Ludwig van Beethoven: Sinfonien - Welcher Zyklus ist der Beste?

  • Die Frage kann ich mir nun selbst beantworten: Ja, das Eröffnungskonzert der neuen Berliner Philharmonie 1963 wurde in Stereo mitgeschnitten.

    Und so sah das LP-Album aus:


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    Ich ging immer davon aus, dass die folgene LP eine Probe für das Eröffnungskonzert der neuen Philharmonie in Berlin dokumentiert. Allerdings wirken außer der Janowitz nun Hilde Rössl-Majdan, Waldemar Kmentt und Walter Berry mit - und es singt der Wiener Singverein. Kann miich jemand aufklären?


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    Die Platte war - wie aus dem Aufdruck des Labels zu nehmenme ist - offensichtlich in Mono:


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    Es grüßt Rüdiger als Rheingold 1876

  • Die Eingangsfrage Welcher Zyklus ist der beste ist natürlich niemals eindeutig zu beantworten. Deshalb muß sie von jedem für sich selbst beantwortet werden. In meiner Diskothek befinden sich, neben zahlreichen Einzelausgaben, auch insgesamt 14 Gesamtaufnahmen, darunter so hochkarätige wie die von Klemperer, Szell, Leibowitz, Solti und Karajan (2x).

    Wenn ich aus heutiger Sicht einem Einsteiger eine Gesamtausgabe empfehlen sollte, so würde ich wahrscheinlich auf diese tippen:

    oder so:

    Beide Editionen sind identisch; es handelt sich um Studioaufnahmen aus der Mitte der 1980er Jahre. Warum gerade diese? Erstens sind es Digitalaufnahmen, die klangtechnisch bestens geraten sind, zweitens bringt Wand sämtliche Wiederholungen (was längst nicht alle Dirigenten tun), drittens sind es nach meinem Empfinden Aufnahmen der "goldenen Mitte", was aber keineswegs mit Mittelmaß zu verwechseln ist. Es würde zu weit führen, auf nähere Einzelheiten einzugehen, deshalb beschränke ich mich auf eine Aussage des SPIEGEL kurz nach dem ersten Erscheinen der Box: "Drei Sterne im CD-Michelin".


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Der Staatsopernchor war in den 50ern-70ern sicher nicht besser als der Singverein, jedenfalls nicht für Beethovens 9. oder gar Bach. Karajan hatte einfach keine große Auswahl. Die meisten Chöre waren damals relativ schlecht. Das merkt man bei einer typischen Oper natürlich fast nie, bei Beethovens 9. oder Mozart Requiem schon eher, bei Bach gfallt's mir nimmer. St.-Hedwigs-Kathedrale war eine einigermaßen solide Ausnahme und einer der besseren Laienchöre in dieser Zeit. Einer der besten deutschsprachigen Chöre bis in die 80er war der Rundfunkchor Leipzig, aber bis dahin gab es dann auch bessere professionelle Chöre an einigen Rundfunkanstalten usw. Jedenfalls ist das Chorniveau in den letzten 60 Jahren vermutlich der am deutlichsten verbesserte Qualitätsparameter in der klass. Musik.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Beide Editionen sind identisch; es handelt sich um Studioaufnahmen aus der Mitte der 1980er Jahre. Warum gerade diese? Erstens sind es Digitalaufnahmen, die klangtechnisch bestens geraten sind, zweitens bringt Wand sämtliche Wiederholungen (was längst nicht alle Dirigenten tun), drittens sind es nach meinem Empfinden Aufnahmen der "goldenen Mitte", was aber keineswegs mit Mittelmaß zu verwechseln ist.

    Lieber Nemorino,


    um mal kurz ein Haar zu spalten (;) ) Das stimmt nicht ganz. Eine Wiederholung im Mittelteil des Scherzos der 9. Sinfonie wird nicht gespielt. Allerdings ist das zu verschmerzen in der Beurteilung der zweifelsfrei sehr hohen musikalischen Qualität der Aufnahmen.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Eine Wiederholung im Mittelteil des Scherzos der 9. Sinfonie wird nicht gespielt.

    Lieber Norbert,


    danke für die Berichtigung. Das ist mir, ehrlich gesagt, gar nicht aufgefallen. Ansonsten sind die Wiederholungen aber wohl alle da, was mir zumindest bei der Eroica und der Siebenten sehr angenehm aufgefallen ist. Wenn ich es recht im Sinn habe, hat auch Solti (in beiden GA) die Wiederholungen gebracht. Wie auch Konwitschny in seiner alten GA von 1959/60 auf PHILIPS/FONTANA (was damals echt die Ausnahme war!).


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Lieber Nemorino,


    die Wiederholung wird recht häufig weggelassen, auch von Dirigenten, die die Wiederholung der Exposition beachten. Sie verlängert die Spielzeit des Scherzos um ca. eine Minute und ist für mich verzichtbar.


    Zum ersten Mal bin ich übrigens auf die Wiederholung in der EMI-Aufnahme mit Otto Klemperer von 1957 aufmerksam geworden. Das hatte mich seinerzeit sehr erstaunt, weil Klemperer längst nicht alle Wiederholungen spielen ließ (z.B. bei der 3. oder 7. Sinfonie).

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Guten Tag zusammen,

    Ich besitze seit ein paar Tagen den Karajan Beethoven Live Zyklus aus dem Jahre 1966 und bin damit bis jetzt sehr zufrieden.

    Die 9. Sinfonie möchte ich hervorheben

    Karajan dirigiert die Sinfonie mit voller Wucht und Dynamik- ohne dabei dich aufzutragen. Die Tempi wechseln sind bei der Liveaufnahme faszinierend und exakt, die Linien der einzelnen Instrumentenstimmen klar und genau gezeichnet. Die Berliner Philharmoniker geben darauf alles hin. Die Solisten singen ausgezeichnet und die vier Chöre singen mit voller Sangesfreude.

    1. 14:34

    2.9:49

    3:16:06

    4:24.:12

    Gundula Janowitz, Sopran

    Yonako Nagano, Mezzo- Sopran

    John van Kesteren, Tenor

    Martti Olavi Tavela, Bass

    Tokyo Hoso Chor

    Tokyo Nikikai Chor

    Der Philharmonische Chor von Tokyo

    Der Fujiwara Oper Chor

    16.4.1996



    Leider kommt es bei der 3. Sinfonie und sowie der 9. Sinfonien zur Tonschwankungen, was ich sehr bedauere.

