Christian Thielemann - Hoffnungsträger der Tonträgerbranche?

  • Dieser Link müsste funktionieren:


    "http://www.welt.de/wams_print/article1305345/Ein_Dirigent_irritiert_Deutschland.html" (es fehlt bei Giselher offenbar nur das "l" hinter dem "htm")



    Der Artikel ist für mich ein trauriges Beispiel jenes in letzter Zeit überhandnehmenden Kulturjournalismus, bei dem die eigentlichen Themen zu Instrumenten im Konkurrenzkampf der Feuilletons degeneriert werden. Hier wird wirklich jedes nur denkbare Klischee ausgegraben, die diversen Anekdoten kenne ich auch schon aus mehreren Dutzend anderer Thielemann-Artikel.


    Dabei könnte ich mir interessante Ausführungen über Thielemann vorstellen, die sich nicht mit dem Alten-Fritz-Porträt und der ach so legendären Bayreuther Tristan-Probe begnügen. Er hat m.E. in bestimmten Repertoirebereichen ja durchaus seine Meriten. Wenn aber schon jede Kritik an Thielemanns Beethoven-Aufnahmen auf (kultur-)politische Reflexe zurückgeführt wird, erübrigt sich eine Debatte.


    Der Welt-Artikel erinnert jedenfalls fatal an Hagiographie und blendet auch aus, dass über Thielemanns Dirigate in vielen Zeitungen immer wieder ausgesprochen positive Rezensionen zu lesen waren.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Hallo, zusammen,


    für Münchner und Umgebende ist das Thema Thielemann ja fast ein Muss und ich fühle mich nach Durchsicht des gesamten Threads immerhin mal in Konkretisierungen darüber informiert, was es eigentlich auf sich hat mit der unterstellten Nähe zu Rechts.


    Als ehemaliges PhilChor - Mitglied verfolge ich die Geschehnisse des Hauses ja immer noch ein wenig mit. Ich habe nicht viel von Thielemann bisher gehört (Ausschnitte von Wagnerinterpretationen), aber das Wenige gefiel mir gut, denn ich glaube, damit fühlt er sich "zuhause". Das tun andere allerdings auch, z. B. Barenboim.


    Ergo: Eine engagierte Wagnerinterpretation an sich lässt keinerlei Rückschlüsse auf politische Gesinnungen (wurde auch woanders schon diskutiert) zu und die "reine" Kunst könnte man an sich durchaus stehen lassen.


    Jedoch: Der Mann hatte für mich, seit ich ihn das erste Mal auch optisch wahrgenommen habe, von Anfang an etwas Irritierendes, Doppeldeutig - Unfassbares. Das Frisuren - Outfit auf den CD - Covers, die hier gezeigt waren, entspricht - pardon, das soll jetzt nicht bedeuten, dass er damit was zu tun hat - dem der Jungs aus der rechten Szene. Ausserdem hat er einige Ergüsse über deutsche Musik, Pfitzner etc so von sich gegeben, die, sagen wir mal, etwas sonderbar schon waren.


    All das sind irgendwie Signale, die Rückschlüsse auf "ziemlich Rechts" durchaus zulassen. Nazi sollte man wirklich nicht sagen, das ist durchgängig in Deutschland eine Beleidigung. Es gibt da auch durchaus Nuancen (seine zieht sich wohl eher auf eine Art deutschnationale Richtung zurück, passt ja zum Preußenkaiser - Kommissköppe :hahahaha: - Wandschmuck)


    Eigentlich ist es ja nicht unbedingt Hauptaufgabe von prominenten Dirigenten, politische Akzente in den Vordergrund zu stellen (dass Abbado links engagiert war, höre ich hier z. B. das erste Mal), aber Herr Thielemann tut es eben mal und somit muss er mit öffentlichkeitswirksamen Konsequenzen rechnen.


    Die Äußerung zur Lindenoper und in Zusammenhang mit Barenboim - den man ja noch dazu als kulturellen Brückenbauer auf sehr heiklem Feld kennt - kannte ich bisher nicht und sie sagt leider in meinen Augen nichts Gutes über den Sprecher aus.


