hallo,
    ich habe eine Aufnahme von 1964 Live mit dem Ensemble der "Scala":
    Carlo Bergonzi, Gabriele Tucci, Giulietta Simionato, Piero Cappuccilli, u.a.
    unter dem Dirigenten Gianandrea Gavazzeni.
    Es war ein Gastspiel in Moskau.


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Hallo zusammen,


    Zitat

    Original von Loge


    …Sehr zügige Tempi, viel Feuer. So muss man diese Oper spielen. Ich habe nie verstehen können, wie Giulini (DG 1984) zu seinem Interpretationsansatz kommen konnte. Das ist wie in Zeitlupe gespielt. Es mag dabei zwar die ein oder andere "schöne" Stelle hervorgehoben werden, dabei wird aber der Charakter des Werkes gröblichst verfehlt. Einen "Reißer", und als ein solcher ist die Oper vom ersten Ton an ohne Zweifel konzipiert, muss man auch als solchen spielen. Dabei kommt die Hauptrolle eindeutig dem Sängerquartett zu….


    Grundsätzlich falsch ist das, was sich in dem Zitat findet, sicherlich nicht: „Reißerisches“ und Feuer gehören zu dieser Oper, und richtig ist auch, dass sie vom Gesang lebt.


    Allerdings macht sich Temperament nicht nur an der Tempowahl fest, und sowohl was Glut als auch was Gesangleistungen angeht, muss sich die Giulini-Einspielung nicht verstecken.


    Was die Tempi angeht:


    Zitat

    Zitat aus der Textbeilage:


    „Gedanken zu Interpretation und Aufnahme des Troubadur“ - aus einem Gespräch mit Carlo Maria Giulini (von Gabriele Cervone):


    …Ein eingehendes Studium des Autographs von Verdi und dessen Eintragungen in seine eigene Partitur sind Giulinis Aufnahmearbeit vorangegangen. Großen Wert legte er dabei, wie erwähnt, auf Verdis originale Metronomangaben. So ungewohnt und überraschend manche Tempi in dieser Aufnahme wirken mögen – sie beruhen auf den überlieferten Vorstellungen des Komponisten und sind deshalb verbindlich für das Gesamtkonzept des Dirigenten…


    Ob das stimmt oder nur Werbebehauptung ist, kann ich nicht verifizieren – immerhin halte ich persönlich Giulini für einen integren Musiker, und nach meinem persönlichen Empfinden spricht auch das Ergebnis für sich.


    Wenn es aber nicht gelogen ist, und davon gehe ich aus, dann hat die Aufnahme, was die Tempi angeht, immerhin Verdi selbst zum Kronzeugen, und diesem den Sinn für Theaterwirkung abzusprechen würde ich nicht wagen. Und es wird auch verständlich, wie Giulini zu seinem Interpretationsansatz kommen konnte.


    Letzten Endes bleibt das Alles eine Geschmacksfrage, und das Einzige, was ich von dem Zitat von Loge wirklich für angreifbar halte, ist das „...so muss man diese Oper spielen...“
    Ich glaube vielmehr, dass erst die Vielfalt der interpretatorischen Ansätze zur Einsicht führen kann. Und: „in meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“


    Vielleicht zum Schluss ein Geständnis: ich liebe auch die Aufnahme mit Björling, Milanov, Barbieri und Warren unter Cellini!


    Gruß
    Pylades

  • Zitat

    Original von Siegfried
    Wer war denn nun mit wem verwandt? :pfeif:



    Hmmm, lass es mich rekonstruieren:


    Azucena wollte den jüngeren Nachwuchs von Luna sen. hinterherschmeißen ins Feuer und erwischte ihren. Behalten hat sie den Luna - Nachwuchs. Also ist Manrico der Bruder von Luna jun. = der derzeit amtierende). Andere Verwandtschaften in der Oper finde ich momentan nicht, denn Leonora ist ja nicht mit den Herrn verwandt (zumindest nicht allzu nah), es haben sich nur beide in sie verliebt.