    Bruckner+Wand So und nicht anders :)

  • Columbia Symphony Orchestra / Bruno Walter (1958/59)

    Wenn ich das richtig überblicke, haben lediglich zwei vor 1880 geborene Dirigenten einen kompletten Zyklus der neun Symphonien von Ludwig van Beethoven in Stereo eingespielt: Zum einen der 1875 geborene Pierre Monteux mit dem London Symphony Orchestra und den Wiener Philharmonikern in den Jahren 1957 bis 1962 für Decca bzw. Westminster (Nr. 9), zum anderen der 1876 geborene Bruno Walter mit dem Columbia Symphony Orchestra in den Jahren 1958 und 1959 für Columbia. Während die Gesamtaufnahme von Monteux im Forum schon häufiger Erwähnung fand, trifft dies auf Walters Zyklus weit weniger zu.


    In den letzten Tagen habe ich mich mit zunehmender Begeisterung durch "alle Neune" gehört und würde ohne Umschweife von einem der ganz großen Zyklen sprechen wollen, der auch nach über 60 Jahren noch ganz vorne mitspielen kann, spätestens seit dem letzten Remastering von 2019 auch klanglich.


    Bruno Walters Beethoven-Stil ist unverkennbar von der Spätromantik beeinflusst - kein Wunder, er dirigierte ja schon in den 1890er Jahren, zu Lebzeiten von Brahms, Bruckner und Mahler (den er bestens kannte). Es ist ein ziemlicher Gegenentwurf zum viel strengeren Beethoven-Bild, welches der knapp ein Jahrzehnt jüngere Otto Klemperer zeichnet und das auf Pathos völlig verzichtet. Walter hat keine Probleme damit, hie und da (sehr gekonnte) Ritardandi einzubauen und so der Agogik eine ganz persönliche Note aufzudrücken, ohne freilich den Beethoven'schen Geist zu verfälschen. Beide, Walter und Klemperer, sind auch meilenweit entfernt vom Beethoven-Stil, den Herbert von Karajan zumal mit seiner bahnbrechenden DG-Einspielung von 1961/62 ablieferte. Im direkten Vergleich merkt man gut, wieso Karajans Beethoven seinerzeit als sportlich und modern wahrgenommen wurde. Auch ist bei Walter gut das typisch wienerische Idiom spürbar, wirkte er in der Donaumetropole doch über viele Jahre. Auf viele heute übliche Wiederholungen (so besonders auffällig im Kopfsatz der Fünften) verzichtet Walter, was für mich persönlich keinen Grund zur Abwertung darstellt, aber manch anderen wohl irritieren könnte. Von Altersschwäche oder zuweilen kolportierter Weichzeichnung für mein Dafürhalten keine Spur.


    Ganz besonders stark gelingen Bruno Walter für mein Dafürhalten die "kleinen" Symphonien Nr. 1, 2 und 8, die mächtig aufgewertet werden und großsymphonisch erklingen. Die Streicher sind stark besetzt, doch droht bei diesen Columbia-Einspielungen m. E. nie die Gefahr, dass sie die Holzbläser und Pauken zudecken. Überhaupt erstaunlich, wie stark Walter das Schlagwerk herausstellt, insofern auch anders als Klemperer (wobei man dort den EMI-Tontechnikern das Verschulden anlasten dürfte). Der Bass kommt nicht zu kurz bei Walter, der gerade die tiefen Instrumente schön hervorzuheben weiß.


    Ein weiteres Glanzstück dieses Zyklus ist die Vierte, die ich seit Furtwängler nicht mehr so überzeugend gehört habe. Besonders im Kopfsatz zieht Walter hier wirklich alle Register, es ist nicht zu überbieten. Er macht aus der Zweiten bereits eine "kleine Eroica". Auch die große Eroica gefiel mir ausgezeichnet. Die langsamen Sätze kostet Walter besonders aus, so in der Dritten und Fünften, aber auch in der Siebenten, wo er eindeutig für die Auslegung als Trauermarsch plädiert. Das wird heutzutage viel tänzerischer genommen, was es aber nicht automatisch besser macht. O welch überschwängliche Töne Walter dem Schluss des Finalsatzes der Siebten entlockt!


    Die Pastorale unter Walter wurde von der Kritik immer besonders positiv hervorgehoben. Tatsächlich erzielt er in den ersten drei und im letzten Satz eine ungemein pastorale Stimmung, wie sie selten erreicht wurde. Dieser Ansatz kommt beim Gewittersturm etwas an seine Grenzen, doch war es wohl bewusstes Kalkül, hier nicht das Inferno losbrechen zu lassen, wie es etwa Furtwängler in seinen Live-Mitschnitten vollbrachte.


    Die Neunte hat ebenfalls ganz wunderbare Momente, so in der Coda des Kopfsatzes, der bereits an Bruckner gemahnt, und im sehr paukenlastigen Scherzo. Himmlisch das Adagio mit bald 18 Minuten. Der zuweilen kritisierte Finalsatz (der als einziger in New York, nicht in Los Angeles entstand), bringt den Westminster Symphonic Choir und vier heutzutage kaum mehr bekannte Solisten ins Spiel: Emilia Cundari, Nell Rankin, Albert Da Costa und William Wilderman. Obwohl zuweilen angekreidet, machen sie ihre Sache gut und weit besser als man das in manch anderen Aufnahmen erleben kann. Die Hauptrolle spielt freilich Bruno Walter. Ganz wunderbar gelingt ihm die instrumentale Überleitung zwischen dem Tenor-Solo und dem Freude-Chor, wo ein wahrhaft philharmonischer Geist spürbar wird, jedes Einzelinstrument verortbar erscheint und jeder Musiker kongenial zum Ganzen beiträgt, wie ich das noch nicht vernommen habe.


    In der Summe ein ganz großer Beethoven-Zyklus, der für meine Begriffe sehr gute bis herausragende Aufnahmen beinhaltet und in jede Beethoven-Sammlung gehört.


    Hörgrundlage war das erwähnte neueste Remastering von 2019, das in der großen Columbia-Box (unten links) wie auch digital (auch zum Streamen) erschienen ist. Punktuelle Vergleiche mit alten CD-Auflagen ergaben für mich einen deutlichen Zugewinn an klanglicher Brillanz - womöglich klingt die jüngste Einzelauflage des Beethoven-Zyklus von 2015 (unten rechts) aber ähnlich hervorragend.


    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • RE: Walter oder Steinberg ???


    Lieber Josef,


    Deine einmütige positive Begeisterung für Walters Beethoven hat mich meganeugierig gemacht. ;) Ausserdem kann man sagen: Wenn Dir ein Beethoven-Zyklus gefällt, dann sind auch die Pauken dabei. :thumbup:

    Bei mir ist kein Sinfonien-Zyklus so häufig vertreten, wie die Beethoven-Sinfonien. Ein Weiterer wäre eigentlich nicht erforderlich ... aber wenn man deine Worte liesst, dann kann man nur weich werden ...