    Es kann mich weder stören, dass er sich auf bestimmte Stile in der musikalischen Arbeit konzentriert oder meinetwegen auch Pflitzner an sich interpretiert, aber hier ist einer doch ganz und gar gewillt, sich mit zweifelhaften, politischen Ideologien bewust zu exponieren unter Nutzung des prominenten Berufsstatus (die These Alfreds über die Förderlichkeit für die Karriere unterstütze ich voll).


    Es kann doch nicht verwunderlich sein, dass dies auf schärfste Kritik stößt :boese2:



    LG


    Ulrica

  • Nach längerer Überlegung möche ich doch
    einen Beitrag scheiben.
    Ich hab gerade den Artikel in der "WELT"
    gelesen und bin ehrlich erschrocken.
    Da gibt es einen Dirigenten der begabt ist
    und nun wird der Versuch unternommen ihn
    in eine rechte Ecke zu drängen.
    Sicherlich hat Herr Thielemann
    mit mancher Programmauswahl und Äußerungen
    dazu auch beigetragen...
    Dies bestreite ich gar nicht. ABER...................
    Ich bin in der glücklichen Lage hier in München
    ihn in seinen Konzerten hören zu können.
    Was er als Dirigent kann ist außerordentlich zu nennen
    und mir ist es ein Anliegen hier mal den Dirigenten
    und Musiker Thielemann als solchen zu preisen und
    zu würdigen.
    Ich habe ihm hier "STERNSTUNDEN" Konzerte zu
    verdanken.
    Das ist das was (für mich) in erster Linie zählt.

    :pfeif::pfeif::pfeif:

    mucaxel

  • Hallo.


    Meine Begeisterung für Thielemann hat sich in der jüngeren Vergangenheit doch etwas abgekühlt.
    Und es ist eine eigentümliche Gemengelage, die da zum Tragen kommt.


    Es ist natürlich das Musikalische. Da irritiert es mich zunehmend, dass jemand sein Repertoire in doch recht jungen Jahren so unnachgiebig beschränkt. Gibt es denn nichts anderes als Bruckner, Strauss und Wagner? Denke ich daran, dass er vor gar nicht zu langer Zeit (von einem Journalisten gewollt) als ein möglicher Rattle-Nachfolger ins Spiel gebracht wurde, und blicke ich dann auf die Programme des letzteren, und überlege ich mir, was ich auf diesem Wege an für mich neuer und interessanter Musik kennengelernt habe, so wäre Thielemann zwingend ein Rückschritt, eine Einschränkung, ein Verzicht.


    Nach wie vor höre ich vieles von Thielemann Eingespielte gern; ich bin mir aber im klaren, dass es eben nur eine, und dazu durchaus extreme Sicht auf ein Werk ist. Insofern finde ich einiges von Thielemann auch spannend, inwieweit es aber für mich eine Art Referenz-Rang erhält, bleibt offen. Am weitestgehenden neige ich derzeit seinem Wagner zu; dort aber sind für mein Empfinden die Stimmen nicht immer überzeugend besetzt (Parsifal = Domingo, zum Beispiel). Ich werde auch nicht die Alpensymphonie im Konzert vergessen, das er mit den Berlinern gab - das war schon ein erstaunliches Klang-Erlebnis, das dabei keineswegs kühl geraten wäre. Aber wird nicht in manches (siehe Heldenleben), das eigentlich keine Bedeutung hat, dunkles Dräuen oder ahnendes Wabern hineingebremst? Gibt es im musikalischen Kosmos nicht so viel mehr, das zu entdecken wäre, als das immergleiche romantische Repertoire?


    Und dann kommt die außermusikalische Seite zum Tragen. Wenn man gutwillig ist, dann hat man mit Thielemann einen von den heutigen Zeitläuften gänzlich unbeeindruckten oder eher noch im stilisierten Gegensatz zu ihnen stehenden Mann vor sich. Wenn ich dann den - meines Erachtens schwer erträglichen - "WELT"-Beitrag lese, dann verwandelt sich Thielemann in eine Art Speerspitze des modernen Konservativismus. Da tritt dann weniger das unter Umständen sogar lustvolle Aufbegehren gegen die politische Korrektheit in den Vordergrund als ein störend rückwärts gerichtetes Preußentum, das sich bewusst gegen das Heute formiert. Die Schilderung, wie Thielemann durch Masuren streift und doziert - nun, das ist schon grenzwertig.