    Es ist wirklich eine schauerliche Geschichte. Ich könnte mir nicht vorstellen, die Azucena auf deutsch zu singen :untertauch:


    Grüße,


    Ulrica

  • Zitat

    Original von Ulrica
    Es ist wirklich eine schauerliche Geschichte. Ich könnte mir nicht vorstellen, die Azucena auf deutsch zu singen :untertauch:
    Grüße,
    Ulrica


    Einst schleppte ein wilder Haufe
    Meine Mutter, die Arme, zum Holzstoss!
    Siehst du dieses dunkle Schwelen?
    Zitternd schon naht sie sich!
    Die Glut ergreift sie.
    Zum Himmel Funken stieben,
    Wild rollen ihre Augen,
    Todesschrecken umkrallt sie!
    Ach! Wer bannt mir das schreckensvolle Bild,
    Das Schreckensbild?


    Das ist wirklich starker Tobak, doch bis Mitte der 60er Jahre hat man diese Opern nur in deutsch zu hören gekriegt 8o

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Azucena ist in der Tat eine von schwersten Traumata gebeutelte Figur und Verdi arbeitet, finde ich, mit seiner Musik heraus, dass sie nicht böse ist, sondern nur bis ins Tiefste verzweifelt. Sie kann sich nichts anderes mehr vorstellen, als durch die Rache eine Art Gleichgewicht der Verhältnisse und damit vermeintlich innere Ruhe zu erreichen. Gerade mit Stride la Vampa und dem Kontrast zwischen der locker - flockigen Musik und dem schauerlichen Text wird der Umgang mit dem Trauma hervorragned dargestellt, finde ich.


    Einiges ist an dieser Oper unlogisch, (wie z. B. der Krach, den Luna macht, um sich vermeintlich an das Kloster heranzuschleichen), aber die Figuren stimmen, gerade die Azucena.


    LG


    Ulrica

  • Hallo Siegfried,
    aber wo sind die Aufnahmen aus den 60er Jahren.
    Es gibt doch nicht nur Corelli oder del Monaco.
    Wo sind die Deutschen Trovatoren?

  • Hallo Ulrica,
    auch meiner Meinung nach ist die Azucena von Verdi als tragische Figur gezeichnet, die zwischen dem Aufruf der Mutter nach Rache und ihrem ambivalenten Verhältnis zu Manrico hin und her gerissen wird.
    Ich mag es deshalb auch nicht, wenn sie, wie ich es noch in einer Aufführung aus dem letzten Jahr gesehen habe, als dämonische Superschurkin mit Zigeunerkolorit auf die Bühne gestellt wird.
    Diese Oper kann wirklich gut aufgeführt werden, wenn man sich auf das Beziehungsgeflecht zwischen den Personen konzentriert und von dem ganzen folkloristischen Brimborium abstrahiert, das in früherer Zeit gerade um diese Oper immer gemacht wurde, und das von den Marx-Brothers in "One night at Opera" herrlich parodiert wurde.


    LG Petra

  • dieter schrieb


    Zitat

    Es gibt doch nicht nur Corelli oder del Monaco


    In der vergangen Woche habe ich die "Trovatore"-Einspielung aus den 60ern unter Leitung von Thomas Schippers aufmerksam gehört und komme zu dem Fazit, dass der Dirigent noch das beste an dieser Einspielung ist, auch wenn das Orchester des Opernhauses Rom keines der ganz "grossen" Orchester ist. Rasches Grundtempo, federnd, eher unsentimental, leider aber mit den zeitüblichen Strichen.


    Bei den Sänger/innen überzeugt mich am ehesten noch Robert Merrill, der eine grundsolide Leistung bietet, allerdings, wie ich finde, in dieser Aufnahme auch nicht mehr.


    Für Guilietta Simionato kommt diese Einspielung schon etwas spät - sie kämpft an mancher Stelle hörbar mit ihrer Partie, kleinere Figuren verrutschen, die Höhe wirkt angestrengt, die Registerübergänge gelingen nicht mehr so, wie in früheren Jahren.


    Gabriella Tucci erreicht weder die Leistung von Maria Callas noch von Leontyne Price.


    Tja, und Franco Corelli? Ich finde seine Eigenwilligkeiten und Ungenauigkeiten mittlerweile doch als eher störend. fast würde ich sagen, dass mir dann Mario del Monaco mit seiner etwas eindimensionalen Gestaltung der Partie besser gefällt, als Corelli.