    Ich habe in den letzten Tagen genau verfolgt, was Norbert zum neu erschienenen Steinberg-Zyklus geschrieben hat. Bei allen guten Worten, aber so klar und eindeutig und auch auf alle Sinfonien bezogen, wie hier bei Walter war das nicht. Auch der Paukenklang ist bei Steinberg nicht so direkt, sondern wohl eher in den Orchesterklang integriert !?!


    Bei mir ist kein Sinfonien-Zyklus so häufig vertreten, wie die Beethoven-Sinfonien. Ein Weiterer wäre nicht erforderlich ... aber bei dieser positiven Eindrücken, komme ich nicht umhin, meine Bestellabsichten für Steinberg hinten an zu stellen und Walter vorzuziehen.

    Bei dem Preis weit unter 20,-€ und der guten CBS-Klangerwartung ist das keine Frage - :jubel:Bestellung ist gemacht !



    Der Walter-Beethoven-Zyklus ging auch an mir vorbei. Ich habe nur immer wieder gelesen, dass sein Brahms-Zyklus sehr bedeutend sein soll.

    Insofern sind meine einzigen Bruno-Walter-CDs meine Favoritenaufnahme des Brahms - Doppelkonzertes und =>

    die im Beethoven-Zyklus enthaltene CD 6 mit dem VC mit Zino Francescatti habe ich seit Jahrzehnten als Einzel-CD vorliegen. Es war immer meine Lieblingsaufnahme, bis ich als Ergänzung die Aufnahme mit der faszinierenden Beethoven-Kadenz und Tetzlaff/Zinman (ARTE-NOVA) hörte.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • zum anderen der 1876 geborene Bruno Walter mit dem Columbia Symphony Orchestra in den Jahren 1958 und 1959 für Columbia. Während die Gesamtaufnahme von Monteux im Forum schon häufiger Erwähnung fand, trifft dies auf Walters Zyklus weit weniger zu.

    Lieber Joseph,


    ganz herzlichen Dank für Deine tolle Besprechung! Beim Reinhören in die Hörschnipsel fand ich Walters "romantischen" Beethoven wirklich ungemein anziehend und überzeugend.


    Noch eine Frage: Hast Du auch den Zyklus von Paul Kletzki mit der wunderbaren Tschechischen Philharmonie? Ich habe nicht alle Aufnahmen (die gibt es als Box inzwischen), aber einige Einzel-CDs. Das ist auch ein sehr poetischer Beethoven und wäre einer Besprechung wert!



    :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Danke, lieber Holger.


    Von Kletzki mit der Tschechischen Philharmonie habe ich vor Jahren mal diese oder jene Symphonie gehört, sicherlich aber nicht alle zusammen. Ich glaube Dir aufs Wort, dass der in diesem Thread ebenfalls erwähnenswert wäre. Es ist schier unfassbar, wie viele sehr gute Zyklen der Beethoven-Symphonien es gibt. Ich muss das bei Gelegenheit überprüfen - dank Streaming kann man heutzutage ja problemlos in diese oder jene Aufnahme hineinhören.


    Beste Grüße und danke für die Anregung!

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Von Kletzki mit der Tschechischen Philharmonie habe ich vor Jahren mal diese oder jene Symphonie gehört, sicherlich aber nicht alle zusammen. Ich glaube Dir aufs Wort, dass der in diesem Thread ebenfalls erwähnenswert wäre. Es ist schier unfassbar, wie viele sehr gute Zyklen der Beethoven-Symphonien es gibt. Ich muss das bei Gelegenheit überprüfen - dank Streaming kann man heutzutage ja problemlos in diese oder jene Aufnahme hineinhören.

    Lieber Joseph,


    von Kletzki habe ich die 5., 6., 8. und 9. Ich finde in diesem Fall spannend, dass es sich hier mal nicht um die Berliner oder Wiener Philharmoniker handelt, sondern ein europäisches Orchester mit einer ganz anderen Tradition und einem sehr idiomatischen - böhmischen - Eigenklang, das sich Beethoven mit einem deutschen Dirigenten der alten Schule erarbeitet. Eigentlich eine sehr spannende Konstellation!


    Schöne Pfingstgrüße

    Holger

  • Lieber Joseph,


    zuerst einmal danke für die liebevolle Besprechung der Gesamtaufnahme von Bruno Walter.


    Sie befindet sich seit Jahren in meinem Besitz, allerdings in dieser Edition:



    mit Copyrightdatum 2003.


    Ich hatte mir, da ich mich zur Zeit eh sehr viel mit Beethoven beschäftige, die CD mit den Interpretationen der 4. und 6. Sinfonie angehört:



    Wie man Bruno Walters Beethoven hört und bewertet, hängt stark davon ab, welches Beethoven Bild man generell bevorzugt. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass Bruno Walter aus der Tradition eines Furtwänglers oder aller anderen "Granden", die ein spätromantisches Beethoven Bild gezeichnet haben, begeistert. Müsste ich beide Aufnahmen mit kurzen Schlagworten charakterisieren, so fiele mir als erstes "liebevoll" ein, als zweites "altersmild".


    Bruno Walter erlitt 1957 einen Herzinfarkt. Bemerkenswert ist, dass er nach der Genesung erheblich langsamere Tempi präferierte als davor. So ist beispielsweise seine Live-Aufnahme von Bruckners 7. Sinfonie von 1954 mit ca. 55 Minuten (!) über neun Minuten schneller als seine Studioaufnahme von 1961 (was allerdings ausdrücklich kein Qualitätskriterium darstellt, denn beide Aufnahmen gehören für mich zu den unbedingt besitzenswerten).


    Mein Beethoven Bild ist "zeitlos". Ich unterscheide nicht zwischen "wann aufgenommen", sondern nur zwischen "gefällt" und "gefällt nicht". Bei den beiden Aufnahmen gefällt mir das warmherzige Klangbild. Die 4. Sinfonie erklingt lieblich, heiter, bei der "Pastoralen" nimmt Bruno Walter die Satzbezeichnungen sehr ernst, er vermittelt die reichhaltigen Gefühle, die Beethoven in den Überschriften als "Ausdruck der Empfindung" verstanden wissen wollte.


    Auf der anderen Seite fehlt mit bei der 4. ein bisschen der Schwung, und bei der "Pastoralen" liebe ich den zweiten Satz, die "Szene am Bach", der von Walter wunderbar ausgestaltet wurde, empfinde aber in den anderen Sätzen auch wieder einen "gebremsten Schwung" und einen "etwas zu dicken Pinsel".