    Insgesamt ist es knifflig. Zumal die Person - siehe Programmauswahl - nicht wirklich vom Dirigenten zu trennen ist. Ich bin durchaus gespannt, wie es mit Thielemann weitergeht, was er als nächstes macht. Ich wünschte, es wäre etwas vollkommen Unerwartetes.


    Gruß, Ekkehard.

  • Zitat

    aber Herr Thielemann tut es eben mal und somit muss er mit öffentlichkeitswirksamen Konsequenzen rechnen.


    Ja- und damit rechnet er sicher auch.
    Als ich ihn vor einigen Jahrendas erste Mal auf einer Schallplattenhülle sah, war er mir völlig unbekannt. Aber dann kamen die Kritiker, die sein Repertoire als "unsympathisch" abtaten und gegen ihn hetzten.


    Just da begann ich mich für ihn zu interessieren.


    Es ist dabei zu sagen, daß nicht die Dirigenten das Programm einer Aufnahme bestimmen, sondern die Plattenfirmen.
    Im Falle Thielmanns ist das die Deutsche Grammophon - in Händen von Universal. Und die sind, was rechtes Gedankengut anbelangt über jeden Zweifel erhaben.....


    mfg aus Wien
    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Gerade gibt es bei den Philharmonikern auch wieder eine selbsverschuldete Turbulenz. Man hat seit neuestem die Kammermusik in den Saal des neuen jüdischen Gemeindezentrums verlegt, und was spielt man dort? Pfitzner. Angesichts von dessen Biographie eine ausgesprochen instinktlose Idee. Nachdem Brembeck die Sache am Freitag in der SZ aufs Korn nahm, wurde das Konzert abgesagt und soll ggf. nach einer Diskussionsveranstaltung zum Thema nachgeholt werden. Man kann und soll Pfitzner ja durchaus spielen ; aber an diesem Ort...?

  • Ich persönlich finde das schade, dass das Ganze einfach abgesagt wurde.
    Aber manche Journalisten können nicht über den Tellerrand hinausblicken und unter dem (nur) künstlerischen Aspekt betrachten.
    Darüber hinaus könnte man das ja auch als einen musikalischen Brückenschlag verstehen.
    Was das allerdings mit Christian Thielemann als GMD zu tun hat weiß ich nicht.
    Ist er als solcher verantwortlich für die Kammermusik?
    Bestimmt er die Lokalitäten?
    Meine Fragen sind ernst gemeint.


  • Der Punkt ist halt der, daß so etwas ausgesprochen instinktlos wirkt. Man kann Pfitzner problemlos in der Philharmonie oder im alten Rathaus spielen, ohne daß wohl jemand größere Schwierigkeiten damit hätte. Aber die Werke eines prominenten (wenn auch inkonsequenten) Antisemiten im jüdischen Gemeindezentrum aufzuführen, zeugt von einer ziemlichen Unüberlegtheit (um es milde auszudrücken - die Leitung der Philharmoniker war vorgewarnt und setzte das Stück nach einer zeitweiligen Absage wieder aufs Programm).
    In diesem Thread brachte ich den Punkt unter, da es sich um die Münchner Philharmoniker handelt und ich keinen alten aus der Versenkung holen wollte. Als künstlerischer Leiter hat Thielemann durchaus einen gewissen Einfluß auf das Gesamtprogramm, während die Wahl des Konzertorts wohl primär Sache der Intendanz ist.

  • Hallo zusammen,


    Thielemann ist ein ausgesprochen guter Handwerker. Alles andere muss er noch unter Beweis stellen - seine Carmina Burana Aufnahme ist jedenfalls imo gruselig.
    Ich schätze ihn aber für seine Arbeit mit den deutschen Romantikern. Besonders hervorheben möchte ich diese CD:



    Hier gelingt ihm wirklich eine Superleistung :jubel:. Auch der Aspekt, dass eher selten gespieltes Material hier den Weg auf den Tonträger fand, gilt für mich als bemerkenswert. Hier reift jemand definitiv zu einem der großen heran. Ich sehe noch einiges Potenzial.
    Hoffentlich bleibt er sich treu und erweitert den Horizont der Hörerschaft wie auf o.g. CD.