    Um es einmal mehr zu erwähnen: Das, was Carlo Bergonzi als Manrico zeigt, hat mehr Vorzüge, als Nachteile: allein, weil er im Fluss der Musik bleibt, auf Linie singt, immer wieder aufhorchen macht, wie ihm eine Passage gelingt, das hat Klasse.


    Auch Jussi Björling ist für mich die bessere Alternative zu Corelli, del Monaco oder Bonisolli.

  • Zitat

    Original von Zauberton


    - Am besten von den mitgeschnittenen Callas-Partnern zieht sich daher noch der fast 60-jährige Giacomo Lauri-Volpi aus der Affäre. Der genannte Mitschnitt aus Neapel (1951) gefällt mir recht gut, noch etwas besser ist aber die sehr leidenschaftliche RAI-Aufnahme aus dem selben Jahr, in der neben Lauri-Volpi die für meinen Geschmack sträflich unterschätzte Caterina Mancini die Leonora singt. Lauri-Volpi ist hier, wenn man sein Alter berücksichtigt, in erstaunlich guter Verfassung. Gerade die hohe Lage bereitet ihm überhaupt keine Probleme. Das war einer der ganz, ganz großen Manricos. Schade, dass es von ihm keine Gesamtaufnahme aus seiner Glanzzeit gibt.


    Die RAI-Aufnahme wird von Fernando Previtali dirigiert. Eine insgesamt gute und routinierte, aber nicht außerordentliche Einspielung (was möglicherweise z.T. auch auf die nach damaligem Maßstab für mich nicht ganz optimale Tonqualität zurückzuführen ist). Sowohl die Mancini als auch Lauri Volpi haben mit den Spitzentönen kleinere Probleme. Lauri Volpi fehlt mitunter doch schon der Schmelz (im Schlußakt bietet er dafür eine fast perfekte Leistung). Carlo Tagliabue ist ein zu wenig böser Luna, Miriam Pirazzini jedoch eine engagierte Azucena.


    LG


    Waldi


  • Lieber Waldi,


    gerade habe ich die Aufnahme nochmals in Auszügen gehört und stimme dir insoweit zu, dass das keine perfekte, wahrscheinlich objektiv betrachtet nicht einmal eine besonders gute Aufnahme des Trovatore ist. Aber sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie um 1950 und wahrscheinlich auch früher Oper in Italien verstanden wurde.


    Lauri-Volpi war zum Zeitpunkt der Aufnahme ganz sicher über seinen Zenit hinaus. Seine große Szene im dritten Akt ("Ah, sì ben mio" mit der Stretta) ist gerade mit Blick auf die Ziernoten ziemlich dürftig gestaltet. Sein "All'armi" ist wiederum derart laut, dass den im Tonstudio Anwesenden die Ohren weggeflogen sein dürften. Für einen 59-Jährigen mehr als beeindruckend! Ich sehe diese Aufnahme vor allem als eine Reminiszenz an einen der ganz großen Tenöre des 20. Jahrhunderts.


    Caterina Mancini erinnert mich immer ein wenig an Maria Caniglia, von der (außer von mir :P) bei Tamino auch nicht sehr viel Positives zu lesen war. Beide waren gut geerdete Spinto-Soprane, wie man sie heute kaum mehr auf der Bühne findet. Die Spitzentöne werden nicht immer erreicht, aber verdammt noch mal: Diese Weiber hatten Feuer! Und gerade bei diesem Trovatore heizen Mancini und Lauri-Volpi ordentlich ein. Carlo Tagliabue klingt allerdings auch mir etwas zu rau und wenig aristokratisch.


    Generell mag ich diese RAI-Aufnahmen aus den 1950er Jahren, weil sie zeigen, was Oper damals in Italien war: keine überhöhte Kunstform sondern eine Herzensangelegenheit. Die Sänger sind in diesen Aufnahmen fast immer ausschließlich Italiener. Alles wirkt natürlich, und beim Radio hatte man auch nicht den Anspruch, eine Aufnahme für die Ewigkeit zu produzieren, so dass man kleinere (oder manchmal auch größere) Fehlleistungen nicht korrigiert hat. Die Tonqualität ist fast immer suboptimal, trägt allerdings auch zu dem etwas schäbigen Charme dieser Einspielungen bei. Ich verstehe diese Aufnahmen daher eher wie Livemitschnitte als Gelegenheit zum Kennenlernen vergessener Stimmen und wichtige Beiträge zur Rezeptionsgeschichte.