    Bruno Walters Beethoven muss man ausschließlich mit dem Herzen hören. Dann kann man sehr viel Gefallen an seinen Interpretationen finden. Schaltet sich der Kopf ein und man vergleicht mit anderen Aufnahmen, selbst aus den späten 50ern (z.B. mit André Cluytens oder Carl Schuricht oder Herbert von Karajan in Mono), dann wird man hier und da feststellen, dass Bruno Walters Interpretationen "aus einer anderen Zeit stammen" (was aber auch wiederum kein Qualitätskriterium darstellt).


    Mir persönlich ist die Gesamtaufnahme als Ergänzung sehr willkommen, insbesondere, wenn ich Beethoven "mit Gefühl" hören möchte.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Hallo,


    ich bin nicht der Sinfonie-Experte,


    ich habe seit 20 Jahren folgende GA:


    Nikolaus Harnoncourt, cond

    Chamber Orchestra of Europe


    (Warner, DDD, 1990)



    Ich persönlich finde die Aufnahmen sehr erfrischend und mit nicht übertriebenen HIP-Elementen. Ich habe zum Beispiel auch Einzelaufnahmen mit C. Kleiber, G. Wand und C. Abbado. Im Vergleich stehen die Harnoncourt-Aufnahmen IMO sehr gut da.


    LG Siamak

  • RE: Bruno Walter

    Müsste ich beide Aufnahmen mit kurzen Schlagworten charakterisieren, so fiele mir als erstes "liebevoll" ein, als zweites "altersmild".

    Hätte ich Deine Eindrücke zuerst gelesen, hätte ich mich warscheinlich doch eher für Willam Steinberg (DG) als meinen nächsten Ergänzungskauf der Beethoven-Sinfonien entschieden.

    Josef ist ja dafür bekannt, dass er auch mit gemässigten Tempi allgemein gut zurecht kommt.

    Bei mir entsteht ständig das Gefühl anschieben zu müssen ...

    Josef hat zwar recht, dass die Pauken allgemein gut und präsent aufgenommen sind, doch der gebremste Schaum stört mich.


    So ist die eigentlich feurige Siebte für meinen Geschmack viel zu getragen mit gebremstem Schwung. Der Finalsatz ist zwar vom Tempo her stimmig und mit 6:45 richtig gut, aber es will sich keine Begeisterung und wirklicher Hörspass einstellen, wie bei Karajans wildem Finale (DG, alle).

    Sehr edel, schön und durchsichtig der zweite Satz, der bei Karajan dagegen schon direkt unsauber klingt !


    Zuerst hatte ich die Achte gehört und war zunächst recht angetan, auch was die präsenten pauken anbetrifft, die man in Aufnahmen aus dieser Zeit selten so präsent hört. Aber das Menuett ist mir zu gemütlich und der Finalsatz ist ein Allegro vivace; bei Walter höchstens ein Allegro con moto ...

    8) Da fühle ich mich mit Aufnahmen von Bernstein, Solti, Szell, Ansermet, die ich vergleichend hörte einfach besser aufgehoben. Ganz exqusit auch Leibowitz !


    Die Erste und Fünfte sind sicher grosse Walter-Aufnahmen, doch letztendlich fehlt mir bei der Fünften die grosse Aussagekraft.


    Die Zweite ist auch gut, aber der 2.Satz Larghetto ist mir mit unglaublichen 14:34 zu breit und zu schön. Dagegen gelingt ihm der 3.Satz Scherzo wieder richtig stimmig mit 3:51. Der 4.Satz, höchst durchsichtig interpretiert, gefällt mir mit 6:53 auch richtig gut.



    :| Alles in Allem sicher, wie Josef schreibt, ein grosser anerkennenswerter Beethoven-Zyklus ... aber mir reicht alleine kein "liebevoll" und erst recht kein "altersmild".

    Tolles Remastering C2015 für Aufnahmen von 1958/59, die besser und natürlicher klingen, als der "meistverkaufte" Beethoven-Zyklus = Karajan I (DG).



    :?: Norbert, welche Punkte kannst Du für mich in die Waagschale werfen, die im Vergleich zu Walter für Steinbergs Zyklus sprechen würden ?

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Du hättest halt die strafferen/knackigeren Mono-Aufnahmen von Bruno Walter kaufen müssen, die hätten dir besser gefallen. (Scherz).

    Sport lässt Menschen besser aussehen - Wein aber auch.

  • :?: Norbert, welche Punkte kannst Du für mich in die Waagschale werfen, die im Vergleich zu Walter für Steinbergs Zyklus sprechen würden ?

    Lieber Wolfgang,


    ich hoffe, nach dem Wochenende kann ich etwas gewichtiges in die Waagschale legen, weil ich mir dann seine Gesamtaufnahme noch einmal zu Gemüte führen werde.

    Nach dem erstmaligen Hören fiel mir positiv auf, dass Steinberg ein sehr gutes Gespür für Tempi hatte. Stets bewahrte er den musikalischen Fluss, seine Vorangehensweise war stets vorwärts gerichtet, er entwickelte stellenweise sogar ein Temperament, das ich in der Art eher von Hermann Scherchen kannte.


    Der Kopfsatz der 4. Sinfonie ist dafür ein gutes Beispiel. Das einleitende Adagio nimmt er sehr breit, um sich dann im Allegro vivace fast in einen Rausch zu steigern. So spielfreudig und temperamentvoll habe ich den Satz sehr selten gehört. Er "lässt das Orchester los", bremst und kontrolliert nicht, und das Orchester nahm diese "Freiheit" dankend an. Dieser erste Satz, so wie die ganze Sinfonie gehört zu den Highlights der Gesamtaufnahme, aber dazu in ein paar Tagen mehr...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Deine einmütige positive Begeisterung für Walters Beethoven hat mich meganeugierig gemacht.

    Bei dem Preis weit unter 20,-€ und der guten CBS-Klangerwartung ist das keine Frage: Bestellung ist gemacht !

    Hätte ich Deine Eindrücke zuerst gelesen, hätte ich mich warscheinlich doch eher für Willam Steinberg (DG) als meinen nächsten Ergänzungskauf der Beethoven-Sinfonien entschieden.

    Lieber Wolfgang,


    ich bin zwar weder Joseph noch Norbert, aber als ich las: "Bestellung gemacht", dachte ich spontan: Zu spät! Sonst hätte ich gleich eine leichte Warnung ausgesprochen, weil ich Deine Vorlieben ein wenig zu kennen glaube. Zu Steinbergs Beethoven kann ich nichts sagen, ich kenne ihn nicht.