    LG


    Tobias


    :hello:

  • Dies ist eine der wenigen Thielemann CD's welche ich nicht besitze.
    Darf ich fragen ob du beispielsweise die Einspielung der V. Bruckner / Münchner Philharmoniker besitzt?
    Wenn ja: wie findest du diese rein klanglich im Vergleich zu der von dir
    vorgeschlagenen CD?

  • Zu den politischen Auffassungen Christian Thielemanns will ich mich nicht äußern, das wurde hier schon ausreichend kontrovers diskutiert.


    Für mich zählt das künstlerische Ereignis. Von diesem Standpunkt halte ich Christian Thielemann für einen der herausragendsten Dirigenten unserer Zeit.


    Vor wenigen Tagen konnte ich ihn in München mit "Don Juan", "Tod und Verklärung" und "Also sprach Zarathustra" sowie dem "Meistersinger"-Vorspiel hören. Joachim Kaiser hat in der SZ das Konzert begeistert rezensiert und meines Erachtens zum "Meistersinger"-Vorspiel zu Recht formuliert: "Das dirigiert ihm gegenwärtig keiner nach".


    Zu meinen unvergessenen Opernaufführungen gehören sein "Walküre"-Dirigat in diesem Jahr in Bayreuth und drei Opernaufführungen, die ich in Berlin hören durfte ("Parsifal", "Lohengrin" und vor allem "Palestrina").


    Die Tatsache, dass das Pfitzner-Konzert in den Räumen der jüdischen Gemeinde in München abgesagt wurde, finde ich schade. Eine Ergänzung des Konzerts um eine Diskussion wäre die bessere Lösung gewesen.


    Völlig unerträglich finde ich allerdings die Stellungnahme des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, zur Aufführung der Pfitzner-Kantate "Von deutscher Seele" in Berlin, dirigiert von Ingo Metzmacher.
    Er behauptet, das Konzert sei der "dreiste und gemeingefährliche Versuch durch Provokation einen unbelehrbaren Antisemiten wieder salonfähig zu machen."


    Ich möchte nicht, dass Konzertprogramme in Deutschland erst dem Zentralrat der Juden zur Genehmigung bzw. Zensur vorgelegt werden müssen. Dann könnte es nämlich sein, dass es sehr schnell vorbei ist mit Wagneraufführungen an deutschen Bühnen.

  • Zitat

    Original von Merlin


    Die Tatsache, dass das Pfitzner-Konzert in den Räumen der jüdischen Gemeinde in München abgesagt wurde, finde ich schade. Eine Ergänzung des Konzerts um eine Diskussion wäre die bessere Lösung gewesen.
    .


    das wird es geben ; die Stadt kündigt eine Diskussion zum Thema an, nach der das Konzert ggf. nachgeholt werden soll.

  • Zitat

    Original von Armin Diedrich
    (...) Man kann und soll Pfitzner ja durchaus spielen ; aber an diesem Ort...?


    Die Frage ist berechtigt, und am Ende liegt die Entscheidung beim Hausherrn, was er in seinen Räumen stattfinden lässt. Ich gebe im Zusammenhang mit Pfitzners Kammermusik aber zu bedenken, dass das eben nicht nur die Kammermusik eines antisemitischen Komponisten ist, sondern zugleich auch Kammermusik, die von jüdischen Künstlern uraufgeführt und von jüdischen Konzertbesuchern gehört wurde. Als Beispiel ließe sich die Uraufführung des Klavierquintetts C-Dur op. 23 durch das Rosé-Quartett (zusammen mit Pfitzner am Klavier) nennen.


    So, und jetzt setze ich dieses Klavierquintett ins Programm (es ist nicht auf dem Münchner Programm) und nenne das Programm: Vom Rosé-Quartett uraufgeführte Kammermusik. Jeder fände das eine gute Programmidee, auch und gerade für das jüdische Kulturzentrum. Dabei hat sich an der Musik nichts geändert. Wird das Dilemma klar?