    :hello: nach Wien!

  • Lieber Zauberton,


    Über die Stretta Lauri Volpis besteht Einigkeit zwischen uns, glücklicherweise besteht der "Trovatore" nicht nur aus dieser. Und über Maria Caniglia sage ich gerne Lobsprüche (nur kann ich das leider ausschließlich auf einer schmalen Basis, die ich aber irgendwann zu erweitern gedenke). Die Mancini ist sicher auch schon über ihren Höhepunkt hinaus, die jüngeren Nachwuchskräfte à la Antonietta Stella brachten mehr lyrische Empfindsamkeit ein, dafür sicher etwas weniger Feuer, da hast Du ganz recht.


    Die RAI-Serie liebe ich, die meisten Aufnahmen sind vorzüglich, die Tonqualität nur selten unter Durchschnittsniveau, manchmal aber deutlich darüber (ich höre gerade die traumhafte "Sonnambula" - eine echte Callas-Alternative). Dein Ausdruck "Herzensangelegenheit" trifft ins Schwarze! Ich würde sogar "italienisches Herzblut" sagen.


    LG


    Waldi

  • Ja das Libretto ist schon etwas verworren, aber


    auch nicht verworrener als bei der Sizilianischen Vesper,


    auch da bleibt kaum einer am Leben und es ist schon etwas "undurchdringlich".


    Schöne Ostern an Euch alle wünscht Euch Peter aus Wien

    Einmal editiert, zuletzt von oper337 ()

  • Hallo,


    die Trovatore-Diskografie dominierten m.E. bisher zwei historische Studioproduktionen unter Renato Cellini (1952) und Herbert von Karajan (1956).


    Gespannt bin ich auf den Live-Mitschnitt aus der MET vom 27.12.1947, der am Dienstag, 25.03.2008, von Bayern4Klassik von 19:05-21:35 in folgender Besetzung gesendet wird:


    Leonora - Stella Roman
    Il Conte di Luna - Leonard Warren
    Azucena - Margaret Harshaw
    Manrico - Jussi Björling
    Ferrando - Giacomo Vaghi
    Ruiz - Lodovico Oliviero
    Ines - Inge Manski und andere
    Chor u. Orch. der MEt, Leitung: Emil Cooper


    Ich werde über meinen Eindruck der Aufführung berichten, die einen der besten Verdi-Tenöre mit dem suggestiven Luna-Darsteller zusammenführte. Bekanntlich haben sowohl Björling als auch Warren in Cellinis RCA-Produktion den vokalen Maßstab gesetzt, möglicherweise übertreffen sie als Live-Akteure noch ihre spätere Interpretation.
    Inwieweit die beiden Damen das phänomenale Männerduo ergänzen werden, interessiert mich im Besonderen.


    Beste Grüße
    Klaus

  • Meine Lieben,


    Auf die Gefahr hin, einige Sympathien zu verlieren, reihe ich die Salzburger Festspielaufführung 1962 nicht unter die allerbesten Aufnahmen.




    Für mich hört man hier deutlich, wie Karajan eine Spur zu sehr dem äußeren Effekt huldigt. Allerdings ist eine traumhafte Leontyne Price als Leonora zu hören, die Herz und Stimme perfekt vereinigt.


    Giulietta Simionato singt eine Azucena mit allen Simionato-Vorzügen, tendiert aber hier, wie bei ihr nicht so selten, in eine ähnliche Richtung wie Karajan.


    Ettore Bastianini zeigt, daß man auch, wenn man gerade nicht in Hochform ist, trotzdem begeistern kann.


    Franco Corelli wirkt drei Akte lang als schlampiges Genie und erreicht nicht ganz sein normales Niveau, erst im vierten legt er einen Manrico hin, der gleichsam unvergeßliches Format besitzt.


    Die kleineren Rollen sind vorzüglich besetzt, die Tonqualität ist sehr gutes Mono.


    Man könnte die Aufnahme charakterisieren à la "Paradies mit kleinen Fehlern".


    LG


    Waldi