    Ich besitze den Stereo-Zyklus von Bruno Walter schon lange, aber, ehrlich gesagt, so richtig glücklich bin ich nicht damit geworden. Bei aller Verehrung für den großen Humanisten Walter, aber in diesen Spätaufnahmen war er doch, von Ausnahmen abgesehen, auf die ich gleich komme, zu sehr "Weichzeichner". Alles klingt warm, wohlig, aber (für mich) ist das mehr ein Beethoven für Schlummerstunden, und für solche sind eigentlich andere Komponisten eher prädestiniert. Johannes Schlüter hat in #916 auf den "Mono-Walter" hingewiesen, und das nicht zu Unrecht. In diesen alten Aufnahmen, die zwischen 1942 und 1953 entstanden sind (mit dem New York PO, außer Nr. 6, da spielt das Philadelphia Orchestra), ist Walter viel zupackender, spontaner, einfach Beethoven-näher. Aber Mono ist ja für Dich kein Thema, und ich muß auch sagen, daß dieses Mono selbst für mich einigermaßen gewöhnungsbedürftig ist. Allerdings hatte ich den Zyklus (der eigentlich ja keiner ist, bei diesem langen Aufnahme-Zeitraum) nicht komplett, doch der Klang von Nr. 3, 4 & 6 ist mir noch in nicht sonderlich guter Erinnerung.


    Zweiter, für mich ganz entscheidender Minuspunkt des Stereo-Zyklus: Walter mißachtet konsequent praktisch sämtliche Wiederholungsvorschriften, und das kommt in vielen Fällen fast Amputationen gleich. Schon in der großartig gelungenen Ersten wiederholt er nicht die Exposition im Kopfsatz, von den anderen ganz zu schweigen, aber daß er selbst in der Fünften die Wiederholung des 1. Satzes ausläßt, ist eigentlich unverzeihlich. Der Satz ist ohnehin nicht länger als einer von Haydn, und die ganze Exposition dauert kaum 2 Minuten, da fehlt mir für die Streichung jedes Verständnis, selbst wenn ich das hohe Alter des Dirigenten berücksichtige, das ihn vielleicht dazu verleitet hat, die "Sache" rasch hinter sich zu bringen. Walter war ohne sehr schwer zu bewegen, sich noch mit über 80 ins Aufnahmestudio zu bewegen. Da hat CBS einiges an Geduld, Zeit und Geld aufwenden müssen, um ihn aus seiner "heimatlichen Hütte" zu locken.


    Kurz und gut: Aus diesem späten Stereo-Zyklus schätze ich sehr die Sinfonien 1 & 2, trotz meiner Einwände, auch die Nr. 7 ist, von den schmerzhaft fehlenden Wiederholungen abgesehen, glänzend gelungen, aber besonders teuer ist mir Walters späte Lesart der Pastorale, die ich mit zu den besten zähle, die ich überhaupt kenne. Da schenkt er sich sogar nicht die Wiederholung im 3. Satz, die Karajan ursprünglich immer ausließ (nicht in seiner Aufnahme von 1977). Aber das ist fast die einzige Ausnahme. Ich bin kein Prinzipienreiter, was die Wiederholungen betrifft, aber hier ging Walter für meine Begriffe entschieden zu weit. Da helfen auch die besonders gelungenen einzelnen Sätze nicht viel, von denen ich vor allem die langsamen Sätze der Fünften, Siebten und Neunten hervorheben möchte, die für sich genommen wirklich erstklassig sind. Da hört man den Bruno Walter, wie ich ihn schätze und liebe. In der Neunten, das sei auch noch gesagt, sind die Solisten nur mäßig, und auch der Chor scheint mir nicht zu den besten zu gehören, von dem holprigen Deutsch ganz abgesehen.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Ich besitze den Stereo-Zyklus von Bruno Walter schon lange, aber, ehrlich gesagt, so richtig glücklich bin ich nicht damit geworden. Bei aller Verehrung für den großen Humanisten Walter, aber in diesen Spätaufnahmen war er doch, von Ausnahmen abgesehen, auf die ich gleich komme, zu sehr "Weichzeichner". Alles klingt warm, wohlig, aber (für mich) ist das mehr ein Beethoven für Schlummerstunden, und für solche sind eigentlich andere Komponisten eher prädestiniert.

    Lieber nemorino,


    ja, Bruno Walters Beethoven ist mir auch zu "gemütlich" um zu Norbert ein weiteres Schlagwort einzubringen.

    Da habe ich mich zu schnell von Josefs Begeisterung anstecken lassen. Zusammenfassend hat Walter schon einen sehr noblen Beethoven aufgenommen, der auch klanglich für 1958/59 sauber aufgenommen ist. Insgesamt im Vergleich mit Karajan weit präziser mit hörbar deutlichen Details ... aber was nützt das alles, wenn Walter mich als Hörer nicht packt.

    Josef meinte, dass Walters Zyklus in keiner Sammlung fehlen sollte. Da er mich nicht mitnimmt und seine Tempi fern der Beethovenschen Metronomangaben sind, werde ich diese GA nicht in meine Sammlung integrieren. (Was soll ich mit CDs, die ich ohnehin nicht hören werde.)


    Ein ähnliches Beispiel, was das zu langsame Tempo angeht ist Herbert Blomstedts alter Ostzyklus mit der Staatskapelle Dresden (Brillant). Den hatte ich mir für läppische 10€ vor vielen Jahren mal gekauft, weil die Sinfonie Nr.8 nach Empfehlung einen so packenden deutliche Paukenklang aufweisst ... das war es aber auch schon. Blomstedts Beethoven Zyklus ist mit insgesamt viiiiiiiel zu langsam; im Prinzip auch die Achte, denn was alleine die Pauken angeht gibt es inzwischen bessere Alternativen = Ernst Ansermet, von den neueren Aufnahmen Paavo Järvi (SONY-DVD), Jukka-Pekka Saraste (Hänssler) und ganz extreem fetzig Riccardo Chailly/Gewandhausorchester Leipzig (Decca).


    8) Was die Wiederholungen angeht, bin ich nicht so empfindlich und auch ohne Ansprüche.

    Ist ja schön, das Georg Solti in seinen beiden geschätzten GA (Decca, digital und analog) beachtet, aber für mich kein Muss. Ein Punkt den ich Walter nun nicht so unverzeihlich ankreide wie Du. ;) Das Bruno Walter "die Sache" schnell hinter sich bringen will, wie Du schreibst, das glaube ich nun nicht, denn man merkt schon seine Liebe zu Beethoven ...

    Mir ist die Interpretation und das Gefallen entscheidend. Zum Beispiel George Szell, der hat auch nicht alle Wdh dabei, aber das sind für mich beachtliche Interpretationen, wobei ich allgemein bei Szells straffen Aufnahmen so gut wie immer begeistert bin.