    Und noch etwas: Während zum Beispiel Arno Breker, nach allem, was man weiß, kein Antisemit war, aber Skulpturen in einer Nazi-Ästhetik geschaffen hat und im Nationalsozialismus Karriere gemacht hat, war Pfitzner ohne Zweifel ein Antisemit, hat aber nicht in einem Nazi-Stil komponiert (die jedenfalls mochten lieber die Fünfte oder die Neunte von Beethoven als Pfitzner hören) und unter den Nazis auch keine Karriere gemacht (wurde 1934 gegen seinen Willen pensioniert).


    Was die Stellungnahme des Zentralrats zu Metzmachers Konzert angeht: Mit Metzmacher schlägt man wirklich auf den Falschen ein, und dann gleich mit so einem großen Knüppel. Das ärgert mich.


    Konzert plus Diskussion - eine gute Lösung!


    Freundliche Grüße,


    Heinz

  • Hallo Merlin,


    Zitat

    Original von Merlin
    Völlig unerträglich finde ich allerdings die Stellungnahme des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, zur Aufführung der Pfitzner-Kantate "Von deutscher Seele" in Berlin, dirigiert von Ingo Metzmacher.
    Er behauptet, das Konzert sei der "dreiste und gemeingefährliche Versuch durch Provokation einen unbelehrbaren Antisemiten wieder salonfähig zu machen."


    Ich möchte nicht, dass Konzertprogramme in Deutschland erst dem Zentralrat der Juden zur Genehmigung bzw. Zensur vorgelegt werden müssen. Dann könnte es nämlich sein, dass es sehr schnell vorbei ist mit Wagneraufführungen an deutschen Bühnen.


    Deine Befürchtung teile ich nicht.
    Mein Eindruck von der Entscheidung "Von deutscher Seele" am Tag der deutschen Einheit zu spielen ist aber schon der einer gewissen Provokation wie überhaupt die dazugehörende Konzertreihe, mit der Metzmacher das deutsche Wesen zu ergründen sucht. Ich glaube aber nicht, dass Metzmacher Pfitzner bezüglich seines Antisemitismus rehabilitieren will. Vielmehr geht es ihm darum sich auf die Suche nach einer neuen, vielleicht auch "brüchigen", "geläuterten", nationalen Identität zu machen.
    Dabei ist die Frage nach der deutschen Identität doch so leicht zu beantworten: deutsch ist, wer frühestens ab 16 einen Perso hat.


    Viele Grüße


    :hello:

  • Hallo Kontrapunkt,



    eine Provokation kann ich mit dem Metzmacher-Konzert nicht verbinden.
    Vielmehr ein Versuch sich mit musikalischen Aspekten deutscher Identitätsfindung zu befassen. Und warum sollte man das nicht auch am Nationalfeiertag tun.
    Der Text zu diesem Werk ist auch keine Nazi-Lyrik, sondern immerhin von Joseph von Eichendorff.


    Gruß


    Merlin

  • Zitat

    Original von Kontrapunkt
    Hallo Merlin,


    lass' uns in dem von Bernd verlinkten Thread weiterdiskutieren.


    :hello:


    gut, da dies hier zu weit vom Thema Thielemann wegführt

  • Zitat

    Original von Kontrapunkt
    Dabei ist die Frage nach der deutschen Identität doch so leicht zu beantworten: deutsch ist, wer frühestens ab 16 einen Perso hat.


    Viel falscher kann eine Antwort nicht sein: Die deutsche Identität wird durch ein Stück Papier nicht begründet.


    Wenn Du die deutsche Staatsangehörigkeit gemeint haben solltest, liegst Du ebenso restlos daneben. Das Bundesverwaltungsgericht hat bereits 1994 entschieden, daß der Besitz eines deutschen Personalausweises oder Reisepasses keine Beweis dafür ist, daß sein Inhaber die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt.


    In Wirklichkeit geht es bei der ganzen Diskussion, heinz.gelkings Beispiel zeigt es mit exemplarischer Deutlichkeit, weder um Pfitzner noch um Thielemann, und schon gar nicht um eine deutsche Identität. Es geht allein darum, wer die Diskurshoheit besitzt, wer also bestimmen darf, wer in der Bundesrepublik moralisch - politisch - gesellschaftlich aktzeptabel ist und wer nicht, über wen oder was man sich unterhalten darf, wer überhaupt an der Diskussion teilnehmen darf und wer nicht.