    Du schätzt, wie Josef, die Pastorale mit Bruno Walter. Die werde ich mir in den nächsten Tagen mal anhören/ggf reinhören. Du weisst wie ich über die Pastorale denke ... da bin ich von Karajan (von mir aus) verdorben. Es "zieht" bei mir keine Andere als die mit Karajan und am liebsten die letzte Aufnahme (DG, 1984), die nun wirklich von allen Normen abweicht ... 8) sei es drum !

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Groß geworden bin ich in Sachen Beethoven-Sinfonien mit dem Gewandhausorchester unter Franz Konwitschny. Zu Zeiten, in denen für eine schwarze Scheibe des Gelblabel satte fünfundzwanzig Mark über den Ladentisch gingen war der Zyklus aus Leipzig das, was man heute ein Schnäppchen nennt.

    Bereits vorher landete in meiner bescheidenen Plattensammlung eine "Eroica" mit der Nordwestdeutschen Philharmonie unter Wilhelm Schüchter. Beide Dirigenten leisten ordentliches Kapellmeisterhandwerk, die Einspielungen können sich heute noch hören lassen.


    Jahrzehnte gingen ins Land, die Schallplatte wich der CD, und auf diesem Träger zog der Zyklus mit David Zinman und dem Tonhalle Orchester Zürich in meine Sammlung ein. Aufnahmen, die ich heute noch mit Vergnügen höre.


    Eine zweite, dritte, vierte Gesamteinspielung, gar noch mehr? Ich wüßte nicht warum und wozu.

  • Groß geworden bin ich in Sachen Beethoven-Sinfonien mit dem Gewandhausorchester unter Franz Konwitschny.

    Zu Zeiten, in denen für eine schwarze Scheibe des Gelblabel satte fünfundzwanzig Mark über den Ladentisch gingen war der Zyklus aus Leipzig das, was man heute ein Schnäppchen nennt.

    Hallo, Udo

    Genauso ist es bei mir. Seit meinen späteren Jugendjahren habe ich diese GA und ich bin nach wie vor zufrieden damit, finde sie richtig gut

    und diese Aufnahmen zählen für mich zu den Besten.

    Das hängt natürlich auch mit jahrelangen Hörgewohnheiten zusammen, die sich manifestiert hatten.

    Es gab ja auch seinerzeit bei uns kaum andere Aufnahmen zu kaufen, man hatte demzufolge keine große Auswahl.

    Ab und zu gab es mal die eine oder andere einzelne LP. Ich erinnere mich hier lediglich an eine LP mit der 5. Sinfonie, die war aus Rumänien.

    Ich erinnere mich deshalb, weil, ich hatte sie gekauft (die 5. war damals und für lange Zeit meine Lieblingssinfonie).

    Ich habe sie aber wieder zurückgegeben, weil ich beim Hören zu Hause festgestellt habe - da war an einer Stelle ein Ton drauf,

    irgendein unbeabsichtigtes zufälliges, aber störendes Geräusch, was da nicht reingehörte.

    Was die Preise, das "Schnäppchen" betrifft, so waren das bei uns konstante Preise - pro Klassik LP 12.10 DDR Mark.

    Eine zweite, dritte, vierte Gesamteinspielung, gar noch mehr? Ich wüßte nicht warum und wozu.

    Auch hier stimme ich Dir zu. Ich kenne nun im Laufe der Jahre natürlich sehr viele andere Aufnahmen, habe inzwischen aber außer der genannten

    Konwitschny GA zusätzlich nur noch eine Karajan GA. Und da muß ich sagen - beide reichen mir für den Hausgebrauch.


    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Das hängt natürlich auch mit jahrelangen Hörgewohnheiten zusammen, die sich manifestiert hatten.

    Du beschreibst ein Manko chrissy, typisch für meine Generation (die vielleicht auch Deine ist) - die all zu festgelegten Hörgewohnheiten. Kein Wunder, bei der kleinen Sammlung die wir hatten, und deren Lieblingsstücke rauf und runter liefen.


    Beim Klassiker unter den Klassikern besonders ausgeprägt, gehörten seine Werke doch zum Grundstock. Ich investierte stolze fünfundzwanzig Mark für sein Violinkonzert., als ich wenig mehr als dreihundert Mark monatlich verdiente. Dem gingen drei Anläufe voraus, bei denen mir die geduldige Verkäuferin jedesmal die Platte in einer Kabine auflegte. Bis endlich der langwierige, mühsame Kaufentschluss fiel.


    Keine Ahnung, wie oft ich mir das Werk von Yehudi Menuhin und dem Philharmonia Orchester unter Wilhelm Furtwängler vorspielen ließ. Ich weiß nur, dass mich die erste Konzertbegegnung mit dem Werk irritierte. Die Hofer Symphoniker hatten zu einem Jubiläumskonzert den heute zu unrecht vergessenen Ricardo Odnoposoff für das Opus 61 eingeladen. Die Aufführung wollte mir nicht gefallen, widersprach der Solist doch meiner Hörgewohnheit.


    Viele Liebhaber berichten ähnliche Erfahrungen, und oft geht es dabei um die Beethoven-Sinfonien, besonders die 3, 5 und 9.

  • Du beschreibst ein Manko chrissy, typisch für meine Generation (die vielleicht auch Deine ist) - die all zu festgelegten Hörgewohnheiten. Kein Wunder, bei der kleinen Sammlung die wir hatten, und deren Lieblingsstücke rauf und runter liefen.

    Hallo, Udo

    Vielen Dank für Deine Antwort. Ich bin vielleicht eine kleine Generation später als Du, aber das spielt hier keine Rolle.

    Du hast recht mit Deiner Bemerkung - es geht hier um die all zu festgelegten Hörgewohnheiten, die Du hier als "Manko" definierst.

    Ich bin generell schon immer ein großer "Gewohnheitsmensch", stehe zwar prinzipiell Neuem nicht uninteressiert entgegen,

    auch aufgeschlossen, was ja auch logisch ist, sonst würde man ja vieles nicht kennen, aber ich tu mich in meiner Entscheidung

    für Neues, gegenüber Altem, Gewohnten, meist etwas schwer. Das betrifft natürlich auch die Musik.

    Ein Beispiel: Das Weihnachtsoratorium, aufgenommen 1958. Viele Jahre später, ich war noch ein Kind, hatten meine Eltern diese LP.

    Ich glaube, es gab bei uns in der DDR auch keine andere Aufnahme und ich hörte sie nun jedes Jahr zu Weihnachten und das auch noch bis heute.

    Natürlich kenne ich inzwischen nun auch viele, viele andere Aufnahmen und Interpretationen. Und wahrscheinlich gibt es musikalisch und auch

    vor allem technisch bessere Aufnahmen, aber für mich ist diese Aufnahme die Beste und wird es auch immer bleiben.

    So geht es mir auch mit Beethovens Klavierkonzerten, von denen ich besonders das 5. ganz sehr liebe und mag.

    Und da habe ich seit meiner Jugendzeit die Aufnahmen mit Arrau unter Haitink, die möchte ich nicht tauschen, obwol ich auch hier

    inzwischen sehr, sehr viele andere Aufnahmen und Interpretationen kenne und auch schätze und mag.

    Ja, also Manko... Ich weiß für mich nicht so recht - ist Hörgewohnheit wirklich ein Manko - und wenn ja, ist das schlecht oder gut???


    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • sonst würde man ja vieles nicht kennen


    ist Hörgewohnheit wirklich ein Manko

    Dein erster Halbsatz chrissy beschreibt das Risiko. Zu eingefahrene Hörgewohnheiten können Entdecken und Kennenlernen verhindern, drohen musikalische Abenteuerlust zu blockieren.


    Andererseits, wenn die Einspielung des "Emperor Concerto" der Herren Haitink/Arrau Deinen Geschmack punktgenau trifft ist das doch wunderbar. Ein Weihnachtsoratoriums, mit dem sich Kindheitserinnerung verbinden, läuft ohnehin außer Konkurrenz.


    :)

  • Groß geworden bin ich in Sachen Beethoven-Sinfonien mit dem Gewandhausorchester unter Franz Konwitschny.

    ...


    Eine zweite, dritte, vierte Gesamteinspielung, gar noch mehr? Ich wüßte nicht warum und wozu.

    Hallo udohasso,


    weil es höchstinteressant ist, die verschiedenen Lesearten der Dirigenten kennen zu lernen und diese miteinander zu vergleichen. Beim Vergleichshören stellt sich dann schon bald eine Favoritenaufnahme heraus, die mit der Erstgehörten gar nichts mehr zu tun hat !


    :!: Du glaubst gar nicht, was man alles verpasst, wenn man nicht vergleicht und nur bei 1-2 GA stehen bleibt .....



    Beispiel:

    Ich hatte die Sinfonie Nr.7 auch als meine Erstaufnahme mit Konwitschny (Fontana-LP). Ganz nette Aufnahme ... aber bereits wenige Jahre später hat mich Karajan (DG, 1977) mit seiner Aufnahme beim letzten Satz vom Stuhl gehauen. Danach folgten unzählige Weitere ... und wenn Du Dir das Rockkonzert der Siebten mit Paavo Järvi / Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (SONY, DVD, 2010) anhörst, dann bleibt Konwitschny ziemlich altbacken zurück ...

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Ich kenne nun im Laufe der Jahre natürlich sehr viele andere Aufnahmen, habe inzwischen aber außer der genannten Konwitschny GA zusätzlich nur noch eine Karajan GA. Und da muß ich sagen - beide reichen mir für den Hausgebrauch.

    CHRISSY

    Lieber chrissy, mit Konwitschny habe ich in meiner frühen Jugend auch angefangen. Und mir die GA dann viel später

    auf CD zugelegt. Ich wollte das Cover hier einstellen, aber diese Aufnahme scheint leider total vergriffen zu sein.

    Nun gut, man muss sie nicht haben. Konwitschny verkörpert die alte deutsche Kapellmeister-Tradition, das ist per se nichts schlechtes, aber auch nicht das Nonplusultra. Es gibt Nischenkomponisten oder -werke, da reicht mir eine Aufnahme. Aber die großen B usw, da mag ich schon gerne die Vergleiche. Das fängt beim Tempo an, den Phrasierungen, der Dynamik, der Arbeit mit dem Kontrapunkt, dem Rubato usw. Karajan und Konwitschny finde ich zb ziemlich ähnlich. Abbado macht es insgesamt schlanker, Chailly ist extremer in Tempo und Dynamik. Saraste habe ich für unter 10 € erstanden, da kann man nichts falsch machen und hat wieder eine Alternative.

    Wenn ich eine Beethoven- Sinfonie hören will, fange ich immer erst an zu überlegen, na welche Aufnahme soll es sein. Ich liebe die Auswahl, aber jeder muss es natürlich selber entscheiden, ob er das auch so möchte.

    :hello:

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • teleton die großartigen Interpretationen von Paavo Järvi mit der Deutschen Kammerphilharmonie kenne ich. Fasziniert hat mich die Dokumentation zur Entstehung dieses Zyklus. Liebend gerne wäre ich bei einem der Konzert dabei gewesen. Mir das Ganze als Konserve in den Schrank stellen, nein, ich wüsste nicht wozu.


    Ähnlich fasziniert hat mich vor Jahren die Sicht von John Eliot Gardiner auf Beethovens Sinfonien, in seiner Einspielung mit dem Orchestre Révolutionaire et Romantique. Ich freue mich, wenn sie mir gelegentlich im Radio begegnen. Besitzen muss ich sie nicht.


    Bezogen auf Konwitschny verwendete ich den Begriff "ordentliches Kapellmeisterhandwerk". Keine kritische Abwertung, wie ich sie in Deinem "altbacken" vermute teleton. Das reiche Konzert- und Opernleben existierte schon immer nur dank dieser Kapellmeister und tut das bis heute.


    Die Tonträger und deren exzessiver Konsum gieren nach neuen Lesarten, der akustischen Sensation. Wenn nötig zulasten der Komposition, sie ist Mittel zum gewerblichen Zweck. Auf Verbraucherseite wird "reingehört" und "durchgezappt" auf der Suche nach dem frischen Kick. In diesem medialen Zirkus erscheint ein Franz Konwitschny wie der traurige Clown aus grauer Vorzeit, das gebe ich gerne zu.

  • Lieber chrissy, mit Konwitschny habe ich in meiner frühen Jugend auch angefangen. Und mir die GA dann viel später

    auf CD zugelegt. Ich wollte das Cover hier einstellen, aber diese Aufnahme scheint leider total vergriffen zu sein.

    ETERNA 825411-418 KONWITSCHNY BEETHOVEN Symphonies 1-9 | #127453537


    Hallo, lieber timmiju

    So sahen die Cover der Beethoven Sinfonien der damaligen Konwitschny GA aus, LP`s, die ich seit Jahrzehnten habe.

    Was Du zu den Unterschieden beim "Vergleichen" meinst, ist selbstverständlich richtig. Die Vielfalt von verschiedenen Aufnahmen mit

    Orchestern, Dirigenten und Solisten die es jetzt gibt, macht das nun schon lange möglich, was früher nicht ging - da war die Auswahl ja sehr gering.

    Man kann ja heutzutage so vieles aus dem Netz ansehen und auch speichern, oder auch manches vom TV konservieren.