    In diesen Zusammenhang ist die Äußerung von Herrn Graumann zu sehen, ebenso die ewigen Betroffenheitsbekundungen seiner Vorstandskollegin Frau Knobloch zu allen möglichen und unmöglichen Anlässen.


    Im Falle der jüdischen Gemeinde in München bestimmt der Hausherr, was gespielt werden darf und was nicht, und zwar ohne Rücksicht darauf, ob die Entscheidung klug ist oder nicht. Das hat man als Dritter zu respektieren.
    Obwohl ich der festen Überzeugung bin, daß niemand im Vorstand der Gemeinde über diese Dinge ernsthaft nachgedacht hat. In der Regel sind das nur pawlowsche Reflexe.

  • Zitat

    Original von Robert Stuhr
    Es geht allein darum, wer die Diskurshoheit besitzt, wer also bestimmen darf, wer in der Bundesrepublik moralisch - politisch - gesellschaftlich aktzeptabel ist und wer nicht, über wen oder was man sich unterhalten darf, wer überhaupt an der Diskussion teilnehmen darf und wer nicht.


    Hallo Robert,
    ehrlich gesagt finde ich diese nimmer endende Diskussion darüber, dass etwaige linke Kreise die Diskurshoheit für sich behaupten wollen, nicht zutreffend. Das Lamento darüber hat für mich eher etwas pawlowsches. Natürlich meint jede Richtung, im Besitz der besseren politischen, gesellschaftlichen oder moralischen Argumente zu sein. Niemand wird jedoch daran gehindert, diese auch zu äußern. Mich erinnern die Klagen an das Geschwätz Eva Hermanns, die es partout nicht schaffte, in ihr ungeordnetes Gestammel auch nur die Spur von Struktur zu bekommen. Oder an die gerade in Mode gekommene Abrechnung mit den 68ern, die Bild-Diekmann momentan auf unerreicht hoher Tiefe zelebriert.


    Eine repressive Vorherrschaft kann ich nicht erkennen, gerade das Beispiel Thielemann zeigt dieses doch. Die einen feiern ihn aus rein musikalischen Gründen, die anderen durchaus auch aufgrund seiner nationalkonservativen Koketterie, andere mögen das eine und/oder das andere partout nicht. Und? Ist der Mann mundtot? Er besetzt edle Posten, hat einen saftigen Plattenvertrag und ist gut im Geschäft.


    Zu den Äußerungen Graumanns: Bereits im Pfitzner-Thread merkte ich an, dass mich nicht die Tatsache stört, dass er Einspruch erhob, sondern eher die platitüdenhaften Floskeln, die er benutzte. Da ich - Gott sei's gedankt - nicht im mindesten nachempfinden kann, welche Gefühle Holocaust-Überlebende oder deren Nachfahren umtreiben, muss ich die Betroffenheit einfach hinnehmen. Es ist doch nichts ideologisches dabei, wenn man seinem Handeln erst einmal Mitgefühl als treibenden Motor zugrunde legt.


    Das vermisse ich bei den Thielemann-Aktionen grundsätzlich. Während ich - wenn auch beklommenen - Respekt vor der Pfitzner-Aufführung Metzmachers habe, ekelt mich die Kaltschnäuzigkeit Thielemanns etwa im Fall der Nürnberger Aufführung an.


    LG
    B.

  • Auch ich habe mit Thielemann Stersnstunden in der Oper und in der Phielharmonie
    erlebt.


    Seine Dirigate im Wagner und Straußfach waren unheimlich berührend.


    Leider hat er unsere Stadt verlassen, er ist auch privat ein sehr umgänglicher Künstler.
    Ich habe mich mit ihm angenehm unterhalten.



    Rita

  • Liebe rita,
    Thielemann ist solch ein umgänglicher Künstler, daß er einen Freund von mir, der Korrepetitor unter ihm in Berlin war, in dem Augenblick gefeuert hat, als dieser ihn-Thielemann-auf einen Fehler hinwieß.
    Mit den Worten: Dort ist ihr Mantel, dort ist die Türe.


    Feiner Kerl.