    Und natürlich kenne ich inzwischen viele interessante Aufnahmen und konnte sie vergleichen. Ich wollte nur ausdrücken - als festen Bestandteil

    zu Hause, habe ich nur 2 GA, die mir auch aus Platzgründen reichen - mein Plattenregal ist schon lange mehr als voll.

    Unabhängig von der Vielfalt des Vergleichens - die Konwitschny Interpretationen mag ich immer noch und schätze sie.

    Waren sie doch neben Masur, für gut 20 Jahre, die einzigen Aufnahmen, die man hauptsächlich zur Verfügung hatte.


    Herzliche Grüße

    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • In dieser Ausgabe ist Konwitschny problemlos, günstig und vernünftig restauriert lieferbar


    Sport lässt Menschen besser aussehen - Wein aber auch.

  • Bevor ich eine Lanze für den großartigen Dirigenten Franz Konwitschny breche (der alles andere als bloß ein gewöhnlicher "Kapellmeister" war, obwohl traditionell die Gewandhauskapellmeister diesen Titel nicht ohne Stolz tragen), möchte ich hier ein paar Bilder diverser Ausgaben seiner (damals) bahnbrechenden GA der Neun Sinfonien von Beethoven bringen:

    BEETHOVEN Die neun Sinfonien KONWITSCHNY / DDR 8 LP Mono BOX 1966 ...

    Wenn ich richtig vermute, ist dies die (oder eine der) ETERNA-Ausgaben von VEB Deutsche Schallplatten Berlin, wie sie in der DDR zum Kauf angeboten wurden.

    In Westdeutschland erschienen sie erstmals als Lizenzausgabe auf dem Philips-Label FONTANA, in dieser LP-Kassette:

    KONWITSCHNY / BEETHOVEN: Sämtliche Sinfonien - 6 LP-Box - EUR 9,43 ...

    Nach Einführung der CD gab es sie u.a. in diesen Ausgaben:

    Sinfonien (1-9) (Ga), Overtüren - Konwitschny, Gol, Adam ...

    Das war nach meiner Erinnerung die erste CD-Veröffentlichung. Später erschienen Beethovens Neune u.a. noch in diesen Auflagen:

    Sinfonien 1-9/Ouvertren - F. Konwitschny, Gol, Ludwig Van ...

    und neuerdings so:

    Es gab (und gibt) sie, zumindest gebraucht, auch in Einzelausgaben als Mittelpreis-CDs, die so aussehen:

    oder gar in der billigen "CCC"-Reihe von Berlin Classics:

    In dieser Serie gab es sie allerdings nur selektiv, m.W. die Nrn. 2, 6 & 9.

    Ich besaß den Konwitschny-Zyklus bereits auf Einzel-LPs und habe sie später wieder in der Mittelpreis-Reihe einzeln auf CD angeschafft. Für mich sind das auch heute noch essentielle Aufnahmen, auf die ich nicht verzichten möchte. Meine erste aus der Reihe auf LP war die Nr. 7, die ich für eine der stärksten Aussagen des Dirigenten halte. Was heißt überhaupt "Kapellmeister"? Das klingt irgendwie abwertend, wenn nicht gar geringschätzig (so wie man in früheren Zeiten die Volksschullehrer etwas verächtlich "Schulmeister" nannte), und das hat ein Künstler vom Format Franz Konwitschnys wahrlich nicht verdient. Sicher gibt es "modernere" Interpretationen, doch das trifft auch auf andere Dirigenten aus dieser Zeit zu, die (zumindest bei uns) einen größeren Namen hatten: Klemperer, Walter, Jochum, Böhm.

    Was mir so imponiert hat bei Konwitschny, war sein sorgfältiger Umgang mit den Wiederholungen, er brachte sie fast alle, und das war bei den damaligen technischen Möglichkeiten (1959/61) eine bedeutende Sache.

    Ich habe mir soeben die Arbeit gemacht und eine alte Rezension der Nr. 7 ausgegraben, die ich hier auszugsweise wiedergeben möchte: " …. möchte ich in allererster Linie diejenige von Konwitschny mit dem Leipziger Gewandhausorchester (Fontana) hervorheben. Diese Darstellung …. erscheint mir als die bedeutendste, die das deutsche Repertoire anbietet. Schon die Tatsache, daß mit peinlicher Gewissenhaftigkeit jede Wiederholung ausgeführt wird, verleiht den einzelnen Sätzen das nötige Eigengewicht und der Gesamtgestalt die richtigen Proportionen. Wichtig ist das vor allem für den ersten und vierten Satz, denen im Verein mit ideal bestimmten und unbeirrbar durchgehaltenen Tempi titanische Kraft und manchmal ungeheure, kaum zu ertragenden Spannungen verliehen werden. Denn die Siebente hat einen kosmischen Charakter (…) Bei aller Unerbittlichkeit besitzt Konwitschnys Interpretation eine Wärme und Menschlichkeit, die auch bei den oftmaligen, geradezu titanischen Ausbrüchen nie den Eindruck von Brutalität aufkommen läßt. Als Dirigentenleistung scheint mir diese Aufnahme unter sämtlichen Interpretationen Beethovenscher Sinfonien mit an allererster Stelle zu stehen. Das berühmte Leipziger Orchester folgt seinem Dirigenten mit Begeisterung und nie versagender Kompetenz."

    Natürlich ist diese Beschreibung alt, sie wurde 1961 verfaßt, da war Karajans berühmte erste Berliner DGG-Gesamtaufnahme noch nicht auf dem Markt, von den ungezählten neueren erst gar nicht zu reden. Doch meine Vorliebe zu dem alten Konwitschny-Zyklus ist bis heute ungebrochen, was keine Abwertung für neuere Ausgaben, von Solti, Bernstein, Szell bis zu Günter Wand, bedeuten soll. Sie alle haben ihre Vorzüge, und es gibt m.E. keinen Dirigenten, der sämtlichen neun Beethoven-Sinfonien in gleicher Weise gerecht zu werden vermag. Das hängt von vielen Faktoren ab, vom persönlichen Zugang bis zur Tagesform bei der Aufnahme. Doch wenn ich nach einer "schwachen" Konwitschny-Aufnahme aus der GA gefragt würde, so würde ich vielleicht die Achte, die Vierte und in Teilen die Neunte nennen, letztere aber vor allem wegen des nicht optimal gelungenen Finales, was aber weniger am Dirigenten, als an den übrigen Mitwirkenden liegt.

    Aber, lieber "udohasso", Franz Konwitschny ist mir wirklich noch nie

    wie der traurige Clown aus grauer Vorzeit

    vorgekommen. Eine solche Bezeichnung hat dieser große Dirigent, der durch die Zeitläufte - zumindest im Westen - nicht so bekannt und berühmt geworden ist, wie er es verdient hätte, wahrlich nicht verdient.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).