    An der Nürnberger Oper hat oder vielleicht hatte- man weiß ja nie- Thielemann Hausverbot.


    Mag sein, daß Thielemann privat umgänglich ist.
    Aber in Theaterkreisen hört man nichts nettes über ihn.


    LG,
    Michael

  • Zitat

    Original von Michael Schlechtriem


    An der Nürnberger Oper hat oder vielleicht hatte- man weiß ja nie- Thielemann Hausverbot.


    Michael


    Das ist meines Wissens immer noch der Fall - es ist ja schon aufällig, daß er bislang von den meisten seiner Wirkungsstätten im Krach schied. In Nürnberg leistete er sich ja auch eine seiner klassischen Instinktlosigkeiten mit dem berüchtigten "Silvesterkonzert". Preußische Militärmärsche - na gut, was anderes als immer die "Blaue Donau" darf schon mal sein. Aber als krönenden Abschluß und ausgerechnet in Nürnberg den "Badenweiler Marsch" zu bringen, dazu gehört schon entweder eine gravierende Unkenntnis oder unverschämte Chuzpe...

  • Hallo Forianer,


    Thielemann ist nett zu denen, die Nettigkeiten über ihn ausschütten und weniger nett zu denen, die ihn und seine Arbeit kritisieren; also ingesamt charakterlich sehr fragwürdig.


    Seine Interpretationen lassen hier und da aufhorchen, doch bei genauerem Hineinhören und Vergleichen mit anderen Einspielungen gehören sie dann doch nicht in die erste Liga.


    Kurzum: Thielemann überzeugt live im Konzertssal und im Opernhaus im Wagner- und Strauss- Bereich; wie man das halt von soliden Kapellmeistern gewohnt ist. Sobald man jedoch seine Mitschnitte und Studioaufnahmen genauer unter die Lupe nimmt, bleibt Weniges, was sich anzuschaffen lohnt.



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Zitat

    Original von Armin Diedrich


    Das ist meines Wissens immer noch der Fall - es ist ja schon aufällig, daß er bislang von den meisten seiner Wirkungsstätten im Krach schied. In Nürnberg leistete er sich ja auch eine seiner klassischen Instinktlosigkeiten mit dem berüchtigten "Silvesterkonzert". Preußische Militärmärsche - na gut, was anderes als immer die "Blaue Donau" darf schon mal sein. Aber als krönenden Abschluß und ausgerechnet in Nürnberg den "Badenweiler Marsch" zu bringen, dazu gehört schon entweder eine gravierende Unkenntnis oder unverschämte Chuzpe...


    Ja, das er ist schlimmer als unklug oder dreist oder beides.


    Mich würde ja mal interessieren, wie Thielemann (dessen "Fünfte" von Bruckner aus München und dessen "Alpensinfonie" aus Wien ich sehr schätze) sich gegenüber den jeweiligen Orchestern durchsetzt. Ich meine, da sitzen doch intelligente Menschen hinter den Notenpulten, die sich vielleicht auch eine eigene Meinung leisten... Und wenn genügend Leute im Orchester sich einig sind, müsste man sowas wie den "Badenweiler" in Nürnberg schon aus dem Orchester heraus stören können. Ich kann mir - zumindest für Orchestermitglieder mit längerer Dienstzeit - nicht vorstellen, dass das arbeitsrechtliche Konsequenzen hat.


    Wie seht Ihr das?


    Freundliche Grüße,


    Heinz


    Editiert von mir: Sicherheitshalber habe ich einen vielleicht unter Beleidigungen einzusortierenden Begriff durch "schlimmer als unklug" ersetzt.

  • Hat er wirklich den Badenweiler Marsch spielen lassen? Wann und zu welchem Anlass?


    @ Heinz.Gelking:
    Wenn ja: Als dumm würde ich Thielemann nicht bezeichnen dürfen - bleibt in diesem Fall also zweiteres.


    Wird ja immer unheimlicher mit dem Herrn...


    Gruß
    B.

  • Zitat

    Original von Barbirolli
    Hat er wirklich den Badenweiler Marsch spielen lassen? Wann und zu welchem Anlass?


    Gruß
    B.


    Hat er in der Tat gemacht, als krönenden Abschluß eines Silvesterkonzerts in Nürnberg.

  • Lieber Heinz,
    einige Antworten zu Deinen Fragen:

    Zitat

    sich gegenüber den jeweiligen Orchestern durchsetzt


    Ein Orchester hat letztendlich zu gehorchen.
    So läuft das Spiel.


    Zitat

    Ich meine, da sitzen doch intelligente Menschen hinter den Notenpulten, die sich vielleicht auch eine eigene Meinung leisten


    Ja, aber hinter den Notenpulten.
    Die Hierarchie in einem Orchester ist groß, und alle wollen letzendlich ihre Ruhe.
    Außerdem gibt es immer eine genügend große Fraktion von Speichelleckern, welche denjenigen, die eine "eigene" Meinung haben, das Leben schwer machen können.


    Zitat

    ch kann mir - zumindest für Orchestermitglieder mit längerer Dienstzeit - nicht vorstellen, dass das arbeitsrechtliche Konsequenzen hat.


    Einer Arbeitsverweigerung, und sollte sie noch so begründet sein, will sich niemand wirklich aussetzen.
    Das wäre ein ziemlich sicherer Kündigungsgrund.


    Wenn der verantwortliche Dirigent entlassen wird, nun ja, das ist mir dann- egal. :D
    Dirigenten kommen und gehen (hoffentlich) .
    Aber eine Arbeitsverweigerung bleibt eine Arbeitsverweigerung, und mit so etwas ist nicht zu spaßen.
    Und die Speichellecker bleiben auch, begierig, sich dem nächsten Dirigenten anzudienen und ihre Vorteile daraus zu ziehen.


    Zitat

    ch kann mir - zumindest für Orchestermitglieder mit längerer Dienstzeit - nicht vorstellen, dass das arbeitsrechtliche Konsequenzen hat.


    Wenn man Glück hat nicht, aber Freunde bei seinen Kollegen, die einfach nur ihre Ruhe haben wollen, macht man sich nicht.
    Bei wirklich wichtigen Themen, wenn es um die Gesundheit eines Kollegen geht, hält das Orchester auch schon einmal zusammen.
    Manchmal.


    Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß ein Orchester immer als ein "künstlerisches" "Kollektiv" gesehen wird, daß nicht nur nach der leisesten Anweisung des Obergurus funktioniert, sondern natürlich auch bei schwierigen Fragen hochintelligent und verantwortungsvoll agiert.


    Ein Orchester ist dagegen ersteinmal eine Ansammlung von vielen einzelnen Musikern, die sich unterzuordnen haben, die aus den unterschiedlichsten Gesellschaften und auch Ländern kommen und die letzendlich nur ihre Ruhe haben wollen, auch, um vielleicht noch Kammermusik machen zu können oder sonstwas. Zum Beispiel eine Familie gründen z.B. .
    Was man halt so macht.
    Denn im Dienst selber muß man erst einmal lernen zu gehorchen.
    Auch, wenn man es besser weiß.
    Normalerweise interessiert das aber niemanden.
    So ist das.



    Zitat

    nicht vorstellen, dass das arbeitsrechtliche Konsequenzen hat.


    Ich sehe das so, daß dies arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen würde, welche dann unsere Gewerkschaft auszutragen hätte.
    Mir ist nur auch nach 15-jähriger Mitgliedschaft nicht klar, ob unsere Gewerkschaft überhaupt eine solche Macht ist.


    Der Deutsche Bühnenverein mit Herrn Bolwin auf der Arbeitgeberseite ist mächtig und kaltschnäuzig, ja sogar arrogant in seinem Auftreten.


    Ob man sich mit diesem Gegner, der übrigens für den klassisch interessierten Konzert- und Opernbesucher auf der Freundesseite antritt, anlegen will, sollte man sich gut überlegen.


    LG,
    :hello:
    Michael


  • Ja, danke für den Hinweis auf "würde ich Thielemann nicht bezeichnen dürfen". Das stimmt. Ich habe das abwertende Adjektiv durch "schlimmer als unklug" ersetzt. Das soll ja dann wohl von der Meinungsfreiheit gedeckt sein und nicht in den Bereich der Beleidigungen fallen...


    Grüße,


    Heinz